#63 Paradise: Wollen wir ewig jung bleiben?
Zusammenfassung
Kennt ihr den Film “Paradise”? Keine Sorge, wenn nicht –
aber er handelt von einem sehr bekannten Thema: Der ewigen Jugend. Das ist ein
Traum, der in der Menschheitsgeschichte schon wirklich oft geäußert wurde.
Einmal wieder jung sein, tun können, was man will und fast keine Konsequenzen
dafür erleiden. Diese Freiheit, die man sich später so sehr zurückwünscht. Aber
ist das ein realistischer Wunsch? Wollen wir tatsächlich immer jung sein?
„Paradise“ gibt uns diese Möglichkeit: In der Welt des Films können Lebensjahre
durch eine neue Technologie von einer Person auf eine andere übergehen.
Folglich fangen alle an, sich gegenseitig ihre Lebensjahre abzukaufen oder
sogar zu stehlen. Aber sind die verjüngten Leute am Ende wirklich die
glücklichen? Sollten wir auf diese Weise in unser Leben eingreifen? Oder
bringen wir dadurch eine Struktur durcheinander, die uns überhaupt erst ein
gutes Leben ermöglicht? Mehr dazu auf „Philosophie für zwischendurch“!
Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer
weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Heute habe ich für euch wieder einen Film ausgepackt, der
vielleicht nicht so bekannt ist, aber ein sehr bekanntes Thema anspricht. Es
geht um den deutschen Film „Paradise“ und das Thema der ewigen Jugend. Der
Wunsch, ewig jung zu bleiben, ist wahrscheinlich der, der am häufigsten in der
Menschheitsgeschichte geäußert wurde. Wie viele Menschen gibt es doch, die
ihrer Jugend hinterhertrauern, wie viele Geschichten erzählen wir uns darüber.
Die „Quelle der ewigen Jugend“ selbst ist ein Schlagwort, mit dem wir alle
etwas anfangen können. Die gesamten griechischen Sagen handeln von Göttern und
Göttinnen, die ewig jung, schön und stark sind. Es geht hier um sehr viel mehr
als einfach nur die Unsterblichkeit, denn die haben auch Titanen oder andere
Monster. Der Wunsch der ewigen Jugend ist gewissermaßen ein hedonistischer: Man
will auf alle Ewigkeit seinen jungen Körper und die Losgelöstheit genießen. Alle
Dichtungen und Geschichten, die davon handeln, reden immer von der „Blüte“ der
Jugend. Als man noch frisch war und alles machen konnte, was man wollte, ohne
davon Konsequenzen zu haben. Und das Interessante ist, dass man diese Nostalgie
fast immer hat. Selbst ich – und das mag Viele von euch ärgern – fühle mich
schon nicht mehr so jung, auch wenn ich gerade einmal 24 Jahre alt bin. Aber es
ist trotzdem ein stetiger Vergleich mit dem, was man einmal konnte und wie frei
man war. Ich konnte vor fünf Jahren zum Beispiel wesentlich länger aufbleiben,
ohne am nächsten Tag müde zu sein, als jetzt. Ich weiß schon, Meckern auf hohem
Niveau – aber ihr versteht, was ich meine. Es heißt immer, dass einem als
junger Mensch die Welt offensteht und man noch nicht durch allzu viele
Verpflichtungen gebunden ist. Die Zeitspanne zwischen dem Beenden der Schule
und dem Eintritt in die Arbeitswelt, bei den meisten Menschen wohl die 20er,
steht hier besonders im Fokus.
Diese Trauer um die verlorene Jugend ist etwas, das wohl
in meinem Alter langsam einsetzt und einen im Grunde bis ans Lebensende
verfolgt. Natürlich nicht immer in einer besonderen Intensität – also bei mir
ist alles ok, keine Sorge. Aber man kann relativ sicher sagen, dass Menschen
ungefähr in den letzten drei Vierteln ihres Lebens beklagen, dass das erste
vorbei ist. Dabei habe ich das Gefühl, dass diese Klagen sogar noch stärker sind
als die um die Endlichkeit des Lebens im Allgemeinen. Zumindest bekommt man das
Gefühl, dass man im Prozess des Älterwerdens seltener Angst vor dem Tod als vor
dem Altern hat. Der berühmte 30. Geburtstag ist zum Beispiel ein Phänomen, vor
dem Leute teilweise fast schon chronische Angst haben. Es gibt sogar welche,
die sagen, man solle das Leben der 20er genießen, weil es danach im Grunde
vorbei sei. Natürlich meinen sie nicht, dass man danach sterben würde, aber
scheinen darauf anzuspielen, dass der lebenswerte Abschnitt des Lebens vor den
30ern geschähe. Um das aber kurz einzuwerfen, auch, wenn ich es aus eigener
Erfahrung nicht sagen kann: Das ist natürlich nicht so. Das wird
besonders dann offenbar, wenn man den Gedanken zu Ende denkt. Man müsste dann
ja während der Jugend das Maximum seines Glückes erreichen, das man dann nie
wieder erlebt.
Aber ist die Jugend wirklich so glücklich? Sicher, man
kann seinem Körper in dieser Zeit viel zumuten und viele Dinge ohne
Konsequenzen genießen. Wie ich es eben beschrieben habe: Eine ganze Nacht
durchmachen, ohne danach allzu müde zu sein. Aber seelisch fühlen sich viele
Menschen zu dieser Zeit verloren. Psychische Probleme sind natürlich ein
Phänomen, das in seiner Ausbreitung noch erforscht wird und vielfältig ist.
Aber ohne sich zu sehr in Details zu verlieren, kann man recht sicher sagen,
dass viele junge Menschen an welchen leiden. Zum Beispiel an depressiven
Verstimmungen, die öfter daran hängen, dass man noch seinen Platz auf der Welt
sucht. Was will man einmal werden, wer will man sein? Mit wem will man
sein? Und es ist sehr schwierig, eine standhafte Relation mit anderen Menschen
aufzubauen, wenn man noch nicht einmal weiß, wer man selbst ist. Irgendwie
möchte man schon diese freie, losgelöst Welt genießen, aber eigentlich sehnt
man sich doch nach Stabilität. Aber Stabilität kommt mit Verpflichtungen und
Eingrenzungen, also gibt es dann eben weniger Freiheit. Ich kenne ehrlich
gesagt wenige der „klassischen“ jungen Leute, die tatsächlich nur die Welt
bereisen, tun, was sie wollen und die ganzen „erwachsenen“ Probleme auf ihre
30er schieben. Man will erst unbedingt erwachsen werden und dann wieder jung
sein. Wir sind wohl nie zufrieden.
In „Paradise“ wird es sogar noch ernster, denn dort gibt
es ein wahres Rennen um die Jugend. In dieser Welt gibt es sogar die
Möglichkeit, Menschen ihre Lebensjahre abzuziehen. Und hier verlieren alle
völlig den Kopf und die Moral. Beim Kampf um die Jugend zeigt sich eigentlich
erst, wie tief dieses Verlangen eigentlich sitzt und wie viel unsere
körperliche Jugend mit unserer geistigen zu tun hat. Oder auch nicht. Es wird
damit fantasiert, dass große Künstler wie Bach und Mozart mit mehr jugendlichen
Jahren sehr viel mehr Werke hätten kreieren können. Aber ist das tatsächlich
wahr? Und dann gibt es eine Frau, der tatsächlich ihre jugendlichen Jahre
gestohlen werden. Was genau daran ist für sie so traumatisch? Und kommen diese
Jahre wirklich der Person zugute, die sie dann erhält? Schauen wir uns das
alles einmal an.
Paradise
„Paradise“ ist ein
relativ neuer und kein extrem bekannter Film, also keine Sorge, wenn ihr ihn
nicht kennt. Ich habe ihn neulich gesehen und die Handlung hat ziemlich gut zu
diesem Thema gepasst oder mich überhaupt erst darauf gebracht. Deshalb dachte
ich, ich bringe ihn mal ein. Also: „Paradise“ ist ein Science-Fiction Film aus
Deutschland, was ich übrigens deshalb so betone, weil man so etwas selten hört.
Nicht, dass ich hier gesellschaftliche Filmkritik üben will, natürlich – aber
es fällt zumindest auf. Jedenfalls spielt dieser Film im Grunde in der
Gegenwart, aber natürlich einer fiktiven. In der Welt von „Paradise“ ist es der
Wissenschaft gelungen, Maschinen zu entwickeln, die beliebig viele Lebensjahre
einer Person auf eine andere übertragen können. Und damit auch die Jugend. Es
werden also nicht in einem normalen Lebensverlauf einfach nur Jahre auf das
Maximum addiert, sondern man wird auch wieder jünger. Das wird nicht so genau
gesagt, aber wir können wahrscheinlich davon ausgehen, dass sich ein Verhältnis
einstellt: Ein Mensch lebt vielleicht 100 Jahre und wird mit 60 Rentner. Aber
wenn durch diesen Eingriff 20 Jahre dazukommen, altert er erst ab 80 so stark.
Aus Gründen, die nicht weiter ausgeführt werden, sind zwar außerdem nur einige
Menschen für diesen Prozess kompatibel, aber es reicht aus, dass dieser
„Lebenshandel“ zu einem globalen Phänomen wird. An dessen Spitze steht eine
Firma namens Aeon, die offenbar als einzige über diese Mittel verfügt und
massiv darauf kapitalisiert. Sie wirbt auch damit, dass große Genies wie Bach
oder Mozart viel mehr Werke hätten kreieren können, wenn sie nur länger gelebt
hätten. Klar kann man also die Jahre auch immer weiter kaufen, bis man fast
schon ewig lebt. Aber denkt dran: Der Fokus dieser Folge und auch des Filmes
ist die ewige Jugend, nicht das ewige Leben.
Die Dynamik, die sich aus dieser Erfindung ergibt, kann
man sich gut vorstellen. Vor allem im Kontext unserer kapitalisierten Welt.
Natürlich fangen reiche Menschen damit an, jüngeren Geld zu bieten, um ihre
Lebensjahre zu bekommen. Das ist sowieso ein Fakt, den ich immer wieder krass
finde, wenn man ihn sich vorstellt: Eine Person kann extrem viel Geld haben und
mächtig sein, aber sie würde fast alles davon für mehr Jugend hergeben. Das,
was man zu einer gewissen Zeit seines Lebens hat, ist nicht käuflich – nun, bis
jetzt durch Aeon. Kehren wir also zum Film zurück. Wie ihr euch vorstellen
könnt, ist es ein ziemlich gruseliger Gedanke, seine Jugend für Geld zu
verkaufen. Es erinnert fast ein bisschen an einen teuflischen Pakt, bei dem man
seine Seele verkauft. Wie wir später lernen werden, gehört die Jugend nur einem
selbst, das ist ein ganz intimes Band, das einen dazu verbindet. Man verkauft
ja nicht nur einfach ein paar Zahlen, sondern ein Stück von seinem eigenen
Leben, von sich selbst. Aber es gibt nichts, was eine kluge Firma nicht
irgendwie lösen könnte. Es braucht für dieses Problem Menschen, die zu diesen
kompatiblen Menschen hingehen und sie davon überzeugen, den Tausch einzugehen.
Die Argumente, die hier genannt werden, könnt ihr euch sicher vorstellen. Es
geht vor allem um Geld und das Herunterspielen dessen, was man tut. Es seien
„nur ein paar Jahre“ und man könne sich mit der Bezahlung die restlichen
besonders schön machen.
Und hier steigen wir so wirklich in die Handlung ein.
Denn einer dieser Menschen ist Max Toma. Er arbeitet in einer höheren Position
in Aeon und ist genau dafür zuständig. Er hat es zusammen mit seiner Frau,
Elena Toma, durch den Konzern zu viel Geld gebracht und lebt mit ihr in einer
großen Wohnung. Ihre Leben brechen aber zusammen, als eine dritte Person die
Bühne betritt: Sophie Theissen, CEO von Aeon. Sie ist eine ältere Frau, die
selbstverständlich auch für sich selbst danach trachtet, ihre jugendlichen
Jahre wiederzugewinnen. Ihre junge Person hatte sie ursprünglich in Elena
gefunden und Max geschickt, um sie zu überzeugen. Dieser hatte sich aber dann
in sie verliebt und sie geheiratet. Doch Theissen findet trotzdem einen Weg.
Unglücklicherweise hatte Elena beim Kauf ihrer Wohnung eine hohe Hypothek
aufgenommen und ihre Lebensjahre als Bezahlung im Fall der Fälle hinterlegt.
Kurz danach brennt ihre Wohnung scheinbar durch einen Unfall ab, als sie ihre
Familie an einem anderen Ort besuchen. Aber natürlich ist es kein Zufall
gewesen: Aeon wollte Elena in eine Situation bringen, wo sie ihre Lebensjahre
würde bezahlen müssen, ohne sie dabei versehentlich zu töten. Und so kommt es,
dass sie von der Privatmiliz der Firma festgenommen wird, betäubt und um 39
ihrer Lebensjahre beraubt. Die Bilanz dieses Tages ist verheerend. Ihr müsst
euch vorstellen, das ist ein junges Ehepaar von jeweils vielleicht dreißig
Jahren. Nicht nur das, sie hatten eigentlich auch schon Pläne, ein Kind zu
bekommen. Alles das ist dahin: Elena wird über Nacht von einer jungen Frau zu
einer Rentnerin von vielleicht 70 Jahren. Das ist eine sehr traurige Stelle von
diesem Film und man kann nicht umhin, fast schon auch zusammen mit Elena zu
leiden. Es hat etwas zutiefst Unangenehmes, sich mit der Möglichkeit
auseinanderzusetzen, dass einem wortwörtlich die Jugend geraubt wird. Sie hat
nicht einfach nur ihr Geld verloren oder sogar Leute, die ihr nahestehen, nein:
Ihr wurde ein zentraler und wesentlicher Part von ihr selbst weggenommen, der eigentlich
untrennbar zu ihr gehört. Elena ist völlig zerstört, erkennt sich selbst nicht
wieder und will sich auch schon gar nicht mehr anschauen. Man könnte fast
sagen, dass sie sich wortwörtlich nicht wiedererkennen würde, wenn sie nicht
spüren würde, dass sie es wäre. Max versichert ihr, dass er sie immernoch
liebt, aber sie kann es nicht ausstehen, sich mit ihm im Spiegel zu sehen. Eine
Rentnerin und ein junger Mann: Ein albernes Bild geben sie ab, sagt sie. Früh
schon suggeriert sie, einfach irgendwo unterzutauchen, vielleicht bei ihren
Eltern, und Max alleine sein Leben weiterleben zu lassen. Man mag sagen, dass
sie beide noch immer dieselbe Person sind und sich lieben. Ihr erinnert euch an
meine Folge zur Person: Elena hat noch immer denselben Charakter und
Erinnerungen. Aber auch wenn sich scheinbar nur die physische Erscheinung von
Elena geändert hat, passiert hier viel mehr. Schon jetzt sieht sie die Welt aus
einer ganz anderen Perspektive als noch am Tag davor.
Aber der Film hört hier nicht auf, sondern nimmt erst
richtig an Fahrt auf. Max entschließt sich nämlich, sich mit seiner Frau auf
die Suche nach einem Weg zu begeben, ihre Lebensjahre zurückzuerlangen. Wobei
man zugeben muss, dass alles, was hier so passiert, nur noch wenig mit dem
Folgenthema zu tun hat. Hier passiert mehr Action als philosophischer
Austausch. Nur ganz grob zu dem, was passiert: Das Ehepaar entführt Sophie
Theissen – oder glaub, dass es das tut. Tatsächlich aber nehmen sie ihre
Tochter mit, die von dem ganzen Thema kaum etwas mitbekommen hat. Die
Verwechslung kommt ganz einfach daher, dass sie annehmen, dass Sophie jetzt
deutlich jünger aussehen müsste als bisher. Am Ende kommt es natürlich heraus,
dass es sich nur um die Tochter handelt, während die auch verjüngte Mutter
versucht, sie zu befreien. Das Ende ist ebenso dystopisch wie der ganze Film:
Max und Elena gehen getrennter Wege, als dieser sich weigert, einfach die Jahre
der Tochter zu nehmen, um Elena wieder jung zu machen. Sie wirft ihn daraufhin
aus dem Auto und fährt mit dem Plan fort. Sophie Theissen bekommt ihre sehr
gealterte Tochter danach wieder, weigert sich aber, ihr ihre eigenen
Lebensjahre zur Verfügung zu stellen. Jahre später schließt sich Max einer
Widerstandsbewegung gegen Aeon an und Elena hat ein Kind mit einem anderen
Mann.
Es gibt hier aber noch ein paar Aspekte, die ich
besonders hervorheben will. Da ist eine besonders erschreckende Verbissenheit,
mit der alle Betroffenen um die jugendlichen Jahre kämpfen. Ich habe ja schon
erwähnt, dass die eigenen Lebensjahre eng zu einem gehören, und, dass allein
der Gedanke, dass sie jemand wegnimmt, zutiefst unangenehm ist. Nahezu primitiv
verhalten sich die Menschen am Ende und verwerfen jedes Gefühl der Moral. Ohne
viel Zögern fährt Elena am Filmende zu einem versteckten Arzt, um ihre
verlorene Jugend von Theissens Tochter zurückzuholen. Ein unschuldiges Mädchen,
das genau das erleiden wird, das ihr widerfahren ist. Sophie Theissen hat
scheinbar nicht einmal einen Funken Mitleid mit ihrer eigenen Tochter, als sie
sich weigert, sich für ihr Wohl zu opfern. Sie war schon einmal jung, ihre
Tochter nicht – aber das ist der CEO egal. Inmitten dieser ganzen Verbissenheit
gibt es eine sehr interessante Aussage von einer Anführerin der Aeon-Miliz,
bevor das alles passiert. Sie sagt, dass sie sich auch verjüngen lässt, um
körperlich für den Job noch fit genug zu sein. Aber eigentlich hat sie keine
Lust mehr, jung zu sein: Sie hat genug von dem Hin und Her und nicht aufwachsen
zu können. Sie hätte am liebsten eigentlich, dass ihr Äußeres endlich ihrem
Inneren gleicht. Etwas in dieser Art sagt sonst niemand im Film. Aber sie ist
auch die Einzige, die wir kennenlernen, die sich ihre Jugend schon öfter
verlängert hat.
Das Alter als Zeit der Befreiung
Wollen wir nun also als Menschheit jung bleiben oder
nicht? Und ist es berechtigt, dass uns unsere eigenen Jahre so sehr am Herzen
hängen? Platon hat wie immer eine sehr direkte Antwort darauf: nein. Und ja,
tatsächlich kann man hier einmal wieder eine Stelle aus „Der Staat“
heranziehen. Die habe ich auch schon in meiner Folge darüber verwendet, warum
man Angst vor dem Tod hat. Es ist das allererste Gespräch in diesem Werk, das
mit dem Hauptthema noch gar nichts zu tun hat. Es ist das Gespräch zwischen
Sokrates und Kephalos, der sich kurz danach auch schon wieder zurückzieht. Es
geht um das Alter, weil beide zu dieser Zeit schon recht bejahrt sind, und
liest sich erst fast wie Smalltalk. Kephalos sagt, dass er im hohen Alter
mittlerweile längst die Lust zum Schlemmen und Trinken verloren hat, aber sich
dafür immer mehr an einer guten Konversation erfreut. Unter seinen
Altersgenossen findet er das aber kaum: Alle beklagen sich nur immer über den
Zerfall ihres Körpers und die verlorene Jugend. Sie trauern genau dem
Schlemmen, Trinken und den Liebesabenteuern hinterher, die Kephalos gar nicht
vermisst. Es wirkt so, als hätten sie früher einmal ein Leben gehabt und wären
jetzt nur noch ein Schatten, der langsam verblasst. Als wäre ihr ganzer Wert
nur aus den jungen Jahren gekommen!
Aber dabei geht das nicht allen älteren Menschen so. So
erinnert sich Kephalos an ein Gespräch mit Sophokles, der solche Klagen gar
nicht hat. Nicht, weil er noch viel Trinken und Schlemmen könnte oder ein
Liebesleben hätte, gar nicht. Sophokles hätte sogar ziemlich deutlich gesagt,
dass es damit vorbei ist. Aber er ist froh darum! Er fühlt sich wie ein Sklave,
der seinem Herrn entsprungen ist. Das Alter ist eine Zeit, in der die Begierden
nachlassen und man endlich frei von seinen Gelüsten ist. Oder sagen wir, man
ist eher frei. Natürlich: Wenn der Körper weniger leisten kann, verlangt
er auch nach weniger. Für Kephalos ist das ein Zustand des Friedens, in dem die
sogenannten „rasenden Gebieter“ weg sind. Man hat zwar immernoch Begierden,
immerhin ist man noch ein Mensch, aber sie sind viel weniger stark. Wenn man
daran zurückdenkt, wie sehr einen im jungen Alter die Liebe gefesselt und der
Sexualtrieb angespornt hat, ist man ganz froh, wenn man sich irgendwann auf das
Wesentliche konzentrieren kann. Und das ist für Platon natürlich die
Philosophie. Vergesst bei diesen Dialogen nicht: Es sprechen zwar viele Leute,
aber sie sagen ja vor allem das, was Platon denkt. Man kommt also durch das
Alter in einen Zustand, in dem man sich von den körperlichen Begierden löst und
lernt, die der Seele zu wertschätzen.
Wirklich gut leben, meint Kephalos, tut man ohnehin nicht
durch irgendwelche Lüste, selbst nicht in der Jugend. Es braucht den richtigen
Charakter: Man muss maßvoll und zufrieden sein, nach einem ethischen Ideal
streben. Das Alter ist dann keine Last, sondern die eben erwähnte Befreiung.
Wenn es das Lebensziel ist, nach einem Maß zu leben und ein guter Mensch zu
sein, so wird man mit der Erfahrung nur immer besser darin. Ist man dagegen
maßlos und ungestüm, hilft es einem auch nicht, wenn man jung ist. Das ist ja
auch ein Teil der Wahrheit: junge Menschen sind jetzt nicht gerade ständig
glücklich, nur, weil sie jung sind. Klar, man kann fast so viel von den
körperlichen Freuden genießen, wie man will. Mit einer übrigens sehr starken
Betonung auf fast. Aber wie wir in diesem Podcast schon oft gelernt
haben, macht einen das auf Dauer nicht glücklich. Darum ging es zum Beispiel in
meiner 19. Folge. Das wahre Glück kommt durch das Maßhalten und die
Bescheidenheit. Und jetzt, wo er ein höheres Alter erreicht hat, freut sich
Kephalos mehr auf das Vererben als das Ausgeben. Die Jugend ist in Wahrheit nie
fern, sondern nur einfach in anderen Menschen. Und an ihrer Jugendlichkeit und
Dynamik kann er sich noch immer an der Ferne erfreuen, aber ist sich
gleichzeitig immer sicherer, dass er selbst nicht mehr so jung sein wollen
würde.
Altern in der antiken Philosophie
Das klingt ziemlich stoisch, oder? Das wirkt fast so, als
sollte sich Elena freuen, dass ihr Weg zum Alter sogar noch schneller gekommen
ist als gedacht! Wobei das nicht ganz das ist, was Platon sagen würde. Die
Jugend muss ja trotzdem erlebt werden. Aber ja, die Antike sieht das Altern
deutlich gelassener als alle anderen Epochen. Nicht zuletzt auch durch den
Römer Cicero. In der Antike wurde das Altern als ein natürlicher Prozess des
Lebens betrachtet und eher weniger im Kontext des Todes. Man sagt hier, dass
jeder Lebensabschnitt einem gewissen Alter entspricht und alles deshalb seine Logik
hat. Nichts muss oder darf zweimal gelebt werden, nichts ausgelassen. Und jede
Etappe ist gut. Platon wirkt hier ein bisschen, als würde er die Jugend
kleinreden, aber das war eigentlich nicht seine Auffassung. In der Jugend
erkundet man Dinge, genießt die Zeit und lernt vor allem philosophisch dazu.
Wenn man dann aber weise ist, gehört es sich nicht, weiter jung sein zu wollen
oder so zu tun, als wäre man es. Dieser Abschnitt ist dann vorbei und wird
eigentlich auch nicht mehr zurückgewünscht. Es ist, als würde ein Professor
noch einmal Student werden: Es passt nicht mehr. Die Prüfungen sind ihm lästig,
weil er schon alles weiß, und etwas Neues lernt er nicht dazu. Das Leben von
Studierenden ist aber nur deshalb so besonders, eben weil sie noch dazulernen
und eben nicht alles wissen. Man kann nicht das Eine ohne das Andere haben.
Damals wurde das Alter wie gesagt nicht im Kontext des
Todes gesehen, aber natürlich wussten die Philosophen der Antike auch, dass er
darauf folgt. Klar, wer älter wird, nähert sich dem Tod. Aber gleichzeitig,
sagt Cicero, bedeutet jedes Lebensalter mehr auch, dass man dem Tod quasi eines
mehr „abgerungen“ hat. Man hat jedes Jahr ein weiteres dazugewonnen und
erweitert seine Lebensspanne. Eigentlich eine positive Sache – vor allem, weil
damals nicht alle so alt geworden sind. Als junger Mensch ist das Leben dagegen
noch ungewiss und voller Gefahren. Es gibt Kriege, Gewalt, Depression – auch
wenn man den Begriff damals nicht verwendet hat und Krankheiten. Klar, Letztere
wird man im Alter nicht gerade los. Aber, wenn man schon älter ist, bedeutet
das, dass man dem allen schon öfter entronnen ist. Und dann darf man nicht
vergessen, dass alle jungen Menschen alt werden wollen: Sie wollen sich alle
entwickeln, weiser werden und Erfahrungen machen. Ist man alt, hat man also
gewissermaßen erreicht, was viele junge Menschen wollen.
Soweit zur antiken Sicht. Aber das ist doch etwas stark
rationalisiert. Was machen wir mit der ganzen Trauer der Menschen um die
verlorene Jugend? Ist das dann alles unlogisch und dumm? Und zumindest Elena
sollten wir ja schon besser verstehen können, sie hat ihre Jugend schließlich
in einer Nacht verloren! Nach der Antike hat sich die Sicht auf das Alter auch
sehr verändert. In der Neuzeit sagt man sogar, dass der Tod und das Alter ein
schreckliches Laster und ein Fluch der Menschheit sind. Wir können bis in die
Unendlichkeit denken und sind vernünftig, nur, damit wir dann selbst endliche
Wesen sind. Das ist eigentlich eine furchtbare Paradoxie, weil wir im
Unterschied zu den Tieren unserem Verfall selbst zuschauen können. Und dieser
Pessimismus trägt sich über die Jahrhunderte bis zu Philosophen wie
Schopenhauer.
Das Glück der Jugend als Illusion
Arthur Schopenhauer sagt auch, dass die Zeit und damit
das Altern zwingend mit der Welt verknüpft sind. Die Welt funktioniert nicht
ohne Zeit und Zeit funktioniert nicht ohne die Welt, dem kann man nicht
entkommen. Aber das ist eigentlich nichts Gutes: Denn es zeigt nur einfach die
Nichtigkeit des menschlichen Strebens. Alles, was wir tun, ist irgendwann weg
und nichts wert. Der Mensch selbst ist auch eigentlich kein festes Sein,
sondern nur eine Erscheinung, die sich ständig verändert. Da er kein Sein ist,
muss er irgendwann sterben. Wenn es die ewige Jugend gäbe, wäre der Mensch kein
Mensch mehr, sondern würde für immer stillstehen. Was ironischerweise etwas
ist, das wir auch nicht wollen. Der eigentliche Wandel im Leben eines Menschen
ist nicht sein wachsendes Alter, sondern seine Haltung zum Leben. Die frühe
Lebensbejahung verwandelt sich irgendwann zu einem immer stärkeren „Nein“. Man
versteht irgendwann die Geheimnisse der Welt, wie sie funktioniert und will gar
nicht mehr lernen. Sobald man diesen Kreislauf der Nichtigkeit versteht, kann
man gar nicht mehr wirklich hinter einer Überzeugung stehen oder irgendetwas
wirklich wollen. Und gleichzeitig zum eigenen „Nein“, sagt sich auch die Erde
von einem los. Sie macht einen schwach, klein und unansehnlich, bevor man
irgendwann stirbt. Und dann wird alles zu einem Nichts: Die menschliche
Erscheinung verschwindet. Das Einzige, das einem hier irgendeinen Sinn geben
kann, ist der Geist. Und egal, was mit dem Körper passiert: Jener altert immer.
Schopenhauer sagt, dass der Mensch eigentlich nur darauf ausgelegt ist, maximal
ein Jahrhundert zu leben. Und das ist ein hohes Maximum. Dieser Kreislauf ist
bis dahin schon extrem erschöpft, aber kann sich danach einfach nicht mehr
weiterdrehen. Das Leben ist nie abgeschlossen oder vollkommen, sondern es geht
immer weiter. Es ist ein Rennen, das man irgendwann nicht mehr aushält. Deshalb
ist es gut, dass das Leben begrenzt ist.
Und genau deshalb ist die Jugend eine so begehrte Zeit.
Hier ist man sich dieser ganzen Dinge noch gar nicht bewusst, sondern lernt
erstmal nur. Das Leben hat noch nicht begonnen, sich von einem zu verabschieden
und man hat das Gefühl, ewig zu leben. Alle Ziele wirken, als wären sie in
erreichbarer Nähe und man ist ganz natürlich optimistisch. Dass dieser
Optimismus fehlgeleitet ist, lernt man später noch. Es lohnt sich nicht, sich
zu diesem Anfang zurückzuwünschen, da man das mit dem neuen Wissen nicht mehr
will. Das neue Wissen kommt mit dem Alter und in ihm liegt auch das Altern. Man
ist also nur dann älter, wenn man es hat und altert nur, wenn man es erhält.
Dieser Kreislauf hat eine inhärente Logik und deshalb ist niemand wirklich
lange jung. Auch wenn die Nostalgie also fehlgeleitet ist, ist sie
verständlich. Die Jugend sind Jahre, in denen man noch an etwas geglaubt hat
und noch nicht zu tief im See der Erkenntnis untergetaucht ist. Weder das Leben
hat zu einem, noch man selbst zu diesem „Nein“ gesagt. Aber sobald man das tut,
gibt es kein zurück mehr: Weder will man, noch kann man.
Altern in der moderneren Philosophie
Das klingt schon ganz anders als zuvor, oder? Die
stoischen Ansichten der Antike sind durchaus verlockend. Aber irgendwann wurde
die Philosophie skeptisch. Ist man im Alter tatsächlich weiser als in der
Jugend? Ist man wirklich besser dran und nicht mehr von seinen Begierden
kontrolliert? Und diese Vision eines ethischen Lebensprojekts, das man von früh
bis spät mitnimmt, ist das tatsächlich realistisch? Jetzt haben wir schon ein
bisschen von Schopenhauer gehört, der als Pessimist bekannt ist. Aber im 19.
Und 20. Jahrhundert wurde tatsächlich so gedacht. Mit der industriellen
Revolution, einem immer weiter verbreiteten Hinterfragen von Gott und einem
rein naturwissenschaftlichen Weltbild, wurde die Philosophie sehr dunkel.
Stellt euch nur vor, wie man sich in dieser Zeit gefühlt hat. Ohne Gott ganz
allein auf der Welt. Alle Gräueltaten der Menschheit sind einfach nur das Werk
einer gewalttätigen Spezies und es gibt für nichts einen höheren Sinn, eine
Belohnung oder Bestrafung. Ich habe hier auch schon oft über Philosophen wie
Sartre oder Heidegger gesprochen und sie teilen alle eine Meinung: Das Leben
besteht aus lauter Gabelungen, Brüchen und Neuplanungen, aber hat keine
Konklusion. Nicht im antiken Sinne. Die Philosophie nach der industriellen
Revolution war nie wieder dieselbe wie davor.
Wenn einem diese Dinge über das Leben klar werden, wird
man sich auch der Zeitlichkeit der Welt bewusst. Dazu haben wir ja schon ein
paar Dinge gehört. Und trotzdem möchte niemand, dass das Leben stillsteht. Es
muss etwas passieren, der Mensch muss sich bewegen. Denn sonst ist man entweder
kein Mensch oder steckt fest. Man will immer fortschreiten, ist deswegen aber
auch dann nicht zufrieden, wenn man ankommt. Wenn man schon ein paarmal
angekommen ist, versteht man das irgendwann und begeistert sich nicht mehr so
sehr für den Fortschritt. Das ist das, was man den Verlust der Naivität im
Alter nennt. Man zieht schnell den Trugschluss, in der Jugend wäre alles
einfacher gewesen, weil man mit so viel Elan seine Ziele verfolgt und erreicht
hat. Oft ist einem nämlich nicht bewusst, woran das lag – es kam einem einfach
einfacher vor. Und vergesst nicht, was ich in meiner Folge über die Nostalgie
gesagt habe: Es war damals nicht einfacher, man hat die Herausforderungen nur
inzwischen überstanden. Und vergesst nicht, dass man damals deutlich
enttäuschter bei einem Scheitern war als jetzt. Dieser jugendliche Optimismus
macht es einem aber trotzdem einfacher, sich selbst einen Sinn zu geben, weil
man nicht daran glaubt oder denkt, dass er irgendwann nichtig sein könnte. Das
erzeugt die Illusion, das Leben in der Jugend wäre sinnhafter gewesen. In einem
gewissen Sinne ist es das dann sogar auch.
Die Konklusion daraus, die auch viele Künstler*innen
außerhalb der Philosophie in dieser Zeit zogen, war das Idealbild, jung sterben
zu wollen. Ihr seht, wie diese ganzen Themen verbunden sind: Der Sinn des
Lebens, die Angst vor dem Tod, der Optimismus, die Nostalgie und auch das
Altern. Das alles ist Existenzialphilosophie. Was bedeutet unsere menschliche
Existenz auf der Erde? Besonders, wenn wir davon ausgehen, dass wir alleine
sind, ohne Gott und Zweck. Denn zuvor hat es eine solche Philosophie kaum gebraucht.
Das Altern wird von Vielen als Krankheit an sich behandelt, die dem Menschen
anhaftet. Wie wir es schon von der Philosophie der Neuzeit gehört haben: Eine
Dystopie, in der uns die Vernunft gegeben ist, um uns selbst beim Verfall
zuzuschauen. Und dennoch muss es so sein. Schopenhauer, Sartre und auch
Kierkegaard sind relativ pessimistische Philosophen. Aber vor allem Letzterer
sagt, dass diese Aussicht immernoch weit utopischer ist als die, ewig zu leben.
Oder entsprechend, ewig jung zu sein. Erinnert euch an die Folge zum Sinn des
Lebens: Das Leben hat keinen erkennbaren Sinn außerhalb von dem, den wir uns
überlegen. Und auch wenn wir die ganze Zeit neue Ideen haben und am Ende nie
bei einer definitiven ankommen: Es braucht Bewegung und Entwicklung, damit wir
überhaupt damit anfangen. Bewegung heißt auch, eine Not zur Sinnbildung zu
haben, zur Entscheidung, weil wir nicht alles machen können. Unsere Zeit hier
ist begrenzt, also wertvoll. Ist man unsterblich, erstarrt man, macht gar
nichts mehr und wird immer weniger Mensch. Das Leben könnte einen einzelnen
Sinn haben, der ewig weitergeht, aber ironischerweise hätte es gar keinen mehr.
Und hier sind wir wieder bei der Jugend. Weil die Zeit
begrenzt ist, ist man vor allem hier dazu angehalten, sie mit dem zu füllen,
womit man sie füllen will. Zeit zu „nutzen“ ist das Stichwort. Und die Auswahl,
die man trifft, formt einen und wird in Retrospektive honoriert. Kierkegaard
sagt, dass Zeit die Bedingung von Liebe und Glück ist. Daraus ergibt sich
ironischerweise, dass das Ende der Liebe und des Glücks gleichzeitig ihre
Bedingung ist. Das Altern mag unangenehm sein, aber es ist notwendig, um der
Jugend zu weichen und ihr ihren Wert zu geben.
Altern in „Paradise“
Ok, jetzt habe ich sehr viel von den verschiedenen
Altersmodellen erzählt. Ich will in dieser Zusammenfassung direkt alles auf den
Film „Paradise“ anwenden, dass ich nicht zu viele Dinge doppelt erzähle. Wie
können wir das, was wir eben gehört haben, anwenden? Nun, es ist wahrscheinlich
unbestreitbar, dass Elenas Trauer über ihre verlorenen Lebensjahre berechtigt
ist. Egal, nach welcher Erklärung wir gehen: Jede Person hat ein Recht auf ihre
Jugend und sollte sie im Übrigens noch nicht einmal verkaufen. Unsere Jugend
ist ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Ohne sie gibt es gar nicht die
Chance, die ganzen Träume und Sinngebungen auszuprobieren, solange der Körper
noch stark ist und der Kopf noch naiv. Fehlt das, hat man genau dieselben
Idealvorstellungen und den Mangel an negativer Erfahrung, aber kann seine
Träume gar nicht mehr umsetzen. Man sagt „ja“ zum Leben, aber es antwortet mit
„nein“.
Elena wurden hier viele wesentliche Dinge genommen. Um
aus der Sicht der Antike zu sprechen: Ihr Leben ist im Grunde aus dem
Gleichgewicht geraten. Die Logik des Lebensalters wurde komplett durchbrochen,
denn sie hat vierzig Jahre ihres Lebens gar nicht erlebt. Dementsprechend
konnte sie gar nicht mehr jung sein und dazulernen, sondern wurde direkt in das
Alter gesetzt, wo man bereits weise sein sollte. Logischerweise kann sie das
aber noch gar nicht sein. Und auch mit der Philosophie der letzten Jahrhunderte
gesprochen, wurde ihr etwas Wesentliches genommen. Die Jahre der Unschuld, der
Sinnbildungen und großen Lebensträume. Dass das alles vorbei ist, sieht man ihr
direkt nach dem Aufwachen schon an. Sie kann ihr Kind nicht mehr bekommen,
fühlt sich nicht mehr zu ihrem Mann zugehörig und will zuerst gar nicht erst
aufbrechen, um ihre Lebensjahre zurückzubekommen. Diese jugendliche Hoffnung
ist zusammen mit ihrer Jugend selbst verschwunden. Sie zeigt sogar Anzeichen,
sie nicht einmal mehr zurückzuwollen, wenn auch nur kurz. Sie ist zu früh alt
geworden.
Philosophisch interessanter ist aber eigentlich das
Rennen um die Jugend, was vor allem Sophie Theissen veranstaltet. Elena und
Sophies Tochter kann man eigentlich nichts vorwerfen, denn sie wollen einfach
nur ihre Lebensjahre zurück. Und das ist ja sogar richtig so. Niemand versucht
hier, sein Leben zu verlängern oder sonst etwas damit zu machen. Sophie aber
ist es, die selbst jünger bleiben will und sogar sagt, dass das Bach und Mozart
auch hätten tun müssen. Sie ist das Symbolbild dessen, wofür Aeon steht: Die
scheinbare Utopie der ewigen Jugend. Und ist es dieser Jungbrunnen wert? Und da
sind sich eigentlich alle Philosoph*innen dieser Folge einig: Nein. Wenn auch
aus unterschiedlichen Gründen. Die Anführerin der Aoen-Miliz bringt es
eigentlich sehr gut auf den Punkt: Man hat irgendwann keine Lust mehr auf das
Hin und Her der Jugend, diese Art zu leben. Schon Platon sagt, dass die Jugend
nur für eine gewisse Zeit schön ist. Klar, die körperlichen Vorteile lassen
sich sehen und man kann sich fast alles zumuten. Aber genau deshalb verleitet
einen der Körper auch dazu. Man kann sich gar nicht mehr auf das konzentrieren,
worauf es wirklich ankommt: Die geistigen Lüste. Ein gutes Gespräch,
philosophische Gedanken oder innerer Frieden. Die Jugend ist naiv und laut. Im
Alter ist man eigentlich erleichtert, wenn dieser Lärm einmal abflaut. Dasselbe
sagt Cicero. Jedes Lebensalter ist einer gewissen Lebensetappe zugeordnet und
hat eine Logik. Mit dem richtigen Charakter ist man in jeder glücklich, mit
einem schlechten, in keiner. Der Fehler, den Theissen macht, ist, zu denken,
dass es nur darum geht, den Körper jünger zu machen. Aber sie dreht ihre
gesamte Welt auf den Kopf und wird sich plötzlich an einem Ort finden, den sie
längst kennt und gar nicht mehr will. Herausforderungen, die sie längst
überstanden hat und eine Lebenswelt, die nicht mehr zu ihr passt.
Auch die Philosophie der letzten Jahrhunderte rät von
einer ewigen Jugend ab. Hier haben wir deutlich pessimistischere Sichtweisen
wie die von Arthur Schopenhauer. Er sieht eigentlich das ganze Leben als ein
einziges Leid an und meint deshalb, dass man es nicht auch noch verlängern
muss. Aber mit der Jugend gibt es einen speziellen Hintergrund: Man weiß da
noch nicht, dass es sich so verhält. Oder, man hat es noch nicht erlebt. Es
gibt ganz neue Träume, Wünsche und Sinnsetzungen. Das „Nein“ wurde noch nicht
zum Leben gesagt oder von ihm erhalten. Aber Theissen hat ihres schon längst
gegeben und auch erhalten. Sie wird einen jungen Körper haben, aber damit nur
ihr Leid verlängern. Spätestens nach 100 Jahren, sagt Schopenhauer, hat der
Mensch genug vom Leben. Die Jugend kann man nicht zurückholen, wenn man sich
nicht gerade gleichzeitig mit der Verjüngung auch das Gedächtnis nimmt. Aber
mit einem reifen Geist kann man nicht mehr in einen unreifen Körper. Am Ende
wird die CEO sich nur selbst foltern. Ihr Sinnsetzungen werden weiterhin
schwächer und weniger optimistisch sein. Aber dafür werden sie deutlich länger
dauern. Kierkegaard bringt es in etwas positivere Worte: Die Zeitlichkeit gibt
dem Leben überhaupt erst seinen Wert, seine Dynamik und auch das Glück. Das
gilt im besonderen Maße für die Jugend, die deshalb unbedingt begrenzt bleiben
muss. Wenn der Mensch ewig wird, stagniert er und verfällt in Depression. Es
braucht Bewegung, Auswahl, Vergänglichkeit. Wenn ich eh nie sterbe oder alt
werde, warum sollte ich gerade jetzt etwas in meinem Leben ändern? Aus einer
philosophischen Sichtweise ist Sophie Theissen die eigentliche Verliererin
dieses Films. Auch, wenn sie ihren Kampf gewonnen hat.
Konklusion
Es gibt einen Aspekt, den ich während meiner Recherche
oft gefunden habe und noch erwähnen wollte. Natürlich kann man sein Leben auch noch
im Alter genießen. Platon sagt das ziemlich deutlich, aber auch nach der
modernen Philosophie geht das. Schopenhauer hält nur eben das gesamte Leben für
ein einziges Leid, da lässt sich nichts machen. Aber ich habe ja oft gesagt,
dass man in der Jugend durch seine Naivität und den Optimismus viel wirksamere
Lebensziele setzt. Dadurch wirkt das Leben sinnhafter. Das bedeutet aber nicht,
dass man das nicht später auch noch kann. Eigentlich sogar besser: Mit mehr
Erfahrung kann man eine deutlich vernünftigere Richtung für sein Leben setzen. Es
ist schon beides wahr, was wir heute gehört haben. Das Alter ist vielleicht
nicht der hohe Segen, als den Platon ihn verkauft. Krankheiten und ein
geschwächter Körper machen nicht gerade Spaß. Aber auch die Jugend vermisst man
irgendwann nicht mehr, wenn man genauer darüber nachdenkt. Nicht zu wissen, wer
man genau ist, alle möglichen Fehler zu machen, weil man es nicht besser weiß,
allzu leicht emotionale Rückschläge zu erleben, weil einem die Erfahrung fehlt:
Das kann ruhig auch mal irgendwann aufhören. Und bei meiner Recherche habe ich
tatsächlich viele philosophische Ratgeber gefunden, wie es sich gut altern
lässt. Wahrscheinlich ist es am besten, sich nicht zu sehr auf die Dinge zu
konzentrieren, die vorbei sind und ohnehin nicht zurückkommen. Oder nicht auf
natürliche Weise, wenn wir an den Film denken. Ein gutes Leben führt man vor
allem, indem man den Blick nach vorn richtet. Auch nicht zu sehr auf die
Zukunft vielleicht, denn auch die kann sehr weit weg sein. Nein, es ist
wichtig, was du jetzt gerade machst und bist. Der Augenblick. Und den muss man
sich nicht unbedingt dadurch ruinieren, sich auszumalen, was wann alles besser
gewesen sein könnte. Damit ist, glaube ich, schon einmal ein großer Schritt
getan.
Und das war´s! Vielen Dank für den Support wieder dieses
Jahr! Und ich muss sagen, ich bin ein bisschen stolz, dass ich es wieder einmal
hinbekommen habe, einen durchgängigen Rhythmus mit den Folgen durchzuhalten: Es
kam jetzt jeden Monat eine, seit Dezember letzten Jahres. Und mit einer
Community wie euch macht es mir auch Spaß, das weiter so durchzuziehen. W
Also dann bis zum nächsten Mal, fröhliche Festtage und
einen guten Rutsch!
Quellen:
,,Paradise" - Boris Kunz
,,Der Staat" - Platon
,,Senilia. Gedanken im Alter" - Arthur Schopenhauer
,,Angst vor dem Altern? Zwischen Schicksal und Verantwortung" - Eva Birkenstock
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