#62 Was sind Vorurteile?

Zusammenfassung

Was sind Vorurteile? Diese Frage wirkt so, als würde sie weniger in die Philosophie und eher in die Soziologie passen. Und das stimmt, mit Graphiken und gesellschaftlichen Entwicklungen haben wir nicht extrem viel am Hut. Aber was wir tun können, ist, das Konstrukt hinter einem Vorurteil besser zu verstehen. Wie bildet sich so etwas überhaupt? Wann brauchen wir Vorurteile vielleicht sogar und wann sind sie schädlich? Es ist tatsächlich eine schwierigere Frage, als man denkt. Auf der einen Seite verderben uns Vorurteile oft objektive Erkenntnisse, weil sie alles ideologisch einfärben und verfälschen. Wenn wir an eine Person schon mit einem Stereotyp herantreten, behandeln wir sie schon anders, bevor wir sie überhaupt kennen. Auf der anderen Seite sind Vorannahmen auch ein essentieller Teil unserer Erkenntnis. Nie tritt man an etwas heran, ohne sich davor etwas dabei zu denken. Was machen wir also?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch!“

 

Einleitung

Heute möchte ich mit euch über ein Thema gehen, das einmal wieder ein bisschen über die Philosophie hinausgeht. Wenn mir solche Ideen kommen, denke ich mir manchmal, ob sie überhaupt noch passend für diesen Podcast sind. Aber ich möchte euch hier auch ein bisschen vermitteln, dass die Philosophie eigentlich überall Anwendung finden kann. Man kann fast jedes Feld im Kontext der eigenen Wissenschaft und noch einmal der Philosophie betrachten. Heute soll es um Stereotype und Vorurteile gehen. Ich weiß gar nicht, ob ihr das schon wusstet, aber ich habe auch einmal Soziologie studiert: Und dazu gehört dieses Themengebiet eigentlich eher, zur Wissenschaft der Gesellschaft. Aber trotzdem kann man sich philosophisch fragen, was ein Vorurteil eigentlich ist. Der Teil der Definition ist in der Soziologie nämlich schnell abgehandelt: Eine zumeist negative Beurteilung einer Person, die im Zusammenhang mit einer Menschengruppe steht, zu der diese als zugehörig betrachtet wird. Oder so ähnlich. Und dann geht es darum, welche Vorurteile über welche Personengruppen es gibt, wie sie sich auswirken, wie viele Menschen nach ihnen leben und woher sie kommen. Aber da sagt die Philosophie „Halt! Nicht so schnell.“ Was genau sind Vorurteile? Einfach irgendwelche Urteile, die man eben so über Leute wegen ihrer sozialen Zugehörigkeit fällt? Aber das geht doch vorne und hinten nicht auf! Man hat Urteile über Menschen, die man nicht kennt? Und dann bleiben die normalerweise auch dann bestehen, wenn man jemanden aus der entsprechenden Personengruppe kennenlernt? Es ist außerdem offenbar auch so, dass sich die Vorurteile auf Gruppen beziehen, aber auf Personen angewendet werden. Sind dann jetzt also Gruppen und Personen dasselbe? Wir kennen Urteile in der Philosophie eigentlich als die Konklusion von Abwägungen. Hier sind sie offenbar am Anfang? Seht ihr diesen Salat, den wir hier haben? Und wir sind immernoch bei der Definition der Vorurteile. Also, lasst uns einmal versuchen, uns dem anzunähern.

 

Eine Annäherung

In der Philosophie hilft es oft, sich den Dingen über die Alltagssprache anzunähern. Vielleicht kennt ihr meine Folge über die Sprache. Unsere Sprache ist der Schlüssel zu unserem Denken – und genau um dieses geht es gerade. Vorurteile sind ein Thema, das aktuell besonders stark diskutiert wird. Es ist ein Begriff mit einer sehr negativen Konnotation und gesellschaftlich inzwischen in weiten Teilen verpönt. Man soll keine Vorurteile haben, weil man damit andere Menschen abwertet und in simplifizierte Schubladen steckt. So heißt es. Aber dieses Thema gibt es nicht erst seit diesem Jahr, sondern mindestens schon seit dem 20. Jahrhundert. Damals wurde zumindest ein Begriff zum ersten Mal geprägt, der damit zusammenhängt: Stereotyp: Es ist eine Wortneuschöpfung mit Komponenten aus dem Altgriechischen. Das Wort „στερεóς“ bedeutet „beständig“ und „τúπoς“ ist im Deutschen eher ein Wortanhang: „-artig“. Um den Begriff im Deutschen wiederzugeben, brauchen wir diesen Anhang aber gar nicht, da reicht „beständig“ ganz aus, oder: „von beständiger Art“. „Standhaft“ könnte man auch sagen. Das klingt erstmal nicht ganz so schlecht, oder? Etwas, das beständig bleibt. Eigentlich interessant, dass da ein so harmloser Begriff genommen wurde, wenn man sich schon die Mühe macht, etwas aus dem Altgriechischen zusammenzubasteln.

Eine etwas deutlichere Konnotation und Bedeutung hat der deutsche Begriff „Vorurteil“. Ich möchte hier keine Wörter vermischen, schließlich bedeuten sie nicht exakt dasselbe. Aber sie gehen in eine sehr ähnliche Richtung und viele Stereotype münden in Vorurteilen. Außerdem ist das Wort „Vorurteil“ deutlich älter und wurde deshalb in der Philosophie schon öfter besprochen. Also, machen wir uns einmal die Mühe: Was ist ein Vorurteil? Wenn man sich das Wort anschaut, ist es eigentlich sehr paradox. Wenn man jemandem gegenüber ein Vorurteil hat, dann urteilt man über diese Person schon, bevor man sie kennt. Das klingt aber nicht sonderlich zielführend, oder? Normalerweise würde man Menschen erst dann beurteilen, wenn man sie ausgiebig kennt, denn sonst geht man garantiert fehl. Eine Person ist ein sehr komplexes Gebilde aus Charakter, Wünschen und Erinnerungen. Vielleicht erinnert ihr euch an meine Folge über die Person. Teilweise urteilt man selbst über die falsch, die man schon kennt. Wozu also ein Vorurteil haben? Das Wort eines Urteils kennen wir vor allem aus dem Kontext des Gerichts. Hier muss nach Anhörung beider Seiten ein differenziertes Urteil über die angeklagte Person getroffen werden. Ein Vorurteil wäre hier nicht nur unlogisch, sondern ungerecht! Deshalb wird von dieser Institution strengstens verlangt, unvoreingenommen zu sein. Aber das beantwortet nicht, wieso es überhaupt Vorurteile gibt. Sie scheinen weder viel Aussicht auf korrekte Information, noch irgendwelche positiven Folgen zu beinhalten. Wieso also sind sie in aller Munde? Woher kommen sie?

 

Vorurteile als menschliche Arroganz

Der Philosoph Francis Bacon sieht in Vorurteilen ein großes Problem für die Wissenschaften. Wir werden hier jetzt ein bisschen von der allgemeinen Nutzung des Begriffes abschweifen, aber kehren bald dahin zurück. Es ist wichtig, dass wir verstehen, wie dieses Denkmuster im Allgemeinen funktioniert, damit wir es dann auf Menschen anwenden können. Also, Vorurteile sind ein großes Problem in den Wissenschaften. Vor allem in der Naturwissenschaft muss man extrem vorsichtig mit Allgemeinaussagen sein. Ein Vorurteil ist für Bacon eine Gesetzmäßigkeit, die man der Natur nach wenigen oder sogar gar keinen Experimenten vorschnell zuschreibt. Und dann kommt man sehr schnell in den Modus, über Naturphänomene zu reden, als ob man genau wüsste, wie sie ablaufen. Nehmen wir zum Beispiel das Bild der flachen Erde. Davon spricht Bacon nicht, aber damit kann man es vielleicht etwas erklären. Man sieht, dass der Blick bis an den Horizont geht, und zwar in alle Richtungen. Von anderen Objekten kennt man solche Ausdehnungen auch schon. Also geht man davon aus, dass die Erde flach sein muss und erklärt jede weitere Beobachtung so, dass sie dazu passt. Dabei muss man die Dinge eben genau untersuchen und kann sich selbst dann nicht sicher sein, wie sie genau ablaufen. Sokrates hat es eigentlich treffend formuliert, als er meinte, kein Wissen zu haben. Bacon nennt den menschlichen Geist arrogant, weil er allzu früh schon aufsteigt und meint, alles in gewisse Regeln packen zu können. Er macht es sich gern einfach und schickt den Körper schon nach der ersten möglichen Lösung in die Pause. Sozusagen. Deshalb darf er nicht sich selbst überlassen werden.

Ein kleiner Einschub von mir dazu: Im Grunde sehen wir hier den Widerstreit zwischen Rationalismus und Empirismus. Wie viel trauen wir unseren Sinnen zu und wie viel dem Geist? Es ist unschwer zu sehen, dass Bacon Empirist war. Aber das hilft uns gerade etwas, zu verstehen, was das Problem mit Vorurteilen ist. Denkt daran: Vorurteile können nur aus dem Geist kommen, weil sie sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie vor der Untersuchung kommen. Man kann die Dinge der Welt aber nicht alle einfach aus dem Kopf heraus wissen. Man kann erst über etwas urteilen, wenn man es wahrgenommen hat. Das soll jetzt aber auch nicht heißen, dass man den Geist gar nicht verwenden soll, klar. Bacon bestreitet nicht, dass wir den für das Fällen von Urteilen brauchen. Aber er muss eben gut trainiert werden und immer wieder aufgehalten. Denn wie ein Kind will er sofort nach jeder Beobachtung zu einer Konklusion springen. „Don´t jump to conclusions“ sagt man ja auch im Englischen. Es gibt kein Wissen, das vor der Geburt im Kopf wäre und alles, was uns auf der Welt nützt, erfahren wir durch Ausprobieren. Genau wie unsere Hände, die wir dafür benutzen, bilden wir deshalb auch unseren Kopf weiter.

Vorurteile, sagt Bacon, sind nichts Anderes als Unkenntnis. Das ist für ihn die Wurzel allen Übels, weil man die Schlussfähigkeit des Geistes maßlos überschätzt. Und es ist nicht immer einfach, zu beweisen, dass man sich irrt. Man kommt ja auch nicht darauf, wenn man sich im Recht glaubt. Die Natur ist einfach viel zu vielfältig, um ohne Versuche verstanden zu werden. Generelle logische Grundsätze sind auch nicht dafür da, die Sinne zu ersetzen, sondern, Gedanken zu sortieren. Also erst forschen und dann Gedanken machen, das sollte jetzt klar sein. Wenn ihr meine Folge über die Naturphilosophie kennt, sind jetzt Einige von euch wahrscheinlich überrascht. War da nicht noch die Konklusion, dass wir erst einige Grundsätze festlegen und dann erst forschen sollten? Also: Geist vor Sinnen. Und ja, das denke ich immernoch. Aber das hier ist eine andere Frage: Es geht um Vorurteile. Klar braucht man ein Bild davon, was man überhaupt erforschen will und was es bedeutet. Aber die praktische Forschung braucht es trotzdem, um wissen zu können, was dabei herauskommt. Der Geist kann nicht wissen, wie viele Tierarten es gibt, ohne sie gezählt zu haben. Er ist nicht dafür gedacht, auf dieser Ebene zu operieren, sondern soll höhere Definitionen aufstellen. Syllogismen sind am Ende nur Schlussformen, Worte. Etwas wirklich Neues kommt da nicht herum.

Was schlägt Bacon also vor? Nun, es gibt nach ihm zwei Weisen, zu Wissen zu gelangen. Man kann zum Beispiel nach einigen wenigen Sinneswahrnehmungen direkt allgemeine Sätze bilden. Wie wir jetzt wissen, ist das der falsche Weg. Der Richtige ist, erst einmal ausgiebig seine Beobachtungen anzustellen und dann ganz eng auf deren Basis vorsichtig Regeln aufzustellen. Und auch die müssen regelmäßig hinterfragt werden. Der Verstand darf nicht zu sehr durch bestehende Lehren gehemmt werden oder durch das, was man so hört. Denn noch einmal: Der Geist ist einfach faul und schließt gerne frühzeitig auf alles. Das Problem ist auch, dass ein bestehendes verallgemeinerndes Bild nicht so einfach weggeht. Denn man fängt an, alle Beobachtungen unter genau diesem Parameter zu betrachten und sie dann einfach so einzuordnen. Deshalb sind Vorurteile auch so unproduktiv. Wenn wir schon annehmen, dass die Erde eine Scheibe ist, dann erklären wir natürlich den Nordpol als Eiswand, die uns nach außen abschirmt. Auch wenn man dann plötzlich erkennen würde, dass Schiffe am Horizont nicht einfach immer weiter weg sind, sondern abzusinken scheinen, würden wir versuchen, das irgendwie anhand der Erde als Scheibe zu erklären.

Bacon fasst alle diese menschlichen Vorurteile in vier Kategorien zusammen, die er „Götzenbilder“ nennt. Zuerst gibt es das Götzenbild des Stammes, das seinen Ursprung in der menschlichen Natur hat. Wir gehen ganz instinktiv davon aus, dass alle unsere Beobachtungen wahr und objektiv sind. Ohne viel darüber nachzudenken, denkt man, dass alles, was man sieht, genau so auch passiert. Das ist ja auch natürlich. Aber für die Wissenschaften ist das ein Problem, denn der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, wie Protagoras sagt. Was wir so sehen, sind zunächst nur subjektive Beobachtungen, die allein schon dadurch getrübt sind, dass wir sie machen. Dann gibt es das Götzenbild der Höhle, das vom einzelnen Menschen ausgeht. Das ist sehr ähnlich zu dem des Stammes, aber noch einmal ein bisschen anders. Wenn wir Forschungen betreiben, mag uns klar sein, dass unsere Betrachtungen subjektiv sind, aber das muss nicht heißen, dass wir uns auch über unsere ideologische Einfärbung bewusst sind. Wonach genau forschen wir und wovon gehen wir dabei aus? Welche möglichen Ergebnisse haben wir vielleicht schon im Kopf? Das sind alles auch Vorurteile. Jeder Mensch kommt mit seinen eigenen Vorannahmen und das muss man wissen. Außerdem gibt es das Götzenbild des Marktes, das aus der Gesellschaft und der Interaktion mit anderen Menschen kommt. Man vertraut sehr schnell auf die Meinung Anderer, wenn sie sehr überzeugend sind. Deshalb verbreiten sich Falschinformationen, Geschichten und Generalisierungen auch so gut. Jemand sagt etwas sehr überzeugt und es klingt simpel und logisch. Wir haben oft keine Lust, weiter darüber nachzudenken. Außerdem wollen wir auch so tun, als würden wir das alles verstehen und übernehmen wir das Vorurteil deswegen einfach. Das letzte Götzenbild ist das des Theaters. Es bezieht sich auf falsche Wert- und Moralvorstellungen, die aus Fabeln oder der Philosophie einer Gesellschaft kommen. Flache philosophische Regeln und Grundsätze, die „halt einfach so sind“ und nicht weiter hinterfragt werden. Wertvorstellungen wie die Idee, dass eine Frau nicht zu viele Sexualpartner haben sollte, waren lange überall in der Gesellschaft und sind es zu einem großen Teil immernoch.

 

Vorurteile als Grundlage menschlichen Denkens

Jetzt haben wir sehr viel Negatives über Vorurteile gehört. Sie sind eine Faulheit des Geistes, verderben die Forschung und halten sich bei allen Menschen über die vier Götzenbilder. Aber warum haben wir sie dann jedes Mal? Sicherlich würden zumindest die Menschen in der Forschung auf sie verzichten, nicht wahr? Es ist eben nicht so einfach. Nicht nur das: Es ist unmöglich. Und das ist tatsächlich sogar gut so. Passt auf: menschliches Verstehen funktioniert tatsächlich nur über Vorurteile. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat hierzu etwas zu sagen. Wenn man sich zum Beispiel einen Text anschaut, dann versteht man nur, was dort drinsteht, wenn man sich zuerst eine Vorstellung davon macht, welchen Sinn er haben könnte. Und das setzt sich selbstverständlich aus eigenen subjektiven Perspektiven zusammen. Denn Wörter sind am Ende auch nur Zeichen, die ohne uns gar keine Bedeutung haben. Stellt euch diesen Satz vor: „Er betrat den Raum und sah die Leiche.“ Was für einen Raum stellt ihr euch vor? Was für ein Szenario? Ist die Person, die hereinkommt, ein Zeuge, der gerade einen ermordeten Menschen findet? Oder spielt die Szene in einem Krankenhaus und es ist gerade ein Patient verstorben? Hier kommt man ohne Vorannahmen nicht weit. Der Sinn wird dann natürlich stetig neu geformt, da im weiteren Verlauf der Geschichte aufgeklärt wird, was gerade passiert. Aber dann geht es wieder weiter: Mit diesem Sinn im Kopf schaut man sich die nächste Seite an und überlegt wieder, was sie bedeuten könnte. Was sich daraus formt, ist der sogenannte „hermeneutische Zirkel“. „Hermeneutik“ ist die Lehre des Verstehens.

Es geht dabei zwar vor allem um Texte, aber man kann es auf alle Bereiche übertragen. Um bei den Naturwissenschaften zu bleiben: Wie soll man denn forschen, ohne irgendeine Idee davon zu haben, was herauskommen könnte? Wie kann man zwei ähnliche Experimente betrachten und nicht ein gedankliches Konzept formen, wie sie zusammenhängen könnten? Natürlich gibt es allgemeine Vorstellungen, die sich dann als falsch herausstellen. Aber das ist alles an Objektivität, was wir haben. Wann man jede Vormeinung wegnimmt, nimmt man dem Menschen ganz allgemein die Fähigkeit des Verstehens. Vorurteile sind auch nicht irgendetwas Beliebiges oder komplett falsch, sondern stützen sich auf davor gefällte Urteile. Und auch die waren irgendwann ein Weltbild, das ein anderes ersetzt hat. Woher weiß man, wann man damit fertig ist? Das macht das Verstehen zu einem schwierigen Geschäft, denn es muss regelmäßig das eigene Wissenskonstrukt hinterfragt und angepasst werden. Jeder neue Impuls bedeutet eigentlich eine ganz neue Ausrichtung. Das ist Arbeit, die investiert werden muss, darin sind sich alle einig. Oft ist man sich auch gar nicht bewusst, dass man so ein festes Weltbild hat, sondern versucht ganz instinktiv, alles damit in Einklang zu bringen. Dann muss man sich manchmal aufhalten und fragen: „Woher will ich das eigentlich wissen?“ Dieses Bewusstsein braucht man, wenn man wirklich offen gegenüber neuen Informationen sein will. Und dann ist ja auch alles, was man von anderen Menschen hört, dem hermeneutischen Zirkel unterworfen. Deshalb muss man sehr genau hinhören, was für einen sinnvoll klingt und was nicht – ein weiterer Verstehensprozess.

Man sieht also schon, das Ganze ist weit komplizierter, als einfach nur aufzuhören, Vorannahmen zu treffen. Man muss nur wissen, dass man welche hat und sie unter Kontrolle halten. Der Sinn des hermeneutischen Zirkels ist es im Grunde, das zu verstehen. Die wirklichen Fehler passieren nämlich nicht so sehr durch falsche Urteile, sondern eher durch unbearbeitete Vorurteile, weil einem gar nicht auffällt, dass es welche sind. Und von einem Vorurteil kann man nicht zu einer Konklusion kommen. Vorurteile sind vor allem seit der Zeit der Aufklärung zu ihrem schlechten Ruf bekommen, weil man da alles hinterfragen und selbst nachdenken sollte. Aber auch diese Zeit hatte ein Vorurteil: Dass Vorurteile an sich ein Problem wären! Ist auch logisch, denn Menschen wurden bis dahin lange durch welche unterdrückt und danach immernoch. Die absolute und rationale Vernunft, an die man damals aber geglaubt hat, ist eine Illusion. Der Mensch funktioniert nicht so.

 

Vorteile im Sinne der Stereotype

Gut, das war jetzt ein bisschen philosophisches Groundwork, damit wir besser verstehen, wie der menschliche Geist funktioniert. Vorurteile haben wir viele und sie schränken uns in fast allen Urteilen stark ein. Aber ganz los werden wir sie leider nicht. Man muss sich nur einfach immer wieder selbst hinterfragen und das interne Glaubenskonstrukt wieder und wieder neu aufbauen. So macht es ein vernünftiger Mensch. Jetzt wollen wir uns aber einmal anschauen, was das alles mit Stereotypen zu tun hat. Max Horkheimer war eigentlich Soziologe, aber auch Philosoph, deshalb habe ich mich entschlossen, ihn trotzdem für diese Folge zu nehmen. Ganz losgelöst von seiner späteren Anwendung, ist das Vorurteil eigentlich ein harmloser Begriff. Es bezeichnet einfach nur philosophisches Wissen a priori, also vor der Erfahrung, was eher in eine gesittete Debatte zwischen dem Rationalismus und Empirismus gehört. Als der Begriff noch so gelesen war, gab es nur eine negative Konnotation, als Vorannahmen nicht mehr so gern gesehen waren.

Und tatsächlich – und das mag überraschen – ist ein Vorurteil noch nicht einmal im alltäglichen Gebraucht zwingend etwas Schlimmes. Zu allem, was man am Tag so antrifft, braucht es ein Vorwissen. Wir haben Gadamer ja eben gehört: Alles ergibt nur Sinn mit einer Idee a priori, was es bedeuten könnte. Und natürlich weiß man etwas irgendwann auch, wenn man es häufiger erlebt hat. Anstatt also jedes Mal komplett ohne Vorurteile heranzugehen, hat man irgendwann eine klare Vorstellung von seinem Alltag und ordnet alle neuen Erkenntnisse in diesen Hintergrund ein. Jeden Morgen steigt ihr in den Bus, der euch zur Arbeit fährt. Sofern ihr mit einem Bus zur Arbeit fahrt und arbeitet, klar. Aber das ist etwas, das irgendwann automatisch abläuft. Ihr geht bereits mit dem davor getroffenen Urteil heran, dass der Bus kommen wird und euch hinfährt. Das ist nur menschlich. Es ist nicht auszudenken, was los wäre, wenn man jeden Tag sein Leben komplett neu verstehen müsste. Und so ist es natürlich auch, wenn man Menschen kennenlernt: Auch fernab von populären Kategorien wie Herkunft oder Sprache, hat man immer eine ungefähre Vorstellung davon, wer jemand ist, bevor man ihn oder sie näher kennenlernt. Alle eure Freunde waren irgendwann einfach nur irgendwelche Leute. Warum habt ihr sie damals angesprochen? Irgendetwas an ihnen muss bereits zu euch gesprochen haben. Und es geht immer weiter mit den Vorurteilen. Jeder Wunsch ist zum Beispiel mit einem verbunden, weil er ja in die Zukunft gehen muss, die man noch gar nicht kennt. Da man aber natürlich schon wissen muss, was man sich wünscht, geht man hier mit Vorannahmen heran. Womit auch sonst? Und gute Vorurteile von sich selbst zu haben, ist auch nicht schlecht. Sich zuzutrauen, in dieser und jener Situation auf die richtige Weise zu handeln.

Aber natürlich ist das immernoch nicht die Weise, in der der Begriff meistens verwendet wird. Klar gibt es Vorannahmen zum Alltag – aber wir reden hier über Rassismus und Stereotype. Das stereotypische Vorurteil, sozusagen. Und daraus ergibt sich noch einmal eine neue Definition, die Horkheimer festhält. Ein Vorurteil im negativen Sinne ist ein Urteil, in dem eine Person oder eine Gruppe im Hinblick auf ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kategorie von Menschen nach einem Stereotyp negativ beurteilt wird. Das wäre seine Definition des Begriffs. Wie man sehen kann und auch im Vorherigen deutlich wurde, klingt das nicht besonders wissenschaftlich. Es handelt sich hier ja um ein Urteil über ein Individuum, das man nicht kennt, über dessen soziale Gruppe, die man nicht versteht und mit einem Stereotypen, der viel zu generell ist, um wahr sein zu können. Menschen sind viel zu komplex, um in einem simplen Bild eingefangen werden zu können. Horkheimer geht hier aber einen entscheidenden Schritt weiter als Bacon und Gadamer und sagt, dass das nicht an einem Irrtum liegt. Vorurteile sind gar nicht dazu da, zu informieren, denn sonst wären sie viel reflektierter. Nein, es gibt neben dem Informativen normalerweise ein ganz anderes Ziel, ein irrationales und negatives. Man will eine gewisse Befriedigung darüber erlangen, sich zu einer anderen Menschengruppe abzugrenzen und sie abzuwerten. Stereotypische Vorurteile haben ihre Basis also gar nicht im Rationalen, sondern im Emotionalen. Das macht sie leider auch robust gegen rationale Argumente. Hier kommt auch wieder diese beständige Art zum Tragen, die wir am Anfang kurz angerissen haben. Das hat schon seinen Sinn. Zum Beispiel kann man sich vorstellen, irgendein Vorurteil gegen eine bestimmte Nationalität zu haben. Wenn man dann aber eine Person aus einem Land findet, die dem entsprechenden Stereotypen widerspricht, tut man das oft ab und erklärt es durch Ausnahmen oder eine andere Herkunftsgeschichte. Auch, wie Bacon sagt, weil man schon sein Glaubenskonstrukt hat und es nicht einreißen will. Aber vor allem, weil die Wahrheit hier keine Rolle spielt. Vorurteile sind tatsächlich auch sogar ziemlich robust gegen empirische Befunde. Es ist nicht nur so, dass sie durch sie nicht beeinflusst werden, nein: Oft werden sie sogar umso stärker! Je mehr Gegenbeweise zu den Stereotypen existieren, desto mehr werden diese verteidigt. Plötzlich werden Vorurteile zu einer allgemeinen Wahrheit, die nur zu vertuschen versucht wird. Diejenigen, die noch daran festhalten, bilden eine Gemeinschaft von vermeintlich Wissenden. Man kann das im Grunde überall und auch im aktuellen Diskurs betrachten. Egal, wie viele Aufstellungen es von den verübten Verbrechen gibt und wer sie verursacht hat, die Leute halten eisern an ihrem Glaubenskonstrukt fest. Umgekehrt sind Vorurteile gut über Emotionen erreichbar. Wenn man eine Person aus dem Ausland kennenlernt und sich gut mit ihr versteht, ist man eher geneigt, seine Vorurteile zu überdenken. Also, wir reden hier über stereotypische Vorurteile. Um das kurz etwas klar zu machen: Stereotypische Vorurteile sind die Beständigen, wie wir am Anfang definiert haben. Es sind die, die robust bleiben, auch wenn sie der hermeneutische Zirkel irgendwann weiterdrehen könnte. Auch sind es welche, die sich gegen andere Menschen richten.

Eben diese Vorurteile sind künstlich, denn es kommt selten vor, dass irgendwer einfach selbst auf eines kommt. Die meisten Stereotype, die euch gerade einfallen, sind sicher in aller Munde – leider. Sie wurden irgendwann aus einem Gefühl des Hasses oder einer falschen Überlegenheit entwickelt und verbergen sich seitdem hinter dem Anschein des Informativen. Und natürlich sind sie künstlich, denn eine Verallgemeinerung kann nur der Mensch schaffen. Die Natur hat keine Kategorien und ist auch nicht allgemein, sondern divers und komplex. Und auch hier wieder: Klar braucht man wissenschaftliche Kategorien, um die Dinge zu ordnen. Aber man kann ja nicht einfach allgemeine Sätze als Konklusion für alles benutzen! Wie gesagt, können Vorurteile deshalb nicht informativ sein. Wofür sie stattdessen da sind, ist: Selbstbild, Bestätigung, Abgrenzung, simple Erklärungen und Feinbilder. Es ist Arbeit, sich selbst und andere Menschen zu verstehen. Also gehen Viele die Abkürzung, alles einfach über vorgefertigte Urteile zu machen. Klar gehört es zur Persönlichkeit jedes Menschen ein bisschen dazu, was er für einen Hintergrund hat, da sich dieser immer auf einen auswirkt. Aber man kann eben nicht alles von da beziehen. Generell ist diese Welt zwar kompliziert, aber gerade deshalb sollte man immer weiter forschen, anstatt einfach irgendwo aufzuhören und das als wahr anzunehmen, was man bis dahin hat. Hier sind wir wieder beim faulen Geist von Bacon. Oder stellt euch eine Auseinandersetzung zwischen zwei Bevölkerungsgruppen vor, die dann einfach Dinge übereinander erfinden. Oft halten sich diese Stereotype deutlich länger als der eigentliche Streit, aus dem sie entstanden sind. Und wo ist dann noch der Gewinn? Es hat also auch etwas besonders Verantwortungsloses, Vorurteile in die Welt zu setzen und zu verbreiten. Dieser künstliche Charakter zeigt sich auch darin, dass Kinder in der Regel keine Vorurteile haben. Falls sie ihnen nicht von den Eltern beigebracht werden, klar. Aber hier werde ich wieder zu empirisch. Der Punkt ist, dass Vorurteile nicht einfach von der Natur kommen oder sich aus Fakten ergeben. Sie werden gemacht, ob bewusst oder unbewusst.

Das Problem ist auch, dass negative Vorurteile immer mit einem positiven verbunden sind. Es ist die andere Seite der Münze, denn es gibt kein Fremdverständnis ohne ein Eigenverständnis. Wie bereits gesagt, tragen stereotypische Vorurteile zum Selbstbild bei. Und das bedeutet in der Regel, dass man andere Menschen auf eigene Kosten abwertet. Schlimmer eigentlich noch: Man sieht sie noch nicht einmal mehr als solche an. Das Individuum verschwindet hinter dem Kollektiv, das Subjekt wird außer Acht gelassen. Und wenn man sich auch noch auf diese Weise versteht, tut man sich das sogar selbst an. Man erhofft sich dadurch mehr Legitimation und Selbstverständnis, aber in Wahrheit vernebeln diese Bilder nur. Man hat es immer schwerer, sich noch als eigener Mensch zu sehen und muss entweder mit allem, was die eigene Gruppe macht, mitgehen, oder aussteigen. Da die Mitgliedschaft aber durch das eigene Glaubenskonstrukt legitimiert ist, kann man das gar nicht. Ihr merkt, Stereotype sind fast eine gewisse Form der Entmenschlichung von sich selbst und Anderen. Und das zeigt auch noch einmal, wie weit außerhalb des Rationalen wir uns hier bewegen. Da sind so viele Logikfehler, dass man noch nicht einmal wissen würde, wo man am besten bei einer Gegenargumentation ansetzt. Ihr kennt das sicher auch, wenn ihr schon einmal versucht habt, jemandem Vorurteile auszureden. Das ganze Glaubenskonstrukt der anderen Person ist so fehlerhaft, dass man gar nichts durch Informationen ausrichtet. Es braucht einen ganzen Perspektiv- und Erfahrungswechsel, aber das schafft man natürlich nicht in einem einzigen Gespräch. Allgemeinbilder sind aber immer schon kaum zu widerlegen gewesen. Man kann immer mit Ausnahmen oder anderen erfundenen Argumenten arbeiten. Probiert es doch mal aus und erfindet irgendeinen Stereotyp über eine Personengruppe. Wenn man genug Redegeschick hat, kann man den sicher gegen alle Argumente verteidigen. Findet man eine Person, die dem Stereotyp entspricht, hat er sich bestätigt. Findet man jemanden, bei dem es anders ist, heißt es, Ausnahmen würden die Regel bestätigen. Gibt es in eine Person mit geringeren Ausprägungen, sagt man, dass sie kein so sehr klischeehaftes Mitglied von dieser Gruppe ist. Aber es sind eben Vorurteile: Sie sind nicht dafür gemacht, wiederlegt zu werden, deshalb trifft man sie ja im Vorhinein. Sie führen eine ganze Reihe an anderen Funktionen aus, die den Menschen oft gar nicht bewusst sind und verschließen währenddessen die Augen vor dem, was man eigentlich vor sich hat: dem Menschen.

 

Endstand

Fassen wir einmal zusammen. Das Thema dieser Folge ist das Vorurteil. Und wir haben es uns zuerst durch eine rein theoretische, philosophische Brille angeschaut. Dieser Podcast ist ja auch philosophisch. Der Begriff des Vorurteils ist zunächst eher harmlos. Klar, ein bisschen ein Problem für die Wissenschaften, aber das ist eher etwas für die Akademien. Hier können Rationalist*innen und Empirist*innen ausfechten, wie man Erkenntnisse angehen sollte.

Da gibt es dann zum Beispiel Menschen wie Francis Bacon, die klarmachen, wie kontraproduktiv Vorurteile sein können. Sie sind im Grunde nur Versuche des menschlichen Geistes, komplizierte Dinge zu übersimplifizieren. Und das mag angenehm sein, aber ist in der Regel nicht akkurat. Man kann zu allgemeinen Regeln kommen, aber muss dabei langsam machen und darf nicht zu schnell dem Geist nachgeben. Denn der will nichts anderes, als schnell zu einer Konklusion zu kommen, alle Ecken abzurunden, einen Grundsatz aufzustellen und es dann gut sein zu lassen. Deshalb muss der Geist, wie jedes andere Werkzeug, mit Bedacht eingesetzt werden. Er weiß deutlich weniger, als er denkt. Vor allem verfällt er gern den vier Götzenbildern. Denen des Stammes, der Höhle, des Marktes und des Theaters. Alles ein Zusammenspiel aus individuellen, gesellschaftlichen und philosophischen Annahmen.

Dann kam aber Hans-Georg Gadamer und hat die Vorurteile wieder in Schutz genommen. Es ist eben einfach nicht möglich, irgendetwas zu verstehen, wenn man nicht Annahmen mitbringt, wie es sein könnte. Wir merken das ganz gut beim Verstehen eines Textes: Die Aneinanderreihung von Sätzen ergibt gar keinen Sinn, wenn wir nicht auch eine eigene Interpretation mitbringen. Sie wird dann normalerweise korrigiert, das ist wahr. Aber ohne geht eben nicht. So muss sich der hermeneutische Zirkel jedes Mal erneut drehen, zwischen Interpretationen und neuen Erkenntnissen. Das ist aber eben auch ein Prozess, den man jedes Mal anstoßen muss. Besonders, weil einem oft nicht einmal bewusst ist, dass man Vorurteile hat und nicht objektiv denkt. Das ist die eigentliche Erkenntnis des hermeneutischen Zirkels. Eine wirklich offene Person hinterfragt sich deshalb ständig selbst und ist zu jeder Zeit bereit, das eigene Glaubenskonstrukt anzupassen. Umzuwerfen, falls nötig. Und klar, das ist gar nicht so einfach. Gadamer würde Bacon wahrscheinlich bei dem faulen Geist zustimmen.

Und dann kam Horkheimer, der uns endlich zu der allgemein bekannten Verwendung des Wortes „Vorurteil“ führt. Ab jetzt reden wir vom stereotypischen Vorurteil. Und er sagt ziemlich klar, dass es kein Zufall ist, dass sie wissenschaftlich so wenig Sinn ergeben. Klar, es sind allgemeine Urteile über eine sehr komplexe Sache und normalerweise komplett falsch. Oder so formuliert, dass sie weder so wirklich wahr noch falsch sind – weil das ganze Konstrukt schon fehlerhaft ist. Sie sind aber auch gar nicht zum Informieren da, sondern täuschen das nur vor. Eigentlich erfüllen Vorurteile lauter andere Zwecke, die meistens negativ sind: Die Stärkung eines Feindbildes, gesellschaftliche Abwertung, simplifizierte Erklärungen. Sie sind oft eine Abkürzung, die Welt, andere Menschen und sich selbst zu verstehen. Aber sie sind dadurch auch eine versteckte Falle, weil man sich allzu leicht in ihnen verlieren kann. Man entwickelt sich nicht mehr selbst, geht komplett in den Bildern auf und versteht irgendwann gar nicht mehr, was um einen herum passiert. Sie sind auch künstlich, denn nie käme ein Neugeborenes auf die Idee, Menschen anhand ihrer Herkunft in Kategorien zu stecken. Diese Vorurteile kommen aus irgendeiner Zeit, die lange her ist und aus einem Motiv heraus, das wir nicht einmal mehr kennen. Natürlich brauchen wir Vorurteile zu einem gewissen Grad, damit wir überhaupt erst anfangen können, zu verstehen. Aber ein Subjekt ist ein Subjekt. Wir sind alle komplexe Persönlichkeiten. Deshalb muss man Menschen kennenlernen und soll nicht einfach schon im Voraus über sie urteilen und das als Wahrheit nehmen. Am Ende nehmen wir uns selbst damit alles, wofür unser Geist und unsere Fähigkeit der Kommunikation eigentlich geschaffen sind. Robuste Vorurteile oder stereotypische Vorurteile berauben uns unserer Menschlichkeit.

 

Konklusion

Was machen wir jetzt mit dem allen? Vielleicht zuerst einmal das: Schämt euch nicht, wenn ihr mit gewissen Vorurteilen an eine Person herantretet. Zu einem bestimmten Grad sind sie normal, denn man muss die Welt um sich herum irgendwie verstehen. Man selektiert zum Großteil unbewusst, mit wem man so spricht und was einem in den Sinn kommt, wenn die Person von ihrem Hintergrund erzählt. Aber vergesst nicht, dass das kein Wissen und keine Konklusionen sind, sondern nur einfach Vorurteile. Verstehenshilfen, die ausgebaut werden wollen. Macht also ruhig regelmäßig bei euch die Probe: „Warum glaube ich das gerade?“ „Weiß ich wirklich, dass das so ist? Und woher?“ Es wirkt so banal, aber man glaubt kaum, was einem hier schon alles entgehen kann. Und dann erlaubt ihr dem hermeneutischen Zirkel, sich weiter zu drehen. Das hier hat fast schon eine kleine Verbindung zu meiner letzten Folge, merke ich gerade. Denn das ist der Prozess, wie man sich bildet. Aber so hängen die Dinge in der Philosophie eben zusammen. Es sollten sich in jedem Fall viel mehr Menschen regelmäßig hinterfragen. Und wenn eine Person das gar nicht tun will und mit rationalen Argumenten nicht zu bekommen ist, dann versucht doch einmal, sie dazu zu bringen, sich mit ihrer Annahme direkt zu konfrontieren. Etwa mit dem Kennenlernen einer anderen Person aus dem entsprechenden Kulturkreis. Wie gesagt: Man kann über die Emotionen ganz gut auf negative robuste Vorurteile zugreifen. Oft ist der Grund für eine negative Annahme zu einer Kategorie an Menschen gar nicht deren Inhalt, sondern etwas ganz Anderes. Wer weiß, vielleicht lässt sich das ja angehen. Aber es verpflichtet euch natürlich niemand dazu. Der große Punkt dieser Folge ist, dass wir alle Individuen und Subjekte sind. Und je schneller wir uns alle gegenseitig als solche sehen, desto besser.

So, vielen Dank fürs Zuhören! Wow, ich dachte nicht, dass ich diese Folge tatsächlich machen würde. Ich dachte sehr lange, das Thema wäre viel zu soziologisch und an Studien gebunden. Aber dann gab es trotzdem recht viel Material, und sogar aus der Neuzeit! Auch wenn ich Studien trotzdem erwähnt habe. Ich hoffe jedenfalls, dass euch die Folge gefallen hat. Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Und das war alles. Einen schönen Tag euch noch!


Quellen

,,Neues Organon" - Francis Bacon

,,Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik" - Hans-Georg Gadamer

,,Über Vorurteile" - Max Horkheimer

,,Über das Vorurteil" - Max Horkheimer (nein, das ist nicht dasselbe Buch)

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