#55 Was ist Naturphilosophie?
Zusammenfassung
Was ist Naturphilosophie? Es ist ein Thema, bei dem ich lange nicht wusste, ob ich eine Folge darüber machen soll, weil ich dachte, dass es da nicht so viel zu holen gibt. Es gab eben die Naturphilosophie der alten Griechen, die noch recht rückschrittlich war und später zur moderneren Naturwissenschaft wurde. Aber so einfach ist es nicht. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass unsere Naturwissenschaft seit mehreren Jahrhunderten in einer tiefen Sinnkrise steckt, die aus zu vielen Experimenten und zu wenig Theorie besteht. In den Zeiten der Naturphilosophie lief nicht alles glatt, aber es gibt definitiv etwas, das die moderne Naturbetrachtung von der Philosophie lernen kann. Und nicht nur von ihr – überhaupt sind wir gar nicht die effizientesten Wissenschaftler*innen, für die wir uns immer halten. Schauen wir uns also in dieser Folge einmal an, was Naturphilosophie genau ist – und in dem Sinne, was Naturwissenschaft ist - und wie sie zusammenhängt.
Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Es hat ein kleines bisschen länger gedauert als geplant, aber hier bin ich wieder! Heute will ich mit euch einmal über einen Begriff sprechen, von dem Viele ein falsches Bild haben: Naturphilosophie. Was fällt euch als erstes ein, wenn ihr daran denkt? Für viele Leute ist die Naturphilosophie die noch etwas ursprüngliche und weniger entwickelte Vorstufe der Naturwissenschaften. Damals, als die Philosophen des antiken Griechenlands noch versucht haben, die Welt mit Göttern oder den vier Elementen zu erklären. Es gab damals schon die Unterscheidung zwischen Philosophie und Naturphilosophie. Oder zumindest seit Sokrates und den Sophisten, als man neben den Geheimnissen der Natur auch versucht hat, der Moral und Gesellschaft auf die Spur zu kommen. Wie wir wissen, haben sich im Verlauf der Geschichte daraus sogar noch mehr Wissenschaften entwickelt. Die Philosophie spaltete sich auf in Soziologie, Politologie, Rechtswissenschaft und so weiter, während die Naturphilosophie zur Naturwissenschaft und damit unter anderem zur Physik, Biologie und Chemie wurde. Es heißt immer, dass die Wissenschaft ab diesem Punkt objektiver wurde, denn es wurde nur noch auf der Basis von Beweisen nach Antworten gesucht. Aber ist das wirklich so einfach? Immerhin sind „Philosophie“ und „Wissenschaft“ einander ziemlich ähnliche Begriffe. Die Philosophie beschäftigt sich auch mit der Wahrheit. Und es gab schon viele Vorsokratiker, die begonnen haben, ihre Erkenntnisse nicht mehr auf dem Göttlichen aufzubauen. Ich habe ein bisschen für euch recherchiert und hinter der Naturphilosophie steckt deutlich mehr als einfach nur ein gescheiterter Versuch, die Natur logisch zu erklären. Und auch die Naturwissenschaft ist nicht einwandfrei, sondern man könnte sogar sagen, dass sie gerade in einer kleinen Sinnkrise steckt. Brauchen wir nicht vielleicht sogar ein bisschen Philosophie in unserer Naturwissenschaft? Und wie viel ist zu viel?
Wo fängt Wissenschaft an?
Wir wollen aber nicht gleich zur antiken Naturphilosophie kommen. Damit ihr ein bisschen ein Gefühl für dieses Thema bekommt, möchte ich zuerst ein bisschen darüber reden, was wir als Naturwissenschaft wahrnehmen und bezeichnen. Denn allein diese Einordnung entsteht oft aus Arroganz und Unwissenheit über andere Arten, Wissenschaft zu betreiben. Hierfür können wir sogar bis ganz nach hinten zur Eiszeit gehen. Wenn man forscht, was Menschen in der Vergangenheit gedacht haben, ist man immer an die aktuellen, modernen Mittel gebunden, um die Ergebnisse zu deuten. Wir können inzwischen herausfinden, wann genau Menschen gelebt haben, wie alt ihre Knochen sind und können anhand ihrer Artefakte überlegen, wie ihr Alltag ausgesehen haben mag. Dabei geht man aber immer automatisch von sich selbst aus und denkt aus einer subjektiven Perspektive. Und hier entstehen viele Fehlinterpretationen. Was wir zum Beispiel zur Genüge von antiken Völkern überliefert haben, sind Mythen und Legenden. Da wir gelernt haben, dass man Wissenschaft von Religion zu trennen hat und jede Überschneidung wenig objektiv und rückschrittlich ist, sind wir dazu verleitet zu denken, dass frühere Völker ein weniger ausgeprägtes Verständnis für die Natur hatten als wir. Was eine festgefahrene Sicht auf die Welt, oder? Das ist ein Gedanke, der in der Zeit der industriellen Revolution immer weiter Verbreitung fand. Früher wären die Menschen primitiv und unzivilisiert gewesen und erst der technische Fortschritt hätte eine ordentliche Wissenschaft, Moral und sogar Intelligenz gebracht. Dabei existiert der Homo Sapiens schon sehr lange und die Völker, die wir „rückschrittlich“ nennen, waren es genauso wie wir. Und, nun, Physik, Biologie und Chemie sind schon nicht leicht, aber tun wir mal nicht so, als hätte es uns mehrere 1000 Jahre gekostet, herauszufinden, dass alles immer herunterfällt, wenn man es wirft. Die Menschen früher hatten ebenso eine Kultur wie Zivilisation und Wissenschaft. Dafür sind die alten Griechen ein Beispiel, die Ägypter und auch viele andere davor, die wir vielleicht noch nicht einmal kennen! Und dann gibt es ein weiteres Vorurteil aus dieser Zeit, das nicht stimmt. Seht ihr, als Europäer*innen waren wir so stolz auf unsere Schrift. Und besonders, als dann der Buchdruck kam, haben wir begonnen, das als Zentrum der Zivilisation zu sehen. Nur eine intelligente Gesellschaft, hieß es, würde die Weisheit besitzen, ihre Erkenntnisse in Schriftform festzuhalten, damit spätere Generationen sie nachlesen könnten. Geschweige denn, dass man eine solche Schrift überhaupt entwickeln könnte. Und natürlich, das ist eine große Leistung. Aber es ist weder das einzige Kennzeichen von Zivilisation, noch muss es überhaupt eins sein oder führt zwingend zu großen Erkenntnissen. Nur, weil eine Kultur ihr Wissen mündlich weitergibt, ist sie nicht gleich rückschrittlich. Im Gegenteil. Um eine Gesellschaft überhaupt auf der Basis von präziser mündlicher Weitergabe und gutem Gedächtnis zu basieren, bedarf es einer sehr komplexen Sprache und viel Training. Dort reicht es nicht einfach, kurz einmal nachzulesen, wie dieses und jenes der Natur funktioniert, sondern man muss es verstehen, verinnerlichen und speichern, weil es sonst verlorengeht.
Aber lasst uns etwas konkreter werden. Die Menschen der Eiszeit sind wahrscheinlich eine der ersten, über die wir irgendwelche konkreten Fakten haben. Was genau wissen wir denn über sie? Nun, es fängt schon einmal damit an, dass sie oft als „Höhlenmenschen“ bekannt sind, was schon eine etwas degradierende Bezeichnung ist, wenn man einmal darüber nachdenkt. Aber von ihnen haben wir sehr konkrete und beeindruckende Artefakte: Die Höhlenmalereien. Bilder von Tieren aus dieser Zeit, die an die Innenwände der Höhlen gemalt wurden, in denen sie wahrscheinlich gelebt haben. Und was ist die bekannte moderne Interpretation dieser Bilder? Richtig, sie sollen aus dem Aberglauben heraus gezeichnet worden sein, mehr Glück bei der Jagd zu bringen. Ich bin selbst kein Archäologe oder Historiker, deshalb möchte ich diesen Wissenschaftler*innen ihre Erkenntnis auch nicht absprechen. Aber diese Theorie riecht förmlich danach, dass es unvorstellbar scheint, dass eine so alte Gesellschaft bereits Näheres über die Natur hätte wissen können und all ihr Tun nur einfach Glaube gewesen sein muss. Wenn man sich aber die Malereien genauer anschaut, sind sie sehr detailliert und zeigen authentische Bewegungen der Tiere. Ohne die Künstler*innen dieser Epoche niederzumachen, aber im Vergleich mit einigen Bildern aus dem Mittelalter sehen sie sogar ziemlich fortschrittlich aus. Oder wenden wir uns den vielen Naturvölkern zu, die im Laufe der Jahrhunderte entdeckt wurden und die sogar noch häufiger als unterentwickelt bezeichnet wurden. Als die Siedler der neuen Welt im 15. und 16. Jahrhundert nach Amerika kamen, haben sie sich selbst für deutlich zivilisierter gehalten als die Ureinwohner des Kontinents und dachten teilweise sogar, sie würden ihnen einen Gefallen tun, indem sie die Länder bewirtschaften und modernisieren. Dabei gibt es einen Grund, wieso man Naturvölker so nennt. Oft hatten und haben sie ein deutlich ausgeprägteres Wissen und auch Gefühl für die Vorgänge in der Natur. Das sieht man zum Beispiel schon bei dem sehr differenzierten biologischen Vokabular und dem präzisen Wissen über alle möglichen Pflanzen. Da es oft keine Schrift gibt, wird bereits in der Erziehung das Gedächtnis stark trainiert und eine Nähe zur Natur in den Vordergrund gestellt. Je nachdem, wie man das messen will, könnte man sogar dafür argumentieren, dass die Menschen, die in diesen Stämmen aufwachsen, intelligenter waren als viele Mitglieder der damaligen westlichen Gesellschaften, weil sie sich für ihr Wissen auf keine Schrift verlassen konnten. Eine größere Nähe zur Natur ist ebenfalls nicht rückschrittlich, sondern im Gegenteil ein perfekter Weg, um sie besser zu verstehen. Und zu guter Letzt gab es eben die antiken Griechen, unter denen sich zum Beispiel Sokrates lange gegen die Schrift gewehrt hat, da er meinte, sie würde Erkenntnis nicht ausreichend abbilden und Wissenschaft externalisieren. Er meint damit, dass ein Buch eine sehr weit entfernte Art sei, auf eine Wissenschaft zu schauen und man sich eigentlich im Feld befinden müsste. Wenn wir über die Philosophie reden, bedeutet das, dass man nur im Gespräch mit Anderen wirkliche Erkenntnisse über die Moral machen kann und nicht alleine in seinem Zimmer zuhause. Deshalb hat auch Platon alle seine Theorien in Dialogform aufgeschrieben. Zwar eben in Schriftform, aber noch immer in Bewahrung dieser wertvollen mündlichen Tradition.
Dieses Kapitel ist nicht dazu da, verschiedene Arten der Wissenschaft gegeneinander auszuspielen. Die Schrift ist in der Tat eine große Errungenschaft und wir können auch stolz darauf sein, welche Erkenntnisse industrialisierte Gesellschaften gemacht haben. Ich glaube auch nicht, dass ich mit Sokrates übereinstimme, dass philosophische Erkenntnisse nur im Dialog gewonnen werden können. Das Kapitel soll aber zeigen, dass wir uns nicht zu schnell von diesem Fortschritt blenden lassen sollen. Wir haben einen Weg zur Erkenntnis gefunden, nicht den einzigen. Und es ist nicht plausibel, dass Menschen vor 2000 Jahren oder mehr so viel dümmer gewesen sein sollen, als wir es jetzt sind. Naturwissenschaft gab es schon immer und überall in der Geschichte kann man die Spuren davon sehen. Steigen wir also für diese Folge einmal vom hohen Ross unserer Naturwissenschaft und schauen, ob sie wirklich so perfekt ist, wie wir denken.
Die antiken Naturphilosophen
Also, nachdem wir diese Basis jetzt etabliert haben, reden wir doch einmal über die Naturphilosophie. Vor ungefähr 3000 Jahren gab es bei den alten Griechen nach dem Dichter und Mythenerzähler Homer immer mehr Menschen, die sich erklären wollten, wie die Welt eigentlich funktioniert. Später hat man diese Leute „Naturphilosoph*innen“ genannt. Der Hauptgrund, wieso man für sie nie die Bezeichnung „Naturwissenschaftler*innen“ verwendet hat, ist, dass sie bei ihren Erklärungen noch auf der Schwelle zwischen Mythen und rein rationaler Überlegung standen. Auch waren die Erkenntnisse damals weniger auf Experimenten und mehr auf logischer Erklärung basiert. Das ist zumindest für diese Folge der wichtigste Grund, auch wenn es natürlich noch andere gibt. Das wird auch gleich etwas deutlicher, wenn ich euch einmal einige Naturphilosophen vorstelle. Schauen wir uns einmal an, wen es damals so gab.
Der bekannteste und auch erste Naturphilosoph ist wahrscheinlich Thales. Da er so lange in der Vergangenheit liegt, ist es tatsächlich nicht ganz einfach zu sagen, was er genau gewusst hat und was ihm nur angedichtet wird. Das verliert sich etwas im Verlauf der Geschichte. Es gibt aber einige Dinge, die von so vielen Quellen berichtet und weitergesagt wurden, dass man sich darüber sehr sicher sein kann. Zum Beispiel soll er gesagt haben, die Sonne sei 720 Mal größer als der Mond. Das ist tatsächlich nicht extrem weit weg von der Wahrheit. Ich habe nachgeschaut und es sind ungefähr 400 Male, die die Sonne größer als der Mond ist. Auch die Einteilung des Jahres in 365 Tage sowie die der Monate in 30 soll ihren Ursprung bei Thales haben. Am bekanntesten ist aber seine Theorie, dass das Wasser der Urstoff der Welt sein soll. Laut dem Naturphilosophen war einst die gesamte Erde nur mit Wasser bedeckt gewesen, das dann an einigen Stellen getrocknet und dem Land Platz gemacht haben soll. Auch das gesamte Leben des Planeten soll ursprünglich im Wasser gewesen und dann an Land gekommen sein. Auch wenn selbst dieses den Urstoff nie ganz hinter sich gelassen hat, denn wir bestehen alle zu einem großen Teil aus Wasser und brauchen es zum Überleben. Man muss sagen, dass diese ganzen Beobachtungen sehr akkurat sind. Natürlich hat Thales als früher Naturphilosoph die Götter stark in seine Theorien mit eingebunden und Poseidon als Gott der Meere gestellt, sowie an die Unsterblichkeit der Seele geglaubt. Aber es lässt sich trotzdem nicht leugnen, dass er in astronomischer Hinsicht seiner Zeit ungemein voraus war.
Diese Idee, dass es einen Urstoff gab, der am Anfang von allem steht, hat sich in den Köpfen der Naturphilosophen gehalten und wurde weiter erforscht. So hat sich Anaximander die Frage gestellt, was denn eigentlich vor dem Wasser war, wenn es doch der Urstoff sein sollte. Dabei ist er auf das undefinierbare Unendliche gekommen, das all das Endliche, Definierbare zur Entstehung gebracht haben soll. Für ihn war die Erde rund und in der Mitte des Universums und die Sonne ein riesiger Feuerball, der den Mond anleuchtet. Auch hat er die Sonnenuhr und Stundenzählung vorangebracht. Nun, nicht alles komplett akkurat, aber Thales hatte dafür noch an eine flache Erde geglaubt.
Anaximenes meinte später, die Luft sei in Wahrheit der Urstoff und würde alles antreiben. Auch meinte er, die Sterne würden sich nicht über, sondern um die Erde bewegen.
Und dann gab es Anaxagoras, nach dem alles aus winzigen Teilchen besteht, die sich um einander bewegen und neu kombinieren. Die Bewegung auf der Erde wird angeregt, weil auf der Welt Schweres nach unten sinkt und Leichtes nach oben steigt. So würde das Wasser unten liegen, dann die Erde, dann würde die Luft nach oben steigen und das Feuer auch. Und das wäre eine ständige Wechselwirkung, die alles antreibt.
Und schließlich gab es Parmenides, der vollends von den Göttern abgerückt ist und komplett im luftleeren Raum versucht hat, nach einem Ursprung für die Welt zu suchen. Doch er wurde nicht fündig und liefert nur eine sehr allgemeine Theorie über das Sein und Nicht-Sein, die hier zu viel Raum einnehmen würde.
Man sieht also, dass selbst in einer Erklärung mit Göttern zutreffende naturwissenschaftliche Erkenntnisse gemacht werden konnten. Thales hat durchaus geglaubt, dass die Götter für das Wetter, die Sonne und die Meere verantwortlich seien. Und natürlich hatte er auch verschiedene Fehler in seinen Theorien: So ist die Erde zum Beispiel nicht flach und auch die Sonne nicht so viel größer als der Mond, wie er gesagt hat. Aber denkt daran, dass das Wissenschaft aus fast tausend Jahren vor Christus ist. Ohne Messgeräte oder Teleskop. Und dann kommen trotzdem Dinge heraus wie die korrekte Einteilung des Jahres oder die Nennung des Wassers als Element, aus dem das Leben ans Land gekommen ist. Eine Theorie, die auch heute noch, zumindest in Bezug auf die Tiere, vertreten wird.
Die Krise der Naturphilosophie
Man muss aber trotzdem sagen, dass Thales´ Erklärung der Welt nicht sehr anders ist als die des Homer vor all diesen Jahren. Dieser war natürlich kein Naturphilosoph und hat alles auf Basis des Göttlichen erklärt. Trotzdem hat auch er schon von den großen Meeren gesprochen und dem Land, was sie schließlich hervorgebracht haben. Dem Himmel Uranos, der sich über die Erde Gaia spannt. Und wenn wir uns die Naturphilosophen nach Thales anschauen, nehmen ihre Forschungsergebnisse an Plausibilität eigentlich immer mehr ab. Sei es das Undefinierbare als Urstoff oder gar die Luft, die weniger Sinn zu ergeben scheint als das Wasser. Und bei Parmenides war es schließlich überhaupt nicht mehr möglich, wirklich festzulegen, woher alles kam. Das hatte sicher viele Hintergründe, aber einer davon war die Annahme, dass eine Forschung objektiver und wahrer werden würde, wenn sie sich weiter von nicht-bestätigten Mythen und Göttern entfernt. Eigentlich ein sehr logischer Gedanke. Aber was nimmt man als Grundlage, wenn man als Naturforscher mit nichts als seinem Gehirn und ohne Vorannahmen etwas herausfinden will?
Mit der Entstehung der Philosophie, also der Wissenschaft im Allgemeinen, beginnt sich der Mensch in seiner Beziehung zur Natur zu verändern. Wir begriffen uns plötzlich viel mehr als äußere Beobachter des Ganzen, die der Umwelt irgendwie ihre Geheimnisse entlocken muss. Wir waren nicht mehr Teil eines Systems, das um uns herum fließt und in das wir eintauchen können, wie es die Naturvölker tun. Auch waren wir nicht mehr von Göttern geschaffen und gewollt, wodurch alles eine gewisse Logik hatte. Nein, wir waren nur einfach irgendwelche Wesen auf diesem merkwürdigen und fremden Planeten, die ganz allein nach Antworten suchen mussten. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, wurde der Wissensbegriff auf einmal richtig anspruchsvoll. Man brauchte fortan für jede Aussage bestätigte Fakten, die sie stützen konnten. Jeder Satz konnte nur als wahr gelten, wenn gar kein Zweifel an seiner Wahrheit sinnvoll geäußert werden konnte. Ein Anspruch, der, wie Sokrates etwa 500 Jahre später zugibt, zu hoch und nicht erfüllbar ist. Naturwissenschaft war allgemein etwas geworden, das den Wenigen vorbehalten war, während sich der Rest der Menschheit besser keine Gedanken mehr darüber machte. Es war zu kompliziert, zu weit vom Leben weg. Immerhin hatten Sokrates und die Sophisten es geschafft, die Philosophie wieder salonfähig zu machen. Und natürlich ist diese ganze Entwicklung nicht nur schlecht. Der Mensch konnte sich von der Natur befreien, in seiner eigenen Zivilisation leben und das Notwendigste an einige schlaue Gelehrte abgeben. Auf der anderen Seite haben wir damals aber auch unsere Wurzeln und den Platz auf der Erde verloren. Denn während wir bis dahin eng mit der Natur verwoben waren und uns als Teil des Systems verstanden haben, waren wir plötzlich fremd auf unserem eigenen Planeten. Und da wurden natürlich Sinnfragen laut, die dann wiederum die Philosophie angegangen ist. Ihr seht, es ist die klassische Geschichte der Menschheit, die sich von der Natur in ihre eigene Welt begibt. Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Art, über die Natur zu denken und was über sie gewusst wird. Deshalb betone ich auch an dieser Stelle gerne wieder, dass die Erkenntnisse der modernen Welt nicht unbedingt an sich mehr wert sind als die in der Zeit der frühen Antike oder davor. In jedem Fall befand sich die Naturphilosophie jetzt aber, wie die Philosophie, in der Krise, ihrem Wissensanspruch gerecht zu werden. Wie erklärt man etwas, wenn man noch nicht einmal den Beginn davon kennt und nichts Beweisbares findet? Der Götterglauben der Vorsokratiker mag rückschrittlich wirken und nicht auf Fakten basiert, aber er hat zumindest einen erklärbaren Rahmen für naturwissenschaftliche Erkenntnisse geschaffen. Parmenides ist ein gutes Beispiel für einen Naturphilosophen am Ende einer langen Reihe, der schließlich ganz ohne Götter am Wissensprinzip scheitert, ebenso wie es Sokrates in der Philosophie tut. Und damit haben wir die Krise der Naturphilosophie: Wie entlockt man der Natur ihr Geheimnis? Wo kommt alles her und wie hängt alles zusammen?
Aristoteles
Aristoteles ist bei der Entwicklung der Naturwissenschaften eine wahre Zäsur in der Geschichte der alten Griechen. Er ist nicht nur als bekannter Philosoph, sondern auch als der erste wirkliche Biologe bekannt. Aristoteles hat als erster nach den Vorsokratikern verstanden, dass die Naturphilosophie eine neue Richtung und Forschungsmethoden braucht, ohne jedoch die alten zu verbannen. Immerhin haben sie richtige Erkenntnisse über die Planeten und den Kalender gebracht. Dennoch hat die Praxis, die Nähe zur Natur und die Erklärung des gesamten Systems gefehlt. Also hat er sich ins Feld begeben, Pflanzen selbst angeschaut und Experimente gemacht. Alles aber auf der Basis einer soliden und sich immer bestätigenden Naturtheorie. Aristoteles´ Verständnis der Natur war, dass sich alles bewegt, weil es von etwas angestoßen wird. Das ist seine Bewegungstheorie, von der ich schon öfter gesprochen habe. Alles, was wir kennen, sind bewegte Beweger, die durch einen Impuls angestoßen werden, sich auf eine gewisse Weise verändern und einen weiteren Impuls an die Außenwelt weitergeben. Kausalität könnte man das auch nennen. Aber es geht noch weiter: Jedes Ding hat eine Substanz, eine gewisse Form und Eigenschaften. Und wie die Bewegungskette funktioniert, ist, dass etwas mit einer gewissen Eigenschaft auf etwas anderes einwirkt, bis es eben diese Eigenschaft annimmt und später potenziell weitergibt. Zum Beispiel beinhaltet ein Blitz extreme Hitze, die er bei einem Gewitter an einen Baum weitergeben kann, der daraufhin Feuer fängt. Steht er einmal in Flammen, kann der Blitz aber nicht mehr sehr viel tun, denn nun besitzt er die Eigenschaft der Hitze schon. Dieses Feuer nun kann sich verbreiten und auf andere Gegenstände übertragen werden, insofern es nicht durch Wasser gezwungen wird, eine kühle Eigenschaft anzunehmen. Ergo, wenn das Feuer gelöscht wird, etwa durch Regen. Und auch dieser kann den Baum nicht mehr weiter nass machen, wenn er durch einen Schauer bereits komplett durchnässt ist. Ihr seht, diese Weltsicht kommt komplett ohne Götter aus und ist ein komplett logisches und geschlossenes System. Das bedeutet nicht, dass es sich immer genau so verhalten muss oder man nicht weiter über Kausalität diskutieren kann. Aber dieses Theoriegebäude hat jede Erkenntnis einordnen können und auch endlich das Problem über die Entstehung der Erde lösen können. Zwar hat Aristoteles darauf keine konkrete Antwort, aber er redet von einem ersten Impuls, der alles angeschlagen haben muss, einem unbewegten Beweger. Und damit muss nicht weiter darüber nachgedacht werden. Dann hat er aber auch erkannt, dass man aus diesem Theorem allein nicht genau wissen kann, welche Pflanzen und Tiere es gibt und wie sie sich genau verhalten. Dafür muss man sich eben nach draußen begeben und nachschauen. Also hat er auf dieser Basis Experimente gemacht und mit ihnen immer wieder abgeglichen, dass sein Grundbild funktioniert. Nun, und es steht noch bis heute. Das war – zumindest nach dem Philosophen Paul Feyerabend, den ich für diese Ausführungen heranziehe – der Hochpunkt der Naturphilosophie und richtigen Art, Naturwissenschaft zu betreiben: Top-down.
Naturwissenschaft
Der Begriff der Naturwissenschaft wurde im späteren Jahrtausend, besonders im Kontrast zur Naturphilosophie, immer populärer. Wie ich schon zu Beginn der Folge erzählt habe, fand man die Naturphilosophen allesamt zu wenig objektiv, zu sehr fokussiert auf Götter und zu wenig auf die Wahrheit. Und da Aristoteles so viel Erfolg mit seinen Experimenten hatte, wurde das gegen Ende des Mittelalters und Anfang der Neuzeit immer weiter vorangetrieben. Feyerabend sagt, dass es der modernen Naturwissenschaft an einem Fundament fehlt. Denn es wurden immer öfter Experimente gemacht und die philosophische Theorie als veraltet und nicht zeitgemäß betrachtet. Naturphilosophie sollte ein rein intellektuelles und distanziertes Fach sein, während die Naturwissenschaft die eigentlichen Erkenntnisse aus der Natur gewinnt. Aber es ist nicht zielführend, ohne irgendeine Grundlage einfach mal so dahinzuforschen. Wo ist die Legitimität eines Experiments, wenn man gar nicht weiß, wieso man es genau macht und ob man dem Ergebnis trauen kann. Wird es sich wiederholen? War es ein Einzelfall? Wie viele Experimente muss man machen, bis man das Ergebnis als Fakt bezeichnen kann? Wenn man bottom-up forscht, macht man zuerst irgendwelche Experimente, spinnt daraus Theorien, wie es sich allgemein verhalten könnte und sucht daraufhin auf den Kern zu kommen, der alles zusammenfasst. Aber dieser Weg ist voll von Mutmaßungen, logischen Fehlschlüssen und Sackgassen. Das muss man dann ja auch immer wieder tun und kann seine Feldforschungen gar nicht unter einen Hut bringen.
Die Naturwissenschaft befand sich, zusammenfassend gesagt, in einem gewissen Chaos. Und das soll übrigens nicht bedeuten, dass sie nicht erfolgreich war. Klar hat die moderne Technologie, viele engagierte Menschen und viel Zeit dazu geführt, dass man etwas über die Natur herausgefunden hat. Aber Feyerabend behauptet, dass man Galileis Erkenntnis über die Sonne, die den Mittelpunkt des Sonnensystems darstellt, viel früher über eine geordnetere Wissenschaftsmethodik hätte machen können. Die Griechen hatten damals gerade ihren Kopf und waren im Grunde fast da. Das Problem ist, dass das aristotelische Gleichgewicht gebrochen wurde. Es wird der Erfahrung und den Beobachtungen viel zu viel Legitimität eingeräumt und dem rationalen Geist zu wenig. Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass man die Natur eher versteht, wenn man sie anschaut, als wenn man über sie nachdenkt. Aber schon Descartes hat richtig gemeint, dass man den Sinnen eigentlich nicht grundsätzlich trauen sollte. Man muss wissen, warum man Experimente macht, wie man die Ergebnisse einordnen kann und was sie bedeuten. Kausalität können wir nicht beobachten. Es passiert eine Sache und dann eine andere - das ist, was wir haben. Unser Gehirn aber sieht einen Zusammenhang, der vielleicht umstritten sein mag und nicht immer existiert, aber in gewissen Fällen eine große Hilfe ist. Aristoteles´ Bewegungskette schafft es immer, alles, was auf der Welt passiert, in einen großen Zusammenhang einzuordnen, sodass man sich ganz auf die Feldforschung konzentrieren kann. Stattdessen geht der Trend immer mehr in die Richtung, Philosophie und Naturwissenschaft gänzlich zu trennen und von den beiden Hälften die Eine gänzlich ihrem Denken und die Andere ihrer Praxis zu überlassen. So verkopft der Eine und verliert sich der Andere. Letzten Endes funktioniert der naturwissenschaftliche Rationalismus in seiner Reinform nicht, weil er sich zu sehr von der Welt entfernt und am Ende irgendwelche Mythen oder ähnliche Annahmen braucht, um irgendetwas zu erklären. Eine reine empiristische Naturwissenschaft hat aber dafür kein Fundament und damit keine Legitimität, irgendwelche regelhaften Aussagen über die Natur zu treffen. Und wir brauchen ja schon irgendwann Naturgesetze, um zu verstehen, wie alles zusammenhängt.
Die Universalwissenschaft
Ähnliche Worte hatte bereits Hegel in seiner Kritik der Wissenschaft gefunden. Er sieht den Menschen in der Rolle eines Widersachers zur Natur, der ihr ihr Geheimnis entlocken will. Ein paradoxes Unterfangen, weil wir als Teil derselben die Antwort bereits in uns haben. Wir versuchen der Natur Gesetzmäßigkeiten zu unterstellen und sie in Messungen festzuhalten. Alles muss in das Schema der notwendigen und hinreichenden Bedingungen passen. Dabei gibt es, wie es in der Mathematik gezeigt werden soll, eigentlich keine Länge, Breite oder Höhe. Raum ist im Grunde nur einfach Raum. Wir haben zufällig eine dreidimensionale Betrachtungsweise und begonnen, verschiedene Abschnitte so und so zu benennen und festzulegen. Auch die Zeit, wie wir schon einmal in diesem Podcast diskutiert haben, ist eine menschliche Erfindung, da wir sie nicht wirklich aus dem Universum entnehmen können. Für uns ist einfach eine Umrundung der Erde um sich selbst ein Tag und eine um die Sonne ein Jahr. Aber es gibt weder einen bekannten Anfang noch ein Ende dieses Kreislaufs. Was also wäre die Zeit überhaupt? Aber dennoch hat die Natur natürlich eine gewisse Logik, das kann man nicht leugnen. Ebenso ist sie auch zufällig in ihrer Entstehung und Entfaltung. Wenn wir uns Darwin anschauen, ist es komplett willkürlich, welche Lebewesen an die sich ständig wechselnden Umstände am besten angepasst waren und sich fortpflanzen konnten. Teilweise war es auch einfach Zufall, der eine bestimmte Tierart am Leben gelassen hat, während eigentlich stärkere Wesen ausgestorben sind. Was soll da eine Regel des Seins sein? Und da sind wir Menschen nicht anders, nicht wahr? Auch wir sind uns nicht wirklich sicher, warum wir hier sind und was wir machen. Dennoch gibt es Regeln in unserem Tun, die sich auf das Überleben richten und nachgemessen werden können. Auf der anderen Seite ist das jedoch wieder paradox, weil wir dieses Überleben gar nicht begründen oder erklären können.
Kurzum: Wenn man Wissenschaft aus der Ferne mit einem Blick auf die Natur betreibt, muss man wissen, womit man es zu tun hat. Man kann gewisse Dinge erklären, andere wieder nicht und für wieder andere braucht man eine neue Perspektive. Die Natur zu verstehen, bedeutet, den Menschen und am Ende alles zu verstehen. Deshalb ist es merkwürdig, dieses Gebiet einfach als Naturwissenschaft abzuschreiben und sich sonst nicht damit zu beschäftigen. Ebensowenig sollte man Natur einfach nur getrennt und an und für sich betrachten, ohne sich über den Menschen Gedanken zu machen. Wir sind auch Natur. Die alte Zerteilung der Philosophie in diese vielen anderen Wissenschaften hatte schon ihre Vorteile. Man konnte differenzierter und spezialisierter Erkenntnisse erlangen und sich auf gewisse Felder konzentrieren. Aber ist das wirklich nur praktisch? Was bedeutet denn „Spezialisierung“? Wir haben ja nicht die Wahrheit aufgeteilt, nur die Wissenschaften. Aber Wahrheit gibt es am Ende nur eine und alle suchen weiterhin danach. Das soll nicht heißen, dass man in allen Gebieten der Wissenschaft ein Experte und damit Universalgelehrter sein muss. Aber laut Hegel muss man sein Instrument eben kennen, bevor man es benutzt. Alle Naturwissenschaftler*innen brauchen zumindest einen gewissen philosophischen Blick auf die Welt, um ihre Ergebnisse tatsächlich einzuordnen und auch zu wissen, was sie tun. Sonst hat man nur eine Philosophie, die praxisferne allgemeine Sätze liefert und eine Naturwissenschaft, die schier endlose, aber unzusammenhängende Studien und Experimente ausspuckt, die niemand einordnen oder bestätigen kann.
Endstand
So, fassen wir einmal zusammen. In dieser Folge wollten wir uns die Frage stellen, was „Naturphilosophie“ eigentlich ist. Und da wollte ich gleich zu Anfang mit ein paar Klischees über andere Arten, Naturwissenschaft zu betreiben, aufräumen. Allen voran mit dem, dass die moderne empirische Naturwissenschaft der Industriestaaten die einzige wäre, die verlässliche und wahre Ergebnisse bringen würde. Das lässt zum einen aus, dass antiken Völker in der Geschichte sehr treffende naturwissenschaftliche Erkenntnisse gemacht haben und schaut auch auf etwaige Naturvölker herab, die die Natur von innen heraus studiert haben. Die Schrift ist kein Zeichen von höherer Intelligenz oder Zivilisation, sondern nur einfach eine simple Alternative zu den gedächtniszentrierten Methoden anderer Völker. Wissen ist Wissen, egal, wie es weitergetragen wird.
Aber dann wollten wir endlich einmal über die sogenannte Naturphilosophie sprechen, die ihren Anfang bei den antiken Griechen hatte. Zumindest unter diesem Namen. Auch sie sieht sich dem Vorurteil gegenüber, nur mit Göttern zu funktionieren und wenig akkurat zu sein. Aber wenn man sich Vorsokratiker wie Thales, Anaximander oder Anaxagoras anschaut, sind da trotz Göttern sehr viele astronomisch korrekte Erkenntnisse dabei. Und man muss sich vorstellen, dass diese Leute fast nur mit rein logischem Denken und Mathematik dorthin gelangt sind! Und das trotz ihrem Glauben, teilweise sogar deswegen. Zwar wussten sie genauso wenig wie wir mit Sicherheit, woher das Universum eigentlich kam, aber dank der Götter hatten sie zumindest ein geschlossenes System und eine letzte Erklärung für alles, auf der sie aufbauen konnten. Später wollte man aber immer weiter weg von den Mythen gehen und sich nur vollständig verifizierbaren Fakten widmen. Und dabei ist Parmenides schließlich gescheitert, der zwar sehr gut philosophiert hat, aber naturphilosophisch keine Antworten mehr finden konnte.
Und dann kam Aristoteles, der versucht hat, der Naturphilosophie einen neuen Anstrich zu geben. Das hat er geschafft, indem er sich die Welt über eine Kausalkette erschlossen hat, in der jedes Ding seine Eigenschaft an ein anderes weitergibt, bis es sie übernimmt oder sie vollends verloren geht. Alles erhält einen Impuls und leitet diesen weiter, wodurch jedes Glied angestoßen wird. Am Ende führen alle Fäden zu einer unbekannten Entität zusammen, die diese Bewegungskette begonnen hat. Obwohl Aristoteles keinen Beweis für diese Entität hatte, funktioniert diese Theorie einfach, weil sie in sich geschlossen und logisch erklärbar ist. Und für alle Erkenntnisse, die weiter ins Detail gehen, ist Aristoteles ins Feld gegangen und hat geforscht. Das Ergebnis ist eine sehr breite Sammlung biologischer Funde und Zusammenstellungen. Das war der Moment, als die Naturphilosophie die perfekte Mitte zwischen Empirie und Theorie gefunden hat.
In den späteren Zeiten wurde die theoretische Rolle der Naturwissenschaften jedoch leider immer weiter außer acht gelassen und Experimente wurden modern. Es hieß, dass der Mensch nicht so viel nur über die Natur nachdenken sollte, sondern einfach mal rausgehen und sie anschauen. Neuere Technologie machte das so einfach, dass Galilei im Grunde einfach nur hinaufschauen musste, um zu sehen, wo welche Planeten stehen. Nun, sehr polemisch ausgedrückt. Ich möchte sein Werk auch nicht schlechtreden. Natürlich wurden auf diese Weise wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Aber ohne eine einordnende Basis und ein theoretisches Fundament war die Naturwissenschaft ziellos und viel langsamer mit brauchbaren Ergebnissen. Von der riesigen Menge an gescheiterten oder nicht verwertbaren Experimenten ganz zu schweigen. Klar ist das ein Weg zum Ziel, aber dann dürfen wir, um diesen Bogen zu schlagen, auch nicht so arrogant sein, uns für die objektivsten und effizientesten Naturwissenschaftler*innen zu halten.
Hegel schließlich plädiert dafür, einen breiteren Blick auf die Natur zu richten. Nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch philosophisch. Allgemein sei diese Aufteilung der Wissenschaften arbiträr und nicht immer hilfreich. Man spezialisiert sich zu sehr auf ein Feld und verliert hunderte von Perspektiven, die man darauf auch haben könnte. Zumindest mit einem philosophischen Blick sollte man jede naturwissenschaftliche Forschung begleiten, um zu verstehen, was man überhaupt tut. Denn allein das Unterfangen, Erkenntnisse über die Natur gewinnen zu wollen, ist ein Paradoxon: Wir selbst sind bereits aus der Natur, verhalten uns aber, als wären wir deren Widersacher. Wie wir hat auch sie eine inhärente Logik, nach der alles abläuft. Gleichzeitig ist sie aber auch zufällig in ihrem Bestehen und Fortleben. Spätestens Darwin beweist, dass es teilweise nicht wirklich erklärbar ist, wieso eine Tierart besteht und eine andere verstirbt. Einige Dinge geschehen einfach. Und um diese Zweiteilung zwischen eindeutiger Bestimmbarkeit und Zufälligkeit zu verstehen, braucht es weit mehr als einen rein empiristischen und naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt.
Konklusion
Nun, was machen wir jetzt damit? Ich denke, ich sollte zunächst anmerken, dass Paul Feyerabend und Georg Friedrich Hegel hier teilweise etwas ungnädig mit den Naturwissenschaften sind. Es ist schon nicht so, dass alle Wissenschaftler*innen in diesem Feld ganz ohne theoretischen Hintergrund wild irgendwelche Experimente machen – es steckt schon ein gewisses System dahinter. Und auch Galilei war weit mehr als einfach nur ein Mann mit einem Teleskop. Aber trotzdem steckt auch viel Wahrheit in dem, was sie sagen. Wir behaupten gerne von uns, eine so objektive und unfehlbare Naturwissenschaft zu haben, die der von früher und anderer Kulturen weit überlegen sei. Aber wir vergessen dabei schnell, dass viele grundlegende Erkenntnisse bereits in Zeiten getroffen wurden, in denen an viele Götter geglaubt und nichts aufgeschrieben wurde. Oder sogar davor. Naturphilosophie ist das philosophische Verständnis zusammen mit der empirischen Forschung über die Natur. Aristoteles war jemand, der sie ganz besonders gut betrieben hat. Natürlich brauchen wir technische Mittel, um gewisse Erkenntnisse zu machen und viele Experimente kann man nicht einfach im Kopf lösen, sondern muss sie sich anschauen. Aber vergessen wir nicht, dass die Natur trotz allem eine gewisse Logik hat und wir schon viel Erfolg damit hatten, diese festzulegen und dann weiterzumachen. Wenn man schon diese Grundsatzforschung der Philosophie überlässt, sollte man sich zumindest vor seiner Forschung etwas damit beschäftigen und die Erkenntnisse einordnen. Eine Wissenschaft wird nicht zwingend dadurch akkurater, dass man sie zerteilt. Im Grunde ist sie weder mehr noch weniger akkurat, sondern eben einfach weniger zentral. Aber Wahrheit ist Wahrheit. Und nur, wenn Menschen sich zusammentun und viele verschiedene Perspektiven einnehmen, um eine Frage anzugehen, können wir der Natur ihr Geheimnis endlich entlocken.
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Also Freunde, vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal!
Quellen:
,,Naturphilosophie" - Paul Feyerabend
,,Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen" - Diogenes Laertius
,,Enzyklopädie der Wissenschaften" - Georg Friedrich Hegel
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