#52 Was ist Psychoanalyse?
Zusammenfassung
Was ist Psychoanalyse? Eigentlich ein ungewöhnliches Thema für einen Philosophiepodcast, aber lasst mich erklären. Für eine lange Zeit war es die Aufgabe der Philosophie, menschliches Verhalten zu erklären. Laut dem philosophischen Bild handelt jeder Mensch aus einem Wunsch heraus, einem Glauben, rationaler Überlegung, einer Meinung, Wissen und so weiter. Aber was ist mit Wünschen, die einander widersprechen oder gar keinen Sinn ergeben? Wieso sollte man zum Beispiel ein Verlangen danach haben, verletzt zu werden, auch wenn das einem nur schadet? Aus philosophischer Sicht ist das eben einfach irrational. Aber dann ist im 20. Jahrhundert mit Sigmund Freud plötzlich die Rede vom Unbewussten, das diese ganzen Modelle durcheinanderwirbelt. Was hat es damit auf sich? Das schauen wir uns in der heutigen Folge an.
Hallo und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Ja, frohes Neues, Leute - ich hoffe, ihr seid gut in 2025 angekommen! Hier habe ich gleich eine neue Folge zur Begrüßung für euch. Heute soll es um die Psychoanalyse gehen. Ein bisschen ein ungewöhnliches Thema für diesen Podcast, ich weiß. Immerhin ist die Philosophie etwas ganz anderes als Psychologie und ihr würdet euch wundern, wie viele Leute die beiden Wissenschaften trotzdem verwechseln. Ich wurde zumindest schon sehr oft gefragt, ob ich nun Philosophie oder Psychologie studiere. Man muss zugeben, dass die Namen auch sehr ähnlich sind. Aber es sind trotzdem verschiedene Worte: „Philosophie“ ist zum einen zusammengesetzt aus dem Altgriechischen Begriff „philos“, was Freund bedeutet. Oder, da hier die Wissenschaft selbst gemeint ist, kann man es auch als „Freundschaft oder Liebe zu etwas“ übersetzen. „Sophia“ ist die Weisheit, also bedeutet „Philosophie“: „Liebe zur Weisheit“. Das ist tatsächlich recht interessant, denn es nicht die „Sophologie“ oder gar „Sophistik“, was die Wissenschaft der Weisheit oder die Tätigkeit der Weisheit wäre. Die Sophisten sind euch vielleicht schon einmal in diesem Podcast begegnet, das waren die Leute, die den alten Griechen gegen Geld Unterricht in Philosophie und Politik gegeben haben. Und über die wurde gesagt, dass sie besonders weise wären und viel Wissen hätten – auch wenn Platon lange über sie hergezogen hat. Da erzähle ich etwas zu in meiner Folge über die Vorsokratiker, die 28, oder in der darüber, ob die Philosophie sich verändern muss – Nr. 31. In jedem Fall behauptet die Philosophie nicht, Wissen zu haben, sondern nur, es zu lieben. Und das passt irgendwie auch zu Sokrates` altem Spruch, dass alle unsere Erkenntnisse unwirklich und irrelevant sind. Gut, aber so viel dazu. „Psychologie“ nun setzt sich aus zwei ganz anderen Begriffen zusammen. Das erste ist das Wort „Psyché“ das so viel wie Seele oder Geist bedeutet. Und der „Logie“-Part, den man auch von anderen Wörtern kennt, kommt von „Logos“, der Logik, sinnvollen Rede, rationalen Überlegung oder einfach Wissenschaft. Es ist also einfach die Wissenschaft der Seele – etwas ganz Anderes.
Nun gut, wenn es so etwas anderes ist, warum reden wir dann darüber? Und wieso habe ich erst von der Psychoanalyse geredet und bin dann plötzlich zur Psychologie gesprungen? Die Psychoanalyse ist im Grunde eine Vorform der Psychologie, vom Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Wissenschaft noch nicht so sehr eine Naturwissenschaft war und eher mehr mit der Philosophie zu tun hatte. Psychoanalytiker*innen haben damals nach einem Weg gesucht, sich das menschliche Verhalten irgendwie zu erklären. Bis dahin gab es natürlich schon viele philosophische Theorien dazu, wie, dass alle Menschen zum Guten streben, dass der Mensch ein rationales Wesen ist und manchmal auch irrational handeln kann. Das mag zwar alles stimmen, aber wie erklären sich chronische psychische Krankheiten? Wie können Patienten ihr Verhalten komplett rational erklären und geordnet abhalten, obwohl es eigentlich überhaupt gar keinen Sinn ergibt? Oder die sogenannte Akrasie, wie sie Aristoteles schon genannt hatte: Willensschwäche oder das Handeln wider besserem Wissen. Wie kann es sein, dass Menschen ein rationales Urteil getroffen haben, das womöglich sogar befolgen wollen, es aber trotzdem nicht tun? Und dann sogar regelmäßig? Da gibt es natürlich viele Theorien: Man kann sie einfach als willensschwach bezeichnen oder vielleicht haben sie auch konkurrierende Urteile getroffen, aber so eine wirkliche Erklärung liefert die Philosophie nicht. Mit der Psychoanalyse kommt die Frage nach dem menschlichen Verhalten noch einmal auf und liefert ein komplett neues Menschenbild. Was also hat es mit dieser neuen Strömung auf sich? Und was können wir Philosoph*innen vielleicht sogar von ihr lernen?
Das Unbewusste
Wenn man über die Psychoanalyse spricht, muss ein Name unbedingt fallen: Sigmund Freud. Ihn kann man mit Recht als den Begründer dieser Strömung bezeichnen. Schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts hat er versucht, herauszufinden, was es mit uns Menschen auf sich hat. Wie schon gesagt, ist es doch eigentlich komisch, dass man regulär irrational handelt, teilweise sogar wider besserem Wissen. Warum sollte man das überhaupt tun, wenn man doch ein Bewusstsein hat? Freud ist jemand, der seit seinem Auftreten viel verlacht wurde und auch widerlegt. Man muss schon auch zugeben, dass einige seiner Theorien etwas weit gehen. Was ihn aber dennoch so genial macht, ist, dass er einer der ersten war, der im ganzen Sinne des Wortes von einem Unterbewusstsein ausgegangen ist. Das war damals noch ganz neu! Klar, man kann man mal Sachen vergessen oder Wünsche haben, die man sich nicht direkt erklären kann, aber ein gesamtes zweites Innenleben im Gehirn, das sich abspielt und wir gar nicht bemerken, davon ist niemand ausgegangen. Und wie gesagt, hatte die Philosophie unser Verhalten auch schon ausreichend erklärt: Es gibt Wissen, Meinen, Wünschen und Glauben. Alles, was wir empfinden, gehört in eine der Kategorien und ist entweder rational oder irrational. Wenn wir rational handeln, ist es aus einer guten Überlegung heraus, wenn irrational, liegt es an einem Fehler oder anderen bewussten Wünschen, die dagegenstehen.
Aber, fragt Sigmund Freud, ist es wirklich so einfach? Was ist, wenn man ein Vorstellungsgespräch bei einem Beruf hat, den man unbedingt haben will und es schüttet wie aus Kübeln? Dann wirft man sich seine Jacke über, zieht dichte Schuhe an und geht trotzdem los, denn man will es ja nicht verpassen. Diese Person läuft dann also los und merkt aber plötzlich, dass sie ihren Regenschirm vergessen hat! Jetzt könnte man sagen, dass das eben ein dummer Fehler war, passiert. Aber wenn das Gespräch wirklich so wichtig war und man sich so lange darauf gefreut hatte? Vielleicht die Nervosität. Aber was ist, wenn die Person sich zwar ärgert, aber es schnell doch gar nicht so schlimm findet. Und sie mag sich wundern, bis sie herausfindet, dass sie diesen Job vielleicht doch gar nicht so sehr gewollt hatte, wie sie dachte. Ist es möglich, dass sie den Regenschirm genau deshalb liegen gelassen hatte? Das ist das Unterbewusstsein. Vielleicht kam irgendein spontaner, unbewusster Wunsch dazwischen und hat es verhindert. Und auch bei anderen Handlungen scheint irgendwer Unsichtbares mitzumachen. Wie kann man sonst erklären, dass man Angst vor einer Präsentation hat, die man aber unbedingt halten will? Wie erklärt sich ein schlechtes Gefühl gegenüber einer Person, die man eigentlich mag? Das Unterbewusstsein ist im Grunde wie ein zweites Ich, das uns innewohnt.
Das ist natürlich schön und gut, aber wie beweist man das? Wieso sollte die bisherige Erklärung für das menschliche Verhalten nicht wahr sein? Und genau das ist Psychoanalyse: Man versucht, durch analytische Methoden, Beobachtung und Herleitung, menschliches Verhalten irgendwie zu erklären. Der größte Beweis dafür, dass wir ein Unterbewusstsein haben, ist, dass wir manchmal Wünsche haben, die uns überhaupt nicht logisch vorkommen und wir auch gar nicht haben wollen. Am Offensichtlichsten ist das bei sexuellen Präferenzen. Deshalb auch Freuds riesige Obsession mit diesen Themen. Wenn eine Person in ihrer Vergangenheit mit gewissen Menschen wie zum Beispiel den Eltern ein schlimmes Erlebnis hatte und traumatisiert ist, geschieht es teilweise, dass unterbewusst im Dating-Leben nach Menschen gesucht wird, die ähnliche Eigenschaften haben wie diejenigen, die das vergangene Trauma ausgelöst haben. Das ist so gegensätzlich zu dem, was jeder klar denkende Mensch wollen würde, dass man das nur dem Unterbewusstsein anheften kann. Das ist kein einfacher Urteilsfehler, denn man weiß sehr wohl, welche Menschen man eigentlich meiden sollte. Es ist auch kein Vergessen oder etwas, das man nicht so bedenkt, denn diese Personen leiden darunter und denken wahrscheinlich eher zu viel darüber nach. Das Wichtige ist hierbei, sich dessen bewusst zu werden. Zuerst, dass man diesen Wunsch irgendwo tief in sich drin hat, ihn aber aus der Vernunft heraus nicht will und es auch gar keinen rationalen Grund dafür gibt. Und dann kann man beginnen, etwas dagegen zu tun. „Wo es war, soll ich werden“, sagt Sigmund Freud dazu. Dieses Unterbewusstsein kann ziemlich gruselig sein, mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, die ganz unbemerkt unseren rationalen Geist beeinflussen und ihn Dinge tun lassen, die wir gar nicht wollen. Das ist wie so eine Anomalie in unserem Körper, die Freud deshalb oft mit „es“ bezeichnet. Unser Bewusstsein dagegen, die rationale Überlegung und unsere Persönlichkeit, das ist das „Ich“. Jetzt ist es aber so, dass wir mit dem Unterbewusstsein zusammen einen Körper und einen Menschen bilden und nicht einfach einen Teil davon weglassen können. Wir müssen also unser Unterbewusstsein, oder zumindest die wesentlichen Teile davon, in unser Bewusstsein holen, damit steuern und unserem Willen beugen. So erlangen wir die Kontrolle über uns selbst und können ein gutes Leben führen.
Das ist nämlich eine weitere Implikation von Freuds Theorie: Wir sind gar nicht wirklich frei. In der Philosophie hieß es bis dahin immer, dass der Mensch ein freies Wesen ist. Hier gibt es die Unterscheidung zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit, wie bei Harry G. Frankfurt. Wenn euch das Thema mehr interessiert, könnt ihr gern zur 10. Folge gehen, da rede ich mehr darüber. Um es aber kurz ein bisschen zusammenzufassen: Wer handlungsfrei ist, kann tun, was er will. Ein ganz basales Beispiel: Du hast Hunger und willst essen. Vor dir liegt ein Teller mit etwas zu Essen drauf, das dir gehört, nicht schlecht ist und du hast auch genug Zeit. In diesem Moment bist du in der Hinsicht handlungsfrei, dass du tun kannst, was du willst: essen. Diese Art von Freiheit ist nicht nur den Menschen vorbehalten: Auch Tiere können sie haben. Die Willensfreiheit ist jetzt aber der Knackpunkt, denn die gibt es nur bei den Menschen. Ihr seid willensfrei, wenn ihr wollen könnt, was ihr wollt. Ein beliebtes Beispiel ist eine Person mit Übergewicht, die abnehmen will: Natürlich hat auch sie einen Instinkt, zu essen, der durch das Übergewicht vielleicht sogar etwas stärker ist. Dennoch existiert auch der Wille, abzunehmen, der darüber steht, weil er bewusst und aus rationalen Gründen getroffen wurde. Wenn nun die Person entscheidet, tatsächlich weniger zu essen, um dem nachzukommen, ist sie willensfrei, denn sie hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, etwas zu wollen. Für die Philosoph*innen gibt es immer basale, körperliche Begehren und rationale Wünsche, die tatsächlich gewollt werden. Wir machen uns immer einen gewissen Handlungsplan und bauen uns daraus unseren Willen zusammen. Hier würde Freud aber widersprechen, denn diese Beschreibung menschlichen Verhaltens lässt viel zu viel aus. Sie tut so, als gäbe es zwei getrennte Bereiche, die unabhängig voneinander wären: Den Körper und den rationalen Geist. So ist es aber nicht. Wie wir eben geklärt haben, ist es das Unterbewusstsein, das unseren Geist überhaupt erst dazu motiviert, in bestimmte Richtungen zu denken und Schüsse zu treffen. Damit ist jeder rationale Schluss und Wunsch am Ende auch nur das Ergebnis eines Willens, der von unten kommt. Die Person will vielleicht abnehmen, weil sie bei anderen Menschen gut ankommen will oder ihr Äußeres ganz einfach nicht mag. Das Unterbewusste hat seinen eigenen Willen und steuert uns insgeheim ganz alleine. Das ändert auch die gesamte philosophische Perspektive, weil plötzlich nicht wir willensfrei sind, sondern unser Unterbewusstsein. Das Gehirn, sagt Freud, ist wie ein großes Haus, von dem fast alle Zimmer unbeleuchtet sind. Nur ganz oben im Dachgeschoss, wo der Hausherr wohnt, brennt ein Licht – das ist unser Bewusstsein und der Part, den wir kennen. Alles Andere ist aber dunkel und unerforscht. Deshalb noch einmal sein Appell: Lernt euch selbst und das Unterbewusstsein kennen, lernt eure Wünsche, lernt, sie zu steuern und es kann im ganzen Haus Licht brennen und wirkliche Freiheit herrschen.
Traumdeutung
Jetzt haben wir sehr viel über das Bewusstsein und Unterbewusstsein geredet, aber es ist immer noch sehr abstrakt. Irgendwie gibt es da etwas, das unsere Art zu denken lenkt, ohne, dass wir es merken und auch kaum erforschbar ist. Es gibt noch nicht einmal einen Beweis dafür, dass es existiert! Alles, was wir haben, sind abstrakte Hinweise über Menschen, die gemäß einem vergangenen Trauma handeln und wider besseren Wissens gewisse Muster verfolgen. Das mag sehr real sein, betrifft aber nicht alle. Wie können wir uns sicher sein, dass wir alle so eine Art von geteilter Persönlichkeit haben? Nun, es gibt ein Phänomen, dass bei jedem Menschen auftritt und Philosoph*innen bis zur Psychoanalyse nie wirklich erklären konnten: Träume. Jede Nacht schließen wir die Augen und sehen uns den merkwürdigsten Dingen gegenüber. Alle Regeln der Kausalität, von Raum und Zeit machen, was sie wollen und nichts davon ergibt wirklich einen Sinn. Mal gibt es auch realistischere Träume, aber meistens merkt man beim Aufwachen sofort, dass man gerade einen Traum hatte. Woher genau kommt das? Freud sagt, dass das Gehirn Dinge verarbeitet, die einem über den Tag und auch sonst im Leben passiert sind, Gedanken, die man sich gemacht hat und Wünsche, die man hat. Und hier wird es wichtig: Der Traum ist die Zeit, in der uns das Unterbewusstsein so nah ist, wie sonst nie! Es werden eigene Bilder projiziert und man sieht die Welt aus einer vollständig subjektiven Perspektive. Wenn man diese Träume irgendwie analysieren und deuten könnte, würden sie einem sehr viel über einen selbst verraten. In ihnen steckt alles. Vor allem zeigen sie einem, was man wirklich will.
Sigmund Freud erzählt sogar von einem eigenen Traum. In dieser Zeit hatte er eine Patientin bei sich, Irma, aus der er wirklich nicht schlau wurde: Ihr ging es die ganze Zeit schlecht und es war klar, dass ihr Problem ein psychisches war, das er eigentlich behandeln können müsste, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Eines Tages schläft der Psychoanalytiker ein und träumt von einer großen Halle, in der er viele Gäste empfängt, darunter auch seine Patientin Irma. Auch im Traum ist er sofort frustriert, weil er daran denken muss, dass sie noch immer Schmerzen hat, er ihr aber einfach nicht helfen kann. Nicht nur liegt sie ihm damit jetzt in den Ohren, ihre Symptome nehmen sogar noch zu: Irma ist am Bauch mehr und mehr aufgedunsen, es springen Wunden auf, an denen sich schnell Schorf bildet und andere Anomalien an ihrem Körper werden sichtbar. Das ganze verwandelt sich sehr schnell in einen Albtraum. Freud möchte aber trotzdem helfen und ruft Dr. M herbei, der aber selbst hinkt und sehr bleich ist. Dieser bestätigt aber, dass Irma sehr krank ist, aber es nicht an der Behandlung liegt. All die verabreichten Stoffe und verschriebenen Medikamente waren richtig! Jedoch hatte die gute Dame bei sich daheim den Fehler begangen, eine verunreinigte Spritze zu benutzen, um sich ihre Medizin zu verabreichen.
Freud hat diesen Traum nach dem Aufwachen sofort festgehalten und Schritt für Schritt analysiert, was er so herauslesen konnte. Ich werde hier nicht alles durchgehen, weil man da sehr detailliert werden kann, aber auf das Wesentliche eingehen. Es gibt kleinere Dinge, wie, dass die Halle ein Ferienhaus repräsentiert, das Freud gehört. Oder ein paar offensichtliche Punkte, wie die Parallele zwischen der Unwirksamkeit von Irmas Behandlung und ihren Schmerzen. Das Wichtige ist aber eigentlich das Ergebnis des Traums: Irma hatte Schmerzen und wurde nicht gesund, weil eine verunreinigte Spritze benutzt wurde. Das bedeutet, dass ihr Zustand nicht Freuds Schuld war und seine Behandlung sogar funktioniert hätte. Und so egoistisch es klingt: Das ist, wenn man es mit der Analyse ernst meint, folglich sein eigentlicher, tiefer Wunsch in dieser Situation. Natürlich will er der Frau auch helfen, aber eigentlich geht es darum, dass er im Recht bleibt und sich keine Vorwürfe machen muss. Und das ist eben der Wunsch des Unterbewusstseins, der sich auf sein Denken auswirkt und ihn motiviert, sich etwas einfallen zu lassen. Obwohl er in seinem Bewusstsein denken mag, dass er eben helfen will und ihm die Frau am Herzen liegt, ist die wahre Motivation deutlich weniger altruistisch. Diese enge Beschäftigung mit dem Unterbewusstsein nennt man auch „Tiefenpsychologie“.
Wie soll man leben?
Jetzt haben wir viel über das Unterbewusstsein gehört, wie es unsere Wünsche und Träume lenkt und sonst unsichtbar bleibt. Wie wir es verstehen müssen, um uns zu verstehen, weil wir ansonsten nicht wirklich frei sein können. Und auch, wie es in Fällen von starken psychischen Störungen besonders sichtbar wird. Aber was machen wir damit? Müssen wir jetzt alle ständig in die Psychotherapie, unser Unterbewusstsein analysieren lassen und dann das Bewusstsein daran anpassen? Es wirkt immer mehr so, als müssten wir plötzlich auf zwei Personen achtgeben!
Es gibt einen weiteren Psychoanalytiker, der Sigmund Freud gekannt hat, aber noch etwas länger gelebt hat als er: Carl Gustav Jung. Er hat ähnliche Forschungsergebnisse wieder dieser zutage gebracht und noch darauf aufgebaut, aber was besonders interessant ist, sind seine späteren Erkenntnisse über sein Werk. Es gibt einige Interviews, in denen er genau das gefragt wird: Mit dem neuen Wissen über das Unterbewusstsein, wie lebt es sich damit? Jung betont, dass man zuerst einmal lernen muss, sich selbst zu akzeptieren. Freud hat zwar gemeint, dass das Unterbewusstsein ein „Es“ ist, dass wir erst verstehen müssen, um es dann unserem „Ich“ einzuverleiben, aber eigentlich grenzt man hier zu sehr ein. Ob wir unsere unterbewussten Wünsche nun verstehen oder nicht, es ist immernoch alles eine Person. Unser Bewusstsein ist vom Unterbewusstsein beeinflusst und gehört mit ihm zusammen - deshalb gibt es keinen Grund, sich dafür zu schämen oder zu versuchen, es zu verstecken. Man kann sich dem ohnehin nicht erwehren und würde sonst nur gegen sich selbst kämpfen. Außerdem ist das Unterbewusstsein ebenso rebellisch wie das Bewusstsein. Stellt euch vor, ihr folgt immer nur euren basalen Instinkten und lasst alle moralischen und kulturellen Verhaltensweisen weg oder missachtet sie. Dann würde euer Bewusstsein immer unerträglicher werden, ihr würdet euch schämen, euch vielleicht sogar hassen und hättet kein gutes Leben. Ebenso ist es umgekehrt: Man kann kein Leben führen, ohne in sich hineinzuhorchen und das zu tun, was man eigentlich wirklich will. Wenn man sich selbst eine künstliche Persönlichkeit schafft und alles andere unterdrückt, lehnt sich das Unterbewusstsein irgendwann auf. Und da wir das sogar noch weniger verstehen als das Bewusstsein, ist das ein Problem! Laut Carl Jung entstehen genau deshalb Persönlichkeitsstörungen: In dem Moment, in dem wir vergessen, wer wir sind. Natürlich hat das Ganze noch eine deutlich komplexere Komponente. Aber das war damals noch nicht so bekannt.
Und es geht nicht nur um uns: Wer sich selbst versteht, der versteht auch andere Menschen und ihre Relationen untereinander. Wenn man in eine ernsthafte Beziehung mit einer Person treten will, muss man zuerst sich selbst verstehen, um zu wissen, was man will und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die andere Person funktionieren könnte. Und das ist keineswegs einfach! Der Mensch ist ein Wesen mit vielen Gesichtern und Bewusstseinsschichten, im Grunde ist selbst diese duale Einteilung in Bewusstsein und Unterbewusstsein zu simpel. Aber sie hilft uns momentan noch ganz gut, das Problem zu verstehen. Wie Freud hält aber auch Jung daran fest, dass wir genau deshalb unser Unterbewusstsein analysieren und verstehen müssen, denn es ist nun einmal versteckter als das Bewusstsein. Das Ironische dabei ist aber, dass wir nur zu einem ganz kleinen Teil überhaupt unser Bewusstsein sind. Es wirkt so, als wäre uns die Mehrheit unserer Gedanken immer präsent und wir hätten nur ein paar unterdrückte Wünsche, aber eigentlich ist das Bewusstsein nur eine kleine Insel in einem riesigen unterbewussten Meer. Die Persönlichkeit, die wir uns selbst aufgebaut haben, ist im Grunde künstlich, weil wir sie aufbauen, bevor wir das Unterbewusste wirklich kennen. Deshalb ist es wichtig, im Einklang mit sich selbst zu leben, auf sich zu hören und nichts zu versuchen zu sein, das man nicht ist. Für Carl Jung sind deshalb Intuitionen ganz wichtig. Das sind die kleinen Impulse, die uns das Unterbewusstsein immer wieder hochschickt und an denen wir sehen, was wir wollen. Sie sind oft nicht gut sichtbar und man weiß nicht immer, wo sie sind, aber man ist gut beraten, ihnen zu folgen. Oft denken wir viel zu überrational und wälzen alles im Kopf hin und her, obwohl wir die einzig richtige Antwort längst kennen. Eigentlich dürften wir gar keine Sinne haben, weil sie uns ohnehin nur in die Irre führen.
Eine Verteidigung des Bewusstseins
Wir fassen gleich alles einmal zusammen, aber bevor wir das tun, möchte ich als Philosoph für das Bewusstsein trotzdem noch einmal eine Lanze brechen. Denn obwohl beide Psychoanalytiker meinen, das Unbewusste und Bewusste würde beides zu uns gehören, fokussieren sie sich schon sehr stark auf das Unterbewusstsein. Das ergibt natürlich Sinn, weil das der ganze Grunde ist, wieso es die Psychoanalyse gibt, aber lasst uns nicht vergessen, wie wichtig das Bewusstsein ist.
Was Jung hier „künstlich“ nennt, sind unsere Moral und Fähigkeit zu rationalen Schlüssen. Das ist ziemlich wichtig! Jede andere Wissenschaft basiert darauf, denn aus dem Unterbewusstsein kann so etwas nicht kommen. Eigentlich basiert sogar unsere gesamte Persönlichkeit auf diesem kleinen Teil im Gehirn. Selbst wenn wir im Einklang mit dem Unterbewusstsein leben, kann es uns keine Kultur, Wissenschaft oder Gemeinschaft geben – das sind alles Dinge, die wir uns selbst erbaut haben. Und nur, weil sie nicht von der Natur gegeben sind, macht es sie nicht weniger Wert! Das, was uns tatsächlich von den Tieren abgrenzt, ist unsere Fähigkeit, uns über unsere Grundinstinkte hinwegzusetzen und zu überlegen, was Sinn ergibt. Wir mögen die Intuition haben, uns einfach von Anderen zu nehmen, was uns fehlt, aber rational gesehen haben wir erkannt, dass nicht alle so handeln können und wir Gesetze und ein Moralsystem brauchen. Das Unterbewusstsein mag uns lehren, wer wir wirklich sind, aber alles andere müssen wir über das Bewusstsein herausfinden. Die wahre Weisheit ist immernoch in der rationalen Überlegung. Und wir mögen zwar durch das Unterbewusstsein nicht komplett frei sein, aber wenn wir kein Bewusstsein hätten, wären wir es gar nicht.
Ich wollte durch diesen Absatz nicht zeigen, dass das Bewusstsein besser wäre als das Unterbewusstsein oder die Psychoanalyse nicht ein wesentlicher Teil der Wissenschaften, aber wir dürfen trotz allem nicht den Wert des Bewussten vergessen. Sich selbst zu kennen und den Intuitionen zu folgen, ist wichtig, aber es gibt Zeiten, da kommt von unten nur Unsinn und wir müssen unser rationales Denken einschalten. Und da braucht es dann uns Philosoph*innen.
Endstand
In dieser Folge wollte ich euch einmal die Psychoanalyse vorstellen, eine Vorform der Psychologie. Eigentlich merkwürdig, weil das eine ganz andere Wissenschaft ist. Wie man auch schon bemerkt hat, ist sie gewissermaßen sogar das Gegenteil der Philosophie: Denn während die eine das Bewusstsein im Fokus hat, geht es der anderen mehr um das Unterbewusstsein. Sigmund Freud ist der Erste, der im großen Stil eine Theorie über eine Entität aufstellt, die bei uns allen im Gehirn sitzt, alles verdeckt steuert und nur selten herauskommt: Das Unbewusste. Bisher haben Philosoph*innen versucht, menschliches Verhalten nur mit dem Bewusstsein und Grundinstinkten zu erklären. Es gibt einen Trieb zum Überleben und dann gibt es die rationale Überlegung, Gefühle, Wünsche, Glauben, Meinen und Wissen. Und irgendwie funktioniert es damit sogar ganz gut. Aber es treten immer wieder Unklarheiten auf und Menschen verhalten sich derart irrational, dass es unwahrscheinlich wird, dass uns wirklich alles bewusst ist, was wir tun. Freuds Theorie des Unterbewusstseins wirbelt auch alle bisherigen Theorien der Freiheit, Moral und Identität durcheinander. Unsere Willensfreiheit ist plötzlich abhängig von versteckten Wünschen, unsere Moral hängt an gewissen Trieben und unsere Identität sehr viel stärker auf dem basiert, das wir gar nicht kennen. Aber deshalb sagt der Psychoanalytiker, dass es sehr wichtig ist, dieses Unterbewusstsein kennenzulernen und Licht in das unbekannte Gebiet zu bringen.
Eine Möglichkeit, das zu tun, ist, unsere Träume zu analysieren. An Träumen kann man sehen, dass wir alle ein Unterbewusstsein haben und dafür nicht psychisch krank sein müssen. In der Nacht wirbelt das Gehirn alle Eindrücke, Wünsche und Gedanken auf, die uns gerade wichtig sind und zeigt uns eine einzigartige subjektive Perspektive auf die Welt. Wenn man sich nach dem Aufwachen daran erinnert, sollte man genau durchgehen, was man geträumt hat, um sich selbst besser zu verstehen. Vor allem werden im Traum unterdrückte Wünsche offenbar: So findet Freud heraus, dass sein Frust darüber, eine Patientin nicht heilen zu können, nicht daher rührt, dass sie ihm so wichtig wäre, sondern, dass er sich in seinem Stolz verletzt sieht. Natürlich verdrängst das Bewusstsein solche Gedanken, weil das sehr selbstsüchtig und unmoralisch klingt. Aber eigentlich ist es gar nicht schlimm: Das ist eben, wer man ist.
Das ist ein Aspekt, auf den Carl Jung noch einmal stärker eingeht: Man darf sich für sein Unterbewusstsein nicht schämen. Es wirkt zwar so, als wäre das so eine mysteriöse Anomalie in unserem Kopf, aber eigentlich sind das wir selbst. Das Bewusstsein ist nur ein Part von dem, was wir als Identität wahrnehmen und es ist noch nicht einmal der größte. Wir dürfen das Unbewusste nicht verwerfen und versuchen, uns dagegen durchzusetzen, denn dann rebelliert es. Es ist nicht klug, einen Kampf gegen sich selbst zu führen. Wenn wir uns besser kennenlernen, verstehen wir auch andere Menschen besser und können bessere Beziehungen mit ihnen führen. Und dann ist es auch so, dass unsere wahren Wünsche und Gedanken immer von unten kommen, nicht oben. Deshalb sollten wir besonders auf Intuitionen hören und dem Folge leisten. Unterbewusst wissen wir schon lange vorher, was wir tatsächlich wollen und wie wir uns verhalten sollten.
Nun und dann wollte ich, weil es mir ein bisschen zu viel Intuition und Unbewusstes geworden ist, noch ein paar Worte zum Bewusstsein sagen. Es stimmt natürlich schon, dass das Unbewusste sehr viele Geheimnisse birgt und wir darauf hören müssen. Aber bei unserer Euphorie, uns endlich besser kennenzulernen, dürfen wir nicht vergessen, wie wichtig die Existenz des Bewusstseins ist. Es ist am Ende das, was uns von den Tieren abhebt, uns die Wissenschaften gibt, Kultur und Politik. Es stimmt, dass wir durch das Unterbewusstsein nicht komplett frei sind, aber ohne das Bewusstsein wären wir es gar nicht. Wir hätten sonst auch gar keine Persönlichkeit oder Moral.
Konklusion
Was könnten wir abschließend sagen? Als ich die Recherche zu dieser Folge begonnen habe, war mir noch nicht bewusst, wie sehr die Psychoanalyse und Philosophie sich ergänzen. Wie gesagt, versucht die eine, menschliches Verhalten über das Bewusstsein, die Andere, über das Unterbewusstsein zu erklären. Wobei man einwerfen muss, dass die Psychoanalyse und später Psychologie darin deutlich besser ist und spezialisierter – die Philosophie hat noch viele andere Gebiete. Aber ich finde, dass wir hier eine wertvolle Lektion gelernt haben: Hört auf euch selbst. Versucht nicht, etwas zu tun oder zu sein, gegen das sich euer gesamtes Unterbewusstsein stellt. Es hat noch niemand einen Kampf gegen sich selbst gewonnen. Auf der anderen Seite soll man aber auch nicht übertreiben, denn am Ende ist das, was uns menschlich macht, im Bewusstsein. Es gibt schon einen Grund, wieso es moralische und gesellschaftliche Regeln gibt. Die Erforschung des menschlichen Gehirns hat erst vor relativ kurzer Zeit begonnen und noch wissen wir nicht alles. Aber wenn ihr versucht, in Harmonie mit Bewusstem und Unbewusstem zu sein, seid ihr auf dem besten Weg zu einem guten Leben.
So, und das war die Folge zur Psychoanalyse! Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal etwas dazu machen würde, weil es schon eine sehr andere Wissenschaft ist, aber es gibt doch mehr Parallelen zur Philosophie als es erst scheint. Lasst es mich gern über einen Kommentar wissen, was ihr denkt! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Dann also mal wieder vielen Dank fürs Lesen und Dabeisein und bis zum nächsten Mal!
Quellen:
,,Die Aktualität des Unbewussten" - Michael Günther/ Peter Schraivogel
,,Streiflichter zu Leben und Denken C. G. Jungs" - Aniela Jaffé
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