#68 Haben Tiere ein Bewusstsein?

Zusammenfassung

Haben Tiere ein Bewusstsein? Das ist eine Frage, die ich im Podcast schon ein paarmal gestellt, aber immer gleich beantwortet habe: Nein. Ich habe das vor allem getan, um hervorzuheben, wie besonders die Denkfähigkeit des Menschen ist und wie wir das Ich in der Zeit erkennen und darüber reflektieren können. Und das stimmt auch alles. Aber trotzdem bedeutet das nicht, dass Tiere nur einfach wie Maschinen sind, in deren Köpfen nichts passiert und die nur einfach programmiert wurden, um ein einseitiges Leben zu führen. Wie Putarch und Precht vermuten, steckt da deutlich mehr dahinter. Nicht zuletzt, weil wir bei einigen Tierarten sogar ein ausgeprägtes Sozialleben beobachten können.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!

 

Einleitung

Ich möchte heute einmal ein Thema ansprechen, das ich schon sehr lange liegen gelassen habe. Es gab einmal eine Folge über den Veganismus: Die Nummer 4. Da habe ich beiläufig erwähnt, dass Tiere nicht denken könnten und auch kein Bewusstsein hätten. Und es blieb auch nicht nur bei dieser Folge: Auch in „Wie hängen Sprache und Wahrheit zusammen“? Habe ich das behauptet. Eigentlich habe ich immer, wenn es um Tiere ging, gesagt, dass sie nur von Instinkten gesteuert wären, fast wie Maschinen. Das habe ich normalerweise getan, um sie so vom Menschen abzugrenzen. Und ein besonderes Merkmal ist ja normalerweise das menschliche Denken, das in dieser Form nicht in Tieren existiert. Ich habe das auch in der Folge 4 ganz selbstverständlich in meine Argumentation eingebaut und gesagt, dass man Tiere nicht deshalb, weil sie kein Bewusstsein haben, schlecht behandeln darf. Und im Grunde war das auch nie schlimm, denn ich habe ja keine besonderen Schlüsse über Tiere ziehen wollen, sondern über Menschen.

Aber wenn wir uns die Tiere einmal genau anschauen, kommt einem diese Behauptung vielleicht etwas vorschnell vor. Haben sie wirklich kein Bewusstsein? Denn wenn nicht, dann wäre es quasi so, als hätten sie nur tote Materie im Kopf, in der nichts passiert. Sie überleben aus einem Trieb heraus und der Rest passiert dann automatisch. Aber eigentlich würden wir doch nicht behaupten, dass Tiere einfach nur selbstgesteuerte Maschinen sind. Was ist mit Emotionen, die einige Haustiere ganz klar zeigen? Dinge, die Tiere tun, die nichts mit dem Überleben zu tun haben? Oder zumindest nicht direkt. Und dann sprechen wir die ganze Zeit von „Trieb“, aber wie funktioniert der eigentlich? Wie wird selektiert, welcher Trieb wann aktiv sein soll und unter welchen Umständen er sogar für einen anderen unterdrückt werden soll? Ihr seht, das ist alles ein ziemlich vage definiertes Feld. Mit dem Begriff des „Instinktes“ erklären wir immer schnell weg, wie das Innenleben des Tieres aussieht, aber eigentlich haben wir damit nur noch mehr Arbeit: Denn jetzt müssen wir erklären, was „Instinkt“ ist. Aber die eigentliche Frage von dem allen ist nicht einfach nur psychologisch. Es geht nicht wirklich darum, wie es jetzt im Gehirn genau aussieht, sondern wie wir Tiere sehen sollten. Sind wir Menschen tatsächlich essentiell unterschiedliche Wesen? Oder nur einfach graduell? Also, unterscheiden wir uns durch unser Denken in einer Weise von den Tieren, dass wir ganz andere Lebewesen sind? Oder sind wir eigentlich wie sie, nur etwas schlauer? Schauen wir uns das einmal an.

 

Das menschliche Bewusstsein

Jetzt bin ich doch wieder beim Menschen. Aber klar, wenn wir Dinge wie das Bewusstsein definieren, müssen wir da hinschauen. Immerhin ist es ein Konsens in der ganzen Philosophie, das wir eins haben. Also, was ist ein Bewusstsein? Der Philosoph John Locke kommt über verschiedene Ecken dazu, etwas dazu zu sagen. Eigentlich geht es in seinem Text um die Identität des Menschen. Während er dann überlegt, was den Menschen einzigartig macht, kommt er auf die Persönlichkeit und damit auf das Bewusstsein. Vielleicht habt ihr mich in meiner Folge über die Person davon schon reden hören.

Jedenfalls sagt Locke schon zu Anfang seiner Ausführungen, dass auch Tiere eine Identität haben. Sie sind also nicht nur einfach austauschbare Maschinen, sondern eigenständige Lebewesen. Das erkennt man vor allem daran, dass ein Fohlen, das zu einem Pferd heranwächst, trotzdem immer dasselbe bleibt. Auch, wenn sich der Körper verändert. Es gibt also etwas im Tier, das konstant bleibt. Und das ist für Locke der einheitliche Sinn. Ein Tier ist nicht einfach zufällig zusammengesetzt wie ein Atom, sondern hat den Zweck der Selbsterhaltung. Und dieser Sinn bleibt über das ganze Leben und über jede Veränderung erhalten, bzw. prägt diese richtiggehend mit. Daraus entstehen dann, je weiter die Art entwickelt ist und spätestens beim Menschen noch die Persönlichkeit und das Bewusstsein. Aber der innere Sinn ist konstitutiv für alles davon. Eine Person ist ein Wesen, normalerweise menschlich, das ein Bewusstsein hat. Das bedeutet, dass es sich selbst betrachten kann und sich als ein- und dasselbe im Laufe der Zeit versteht. Damit ist das Bewusstsein vor allem an die Erinnerung gebunden: So weit wie es sich in die Vergangenheit erstreckt, so weit gibt es auch Erinnerungen an sich selbst und damit Identität.

Und daraus entsteht dann alles: Wenn man einen inneren Sinn hat, gibt es die Möglichkeit, dass man eine Erinnerung ausbildet, die die verschiedenen Zeitetappen miteinander verbindet. Das spricht Locke den Tieren nicht direkt zu, aber auch nicht gezielt ab. Aus dieser Erinnerung entsteht dann ein so oder so gearteter Lebensplan und eine Art, ihn zu beschreiten. Daraus wiederum entwickeln sich Persönlichkeiten und Emotionen. Und eben deshalb sind wir alle so unterschiedlich. Das ist es nämlich, worum es hier vor allem geht: Austauschbarkeit. Ein Bewusstsein macht einen Träger einzigartig und dann in der Folge natürlich auch belangbar oder zumindest bewertbar anhand der Taten in der Vergangenheit. Wie sehr wir das den Tieren zugestehen wollen, können wir von Locke nicht ganz entnehmen. Aber als Philosoph des 17. Jahrhunderts ist er da wahrscheinlich eher skeptisch.

 

Oft übersehene Zeichen der Intelligenz bei Tieren

Grundsätzlich spricht auch der antike Philosoph Plutarch den Tieren ein menschliches Bewusstsein ab. Aber gut, das ist auch nicht anders zu erwarten. Interessant ist aber, dass er dennoch meint, dass es bei allen von ihnen einen gewissen Grad an Intelligenz und anderen menschlichen Zügen gäbe. In dem Text wird konkret die Frage diskutiert, ob Land- oder Wassertiere intelligenter sind.

Was er zunächst in jedem Fall festhält, ist, dass alle Tiere eine Seele haben. Sie sind schließlich Lebewesen. Jedes beseelte Wesen braucht zumindest ein gewisses Maß an Vorstellungskraft, Vernunft und einen Impuls zum Handeln. Sonst könnten Tiere und Menschen gar nichts mit ihren Sinnesorganen anfangen. Auch, wenn man sagt, dass Tiere nur einfach überleben, brauchen sie trotzdem ein Konzept davon, was sie dafür brauchen, was sie tun müssen, um es zu bekommen und sie müssen auch den Moment abpassen, an dem sie in Aktion springen müssen. Man hat oft das Bild, dass Tiere ihre ganze Lebensführung schon im Voraus über die Instinkte im Kopf eingepflanzt haben. Aber eigentlich ist das eine sehr merkwürdige Vorstellung, denn woher soll das denn kommen? Wir Menschen haben so etwas ja auch nicht. Es ergibt auch gar keinen Sinn, weil die Welt sich ständig ändert und Flexibilität gefragt ist. Tiere sind ja keine Smartphones, die immer wieder Updates von oben bekommen. Sie sind in einer Umwelt und müssen sich an sie adaptieren, wenn sie denn überleben wollen. Und wir können ja auch nicht leugnen, dass es Lernprozesse bei Tieren gibt: Alle, die schon einmal ein Haustier trainiert haben, werden das wissen. Jetzt wäre es ja unlogisch, zu denken, dass das in der Natur nicht passieren würde. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass bei vielen Tierarten, vor allem bei Säugetieren, die Eltern die Kinder unterrichten, wie auch bei uns. Und eben dieser Lernprozess bedeutet, dass Tiere zumindest die Disposition zu Vernunft und Abwägung haben müssen. Das ist doch nicht einfach eine Maschinerie, die abläuft! Und es gibt auch kein reines Empfinden ohne Reflexion. Es braucht irgendetwas im Tier, das entscheidet, wie wichtig diese oder jene Lektion der Eltern ist. Man kann auch nicht lernen, wenn man einfach nur etwas tut und es nicht funktioniert. Es braucht den Denkprozess, weswegen es nicht funktioniert hat.

Etwas, das oft nur Menschen zugeschrieben wird, aber auch Tiere haben, sind die Emotionen. Es lässt sich in der Natur beobachten, dass tierische Mütter ihre Kinder wegen Fehlverhalten bestrafen oder positiv auf wohlklingende Musik reagieren. Das sind jetzt zwei sehr nüchterne Beispiel von Plutarch, aber euch würden sicher noch viele andere einfallen. Bis hin zu komplexen Emotionen wie Trauer, die Elefanten gegenüber ihren gestorbenen Artgenossen zu empfinden scheinen. Diese ganzen Verhaltensweisen bemerkt der Mensch schon, aber spricht dann immer von menschen-ähnlichem Verhalten. Das ist ziemlich arrogant, oder? Warum sollten wir denn die Urheber der Emotionen sein? Was dann oft ausweichend gesagt wird, ist, dass unsere Emotionen viel feiner sind und in Tugenden und Zivilisation übergehen. Aber auch Tiere können tugendhaft sein. Das wirkt komisch, aber eigentlich ist es offensichtlich, wenn man sich vor Augen führt, dass alle unsere Werte auf Nächstenliebe aufbauen. Und Zuneigung und Liebe lässt sich auch bei Tieren beobachten. Sie ist sogar normalerweise noch stärker und verlässlicher als bei Menschen. Wie oft haben wir uns schon untereinander verraten und wie selten kommt es vor, dass einem der eigene Hund zuwiderhandelt? Tiere werden immer als triebhaft bezeichnet, aber das sind die Menschen auch. Beide haben zum Beispiel oft aus nicht-Fortpflanzungsgründen Geschlechtsverkehr. Und die Tugenden, von denen wir gesprochen haben, sind auch nicht so eindeutig verteilt. Es mag sein, dass die tierische Tugend sehr basal und weniger elaboriert ist, aber zumindest halten sie sich dran. Menschen dagegen brechen eigentlich ihre Moralkataloge regelmäßig aufgrund ihrer niederen Triebe.

Und dann darf man auch nicht vergessen, dass wir hier mit dem Menschen über ein überaus intelligentes Tier sprechen. Natürlich haben wir mehr Reflexionsfähigkeit als ein Hammerhai. Aber genau so hat jedes Tier in verschiedenen Hinsichten seine Ausprägung: Einige haben mehr Vernunft, Andere mehr Geschwindigkeit, wieder Andere sind stärker. Man würde jetzt auch nicht einer Schildkröte vorwerfen, langsam zu sein. Jedes beseelte Wesen hat ein bisschen Vernunft und keines ist perfekt darin, aber der Mensch ist natürlich am Ende dieser Kette. Aber auch wir müssen diese Intelligenz erst lernen, das darf man auch nicht vergessen. Natürlich sind wir besonders intelligent, wenn wir die ersten ungefähr 20-30 Jahre unseres Lebens nur mit Lernen verbringen! Wenn man sich jetzt aber einmal den ersten Homo Sapiens anschaut, sieht das nochmal ganz anders aus. Und dann kann man auch die Tiere untereinander anhand ihrer Intelligenz vergleichen. Hier geschieht das, wie gesagt, zwischen Land- und Wassertieren. Generell scheinen nämlich nicht alle Tiere gleichsam vernunftbegabt zu sein. Als Beispiel werden die Flusspferde genannt, die ihre Väter ernähren, wohingegen die Störche sie töten, um ihre Mütter zu begatten. Nun, falls sich jemand von euch mit Biologie auskennt, lasst mich gern eure Meinung dazu hören. Aber sonst gibt es auch viele andere solcher Beispiele. Im Hinblick auf Vernunft und Sittlichkeit ist scheinbar nicht beides gleichwertig. Und während Luchse ihre Exkremente vergraben, lehren Schwalben ihren Kindern, sich so zu drehen, dass sie herabfallen. Wo solche Vergleiche aber nicht gehen, ist bei Pflanzen. Ein weiterer Grund, Tiere nicht mit ihnen als maschinelle Wesen gleichzustellen. Ein Luchs mag intelligenter als ein Vogel zu sein, aber eine Buche ist nicht schlauer als eine Linde. Pflanzen sind sehr sicher nicht mit Denkkraft ausgestattet. Unterscheiden können wir Tiere übrigens auch innerhalb derselben Art. Und auch das ist ein wesentliches Argument: Tiere können „außer sich“ sein. Zum Beispiel ein Pferd, das wild um sich tritt und herumspringt. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, das Tier wäre dem Wahnsinn verfallen, wild geworden. Das scheint aber auf einen Normalzustand hinzudeuten, in dem es eine gewisse Kontrolle über sich ausübt und ruhig ist.

Aber kommen wir einmal zurück zu unseren Land- und Wassertieren. Das ist zwar für diese Folge nicht so wichtig, aber könnte uns weitere Einblicke in die tierische Intelligenz geben. Plutarch meint, dass Landtiere deutlich intelligenter zu sein scheinen als Wassertiere. Wir hatten eben schon das Beispiel der gegenseitigen Attacken und das gibt es auch bei einer Fischart, bei der die Männchen die Weibchen nach der Brut attackieren, während sie noch die Eier legen. Etwas, das ganz klar ihren Fortbestand in Gefahr bringt. Nun, wir Menschen sollten da wahrscheinlich ganz still sein. Jedenfalls fährt der Philosoph fort, dass die Jagd am Meer deutlich weniger Geschicklichkeit erfordere als an Land. Beim Fischen „sammelt“ man die Fische quasi fast nur ein, während man im Wald wirklich aufpassen muss, nicht die feinen Empfindungen der Tiere auszulösen. Das bedeutet, dass Tiere an Land ein deutlich besseres Gefühl für Gefahr und mögliche Gegenwehr oder Flucht zu haben scheinen. Eine kleine Anmerkung von mir an der Stelle: Eigentlich ist dieser Punkt unfair, weil wir ja als Landwesen die Wassertiere von oben angreifen, also aus einer Richtung und Perspektive, auf die sie nicht vorbereitet sind. Landtiere sind auf solche in der Luft auch oft nicht eingestellt. Aber gut, spielt jetzt keine Rolle. Jedenfalls meint Plutarch, dass Tiere an Land auch deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben: Ein Tiger kann seine Krallen ein- und ausfahren, stärker oder schwächer mit der Pfote auftreten und verschiedene Geräusche machen. Fische können das mit ihren glatten, stromlinienförmigen Körpern alles nicht. Daraus entstehen natürlich viel mehr potenzielle Mittel zur Kommunikation und Jagd. Und dann haben wir lauter andere Beispiele für Wunderliches in der Natur: Spinnennetze, Ameisenhügel… Das sind alles Dinge, die auf hohe Effizienz und Intelligenz schließen lassen. Nicht zu vergessen, dass gewisse Tierarten sogar schon ganze edukative Systeme haben, in denen sie ihren Nachkommen Dinge beibringen. Dann gibt es Tiere, die besonders kreativ werden, was ihr Überleben angeht oder langjährige Beziehungen zu Menschen unterhalten. Die Sprache der Vögel umfasst viele Oktaven mehr als die unsere und Raben wurden schon beobachtet, wie sie Steine in Gläser mit Wasser tun, damit es an die Oberfläche steigt und sie trinken können. Wobei das jetzt eher Tiere der Luft als des Landes sind.

Es sieht also ziemlich schlecht für die Meerestiere aus. Auch wenn Plutarch sagt, dass sie nicht unterschätzt werden sollten. Das Wasser ist eben ein Gebiet, das sich dem Menschen als Landtier noch nicht erschließt und er nicht kennt. Dort unten herrschen andere Regeln. Viele der oben genannten Dinge sind im Wasser in der Form nur einfach nicht möglich. Daraus kann man jetzt also nicht wirklich einen Vorwurf an die Wassertiere stricken. Außerdem sind Fische jetzt auch nicht ganz einfach zu fangen und entgleiten einem oft. Kurzum ist es mit der Intelligenz nicht so ganz einfach, innerhalb der Tierwelt klare Abgrenzungen zu treffen. Der Mensch tut gerne, als würde er sich generell dadurch von den Tieren abheben, aber zumindest das kann man mittlerweile ausschließen. Wir sind eigentlich wie sie und haben dieselben Ziele und Werte, nur Tragen wir die Maske der Zivilisation. Alle unsere Tugenden kommen aus der Natur und lehnen sich an der Nächstenliebe an. Aber hier soll es ja nicht nur einfach um den Menschen gehen.

 

Die Ähnlichkeit der Affen zum Menschen

Richard David Precht nimmt fast 2000 Jahre später auch zu der Frage Stellung. Er beginnt damit, zu sagen, dass unsere Einteilung der Natur eigentlich komisch ist. Ganz akribisch stellen wir die ganzen verschiedenen Tierarten heraus und analysieren sie genau, aber wenn es zum Menschen kommt, setzen wir ihn einfach auf die Spitze. Eine sehr anthropozentrische Auffassung. Aus diesem Bild folgt aber auch, dass, egal welches Tier, es so weit vom Menschen entfernt ist, dass wir das ganz genau abgrenzen können. Die Tiere untereinander sind sich immernoch so ähnlich, dass der Schritt vom Einen zum Anderen kürzer wäre als vom „höchsten“ Tier zu uns. Das legitimieren wir eben erneut mit unserem Bewusstsein, das wir den Tieren absprechen. Was ist nun aber, wenn eine Tierart ein Bewusstsein haben sollte? Zumindest ein weniger entwickeltes? Wenn wir das akzeptieren würden, müssten entweder alle Tiere eines haben, oder wir müssten Abstufungen einbauen. In jedem Fall aber wäre das Resultat, dass wir eigentlich auch ein Tier sind, nur mit besonders hoher Intelligenz.

Nun, dann nehmen wir uns doch einmal eine dem Menschen sehr ähnliche Tierart: Die Affen. Viele Affenarten haben ein relativ ausgeprägtes Sozialleben, von Kindern, die miteinander spielen bis hin zu sozialen Intrigen. Menschenaffen sind weitaus intelligenter, als es ihr Lebensraum erfordern würde. Klar, es braucht kein Sozialleben, um in einem Wald zu überleben, und wenn es keine Fressfeinde gibt, umso besser. Diese „übrige“ Intelligenz fließt bei ihnen ganz in das Soziale und sie nutzen sie, um Konflikte zu vermeiden oder sich bei der Nahrungssuche zu unterstützen. Es ist aber auch hier nicht alles funktional, sondern es gibt auch Spiele oder andere Vergnügungen. Sogar Werkzeuge haben sie, die ihnen den Alltag erleichtern. Wobei man sagen muss, dass die Herstellung von Werkzeugen länger nicht mehr als Hinweis auf die Intelligenz herangezogen wird. Sie hängt nämlich von vielen Faktoren ab, vor allem von der Notwendigkeit und Verfügbarkeit. Wenn die Not rufen würde und alle Materialien da wären, wäre es schon denkbar, dass Affen mehr Werkzeuge bauen würden. Wobei ihnen hier die begrenztere Arbeitsspeicherkapazität im Gehirn zum Verhängnis werden würde. Aber bei uns allen nimmt sowieso das erwähnte Soziale den größten Anteil im Gehirn ein. Primaten können sich an ihre Vergangenheit erinnern, haben eigene Ziele, teilen Arbeit auf und überlisten sich manchmal sogar gegenseitig. Es gibt sogar ähnliche Grundsatzprobleme in ihren Gesellschaften, die sich darauf richten, ob man sich gegenseitig töten darf oder wie man die Älteren behandeln sollte. Es wurde sogar schon beobachtet, dass Affen mit besserer Sozialkompetenz in ihren Gesellschaften besser ankommen und mehr sexuellen Erfolg vermelden können. Nun, soweit man das so nennen kann, das sind jetzt Prechts Worte.

Sehr menschlich ist auch die Verteilung sozialer Rollen und erwartetes Verhalten auf dieser Basis. Selbst die Liebe hat es schon in ihren Alltag geschafft. Affen küssen sich manchmal und schenken einander lange Blicke. Es gibt Arten, die polygam und solche, die monogam leben, aber eigentlich ist Beides dem Menschen nicht fremd. Es gibt sogar Viele, die meinen, dass die polygame Lebensweise natürlicher sei. Etwas sehr menschliches, das ich auch schon in einer anderen Folge erwähnt habe, ist die Sprache. Affen kommunizieren aber auch miteinander und benutzen dabei verschiedene Laute, die ihnen möglich sind. Sie hätten sogar theoretisch die Möglichkeit, grammatikalische Details zu verstehen, aber den Affen fehlt der menschliche Kehlkopf. Jetzt aber wegen eines solchen biologischen Phänomens zu sagen, dass es die beiden Arten so sehr voneinander trennen würde, wirkt wenig schlüssig. Es ist zumindest die Fähigkeit zur Abstraktion und der Zuordnung von Zeichen vorhanden. Ein Affe kann mit einer Geste oder einem sprachlichen Zeichen auf etwas verweisen, das gerade nicht da ist.

Wenn wir das Bewusstsein von Tieren ausschließen, liegt das wahrscheinlich daran, dass wir es nicht verstehen. Denn woher sollte man denn wissen, was und wie ein Tier denkt? Am besten nähern wir uns dem also an, indem wir eine Analogie zu menschlichem Verhalten herstellen. Bisher ist nur Schmerz und Wohlergehen bei Tieren einfach zu beobachten. Das Problem ist aber immer, dass wir Tiere nur aus einer menschlichen Perspektive beurteilen können. Da sie aber keine Menschen sind, verstehen wir sie normalerweise nicht. Tiere empfinden nicht wie wir, so viel ist sicher. Und sie verstehen sich ja auch nicht zwischen verschiedenen Spezies. Deshalb wäre es komisch, wenn wir als Spezies über eine andere sagen könnten, dass sie sich im Zoo nach Freiheit sehnt oder sich, vor dem Laden angeleint, langweilt. Schon die Art, wie gewisse Tiere ihre Umwelt wahrnehmen, ist anders als unsere. Denn wir haben eine gewisse Größe und Arten, die wir als Feinde oder Freunde ansehen. Außerdem haben wir ja zu Anfang dieser Folge schon gemerkt, dass allein das menschliche Bewusstsein schon schwer zu bestimmen ist. Woher sollen wir dann wissen, was bei den Tieren vorgeht? Ameisen könnten zum Beispiel ein komplett geistig ausgereiftes Parallelleben führen und es würde uns nicht auffallen. Der Begriff des „Instinktes“, den ich zu Beginn der Folge genannt habe, wurde in den Wissenschaften für Tiere mittlerweile auch längst abgeschafft, weil er einfach zu vage und irreführend ist. Wie gesagt, das Bild, dass Tiere mit einem Set an Instinkten auf die Welt gekommen sind und davon gesteuert werden, ist falsch. Auch ist es nicht so einfach, Tiere im Sinne ihrer Funktionalität oder ihres Sinnes zu erschließen, weil auch das menschliche Kategorien sind. Man kann generell sagen: Bevor wir Andere verstehen können, müssen wir erstmal uns selbst verstehen. Denn sonst wissen wir ja gar nicht, wo wir anfangen sollen.

 

Überblick

Fassen wir einmal zusammen, was wir haben. Die Frage dieser Folge ist, ob Tiere ein Bewusstsein haben. Wir wollen wissen, ob es gerechtfertigt ist, dass wir als Menschen immer meinen, uns von Tieren abgrenzen zu müssen, weil wir von unserer Existenz wissen. Nun, um das beantworten zu können, muss man natürlich erstmal sagen, was ein Bewusstsein eigentlich ist. Schwierig genug, denn wie Precht später sagt, sind die Definitionen alle noch nicht ausgereift. In jedem Fall meint John Locke, dass Bewusstsein vor allem viel mit Erinnerung zu tun hat. Wenn wir uns als dasselbe Lebewesen wahrnehmen, das wir schon früher waren, teilen wir mit diesem früheren Ich ein- und dasselbe Bewusstsein. Und daraus entwickeln sich dann natürlich Lebenspläne und Persönlichkeit, weil all das darauf basiert, was man bisher getan hat, wer man ist und was man einmal tun möchte. Ob das Tiere so können wie Menschen, bezweifelt Locke stark, lässt es aber offen.

Dann haben wir uns Plutarch angeschaut, der viele Argumente aufgezählt hat, warum Tiere nicht wie Maschinen, sondern beseelte Lebewesen sind. Und als solche haben sie natürlich ein Wissen davon, was sie tun, weil sie sonst gar nicht überleben würden. Davon zeugen nicht nur das Geschick, das Tiere in ihrem Lebensraum zu haben scheinen, sondern auch ihre Lernfähigkeit von den Eltern, die Spiele, die sie miteinander spielen oder auch der Wahnsinn, dem sie verfallen können. Was in diesen Köpfen passiert, weiß Plutarch ebensowenig wie Locke, aber fest steht: Tiere sind untereinander hinsichtlich ihrer Intelligenz vergleichbar, aber Bäume zum Beispiel nicht. Es muss also irgendwas da sein, das in die Richtung unseres Bewusstseins geht. Dass es nicht so stark ausgeprägt ist, ist auch kein Wunder: Wir sind eben das intelligente Tier.

Und dann hat sich Precht noch einmal ganz genau den Menschenaffen angeschaut und festgestellt, dass hier viel zu viele Verhaltensähnlichkeiten zum Menschen existieren, als dass es Zufall sein könnte. Die eben schon angesprochene Lernfähigkeit kann mittlerweile naturwissenschaftlich nachgewiesen werden und es scheint nicht nur Spiele im sozialen Bereich zu geben, sondern sogar ganze Rollen, Moralkataloge und Intrigen. Wenn das nicht menschenähnlich klingt, weiß ich auch nicht. Man kann sogar beobachten, dass sie sich mit einer gewissen Form von Sprache verständigen können. Dass diese nicht so elaboriert ist, wie unsere, liegt zwar vor allem an der fehlenden geistigen Kapazität, aber vor allem auch dem Fehlen eines Kehlkopfes. Es ist auch gar nicht so einfach zu sagen, ob Tiere nun denken oder nicht, wenn wir immernoch dabei sind, herauszufinden, was Denken überhaupt bedeutet. Geschweige denn, das Bewusstsein. Wir können ja nicht mit ihnen kommunizieren, also könnte das schon längst so sein: Vielleicht führen Ameisen ein Parallelleben. Aber fest steht, dass wir bei weitem noch nicht die epistemische Autorität haben, um über die Tiere sicher zu sagen, dass sie kein Bewusstsein hätten.

 

Konklusion

Nun, was sagen wir zum Bewusstsein der Tiere? Ich denke, Precht fasst es ziemlich gut zusammen. Dafür, dass wir uns so sicher sind, dass Tiere kein Bewusstsein haben, scheinen wir aber relativ wenig darüber zu wissen, wie ihr Innenleben aussieht und was das Bewusstsein eigentlich sein soll. Ihr habt ja gemerkt, dass auch Lockes Definition nicht so simpel war. Es ist auch unmöglich, hier etwas zu beweisen und ich würde auch in jedem Fall sagen, dass ein tierisches Bewusstsein nicht so elaboriert sein kann wie ein Menschliches. Aber wenn wir mit dem Begriff etwas großzügiger sind, könnten wir die Tiere schon aufnehmen. Wir haben in dieser Folge viele Verhaltensweisen gesehen, die man bei Tieren beobachten kann, die so aussehen, als bräuchte es für sie ein Bewusstsein. Und wirkliche Gegenbeweise gibt es da eigentlich auch nicht. Wir wissen, dass Tiere durch Triebe gesteuert werden, aber das werden wir auch. So viel unfreier als wir können sie also in ihrem Denken auch wieder nicht sein. Und wenn es auch nur Nuancen sind. Aber wie wir schon gehört haben, hat jede Tierart so ihre Ausprägung. Und genau das ist, was ich mit dieser Folge aussagen will: Der Mensch sollte seine Arroganz gegenüber der Tierwelt ablegen. Es könnte ja schon noch immer sein, dass sie kein Bewusstsein haben und das alles nur menschenähnlich aussieht, ohne es zu sein. Aber erstens ist das nicht besonders wahrscheinlich und außerdem führt diese Art zu Denken immer mehr dazu, dass wir uns von diesem Planeten und seinen Bewohnern entfernen. Und klar, so etwas habe ich in meiner Folge über den Stand des Planeten ohne uns schon angedeutet. Aber eigentlich gehören wir ja zu der Tierwelt und sind in ihr aufgewachsen. Das Meiste an Menschlichkeit ist auch einfach nur eine Maske, die auf dem Tierischen basiert. Und um einmal den Schritt zu tun, zu verstehen, was ein Bewusstsein eigentlich ist, wer wir eigentlich sind und auch unser Denken besser zu verstehen, würde ich wahrscheinlich für mich persönlich den Schritt gehen, zu sagen: Ja, Tiere haben ein Bewusstsein.

Vielen Dank fürs Lesen! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Also, danke nochmal und einen schönen Tag noch!


Quellen:

,,Versuch über den menschlichen Verstand" - John Locke

,,Darf man Tiere essen?" - Plutarch

,,Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen" - Richard David Precht

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