#66 The House: Was ist Heimat?

Zusammenfassung

Was ist Heimat? Das ist ein Thema, das wahrscheinlich viele Menschen berührt. Und ein Film, den ich neulich geschaut habe, der darüber redet, ist „The House“. Müsst ihr nicht gesehen haben, um die Folge zu verstehen, aber ich fand ihn sehr interessant! Er lehrt uns, dass ein Haus nicht dasselbe ist wie ein Zuhause. Eine Heimat zu definieren, ist deutlich schwieriger, als einfach eine Person zu fragen, wo sie herkommt. Weder der Ort, an dem man wohnt, noch der, an dem man aufgewachsen ist, müssen zwingend die Heimat sein. Oder sie sind es nicht mehr: Denn eigentlich handelt es sich hier um ein sehr dynamisches Gebilde. Es hat auch deutlich mehr mit Emotionen und Begegnungen zu tun, als man so denken würde.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Heute möchte ich mit euch über einen Film sprechen, den die meisten von euch wahrscheinlich nicht kennen: „The House“ auf Netflix. Ich bin mir, ehrlich gesagt, auch nicht ganz sicher, wie ich darauf gestoßen bin. Aber der Film hat mit so vielen Symbolen und versteckten, sowie offenen Aussagen gearbeitet, da musste ich einfach eine Folge darüber machen. Auch ist es ein Thema, das ich in diesem Podcast noch gar nicht berührt habe: Das der Heimat. Wobei, „angebrochen“ eigentlich schon. In meiner Folge Nr. 49 ging es um die Nostalgie: Im Grunde auch eine Art Heimatschmerz. Und wir haben viel über Odysseus gesprochen, der zu seiner Heimat zurückkehren wollte. Heute wollen wir uns also diesen Begriff mithilfe des Films einmal vornehmen. In „The House“ wird in drei Kurzgeschichten beschrieben, wie jeweils unterschiedliche Leute an Häusern arbeiten, die sie eigentlich aufgeben sollten. Aber sie können nicht, weil sie sie als ihre Heimat ansehen, was sich jedes Mal als Fehlschluss darstellt. In einem Song, der am Ende des Films spielt, heißt es dann, eine Heimat sei ein Ort, an dem man sich nie allein fühlen würde. Ein Haus dagegen sei nur eine Sammlung von Steinen, nichts weiter. Das ist natürlich schön poetisch, aber zu ungenau für die Philosophie. Was genau soll das heißen? Was ist eine Heimat? Und dann auch: Wo findet man sie oder wie macht man einen Ort zu einer? Außerdem stellt sich auch die Frage, wann man das tun sollte, denn im Film schien das niemandem wirklich gutgetan zu haben. Was ich an dem Thema der Heimat auch interessant finde, ist das Phänomen, sich woanders beheimatet zu fühlen, als man aufgewachsen ist. Vielleicht sogar in einem Ort, an dem man nur wenige Wochen zugebracht hat. Wir haben also Einiges vor in dieser Folge und mehrere Fragen. Ich hoffe, ihr seid genauso gespannt wie ich!

 

Die Geschichte(n) von „The House“

Ich will euch aber zuerst einmal von dem Film erzählen. Es ist wie immer bei meinen Filmfolgen natürlich nicht erforderlich, dass ihr ihn schon einmal gesehen habt. „The House“ ist, wie gesagt, ein Film, der die Frage nach der Heimat aufwirft. Und er wirft sie gleich dreimal auf, in drei unabhängigen Geschichten. In der ersten geht es um eine Familie aus zwei Eltern und zwei kleinen Kindern, die in einem ebenso kleinen Haus leben. Sie sind nicht frei von finanziellen Sorgen und die Verwandtschaft macht Druck, aber sie haben relativ gutes Leben. Dann bekommen sie aber eines Tages ein geheimnisvolles Angebot, in einem großen Haus zu wohnen. Es wirkt fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein, denn sie müssen dafür gar nichts zahlen. Ohne viel nachzudenken, ziehen sie ein. Aber das Haus tut der Familie nicht gut: Der Familienvater verbringt immer mehr Zeit am Kamin und verfeuert Holz. Die Mutter sitzt währenddessen an der Nähmaschine und hört gar nicht mehr auf, zu nähen. Das ist erstmal noch kein Problem, aber irgendwann wird es krankhaft. Die Kinder werden vollständig vernachlässigt und der Vater wirft sogar ihre Möbel ins Feuer. Die Mutter dagegen reißt teilweise Gardinen heraus, um sie durch die Maschine zu jagen. Als die Kinder versuchen, ihre Eltern aus ihrer Trance zu ziehen, sind sie nicht mehr da. Aber dann spricht sie ein Stuhl mit der Stimme des Vaters und eine Gardine mit der der Mutter an. Die Beiden waren wortwörtlich zu Teilen des Hauses geworden! Doch es bleibt keine Zeit für viele Worte, weil das Haus durch einen Unfall Feuer fängt. Die Kinder können sich retten, doch ihre Eltern sind in ihrer jeweiligen Form gefangen. Ein recht tragisches Ende also. So hätte es aber gar nicht laufen müssen: schließlich hatten sie alle einmal glücklich in ihrem Haus gelebt. Aber die Eltern wollten einfach mehr haben. Diese Gier sieht man darin, dass der Vater alles ins Feuer wirft, damit die Flamme immer größer wird. Auch wenn es sicher warm genug ist. Die Mutter dagegen näht und näht, um immer mehr Kleidung zu produzieren. Aber eigentlich haben alle genug zum Anziehen. Währenddessen verlieren die Eltern aber immer mehr ihre eigenen Kinder aus den Augen. Schließlich werden sie selbst zu Möbeln des Hauses, von dem sie so besessen sind. Sogar der Brand im Haus ist relativ symbolisch dafür, dass das Feuer so sehr gefüttert wird, bis es sich selbst verschlingt.

In der nächsten Geschichte sind die Personen, die in der Handlung vorkommen, keine Menschen mehr, sondern Tiere. Der Protagonist ist eine Maus, die ein Haus verkaufen will. Da es aber in keinem besonders guten Zustand ist, muss er es davor renovieren. Die Maus ist da besonders stark hinterher, weil das Haus so etwas wie ihr Lebensprojekt ist. Und es ist sogar fast fertig, aber das Ungeziefer will einfach nicht weggehen. Und dabei versucht unsere Hauptperson alles: Einfaches Aufkehren, ein spezielles Spray und sogar toxische Gase. Aber irgendwie bleibt es einfach hartnäckig. Sie versucht den Verkauf trotzdem, aber verständlicherweise verlassen alle ihre Maus-Kontakte schleunigst den Ort, sobald sie das Ungeziefer sehen. Da klingelt es eines Tages an der Tür und zwei neue Kund*innen sind da. Sie sind diesmal in Form von Termiten. Das sollte eigentlich ein Warnsignal sein, weil sie jenes Ungeziefer darstellen, das die Maus eigentlich loswerden will – wenn auch viel größer. Die Beiden sagen, dass sie sich für das Haus interessieren und es sich gerne anschauen würden. Sie werden eingeladen und spähen in jeden Raum hinein. Es scheint, als wären sie sehr zufrieden mit dem, was sie sehen. Trotzdem wollen sie mehr Zeit, um sich zu entscheiden und wirklich alles einmal auszuprobieren. Und das tun sie: Sie schlafen in den Betten, kochen sich etwas in der Küche und nehmen sogar zusammen ein Bad. Bald dämmert es der Maus, dass die Beiden nie vorhatten, zu kaufen, sondern einfach nur vom schönen Haus profitieren wollen, ohne etwas zu zahlen. Sehr symbolisch also, dass sie als Ungeziefer angekommen sind, denn genau so verhält sich auch das Ungeziefer, das die Maus die ganze Zeit loswerden will. Leider bekommt sie die unterwünschten Gäste aber nicht mehr aus dem Haus. Da sie sich weigert, den Fall einfach aufzugeben und sich zu retten, verirrt sie sich komplett in dieser Geschichte und verliert den Verstand. Der Film springt am Ende einige Zeit in die Zukunft und zeigt die Maus mit einem wilden Blick und zerschlissener Kleidung, wie sie sich auf allen Vieren durch das Haus frisst. Genau wie das Ungeziefer. Davon gibt es mittlerweile auch viel mehr, aber das scheint niemanden mehr zu stören. Auch hier gibt es ein dystopisches Ende: Die Hauptperson verrennt sich komplett in ihrem Traum und bekommt genau das, was sie nie gewollt hat: Das Haus wird langsam zerstört. Es ist recht interessant, eine Maus als Hauptperson zu nehmen, weil die eigentlich selbst in Häusern normalerweise unerwünschte Gäste sind. Auch die ersten Kund*innen sind alles Mäuse. Es gibt eine Person, die dem Protagonisten immer wieder sagt, er solle sich vom Haus verabschieden. Wir sehen sie nie, aber sie ist immer am Telefon mit ihm. Es scheint eine Person zu sein, die ihn sehr gut kennt. Aber wie ich euch erzählt habe, hört die Maus nicht auf sie. Die zwei vermeintlichen Kund*innen haben dieselbe Form wie das Ungeziefer, das habe ich schon erwähnt. Und es gibt übrigens noch einen Versuch, einfach trotzdem weitere Leute zur Hausbegehung einzuladen, während die Zwei im Haus sind. Aber sie sorgen dafür, dass alle vertrieben werden. Ganz genau wie die kleineren Formen von ihnen.

Die dritte Geschichte ist etwas länger und hat deutlich mehr Dialoge und Figuren. Hier sind es alles Katzen, wie auch die Hauptperson. Sie besitzt ein Haus, in dem sie auch wohnt, und welches sie zu Teilen vermietet. Ihr Lebensprojekt ist es, es zu renovieren und immer mehr Leute darin leben zu haben. Aber aktuell läuft es nicht so gut: Es leben nämlich nur zwei Personen darin und beide sind zahlungsunfähig. Und das aus einem bestimmten Grund: In der Welt, in der die Geschichte spielt, hatte es vor einiger Zeit eine riesige Flut gegeben, die fast alles Land weggetragen hat. Wenn man das Haus der Katze verlässt, sieht man weit und breit nur Wasser. Es gibt nur noch einen kleinen Außenbereich mit einem elektronischen Schild. Trotz dieser ganz offensichtlichen Hindernisse, Kund*innen anzuziehen, hat sich die Katze in den Kopf gesetzt, dass sich das alles nach einer kleinen Renovierung geben würde. Von ihren Mieter*innen bekommt sie Fische und esoterische Steine, aber kein Geld. Das regt sie sehr auf, aber man fragt sich auch, was sie mit dem Geld überhaupt anfangen würde. Außerdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Haus ebenfalls versinkt, aber das alles möchte die Katze nicht sehen. Da kommt eines Tages ein weiser Kater per Boot, der wohl die Welt bereist hatte. Er rät allen, zu gehen, und macht damit die Besitzerin nervös. Sie weigert sich, zu gehen, aber er baut aus Teilen ihres Hauses Boote für die zwei anderen Bewohner*innen. Für sie baut er das Haus sogar leicht um, dass es als Schiff funktionieren würde. Auch dann weigert sich die Besitzerin aber. Nur, als die Anderen alle den Ort verlassen, fühlt sie die Einsamkeit. In dem Augenblick realisiert sie, dass sie eigentlich zu diesen Leuten gehört und segelt hinterher. Das ist die einzige Geschichte, die gut ausgeht. Hier segelt die Hauptperson ihrem Zuhause hinterher und verliert sich nicht in falschen Hoffnungen. Ich habe das Gefühl, dass auch in dieser dritten Geschichte die Katzenform nicht zufällig gewählt war. Immerhin ist die Überschwemmung hier ein großes Thema und Katzen hassen bekanntermaßen Wasser. Auch die Hauptperson versucht, das Wasser um das Haus herum einfach zu ignorieren und sammelt Miete, als ob sie damit etwas anfangen könnte. Ein Fisch als Miete ist in den neuen Lebensumständen eigentlich sogar recht solide, muss man sagen. Als der weise Kater kommt, ist der erste Instinkt der Besitzerin auch nicht, ihn zu fragen, wo er herkommt, was es mit der Flut auf sich hat oder ob alle auf sein Boot passen, sondern, ob er ein Zimmer möchte. Sie ist so in ihrem Film drin, dass sie ihn direkt als Kunden sieht. Die offensichtlichen Fragen stellen dagegen die anderen Leute in dem Haus. Der Kater antwortet auch sehr rätselhaft darauf und meint, er wäre nur so lange da, bis die Zeit gekommen ist, zu gehen. Und wie wir am Ende sehen, ist es genau diese Zeit, zu gehen, die für die Besitzerin eine besondere Rolle spielt.

Alle diese Geschichten teilen im Grunde dieselbe Aussage: Ein Haus ist nicht dasselbe wie ein „Zuhause“. Die Hauptpersonen hier scheitern vor allem deshalb, weil sie sich daran festbeißen, dass ein Haus immer ein Zuhause wäre. Und dann natürlich, je größer, desto besser. Dabei vergessen sie aber, worauf es wirklich ankommt. Merkt ihr also, warum ich diesen Film so mag? Es ist wirklich sehr viel Symbolik darin. Vieles habe ich nicht einmal mehr genannt, weil ich hier einmal weitermachen muss. Denn wir sind hier ja nicht beim Deutschunterricht, sondern bei der Philosophie. Es geht also nicht wirklich darum, was die Geschichte über ihr Verständnis von Heimat sagt, sondern, was Heimat genau ist. Und dafür behalten wir einmal diese Eindrücke im Hinterkopf und wenden uns jetzt einer Philosophin zu, die zu dem Thema einen Text geschrieben hat.

 

Heimat als Sinnstiftung

Die Frage nach der Heimat des Menschen ist deutlich wesentlicher, als man zunächst annehmen könnte. Die Philosophin Karen Joisten geht sogar so weit, dass die ganze Philosophie eigentlich zum Großteil dazu da ist, den Menschen zu seiner Heimat zu bringen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nach seinem Platz auf der Erde fragt. Denn für die Tiere und Pflanzen ist es seit der Geburt offensichtlich. Der Mensch dagegen ist ständig auf der Suche nach einem Ort, an den er gehört, einer Denkweise, die zu seiner passt und Leuten, mit denen er seinesgleichen findet. Das ist im Grunde unsere Definition für „Heimat“. Menschliches Leben findet immer an einem gewissen Ort statt und das ist uns wichtig. Fast immer ist die erste Frage beim Kennenlernen einer Person, aus welchem Ort sie kommt. Wenn es ein Ort ist, den sie als „Heimat“ bezeichnen würde, sagt das eventuell etwas über sie aus. Aber oft ist es gar nicht so einfach, weil der Mensch vor allem heutzutage seinen Wohnort sehr schnell wechseln kann. Trotzdem ist die Heimat oft der Ort, an dem man aufgewachsen ist. Klar, denn man ist in den ersten Jahren seines Lebens gezwungen, dort zu bleiben. Je nach Kindheit, natürlich, aber die meisten Eltern bleiben fest mit ihren Kindern an einem Ort, bis diese volljährig sind. Und auch dann bleiben sie normalerweise da, während die Kinder wegziehen. Fast alle Menschen sind durch diese Kindheitsorte geprägt. Es gibt bestimmte Gewohnheiten, Denkweisen und Selbstverständlichkeiten, die teilweise nur dort existieren. Und dadurch fühlt man sich an dem Ort natürlich besonders geborgen, weil man alle diese Dinge angenommen hat und gut kennt. Aber man ändert sich auch und sucht dann nach neuen Orten, neuen Leuten und neuen Antworten. Die Heimatsuche wird zu einer Art Sinnsuche. Wir werden noch sehen, dass diese beiden Themen deutlich mehr verwandt sind, als man denken würde.

Denn durch diese Suche nach der Heimat strukturiert sich auch das Leben: Man wird immer dadurch getrieben, irgendwo ankommen zu wollen. Und wenn man dann dort ist, ist man damit beschäftigt, sich einzuleben, bis man wieder gehen will. Wenn ihr euch an meine Folge zum Sinn des Lebens erinnert: Da funktioniert es ganz ähnlich. Wir sind immer auf der Suche nach etwas, das uns glücklich macht, einer neuen Richtung für unser Leben. Es ist aber nicht einfach nur ein zielloses Herumlaufen, bis man einmal auf etwas trifft, das einem vertraut ist. Dann könnte man ja auch da bleiben, wo man aufgewachsen ist. Nein, der Mensch verfügt nämlich über die Fähigkeit, sich Orte zur Heimat zu machen. Wenn man sich vorstellt, was etwas nicht-heimatliches wäre, dann fallen einem Worte wie „unsicher“ und „nicht vertraut“, „fremd“ ein. Alles, was man also tun muss, ist, sich diese Dinge vertraut zu machen. Dazu haben wir unsere Erkenntnismittel: Sehen, Denken und so weiter. Geborgenheit an einem Ort zu empfinden, bedeutet aber nicht nur, ihn zu verstehen und kennengelernt zu haben. Normalerweise versucht der Mensch unwillkürlich dem, was er sich zur Heimat machen will, zu entsprechen. Man nimmt plötzlich die dortigen Denkweisen auf und fiebert bei lokalen Problemen mit. Wir gehen hier also eine Bindung ein und das ist der eigentliche Kern der Heimatfindung. Es ist wie die Bindung an Menschen, die uns wichtig sind. Und wenn alle Bindungen, die wir suchen, sich an einem Ort zu einer Zeit vereinen, haben wir unsere Heimat gefunden.

Das führt aber natürlich auch zu einer gewissen Zerissenheit des Menschen: Denn wer sind wir dann überhaupt? Sind wir noch wir oder nur einfach die Heimat, die wir annehmen? Nun, es ist in Wahrheit beides. In der Bindung mit einer Heimat kommt das Ich erst zum Vorschein, weil wir sie uns ja aufgrund unserer Präferenzen aussuchen. Dann gleichen wir uns an, aber wir sind nie einfach wie alle anderen Menschen, die an dem Ort wohnen. Denn wir bringen auch Erfahrungen von woanders mit: Alte Bindungen lösen sich nie vollständig auf. Es ist ja auch möglich, sich an mehreren Orten daheim zu fühlen. Aber eigentlich ist es irreführend, dass ich die ganze Zeit von Orten spreche. Denn Joisten sagt, dass es nie einfach nur eine bestimmte geographische Lage ist, die wir uns zur Heimat machen. Das sind ja einfach nur Koordinaten. Das Entscheidende sind die Leute, die wir da kennenlernen und zu denen wir eine Bindung aufbauen. Das kommt oft zuerst. Da der Ort aber deutlich konstanter bleibt und sich nicht verändert, bleibt der oft hängen. Wir sammeln keine Urlaubsfotos, weil die Motive schön zum Anschauen sind – oder zumindest nicht nur, denn dann könnten wir auch im Internet danach schauen. Unsere Fotos sind uns wichtig, weil sie Erinnerungen an andere Menschen in sich tragen, die sich mit dem Ort, an dem sie geschehen sind, verbunden haben. Deshalb bleiben übrigens auch so viele Leute in ihrer Geburtsstadt: Ihre Familie und Freunde sind dort. Heimat ist also ein Phänomen der Begegnungen.

Da ihr aber auch wisst, dass sich der Mensch ständig verändert, ist es ebenso normal, dass er seine Heimat ändert. Entweder den ganzen Ort oder die Art, über ihn zu denken. Vielleicht auch den Bezirk oder die Leute, mit denen er Zeit verbringt. All das ist ein normaler Lauf des Lebens. Viele Menschen verbringen mehr Zeit damit, ihre Heimat zu suchen, als damit, in ihr zu leben. Aber das ist im Grunde auch kein Problem, da „Heimat“ so ein dynamisches Konzept ist. Es entwickelt sich mit dem Menschen. Und manchmal kommt es auch vor, dass man bei der Suche nach seiner Heimat merkt, dass man schon längst in ihr angekommen ist.

 

Heimat als Projektion von Emotionen

Auch Wilhelm Schmid bezeichnet Heimat als etwas Vertrautes. Er wirft noch ein, dass es sogar passieren kann, dass man in seiner ursprünglichen Heimat Heimatlosigkeit erlebt. Etwa dadurch, dass sich verschiedene Dinge im eigenen Ort ändern, Leute wegziehen oder man selbst etwas Neues sehen möchte. In solchen Augenblicken fühlt man sich daheim „fremd“. Die Heimatfrage sieht er nicht nur als essentiell für den Menschen, sondern auch als besonders modern an. Denn es ist nicht so lange her, dass man die ganze Welt mehr oder weniger einfach bereisen kann. Die Globalisierung ist hier ein wichtiges Stichwort. Außerdem ist es „erst“ seit den letzten zwei Jahrhunderten so, dass der Mensch, zumindest in Europa, Religionen und Traditionen immer mehr in Frage stellt. Auch, wenn das theoretisch gut ist, weil man freier in seinem Denken wird und sich dann bewusster für oder gegen etwas entscheiden kann, hat es auch Nachteile. Religionen und Traditionen hatten über Jahrhunderte dafür gesorgt, dass man sich fast überall daheim fühlen konnte. Oder, dass man, wenn ein Ort fremd war, wusste, warum. Aber die Fragen der Postmoderne sind einfach zu komplex geworden und die alten Antworten zu simpel. Das führt aber dazu, dass die Welt schneller wird und sich auf der Suche nach Antworten immer mehr verändert. Das kann für uns Menschen, die ja eigentlich Beständigkeit wollen, sehr überfordernd sein. Es ist immer mehr das Individuum selbst, das sich irgendwie finden und auch in dieser großen Welt auf sich aufmerksam machen muss. Deshalb sagt dieser Philosoph, dass die Heimatsuche ein modernes Phänomen ist.

Aber auch er sagt, dass man sich Dinge zur Heimat machen kann. Im Grunde kann einem mit genug Arbeit alles vertraut werden, wenn man nur will. Das ist nicht unbedingt ein bewusster Prozess, sondern passiert einfach, wenn man etwas mag. Das ist ja auch bei Personen so: Wenn man einen Menschen bewundert, versucht man immer ein bisschen so zu sein wie er. Dieser unbewusste Prozess wird einem oft erst bewusst, wenn man sich davon abkehrt. So ist es auch bei der Heimat: Oft merkt man erst, dass man irgendwo daheim war, wenn man wieder geht. Und besonders, wenn man zurückkommt, ist dieses Gefühl sehr stark. Heimat ist nicht einfach nur Vertrautheit, sondern Identität. Und jedes Mal, wenn man eine verlässt, lässt man ein Stück von sich selbst zurück. Das sind aber alles keine starren Gebilde. Wir hatten es ja eben davon, dass Heimat ein dynamisches Konzept ist. Ebenso wie den eigenen Charakter muss man auch sie pflegen. Denn alles verändert sich: Orte, Leute und Ideen. Man muss sich aktuell halten, stetig überprüfen, ob die Heimat noch zu einem passt oder man sich auf sie anpassen will. Und falls nein, sich eine neue suchen, klar.

Anders als Karen Joisten hat Wilhelm Schmid seinen Fokus nicht so sehr auf der Begegnung mit Menschen, sondern auf den Emotionen. Man muss an einem Ort nicht unbedingt Leute kennenlernen oder auch nur eine gute Erfahrung mit ihnen haben. Was zählt, sind die eigenen Emotionen, die man der Heimat gegenüber empfindet. Das sind die guten Erinnerungen an Urlaubsfotos, über die wir gesprochen haben. Man merkt das auch sehr gut, wenn man einmal wo zuhause war, dann auszieht und später zurückkommt. Man mag noch immer ein Gefühl der Vertrautheit haben, aber es ist nie dasselbe wie früher. Das zeigt, dass die Heimat an keinen Ort gebunden ist. Durch Emotionen erhalten Orte Kontexte und werden mit Bedeutung gefüllt. Damit macht man sich quasi einen Ort zu eigen, weil er Teil der eigenen Lebens- und Gefühlswelt wird. Und das geht nicht nur bei Orten, sondern auch bei Personen. Es gibt ja diese Frase, dass Leute für einen Heimat bedeuten. Und das ist nicht zwingend einfach so dahingesagt, sondern hat einen echten Hintergrund. Je mehr positive Emotionen man mit einer Heimat verbindet, desto subjektiver wird die Schönheit von ihr. Aber das ist nicht unbedingt ein Problem, denn „Schönheit“ ist ohnehin ein subjektives Konzept. Man muss nur aufpassen, dass man den objektiven Grad nie verliert. Eine Heimat kann so sehr mit Emotionen aufgeladen sein, dass sie am Ende nur noch aus eigenen Projektionen besteht. Aber man wird eben auch von dem angezogen und beeinflusst, was man schön findet. Auch das ist etwas, was man merkt, wenn man darauf achtet: In der eigenen Heimat ist immer die Luft besser, die Leute netter und die Landschaft schöner. Oder je nachdem, was einem wichtig ist. In der Heimat zu sein, bedeutet auch, an einem Ort zu sein, wo man einer bestimmten Tätigkeit nachgeht, die man mag. Oder einer, die auch Teil der eigenen Identität geworden ist. Deshalb ist der Beruf auch ein großer Faktor bei der Heimatsuche.

Und dann gibt es natürlich noch Häuser oder Wohnungen. Eine Heimat in der Heimat. Das Besondere an denen ist, dass sie Privatsphäre und Schutz geben. Natürlich sind sie damit ein idealer Ort zum Entwickeln von Emotionen. Deshalb sind diese Orte auch oft dekoriert und personalisiert. Sie sind ein Rückzugsort aus einer Außenwelt, die auch eine Heimat sein kann, aber trotzdem auf Dauer anstrengend. Daher ist es natürlich elementar, dass ein Haus eine solche Privatsphäre und einen Schutz vermittelt. Ansonsten ist es schwer, das Haus oder den ganzen Ort als Heimat anzusehen.

 

Heimat in „The House“

So, wir wollen jetzt einmal die Dinge, die wir gelernt haben, auf „The House“ anwenden. Wie ich erzählt habe, erleiden alle Personen ganz grob ein ähnliches Schicksal: Sie finden ihre Heimat nicht. Aber es passiert überall auf eine andere Weise. In der ersten Geschichte hatte die Familie eigentlich schon eine Heimat: Ihr kleines Haus. Aber man muss dazusagen, dass das Zwischenmenschliche zwar gut war, aber wenig Geld da. Das neue Haus war eher ein Ergebnis der Sinnstiftung der Eltern. Sie wollten mehr von allem haben. Die Kinder dagegen waren wahrscheinlich davor zufrieden. Dafür verfahren sich die Eltern komplett in dem Gedanken nach der Menge. Sie verkennen, dass der entscheidende Faktor in der alten Heimat auch das Zusammenleben war. Mehr zu wollen, ist kein Fehler, aber nicht auf Kosten von allem anderen. Aber man passt sich eben an seine neue Heimat an. Die Eltern gehen eine Bindung mit diesem riesigen Haus ein, indem sie davon besessen werden, immer mehr zu haben. Der Vater möchte den großen Kamin immer mehr befeuern, die Mutter die moderne Nähmaschine Tag und Nacht laufen lassen. Diese Bindung ist natürlich sehr deutlich dadurch symbolisiert, dass die Eltern wortwörtlich zum Haus werden.

In der zweiten Geschichte ist es umgekehrt: Es fängt schon mit dem Irrtum an. Aber leider kann sich die Maus nicht davon loslösen und beißt sich komplett daran fest. Sie ist damit dem Ungeziefer, das sie ständig beseitigen will, deutlich ähnlicher, als sie denkt. Sehr symbolisch natürlich, dass sie es auch gar nicht loswird, denn sie selbst will ja auch nicht gehen. Und dann wird sie schließlich selbst zu dem Übel, das sie eigentlich bekämpfen wollte. Wobei sie das im Grunde schon immer war. Der Person am Telefon sagt sie immer, dass sie sich etwas Anderem und Schönerem zuwenden wird, sobald das Haus einmal verkauft ist. Das heißt, dass hier schon eine Heimat in Aussicht steht. Warum gibt die Maus das Haus nicht auf und macht direkt das, was sie tun will? Sie kann ihr Lebensprojekt einfach nicht aufgeben. Auch hier sind die Sinnstiftung und eingegangene Bindung einfach zu stark. Die Geschichte lehrt einen vor allem, dass es auch Orte geben kann, die man sich einfach nicht zur Heimat machen kann. Klar, man hat als Mensch die grundlegende Fähigkeit dazu, aber manchmal klappt es einfach nicht. Manchmal sind es zu viele schlechte Emotionen, die sich ansammeln, und man kommt einfach nicht voran. Dann ist es schlauer, einfach zu gehen.

Das gelingt aber erst der Katze in der dritten Geschichte. Hier hat sie am Anfang auch schon eine Heimat, wie die Familie vom Anfang. Aber auch hier kommt das Heimatgefühl aus einem anderen Grund, als sie denkt. Nicht das Haus selbst, das sie so mühsam renoviert, ist ihre Heimat, sondern die zwei anderen Katzen, die mit ihr leben. Man könnte erst denken, dass zwischen ihnen ein schlechtes Verhältnis herrscht, weil die Besitzerin Geld will und keines bekommt. Aber eigentlich ist das gar nicht so. Sie wird bei allen Gesprächen in deren Wohnungen eingeladen und die beiden Bewohner*innen gehen auch wirklich davon aus, dass ihre Ersatzbezahlungen wertvoll sind. Und auch die Hauptperson ist nicht so streng mit ihnen, wie man denken könnte: Sie akzeptiert die Zahlungen und bleibt milde. Deshalb wollen die Anderen auch, dass sie geht, wenn es an der Zeit ist. Denn sie erkennen, wo ihre Heimat ist, und wollen sie nicht verlieren. Die Besitzerin ist sich dessen aber nicht sicher und bleibt zurück. Aber dann bemerkt sie zum Glück schnell genug ihren Fehler. Alle drei Hauptpersonen in diesem Film werden von ihren Liebsten beraten und gebeten, ihr Haus aufzugeben. Aber die Katze ist die Einzige, die zuhört. Und auch das ist eine kleine Lektion in sich: Hört auf die Leute um euch herum. Manchmal wissen sie besser über euch Bescheid als ihr selbst. Lustigerweise kann die Katze durch den Umbau sogar ihr ganzes Haus mitnehmen: Sie muss also gar nichts aufgeben. Und auch das ist ein wesentlicher Faktor. Wenn man seine Heimat gefunden hat, kommt alles genau richtig zusammen. Man muss dann nichts mehr opfern.

 

Die philosophische Heimat

Und was haben wir aus philosophischer Sicht zur Heimat gesagt? Zuerst haben wir festgelegt, dass es hier nicht einfach nur um die Frage geht, an welchem Ort man leben will, sondern um viel mehr. Die Heimatsuche ist essentiell im Menschen verankert, anders als die Tiere, die ihre schon seit der Geburt kennen. Die Suche nach der Heimat ist ein bisschen wie die Suche nach dem Sinn: Sie kann ein Leben lang dauern. Die Heimat ist ganz eng mit dem menschlichen Sein und der Identität verbunden, weil wir hier nach Menschen suchen, die zu uns passen, Denkweisen, die wir annehmen können und Gewohnheiten, die wir gut finden. Hier wird also die Persönlichkeit gebildet. Heimatfindung ist eine Form der Selbstfindung. Deshalb hat der Mensch auch die Fähigkeit, sich fremde Orte zur Heimat zu machen: Indem er sieht, zuhört, nachdenkt und Bindungen eingeht. Die waren besonders zentral bei Joisten, weil sie meint, dass es in der Heimat immer vor allem auf die Menschen ankommt, die man trifft. Und der letzte Schritt ist schließlich, selbst so zu werden, wie das, was man so sehr bewundert.

Schmid hat nicht so sehr viel Neues zu sagen, aber betont noch einmal, dass die Heimatsuche vor allem in der Moderne und Postmoderne wichtig geworden sind. In Zeiten der Globalisierung und Abkehr von alten Wertvorstellungen gibt es so viele verschiedene Arten zu sein, dass man in einer Lebenszeit nie alles erleben kann. Und das sorgt natürlich für immensen Druck, vor allem, weil man sich auch mit der eigenen Heimat aktuell halten muss, dass sie einem nicht fremd wird. Dass man sie gefunden hat, merkt man aber nicht an den Menschen, die man trifft, sondern den Emotionen, die man dabei verspürt. Um den Ort selbst geht es eigentlich nie, denn er ist für einen nichts wert, wenn er nichts in einem auslöst. Wir füllen Orte subjektiv mit Bedeutung und Emotionen, um sie uns zur Heimat zu machen. Genauso tun wir es auch mit unseren Wohnungen, da sogar umso mehr. Deshalb ist es natürlich wichtig, dass sie sich auch sicher und geborgen für uns anfühlen.

 

Konklusion

Ok, was machen wir jetzt damit? Ich glaube, die größte Lektion aus dem Film und der ganzen Thematik ist, sich nicht zu sehr auf die Suche nach einer Heimat zu versteifen. „Es ist nicht so deep“, um es einmal so zu sagen. Wenn man an einem Ort wohnt, an dem man sich wohlfühlt, umso schöner. Es ist ein bisschen wie beim Sinn: Man entdeckt das nicht einfach irgendwie, indem man aktiv danach sucht, sondern merkt währenddessen, wenn man angekommen ist. Dafür muss man sich eben ein bisschen Zeit nehmen und darüber nachdenken, ob man gerade das tut, was einen glücklich macht. Etwas, das viel mehr Menschen machen müssten. Denn darauf kommt es doch an! Ist auch deutlich schwieriger, als man denkt. Oft heißt es „Ich mache noch das fertig und dann kann ich mein Leben genießen“. Und ich werde hier nicht naiv sein, die Welt ist eben so, wie sie ist: Manchmal ist das der einzige Weg. Aber eben nicht immer. Die Maus hätte einfach von ihrem verseuchten Haus ablassen und sich etwas Anderes suchen können. Wenn man merkt, dass die eigene Heimat woanders ist, soll man sich nicht an einem Ort niederlassen. Euer Innerstes, wenn ihr wirklich zuhört, sagt euch oft schon sehr deutlich, ob ihr euch wohlfühlt oder nicht. Und vor allem: Verlasst euch nicht nur auf euch selbst. Wir haben es bei der dritten Geschichte schon gelernt: Hört auf eure Freunde und eure Familie. Denn die sehen solche Sachen teilweise auch oft und haben noch einmal einen anderen Blick als ihr. Lasst euch durch die große Aufgabe der Heimatsuche nicht davon ablenken, euer Leben zu leben. Aber ignoriert auch nicht die Stimme in eurem Inneren, wenn sie euch sagt, dass ihr noch nicht angekommen seid. So kann man die Aussage dieser Folge ganz gut zusammenfassen.

Und das war´s! Ich hoffe, euch hat die Folge gefallen. Wie gesagt, rechne ich nicht damit, dass ihr den Film kennt, aber vielleicht hat jemand von euch Lust bekommen, ihn einmal anzuschauen. Und wenn nicht, ist das auch ok – ich hoffe, man hat die Folge trotzdem gut verstanden. „Heimat“ ist ja auch ein Thema, das uns wahrscheinlich alle berührt. Nicht zuletzt mich selbst, muss ich zugeben. Diejenigen, die meinen Instagram verfolgen, haben wahrscheinlich mitbekommen, dass ich letzten Herbst meinen Abschluss gemacht habe. Und auch wenn es tatsächlich studientechnisch noch etwas für mich weitergeht, muss ich mich trotzdem gerade in einer neuen Stadt und auch neuen Leuten einleben. Und diesen Podcast habe ich übrigens während einem Erasmus-Jahr in Spanien angefangen, wusstet ihr das? Das hier war eine etwas persönlichere Folge für mich. Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Gut, dann war´s das. Einen schönen Tag euch noch!


Quellen:

,,The House" - Enda Walsh

,,Philosophie der Heimat - Heimat der Philosophie" - Karen Joisten

,,Heimat finden. Vom Leben in einer ungewissen Welt" - Wilhelm Schmid

Kommentare

Beliebte Posts