#73 Warum bewundern wir die ,,Bösen"?
Zusammenfassung
Warum bewundern wir die „Bösen“? Stellt euch die folgende Situation vor: ihr schaut euch einen schönen, klassischen Superhelden-Film an und merkt plötzlich, dass ihr die Heldenfigur gar nicht nachvollziehen könnt. Vielleicht ist sie sogar ziemlich langweilig und rettet die Welt nicht mal so wirklich. Dagegen ist der Bösewicht ziemlich interessant. Ja, er tötet einige unschuldige Menschen und tritt ziemlich aggressiv auf. Aber in seinem Kern hat er eigentlich sehr gute Ideen und sogar einen guten Willen. Eine Person, die reale Veränderung möchte, aber dann doch scheitert. Wir kommen oft dazu, extrem mit solchen Persönlichkeiten zu sympathisieren. Warum ist das so? Fasziniert uns das Böse? Oder haben diese ganzen Figuren etwas an sich, das darüber hinausgeht?
Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer
weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
In dieser Folge möchte ich mit euch über etwas reden, das
mir inzwischen schon bei vielen Filmen aufgefallen ist. Man sieht es besonders,
wenn man sich die klassischen Superhelden-Filme anschaut. Sie haben eigentlich
einen sehr einheitlichen Aufbau: Es gibt eine Heldenfigur, die gegen das Böse
kämpft und dann gibt es eine „böse“ Figur, die diese Seite symbolisiert. Und,
wie man sich denken kann, ist die Idee, dass man mit den Held*innen
sympathisiert. Man soll ihren Kampf bis zum Ende verfolgen, mitfiebern, und
dabei immer hoffen, dass die Bösewichte fallen. Üblicherweise werden nämlich
von der guten Seite die Werte vermittelt, von denen man möchte, dass das
Publikum ihnen folgt. Und auf der bösen Seite gibt es verachtenswerte und
schlechte Verhaltensweisen. In einem ganz klassischen Sinne sollen einen
Geschichten sogar erziehen, wie es Platon einst sagte. Tatsächlich war es auch
lange in der Menschheitsgeschichte so, dass man gar nicht alles veröffentlichen
konnte: Und zwar nicht, weil es den König oder die Kirche beleidigen würde,
sondern einfach nur, weil es schlechte Werte darstellte. Es gab tatsächlich
eine Art moralischer Zensur. Gut, aber das hier ist auch keine Geschichtslektion.
In jedem Fall ist das heute natürlich nicht mehr so und die Künstler*innen
können mit ihren Bösewichten machen, was sie wollen. Und so gibt es immer
wieder Filme, bei denen das Publikum plötzlich anfängt, mehr mit den „Bösen“ zu
sympathisieren. Mehr noch, man hat nicht nur Mitleid, sondern bewundert die
Person dahinter vielleicht sogar und will, dass sie gewinnt. Aber sind wir denn
verrückt geworden? Das sind doch Figuren, die Anderen Leid zufügen, sie
vielleicht sogar umbringen! Und da werden wir uns nicht eher für die
Heldenfigur interessieren, die alles gibt, um diese Menschen zu retten?
Ihr erinnert euch vielleicht an meine Folge Nr. 22 über
Thanos. Er ist ein Bösewicht aus dem Marvel-Universum, der vorhat, die Hälfte
der Menschheit auszulöschen, damit die Ressourcenknappheit auf der Erde
verhindert oder zumindest verschoben wird. Wir haben das damals sehr lange
durchgesprochen und sind im Grunde zum Urteil gelangt, dass er es vielleicht
gut gemeint hat, aber sich sein Plan unter keinen Umständen moralisch
rechtfertigen lässt. Teilweise kann man sogar daran zweifeln, ob er überhaupt irgendeinen
Sinn ergibt. Und trotzdem ist Thanos ein so beliebter Antagonist, wie es nur
geht. Ich würde so weit gehen, dass er die Figur ist, bei der der Kontrast
zwischen Darstellung als Bösewicht und Wahrnehmung als Held am weitesten
auseinandergeht. Warum? Es gibt schließlich niemanden in den ganzen
Superhelden-Filmen, der so viele Menschen umgebracht hat. Und bitte nagelt mich
nicht auf dieser Aussage fest, denn ich bin kein Experte. Aber ungefähr 4
Milliarden Menschen kommt mir viel vor. Aber natürlich mag ihn niemand konkret deswegen.
So weit ist es mit der Menschheit noch nicht gekommen. Was man an ihm
bewundert, ist seine Hingabe, seine hohen Ziele und seine relativ selbstlose
Art. Etwas später wird es mehr um ihn gehen. Es gibt aber auch Bösewichte, die
tatsächlich niemand bewundert. Einer davon ist der Kanzler oder Imperator
Palpatine aus Star Wars. Er ist einfach nur böse, möchte die Republik stürzen,
selbst Diktator sein und autokratisch mit eiserner Hand regieren. Sehr viel
mehr erfahren wir eigentlich gar nicht über seine Motivation. Dass er nicht
bewundert wird, heißt zumindest also, dass die Menschheit nicht einfach nur
Psychopathen bewundert, die Morde begehen. Es ist unverkennbar, dass es darauf
ankommt, wie das Innenleben der Personen ist. Aber was genau ist es dann? Wenn
sie es gut meinen? Aber alle Welt meint die Handlungen gut. Wisst ihr, wer
besonders? Die Held*innen! Natürlich! Wie können wir den bei den Bösewichten
sagen „Ach, sie haben es ja gut gemeint“ und die Heldenfiguren außen vor
lassen, die es nicht nur gut meinen, sondern auch gut handeln?
Also, es ist nicht so, als würden diese Personen nicht gemocht werden, im
Gegenteil. Aber man kommt schnell dazu, zu sagen, sie seien langweilig oder müssten
sich eben so verhalten. Das ist auch interessant, oder? Der Heldentypus ist
sowieso gut, da ist das nichts Überraschendes. Und die müssen dann auch
wirklich perfekt gut sein, sonst zweifelt man an ihnen. Aber bei den
Bösewichten reicht ein Zeigen des guten Willens. Warum ist das so? Gibt es doch
irgendetwas Bewundernswertes an der Bosheit? Oder etwas, was sie hat und dem
Guten fehlt? Allzu psychologisch will ich hier natürlich auch nicht werden,
aber wir können uns auf jeden Fall fragen, ob es einen logischen Grund gäbe,
diese Figuren zu bewundern. Und was bedeutet das für uns?
Die Bösewichte
Bevor wir das aufrollen, möchte ich mit euch über ein
paar Bösewichte reden. Denn es kann sein, dass ich euch hier erzähle, die wären
alle richtig beliebt und am Ende bin ich der Einzige. Sollte das so sein, sagt
mir gern Bescheid. Aber falls nicht, kommen hier ein paar Fälle, anhand von
denen wir das Phänomen etwas besser analysieren können. Ich glaube, wir fangen
einmal mit dem Bösewicht an, den ich schon erwähnt habe und den niemand
wirklich bewundert: Den Imperator oder Kanzler Palpatine. Er ist der Böse in
allen Star Wars Filmen von George Lucas und trachtet seit dem 1. Teil schon
danach, die Republik zu stürzen. Er ist ein Sith-Lord, möchte die Jedi
auslöschen und die ganze Galaxis unterwerfen. Die Jedi sind so etwas wie ein
Orden aus Krieger-Mönchen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Republik
zu verteidigen. Diese „Republik“ ist übrigens quasi eine riesige demokratische
Struktur, die sich über eine riesige Anzahl von Planeten und Spezies spannt.
Die Sith haben eine lange Historie, den Jedi entgegengesetzt zu sein. Ich weiß,
das ist nicht üblicherweise ihre Ausrichtung und Palpatine ist etwas speziell. Außerdem
haben sie einen eigenen Ursprung, aber so tief tauche ich hier nicht ein. Das
verwirrt nur. Der Punkt ist, dass Palpatine die Republik von innen infiltriert
und alle glauben lässt, er sei ein ehrlicher Senator, der zum Kanzler ernannt
werden will. Er schafft durch Kontakte in separatistische Lager einen Konflikt,
den er dann als Kanzler selbst verspricht, aufzulösen. Im Geheimen führt er
diese Konflikte immer weiter, bis sie in einem Krieg münden, den er auf beiden
Seiten führt. Dabei gewinnt er immer mehr an Macht und Einfluss. Am Ende
erklärt er schließlich die Jedi zu Verrätern an der Republik, lässt sie töten,
fällt den Separatisten in den Rücken und schwingt sich zum Diktator auf, mit
dem Versprechen, fortan Sicherheit für alle zu garantieren. Nun, da er von
vornherein die einzige Bedrohung war, ist das nicht schwer, einzuhalten. Er
führt von da an sein Imperium, bis er schließlich selbst getötet wird. Ich
denke, hier müssen wir uns nicht lange aufhalten: Palpatine ist ganz klar nicht
der Fall von bewundertem Bösewicht, den wir suchen. Wobei man ihm natürlich
schon für seine Intelligenz und Stärke Anerkennung schenken kann, klar. Aber
eben rein instrumentell. Es gibt niemanden, der seine Pläne nicht moralisch
verwerflich fände. Da ist einfach nichts außer dem reinen Bösen.
Machen wir einmal weiter mit einem sehr schwierigen Fall:
Dem Joker. Und zwar aus dem Film „Joker“, wo er irgendwie selbst Protagonist,
aber auch Bösewicht ist. Als cineastischer Laie gesprochen, natürlich. Der
Joker wird nicht so sehr bewundert, weil er ganz klar Menschen auf grausame
Weise tötet und nicht sehr viel mehr Rechtfertigung hervorbringt, als dass sie
gemein zu ihm waren. Aber trotzdem steckt hier mehr. Es geht im Film um einen
Mann namens Arthur Fleck, der mit seiner Mutter zusammenwohnt. Leider hat er
ein besonders schweres Leben, denn er hat mit starken Depressionen zu kämpfen.
Er ist daher bereits auf mehreren Medikamenten, die es aber nicht schaffen, ihn
von seinen dunklen Gedanken wegzuführen. Er leidet darüber hinaus an einem
Syndrom, wegen dem er bei jeder Art von Stress laut lachen muss. Das führt
dazu, dass er im Alltag nicht mehr ordentlich mit Menschen agieren kann. Es
gibt zum Beispiel eine Sequenz, in der er in einem Zug ein Kind, das in der
Nähe sitzt, zum Lachen bringen will, aber dann von der Mutter gescholten wird.
Daraufhin beginnt er, laut zu lachen, und kann sich nicht mehr fangen.
Natürlich schauen ihn daraufhin alle erschreckt und irritiert an. Auch das
kleine Kärtchen, das er der Mutter gibt und das die Situation erklärt, kann es
nicht mehr wirklich retten. Er ist also im Grunde ein Ausgestoßener, der es mit
seiner Art leider auch nicht schafft, bei den anderen Menschen anzukommen. Und
das, obwohl er eigentlich ein gutes Herz hat: Er arbeitet als Clown, der unter
anderem im Krankenhaus Kinder, die an tödlichen Krankheiten leiden, zum Lachen bringen
will. Darüber hinaus träumt er von einer Karriere als Comedian, was aber durch
seine Kondition nicht funktioniert. Als ob das nicht schon genug wäre, ist er
auch noch bitterarm und erhält gerade so noch ein bisschen staatlich gestützte
Therapie, die später noch weggekürzt wird. Es kommt echt Schlag auf Schlag: Zum
Beispiel auch, dass er erfährt, dass seine Mutter zugeschaut hat, als er als
Kind von seinem Vater misshandelt wurde. Also echt furchtbar alles. Unter
diesem ganzen Druck explodiert Arthur schließlich und beginnt, Menschen zu
ermorden, die böse zu ihm sind. Versehentlich stößt er dabei sogar eine
Bewegung an, die gegen die unfaire Verteilung von Vermögen auf die Straße geht.
Im Zuge dieser Ereignisse ist Arthur Fleck immer weniger sein schüchternes
Selbst und wird zum Joker. Diesen Namen gibt er sich selbst, zusammen mit dem
Clowns-Makeup. In einer Talkshow tut er den Grund für seinen Frust kund:
Nämlich, dass die Menschen einander schlecht behandeln, und, dass niemand
Rücksicht auf ärmere Menschen oder welche mit diesen oder jenen Krankheiten
nimmt. Nur die Menschen, die viel Geld haben oder politischen Einfluss, würden
etwas zählen und bei denen wäre es plötzlich besonders wichtig, wie es ihnen
geht. Kurz darauf tötet er auch den Host der Talkshow, wird von der Polizei
geschnappt, aber entkommt im Tumult. Nun, den Joker kann man schwerlich „gut“
nennen, nicht wahr? Er begeht schon sehr grausame Morde. Aber es ist nicht so,
als könnte man ihn nicht im Grundsatz verstehen oder ihm sogar in einigen
Hinsichten Recht geben. Hier sind wir schon eher zwiegespalten als bei Palpatine.
Denn dem Joker geht es nicht um Macht, Geld oder Sadismus. Er ist im Grunde ein
Opfer der Gesellschaft, die ihn von allen Richtungen mit Füßen getreten hat.
Auf der anderen Seite aber bereut er nicht seine Morde und es ist auch nicht
so, als hätte er die Menschen im Sinne der Gerechtigkeit umgebracht. Deswegen
ist es mit ihm schwierig.
Und dann gibt es einen Marvel-Bösewicht, den ich
ausgesprochen interessant finde. Es handelt sich um Killmonger, der im Film
„Black Panther“ auftritt. Entschuldigt übrigens, wenn die Zusammenfassungen
knapp ausfallen. Aber ich will hier nur das Nötigste erzählen, um nicht zu viel
Zeit mit jedem Bösewicht zu verlieren. Das Setting ist das folgende: Wir
befinden uns in Wakanda, einem Land in Afrika, das von der Außenwelt isoliert
ist. Warum? Nun, eines Tages fand man dort ein Vorkommen an Vibranium. Ein
Metall, das unfassbar hart und flexibel ist und dafür sorgt, dass Wakanda
seinem Umland um gute 1000 Jahre voraus ist. Als man diese Fortschritte machte,
entschied der König aber, das Königreich durch einen Sichtschild zu isolieren,
um von Anderen nicht als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Auch wollte man
nicht mit dieser viel zu mächtigen Technologie in Konflikte eingreifen. Man
kann sicher verstehen, dass das sonst unweigerlich passieren würde. Nun gibt es
ein Problem, das für euch alle sicher offensichtlich ist: Viele Länder in
Afrika haben eine extrem harte Geschichte hinter sich, gefüllt mit
Vertreibungen und Sklaverei, und sind heutzutage immernoch bitterarm. All das
möchte sich Killmonger nicht länger ansehen. Er hat kein Anrecht auf den Thron,
aber trachtet danach, ihn sich zu holen, um die Grenzen zu öffnen und die
Menschen Afrikas mit Waffen auszustatten. Sein Plan ist ein Krieg, in dem die
Menschen Rache nehmen können und sich ihren Wohlstand zurückholen. Wakanda ist
sehr alt, müsst ihr wissen, und hat sich die gesamte Geschichte der Sklaverei
tatenlos angesehen. Killmonger hält auch in einem europäischen Museum einen
Diskurs, dass all die Gegenstände aus Afrika gestohlen worden seien. Ist er
dann wirklich ein Dieb, wenn er sie zurückbringt? Am Ende werden aber seine
Pläne vereitelt und alles bleibt beim Alten. Wobei man dazusagen muss, dass
sich Wakanda zumindest öffnet und bei der UN mitspricht. Aber von
weitreichenden Veränderungen fehlt jede Spur. Nun, was sagen wir dazu? Ein
Krieg und Rache sind auf jeden Fall nicht der Weg und er tötet auch
Unschuldige, aber sonst? Sein Motiv ist wirklich mehr als gerechtfertigt, das
ist klar. Ich habe bei dem Film das Gefühl, dass das Motiv so
gerechtfertigt ist, dass man ihn Leute töten und einen Krieg planen lassen musste,
damit die Leute nicht zu sehr mit ihm sympathisieren.
Und dann ein letzter Bösewicht, bevor wir in die Analyse
gehen. Thanos. Jemand, der von den Leuten fast schon religiös verehrt wird,
obwohl er einen unfassbar großen Massenmord begangen hat. Er taucht in einigen
Marvel-Filmen auf, so auch in „Infinity War“. Er sucht nach den sogenannten
„Infinity-Steinen“, die ihm eine schier unbegrenzte Macht geben. Diese Macht
will er aber zu nichts anderem nutzen, als, die Hälfte der Menschheit
auszulöschen. Wieso? Weil die Erde an Ressourcenknappheit leidet und er das als
einzige Lösung ansieht. Er hat es schon auf seinem Heimatplaneten passieren
sehen, auf dem inzwischen alles tot ist. Und er bringt auch durchaus Opfer
dafür: So muss er für den Seelenstein eine Person opfern, die er über alles
liebt. In diesem Fall seine Ziehtochter. Und trotz des Leids und des Schmerzes,
den er auslöst, beschließt er, zum Wohle Aller fortzufahren. Er erreicht sein
Ziel auch und zieht sich daraufhin auf einen entfernten Planeten zurück, um ein
einfaches Leben zu führen. Die Steine zerstört er mit ihrer eigenen Kraft, damit
die Dinge nicht mehr geändert werden können. Nicht einmal regieren möchte er
die Erde. Trotzdem scheitert sein Plan, weil die Superhelden des Films in der
Vergangenheit zurückreisen und ihn dort besiegen. Nun, wie wir schon in der
Folge 22 herausgearbeitet haben, ist die reine Handlung des Thanos moralisch
und praktisch falsch. Dennoch ist sein Plan ungemein plausibel und spricht das
Thema der Ressourcenknappheit an, das wir aktuell haben. Aber vor allem lieben
die Leute seinen Charakter. Thanos ist fast immer ruhig, erklärt seinen Plan
und sucht nach Verständnis. Auch, wenn er das nicht bekommt, versteht er das
und lässt sich nicht beirren. Er tötet die Superhelden, die ihn daran hindern
wollen, nicht, sondern räumt sie nur aus dem Weg. Überhaupt zeigt er keinen
Hass in seinen Taten, sondern nur Liebe für das Leben auf der Erde. Selbst die
Gewalt, die er meint, anwenden zu müssen, bedauert er zutiefst und drückt offen
seine Bewunderung für die Hartnäckigkeit seiner Gegner aus. Und auch am Ende
des Films ist er selbstlos. Er unterdrückt die halbierte Welt nicht, er zerstört
nicht das Universum und er rächt sich auch nicht an den überlebenden
Superhelden. Er verhindert sogar, dass er so etwas jemals tun könnte, indem er
die Steine zerstört. Thanos ist eigentlich ein geradezu nobles Wesen, wenn man
es sich richtig überlegt.
Das Böse
Aber wir sind hier natürlich nicht beim Stammtisch,
sondern bei der Philosophie. Ich werde also nicht lauter Bösewichte aufzählen
und nur sagen, was ich von ihnen halte. Vielmehr wollen wir jetzt herausfinden,
was es mit dieser Bewunderung auf sich hat. Unser erster Verdacht war ja, dass
der Mensch vielleicht einfach das Böse toll findet. Das mag abwegig klingen,
aber es gibt immer wieder Beispiele dafür. Einige habe ich eben genannt. Was
also ist dieses „Böse“ eigentlich? Nun, welche Person könnte man dafür besser
konsultieren als eine, die das böseste Kapitel der Menschheitsgeschichte am
eigenen Leib erlebt hat? Die Philosophin Hannah Arendt begründet fast ihre
gesamte Auffassung der Ethik auf ihren Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus.
Sie hatte als Person mit jüdischer Herkunft früh schon fliehen müssen und kam
dabei bis in die USA. Dort sprach sie in Vorlesungen über das Böse und darüber,
dass dieses damals in Deutschland seinen Höhepunkt gefunden hat. Und sie redet
nicht über die Anzahl der Toten, die sicherlich an anderen Orten zu anderen
Zeiten sogar noch höher war. Hier wird Stalin oft genannt, unter dem wohl mehr
Menschen starben, auch wenn das eine sehr merkwürdige Art des Vergleichs ist.
Diesen sieht Arendt auch als böse an, aber mehr im klassischen Sinne. Ein
Tyrann, der sich selbst bereichern wollte und alles aus dem Weg räumte, das
seiner Macht im Weg stand. Menschen starben aufgrund seiner Agrarreformen und
durch politische Verfolgung, aber er ließ alle diese Dinge vertuschen. Nach
außen war diese Täuschung so wirksam, dass europäische Intellektuelle wie
Jean-Paul Sartre selbst interessiert anreisten.
Aber das kennen wir schon von anderswo. Leider natürlich,
aber zumindest in geringerem Ausmaß. Was aber unter Hitler geschah, war etwas
völlig anderes. In Deutschland kam es in den 30er und 40er Jahren zu einer
offenen und organisierten Auslöschung von mehreren Gruppen von Menschen. Und
einzig und allein aus Hass ihnen gegenüber, nicht einmal zur Bereicherung. Das
ist das pure Böse, mehr geht fast nicht. Es wurde sich nicht vor den ethischen
Werten versteckt oder getäuscht, sondern sie wurden offen auf den Kopf gestellt
und mit Stolz gebrochen. Ihr müsst euch das einmal vorstellen: Plötzlich war es
gut, zu morden! Und neben diesen hasserfüllten Menschen gab es eine
weitere Gruppe, die ebenfalls schlimm war: Die Gleichgültigen. Diejenigen, die
resignierten und sich einfach an das Maß an Gewalt gewöhnten. Nicht einmal mehr
ein Ankämpfen gegen die Moral, sondern ein Ignorieren. Die Menschen stumpften
ab und handelten wie Maschinen, passend zu der maschinellen Tötung. Das nennt
Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“. Wenn das Böse so sehr im Alltag
angekommen ist, dass es noch nicht einmal mehr etwas Besonderes ist. Das ist
zwar nicht der Gipfel des Bösen, aber die Folge davon. Und wenn ein Mensch da
angelangt ist, ist er sehr weit verloren.
Wohin sie mit ihrem Gedanken will, ist, dass sie eine
alte philosophische Doktrin angreifen will. Nämlich, dass der Mensch im Grunde
gut ist und all seine schlechten Taten nur aus Unwissenheit und Unvermögen tut.
Das, was Platon auch schon gesagt hat und alle Philosoph*innen wiederholen.
Dass der Mensch im Grunde gut ist und nie böse sein will. Hannah Arendt
bezeichnet diese Denkart naiv, spätestens jetzt. Denn damals wollten die Einen
gezielt etwas tun, was böse war und Anderen war es komplett egal. Man kann die
menschliche Bosheit nicht immer wegerklären und sagen, dass man es eben nicht
besser wusste. Manchmal ist die Erklärung logischer, dass der Mensch nicht gut
sein muss. Er hat vielleicht seine Tendenzen, aber er ist komplett
kompatibel mit dem Bösen. Wenn so etwas kommt, tut der Mensch einmal etwas
Böses und noch einmal und noch einmal und legt dabei erst die Scham vor
Anderen, dann die vor Gott und schließlich die vor sich selbst ab. Und dann
banalisiert er das Böse. Und das, wofür wir hier sind: Es ist überhaupt gar
nichts an diesem Prozess bewundernswert. Es ist ein menschlicher Abgrund, vor
dem es einem schauert, wenn man ihn nicht begangen hat. Solche Menschen sind keiner
Sympathie wert, weil sie alles, was man mögen kann und gut ist, abgelegt haben.
Ich denke, wir müssen woanders suchen. Wir mögen die Bösewichte nicht aufgrund
ihrer Bosheit. Vielleicht ist das auch der Grund, dass wir Palpatine nicht
bewundern.
Das Gute
Wenn es das Böse nicht ist, ist es wahrscheinlich das
Gute, was uns anzieht. Aber das ist ziemlich ironisch, denn die Bösewichte sind
gerade dafür nicht bekannt. Außer, dass sie in vielen Fällen eine gute
Intention hatten. Aber reicht das aus? Nun, Kant sagt, dass es nichts Reineres
und Besseres auf der Welt geben kann als einen guten Willen. Tatsächlich ist
das sogar sein erster Satz in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Auf
dem Willen des Menschen gründet sein Charakter, der für alle Handlungen
verantwortlich ist. Jede Eigenschaft, die wir haben, kann genauso gut wie
schlecht sein, genauso alles, was wir haben und jede Gabe, jedes Talent. Der
gesamte Mensch gründet nur darauf, ob er einen guten oder bösen Willen hat. Man
kann noch so gut wissen, wie man Menschen heilt, wenn man das nicht will, wird
man es nicht tun. Dementsprechend ist der Wille eigentlich alles, was wir uns
für die Moral anschauen müssen. Der Mensch muss nicht wirklich noch
herausfinden, wie er gut handelt, denn das wissen wir ja schon. Aber er
muss verstehen, warum, und es dann auch wollen. Der gute Wille ist eine so
reine Entität, dass er nicht egoistisch ist. Wenn man wirklich gut ist, handelt
man nicht gut, um sich zu bereichern, oder, um toll dazustehen. Die wahre Güte
ist, allein wegen ihr selbst gut zu handeln. Der gute Wille ist also ein
Selbstzweck. Man ist gut, weil es das Einzige auf dieser Welt ist, was wirklich
zweifellos anzustreben ist. Deshalb braucht man auch keine Kompensation, wenn
man etwas Gutes getan hat. Und der gute Wille ist auch nicht relativ, sondern
absolut gut. Das bedeutet, dass er auch dann gilt, wenn die Handlung Schaden
hervorruft. Man kann sagen, dass die Person dumm war, verbohrt oder stur, aber
nicht, dass sie schlecht war.
Der Punkt ist also, dass wir die Bösewichte nur dann
mögen können, wenn sie einen guten Willen haben. Sonst ergibt das keinen Sinn.
Überlegen wir also kurz. Im Grunde stimmt es, oder? Palpatine hatte keinen
guten Willen, deshalb interessiert er uns wenig. Aber alle anderen wollten
eigentlich die Welt retten oder sich zumindest wehren, wie im Falle vom Joker.
Und genau deshalb sind wir bei ihm auch zwiegespalten. Hat er tatsächlich ein
gutes Herz oder ist er nur ein Mörder? Bei Thanos sind wir uns dagegen eher
sicher: Er will die Welt eigentlich retten, aber ist zu stur, um zu erkennen,
dass er das falsch angeht. Aber ist das alles? Ein guter Wille? Denn dann
scheint es mir ein bisschen unfair, dass wir die Bösewichte so lobpreisen und
die ganzen Held*innen vergessen. Denn die haben wirklich einen guten
Willen, der sich auch in gute Taten übersetzt. Aber das ist uns
irgendwie egal oder ohnehin klar. Ich glaube, es gehört noch eine weitere Zutat
in das Rezept der Bösewichte, die den Held*innen fehlt.
Der freie Mensch
Für die letzte Zutat brauchen wir Friedrich Nietzsche. Er
hat eine sehr andere Vorstellung der Moral als Arendt und Kant, aber passt
perfekt für unser Bild der Bösewichte. Laut ihm gibt es nämlich eigentlich gar
kein „Gut“ oder „Böse“. Zumindest nicht objektiv. Es sind willkürliche
Kategorien, die daher kommen, dass eine herrschende Klasse ihre Macht auf die
Niedrigeren ausüben will. Das kann man gut daran sehen, dass „edel“ noch immer
der Begriff für „adelig“ und „gut“ ist. Es heißt auch immer, man solle
selbstlos sein und Anderen helfen, aber eigentlich gibt es gar keinen Grund
dazu. Oder, wenn es den gibt, dann nicht einfach nur, um selbstlos zu
sein. Denn man ist ja ein Selbst, ein Mensch. Warum sollte man das
vernachlässigen? Man hat ja nichts Falsches gemacht. Religion führt für
Nietzsche nur einfach dazu, dass sich Menschen selbst quälen, auf Basis von
Dingen, die in irgendwelchen Büchern stehen. Worin genau ist der Sinn, dass wir
Buße tun und leiden? Dadurch werden die Probleme auf der Welt auch nicht
besser. Diese Spielereien hat der moderne Mensch eigentlich längst durchschaut,
wir haben ja inzwischen eine allgemeine Bildung. Aber es ist deutlich
einfacher, dem gegebenen Moralkodex zu folgen, statt auszubrechen. Und, wenn es
keinen Beweis für eine bestimmte Moral gibt, wo soll man sich dann hinwenden?
Das bringt Menschen nur in die Sinnlosigkeit. Das Problem ist aber, dass sie
schon längst real ist. Gott ist tot, wie Nietzsche es sagt. Und es waren wir,
die ihn getötet haben. Wie das? Spätestens im 19. Jahrhundert haben wir es mit
den Wissenschaften und den rationalen Welterklärungen so weit getrieben, dass
wir unser göttliches Weltbild durch ein naturwissenschaftliches ersetzt haben.
Klar, es gehen noch viele Menschen in die Kirche. Aber wer glaubt noch wirklich,
dass die Übel dieser Welt oder das Gute von Gott kommt? An die Erlösung?
Neurowissenschaften haben längst gezeigt, dass unser Gehirn irgendwann nach dem
Tod keine Aktivität mehr zeigt. Aber wenn unsere Gedanken dort sitzen, wie
sollten wir dann einen höheren Zustand betreten? Nietzsche sagt nicht, dass
diese Begründung wahr ist, sondern, dass wir sie der göttlichen deutlich
vorziehen. Kaum einer glaubt noch, dass Sünden reale Konsequenzen im Leben nach
dem Tod haben. Wenn man etwas klaut, hat man deutlich mehr Angst vor der Polizei
als vor Gott.
Da Gott also tot ist, verbleiben wir ohne Sinn, ohne
Moral, ohne Ziel und ohne Anweisungen. Ganz bloß. Die Menschen, die das
akzeptieren und trotzdem nichts machen, verfolgen einen Nihilismus, wie
Nietzsche sagt. Er selbst ist aber tatsächlich keiner. Er verlangt
nämlich, dass wir diesen Platz selbst einnehmen. Ganz Recht: Den Platz Gottes.
Der Mensch soll über sich hinauswachsen und sich seinen Sinn und seine Moral
selbst geben. Diesmal nach streng rationalen Überlegungen, wie wir sie ja so
sehr zu lieben scheinen. Das ist dann der sogenannte Übermensch. Um diesen
Wandel zu verdeutlichen, zeichnet uns der Philosoph das folgende Bild: Der
Mensch beginnt als Esel oder Kamel, schwer beladen von arbiträren Regeln und zu
stur, um sich dagegen zu widersetzen. Tut er es aber doch, wird er zu einem
Löwen, brüllt laut vor Frust und wirft die ganze Last von sich. Da er aber dann
nichts mehr hat, steht er schnell alleine da. Deshalb ist es wichtig, im
nächsten Schritt zum Übermenschen zu werden, wie ihn Nietzsche nennt. Dieser
ist die vollendete Form, übernimmt Verantwortung für sein Leben und lebt so,
wie er es für sinnvoll hält. Und das ist kein einfacher Weg, der einem viele
Feinde macht und bei dem man Gefahr läuft, sich zu verlieren. Niemand in einer
Gesellschaft mag Leute, die sich aus dem allgemeinen Regelkatalog entfernen.
Aber es macht einen auch ungemein frei, weil man nicht mehr durch Andere
gebunden wird. Für Nietzsche ist es der einzige Weg, wie der Mensch sich selbst
verwirklichen kann. Man braucht dafür Mut, Willenskraft und hat sich danach die
Bewunderung verdient, von der wir sprechen. Leider sind es oft unverstandene
Menschen, da die ganzen Zuschauer*innen ja noch in der alten Ordnung
festsitzen. Aber trotzdem ist es ein Ideal, das wir alle anstreben sollten.
Die bewundernswerten Bösen
Als Zusammenfassung dieser Folge widmen wir uns einmal
unseren Bösewichten. Palpatine können wir, glaube ich, direkt schon einmal
aussortieren. Er hat ja noch nicht einmal die Probe des guten Willens
überstanden. Der Joker dagegen ist deshalb so ein schwieriger Fall, weil wir
nicht wissen, wie wir ihn einordnen sollen. Ist er ein Mörder und Psychopath
oder ein missverstandener, armer Mann, der schlecht behandelt wurde? Die
unbequeme Wahrheit ist, dass er beides ist. Wir sehen, dass er eigentlich ein
guter Mensch ist, der mit der ganzen Welt befreundet sein wollte. Nachdem ihn
alle verstoßen hatten, hat er sich aber unter einer Schale des Bösen verkrochen
und Menschen getötet. Am Ende gelangt er sogar zur Banalität des Bösen, die
Arendt benennt. Denn er tötet immer häufiger und zeigt immer weniger Reue oder
Reaktionen. Und die Versionen von ihm aus anderen Filmen kennen wir ja. Ohne,
dass die jetzt in direkter Kontinuität zu ihm stünden. Trotzdem spricht er aber
reale Probleme der Gesellschaft an. Und niemand im Film gibt sich wirklich
Mühe, sie anzugehen. Es fehlt vielen Menschen tatsächlich ein Verständnis für
Armut und psychische Krankheiten. Vermögen sind durchaus ungleich verteilt und
teilweise wird an den Hilfen für die Ärmsten gekürzt, während die Reichsten
sich die Bäuche vollstopfen. Und es erfordert durchaus so Einiges, um das laut
zu sagen. Nicht, dass seine Methoden besonders zielführend wären. Aber diese
Freiheit, die er zeigt, macht etwas mit uns. Gewissermaßen würden wir
vielleicht auch gerne einmal diesen Frust rauslassen. Aber eben nicht, indem
wir töten.
Reden wir über Killmonger. Das ist der erste Fall, der
relativ eindeutig ist. Trotz seines sehr suggestiven Namens hat Killmonger
eigentlich den Wunsch, den Menschen Afrikas zu helfen. In einer gewissen
Hinsicht zumindest. Und er hat Recht damit, dass sie lange extreme
Ungerechtigkeiten erlebt haben und es damit auch noch nicht besser geworden
ist. Was extrem irritierend ist, ist, dass dieser Film es so darstellt, als
gäbe es in Wakanda nur die Möglichkeit, komplett isoliert zu bleiben, oder,
einen Krieg zu beginnen. Es hätte sich doch irgendwer Wege überlegen können,
der Bevölkerung des Kontinents während der Sklavenzeit zu helfen! Auch hier ist
Killmonger eigentlich in der schwachen Position. In einer Gesellschaft, in der
sich alle von der Außenwelt abwenden und auf den rechtmäßigen Thronfolger
warten, ist es nicht einfach, die Stimme zu sein, die dagegenspricht. Aber er
hat einfach gemerkt, dass die allgemeine Moral für ihn nicht stimmt und
beschlossen, sich eigene Gedanken zu machen. Daneben wirken die anderen
Menschen fast schon feige darin, dass sie keine Alternativen bieten. Selbst der
Superheld scheint keine Ideen zu haben. Erinnert euch, wie einfach es sein
kann, im eigenen Wertekatalog festzusitzen. Dieser ist: „Kriege sind schlecht
und so starke Waffen führen normalerweise zu welchen. Also tun wir besser
nichts“. Das ist nicht zwingend eine dumme Position, aber kaum jemand bringt
wirklich Argumente dafür oder verhält sich konsequent dazu. Denn als Avenger
schlägt Black Panther dann ja doch die ganzen Aliens auf der Erde zurück. Warum
ist das jetzt anders? Aber es kommt trotzdem keine brauchbare Alternative zu
Killmonger. Das ist ohnehin etwas, das bei einigen Filmen auffällig ist.
Manchmal hat der Bösewicht ein extrem gutes Argument, das einen dazu bringt,
ähnlich zu denken. Also sorgen die Leute, die die Geschichten schreiben, dafür,
dass er ein paar unschuldige Menschen umbringt oder hirnrissige Pläne wie mit
dem Krieg erstellt. Mit so jemandem kann man dann doch nicht sympathisieren.
Und daneben sieht natürlich die Alternative des nicht-Krieges deutlich besser
aus. Aber vergesst nicht, dass es oft die sogenannten „Bösen“ in diesen Filmen
sind, die versuchen, in prekären Verhältnissen eine Veränderung zu bewirken. Es
ist also auch ein bisschen eine Frage von dem, was wir „böse“ nennen. Und hier
sind wir wieder bei Nietzsche. Aber gehen wir weiter.
Thanos ist das Paradebeispiel für dieses Phänomen. Man
sieht ihn im Film noch nicht einmal Unschuldige töten, bis auf sein Auslöschen
der halben Menschheit. Sein guter Wille ist bei jeder Handlung deutlich und
wird auch immer wieder wiederholt. Und er ist glaubwürdig, weil wir ihn weinen
sehen und auch, was er tut, als sein Plan funktioniert: Er zieht sich zurück
und lebt in Frieden. Sein Vorhaben ist wahnsinnig, aber auch er spricht ein
aktuelles Problem an: Die Ressourcenknappheit. Und auch hier wieder: Keiner der
Avenger hatte dafür eine Alternative! Klar, einer hat mal die Idee geäußert,
einen Schild um die Erde zu errichten, um Invasionen aufzuhalten. Aber das
war´s! Superkräfte, aber offenbar keine Möglichkeit, den Welthunger oder Kriege
zu beenden oder die Umweltzerstörung aufzuhalten. Wieder einmal haben wir also
entweder ein Auslöschen der halben Menschheit oder den Status quo. Der
Moralkatalog sagt, dass man nicht mit Gewalt in den Lauf der Dinge eingreifen
darf und die Macht der Superhelden zu groß ist, um sie den Menschen zuzumuten.
Aber die Bösewichte der Filme werden trotzdem zurückgeschlagen. Das ist eine
argumentative Lücke, die niemanden zu stören scheint. Hier ist Thanos jemand,
der konsequent ist und sehr freie Moralvorstellungen hat. In einer moralischen
Gesellschaft wie unserer vorzuschlagen, einfach die Hälfte der Menschheit
verschwinden zu lassen, ist absolut teuflisch. Das würde auch ich sagen. Und
obwohl ihm das alle immer wieder gesagt und an seinen moralischen Kompass
appelliert hatten, ließ er sich nicht abbringen. Denn, ob das nun gut ist oder
schlecht ist, für ihn war das die Wahrheit. Und es hatte auch niemand ein
wirklich brauchbares Gegenargument für ihn. Wenn doch, vielleicht gepaart mit
einem Konzept zur Rettung der Menschheit, hätte er sicher aufgehört, davon bin
ich überzeugt. Aber Thanos hat den Mord eben für ein notwendiges Übel gehalten.
Nicht als Banalität, wie es die Bösen tun, sondern als Tragödie. Aber er hatte
schon einen Planeten, seinen eigenen, sterben sehen und wollte nicht, dass das
irgendwem Anders passiert. Das ist ja auch der Punkt: Thanos muss das alles gar
nicht machen. Er ist stark, mächtig und hat viele Ressourcen und Gehilfen zur
Verfügung. Und offenbar braucht er das nicht einmal, um glücklich zu sein.
Dieses zurückgezogene Leben, das er sich am Ende des Filmes gemacht hat, hätte
er auch sofort haben können. Aber er wollte die Menschheit einfach retten. Ich
denke, ich muss nicht weiter darüber reden, weshalb er so beliebt ist.
Konklusion
Um einmal eine Konklusion zu ziehen: Ich denke, ihr
versteht jetzt besser, warum Palpatine nicht bewundert wird, aber Thanos, der
Joker und Killmonger schon. Wir lieben nicht das Böse, aber wir haben eine
unfassbar ausgeprägte Fähigkeit und auch den Wunsch, das Gute in jedem Menschen
zu sehen. Wisst ihr, es ist sehr populär zu sagen, dass der Mensch ein
furchtbares Wesen ist. Und es gibt genug Evidenzen auf der Welt dafür. Ich habe
sogar schon einmal eine Folge gemacht, mit dem Namen: „Ist eine Welt ohne Menschen
eine bessere Welt?“ das war die Nr. 35. Aber ich bin und bleibe einfach
Humanist und würde es gern anders sehen. Und ich finde, dass dieses Phänomen
ein bisschen ein Beweis dafür ist, dass wir immer überall das Licht suchen und
es auch dann sehen wollen, wenn es sehr schwach ist. An der Stelle stimme ich
Hannah Arendt nicht ganz zu. Aber darum geht es jetzt auch nicht. Der Punkt
ist, dass wir den guten Willen in allen Wesen sehr schätzen, vor allem, wenn er
frei ist. Wenn die Person so unbedingt Gutes tun will, dass sie sich gegen
gesellschaftliche und ethische Konventionen stellt. Ein Übermensch, der seine
Regeln selbst macht. Und nur von den Bösewichten kommen auch Forderungen für
Veränderungen in der Welt. Sie sehen das Leid der Menschen und wollen es durch
einen radikalen Schritt beenden. Wenn ihr dagegen genauer auf die Heldenfiguren
schaut, pochen sie fast immer nur auf den Status quo. Irgendwie ist immer alles
so gut, wie es nur sein kann und jede Veränderung ist eine Gefahr. So
betrachtet, wirken sogar eher die Bösen wie die Guten und die Guten wie die
Bösen, denkt ihr nicht? Es ist alles eine Frage davon, was uns die
Filmemacher*innen als „gut“ und was als „böse“ verkaufen wollen.
Aber wir dürfen dabei nie vergessen, dass alle Bösewichte
dieser Folge Mörder sind. Wir können Aspekte von ihnen bewundern, aber sollte
das nie auf ihr Gesamtbild übertragen. Denn es gibt nichts Bewundernswertes am
Mord, und das auch unter keinen Umständen. Da bin ich sehr deontologisch – aber
das ist ein anderes Thema. Hört euch da gern einmal meine Folgen zu moralischen
Themen an. Bevor ich euch „auf Wiedersehen“ sage, will ich euch noch auf eine
Sache aufmerksam machen. Eine Figur, die zwischen dem Bösen und dem Guten
schwebt, die es eigentlich gut meint, aber trotzdem teilweise schlecht handelt.
Eine, die sich über Konventionen hinwegsetzt, weil sie einfach glaubt, das
Richtige zu tun. An wen erinnert euch das? Ich würde sagen, an uns alle. Und
deshalb interessieren uns die Bösewichte so sehr. Wir haben auch manchmal das
Gefühl, dass Dinge auf der Welt unfair sind und man sie doch endlich auf einen
Schlag lösen sollte. Es ist leider nie so einfach, wie wir denken. Aber würden
wir etwa nicht, wenn wir König von Wakanda wären, die Tore öffnen und die
gepeinigten Menschen auf dieser Welt rächen? Held*innen sind immer Idole, die
gut handeln und nichts als das Gute im Kopf haben. So sind wir nicht, so weit
gebe ich Arendt doch Recht. Aber die Bösewichte sind ein Spiegel für uns und
deshalb sympathisieren wir so sehr mit ihnen. Deshalb lasst mich euch das
mitgeben: Lasst euch euren guten Willen nicht nehmen, denn er ist das
Wichtigste, das ihr habt. Eigentlich sogar das einzig Wichtige. Und folgt nicht
immer nur dem, was alle anderen sagen, sondern macht euch eure eigenen
Gedanken. Aber macht nicht denselben Fehler wie Thanos, der Joker und
Killmonger. Redet mit den Menschen. Diskutiert über eure Ziele und Ideen, eure
Vorhaben, euren Schmerz. Vielleicht fühlen sie wie ihr. Und wenn ihr zusammen
weiter überlegt und nicht im Frust handelt, merkt ihr, dass es leider alles
nicht so einfach ist. Veränderung ist möglich, aber nicht nur durch eine Person
und auch leider nur langsam und Schritt für Schritt. Aber trotzdem lohnt es
sich, diesen Weg zu gehen. Das hier ist ein philosophischer Podcast, deshalb
kann ich euch nicht sagen, wie. Aber am Ende wissen wir alle wahrscheinlich
schon die Antwort.
So, und das war´s mit der Folge. Vielen Dank fürs Lesen!
Also dann, vielen Dank euch und noch einen schönen Tag!
Quellen:
„Star Wars I-VI“ - George Lucas
„Joker“ - Todd Philips
„Black Panther“ - Ryan Coogler
„Infinity War“ - Anthony Russo & Joe Russo
„Über das Böse“ - Hannah Arendt
„Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ - Immanuel Kant
„Jenseits von Gut und Böse“, „Die fröhliche Wissenschaft“, „Also sprach Zarathustra“ - Friedrich Nietzsche
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