#70 KI: Was bedeutet es, Mensch zu sein?

Zusammenfassung

Was ist der Mensch noch in Zeiten der künstlichen Intelligenz? Diese Frage habt ihr in den letzten Jahren bestimmt schon sehr häufig gehört. Und nicht ohne Grund: Die KI, so wie sie bis heute entwickelt ist, kann in Sekundenschnelle komplexe Texte scannen und in anderen Worten wiedergeben, diskutieren, Kunst erschaffen, Videos drehen und sogar als Freund*in dienen. In einem gewissen Sinne zumindest. Was macht uns da als Menschen überhaupt noch speziell? Denn zumindest das menschliche freie Denken und unsere Sozialkompetenz hatten wir immer als die Essenz des Menschlichen eingespeichert. Ändert das sich gerade?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!

 

Einleitung

Ich hoffe, dass euch das Thema der heutigen Folge nicht schon zum Hals heraushängt. Aber man hört wirklich viel davon und es sind viele Missverständnisse im Umlauf. Und nicht nur das, sondern auch wirklich interessante philosophische Fragen. Es geht um KI, künstliche Intelligenz. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man meint, dass das die große Erfindung dieses Jahrzehnts ist. Klar, sie hat auch schon davor existiert, aber in den letzten Jahren hat sie ihren Weg in den privaten Gebrauch gefunden. Ich kenne eigentlich keine Person mehr, die noch nie irgendeine digitale Funktion benutzt hätte, die im Zusammenhang mit KI steht. Das ist für meine Generation ein komischer Schritt, denn wir alle sind noch ohne KI aufgewachsen, sondern hatten nur das Internet. Vielleicht können wir jetzt die Skepsis unserer Eltern gegenüber der damals neuen Erfindung besser verstehen. Denn jetzt gibt es viele Fragen: Wie geht man mit der Möglichkeit um, immer KI zu nutzen? Was lernen die Leute überhaupt noch, wenn sie alles damit machen können? Verkommt unsere Kunst, weil alles voll mit generierten Inhalten ist? Ist es nicht ohnehin ein zum Großteil unnötiges Spielzeug, das unserem bereits geschundenen Planeten teuer zu stehen kommt? Ich rede von dem hohen Wasserverbrauch durch den Einsatz von KI: Denn diese abertausende von Servern, die das möglich machen, wollen auch gekühlt werden. Und was ist mit dem Arbeitsmarkt? Die KI scheint Dinge zu tun, die eigentlich Menschen bis heute gemacht haben: Haben wir also schon wieder einen Schritt getan, mit dem tausende von Leuten aus ihren Jobs entlassen werden? Und wozu eigentlich?

Das sind alle sehr interessante Fragen, die man aber nicht einfach so als Philosoph*in beantworten kann, sondern für die man Expert*innen aus der Wirtschaft, der Umweltwissenschaft und viele Graphen und Daten braucht. Das machen gern Andere, ich fühl mich bei diesem praktischen Zeug nicht wirklich zuhause. Unter diesen ganzen Themen entdecke ich nämlich immer eines, das niemand so gern ausspricht, aber überall mitschwingt: Was bedeutet KI für uns als Menschheit? Was ist mit uns, wenn es eine Technologie gibt, die diese ganzen Fähigkeiten in einer Sekunde macht, für die einige von uns Jahre studiert haben? Denkt an das, was ich hier gerade mache. Das ist ein Hobby und ich verdiene kein Geld dadurch, deshalb sage ich das ganz offen: Das hier könnte eine KI machen. Ich habe 6 Jahre lang Philosophie studiert, Themen durchdrungen und mich über lauter Hausarbeiten darin geübt, Themen schnell zu erfassen, mir die richtigen Fragen zu stellen und kenne auch inzwischen sehr viele Philosoph*innen und ihre Texte. Natürlich auch durch diesen Podcast, das ist ja sogar schon die 70. Folge! Aber eine KI braucht keine 5 Jahre Training dafür, sondern scannt ein paar Texte, bastelt mir dann ein Skript zusammen, spricht es ein und kann es vermutlich auch noch schneiden. „Aber sie macht Fehler!“, rufen dann einige Leute, aber kommt schon. Fehler? Jeder Mensch macht welche und die KI, wie wir sie jetzt kennen, ist gerade mal 3 bis 4 Jahre alt. Generell sind alle Probleme etwas Augenwischerei. Wir reden von Umweltproblemen, aber wann ist das für die Menschheit wirklich ein großes Argument gewesen, um mit etwas aufzuhören? Naja, etwas polemisch gesagt, aber eigentlich interessiert sich niemand für den Wasserverbrauch durch KI. Oder die Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Wir haben da ganz andere Schwierigkeiten gerade, zumindest in Europa. Auch die Geschichte mit dem Zusammenfassen von Texten ist nur scheinbar ein neues Phänomen, denn das Internet hat uns ja zumindest schon einmal die Notwendigkeit abgenommen, uns Fakten zu merken oder sie zu wissen.

Die eigentliche Frage ist wie immer eine existenzielle: Was ist noch der Wert des Menschen, wenn es schon KI-Arbeit, KI-Kunst und sogar KI-Freunde gibt? Denn das ist tatsächlich neu: KI interagiert mit Menschen, als wäre sie ein Mensch. Sie erschafft Kunstwerke, dreht Filme und schreibt sogar selbst Kommentare, agiert also mit sich selbst. Was also ist überhaupt noch der Unterschied zum Menschen? Und wenn es einen gibt: Was machen wir noch auf diesem Planeten? Denn sie scheint deutlich erfolgreicher zu sein als wir. Und wenn wir eine Sache über menschenähnliche Spezies wissen, ist es, dass sie keine Konkurrenz mögen.

 

Syntax und Semantik

Wenn wir uns philosophisch fragen, ob der Mensch durch die KI ersetzt wird, müssen wir zuerst einmal schauen, worüber wir hier eigentlich sprechen. Diese Frage ist zum Glück ganz leicht zu beantworten: Es geht um das menschliche Denken. Das ist, was uns zum Menschen macht. Der Philosoph John Searle ist hier ganz entschieden und sagt, dass wir noch immer einzigartig sind. Wenn man sagen würde, dass ein Computer denken kann, müsste man behaupten, dass der menschliche Geist genauso funktioniert wie einer. Und das würde wiederum heißen, dass wir in der Lage wären, ein Gehirn mit einem Geist zu erschaffen. Dass das überhaupt etwas wäre, das man einfach aus Materialien zusammenbauen könnte.

Man muss zugeben, dass es viele Menschen gibt, die meinen, dass der menschliche Geist nur einfach ein sehr krasser Computer wäre. Wir haben unsere Inputs, die über die fünf Sinne zu uns kommen und wir dann über unseren Prozessor, das Gehirn, verarbeiten können. Danach gibt das Gehirn Outputs in Form von Befehlen an den Körper. Damit wären Gedanken und auch Gefühle maschinelle Angelegenheiten, die gemäß einer biologischen Programmierung so oder so ausgelöst werden. Und je schneller man Inputs verarbeiten und in Outputs verwandeln kann, desto intelligenter ist man. Dementsprechend sind Computer je nachdem mehr oder weniger intelligent und deshalb gibt es auch schon lange künstliche Intelligenz. Das ist natürlich eine Position, die man einnehmen kann, aber damit macht man die Definition von „Geist“ extrem dünn.

Searle sagt, dass ein Computer nie ein Geist sein kann, weil er von seinem Sein her ganz anders funktioniert. Ein informatisches System funktioniert immer mit Nullen und Einsen, die eingespeist sind und je nachdem nach einer gewissen Reihenfolge ablaufen. Aber diese Zahlen an sich bedeuten gar nichts, sondern stehen einfach nur für andere Zeichen. Jede Anfrage ist also eine Art Rechnung, eine Gleichung, bei der nach Entsprechungen gesucht wird. Aber so funktioniert das Denken gar nicht. Wenn ihr euch über etwas Gedanken macht, ist das nicht einfach eine leere Symbolkette, die durchläuft, bis ihr ein Ergebnis habt oder nicht. Nein, jeder Gedanke hat selbst einen semantischen Gehalt, die Kette kann auch wo ganz anders hinführen, es gibt verschiedene Assoziationen, es geht nicht immer um ein klares Ziel und man kann abschweifen. Denken ist nicht wie die Bearbeitung einer Anfrage mit einem „ja“ oder „nein“. Das gibt es auch, klar. Aber, wenn ihr zum Beispiel keine Antwort auf eine Frage habt, geht euer Gedanke nicht einfach ins Leere, sondern ihr habt Zusammenhänge oder denkt nach, was da sein könnte. Searle sagt daher, dass unser Denken „semantisch“ ist und das des Computers „syntaktisch“. Also, wem die Begriffe nichts sagen: Bei der Sprache ist die Semantik auf die Bedeutung der Wörter bezogen und die Syntax auf ihre Anordnung und Grammatik. Der Computer kann also Anordnungen und mathematische Logiken untersuchen, der menschliche Geist aber Bedeutungen und den Sinn.

Jetzt kann man natürlich immernoch sagen, dass das einfach nur bedeutet, dass der menschliche Geist-Computer besonders weit entwickelt ist und viele Bedeutungen eingespeichert hat, weil er sie mal gehört hat. Aber das ist wieder eine falsche Auffassung. Searle führt uns das mit einem Beispiel vor. Angenommen, man ist in einem Raum und hat vor sich einen Eimer stehen, in dem ausgedruckte chinesische Symbole liegen. Für einen selbst bedeuten die nichts, denn man kann kein Chinesisch. Zum Ausgleich dafür liegt neben einem ein Buch, das die Zeichen beschreibt und zuordnet. Das funktioniert folgendermaßen: Von außen reicht jemand eine Anfrage rein, wo man „Das Auto fährt schnell“ ins Chinesische übersetzen muss. In dem Buch findet man dann Beschreibungen wie: „Zuerst dieses Zeichen mit dem Schnörkel und dann das Runde nehmen.“ Und so weiter. Nehmen wir an, die Übersetzung ist perfekt und auch die Grammatik kommt hin. Dann arbeitet man genau so, wie es ein Computer tut. Der Punkt ist aber: Man kann kein chinesisch, auch wenn man darin übersetzt. Man hat keine Ahnung, was die chinesischen Zeichen eigentlich bedeuten, sondern nur, zu welcher Zeichenabfolge welche gehören. Aber der Mensch übersetzt nicht nach Entsprechungen, sondern interpretiert und versteht den Sinn des Gesagten. Wenn man dem Computer eine Übersetzung zu einem Wort abfragt, das es im Chinesischen nicht gibt, bekommt man nur einfach kein Ergebnis. Der menschliche Geist dagegen versucht, Ähnlichkeiten zu finden und gibt einem ungefähre Resultate. Oder nehmen wir an, es gibt ein Objekt, das weder Computer noch Mensch jemals gesehen haben: Eine Rampe, die im Weltall ist und von Einhörnern beritten wird. Der Computer würde einfach aufgeben, denn das gibt es nicht im System. Dem Menschen wird das auch neu sein, aber er würde es wahrscheinlich: „Außerirdische Sprungschanze für Einhörner“ nennen. Denn er reiht nicht syntaktisch aneinander, sondern untersucht den semantischen Sinn.

Und das geht nur, wenn man ein Bewusstsein hat und über Sprache und Denken reflektieren kann. Der Computer kann die Bedeutung chinesischer Zeichen gar nicht kennen, weil er diese Denkebene gar nicht erreichen kann. Es gibt nur die Frage, ob es eine Entsprechung gibt oder nicht. Der Mensch dagegen kann den ganzen Prozess hinterfragen. Auch hier kann man wieder einschneiden und behaupten, dass Interpretation nur eine Illusion wäre und der Mensch einfach eine höhere Datenlage hat. Aber ich glaube, das ist erstens sehr viel unwahrscheinlicher, als einfach die Möglichkeit von Reflektion zu akzeptieren, und würde außerdem bedeuten, dass unsere Intelligenz dieselbe wäre wie die eines Taschenrechners. Dann brauchen wir diese Diskussion gar nicht zu führen. Aber diesen Einwand kann man in dieser Folge machen: John Searles Text ist aus den 90ern und er redet nur von Computern. Ändert die KI diesen Umstand? Denn Computer können vielleicht nicht interpretieren, aber die KI kann ja tatsächlich Texte zusammenfassen und Konklusionen mit Worten geben, die nicht darin stehen. Und auch das Schaffen von Kunst scheint etwas zu sein, wofür man Bewusstsein braucht. Hält Searles Theorie also den modernen Zeiten stand?

 

 

 

Intelligenz und Vernunft

Um sich dem Wesen von KI zu nähern, brauchen wir aktuellere Texte. Einer davon stammt von Sybille Krämer. Sie stellt fest, dass Computer und KIs immer mehr Fortschritte machen, so wie Menschen zu wirken. Das bedeutet aber nicht, dass sie näher daran wären, welche zu sein. Die Wahrheit ist nämlich – und hier stimmt sie dem vorherigen Philosophen zu – eine Maschine spielt in einer ganz anderen Kategorie als der Mensch. Auch, wenn die Resultate vergleichbar sein mögen, ist der Prozess sehr anders. Auch, wenn man einräumen muss, dass das jetzt anders zu sein scheint: Denn die moderne KI ist nicht mehr nur rezeptiv, sagt also das, was ein Mensch einmal auf eine Website geschrieben hat, sondern generativ. Das bedeutet, dass sie aus eigener Kraft Videos erstellt, Zusammenfassungen schreibt und Ratschläge gibt. Scheinbar sind alle diese Dinge originell. Aber natürlich ist da der Schein ein ganz großer Faktor. Klar, wir können die KI lauter Dinge fragen und sie weiß eigentlich immer eine Antwort. Wie der Mensch hört sie nicht einfach irgendwann auf zu sprechen oder wiederholt sich ständig, sondern scheint flexibel zu denken. Aber man darf nicht vergessen, dass alle diese Informationen irgendwo herkommen müssen. Die KI wirkt immer so frei, aber eigentlich wird sie mit tausenden Texten gefüttert und wird nur besser, wenn man sie öfter benutzt. Es ist ohnehin ein Mythos, dass KI-gestützte Chatbots komplett frei wären, denn natürlich werden sie im Hintergrund aufwendig moderiert. Es gibt schließlich auch Experimente, wo Bots rassistische Züge angenommen haben, weil sie das von Einflüssen aus dem Internet gelernt haben. Klarerweise kann sich das eine etablierte Firma nicht leisten. Die Idee von der vom Menschen unabhängigen Autonomie und dem Denken ist also schon einmal illusorisch.

Die Fähigkeit der Interpretation von Inhalten ist beeindruckend, bis man merkt, dass die KI natürlich besonders beliebte und häufig wiederholte Interpretationen der Vergangenheit von Menschen übernimmt. Ihre Worte variieren schon auch, aber auch das nimmt sie eben aus ihrem Umfeld auf. Die Fähigkeit des Lernens kann man der KI nicht abstreiten, das ist wahr. Sie ist ja auch nicht einfach so eine „Intelligenz“. Aber Lernen macht nicht gleich vernünftig. Es bleibt noch immer ein maschinelles Lernen über Entsprechungen, Symbole, Muster. Eine analytische Sichtweise auf die Welt, die wir Menschen so nicht haben. Ein Chatbot versteht selbst nicht, was er kommuniziert, sondern reagiert auf Muster durch das, was er bisher aufgenommen hat. Man darf hier nicht in die argumentative Falle gehen, zu behaupten, der Mensch würde „tiefer“ denken als die KI und die Themen wirklich durchdringen. Denn auch wir vergleichen Muster und haben eine Datenlage, das muss man nicht leugnen. Klar sind sich künstliche und natürliche Intelligenz ähnlich, nach irgendeinem Vorbild müssen wir ja programmieren. Nicht ohne Grund trainieren wir in den Geisteswissenschaften genau die Fähigkeiten, die die KI hat, wie das Zusammenfassen von Texten. Was uns menschlich macht, ist die Skepsis und das Stellen von Fragen. Die KI nimmt die Daten, die sie hat, nur einfach hin und arbeitet auf dieser Basis. Wenn dann eine Information häufiger vorkommt, nimmt sie sie als wahr an, ist sie seltener, als falsch. Aber wir alle wissen, dass das nicht dieselben Dinge sind. Der Mensch ist vernunftbegabt und kann überlegen, ob es sinnvoll ist, einer Information zu glauben. Und dementsprechend kann er eine Intelligenz erstellen, die ihm Informationen heraussucht und überlegen, wie viel er sie machen lassen sollte. Die KI ist eine maschinelle Intelligenz, wie sie ein Roboter hätte. Eine Vernunft ist etwas völlig anderes.

Dem pflichtet auch Uwe Meixner bei, der meint, dass tatsächliche Intelligenz immer selbstbezogen sein muss. Das Stichwort hier ist: Entscheidungsfreiheit. Die künstliche Intelligenz ist auf das menschliche Bewusstsein angewiesen, um überhaupt interpretiert werden zu können. Der Mensch hat Einfälle, ist skeptisch, grübelt und hinterfragt. In diesem Sinne ist die KI also noch nicht einmal eine Intelligenz. Wenn der Schachcomputer den Weltmeister schlägt, würde man nicht behaupten, dass dieser besonders gut Schach spielen kann, sondern man lobt den Programmierer. Allein das Wort „Intelligenz“ kommt von „intellegere“, was lateinisch ist und von der Bedeutung eher in Richtung „wahrnehmen“, „erkennen“ „merken“ und „begreifen“ geht. Das Wort hat sogar noch einen tieferen Ursprung, und zwar: „inter legere“, also „dazwischen wählen“. Intelligenz bedeutet also, wie gesagt, Wahlfreiheit zu haben. Dazu muss man natürlich einräumen, dass es Freiheit gibt und nicht alles determiniert ist. Das ist die Parallele zu der Diskussion, ob der menschliche Geist wirklich etwas Eigenes ist oder nur einfach ein Computerprogramm, das Befehle ausführt. Aber getreu der allgemeinen Meinung kann der Mensch agieren und die KI nur reagieren. Das bedeutet, dass wir auch mal irrational sein können und nicht der allgemeinen Logik folgen. Computer haben ihre Programmierung und gehen nicht über sie hinaus. Aber der Mensch kann immer alle Fakten umdrehen, so tun, als wäre es anders, oder sich Hypothesen vorstellen. Auch haben wir Gefühle, die dem zuwiderlaufen, was wir rational festhalten. Das ist ziemlich menschlich und ergibt gar keinen Sinn, wenn es aus einer programmierten Maschine kommt.

 

Emotionen als menschlich

Wir merken, dass die Diskussion, wenn wir versuchen, zu verstehen, was der Mensch ist, oft auf das Irrationale geht. Das wird dann oft als der Bereich der Emotionen gefasst. Dabei waren Gefühle in der Philosophie und der Wissenschaft allgemein lange der Gegensatz der Rationalität und damit verworfen. Es hieß, Passion würde uns nur blind machen und im Weg stehen. Überhaupt hat man lange gar nicht verstanden, was Gefühle eigentlich sein sollen, und es wurde versucht, sie einfach als falsche Urteile zu verstehen. Quasi, als wären sie eigentlich rational, aber nur eben schlecht getroffen. Damit haben wir aber für eine lange Zeit das von uns gewiesen, was uns besonders menschlich macht. Ohne Emotionen gibt es nämlich keinen Willen und ohne Willen keine Emotionen. Wenn wir uns glücklich fühlen, tun wir das, weil wir ein Ziel erreicht haben, und wir haben es uns damals gesteckt, damit wir uns glücklich fühlen. Ihr seht, man kann nur das eine mit dem anderen haben. Ein Mensch ohne Emotionen wäre nur eine Hülle, die wahrscheinlich gar keinen Antrieb zum Leben hätte. Wozu auch? Überlegt euch: Gibt es irgendein Lebensziel von euch, das nicht mit Emotionen zusammenhängt? Das ist kein Zufall. Und hier kommen wir auch wieder zur Freiheitsfrage zurück, denn Emotionen sind ein Hinweis davon, dass wir Willensfreiheit haben! Der rein rationale Mensch müsste ja nach irgendwelchen Richtlinien arbeiten, seine „Logik“ müsste festgelegt werden. Aber Emotionen und Wille sind noch einmal eine andere Ebene, quasi eine autonome „Logik“, wenn man so will. Klar, auch nicht ganz unabhängig von der Außenwelt, aber trotzdem höher als das Rationale.

Woran man auch merkt, dass KI nicht menschlich ist, ist die Kommunikation. Denn für echte Kommunikation braucht man Emotionen. Es braucht den Wunsch, etwas herüberzubringen, das Gegenüber auf eine gewisse Weise fühlen zu lassen und eine Reaktion hervorzurufen. Das alles gibt es nur beim Menschen. Deshalb ist unsere Kommunikation auch nicht „perfekt“, sondern ausgeschmückt mit vielen Wiederholungen, Phrasen und Unterbrechungen. Es geht eben nicht nur um das Übermitteln einer inhaltlichen Information. Emotionen sind auch konstitutiv für unseren Charakter, klar. Wie wir fühlen und was wir wollen, bestimmt, wer wir sind. Rationalität ist dagegen eine Universalfähigkeit, die bei allen Menschen gleich ist, je nachdem, wie sie sie beherrschen. Das Optimum wäre dann, dass alle gleich sind. Aber der emotionale Mensch ist immer einzigartig, weil man nur das fühlen kann, was man selber wahrnimmt und empfindet. Besonders in einer Welt, in der Computer diese rein rationale Seite immer mehr einnehmen, sind Emotionen ein sicherer Weg, uns daran zu erinnern, was es bedeutet, Mensch zu sein. Das sagt der Philosoph Ronald de Sousa zumindest schon 1987 und er hat noch immer recht damit.

Und das bedeutet nicht nur, dass Emotionen der Schlüssel zum Willen und dem Charakter sind, sondern auch zur Rationalität. Und damit schließen wir den Kreis. Der Mensch ist nur rational, wenn er rationalen Regeln gut folgen kann. Und woher kommen diese Regeln? Von ihm selbst. Und warum stellt er sie auf? Weil er fühlt, dass das sinnvoll ist. Rationalität ist also auch emotional und intentional.

 

Freiheit als menschlich

Und damit kommen wir noch auf die letzte Bestimmung des Menschen zurück, bei der alle Fäden zusammenführen: Der Freiheit. Wir haben viel darüber gesprochen und sie eingeordnet, aber das kann ja nicht einfach geschehen, ohne sie ordentlich zu definieren. Ihr merkt, dass die Folge immer weiter von der KI abdriftet, weil wir uns in Gefilden bewegen, auf die sie gar keinen Zugriff mehr hat. Die Willensfreiheit ist das eine und eigentliche Kriterium, das Menschen von allen anderen Wesen unterscheidet und nicht replizierbar ist. Durch Freiheit haben wir Wünsche und Emotionen, dadurch sind wir Persönlichkeiten und können rational handeln. Die menschliche Freiheit zeigt sich nach Harry G. Frankfurt darin, dass wir Wünsche zweiter Ordnung haben. Wir können also nicht nur etwas wollen und ausführen, sondern auch darüber nachdenken und reflektieren. Hier kommt das bewusste Element von Meixner wieder ins Spiel. Dementsprechend gibt es auch einen gewissen Spielraum, in dem wir entscheiden können, was wir wollen. Klar, Frankfurt ist sich auch bewusst, dass die Entscheidungen am Ende immer an determinierten Faktoren wie dem Überlebenstrieb oder gesellschaftlichen Zwängen hängen. Aber das heißt nicht, dass wir nicht innerhalb davon aussuchen könnten, was wir wollen.

Der Kontrast dazu sind die Tiere, die nur Wünsche erster Ordnung haben, die sich direkt über den Überlebenstrieb regulieren. Wenn ein Tier Hunger hat, wird es also nicht darüber nachdenken, ob das gerade sinnvoll ist, sondern direkt jagen und fressen. Das bedeutet, dass ein Tier handlungsfrei ist, also auch einen Anteil an der Freiheit hat, aber nicht willensfrei ist. Der Mensch ist willensfrei, weil er auch entscheiden kann, nicht zu essen, weil er gerade eine Diät macht. Wie gesagt, kommt dieser Wunsch auch nicht von ungefähr. Aber der Mensch kann „nein“ zu seinem Essenstrieb sagen und das Tier nicht, das ist der Unterschied. Damit wäre die KI also sogar noch weiter hinten als die Tiere, denn sie hat gar keinen Anteil an der Freiheit. Die KI ist nicht in der Lage, Wünsche zu bilden, weil sie nichts will. Sie ist nämlich ein Werkzeug wie eine Säge oder Zange. Der entscheidende Unterschied ist nämlich das Leben selbst: Nur Lebewesen haben etwas von der Natur bekommen, das sie ganz innen drin unbedingt erhalten wollen. Wenn es keine natürliche Intelligenz mehr gäbe und die künstliche keine weiteren Befehle bekommen hätte, würde sie einfach gar nichts tun, bis sie sich abschaltet.

Überblick

Gut, was haben wir jetzt alles gesagt? Ihr wisst, ich möchte diese Folgen immer möglichst ausgeglichen für euch gestalten. Aber ich habe wirklich keine glaubhafte philosophische Quelle gefunden, die der Meinung gewesen wäre, dass KI tatsächlich so wäre wie NI, also natürliche Intelligenz.

Angefangen haben wir mit John Searle, der meint, dass Computer Syntax haben, aber keine Semantik. Das bedeutet, dass sie ihre Outputs nicht überdenken oder auch nur verstehen, sondern nur einfach Symbole vergleichen und wie bei einer Gleichung das ausspucken, was dem entspricht. Klarerweise funktioniert das nicht, wenn nicht jemand vorher die entsprechende Information eingepflanzt hat. Das kann man ganz einfach bei Übersetzungsprogrammen sehen, die bei nicht-wörtlichen Übersetzungen schnell an ihre Grenzen stoßen. Der Computer weiß, welches chinesische Zeichen welchem deutschen Wort entspricht, aber er kann kein Chinesisch oder Deutsch. Das war aber ein Text aus den 90ern, also haben wir geschaut, ob diese Konklusion bei der KI unserer Zeit noch funktioniert.

Und ja, tut sie. Sybille Krämer sagt dazu, dass KI zwar immer mehr der menschlichen Vernunft ähnelt, aber nie eine haben kann. Das liegt daran, dass sie gar nicht darauf ausgerichtet ist und wir auch gar nicht wissen würden, wie wir eine schaffen. Zunächst einmal ist sie gar nicht so unabhängig, wie wir immer denken: Sie muss streng überwacht werden, um so höflich und zuvorkommend zu bleiben, wie wir sie kennen, und nicht ungehalten zu werden, weil sie von uns lernt. Auch hat sie eine ganz klare Datenlage, aus der sie inzwischen eben etwas schneller und kreativer schöpft. Aber der Vorgang ist derselbe. Wir können nicht wirklich sagen, dass der Mensch ein tieferes Verständnis der Dinge hätte als die KI, denn das ist schwer zu beweisen und bringt uns nur in argumentative Probleme. Viel deutlicher ist der Fakt, dass KI nie ihre Datenlage hinterfragt oder meint, sich zu irren. Denn dafür braucht es die Vernunft.

Dem fügt Uwe Meixner hinzu, dass es die Vernunft ist, die die Menschen frei macht und die Fähigkeit gibt, alles Mögliche zu hinterfragen. Auch können sie dadurch irrational sein und komplett auf die logischen Regeln pfeifen. Das kann eine KI natürlich nicht.

Das Irrationale haben wir uns dann noch einmal angeschaut, weil das einfach so dahingesagt gewirkt hat. Aber dahinter stehen die Emotionen, das so ziemlich menschlichste, was es gibt. Und Ronald de Sousa meinte, dass sie nicht einfach die Abwesenheit von Logik oder das Irrationale wären, sondern die Ursache von dem Rationalen und Irrationalen. Emotionen sind der Grund, wieso wir Menschen überhaupt etwas tun oder wollen. Sie begründen unseren Charakter, unser Sein, die Logik, nach der wir dann rational handeln und sind ein sicherer Garant der Einzigartigkeit.

Und dann noch ein Letztes: Auch die Freiheit ist ein menschliches Gut und steht sogar nochmal über den Emotionen. Denn die Handlungsfreiheit, so Harry G. Frankfurt, ist es, die uns dazu befähigt, Wünsche zu bilden und die Willensfreiheit, darüber nachzudenken. Und hier sind wir auf einer Ebene, auf die die KI gar keinen Zugriff hat, noch nicht einmal als Imitation. Denn, um etwas zu wollen, muss man leben. Um darüber nachzudenken, braucht man ein Bewusstsein und dafür braucht es Willensfreiheit. Und das hat nur der Mensch und es lässt sich auch nicht einfach erschaffen.

 

Konklusion

Nun, was soll ich sagen? Ich denke, es ist sehr evident geworden, dass die KI den Menschen nicht in dem, was er ist, ersetzen kann. Das heißt natürlich nicht, dass sich nicht trotzdem die Frage stellt, ob sie ihn in den Funktionen ersetzt, die es auf dem Arbeitsmarkt braucht. Für viele Jobs braucht es nicht viele freie Denker*innen. Ist vielleicht auch ein Problem unserer Gesellschaft, aber das ist eine andere Debatte. Der Punkt ist jedenfalls, dass wir nicht die KI als Feindbild festhalten dürfen, von der Angst getrieben, ersetzt zu werden. Denn das will die KI nicht. Eigentlich will sie gar nichts. Es werden ganz klar momentan einige Menschen ersetzt, aber das geschieht nicht durch KI, sondern durch andere Menschen mittels KI. Aber auch hier muss man sehen, was böse Intention und was der Gang des Fortschritts ist: Wir haben uns schon immer durch Technologie Arbeit vereinfacht. Wenn dadurch irgendwann der Arbeitsmarkt, wie wir ihn kennen, nicht mehr richtig funktioniert, muss man ihn eben aktualisieren oder komplett ändern. Aber hier sind wir wieder bei der Politikwissenschaft. Und dann müssen wir natürlich schauen, was wir die KI machen lassen: Wenn wir ihr den Befehl geben, Menschen auszulöschen, wird sie das wohl tun. Aber das sind jetzt alles dystopische Szenarien. In der Philosophie stellen wir fest, dass KI an den großen metaphysischen Wahrheiten der Welt nichts ändert: Wir sind weiterhin Menschen und das Einzige, was tatsächlich wichtig bleibt, ist das Handeln nach moralischen Werten und das Hinterfragen. KI ist ein weiteres Werkzeug, das wir gut einsetzen müssen und auch werden. Man muss sich nur daran gewöhnen, dass es jetzt da ist und gewisse Dinge besser kann als wir. Wie auch der Taschenrechner.

Und das war´s. Vielen Dank für´s Zuhören! Kommentiert gerne unter dieser Folge und stimmt mit ab. Heute würde ich gern von euch wissen, wie sehr ihr KI benutzt. Wenn ihr Trailer zu den Folgen hören wollt, geht gerne auf Youtube oder TikTok. Auf meinem Blog habt ihr außerdem auch die Skripts zu Allem. Dann habe ich auch einen Instagram-Account, auf dem ich Kurzbeträge hochlade, die auch auf Youtube und TikTok kommen. Es gibt hier aber auch Updates und Memes, wenn mir mal was einfällt. Erreichen könnt ihr mich da übrigens auch, wenn ihr eine Frage habt. Wenn ihr kein Instagram habt, ist das kein Problem, schreibt mir dann einfach eine Mail. Außerdem habe ich auch einen PayPal, falls ihr mir ein Trinkgeld dalassen wollt. Die Links zu dem allen findet ihr im Linktree, der in der Beschreibung ist. Da stehen auch die Quellen zu dieser Folge und Musiktitel.

Also, dann vielen Dank und noch einen schönen Tag!

 

Quellen

„Können Computer denken?“ – John Searle

„Die Nicht-Vernunft der Chatbots. Was macht auf Large Language Models beruhende künstliche Intelligenz philosophisch interessant?“ – Sybille Krämer

„Bewusstseinsintelligenz und künstliche Intelligenz“ – Uwe Meixner

„The Rationality of Emotions“ – Ronald de Sousa

„Freedom of the Will and the Concept of a Person“ – Harry G. Frankfurt

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