#60 Die Tribute von Panem: Was ist Macht?
Zusammenfassung
Was ist Macht? Das ist eine Frage, die so simpel wirkt, aber dann doch gar nicht so einfach zu beantworten ist. Wenn Einer stärker ist als der Anderer, ist er dann mächtiger als er? Aber wenn das so einfach wäre, wie lassen sich dann etwaige Könige erklären, die mit Sicherheit auch stärkere Untertanen hatten? Ich habe mir diese Frage im Konkreten gestellt, als ich zum letzten Mal die Tribute von Panem- Trilogie gesehen habe. Welche Rolle spielen die Hungerspiele in der Machtsicherung des Kapitols? Falls sie überhaupt dafür da sind. Militärisch ist es den Distrikten doch aber ohnehin sichtbar überlegen, oder? Es gibt mehrere Szenen aus dem Film, die ich als Kind deshalb nicht ganz verstanden habe. Deshalb möchte ich heute mit euch über die Tribute von Panem und Macht reden. Wir werden uns unter anderem anschauen, was Machiavelli dazu zu sagen hat, von dem ihr sicher schon einmal gehört habt.
Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Ich möchte heute mal wieder eine Filmfolge machen. Diesmal zu einer Filmreihe, mit der sicher Viele von euch etwas anfangen können: Ich rede von „Die Tribute von Panem“. Die Trilogie habe ich neulich mal wieder geschaut und mich zurückversetzt gefühlt, als ich als Kind zum ersten Mal die Bücher von Suzanne Collins als Hörbücher gehört habe. Ja ich weiß, ich habe sie nicht tatsächlich gelesen. In jedem Fall hatte ich damals, obwohl ich die Handlung im Großen und Ganzen schon verstanden habe, viele Fragen. Und die sind auch bestehen geblieben, als ich eines Tages die Filme gesehen habe. Jetzt als Erwachsener habe ich den Eindruck, einige Sachen besser zu verstehen oder zumindest zu wissen, warum mir einige Dinge unklar waren. Und genau deshalb habe ich beschlossen, darüber eine Folge zu machen. Warum genau gibt es die Hungerspiele? Warum müssen sie jedes Jahr unter solchen Bedingungen ausgeführt werden? Warum ist Katniss` Verhalten so ein Problem für das Kapitol? Und all das führt uns zu eben dieser Frage: Was ist eigentlich Macht? Was bedeutet es, Macht zu haben und auch, zu erhalten? In dieser Folge werden wir alle moralischen Fragen und Zweifel einmal über Bord werfen und nur einfach ganz funktional argumentieren. Oft geht man davon aus, dass es schon ausreicht, anderen Menschen körperlich überlegen zu sein. Viele würden allein das als „Macht“ bezeichnen. Aber dann ist nicht ganz klar, wieso das Kapitol überhaupt in Bedrängnis kommen sollte, denn immerhin ist es die ganzen Filme über militärisch klar im Vorteil gegenüber den Distrikten. Oder ist es das? Ich denke, wir fangen mal am besten an.
Die Handlung
Zuerst sollten wir vielleicht einmal über die Handlung der Tribute von Panem sprechen, dass wir da alle auf einem Stand sind. Möglicherweise könnt ihr mir dadurch auch dann folgen, wenn ihr die Filme oder Bücher noch nie gesehen habt. Panem ist ein Fantasieland, das aber ungefähr die Form der USA hat und diese wahrscheinlich in dem Sinne imitieren soll. Außerhalb von Panem existiert auch in dieser Welt nichts oder wird zumindest nicht erwähnt oder thematisiert. Dieses Land wird uns in den Geschichten als ein geteiltes vorgestellt, und zwar in nicht weniger als 14 Gebiete. Da gibt es das Kapitol, das den geographischen Mittelpunkt, aber auch das Zentrum der Macht darstellt. Darum herum sind 12 Distrikte angeordnet, die ursprünglich 13 waren. Dieser geheimnisvolle 13. Distrikt gilt am Anfang der Erzählung als ausgelöscht und taucht später dann aus der Verdeckung wieder auf. Diese Einteilung von Panem ist aber jedenfalls nichts, was von Natur aus gegeben ist, sondern das Ergebnis eines langen Kriegs gegen das Kapitol. Diesen hat es dann 74 Jahre vor dem Einsetzen der Handlung gewonnen und das Land auf diese Weise zerteilt. Seitdem werden die Distrikte alle unterdrückt und müssen das Kapitol mit Geld und wertvollen Rohstoffen versorgen, während deren Bevölkerung bitterarm bleibt. Hier gibt es zwar noch eine Abstufung, weil die ersten Distrikte etwas bessergestellt sind als die letzten, aber das Machtgefälle funktioniert trotzdem für alle ungefähr gleich. Das Kapitol zeigt aber seine Überlegenheit nicht nur durch militärische Präsenz, sondern erinnert die Distrikte auch an ihre Niederlage, indem es jedes Jahr seit dem Sieg die sogenannten „Hungerspiele“ ausrichtet. Dabei nehmen aus jedem Distrikt ein Mädchen und ein Junge zwischen 12 und 18 Jahren teil, die ausgelost werden. Dann werden sie zum Kapitol geschafft, wo sie in einer Arena gegeneinander kämpfen, bis nur noch eine Person übrig bleibt. Dabei sind diese Spiele besonders grausam aufgebaut, mit schlimmen Fallen und der Möglichkeit, zu verhungern oder sich schlimme Infekte einzufangen. Als große Show werden sie außerdem vor ganz Panem ausgestrahlt. Besonders die Bewohner*innen des Kapitols selbst schauen bei diesem Spektakel gern zu und wetten sogar miteinander darauf, wer wohl gewinnen möge. Die Menschen aus den Distrikten haben außerdem die Möglichkeit, ihren Namen öfter als einmal in den Topf zu tun um sich dafür Essensrationen zu kaufen. Wer immer von ihnen das Spiel gewinnt, wird dann reich entlohnt und muss sich bis ans Lebensende keine Sorgen mehr um Geld oder Sicherheit von sich selbst und der eigenen Familie machen.
In der Geschichte geht es konkret um Katniss aus Distrikt 12, dem ärmsten Teil Panems. Ihre Schwester wird bei den 74. Hungerspielen unerwartet gezogen und sie meldet sich schockiert freiwillig stattdessen selbst als Tribut. Das allein ist sehr ungewöhnlich, denn normalerweise stellen sich nur die Bessergestellten aus den ersten Distrikten selbst auf, die viel Zeit darauf verwenden konnten, zu trainieren. Auch ihr restlicher Werdegang fällt komplett aus der Norm: Sie gewinnt die Spiele zusammen mit Peeta aus ihrem Distrikt, weil sie am Ende droht, gemeinsam mit ihm Selbstmord zu begehen. Präsident Snow, der Diktator des Kapitols, ist mit dieser Respektlosigkeit aber nicht einverstanden und lässt zunächst den Spielemacher desselben Jahres hinrichten. Danach versucht er, Katniss unter Druck zu setzen, dass sie allen erzählt, sie hätte das Kapitol nicht anzweifeln wollen, sondern nur aus Verrücktheit und Liebe gehandelt. Tatsächlich sei das Kapitol aber unbezwingbar und sie sei dankbar, dass es sie leben gelassen hätte. Das funktioniert aber nicht und es entsteht Aufruhr in den Distrikten, die das Gefühl bekommen, den ersten Schritt in Richtung Freiheit getan zu haben. Daraufhin versucht Snow, Katniss loszuwerden, ohne sie direkt umzubringen. Aus Angst, sie in eine Märtyrerin zu verwandeln, verkündet er im Jahr darauf, dass in den 75. Hungerspielen die Tribute aus den ehemaligen Sieger*innen ausgewählt werden würden. Er will sie dazu bekommen, in der Arena zu morden, damit die Menschen Panems den Glauben wieder an sie verlieren und sie jemand aus einem anderen Distrikt bedenkenlos töten könnte. Aber auch das scheitert, da eine Person aus dem Widerstand die Spiele infiltriert und alle Teilnehmenden evakuiert. Nicht unweit danach fällt das Kapitol im Kampf gegen die inzwischen vereinten Distrikte.
Und dazu hatte ich, wie gesagt, damals mehrere Fragen, die ich heute aufklären möchte. Zunächst die gesamte Prämisse der Geschichte: Warum würde das Kapitol überhaupt die Hungerspiele veranstalten? Selbst, wenn es keine Katniss gegeben hätte, müsste diese Grausamkeit doch ganz sicher aus allen Distrikten Widerstand erwecken! Immerhin werden hier Kinder gezwungen, sich gegenseitig umzubringen. Ganz zu schweigen von denen, die das Kapitol eigenhändig mit ihren Fallen umbringt. Außerdem wurde nicht ganz klar, warum es relevant ist, dass Katniss allen erzählt, sie hätte aus Liebe gehandelt. Sie hat das Kapitol etwas schwach aussehen lassen, das ist wahr. Aber es ist doch trotzdem nicht zu leugnen, dass die militärische Überlegenheit und die Grausamkeit der Spiele bestehen bleiben. Ist es wirklich so schlimm, wenn dann einmal eben 2 gewonnen haben? Und dann kam mir auch die Reaktion gegenüber dem Spielemacher harsch vor, auch wenn das vielleicht einfach zu einem autoritären Regime gehört. Warum würde Katniss außerdem zweimal antreten müssen, man hat doch gleich gesehen, dass die Bevölkerung negativ darauf reagiert? Alle diese Fragen hängen sehr eng mit der zusammen, was „Macht“ bedeutet. Konträr zu dem, was die meisten Menschen denken mögen, ist es nämlich bei Weitem nicht damit getan, einer anderen Partei nur einfach militärisch überlegen zu sein. Auch wenn das natürlich hilft.
Der machiavellische Fürst
Eine Person, an die man in der Philosophie sofort denkt, wenn es um Macht ohne Moral geht, ist Niccoló Machiavelli. In einer langen Schrift an den damals amtierenden Herrscher legt er dar, wie er sich effektives Regieren vorstellt. Was hierbei ganz grundsätzlich ist und zuerst einmal gar nichts mit dem Herrschaftsstil zu tun hat, ist, wie lange man schon an der Macht ist. Laut Machiavelli ist es immer einfacher, bereits etablierte Fürstentümer zu verwalten, da sich die Menschen dort schon an die Regentschaft gewöhnt haben. Wenn man dagegen Regionen dazugewinnt, muss man sich dort die Machtposition mit harter Arbeit erkämpfen. Auch ein Herrschaftswechsel ist hier immer ein Punkt, wo es schwierig wird. Die eroberten Gebiete von Alexander dem Großen haben nach seinem Tod sofort aufgeteilt werden müssen und waren als Zusammenhängendes verloren. Es ist absolut notwendig, dass man als Fürst, wo auch immer man regiert, als legitimer Herrscher angesehen wird. Ob widerwillig oder nicht, ist dabei nicht so wichtig. Wenn man diesen Stand erstmal erreicht und dann auch einige Jahrzehnte hinter sich gebracht hat, lässt sich die Bevölkerung auch schon deutlich leichter regieren.
Jetzt ist natürlich die Frage, wie man denn am besten anfängt. Wenn man ein neues Land mit bislang eigener Gesetzgebung erobert, hat man drei prinzipielle Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Man kann sie zunächst vollständig zugrunde richten und seine eigenen Regeln durchsetzen. Dann ist es auch möglich, selbst in das eroberte Land zu ziehen, sich von den Gegebenheiten inspirieren zu lassen und in diesem System zu herrschen. Zuletzt kann man auch alles belassen, wie es war und nur einfach an die Bedingung knüpfen, dass man am Ende noch immer der oberste Herrscher ist. Machiavelli meint, dass man aus der Geschichte die deutliche Lehre ziehen kann, dass nur die erste Methode funktioniert. Wenn man Bürger des eroberten Landes wird und sich dort nach dem lokalen Brauch zum Herrscher aufschwingt, sehen das die Leute nur als aufgesetzt an. Außerdem unterwirft man sich so im Grunde ihren Regeln und gibt zu verstehen, dass man nur eine mögliche Alternative zu den anderen Herrschern ist, nicht aber der große Eroberer. Wenn man sie komplett bei sich belässt, ist das sogar noch schlimmer, weil sie dann fast sofort aufbegehren, um den unerwünschten Fürsten abzuschütteln. Ich verwende hier übrigens den Fürsten mit dem Herrscher synonym, weil die Übersetzung des Machiavelli-Textes das auch getan hat. Mir ist aber natürlich schon bewusst, dass ein Fürst nicht der Normalbegriff für Alleinherrschende aller Art ist. Jedenfalls muss man als Fürst also immer die alte Ordnung einer eroberten Region zerstören und durch die eigene ersetzen. Das ist am Anfang vielleicht mühsam, aber lohnt sich mit den Jahren immer mehr. Wenn man es dann schafft, dass die Menschen sich an die neue Ordnung gewöhnen und erst die Hoffnung auf die Wiedererlangung der Freiheit verlieren und schließlich vergessen, wie man die überhaupt erreichen würde, hat man sie sich gefügig gemacht. Der Fürst muss am Ende der einzige Garant für Einheit und Sicherheit sein, während die unmündige Bevölkerung nur noch weiß, wie sie dessen Willen ausführen kann.
Das ist jetzt natürlich alles recht radikal. Aber tatsächlich sagt Machiavelli bei all diesen Dingen auch, dass ein Fürst sich nie beim Volk verhasst machen darf. Er muss nicht gemocht werden, aber wenn alle ihn hassen, hat er schlechte Karten. Nun, wie geht das? Wie genau schafft man es, von Menschen nicht gehasst zu werden, obwohl man sich ihnen aufzwingt und sie Dinge tun lässt, die sie nicht wollen? Ganz einfach. Ich habe schon erwähnt, dass der Fürst die Bevölkerung unmündig macht und ihnen die Illusion geben soll, nur selbst für ihre Sicherheit und Ordnung sorgen zu können. Das muss jetzt weiter ausgenutzt werden. Wenn der Fürst ein besonderes Geschick in der Kriegskunst aufweist und vielleicht sogar selbst physisch besonders stark ist, kann er sich vor den Menschen als der große Beschützer verkaufen. Er muss also mit der einen Hand die Angst vor Krieg und Chaos schüren und sie mit der anderen Hand wieder lindern, da all das nicht passieren kann, solange sie nur tun, was er sagt. Dazu ist es natürlich notwendig, dass der Fürst auch tatsächlich in der Lage ist, sein Gebiet zu verteidigen. Er stellt das im eventuellen Kriegsfall unter Beweis, aber auch außerhalb davon darf er nicht schwach wirken. Macht ist ein ganz fragiles Gebilde, das nur wirklich funktioniert, wenn die Menschen auch daran glauben. Der Herrscher darf nicht davor zurückschrecken, auch schlimme Dinge zu tun, wenn sie notwendig sind, denn ein guter Mensch ist nach Machiavelli nicht dasselbe wie ein guter Fürst.
Wenn es wirklich ideal laufen soll, wird der Herrscher nicht nur gefürchtet und respektiert, sondern sogar auf eine gewisse Weise geliebt oder zumindest geachtet. Auch das wirkt, als dürfte es gar nicht möglich sein, aber Machiavelli sieht auch hier einen Weg. Klar, man muss unmoralisch handeln, wenn es die Situation erfordert und man sollte auch nicht zu oft zu großzügig sein, weil einen auch das schwach aussehen lässt. Trotzdem sollte man seine Untertanen immer daran erinnern, dass man im Grunde doch gar kein so schlechter Typ ist und sie es gar nicht so schlecht bei einem haben wie sie es haben könnten. Wenn man Gegenbeispiele hat, umso besser. Aber auch so kann man sich beim Volk beliebt machen, indem man den Menschen Dinge schenkt. Nicht systematisch, aber immer mal wieder. Zum Beispiel kann man bei den zum Tode Verurteilten immer mal wieder jemanden begnadigen. Oder man geht zu zufällig ausgewählten Leuten hin und schenkt ihnen eine riesige Menge an Geld. Für einen selbst ist das gar kein Opfer und es ändert auch überhaupt nichts an den Verhältnissen im Land. Aber die Illusion wird erzeugt, dass man nicht nur für Sicherheit und Ordnung sorgt, sondern sich auch für die Probleme der Bevölkerung interessiert und im Rahmen seiner Möglichkeiten Geschenke vergibt. Im Idealfall wird man also gleichzeitig gefürchtet und geliebt.
Im Zweifel aber, sagt Machiavelli, soll man sich eher auf die Furcht als auf die Liebe verlassen. Die Liebe ist ein netter Motivator, den man gut dazunehmen kann, wenn man die Menschen schon an der Mangel hat. Aber allein bringt sie einem nicht viel. Wenn Leute etwas lieben, werden sie normalerweise in dessen Sinne handeln, das ist schon wahr. Aber auch nur, wenn es ihnen gut hereinpasst und sie das spontan wollen. Klar, je mehr sie etwas lieben, desto öfter wird das der Fall sein, aber im Allgemeinen ist das nicht verlässlich. Ein Fürst ist immernoch ein Fürst und kein Menschenfreund. Wenn man dagegen gefürchtet wird, kann man sich sicher sein, dass alles genau so passiert, wie man es verlangt. Diese Emotion ist deshalb so verlässlich, weil sie direkt an den Überlebensinstinkt der Menschen gebunden ist. Man muss alle diese Emotionen eben gut balancieren. Zum Beispiel sollte man auch nicht zu willkürlich sein, weil man den Leuten sonst das Gefühl gibt, dass es eigentlich egal ist, wie sie sich verhalten. Das sorgt für Aufruhr. Was man am besten tut, ist, den Menschen ganz deutlich zu machen, was sie tun müssen und sie dann für dieses Verhalten durch ein Sicherheitsgefühl und streng kontrollierte Geschenke zu belohnen. Jedoch nie so sehr, dass sie das Gefühl haben, ausbrechen zu können. In einem solchen Staat handeln alle innerhalb des vom Fürsten geschaffenen Systems und denken gar nicht so viel über das nach, was außerhalb liegt. Wenn man ihnen dann innerhalb der Regeln bestimmte Möglichkeiten für Aufstiege oder Vorteile gibt, werden sie dem ein Leben lang hinterherrennen, als wären sie frei.
Die Liebe als wesentliche Emotion
Wow, nicht wahr? Als ich den Text von Machiavelli gelesen hatte, musste ich auch erst einmal kurz innehalten, weil das schon alles sehr krass ist. Und es ist auch sehr akkurat – leider. Aber nicht alles, was er sagt, ist unumstritten. Die Philosophin Martha Nussbaum würde nämlich bei dem Punkt der Erscheinung des Fürsten vor dem Volk vehement widersprechen. Es mag sein, dass es gewisse Strategien gibt, die es ermöglichen, Menschen gegen ihren Willen zu knechten, aber am Ende sind diese Regime noch immer zerfallen. In Europa ist vor allem die französische Revolution ein historisches Beispiel dafür. Diese Balance aus Furcht, Respekt und vorsichtiger Liebe schafft es nicht, den menschlichen Willen auf Dauer zu unterdrücken. Irgendwann realisieren die Leute immer, dass sie den Herrscher eben nicht lieben, sondern etwas ganz Anderes wollen als er. Der Leitspruch in Frankreich war damals „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und so wurde zumindest für Theoretiker*innen erneut die Frage aufgeworfen, wie die Bürgerschaft gegenüber der Regierung fühlen sollte. Denn natürlich waren wir in Europa allein durch diesen Schritt längst noch nicht bei der freiheitlichen Demokratie. Die naheliegendste Lösung schien, die Menschen einfach durch Volksfeste und den Patriotismus dazu zu bringen, kollektiv die Nation an sich zu lieben. Das war ohnehin ein Konzept, das ab dieser Zeit immer populärer wurde: Das Selbstverständnis als Mitglied einer Nation. Und das würde sicher dazu führen, dass man autoritäre und grausame Herrscher nicht akzeptieren würde, wenn sie gegen das handeln, was für das Land gut ist. Nun, zumindest leitet Nussbaum ihre Theorie mit diesem kleinen historischen Abriss ein – es geht hier ja vor allem darum, einen Punkt zu machen.
Das Problem an dieser kollektiven Liebe ist aber jedenfalls, dass sie menschliche Emotionen nicht richtig versteht. Wir können nicht einfach dazu gebracht werden, irgendetwas zu lieben. Zumindest ist das nicht so simpel. Der Mensch braucht Raum zum Reflektieren und kritischen Denken, um sich dann seine Meinung zu bilden. Hat er dann aber etwas gefunden, das er liebt, ist dieses Band besonders stark und kann nicht so leicht separiert werden. Dem trägt auch nicht der hohle Respekt vor einer Autorität Rechnung. Den Menschen muss ihre individuelle Liebe gelassen werden, damit sie alle den Gegenstand ihrer Strebung selbst finden. Und da kann es gut sein, dass nicht alle die Nation sofort lieben oder bei den patriotischen Festen dabei sind. Grob gesagt, sagt Nussbaum, gibt es die romantische Liebe, die zu den Kindern und die kameradschaftliche. Wie wir wissen, richtet sich das bei allen Menschen auf unterschiedliche Dinge. Aber wenn ein Staat ermöglichen kann, dass die Bevölkerung sich eben auf diese Weise entfaltet, tut, was sie liebt und deshalb glücklich ist, befeuert das eben auch die Liebe für den Staat. Ganz automatisch. Ob offensichtlich nach außen getragen oder nicht, bewusst oder unbewusst: Jede Person, die in einem Staat durch dessen Handeln glücklich ist, liebt ihn auch. Oder zumindest in aller Regel.
Und das führt eben zu produktivem Handeln. Klar, man kann das auch ignorieren und die Menschen über die Angst regieren. Aber dadurch wird man von ihnen nie so viel Leistungen gewinnen, wie wenn man sie dazu motiviert, etwas zu tun. Schon einmal versucht, eine Abgabe zu erledigen, auf die ihr gar keinen Bock hattet? Das ist aus meiner Erfahrung zumindest recht mühsam. Aber wenn es zum eigenen Lieblingsthema gehört und man sich bereits davor eingearbeitet hat, sprudeln die Seiten nur so aus einem heraus. Selbst die Angst vor einer schlechten Note könnte einen nicht so stark motivieren. Und das ist eben das, was Nussbaum meint: Menschen würden aus Liebe für ihr Land wortwörtlich sterben. Dagegen stirbt niemand aus Angst vor dem Herrscher. Aus Angst macht man das Minimum, um nicht umgebracht zu werden. Das ist nämlich das Problem an Machiavellis Kalkül: Die Furcht ist tatsächlich an das eigene Überleben gekettet und ist deswegen bis zu einem gewissen Punkt ein verlässlicher Motivator. Aber eben nur bis dahin. Wenn die Person das Gefühl hat, dass ihre Lebensgefahr gebannt ist, wird sie sich wieder zurückziehen. Wenn diese Menschen mitbekommen sollten, dass die eigene Stadt aus dem Hinterhalt angegriffen wird, werden sie sicher nicht bis auf das letzte Blut kämpfen. Denn zwingen kann man sie dazu sowieso nicht besonders gut und es lohnt sich auch gar nicht bei einem Unrechtsstaat. Wenn aber ein freiheitliches und geeintes Volk von einem Tyrannen angegriffen wird, werden sie alles in ihrer Macht stehende tun, um ihn abzuwehren. Auch ist eine Regierung, die eine derart motivierte Bevölkerung hat, zu keiner Zeit in Gefahr, gestürzt zu werden. Warum auch? Aber der Haken ist eben, dass man Menschen schon aufgrund der Natur dieser Emotion nicht dazu zwingen kann, einen zu lieben. Man kann generell keinen diktatorischen Staat führen, wenn man darauf aus ist. In einem ideal geführten Staat muss man die Menschen als das erkennen, was sie sind und ihnen freien Lauf lassen. Alles Andere ist nur ein feiges Verstecken vor der Wahrheit und wahren Natur der Leute, was am Ende immer zu einem tiefen Fall führen wird. Das wirkt jetzt so, als würde Nussbaum meinen, man könne gar nicht so wirklich Macht über Menschen ausüben, weil man ihr tiefstes Inneres nur bekommt, wenn man ihnen freien Lauf lässt. Und dann übt man ja keine Kontrolle mehr aus. Aber wenn man sie in diesem Punkt noch etwas weiter interpretieren will, könnte man sagen, dass es schon viele Firmen gibt, die von dieser motivierenden Liebe Gebrauch machen. Das führt jetzt hier etwas weit, weswegen ich mich in diesem Punkt kurzfasse, aber nur so viel: Wenn man es versteht, den Menschen zu suggerieren, und auch tatsächlich glaubhaft zu suggerieren, dass sie etwas unbedingt wollen, dann entfaltet sich erst die wahre Natur dieser Macht. Und es gibt vor allem in der kapitalistischen Ordnung viele Entitäten, die davon Gebrauch machen. Ich habe da einmal eine Folge über Datenschutz gemacht, wo ich darüber rede: Die Nr. 29.
Macht in der Tribute von Panem
Aber wie auch immer, das war alles an Literatur zur Macht, das ich in dieser Folge habe. Wir wollen uns einmal anschauen, wie wir Machiavelli und Nussbaum auf die Tribute von Panem anwenden können. Fangen wir mit Machiavelli und dem ersten Punkt der etablierten Macht an. In dem Zeitstrang der Geschichte, in die wir eingeführt werden, ist das Kapitol schon 74, bzw. 75 Jahre an der Macht und Präsident Snow nicht viel weniger. Nach all dieser Zeit war es für sie also gar nicht mehr sonderlich schwer, die Hungerspiele weiterzuführen und die Distrikte in Schach zu halten. Bis hierhin war es aber ein langer Weg. Anders als Machiavelli es sich im Idealfall vorstellt, wurde das Kapitol eingangs keineswegs als legitimer Herrscher angesehen und es ist im Kopf von vielen Menschen weiterhin keiner. Auch gab es in Panem vor dem Krieg sicherlich sehr andere Gesetze und Lebensweisen als dann erzwungen wurde. Wie genau hat es das Kapitol also geschafft, sich die Macht zu erschleichen und zu sichern? Zunächst einmal ganz simpel durch Gewalt, wie es sich Machiavelli erdacht hat. Panem musste dazu gezwungen werden, all seine alten Werte und Gesetze aufzugeben, um sich der neuen Herrschaft zu beugen. Die Regelung mit den Hungerspielen und der Aufteilung der Distrikte wurde so rigoros betrieben, dass die meisten Menschen bei den 74. Hungerspielen längst nicht mehr an einen Umsturz geglaubt haben. Das Kapitol hat es sogar geschafft, die Lebensplanung der Menschen an die Spiele anzupassen. So gab es Menschen in den ersten Distrikten, die gezielt darauf trainiert haben, um sich Ruhm und Ehre zu sichern. Auf der anderen Seite wurden in den ärmeren Gebieten Überlegungen anstellten, wie oft es sich lohne, den eigenen Namen gegen Essensrationen öfter in den Topf zu tun. Es gab nie Lockerungen zu den Regeln des Spiels, es wurde nie von etwas abgewichen oder Mitleid gezeigt, bis die Menschen das alles internalisiert hatten. Darüber hinaus verbreitet das Kapitol natürlich durch seine militärische Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit Angst und Schrecken, ganz klar. Also der Punkt ist recht offensichtlich: Das Kapitol hat die Regeln und Gesetze Panems durch eigene ersetzt, die es auch allen aufzwingt, wodurch es sehr gefürchtet wird.
Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass das nur ein Teil der machiavellischen Anleitung zur autoritären Herrschaft ist. Einfach nur Angst und Schrecken zu verbreiten, ist schön und gut. Aber wenn man nur von allen gehasst wird, provoziert man dadurch nur Aufstände. Was ist mit der Liebe zum Herrscher, wenn man sie so nennen kann? Und das war eben der Punkt, der mich stutzig gemacht hat. Sind die Hungerspiele nicht vielleicht etwas grausam? Und warum sollten die Menschen für eine Sicherheit und Ordnung dieser Art dankbar sein? Ich denke, wir müssen die Hungerspiele jetzt einmal genauer unter die Lupe nehmen. Sie erfüllen nämlich im Wesentlichen zwei Funktionen. Zunächst haben wir ja etabliert, dass das Kapitol allen Distrikten Geld und Rohstoffe nimmt, wodurch die Mehrheit der Bevölkerung Panems bitterarm ist. Die Spiele bieten hierbei eine einmalige Möglichkeit, zu Geld zu kommen – und zwar nicht wenig. Wenn man die Spiele gewinnt, wird zunächst einmal der Name aus dem Topf genommen und man ist für den Rest seines Lebens sicher vor den Spielen. Was dann aber auch winkt, ist eine große Belohnung: Man wird reich an Geld und Essen ausbezahlt, sodass man sich nie wieder um seinen Lebensunterhalt sorgen muss. Auch Freunde und Familie kann man damit versorgen, sodass diese ihren Namen zumindest nicht mehr öfter in den Topf tun müssen. Im zweiten Teil der Tribute von Panem sieht man bei Katniss sogar, dass sie in ein schönes Haus in einer Gegend umziehen darf, in der die Sieger*innen wohnen. Und wenn man es sich überlegt, ist man damit der eisernen Hand des Kapitols entkommen. Klar, sie nehmen weiterhin Rohstoffe von den Distrikten, aber das muss einen ja nicht interessieren, wenn man selbst immer genug Geld hat. Man wird noch zu Interviews mitgeschleift, aber das ist ein geringer Preis. Die Hungerspiele betreffen einen allgemein einfach nicht mehr und so ist alles, was man vom Kapitol noch merkt, deren militärische Gewalt, die die Ordnung erhält. Gut, wobei man natürlich auch dann sicher vor den Spielen ist, wenn man volljährig wird, das ist natürlich wahr. Aber genau deshalb hat man auch nur bis dahin die Chance, so viel Geld zu gewinnen. Und das macht das Kapitol ganz gezielt in dieser Regeltreue und Großzügigkeit, damit den Menschen diese Hoffnung erhalten bleibt. Es gibt sogar eine Szene aus dem ersten Film, in der Präsident Snow dem Spieleleiter diesen Umstand erklärt. Wenn es nur um Angst gehen würde, sagt er, könnte man auch einfach jedes Jahr zwei Menschen aus jedem Distrikt an die Wand stellen und erschießen. Durch diese kontrollierte Hoffnung aber können sie Macht über die Menschen ausüben. Ich würde behaupten, dass Snow eben diese Funktion der Hungerspiele im zweiten Teil selbst untergräbt, als er entscheidet, dass die ehemaligen Sieger*innen wieder antreten müssen. Denn das ist ein einmaliger Bruch mit dieser Regel der Hungerspiele, die fortan allen das Gefühl gegeben hätte, auch nach dem Sieg nicht sicher zu sein und somit die Hoffnung zerschlagen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb es zu umso mehr Protesten kommt. Aber dazu später mehr.
Ich möchte mit euch noch über den zweiten, sogar noch wichtigeren Effekt der Hungerspiele reden. Indem man nämlich ganz bewusst nur die Distrikte antreten lässt, bringt man sie gegeneinander auf. Und das verhindert nicht nur ein kollektives Aufbegehren, weil sich eben alle hassen. Nein, es erfüllt auch den Punkt, den Machiavelli stark gemacht hat: Den Menschen wird die Möglichkeit genommen, sich auch nur vorzustellen, wie eine Ordnung außerhalb der etablierten des Kapitols aussehen könnte. Denn niemand kann sich vorstellen, sich mit den Anderen zusammenzuschließen und etwa eine demokratische Regierung zu bilden. Es sind ja auch noch die Armutsverhältnisse unter den Distrikten so ungleichmäßig verteilt! Ihr dürft auch nicht vergessen, dass die Menschen, die auf den Sieg in den Spielen hoffen, nicht das Kapitol als Hindernis oder Gegner sehen, sondern die Tribute aus den anderen Distrikten. Und genau denen können dann alle Eltern und Angehörigen über mehrere Tage live zuschauen, wie sie ihre Lieben umbringen. Egal, ob das Kapitol objektiv gesehen trotzdem der einzige Verantwortliche ist: Keine Mutter wird jemals vergessen, wer es war, der ihr Kind umgebracht hat. Und wer auch immer gewinnt, wird sicher auch nicht darüber hinwegsehen können, wer sein Leben bedroht und es vielleicht fast beendet hätte. Also wie gesagt, wird hier rein psychologisch schon der Gedanke an eine gemeinsame Revolution verhindert. Und genau deshalb ist Katniss dem Kapitol auch so ein Dorn im Auge. Denn sie hat sich mit einem Mädchen aus einem anderen Distrikt zusammengeschlossen und sogar eine echte Freundschaft zu ihr aufgebaut. Als sie starb, schmückte Katniss ihren Körper mit Blumen und machte einen solidarischen Gruß an alle Distrikte in die Kamera. Damit hat sie die Aufmerksamkeit wieder auf das Kapitol als Feind gelenkt.
Das Problem, dass Präsident Snow aber mit Katniss hat, ist noch einmal ein anderes. Denn immerhin haben sich auch Leute anderer Distrikte miteinander verbündet. Sie hat es aber geschafft, die Regeln des Spiels zu brechen und die Veranstalter damit schwach aussehen zu lassen. Realistisch gesehen haben sich die Machtverhältnisse nach Katniss` Sieg nicht verändert: Das Kapitol war weiterhin militärisch den Distrikten überlegen. Aber indem sie sich den erwähnten Doppelsieg mit Peeta erkämpft hat, hat sie gezeigt, dass es die Möglichkeit gibt, sich den Regeln der Hungerspiele zu widersetzen. Man hat gesehen, dass es unter bestimmten Bedingungen möglich ist, das Kapitol dem eigenen Willen zu unterwerfen. Hier haben wir das umgekehrte Problem der Hoffnung: Die Hoffnung, bei den Spielen zu gewinnen, wurde nicht zu sehr geschmälert, sondern im Gegenteil zu sehr amplifiziert. Indem die Regeln so über den Haufen geworfen wurden, hat man deutlich gemerkt, dass sie auch eigentlich arbiträr sind und es deutlich besser ist, wenn mehr Leute gewinnen. Und was soll das Kapitol auch tun, wenn alle Teilnehmenden drohen, sich das Leben zu nehmen? Um diesen Fehler wieder zurückzunehmen, hat Snow deshalb versucht, Katniss den Leuten erzählen zu lassen, dass sie nur verrückt nach Liebe war, dass das ein Einzelfall war und dass sie dem Kapitol unendlich dankbar ist, dass sie ihr diesen Wunsch gewährt haben. Aber naja, die Bevölkerung Panems ist jetzt auch nicht so blöd. Alle hatten gesehen, dass Katniss eben eine kluge Frau war, die das Kapitol überlistet hat. Die Hinrichtung des Spieleleiters hat auch damit zu tun. Erstens hat er eben versagt und sollte bestraft werden. Aber das Kapitol versucht hier auch, sich von diesem Fehler zu distanzieren und den Anschein zu erwecken, sie würden ihn nicht nochmal machen.
Diese ganze Taktik geht aber eben einfach nicht auf, weil jetzt das Livestreaming der Spiele gegen das Kapitol arbeitet. Alle haben sehr deutlich gesehen, was wirklich passiert ist. Also versucht Präsident Snow, Katniss irgendwie anders loszuwerden. Das ist aber gar nicht so einfach: Wenn er sie einfach erschießen lässt, werden das Menschen als eine klare Ungerechtigkeit wahrnehmen und unter ihr als Märtyrerin umso stärker demonstrieren. Auch würde das schon wieder das Kapitol als deutliches Feindbild projizieren. Der einzige Weg scheinen eben die Spiele zu sein. Und um zu legitimieren, dass sie noch einmal ranmuss, wurde beschlossen, zum Anlass des 75. Jubiläums alle ehemaligen Sieger*innen noch einmal antreten zu lassen. Eigentlich gar nicht so dumm, wenn man darüber nachdenkt. Noch einmal würde Katniss die Arena sicher nicht überleben und sie wäre auch dazu gezwungen, Mitglieder anderer Distrikte zu töten, wodurch ihre Popularität rapide abnehmen würde. Aber es ist eben schon zu spät: Das Kapitol sah schon davor schwach aus und jetzt war es auch noch gezwungen, den Hoffnungsvorteil der Hungerspiele aufzugeben, indem es Willkür beging. Katniss wird durch einen rebellischen Spieleleiter aus der Arena befreit und alle Teilnehmenden entkommen den Spielen. Es sind die letzten Hungerspiele die stattfinden sollen: Denn das Kapitol, nur noch durch seine physische Macht geschützt, macht in der folgenden Zeit die Erfahrung, dass es den vereinten Distrikten eben nicht überlegen ist und fällt.
Bei allen Taktiken Machiavellis hat das Kapitol eben bis zum Schluss das Problem gehabt, dass es niemand wirklich geliebt hat, trotz der Chance auf den großen Gewinn. Am Ende des Tages sieht man die Prophezeiung Martha Nussbaums wahr werden: Der autoritäre Staat wurde aus Unmut gestürzt, trotz aller Bemühungen. Klar, vielleicht war Katniss eben die eine Person, die es gebraucht hat. Aber hat sie wirklich so viel Ungewöhnliches getan? Sie hat sich eben wie ein moralischer und solidarischer Mensch verhalten. Das allein hat den anderen Distrikten gereicht. Klar, die Menschen waren durch Furcht vor dem Kapitol in Zaum gehalten, aber da die Liebe gefehlt hat, hätte nie jemand wirklich 100% für die Erhaltung dieses Systems gegeben. Es hat ein Funken Hoffnung zu viel gereicht, um das gesamte Konstrukt einzureißen. Eigentlich war es ja doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Keine Gesellschaft macht es lange mit, dass ihnen regelmäßig ihre Kinder genommen und getötet werden. Wäre das Kapitol tatsächlich geliebt worden, wäre es nicht gefallen, sondern wäre mit Klauen und Zähnen verteidigt worden. Aber natürlich hätte eine solche Macht auch vorausgesetzt, dass sie vom Volk ausgeht. Und deshalb wäre ein solches unterdrückerisches System mit seiner Bevölkerung nie so weit gekommen wie eine populäre Regierung. Aber die hätte dann eben anders sein müssen als das Kapitol.
Fazit
Was lernen wir jetzt daraus? Ich denke, es ist recht deutlich geworden, dass Macht ein sehr viel komplizierteres System ist, als es scheint. Klar gehören Stärke, Gesetze und Mauern dazu. Aber Macht ist vor allem ein psychisches Konstrukt. Eine Entität hat nur so lange Macht, wie sie ihr von den Beherrschten zugestanden wird. Sobald diese Blase aufgrund einer ungünstigen Erscheinung, Willkür oder Hoffnung auf mehr platzt, wird aufbegehrt. Und wenn die physische Überlegenheit dann nicht tatsächlich groß genug ist, kann es ganz schnell vorbei sein. Und Präsident Snow war einer der Ersten, die das wirklich verstanden haben. Als das ganze Kapitol dem Siegerpaar zujubelte und der Spieleleiter wahrscheinlich seine neuen Taktiken durchging, wusste der Diktator schon ganz genau, was ihm blühen könnte. Er kannte dieses Muster sogar so genau, dass er Katniss nach seiner Festnahme ganz direkt sagen konnte, dass die Präsidentin der Rebellen, Coin, nicht anders ist als er selbst.
Eine sehr faszinierende Recherche war das mal wieder! Auch das erste Mal, dass ich Machiavelli gelesen habe. Was meint ihr denn zu der Kontrolle, die das Kapitol ausgeübt hat? Haben sie es im Großen und Ganzen übertrieben mit ihrer Willkür? Oder musste es einfach kommen, wie es gekommen ist? Kommentiert auch gern unter dieser Folge und gebt ihr eine gute Bewertung. Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
So, das war alles. Dann wünsche ich euch noch einen schönen Tag.
Quellen
,,Die Tribute von Panem“ (Teile 1-3) - Suzanne Collins
,,Der Fürst“ - Niccoló Machiavelli
„Political Emotions. Why Love matters for Justice“ - Martha Nussbaum
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