#59 Was ist das Gute?

Zusammenfassung

Was ist das Gute? Nein, nicht die gute Handlung oder der gute Mensch, sondern das Gute selbst. So eine simple Frage hat in der Philosophie bereits für viele Probleme und Erklärungsversuche gesorgt. Denn wenn wir nicht wissen, was das Gute ist, wie sollen wir von irgendetwas sicher sagen können, dass es gut ist? Diese Denkweise ist in der europäischen Philosophiegeschichte sehr weit vertreten und kommt vor allem von Platon und seiner Ideenlehre. Mit dieser Folge will ich euch einmal diesen Grundstein der Philosophie erklären und einige sehr bekannte philosophische Modelle wie das Höhlengleichnis. Gleichzeitig möchte ich auch ein bisschen über meine Masterarbeit erzählen, in der es auch ungefähr darum ging.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

In dieser Folge habe ich mir etwas ganz Spezielles für euch überlegt: Ich möchte ganz Grundlegend über das Gute an sich reden. Aber nicht nur das. In dem Zuge wird es auch um Auszüge aus meiner eigenen Masterarbeit gehen, die sich mit etwa diesem Thema beschäftigt hat. Natürlich in sehr vereinfachter Form, keine Sorge. Aber fangen wir einmal an. Wieso ist dieses Thema eigentlich relevant? Ich habe ja doch schon Folgen über den guten Menschen und gutes Handeln gemacht! Und ja, das habe ich tatsächlich. Die Fragen, was wir tun sollen und wie wir uns am besten verhalten, kreisen alle um das Thema der Ethik herum. Das hier ist aber Metaethik. Was genau bedeutet es, wenn wir sagen, dass etwas richtig oder falsch ist? Denn da ist eigentlich etwas, mit dem man sich sonst gar nicht beschäftigt. Man hat eben seinen kleinen Moralkatalog, den man mit rationalen Argumenten unterstützen kann. So sagt Kant, dass man niemanden nur als Mittel sondern immer auch als Zweck in seiner Handlung einbauen soll und Platon selbst sehr generell, dass man niemandem schaden soll. Aber wenn man sich diese Argumentation genau anschaut und nachfragt, merkt man, dass man auf Dauer gar nicht unbedingt damit weiterkommt. Hört euch mal diesen theoretischen Austausch an: „Was ist gerecht?“ „Niemanden zu bestehlen“ „Warum?“ „Weil das großen Schaden bei einer Person anrichtet.“ „Warum ist das ein Problem?“ „Weil es falsch ist.“ „Warum?“ „Weil es zu den moralischen Prinzipien dazugehört, dass man eine Person nicht ohne Weiteres und selbst dann zumeist nicht dazu bringen darf, Schmerzen zu empfinden.“ „Warum gehört es dazu?“ „Weil jeder Mensch ein Recht auf Unversehrtheit hat.“ „Warum?“ Gut, und so weiter. Bei dem Punkt im Gespräch würdet ihr euch wahrscheinlich fragen, ob euer Gegenüber noch ganz richtig im Kopf ist und euch bei der nächsten Möglichkeit entfernen, nehme ich an. Aber rein theoretisch kann man alle diese Fragen berechtigterweise stellen. Klar kommt es uns falsch vor, eine Person zu töten, aber was ist es, das es objektiv falsch macht. Was ist das Gute? Und wie will man legitimieren, eine Handlung tatsächlich gut zu nennen? Und nun, ihr habt es wahrscheinlich schon erraten: Einer der ersten, die dieses Problem sehr anschaulich und grundlegend angegangen sind, war Platon. Er schlägt vor, dass wir das Gute als eine Idee des Guten verstehen und ihm einen anderen Status geben als andere Eigenschaften. Was er damit meint, sehen wir gleich, aber ich muss euch zuerst erklären, was er mit „Idee“ meint. Die platonische Ideenlehre ist essentiell, um dieses Problem zu verstehen. Und, dass das gerade ein Wortspiel war, werdet ihr auch gleich verstehen. (Konnt`s mir nicht verkneifen).


Platons Ideenlehre

Ja, liebe Freunde, worüber soll ich die Masterarbeit denn auch sonst schreiben, als über eine Theorie Platons aus der Politeia oder dem Staat! Eigentlich recht typisch. Übrigens, kleiner Funfact, bevor ich anfange: Erinnert ihr euch an meine Folgen über die Zeit? Das waren die Nr. 40 und 42. Da habe ich mich auf meine Bachelorarbeit angelehnt, die ich der Zeit geschrieben habe. Über dasselbe Thema wie die Folge 42: Ob man in der Zeit zurückreisen kann. Diese Folge kam übrigens nicht, wie es auf Spotify heißt, am 15.12.2023 raus, sondern irgendwann im Sommer des Jahres – da hat es bisschen die Daten vertauscht und deswegen die Folge traurigerweise über die nr. 43 geschoben statt darunter… Tja, die Leiden eines Podcasters. Gut, ich fange mal an.

Die Ideenlehre von Platon ist eine Theorie die alle seine Dialoge durchzieht und von der er alles ableitet. Wenn ich euch das also jetzt gleich erklären, habt ihr damit eigentlich schon einen Großteil dessen verstanden, worüber er eigentlich so redet. Platon teilt die Realität immer in zwei wesentliche Teile ein: Das mit den Sinnen wahrnehmbare und die Ideen, die man nur mit dem Geist erfassen kann. Alles, was wir anfassen oder sehen können, ist für Platon in einem gewissen Sinne unwirklich. Er ist damit aber nicht so radikal wie René Descartes, der behauptet, dass es diese ganzen Dinge wahrscheinlich gar nicht gäbe. Platon geht noch einmal einen etwas anderen Weg. Er schreibt allen Sinnesgegenständen einen gewissen Realitätsgrad zu, der aber deutlich niedriger ist als das, was er als tatsächlich real ansieht. Man könnte auch sagen, er gibt diesen Dingen eine niedrigere ontologische Stufe. Ontologie, wie ihr wahrscheinlich inzwischen wisst, ist die Wissenschaft des Seins. Das Problem, das Platon mit sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen hat, ist, dass sie nicht vollkommen sind und auch nicht von jeder Person wahrnehmbar. Man kann unterschiedliche Meinungen darüber haben und es ist immer nur eine mögliche Ausführung von dessen Gesamtkonzept, nicht aber die Essenz selbst. Die Ideen der Dinge sind dagegen vollständig und der Idealzustand, den jede Person mit dem Geist klar sehen kann und die Wahrheit über das aussagt, was ein Gegenstand eigentlich ist. Und damit ist es realer. Aber das ist jetzt alles sehr sehr theoretisch und keine Sorge, ich belasse es nicht dabei. Auch Platon merkt, dass man das so nicht so gut versteht und führt ein Beispiel an. Und wisst ihr, womit er in dem Dialog das Thema Sokrates Glaukon erklären lässt? Mit Tischen und Stühlen! Ja ganz genau, da habe ich mich damals etwas inspirieren lassen – es bin nicht nur ich.

Stellt euch einen Tischler vor, der eben einen Tisch gefertigt hat. Einfach irgendeinen. Egal, was für einer es ist, er ist in einem gewissen Grad unvollständig. Ein Tisch, der so vor euch steht, ist nicht die Essenz eines Tisches, sondern hat eine klar definierbare Anzahl an Beinen, ein festgelegtes Material und man kann ihn aus immer nur einer Perspektive sehen. Je nachdem, wie man draufschaut. Einige Menschen können den Tisch sogar gar nicht sehen, weil sie sich an einem anderen Ort befinden oder sie können ihn nicht dem Konzept des Tisches zuordnen und verkennen ihn deshalb. Wenn man sich die Essenz des Tisches jedoch anschaut, ist sie für jede Person gleich und einfach erklärbar. Es ist eben ein Ding aus einer Reihe an möglichen Materialien, das eine variierende Anzahl an Beinen haben kann und so und so aus verschiedenen Blickwinkeln aussieht. Dieses Konzept ist deshalb realer, weil es alle möglichen Tische umfasst und sie einer Überkategorie zuordnet. Es ist auch diese Essenz eine Tisches, an der sich der Tischler bei seiner Arbeit bedient. Er würde dafür aber keinen bereits gefertigten Tisch wählen, wenn er nicht gerade eine Kopie herstellen will. Ein bisschen besser versteht man das vielleicht, wenn ich das nächste Beispiel von Platon erkläre. Stellen wir uns vor, ein Maler würde sich jetzt einen dieser Tische kaufen und ihn lange und aufwendig abzeichnen. Würden wir vom fertigen Werk sagen, dass es ein Tisch wäre? Wäre es eine Kopie? Nicht wirklich, es ist eben ein Bild. Aber die Aussage, dass es in einem gewissen Sinne ein Tisch ist, ist auch nicht ganz falsch, nicht wahr? Aber es ist eben nicht genau der Tisch, den es darstellen soll, sondern aus der Perspektive des Malers mit seinen Vorstellungen und seiner persönlichen Note. Ein Abbild im wahrsten Sinne des Wortes. Und genau so verhalten sich die Tische, die wir so sehen zu der potenziellen Idee des Tisches.

So, seid ihr noch bei mir? Kurioserweise hat Platon nie gesagt, wovon es jetzt Ideen gibt oder nicht. Man kann aber recht sicher sagen, dass er gar nicht von einer Idee des Tisches ausgeht, sondern das nur als Beispiel genommen hat. Worum es Platon vor allem geht, sind natürlich moralische Eigenschaften. So geht es in der Politeia selbst am Anfang zum Beispiel sehr viel um die Gerechtigkeit. Näheres dazu habe ich in meiner dritten Folge über den guten Menschen gesagt. Der Sinn dieser Ideenlehre ist, dass man durch die Idee des Gerechten einen objektiven und existenten Anhaltspunkt hat, an dem man seine moralische Bewertung vornehmen kann. Deswegen ist es Platon auch in jedem Dialog zu wichtig, zu fragen, was etwas eigentlich ist. Man hat ganz oft solche Muster, dass Sokrates´ Gesprächspartner irgendetwas als gerecht oder weise bezeichnet und Sokrates dann fragt, was denn das Gerechte und das Weise eigentlich sind. Die ganze Historie des Hinterfragens hat hier ihren Ursprung. Wenn man diese Ideen jedoch nicht kennt, kann man noch nicht einmal ein Urteil darüber fällen, wie sich die Dinge verhalten. Deshalb meint Sokrates in der Apologie übrigens auch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und deshalb ist es auch wichtig, das genau so zu übersetzen. Sokrates will nicht sagen, dass er überhaupt keine Ahnung von gar nichts hat, sondern, dass das Wissen, das er hat, eigentlich unwirklich ist, weil er nie auch nur eine der Ideen hat ergründen können. Dementsprechend ist sein Wissen im Grunde ein Unwissen, wie auch das der restlichen Menschheit. Nur hebt er sich eben dadurch ab, dass er sich dessen bewusst ist. Gut, aber das nur als kleiner Exkurs. Jetzt haben wir also herausgearbeitet, dass die Ideen im Grunde die Essenzen der Dinge darstellen, also das, was sie wirklich sind. Wir wissen jetzt auch, warum wir die Ideen brauchen und Platon so verrückt danach ist. Was genau hindert uns jetzt daran, zu sagen, dass die Idee des Guten nur einfach die Essenz des Guten ist, wie alle anderen?


Die Idee des Guten

Und hier wird es etwas tricky. Bis hierhin war es eigentlich recht nachvollziehbar, was diese Essenzen sind und wie sie im Verhältnis zu den Dingen auf der Welt stehen. Natürlich kann man nicht einfach irgendeine Person als schön bezeichnen, ohne wirklich eine Idee davon zu haben, was schön eigentlich ist. Beziehungsweise kann man das zwar schon argumentativ angreifen, aber der Gedanke ist simpel. Und die Ideen sind halt Konzepte von Dingen – es gibt zwar ein bisschen eine Debatte darüber, ob sie wirklich nur das oder vielleicht sogar echte, existierende Entitäten sind, aber das klammern wir einmal aus. Die Idee des Guten hat aber ein bisschen ein Problem. Worin würde diese Idee bestehen und wie kann man sie definieren? Überlegt einmal, wie wir andere Eigenschaften wie Gerechtigkeit oder Tugend definieren. Das Gerechte bedeutet nach Platon, niemandem zu schaden und niemanden in seiner Fähigkeit einzuschränken, selbst gerecht zu sein. Soweit so gut. Diese Definition geht aber nicht auf, wenn man nicht auch gleichzeitig weiß, dass es gut ist, gerecht zu sein. Ebenso beim Schönen. Denkt an meine 13. Folge: Platon sagt, dass Liebe bedeutet, in einer guten und schönen Seele zeugen zu wollen. Und das Schöne zeichnet sich dadurch aus, dass es zu guten taten anregt. So ganz ungefähr. Da ist es ja schon wieder, das Gute. Und irgendwie wissen wir ja schon, was Platon damit meint, denn das Gute ist einfach ein positiver Wert. Aber was ist es wirklich? Man kann es doch nicht einfach dabei belassen, zu sagen, das Gute sei gut!

Genau diesem Problem sieht sich auch Glaukon in der Politeia gegenüber, der Sokrates irgendwann in seinem Redefluss aufhält und fragt, was das Gute eigentlich sein soll. Es wurden schon so viele Ideen definiert, dachte er sich, warum würde das dann so eine Herausforderung darstellen? Aber Sokrates antwortet ausweichend und meint, dass er das gar nicht so genau sagen kann und im Grunde nur Gott die Wahrheit über diese Fragen weiß. Aber er will es versuchen und meint, dass er Glaukon das sogenannten „Kind des Guten“ näherbringen könnte. Es wurde viel überlegt, was er damit meinen könnte, aber ich denke, dass er hier versucht, dieses große Konzept irgendwie abzuschwächen, dass man es erklären kann, im Wissen, dass er es damit nicht zu 100% treffen kann. Davon zeugt auch die Art, wie er es tut: In Gleichnissen. Ein Gleichnis ist wie ein philosophisches Bild oder eine kleine Geschichte, in der nicht direkt ausgesagt wird, was sie bedeutet, sondern man es interpretieren muss. Das macht Platon sehr gern und hat damit der Nachwelt so einiges zu tun gegeben.

Er fängt an mit dem Sonnengleichnis und sagt, dass man die Idee des Guten im Grunde mit der Sonne vergleichen kann. Unsere Augen können die Umwelt nicht ohne das Licht erfassen und sind somit in einem gewissen Sinne mangelhaft. Erst, wenn wir irgendeine Lichtquelle, normalerweise eben die Sonne haben, können wir alles um uns herum klar sehen. Das Kuriose ist dabei aber, dass wir nicht in die Sonne selbst schauen, weil dann unsere Augen brennen und wir nur Licht sehen würden. Die Sonne ist also nicht einfach nur ein weiteres Sinnesobjekt, sondern eine notwendige Bedingung des Erkennens, ohne Erkennungsgegenstand zu sein. Gut, es gibt inzwischen eine lange Historie von Astronom*innen, die die Sonne erforscht haben, aber das ist ja nicht der Punkt. Was die Sonne auch ist, ist der Ursprung von allem. Sie kam nicht irgendwann dazu im Sinne von „ah, es wäre mal nett, alles zu sehen“, sondern sie steht am Anfang. Durch sie ist alles entstanden und begründet, aber sie selbst ist nicht auf diese Weise in die Welt gebracht worden. Auch hier wieder eine leichte Ungenauigkeit, es gibt ja den Urknall, aber auch das Klammern wir aus. Wie genau wollen wir das jetzt im Sinne der Idee des Guten verstehen? Ein Aspekt, der erstmal sehr wichtig ist, ist der des Lichtes. Wie die Sonne verhilft uns auch das Gute dazu, alles zu sehen oder verstehen. Wir hatten es ja eben: Das Gerechte ergibt nur dann Sinn, wenn man versteht, dass es gut ist, gerecht zu sein. Dafür muss man aber nicht gleichzeitig ergründen, was das Gute jetzt wirklich ist, sondern es reicht ein Lichtstrahl oder in dem Fall das Wissen, dass „gut“ ein positiver Wert ist. Und es geht noch weiter: Ebensowenig, wie man in die Sonne schauen kann, kann man das Gute so wirklich anschauen. Blickt man in das Licht, sieht man nur mehr Licht und überlegt man sich, was das Gute ist, kommt nur dabei heraus, dass das Gute gut ist. Es ist in einem gewissen Sinne an sich inhaltsleer aber trotzdem inhaltsspendend. Deshalb ist es auch wichtig, dass das Gute, wie eben die Sonne in dem Gleichnis, nicht selbst erzeugt wurde, sondern schon immer da war. Es gibt kein Kriterium, das über dem Guten steht und durch das man es verstehen könnte und keine Eigenschaft ergibt ohne es einen Sinn. Ebensowenig könnte man irgendetwas sehen ohne die Sonne. Also so in der Art würde ich das Sonnengleichnis lesen. Wenn euch das aber sehr kompliziert und vielleicht auch etwas kurz gefasst vorkommt, keine Sorge: Das geht Glaukon auch so. Und so fragt er Sokrates, weiter, bis dieser zwei weitere Gleichnisse auspackt. Das Liniengleichnis könnt ihr gern selber in der Politeia nachlesen, aber ich finde es an dieser Stelle nicht wirklich zielführend und dafür zu schwer zu verstehen.

Was ihr aber bestimmt kennt, ist das danach erwähnte Höhlengleichnis. Und ja, es kommt tatsächlich aus Platons Bemühungen, die Idee des Guten zu erklären. Auch wenn man viel mehr noch daraus interpretieren kann, wie sich gleich zeigen wird. Also: Stellt euch eine Gruppe an Gefangenen vor, die in einer Höhle an Nacken und Schenkeln so gefesselt sind, dass sie nur auf die Höhlenwand vor ihnen schauen können. In der Höhle befinden sich ganz hinten mehrere Fackeln, von denen das für die Gefangenen einzige Licht kommt. Es gibt zwar einen Ausgang, durch den Sonnenlicht strömt, aber der ist so weit oben und verwinkelt, dass davon nichts unten ankommt. Hinter den Gefangenen, aber vor den Fackeln, laufen außerdem recht regulär verschiedene Gestalten vorbei. Vor allem Wächter, die eben aufpassen sollen, aber auch Figuren wie Gaukler, die ihre Kunststücke vortragen. Der Punkt ist aber, dass alle diese Menschen und ihre Gegenstände lange Schatten werfen, die den Gefangenen genau vor ihren Gesichtern erscheinen. Da diese nicht in der Lage sind, ihren Kopf zu drehen und zu sehen, dass es sich eben nur um Schatten handelt, nehmen sie an, die Realität wäre einfach so. Es kommen schließlich auch Stimmen und andere Geräusche, wenn die Schatten sich bewegen und sie scheinen miteinander zu interagieren. Natürlicherweise fangen die Gefangenen also auch an, sich über die Schatten zu unterhalten und entwickeln einen kleinen Wettstreit daraus, wer sie am schnellsten erkennen und bestimmen kann. Da sie sich nicht einmal gegenseitig sehen können, müssen sie davon ausgehen, dass auch sie nichts weiter als Schatten sind. Hier haben wir also eine kleine glückliche Parallelgesellschaft in der Höhle. Jetzt stellt euch vor, dass einer der Gefangenen eines Tages von einem Wächter losgebunden und abgeführt wird. Er würde sich wahrscheinlich erstmal nicht wiedersetzen, sondern verwirrt Folge leisten und auch in Erwartung, was jetzt passiert. Seine Verwirrung würde sogar noch zunehmen, wenn er sich umdreht und sieht, dass nicht die ganze Welt aus Schatten besteht. Aber da immernoch alles einen wirft und im schummrigen Licht der Fackeln gebadet ist, würde er das wahrscheinlich abtun. Vielleicht sind diese farbigen dreidimensionalen Dinge ja auch nur Abbilder der Schatten. Als ihn der Wächter aber die Stufen zum Ausgang hinaufstößt, wird der Gefangene unruhig. Das gleißende Sonnenlicht brennt ihm auf den Augen und als er rauskommt, muss er sie schnell schließen, um nicht zu erblinden. In diesem Moment will er nichts mehr, als wieder reinzugehen, aber der Wächter hindert ihn daran. Der Gefangene, verzweifelt, aber auch neugierig, wartet ab, ob seine Augen sich vielleicht an das Licht gewöhnen können. Und siehe da! Ganz allmählich kann er sie einen Spalt öffnen. Das erste, was er erkennt, sind die Schatten, wie er sie aus der Höhle kennt. „Das müssen die realen Gegenstände hier draußen sein!“, denkt er sich. Aber dann sieht er die ganzen bunten und klaren Dinge, die neben ihnen steht und kommt ins Zweifeln. Wieso sind diese Abbilder so viel schöner und farbenfroher als die Schatten? Schließlich sind seine Augen so weit, dass er in den Himmel schauen kann, wenn auch erstmal nur bei Nacht. Noch eine Überraschung: Er sieht die Sterne, die gar keinen Schatten zu haben, sondern nur aus Licht zu bestehen scheinen. Langsam versteht der Gefangene, welchem Irrtum er und seine Freunde aufgesessen sind. Der letzte Schritt ist schließlich, als er sich traut, am Tag die Augen zu öffnen und in die Sonne zu schauen. Und selbst, wenn es nur kurz ist, versteht er plötzlich, dass sie es ist, die die ganzen Schatten wirft und alle Dinge zur Entstehung gebracht hat. Die Welt richtet sich nicht nach den Schatten, sondern nach dem, was sie nur abbilden! Und die Sonne thront über allem. Er wurde im wahrsten Sinne des Wortes „erleuchtet“. Schnell will er zurück, um seinen Freunden davon zu erzählen. Er empfindet Mitleid mit ihnen, dass sie so lange ein falsches Leben geführt haben und diese Erleuchtung nicht selbst haben erleben können. Aber das wird er ihnen schon beibringen können! Also lässt sich der Gefangene vom Wächter wieder hinabführen. Was dessen Mission in diesem Gleichnis übrigens ist, weiß ich auch nicht, aber das spielt auch keine extrem große Rolle. Traurigerweise redet der erleuchtete Gefangene aber gegen eine Wand an. Zuerst bemerken seine Freunde recht schnell, dass er durch das Sonnenlicht die Geschwindigkeit verloren hat, mit der er die Schatten einmal hatte sehen können. Das Licht von draußen wird als Gefahr gesehen, das das Standing in dieser „Schattengesellschaft“ nachhaltig zerstören kann. Auch die Geschichten von den echten Gegenständen und den unechten Schatten glauben sie ihm nicht. Wie auch? Sie haben so lange ihr Leben auf den Schatten basiert, da kann das alles keine Lüge sein! Und so wird der Gefangene verstoßen und empfindet weiterhin nichts weiter als Mitleid vor dem Unwissen seiner Freunde.

Das ist ein deutlich längeres Gleichnis, nicht wahr? Auf der Oberfläche erfahren wir hier zu dem Guten dasselbe wie im Sonnengleichnis. Es ist wieder der Vergleich mit der Sonne, wieder der Ursprung und das Licht, das hilft, alles zu verstehen, ohne selbst einen konkreten Inhalt zu haben. Nur ist hier noch einmal darauf expandiert, wie die Realität, die wir durch das Gute sehen können, aufgebaut ist. Die Gefangenen in der Höhle haben im Grunde keine Ahnung vom Guten, von den Ideen oder den Gegenständen, sondern akzeptieren einfach, was ihnen vorgesetzt wird. Die Gaukler sollen tatsächlich Sophisten darstellen, die ihnen sogar extra etwas vorspielen, während es den Wächtern eigentlich egal ist. Die Welt der Ideen befindet sich aber dann draußen, durch die tatsächliche Sonne erleuchtet. Platon meint, dass bis hierhin alle Wissenschaftler*innen kommen müssen, wenn sie ihr Werk ordentlich betreiben können. Und wenn man in die Idee des Guten geschaut hat, ist man erleuchtet, da man versteht, wie alles zusammenhängt und wo der Sinn der Ideen und ihrer Kategorisierung ist. Das Höhlengleichnis tut aber eigentlich etwas Anderes, als noch einmal zu wiederholen, wie es um das Gute und die Ideen bestellt ist. Es geht hier vor allem um uns. Sokrates sagt Glaukon sehr direkt, dass wir nicht die Wächter sind, nicht der erleuchtete Gefangene, sondern die Gefangenen in der Höhle, die sich die Schatten anschauen. Er wählt ein besonders skurriles Bild, damit wir uns über uns selbst wundern. Denn wir haben jeden Anlass dazu. Wie dumm diese Leute doch sind, einfach nur die Schatten anzustarren, statt einfach mal zu versuchen, sich zumindest einmal selbst anzuschauen oder nach den Wachen zu rufen. Aber sind wir so anders? Sokrates wurde dafür umgebracht, dass er versucht hat, das Wesen der Dinge zu ergründen. Er hat den Menschen das Gefühl gegeben, dass sie nach einer Lüge leben und unwissend sind. Das hat ihnen nicht gefallen. Das Höhlengleichnis ist ein Appell an uns, nicht immer nur alles zu glauben, was wir vor uns sehen, sondern zu versuchen, unseren Kopf zu drehen und vielleicht sogar, herauszukommen. Dafür ist es vielleicht auch mal nötig, eine Gruppe an Menschen zu verlassen, die diese Vision nicht teilt. Es ist nicht so, dass die ganze Welt, wie es die Sophisten hier tun, uns etwas vorspielt. Wir haben selbst in der Hand, wie viel wir über die Welt herausfinden wollen. Das Gute ist hier am Ende der Reihe, aber wenn man zumindest einmal zu den Ideen kommt, ist das schon einmal ein Anfang.


Das Gute als Glaubensobjekt

Nun, das ist jetzt alles gut und schön. Aber was ist nun das Gute? Ihr habt es wahrscheinlich satt, diese Frage immer wieder zu hören. Ich bin auch fast fertig, versprochen. Aber das Höhlengleichnis soll hier mit seinen Appellen nicht davon ablenken, was wir eigentlich suchen. Das Gute hat hier einen etwas mysteriösen und fast gottgleichen Charakter bekommen. Und man bekommt immer das Gefühl, dass alles sehr rational erklärt und bewiesen ist, bis es zur Erkenntnis des Guten kommt. Es ist auch ein bisschen rätselhaft, ob Platon jetzt denkt, dass man das Gute als Voraussetzung für alle Ideen braucht oder erst am Schluss erkennt, wenn man alles durch hat. Ich glaube, dass er hier unterscheidet zwischen dem Verständnis, dass das Gute eine positive Eigenschaft ist und alles dadurch erklärt werden kann und einer fast religiösen Weisheit darüber, was es mit dem Guten genau auf sich hat. Im Mittelalter ist man auch davon ausgegangen, dass das Gute etwas Gottgleiches hat. Es hieß sogar ganz konkret, dass Gott die Idee des Guten wäre. Ok, Platon war auf jeden Fall kein Christ, aber es gibt viele Parallelen. Wir haben hier dieses allumfassende, unendliche und ursprüngliche Ding, das alles erzeugt hat und über allem steht. Alle wissen irgendwie, was es damit auf sich hat und es schenkt allen das Licht der Erkenntnis, aber Wenige haben es je wirklich verstanden. Sokrates meint, er könne es selbst gar nicht beschreiben, aber über ein Gleichnis das Kind des Guten erklären. Nun, wie es der Zufall will, wird Jesus auch als Sohn Gottes bezeichnet, der den Menschen dessen Wesen näher bringt und auch oft in Gleichnissen redet. Der Gefangene hat auch einen prophetischen Charakter, wenn man darüber nachdenkt: Es ist ein Mensch wie jeder andere, der aber eines Tages erleuchtet wird. Während er aber versucht, allen davon zu erzählen, wird er verlacht und verstoßen. Nun, das ist alles auch kein extremer Zufall, da sich vieles aus dem Christentum an die antike griechische Tradition anlehnt. Aber wie ich in meiner 26. Folge auch schon gesagt habe, ist Religion manchmal auch einfach nur ein alternativer Weg zur Wahrheit. Was für mich heraussticht, ist, dass Platon hier versucht, zu erklären, wie es bedeutet, Philosoph*in zu sein. Man wandelt auf Wegen, die andere Menschen nicht immer verstehen oder mögen. Trotzdem muss man jeden Stein einzeln umdrehen, so trivial und lächerlich es manchmal wirkt. Das Gute ist ein bisschen wie der Gott der Philosophie, das oberste Prinzip, aus dem man alles ableiten kann. Und wenn man darauf gekommen ist, hat man den Schlüssel, um alles zu verstehen. Dafür muss man manchmal etwas für sich sein und zumindest geistigen Abstand finden, um die Sachen für sich selbst zu verstehen. Aber dabei kann es trotzdem Begleiter wie den Wächter geben, die einen in die richtige Richtung stoßen. Das Wichtige ist, dass man diesen Weg geht und den Wert des Wissens erkennt. Platon ist kein Verschwörungstheoretiker. Es sind nicht andere Menschen, die versuchen, uns die Wahrheit zu verdunkeln und etwas vorspielen – auch wenn es einige davon geben mag. Vor allem sind wir selbst es, die wir uns nicht immer trauen, bis nach draußen zu gehen. Gut, im Gleichnis handelt es sich um Gefangene. Aber der Wächter hatte gar kein Problem, einen loszubinden und dann später nach Wunsch wieder reinzubringen, oder? Hatten die anderen Gefangenen also doch die ganze Zeit viel mehr Macht über ihr Schicksal? Ist es nicht so, dass sie ihr Leben genossen und es sogar am Ende vehement verteidigt haben? Denkt einmal darüber nach, was das für uns als Menschheit bedeutet.


Endstand und Fazit

Fassen wir einmal zusammen. Ich hoffe, dass ich euch mit meinen Allgemeinaussagen über die Philosophie und Menschheit nicht verwirrt habe. Aber es ist mir einfach wichtig, dass ihr versteht, was im Höhlengleichnis steckt. Noch einmal ganz grundsätzlich: Die Frage dieser Folge war, was das Gute ist. Nicht, was gute Eigenschaften sind was Gerechtigkeit heißt, sondern eine deutliche Definition des Guten. Der Grund, wieso wir das brauchen, ist, dass das uns eine Berechtigung geben würde, Dinge „gut“ zu nennen. Zumindest sagt es Platon so. Man kann nur Dinge adäquat benennen, wenn man die Idee dahinter kennt. Also habe ich euch zuerst einmal erzählt, was es mit den Ideen auf sich hat. Laut Platon gibt es hinter jeder moralischen Eigenschaft eine Idee, die man nur mit dem Geist erfassen kann und die die perfekte Ausführung davon darstellt. Man kann also erst sagen, dass jemand gerecht ist, wenn man weiß, dass die Idee des Gerechten beinhaltet, dass niemandem geschadet wird. Und das eben auf die Person dann zutrifft. So könnte man das jetzt überall anwenden und auch bei dem Guten.

Das Problem hierbei war aber, dass das Gute eben nicht so funktioniert. Alle anderen Definition können wir nur machen, wenn wir uns darauf einigen, dass das Gute ein extrem positiver Wert ist. Wenn wir aber dann das Gute untersuchen, brauchen wir entweder irgendeinen Meta-Wert, der darübersteht und den wir nicht haben oder wir können nicht sehr viel mehr sagen als „Das Gute ist gut.“ Trotzdem versucht Platon über Gleichnisse ein Bild von dem zu zeichnen, was er sich unter dem Guten vorstellt. Dabei sagt er, dass die Idee des Guten ein bisschen ist wie die Sonne. Alles ergibt durch sie Sinn, ist durch sie entstanden und erhält sein Licht, wodurch wir es sehen können. Die Sonne selbst ist dagegen nicht auf diese Weise entstanden und auch selbst kein Untersuchungsgegenstand. Das Gute verhilft uns, alles zu verstehen, aber wenn wir in dieses Licht schauen, sehen wir nicht mehr als noch mehr Licht.

Im Höhlengleichnis weitet er dieses Bild dann auf einen Appell an uns aus, trotzdem zu versuchen, das Gute so gut wie möglich zu verstehen. Denn auch wenn wir nur dessen Licht brauchen, um alles zu sehen, müssen wir allein das erstmal verstehen. Und dann kann man nur davon profitieren, sich dem Guten so sehr wie möglich anzunähern. Wenn man das geschafft hat und dann alle Ideen auch versteht, hat man eine solche Weisheit, wie sie kaum ein Mensch erreicht hat. Und das tut man nicht, um alle zu übertreffen, sondern für sich selbst. Dass man nicht nur immer auf Schatten starren muss, sondern tatsächlich versteht, wie alles funktioniert. Und das ist die Idee des Guten. Ob ein hohes philosophisches Konzept oder Gott selbst, wird wohl für immer offen bleiben.

Nun, und das war´s. Was für eine Recherche! Nicht nur für diese Folge, sondern in dem Zuge auch für die Masterarbeit. Ich sage euch, allein für dieses Wissen, das ich euch kurz vermittelt habe, hat es ewig gebraucht! Und dann ist das ja noch nicht einmal alles. Ich hoffe, man hat alles verstanden. Naja gut, kommentiert jedenfalls gern unter dieser Folge und gebt ihr eine gute Bewertung. Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree. 

Und das war´s. Habt noch eine schöne Woche!


Quellen:

,,Der Staat" - Platon

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