#71 Was ist Frieden?

Zusammenfassung

Was ist Frieden? Das ist irgendwie so eine banale Frage, aber gleichzeitig auch so wichtig. Wenn wir an Frieden denken, geht es uns meist um das Beenden von Kriegen, wie es sie überall auf der Welt gibt. Aber diese Folge geht noch sehr viel tiefer, denn ich will wissen, was es überhaupt bedeutet, so richtig im Frieden zu sein. Reicht es schon, einfach nicht zu kämpfen? Haben wir Frieden überhaupt in unserer Natur? Immerhin sind wir schon ziemlich kriegerische Wesen. Aber wie kommen wir dann dazu? Wenn man den Krieg bis an seine Wurzeln zurückverfolgt, steckt er eigentlich überall. Nicht nur in den Menschen, sondern auch in der Natur und in einem gewissen Sinne sogar bei Tag und Nacht. Sind wir also dazu verurteilt, immer weiterzukämpfen? Oder gibt es einen Weg heraus?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!

 

Einleitung

Heute möchte ich mit euch über den Frieden reden. Es ist etwas, das die Menschheit schon seit ihrer Existenz sucht, aber nie wirklich lange zu finden scheint. Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, sind alle Epochen eher durch die Kriege markiert, die in ihnen stattfanden, als den Frieden. Eigentlich merkwürdig, schließlich ist der Mensch das mächtigste Lebewesen der Erde: Warum ist es ihm dann nie möglich, in Frieden zu leben, wenn er das doch so will? Und dabei ist es egal, in welche Region der Welt man schaut und zu welcher Zeit. Gut, es gibt überall auch mal längere Phasen des Friedens, aber das endet oft schnell. Die einfache Antwort ist, dass wir eben kriegerische Wesen sind. Aber was genau soll das heißen? Sind wir einfach dazu bestimmt, uns immer weiter zu bekriegen? Aber das trägt dann nicht dem Rechnung, dass es doch immer wieder Frieden gibt. Das würde dann ja heißen, dass wir plötzlich für eine gewisse Zeit anders werden. Und was genau ist Frieden eigentlich? So spontan könnte man sagen: die Zeit nach oder vor dem Krieg. Aber das ist nicht ganz wahr. Eine Zeit, in der sich zwei Länder rüsten, um gegeneinander zu kämpfen oder die Unterdrückung einer Bevölkerung, die rebellieren will, würde man nicht „Frieden“ nennen. Frieden herrscht eher in den Phasen, in denen sich zwei oder mehr Länder nicht gegenseitig überfallen wollen, zufrieden mit dem sind, was sie haben, und einen Vertrag darüber unterschrieben haben. Ist also Frieden mehr eine Einigung und ein Gemütszustand als einfach nur, dass nicht gekämpft wird? Aber wo fängt Krieg eigentlich an? Bzw. Frieden, über Krieg habe ich ja schon einmal eine Folge gemacht. Das, worüber wir jetzt viel gesprochen haben, ist politischer Frieden. Aber man kann auch persönlichen Frieden haben. Zum Beispiel mit den Menschen um einen herum. Wenn ihr es euch recht überlegt, ist doch Streit auch eine Form des Krieges, oder? Was bedeutet hier Frieden? Auch nicht nur die Abwesenheit von Streit, sondern, dass man sich einigt und beide glücklich mit der Lösung sind. Und so ist es auch bei der dritten Art des Friedens: Dem inneren Frieden. Man kann mit sich selbst im Streit sein, aber auch im Reinen. Und auch da muss man sich nicht unbedingt selbst beschimpfen, um Unfrieden zu haben. Man würde sagen, dass man zum Frieden einige Dinge mit sich klären muss, um mit ihnen abzuschließen.

Wir sehen also, dass es verschiedene Arten des Friedens zu geben scheint. Und es ist bei allen nicht so einfach, ihn zu definieren. Schauen wir uns also einmal an, was es damit auf sich hat.

 

Frieden und Krieg

Fangen wir vielleicht doch einmal mit dem politischen Frieden an. Der Philosoph Gunnar Hindrichs meint, dass alle Kriege letzten Endes ausgefochten werden, um irgendeine Art von Frieden zu erreichen. Daraus ergibt sich dieses Sehnen des Menschen nach Frieden, obwohl es immer Krieg gibt. Die Geschichte ist eine wahre Schlachtbank und man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen es noch geben würde, wenn es keine Kriege gäbe. Viele Leute sind dazu verleitet zu denken, Kriege wären deshalb ein notwendiges Übel, weil es heißt, nur sie könnten in gewissen Konflikten den Frieden bringen. Wenn A und B sich die ganze Zeit bekämpfen, dann kann es wohl nur Frieden geben, wenn einer von beiden keine Waffen mehr hat. Und das passiert nur, wenn sie ihm der Andere abnimmt. Menschen tendieren dazu, Geschichte immer nur bis zur Gegenwart zu denken und dann den Schluss zu ziehen, dass sich alles gelohnt hätte. Aber es gibt doch immer wieder Kriege! Keiner bisher hat wirklich dauerhaften Frieden gebracht. Das menschliche Denken ist in einigen Hinsichten eben einfach festgefahren und unlogisch: Obwohl wir diese Rechnung mit A und B so sinnvoll finden, geht sie nie auf. Und so laufen wir immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand. Frieden ist ein vernünftiger Zustand, in dem alle Parteien einsehen, dass es besser ist, zu versuchen, zusammenzuarbeiten. Wenn man dagegen einmal anfängt, seine Probleme mit Krieg lösen zu wollen, verfängt man sich in dieser Methode und kommt nicht mehr heraus. Denn dann mag eine Partei für eine Zeit entwaffnet sein, aber will dann Rache und wird diese irgendwann bekommen. Der Mensch bekommt immer seine Rache. Wir unterschätzen oft, wie einfach es für die Weltbevölkerung sein kann, sich zu bewaffnen. Wenn also Kriege ihren Sinn durch den Frieden bekommen, den sie erwirken sollen, aber nie für dauerhaften Frieden sorgen können, bedeutet das natürlich, dass Kriege unlogisch sind. Aber das ist wahrscheinlich schon klar.

Was machen wir also mit dem Frieden? Nun, auch Hindrichs sagt, dass Frieden nicht einfach nur bedeutet, dass gerade nicht gekämpft wird. Es braucht einen Frieden, der nicht auf einen Krieg schaut und durch andere Mittel erlangt wird. Wenn man miteinander redet als Nationen, erlangt man Diplomatie und kann zusammenarbeiten. Das ist dann schon einmal ein Schritt weg von der Gewalt. Und dann fallen einem normalerweise immer Lösungen ein, wie man die Dinge, die in der eigenen Nation gerade schieflaufen, lösen kann. Kriege werden nämlich nicht einfach geführt, um Frieden herbeizuführen, denn dann müsste es ja dauerhaft Kampfhandlungen geben. Sie sind dazu da, um von einer weniger favorisierten Zeit ohne Kampfhandlungen zu einer eher favorisierten zu kommen. Aber das bedeutet ja, dass Krieg gar nicht zwingend nötig sein muss! Nur muss halt jemand darauf kommen und die Hand ausstrecken, statt der Waffe.

 

Die menschliche Natur

Das war jetzt der Friedensdiskurs, wie wir ihn kennen. Ich denke, es tut immer wieder gut, das zu wiederholen, weil es zu viele Menschen gibt, die denken, dass es Krieg bräuchte, damit es Frieden geben kann. Aber am Ende ist das auch noch eine ganz eigene Debatte in jedem einzelnen weltpolitischen Fall. Ich möchte hier auch keine politischen Aussagen treffen, denn ich weiß, dass der Einzelfall oft komplizierter ist. Aber wir sind hier auch bei der Philosophie, nicht der Politikwissenschaft. Wenn aber Frieden so viel besser ist als Krieg und dieser dafür gar nicht hilft, warum machen wir dann immer weiter? Irren wir uns einfach nur konstant? Thomas Hobbes meint, dass das Problem in unserer Natur liegt. Wir sind einfach kriegerische Wesen. Jeder Mensch hat als erste Naturregel, das eigene Überleben um jeden Fall zu sichern und möglichst angenehm zu machen. Wenn wir komplett frei wären, würden wir das ohne Einschränkung tun. Aber natürlich gibt es nicht unendlich viel Platz und Ressourcen auf der Erde und Milliarden von Menschen, die dasselbe wollen wie wir. Ganz klar führt das also dazu, dass wir miteinander rivalisieren. Das ist für Hobbes der Kriegszustand, in dem wir uns von Natur aus befinden. Wir sind als Menschen gerade gleich genug geschaffen, um für einander eine Bedrohung darzustellen und gerade unterschiedlich genug, dass die Stärkeren immer versuchen, sich über die Schwächeren zu stellen. Eine größere Einheit haben wir bei unseren geistigen Fähigkeiten, wo es in der Regel keine so klaren Unterschiede gibt. Dementsprechend kann das ein Medium sein, das uns verbindet, etwa über die Kommunikation. Aber leider stattet uns das auch mit List aus und der Fähigkeit, Andere zu hintergehen. Besonders praktisch, wenn wir körperlich schwächer sind. Das führt dazu, dass es kein besonderer Genuss mehr ist, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Die menschliche Natur hat drei Konfliktursachen: Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht. Dabei heißt unser Kriegszustand nicht, dass wir uns ständig schlagen, sondern steckt schon in Streits, Planungen und der Unzufriedenheit miteinander. Wirklicher Frieden existiert erst, wenn man diese Dinge nicht empfindet und nichts von der anderen Person braucht oder will. Sobald man um sein Leben bangt, ist der Frieden vorbei.

Aber wie kann es sein, dass wir in großen Gesellschaften leben und es trotzdem funktioniert? Nun, das ist das Werk der Zivilisation und Moral. Und diese Dinge gründen laut Hobbes auf nichts anderem als auf Gesetzen. Hier kommen wir zum sogenannten „Gesellschaftsvertrag“. Jeder Mensch erkennt, dass das Zusammenleben nicht funktioniert, wenn wir im Krieg sind. Also erkennen alle an, ihre Freiheit ein Stück einzuschränken, wenn das Alle machen und die Ordnung gesichert ist. Dann können wir uns nämlich mit der Moral beschäftigen und schauen, wie wir gut zusammenleben. Frieden kann also nur durch Moral entstehen und wenn wir unsere Natur unterdrücken. Sobald es nämlich ein Problem mit dem Gesellschaftsvertrag gibt und wir das Gefühl haben, dass er nicht funktioniert, fallen wir wieder übereinander her. Frieden muss man nicht durch die menschliche Natur, sondern ihr zum Trotz herstellen. Das passt auch ganz gut zum Bild der allgemeinen westlichen Philosophie: Es gibt die Natur des Menschen, die schlecht ist, und es gibt die künstliche Moral. Der Mensch kann auf jeden Fall gut sein und im Frieden zusammenleben, aber nur, wenn er zivilisiert wird. Wobei das auch nicht alle so sehen.

 

Die kriegerische Weltordnung

Jetzt möchte ich aber noch einen Schritt mit euch weitergehen, denn das ist mir noch nicht tief genug. Bisher haben wir, dass Krieg auf politischer Ebene nicht zu Frieden führt und es Diplomatie braucht. Aber auch auf persönlicher Ebene führen wir Alle Krieg miteinander, wenn wir nicht unsere böse menschliche Natur binden. Wenn wir einen Vertrag untereinander schließen und die Gesetze durchsetzen, hat niemand etwas davon, dem Anderen etwas wegzunehmen. Und dann können wir als moralische Wesen miteinander leben. Aber man kann immernoch fragen: Warum ist das so? Warum ist die menschliche Natur so kriegerisch? Wir wollen überleben, aber das wollen doch alle auf der Welt! Könnten wir nicht dafür einfach zusammenarbeiten?

Und hier kommen wir zum Kern, was es bedeutet, zu existieren. Der antike Philosoph Anaximander sagt, dass die Welt schon immer aus Gegensätzen besteht: So wie Tag und Nacht oder Ebbe und Flut. Und diese Gegensätze sind im ständigen Konflikt. Es kann jedes Ding nur existieren, wenn es sich seinen Platz gegen sein Gegenstück erkämpft. Jeden Tag drängt die Sonne den Mond vom Himmel, um zu scheinen, wird aber nach 12 Stunden ihrerseits besiegt. Also, nicht physikalisch, sondern metaphorisch gesprochen – ihr wisst schon. Alles auf der Welt musste aber aus einem Ding entstehen, das selbst einheitlich und nicht im Konflikt ist, dem „apeiron“. Das ist für Anaximander eine undefinierte und unendliche Materie. Aber abgesehen davon gibt es nur Gegensätze. Selbst die Definition von Begriffen funktioniert nur, wenn es etwas gibt, das es nicht ist. Man versteht gar nicht, was „grün“ überhaupt sein soll, wenn man nicht auch andere Farben kennt, die man damit vergleichen kann. „Grün“ ist im Grunde weniger einfach „grün“ als eher „nicht-rot“, „nicht-blau“ und so weiter. Und diese Gegensätze gibt es zwischen Dingen auf der Welt, aber auch zwischen dem, was ist und dem, was nicht ist. Denn alles existiert nur, weil irgendetwas Anderes nicht existiert. Ihr seid bei eurer Empfängnis aus einem einzelnen Spermium von Millionen entstanden und das sind jetzt alles Menschen, die es nie geben wird. Also, ich will euch kein schlechtes Gewissen machen – ich bin froh, dass ihr da seid! Aber, damit ihr den Gedankengang versteht. Existenz ist eine Kriegserklärung an die Nicht-Existenz, der man die Türen versperrt. Und was passiert? Wir sterben, während die Nicht-Existenz eine Chance bekommt, vielleicht doch zu existieren. Die Flut nimmt dem Land immer mehr weg, bis sie schwächer wird und nicht mehr so schnell vorankommt. Und an diesem Punkt wird die Ebbe immer stärker und reißt sie zurück vom Ufer. Und das ist für Anaximander auch ganz richtig so. Alles, was existiert, nimmt eine Schuld auf, die es irgendwann abbezahlen muss. Man geht einen Schritt nach vorne, also muss man einen zurückgehen. Und so funktioniert das ganze Universum. Anaximander redet von einer ganzen Dynamik, in der Dinge im Krieg miteinander immer wieder entstehen und vergehen.

Auch Heraklit redet davon, dass alles auf Kosten von etwas anderem existiert. Er wird noch etwas konkreter und redet vom Tisch, der anstatt von einem Baum existiert. Krieg existiert auf jeder Ebene und ist ganz normal. Leben und Tod ist Krieg, Nacht und Tag, Ebbe und Flut und eben auch bewaffnete Kampfhandlungen. Zwei Nationen, die gegenteilige Sichtweisen haben und mal gewinnt die eine, mal die andere. Wobei Heraklit natürlich noch keine Nationen kannte und sich auch weniger mit Moralphilosophie beschäftigt hat. Ihm ging es um diese Dynamik des Universums. Hier bringt er den Begriff des „Logos“ ins Spiel, eine Weltlogik, nach der alles funktioniert. Im Grunde ist dem alles unterworfen, weshalb diese kriegerische Dynamik zu einem gewissen Sinne normal ist und weder gut noch schlecht. Aber wir Menschen sind vernunftbegabt und können daher am „Logos“ teilhaben. Das bedeutet, wir können die Weltlogik verstehen und versuchen, möglichst gut mit ihr zu spielen. Und dazu gehört auch, zu wählen, wie man in dieser kriegerischen Welt lebt. Es gibt Gegensätze, aber die Kriege zwischen ihnen kann man auch in Diskussionen statt in Kämpfen austragen. Unterschiedliche Meinungen und Streit gibt es immer und das ist gut. Nur, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, sagt Heraklit, gibt es auch Gerechtigkeit. Damit ist Frieden eigentlich illusorisch und eine Utopie, die wir gar nicht wirklich wollen können. Denn Frieden bedeutet stillstand und ewiger Tod. Wenn Existenz Krieg bedeutet, dann ist das die Realität, die wir haben. Und dann geht es gar nicht mehr darum, Frieden zu bekommen, sondern darum, wie wir den Krieg gegeneinander führen wollen.

 

Die friedliche Weltordnung

Auch das ist nicht wirklich befriedigend, oder? Wo bekommen wir denn dann unseren Frieden her? Ist das wirklich nur ein Hirngespinst, dem wir uns nur ein bisschen annähern können, wenn wir unsere menschliche Natur unterdrücken? Ihr erinnert euch vielleicht, als ich einmal eine Folge über Laotse und das Dao gemacht habe. Denn er sieht das entschieden anders. Seht ihr, es ist alles eine Frage der Betrachtungsweise. Die Entstehung der Welt, die bei Anaximander noch das Undefinierte war, das Gegensätze hervorbrachte, die gleich übereinander herfielen, erzählt Laotse so: Es gab einmal ein großes Eines, das alles in der Welt hervorbrachte. Das Erste, was so geschaffen wurde, waren der Himmel und die Erde. Sie beide unterstützten sich gegenseitig und schufen die Gottheiten, die sie bevölkerten. Diese arbeiteten zusammen, um das Ying und Yang zu erschaffen. Ihr kennt sicher dieses bekannte Symbol mit dem Kreis, der zum Teil aus einer schwarzen Masse mit einem weißen Punkt und einer weißen Masse mit einem schwarzen Punkt besteht. Nun, das ist genau das. Und daraus entstanden alle Gegensätze, die wir aus der Welt kennen. Aber sie sind nicht im ständigen Krieg miteinander, sondern ganz im Gegenteil, im ständigen Gleichgewicht. Und dieses Gleichgewicht ist am Ende der Frieden. Denn es kann nichts ohne sein Gegenstück existieren, warum also kämpfen? Es ergibt gar keinen Sinn für die Flut, noch mehr Land zu nehmen, als das Meer weit ist. Und warum würde der Tag mehr als 12h dauern, wenn die Sonne dann ohnehin unten ist? In der Natur gibt es keine Überdehnung und keine Expansion. Es gibt Gegenstücke, die zusammen eine Balance schaffen. Deshalb ist es auch für die Menschen so wichtig, Maß zu halten. Ying und Yang sind nämlich metaphysische, aber auch persönliche Elemente. Sie kontrollieren nicht nur die Gezeiten und Tag-Nacht-Wechsel da draußen, sondern auch die Gefühle in einem drin. Auch da kann Unfrieden oder Frieden sein. Der Krieg ist etwas Schlimmes, weil er die Balance zerstört. Eine Nation meint, mehr haben zu müssen, als ihr zusteht. Dabei hat jeder Mensch das Dao in sich und damit jede Möglichkeit, zufrieden zu sein. Das ist es, was wir am Ende alle wollen: Frieden. Irrtümlich glauben nur alle, man müsste ihn sich auf Kosten von Anderen erkämpfen, aber eigentlich braucht man gar nichts von ihnen.

Die Natur ist uns da einen Schritt voraus, denn sie hat kein logisches Gehirn, das einem dazwischenfunkt. Wenn ihr euch erinnert, haben wir schon oft herausgearbeitet, dass die westliche Philosophie sehr auf logische Schlüsse pocht und das rationale Denken, um Probleme zu lösen. Traditionelle orientalische Philosophie meint dagegen, dass man schon alles hat, was man braucht, und eher aufpassen muss, sich nicht selbst kaputtzumachen. Lieber weniger scharf nachdenken und mehr Achtsamkeit üben, auf sich hören. Und dann sieht man, dass der Tag und die Nacht nicht im Krieg sind, sondern sich die Zeit teilen. Wir Menschen sind es da, die meinen, dass wir keine Balance bräuchten und glücklich wären, wenn wir so viel Besitz hätten wie möglich. Gewalt ist an sich bereits ein falsches Mittel, weil es ein menschliches Eingreifen in ein sonst perfektes System ist. Was uns tatsächlich glücklich macht, ist, uns darin einzufügen. Und dann erreichen wir auch inneren Frieden. Auch das ist in der westlichen Philosophie oft weniger beachtet gewesen: Wir führen Krieg, wenn wir mit uns selbst im Krieg sind. Es ist alles am Ende derselbe Frieden und derselbe Krieg, nur auf ganz viele Varianten ausgeführt. Wahren Frieden finden wir nur, wenn wir die Welt ihren Lauf nehmen lassen und nicht mehr haben wollen, als uns die Balance gewährt.

 

Überblick

Fassen wir einmal zusammen. Die Frage dieser Folge ist, was Frieden ist. Wenn man an dieses Wort denkt, fallen einem direkt die vielen Kriege ein, die geführt werden. Und ja, sie haben eigentlich immer zum Ziel, irgendeine Art von Frieden zu erreichen. Aber, wie Gunnar Hindrichs richtig sagt, ist das nie die richtige Herangehensweise. Man denkt immer, man würde Frieden erreichen, wenn nur einfach kein Krieg herrscht und müsste daher die andere Seite entwaffnen, aber das ist in der Weltgeschichte noch nie dauerhaft aufgegangen. Wahrer Frieden besteht nicht darin, ob man Waffen hat oder nicht, sondern in einem Gemütszustand. Alle Seiten müssen zufrieden sein und ihre Probleme angehen können. Und um das konstruktiv zu machen, braucht es Diplomatie.

Aber zugeben, das war uns auch schon ein bisschen klar. Dass Kriege falsch sind, predigt man an den Schulen schon seit den ersten Ethikstunden. Die eigentliche Frage ist, warum der Mensch dann nicht einfach friedlich lebt, wenn das doch so viel besser ist. Aber es scheint, als wäre das gar nicht so einfach. Wir haben eine kriegerische, egoistische Natur, die immer nur nach dem eigenen Vorteil und Überleben sucht. Wenn wir also nicht mühsam zusammengebracht und durch einen Gesellschaftsvertrag gebunden werden, fallen wir sofort übereinander her, meint Thomas Hobbes. Diesen Zustand also überhaupt erst herzustellen, ist schon ein Aufwand, und dann ist die Frage, wie viel man von uns noch erwarten kann. Die Moral existiert natürlich, aber ist auch ein Versuch, unsere menschliche Natur zu unterdrücken. Auf dieser Basis können wir dann eine Zivilisation aufbauen und mal schauen, wie weit wir kommen. Leider nicht sonderlich weit, wenn man ehrlich ist.

Dann haben wir uns nach der Wurzel dieses menschlichen Unfriedens umgeschaut und sind bis zur Antike zurückgegangen. Da sagen uns Anaximander und Heraklit, dass die ganze Weltordnung aus Krieg besteht. Nicht bewaffnete Auseinandersetzungen oder Streits, sondern  alles um uns herum. Der Tag ringt der Nacht 12h ab, verliert dann aber wieder 12 an sie. Alles, was überhaupt existiert, hat bereits etwas, was hätte existieren können, besiegt. Warum gibt es uns überhaupt? Und alles, was wir geschaffen haben, ist auch nur ein Ergebnis davon, etwas zerstört zu haben. Alles auf der Welt hat sein Gegenteil, mit dem es im ewigen Konflikt ist. Dieses ständige Hin und Her ist das, worin unsere Welt besteht, da kann man nicht viel machen. Menschen führen eben Kriege, weil auch sie ihrem Gegenstück das abjagen wollen, was sie selber haben wollen. Aber wir sind auch vernunftbegabt und verstehen, wie die Welt funktioniert. Wir müssen nicht über jeden Unterschied Krieg führen, sondern können auch diskutieren. Es muss unterschiedliche Ideen geben, weil wir sonst in der Ungerechtigkeit enden. Aber, ob wir uns darum schlagen oder austauschen wollen, ist unsere Sache. Frieden aber bleibt eine Illusion.

Aber es gibt auch eine andere Art, die Welt zu verstehen. Laotse distanziert sich von solchen Vorstellungen und zeichnet die Welt als einen harmonischen Ort, in dem alles in perfekter Balance existiert. Tag und Nacht wechseln sich brav ab, weil nur so die Natur gedeihen kann. Die Sonne sollte kein Interesse daran haben, direkt wieder aufzugehen, wenn sie den Himmel ohnehin schon überquert hat. Die Natur als etwas Kriegerisches zu sehen, ist sehr menschlich. Denn wir fallen aus diesem Raster, weil wir unser Gehirn haben, das uns in die Irre führt. Immer wollen wir alles kontrollieren und festlegen, wann wir Frieden haben, obwohl er schon überall steckt. Dementsprechend sind alle Kriege und Gewalt falsch, weil wir damit die Balance stören. Der Frieden ist schon in uns, wir müssen nur darauf hören. Und wenn der Mensch aufhört, seine Natur zu unterdrücken und mit sich im Krieg zu sein, dann wird es ihm auch einfacher fallen, mit Anderen Frieden zu schließen.

 

Konklusion

Tja, so kann es laufen, nicht wahr? Jetzt habe ich euch ein paar unterschiedliche Quellen vorgestellt und zweimal das komplette Gegenteil von dem davor gesagt. Sind wir jetzt im ewigen Krieg und Frieden ist eine Illusion oder im Frieden und Krieg ist etwas Künstliches? So unterschiedlich diese Sichtweisen wirken, sagen sie am Ende doch alle dasselbe. Wir haben den Frieden selbst in der Hand. Ob die Welt nun kriegerisch ist oder friedlich, ob wir nur eine richtige Weise brauchen, Konflikte auszuführen oder in uns horchen müssen, ob Frieden nur ein Zustand absoluter Gleichheit oder einer ist, indem man Konflikte gewaltfrei ausführt, am Ende ist dasselbe gemeint. Es ist Weisheit in beiden Philosophien. Wir dürfen nicht vergessen, dass unterschiedliche Meinungen wichtig sind. Seid nicht dazu verleitet, dass jede Art von Konflikt den Frieden gefährden würden. Aber es ist auch nicht so, als würde die ganze Natur gegeneinander arbeiten und wir wären dazu verdammt, mitzumachen. Frieden bedeutet, dass der Mensch entscheidet, zuzuhören. Dem Dao und der Natur oder Anderen und ihren Meinungen. Und das ist es, was es braucht. Klar, das wirkt jetzt sehr offensichtlich, aber es ist doch deutlich schwerer umzusetzen, als man denkt. Überlegt euch, wo wir wohl alle auf dem Spektrum der Gegenteile im Universum angeordnet wären. Der tiefsten Nacht dürfte es am allerschwersten fallen, zu verstehen, warum es den helllichten Tag geben sollte. Aber gerade da ist es wichtig. Denn, wenn wir nicht anfangen wollen, wie bei Hobbes alle über einander herzufallen, müssen wir lernen, einander zu verstehen. Nicht zwingend, die Meinung zu teilen oder die andere Person zu überzeugen. Sondern zu sehen, wo sie herkommt, warum sie denkt, was sie denkt und versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Denn den gibt es immer. Am Ende kommen wir alle vom selben „apeiron“ oder „Dao“. Und wir wollen alle nur eines: Frieden.

Vielen Dank fürs Zuhören! Diese Folge ist jetzt etwas kürzer, als gewohnt, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass alles vom Thema gesagt ist, was ich euch mitteilen wollte. Es war aber einmal wieder eine sehr interessante Recherche, in der ich zwar Vieles, was ich schon kannte, noch einmal gelesen habe, aber wieder eine neue Perspektive dazugewonnen habe. Naja. Kommentiert jedenfalls gern unter dieser Folge und gebt ihr eine Bewertung. Stimmt auch gern ab und teilt mir mit, ob ihr die Konzeption des Universums von Heraklit und Anaximander mehr mögt oder eher die von Laotse. Ansonsten schaut gerne auf Youtube und TikTok vorbei, da gibt es Trailer und Kurzbeiträge mit interessanten Themen, die aber zu kurz für eine Folge sind. Momentan mache ich relativ viele Neuvertonungen von welchen, die ich schriftlich auf meinem Instagramaccount habe, aber wenn ich einmal etwas komplett Neues mache, dann poste ich das auch immer dort. Folgt mir also auch da gern, manchmal gibt es Memes oder Updates, wenn ich etwas zu sagen habe. Wenn ihr mich erreichen wollt für eine Frage, könnt ihr das entweder auch einfach über Insta machen oder über meine E-Mail. Und wenn ihr diese Folgen lieber lesen, statt hören wollt, habe ich dafür auch einen Blog. Zu guter Letzt verweise ich noch auf meinen Spenden-PayPal, falls ihr mir ein kleines Trinkgeld dalassen wollt. Die Links zu dem allen habe ich in einem Linktree zusammengefasst, gleich hier in der Beschreibung. Dort stehen auch wie immer die Quellen für diese Folge und alle Musiktitel.

Ok, dann vielen Dank fürs Zuhören und euch noch einen schönen Tag!


Quellen:

,,Abseits des Kriegs" - Gunnar Hindrichs

,,Leviathan" - Thomas Hobbes

,,Antike Philosophie" - Pierfrancesco Basile

,,Daodejing" und ,,I Ging" - Laotse


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