#58 Was ist Karma?

Zusammenfassung

Im Gegensatz zur letzten Folge möchte ich heute mit euch über etwas reden, von dem ihr wahrscheinlich alle ausnahmslos schon einmal gehört habt: Karma. Ich habe mich neulich gefragt, warum das eigentlich so ist. Es gibt viele Religionen auf der Welt mit vielen unterschiedlichen Glaubenssätzen – wieso wissen wir dann auf einmal alle so genau, was es mit dem Karma auf sich hat? Ich nehme zumindest einmal an, dass die meisten meiner Zuhörer*innen einer monotheistischen Religion aus dem europäischen Raum oder dem Atheismus angehören. Wieso also ist das Karma so beliebt? Und haben wir überhaupt das richtige Bild davon? Ist es einfach nur irgendeine Entität, die böse Menschen bestraft und gute belohnt?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Heute würde ich mit euch gerne über Karma reden. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich dieses Thema tatsächlich bearbeiten will, weil ich gewisse Teile davon bereits in meiner 25. Folge über den Buddhismus angerissen habe. Allen voran das der Wiedergeburt. Wen das also weiter interessiert, kann nach dieser Folge gern rüberschalten. Der Grund, wieso ich diese Episode aber trotzdem mache, ist, dass das Karma an sich irgendwie ein Konzept zu sein scheint, das in den modernen Zeiten auch in der westlichen Welt sehr beliebt geworden ist. Sogar in der Alltagssprache redet man bei uns teilweise von Karma, wenn jemandem etwas Schlechtes widerfährt, nachdem sich die Person schlecht verhalten hat. Das ist deshalb interessant, weil bei uns aus der sonstigen Ideologie, die damit zu tun hat, nichts angekommen ist. Nichtmal das Karma selbst charakterisieren wir so wirklich korrekt, denn es ergibt gar keinen Sinn ohne das restliche Glaubenskonstrukt. Also, ich rede einmal von „uns“ und „wir“ und meine damit eben Leute wie mich selbst, die in Europa leben und kulturell oder religiös nichts direkt mit den Kreisen, in denen die Karmalehre vertreten wird, zu tun haben.

Ich möchte mit euch hier heute also eigentlich zwei Fragen klären: Erst wollen wir wissen, was das Karma wirklich ist und dann, warum es auch für die westliche Welt so ansprechend ist. Also, ich weiß natürlich schon, dass auch Leute mir zuhören, die aus anderen Teilen der Welt kommen. Aber weil das hier schon einmal ein deutschsprachiger Podcast ist und ich von hier bin, rede ich wie gesagt einmal aus dieser Perspektive. Wieso also ausgerechnet Karma? Es kommt ja sogar hinzu, dass wir selbst ähnliche Belohnungs- und Bestrafungssysteme haben, die im Zusammenhang mit dem Christentum, Judentum und dem Islam stehen. Nun, je nachdem, wie man sie auslegt. Aber der Glaube, dass einer guten Person gute Dinge passieren und einer schlechten Person schlechte, ist ja schon weit verbreitet. Wenn man hier über Karma spricht, redet man meistens von einem Gerechtigkeitssystem, das einer höheren Macht, aber keinem Gott zugeschrieben ist. Trotzdem wird das Karma teilweise als ein Subjekt charakterisiert, das Allen ihre gerechte Strafe geben wird. Es geht hier sehr viel um die sogenannte ausgleichende Gerechtigkeit, bei der alles, was eine Person tut, genau so vergolten wird. Will heißen, dass eine, die mordet, auch selbst getötet werden wird. Oder, um ein etwas milderes Beispiel zu nehmen: Wenn jemand einer Person einen Gehfehler gibt, wird auch dieser an einem anderen Tag hinfallen. Dieses Gefühl, dass jede Person exakt das zurückbekommt, was sie getan hat, finden die meisten Menschen äußerst befriedigend und richtig. Ist es meiner Meinung nach aber übrigens nicht. Auch das habe ich schon einer meiner Folgen länger diskutiert, der Nummer 24. Da ging es darum, wieso man bestraft. Mein Fazit war damals, dass eine Bestrafung aus Vergeltungsgründen keinen Sinn ergibt. Wie Platon auch schon sagt, schafft man nämlich keine gerechten Menschen, indem man ihnen schadet. Dementsprechend ist es für eine gerechte Person oder eine, die es sein will, nicht angemessen, das zu tun. Versucht einmal zu begründen, warum es gerecht ist, eine Person zu töten, die jemanden getötet hat. Ihr werdet sehen, dass man sehr schnell in ein „es fühlt sich einfach richtig an“ oder „sie hat es eben verdient“ kommt, aber nicht so wirklich einen Grund findet. Aber das ist ein anderes Thema. Auch geht das eher weniger gegen die Karmalehre selbst, sondern eher ihre westliche Auslegung. Sehr bezeichnend ist es nämlich auch, dass oft angenommen wird, dass das Karma schon zu Lebzeiten greift. Wenn einer Person etwas Schlechtes widerfährt, die auch selbst schlecht zu ihrer Umwelt war, sagt man schließlich, das Karma hätte deshalb spontan zugeschlagen. In dem Sinne ist das Bild des Karma also etwas anders als das Gottes. Denn von ihm wird nicht gesagt, dass er Menschen bestraft, während sie leben, sondern eher danach. Und dann geht es um die Frage, ob Himmel oder Hölle. Nun, je nach Auslegung. In jedem Fall sind das Charakterisierungen des Karmas, die es zwar ganz ungefähr treffen, aber nicht so wirklich. Auch versuchen sie, die Lehre in ein Glaubenssystem einzubetten, in das es nicht gehört. Schauen wir also im ersten Schritt einmal, was das Karma eigentlich wirklich ist und woher es kommt.


Das Karma

Entgegen dem, was oft angenommen wird, ist Karma nicht einfach ein Bestandteil einer bestimmten Religion oder eine einzelne Lehre. Deshalb habe ich es auch in eine Extrafolge gepackt und nicht einfach nur beim Buddhismus kurz erwähnt und dann gelassen. Spuren der Karmalehre lassen sich vor allem auch im Hinduismus finden und anderen Religionen, die vor allem dem indischen Raum entspringen. Weil sich der Ursprung sehr deutlich auf dieses Land zurückführen lässt, werde ich im Folgenden sehr oft vom „indischen“ Denken reden. Ich weiß aber natürlich, dass es von allen Richtungen Einflüsse gegeben hat und die Karmalehre auch in anderen Teilen Asiens und der Welt existiert. Karma und auch Wiedergeburt sind keine Konzepte, die einfach plötzlich von Buddha erfunden wurden, sondern, die es zumindest im heutigen Indien gewissermaßen schon immer gab und die jede Denkrichtung dort geprägt haben. Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie bei unserer unsterblichen Seele. Klar, das Thema der Wiedergeburt hängt auch mit einer Seelenwanderung zusammen, aber noch einmal etwas anders, als wir es kennen. In jedem Fall ist das Konzept der unsterblichen Seele eines, das unter anderem durch Platon sehr bekannt wurde, aber auch schon davor existiert hat. Folglich ist es ein Bestandteil von jeder monotheistischen Religion, die mir einfällt, dass der Körper beim Tod vergeht, während die Seele mit all unseren Charaktereigenschaften und Erinnerungen weiterlebt und an einen schöneren Ort kommt. So ungefähr kann man sich die Festigung der Karmalehre im indischen Raum vorstellen.

Es ist tatsächlich weder besonders leicht zu sagen, was die Karmalehre ist, noch, von welcher Zeit sie genau kommt. Es gibt uralte Schriften des Hinduismus von vor 3000 und 4000 Jahren, in denen es schon Erwähnung findet. Da ist aber die Frage, ob man nicht schon davor diesen Glauben hatte und nur eben noch nicht immer aufgeschrieben. Ganz am Anfang hatte Karma nicht einmal etwas mit irgendeiner Ethik zu tun, sondern war einfach ein allgemeines System der Weltordnung, das die Wiedergeburt geregelt hat. Tatsächlich kommt das auch heute noch dem, was Karma eigentlich ist, deutlich näher als die europäische Interpretation. Wobei auch das wiederum nicht ganz einfach genau zu sagen ist. Wie auch in Europa die Lehre der unsterblichen Seele in verschiedenen Ländern eine unterschiedliche Entwicklung hinter sich gebracht hat, ist auch das Karma je nach Region anders aufgefasst. Immerhin war Indien ja die meiste Zeit der Weltgeschichte gar kein einheitlicher Staat, sondern eben eine sehr große Landmasse mit unterschiedlichen Regionen und Kulturen. Das darf man ohnehin bei solchen Interpretationen nicht vergessen. Es gibt aber dennoch einige Grundmuster der Karmalehre, die überall gleich geblieben sind. Wir können also vielleicht einmal ganz basal sagen, was das Karma ausmacht.

Wie inzwischen wahrscheinlich deutlich geworden ist, hängt die Karmalehre ganz besonders mit der Idee der Wiedergeburt zusammen. In allen Lebewesen steckt eine Seele, die über das Leben hinweg verschiedene Dinge erfährt und durch dessen Handlungen beeinflusst wird. Man kann die Seele also in einem gewissen Ausmaß durch das eigene Verhalten steuern. Je schlechter man handelt, desto mehr korrumpiert und verformt sich die Seele und bei guten Handlungen verbessert sich ihr Zustand, bis man schließlich nach dem Tod vor der Entscheidung steht, wie es mit ihr weitergeht. Dort erfährt die Seele in dem Moment, in dem sie gerichtet werden soll, alle Wahrheiten über die Welt und erlangt eine absolute Klarheit darüber, was sie alles getan hat und ob es gut oder schlecht war. Sie sieht, wie alles zusammenhängt und, dass sie mit ihren etwaigen schlechten Taten ein Ungleichgewicht ausgelöst und sich selbst geschädigt hat. Sie versteht, dass die kausale Wirkung des Karma immer greift und nichts ist, dem man durch Verleugnung oder Vertuschung entkommen kann. Und auch nicht will. Hat sich die Seele durch schlechte Taten in einen Zustand gebracht, der nicht mehr auf ein vernünftiges menschliches Wesen passt, wird sie in einem niederen Lebewesen wiedergeboren. Nicht als Rache, sondern als einfach Folge. Und auch muss man hinzufügen, dass die Bezeichnung als „niederes Lebewesen“ ein bisschen eine andere Konnotation hat als bei uns. Die Karmalehre sagt nicht, dass Tiere weniger Wert als Menschen wären. Im Gegenteil, vor allem Kühe werden ja in weiten Teilen Indiens sehr verehrt. Es ist eher eine deskriptive als eine normative Einteilung: Tiere sind nicht schlechter als Menschen, aber verfügen eben nicht über die menschliche Vernunft oder die Fähigkeit, asketisch zu leben, um sich dann von der Erde zu lösen. Deshalb ist zwar zu hoffen, dass sie als Menschen wiedergeboren werden, um dem Kreislauf zu entkommen, aber sie sind deshalb nicht weniger Wert. Denn ihre Seele ist ja noch immer dieselbe. Am Ende ist es in der Karmalehre immer so, dass alles wie ein großer Weltkörper zusammenhängt und wir nicht mehr sind als eine zufällige Kombination aus dieser Masse, die eben vernunftbegabt ist. Das grenzt uns irgendwie schon von den Tieren ab, aber wir sind trotzdem noch in einer Familie mit ihnen. Wie mit allem Anderen. Aber ich möchte euch das alles einmal etwas deutlicher illustrieren, bevor es hier zu verwirrend wird.

Nehmen wir zum Beispiel einmal den Buddhismus. Dazu habe ich damals gesagt, dass es das Grundprinzip ist, sich von allen weltlichen Belangen loszusagen und in Enthaltsamkeit zu üben. Obwohl das einen auch auf Erden bereits zufriedener machen kann, ist der größere Sinn davon, dass die Seele nicht mehr so stark an diese Welt gebunden ist. Löst sie sich dann vom Körper und wird beurteilt, findet gar kein ausgleichendes Karma statt, weil man nicht mehr am Kreislauf teilgenommen hatte. Da man bereits zu Lebzeiten von der Erde Abschied genommen hat, gibt es auch gar keinen Anlass mehr, diese Seele erneut hinunterzuschicken. Das Bezeichnende an allem Leben ist, dass es an etwas festhält: Sich selbst, dem Überleben, seinem Besitz. Man kann sich aber schwer ein Wesen vorstellen, dem das alles gar nicht so wichtig ist. Andersherum kann man auch ein extrem gieriges Leben führen und den einzigen Fokus nur noch auf das Geld legen. Das würde man dann etwa nur für lauter basale Dinge ausgeben, die die Grundinstinkte bedienen. Sagt sich eine solche Person von allen engeren menschlichen Bindungen los, behandelt alle schlecht und gibt sich nur noch dieser Befriedigung hin, ähnelt sie viel mehr einem Tier als einem Menschen, oder? Die Seele ist in einem solchen Zustand, dass sie nur noch in einem Schwein oder Rind stecken könnte, nicht aber einem Menschen. Deswegen heißt es im indischen Raum im Sinne dieser Lehre oft, dass eine schlechtere Lebenssituation mit Fehlern eines vergangenen Lebens zusammenhängen. Ein ehrwürdiges Leben soll zur Geburt in einem hohen gesellschaftlichen Kreis führen. Das hängt dann viel mit dem Kastensystem zusammen, aber das führt an dieser Stelle zu weit. Auch ist das Verhältnis zu Tieren ganz anders, weil sie eben auch wahrscheinlich einmal Menschen waren, die Fehler in ihrem Leben gemacht haben, obwohl sie vielleicht ihr Bestes versucht haben. Vielleicht bekommen sie noch einmal die Chance, denn als Rind kann man wahrscheinlich nicht sonderlich viel falsch machen. Aber hier seht ihr dann vielleicht, dass das ganze Prinzip viel komplexer ist als einfach nur Vergeltung für schlechte Taten. Wie genau der richtige Zustand der Seele zu erreichen ist, sehen wiederum alle anders. Der Buddhismus hat auch schon viel Kritik dafür bekommen, dass er zu lasziv mit den Freuden des Lebens umgeht. Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich in der Folge 25 erzählt habe, dass Buddha erst wie die Asketen meditiert und nichts gegessen hat. Zu ihrem Entsetzen hat er aber trotzdem irgendwann begonnen, normal zu essen und sich in seinem Körper wohl zu fühlen. Warum? Weil er zwar auch eine Loslösung vom irdischen Körper wollte, aber nicht unter Zwang und Qual. Man soll sich schon gut fühlen in seinem Körper, alles andere würde einen doch auch nur wieder an die Erde binden. Nur muss man eben Maß halten und nichts unbedingt brauchen. Aber in dieser Folge soll es jetzt auch nicht nur um den Buddhismus gehen.

Das Karma hat im Grunde drei Prinzipien: Kausalität, persönliche Verantwortbarkeit und ausgleichende Gerechtigkeit. Jede Handlung und selbst jeder Gedanke wirkt sich irgendwie auf die Seele aus und alle Menschen sind für ihre eigenen verantwortlich. Wenn man dann schließlich beurteilt wird, gibt es nichts, was man verstecken kann und kein Auge, was zugedrückt wird. Das Karma ist kein vergebender Gott, sondern ein ganz mechanisches Prinzip, das nichts durchgehen lässt. Und nochmal: Nicht, weil es das nicht wollen würde oder Rachegelüste hätte, sondern einfach nur, weil es so sein muss. Es ist eine Lehre, die im Grunde in einem Rutsch die gesamte Philosophie und Theologie der entsprechenden Glaubensgemeinschaft erklärt. Und wie gesagt, ist es in dem Kontext etwas ganz Anderes, als wenn wir in Europa einfach nur Teile davon nehmen. Es ist zum Beispiel auch gar nicht so üblich, wie wir es tun, von gutem oder schlechtem Karma zu reden. Klar, irgendwie gibt es das schon: Wie ich eben erklärt habe, wird man als ein höheres Wesen wiedergeboren, wenn man sich gut verhält. Aber anders als in den westlichen Religionen ist es hier gar nicht das Ziel, immer weiterzuleben. Nicht nur im Buddhismus, sondern auch in fast allen anderen Glaubensströmungen des Landes will man dem Ganzen entkommen. Das Ziel ist nicht das ewige Leben, sondern der ewige Frieden und das Entkommen aus dem Kreislauf. Man hat also gewissermaßen schon verloren, wenn das Karma überhaupt greift. Weiterhin ist es nur den Menschen vorbehalten, überhaupt dem Kreislauf zu entkommen, da man dafür ja die entsprechende Vernunft braucht, um zu erkennen, dass man sich nicht zu sehr an dieser Welt festkrallen darf. Tiere machen das einfach instinktiv. Darum ist es nicht angemessen für einen Menschen, einfach nur auf das gute Karma zu hoffen, um eventuell in einer noch besseren gesellschaftlichen Schicht geboren zu werden. Wünscht man sich das zu sehr, läuft man fast wieder Gefahr, die eigene Seele durch Gier zu korrumpieren und durchläuft wieder denselben Kreislauf. Gut, wobei das natürlich darauf ankommt, wie gläubig die entsprechenden Personen sind, das sollte ich vielleicht noch dazusagen.


Die Denkweise des indischen und europäischen Raums

Wieso aber ist jetzt diese Denkweise ausgerechnet so beliebt im europäischen Raum? Konzepte wie die Wiedergeburt oder das Stecken einer theoretisch menschlichen Seele in einem Tier sind doch Dinge, die viele Menschen hier nicht wirklich glauben können. Um das zu verstehen, wollen wir zuerst einmal schauen, wie unterschiedlich die grundsätzlichen Denkweisen tatsächlich sind. Auch hier besteht natürlich wieder die Gefahr, zu generalisieren, deshalb möchte ich gleich vorab sagen, dass ich hier von einer Gegenüberstellung der Karmalehre in allen Formen mit der europäischen Philosophie, wie sie traditionell aus dem alten Griechenland kommt, anstelle. Sehr allgemein zumindest. Was die westliche Philosophie vor allem ausmacht, ist das Denken in Gegensätzen. Man kann sie überall finden, zwischen gut und böse, Liebe und Hass, Krieg und Frieden. Was uns aber hier besonders interessieren soll und viel wesentlicher ist, ist der Gegensatz zwischen Rationalem und Irrationalem, der unsere Art, Wissenschaft zu betreiben, durchzieht. Je nachdem, wie klar man etwas geistig erkennen und belegen kann, rechnen wir dem eine andere Art des Wissens zu, dann eine spezifische Wissenschaft und geben dem mehr oder weniger Bedeutung. Nehmen wir zum Beispiel die große Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Die Naturwissenschaft wird in einem so hohen Grad der Beweisbarkeit angesehen, dass sie normalerweise bereits gemeint ist, wenn man nur „Wissenschaft“ sagt. Diesen Status haben die Geisteswissenschaften nicht und sind auch in sich noch einmal stark hierarchisiert. Die Juristik ist dabei eher oben und die Theologie eher unten. In dieser Unterteilung steckt, ganz abgesehen von der Gewichtung, auch eine Trennung zwischen Materie und Geist. Und daraus ergibt sich im Grunde unser ganzes Denken. Also, Materie ist all das, was wir anfassen können und um uns herum haben, während der Geist ein Konzept ist, das wir nicht fassen können und nur durch das Nachdenken bearbeiten. Daraus entspringen zum Beispiel philosophische Strömungen wie der Idealismus und Materialismus. Um euch das etwas näher zu bringen: Ein ethischer Materialismus würde aussagen, dass es moralische Regeln gibt, weil sich Menschen irgendwann darauf geeinigt haben, dass es so oder so mehr Sinn ergibt, zusammen zu leben. Dementsprechend wäre Moral nicht unbedingt objektiv, weil unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Schlüsse kommen können. Über diese Einigkeit hinaus gibt es aber nichts, woran man so wirklich festmachen könnte, dass etwas gut oder schlecht wäre. Vielleicht messbare Faktoren wie der zugefügte Schmerz oder die Schwere der Folgen. Der Idealismus würde dagegen sagen, dass es ein Ideal des Moralischen gibt, das nicht auf der Erde existiert, aber mit dem Geist wahrgenommen werden kann. Das ist objektiv, kann man über die rationale Überlegung herausfinden und sich danach richten. Oder nehmen wir, ganz klassisch, den Theismus und Atheismus. Gibt es eine Entität wie Gott, die man nicht sehen kann oder nicht? Man sieht also, dass es uns in jedem Fall, ob wir jetzt gläubig sind oder nicht, Geisteswissenschaftler*innen oder Naturwissenschaftler*innen, wichtig ist, das Rationale von dem Irrationalen zu trennen.

Im indischen Raum und Rahmen der Karmalehre ist das ganz anders. Man versteht hier schon auch das Konzept von Rationalem und Irrationalem, aber misst dem nicht so viel Bedeutung zu. Das fängt beim Glauben bereits an. Im europäischen Raum haben wir vor allem monotheistische Religionen, bei denen wir abstrakten Regeln folgen und dann darauf hoffen, nach dem Tod ein übernatürliches Dasein im Paradies zu pflegen. Das ist recht irrational. Nicht in dem Sinne, dass es unlogisch oder abwegig wäre, sondern eher ganz nüchtern betrachtet. An diesem Konzept ist nichts dran, was man beweisen oder mit eben rationalen Mitteln festmachen könnte. Es gibt zwar Gottesbeweise, die ich euch auch schon einmal vorgestellt habe, aber erstens sind auch die alle nicht komplett rational und außerdem beweisen sie nicht das alles, sondern vielleicht gerade einmal die Existenz von irgendeiner übergeordneten Entität. Im indischen Modell scheint es zunächst auch so zu sein. Es gibt irgendeine universelle Straf-Entität wie das Karma und einen Zyklus an Wiedergeburten, der wirklich etwas sehr weit gesponnen wirkt. Also, aus europäischen Augen betrachtet. Was aber interessant ist und eben das Fehlen dieser Unterscheidung im Indischen markiert, ist, dass diese irrationale Vorstellung in einem rationalen Rahmen eingebettet ist. Wie man zu der Erlösung kommt, ist ganz nüchtern und logisch aufgeschlüsselt: Da es um den Zustand der Seele geht, muss man die eben schützen, indem man sich gut verhält. Selbst die Frage, was gut und schlecht ist, ist hier deutlich einfacher zu beantworten. Tiere sind nur auf ihre basalen Instinkte fokussiert und halten sich eisern am Leben fest, also muss man da etwas anders machen, um nicht wie sie zu enden. Hier gibt es keine Gebete oder ein Hoffen auf die Gnade Gottes, denn es gibt keine Gnade. Das Karma ist kein Wesen, mit dem sich verhandeln lässt, sondern zieht sein Programm eisern durch. Nicht einmal die Existenz des Menschen ist so besonders. Es gibt eben alles in der Natur als zusammenhängende Masse und klar gibt es im Hinduistischen zum Beispiel auch einen Gott, der den Menschen zu verantworten hat. Aber er ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur einfach ein weiteres Wesen. Vor dem Hintergrund, dass alle an diesem Lebenskreislauf teilnehmen und normalerweise nicht entkommen können, weil ihnen das Leben doch einfach zu wichtig ist, sind alle gleich. Wenn man zum Buddhismus schaut, hat man diese rationale Grundlage sogar noch stärker, denn er war ja kein Gott, sondern ein Mönch. Und er hat einen sehr nachvollziehbaren Weg gefunden, wie man erlöst werden kann. Das Interessante hieran ist auch, dass man schon zu Lebzeiten dadurch glücklich wird, nicht erst nach dem Tod. Man sieht also richtig, wie die buddhistische Enthaltsamkeit wirkt, bevor sie dann später vor die Probe gestellt wird. Und das veranlasst uns Europäer*innen eben dazu, im Buddhismus und auch anderen Glaubensrichtung um die Karmalehre herum, mehr eine Philosophie als eine Religion zu sehen. In Zeiten, in denen der Atheismus im Westen immer mehr um sich greift und selbst die Gläubigen nach einer festeren Stütze suchen, kommt eine solche philosophische Religion quasi wie gerufen.

Aber dabei ist die Karmalehre gar nicht so rational, sondern schlägt nur einfach wie selbstverständlich eine Brücke zwischen dem Rationalen und Irrationalen. Das Konzept der Wiedergeburt nimmt viele Dinge an wie die Unsterblichkeit der Seele, eine gewisse Konstanz in der Menge an Lebewesen an der Erde und auch quasi ein objektives Moralsystem, was aber alles nicht hinterfragt, sondern angenommen wird. Überhaupt ist es eine sehr europäische Vorgehensweise, hier jeden Stein umzudrehen und alles als Irrational hinzustellen, was man nicht beweisen kann. Da bereits die ganze Welt verwandt ist und am Ende alles zusammenfließt, warum würde man zwischen rational und irrational, Körper und Geist so sehr abgrenzen? Generell ist das Konzept der Abgrenzungen in einer Welt komisch, in der alles miteinander zusammenhängt. Während wir aber im Westen die indischen Religionen aufgrund ihrer rationalen Basis ansprechend finden mögen, so stoßen uns die tatsächlichen Philosophien eher ab, weil sie wiederum in einen für uns zu irrationalen Bereich gehen. Wenn man wirklich danach sucht, die Karmalehre oder Existenz der Wiedergeburten zu beweisen, bzw. Hinweise darauf zu finden, geht das nicht über den rationalen Geist. In den entsprechenden Kulturkreisen ist es daher oft üblich, über diese Fragen zu meditieren, wie Buddha es getan hat. Über etwas zu meditieren, heißt aber nicht, wie bei Descartes´ Meditationen, einfach lange darüber nachzudenken. Beim eigentlichen Meditieren strebt man einen Zustand an, der sich über dem Sein befindet, um das Gefühl des Karmas zu erlangen. Es ist weniger auf Denkmuster und mehr auf Wahrnehmungen zentriert. Auch das ist ja bei westlichen Religionen anders, wo man zwar auch beten kann, aber die meiste Erkenntnis immernoch aus Schriften wie der Bibel oder dem Koran zieht. Und auch da steht mehr oder weniger deutlich drin, was Sache ist und man zu tun hat. Durch dieses meditative Fühlen haben es Religionen wie der Buddhismus und Hinduismus in der Folge aber auch einfacher, diese Brücke zwischen Rationalem und Irrationalem zu erklären. Überhaupt ist das ein Denken, das nicht nur auf das Karma, sondern die gesamte indische Wissenschaftskonzeption Einfluss hat. Klar, durch verschiedene Einflüsse der restlichen Welt sind die Wissenschaften inzwischen alle recht ähnlich aufgebaut und es kommen ja auch sehr viele Absolvent*innen aus Indien. Aber traditionell gehören Kunst, Religion und Wissenschaft zusammen, weil sie ähnliche Gegenstände bedienen. Ebenso ist ja wie gesagt auch nicht so viel Wert auf den Unterschied zwischen verschiedenen Lebewesen gelegt oder den Besitz. Man ist bei solchen Ausführungen vielleicht dazu verleitet, zu denken, dass diese Denkweise einfach allgemein weniger ausgebaut und detailliert wäre als die europäische Philosophie. Und da kamen auch so einige Texte dazu von westlichen Philosoph*innen. Aber das verkennt einfach das Wesen der Karmalehre, die einen ganz anderen Fokus hat. Wie gesagt, bringt es nichts, groß irgendwelche Bereiche zu differenzieren, wenn alles am Ende zusammengehört.

Die Karmalehre ist auch ein Grundsatz, der über die Geschichte hinweg sehr gleich geblieben ist. Das ist ziemlich beeindruckend, da die Ausrichtung der europäischen Philosophie im Lauf der Jahrhunderte viele Wandel durchgemacht hat. Wenn auch deutliche Spuren vom antiken Griechenland immer geblieben sind. Es gab sicher auch Zeiten, wo niemand der Karmalehre besondere Beachtung geschenkt hat, weil der Monotheismus einfach noch sehr stark verankert war. Aber wie man sieht, ist das ja inzwischen nicht mehr so. Was man auch auf jeden Fall direkt getan hätte, wäre, die Gerechtigkeit des Karmas zu hinterfragen. Etwas, das den Vertreter*innen der Karmalehre nie einfallen würde. Aber selbst bei unserem Gott gibt es viele Texte darüber, inwiefern sich seine Strafen rechtfertigen lassen und inwiefern er gerecht ist. Nun, man muss zugeben, dass diese Texte alle darauf abzielen, ihn in einem guten Licht darzustellen. Aber zumindest gibt es Untersuchungen dazu. Man muss auch sagen, dass diese Eigenart der indischen Denkweise nicht nur positive Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Ein System, in dem alle glauben, dass eine Person, die ein schlechtes Leben führt, nur einfach Fehler in ihrem letzten Leben gemacht hat und es beim nächsten Mal besser macht, hat auch seine negativen Folgen. Die Karmalehre sickert ja sogar in soziale Konventionen und das Strafrecht, während die Philosophie hier erstmal nur Philosophie ist. Aber um die indische Gesellschaft soll es hier wie gesagt nicht gehen. Nur, um das nicht ungesagt zu lassen. Auch muss man sich als Unterstützer*in der Karmalehre überlegen, ob man tatsächlich bei allem mitgehen will, was der Glaube mit sich bringt. Wie ich schon gesagt habe, ist das indische Bild des Paradieses sehr anders als das europäische. Wahrscheinlich wäre man hier sogar dazu geneigt, den Kreislauf der ewigen Wiedergeburt einzugehen, weil die Vorstellung, sich selbst und alles was man hat, zu verlieren, einem gruselig vorkommt. Klar, im Paradies hätte man auch nicht mehr sein Geld oder Besitztümer, aber man wäre noch man selbst und würde seine Freunde und Familie treffen. Aber die Idee des Nirvana ist es ja gerade, nicht mehr zu sein oder irgendetwas zu tun, sondern im Frieden zu sein. Ist das tatsächlich eine Idee, die allen so sehr zusagt? Nun, Geschmackssache wahrscheinlich. In jedem Fall sind das aber alles einmal sehr wesentliche Unterschiede zu der europäischen Art, zu denken. Und jetzt sieht man auch, warum es erfrischend sein kann, einmal etwas aus einem anderen Glaubenshintergrund herauszunehmen. Nur muss man dabei eben immer bedenken: Karma ohne Wiedergeburt ist kein Karma mehr, sondern ein westliche Erfindung.


Fazit

So, was haben wir jetzt alles über das Karma gelernt? Ich habe diese Folge mit der Feststellung begonnen, dass die Karmalehre in der westlichen Welt in diesem Jahrhundert erstaunlich beliebt geworden ist. So sehr, dass eigentlich alle, die man so trifft, spontan irgendetwas mit diesem Begriff anfangen könnten. Und das ist schon krass, oder? Mir würden zumindest nicht viele philosophische, bzw. religiöse Konzepte aus anderen Ländern einfallen, bei denen das so wäre. Dabei wird die Karmalehre aber nicht in ihrer Gesamtheit übernommen, sondern nur spezifische Aspekte herausgepickt, und in den Rahmen der monotheistischen Glaubenssätze hereingebracht. Zugegeben, ist das auch eine interessante Fusion, die sich zu untersuchen lohnt. Vor allem aber verliert das Karma dadurch den Sinn seines Daseins. Es ist kein moralisches Vergeltungssystem, das wie ein Gott über allen Menschen wacht und den Bösen Schlechtes zuteilwerden lässt und die Guten belohnt. Dem Karma selbst ist es erst einmal egal, wer gut und böse ist, denn es ist ein Ordnungssystem des Universums, kein eigenes Wesen. Dementsprechend haben diese Maßnahmen nicht so viel mit der Vergeltung in unserem Sinne zu tun und viel mehr mit einer natürlichen Konsequenz und dem Ausgleich. Eine Seele, die durch schlechtes Verhalten geschädigt wurde, ist nicht mehr passend für einen menschlichen Körper, so einfach ist das. Trotzdem wird sie nicht einfach wie in den griechischen Sagen durch eine spontane Intervention aus dem Leib des Menschen gerissen, sondern nach seinem Tod beurteilt. Dabei ist es natürlich gut, als gute Seele in einer guten gesellschaftlichen Lage wiedergeboren zu werden, aber der eigentliche Segen ist es, gar nicht mehr geboren zu werden. Wenn wir also von dem guten Karma reden oder einer „Karmakasse“, reden wir eigentlich an dem Sinn des Ganzen vorbei. Die Erlösung im Nirvana kommt, wenn man eben nicht mehr durch das Karmasystem gehen muss, sondern als Seele in das Nichts entlassen wird, weil man von der Welt losgelassen hat.

Also eigentlich ist das alles sehr anders, als man es im Europäischen kennt, aber trotzdem oder vielleicht sogar gerade deshalb sehr ansprechend in den modernen Zeiten. Unsere Wissenschaften laufen gut, aber die Religion steckt seit Nietzsche in einer tiefen Krise. Das extrem empiristische Denken der letzten Jahrhunderte verlangt immer mehr nach Beweisen, rationalen Herangehensweisen an den Glauben. Eigentlich ein komischer Gedanke, weil Religionen gerade dafür da sind, nicht diesen naturwissenschaftlichen Weg zu gehen. Auch dazu gibt es die ein oder andere Folge von mir. Aber da ist ein Glaubenssatz wie die Karmalehre sehr willkommen, die sehr nachvollziehbar mit Argumenten erklärt, warum man sich so oder so verhalten sollte und wie alles vergolten wird. Und klar, wenn ihr die mögt, könnt ihr gern an sie glauben, ganz klar. Aber man sollte sich immer vor Augen halt, dass die Karmalehre mehr ist als einfach nur Bestrafung für schlechtes Handeln. Alle dürfen glauben, was sie wollen, aber im Original müsste man als Anhänger*in sowohl Wiedergeburt als auch das Nirvana akzpetieren, wenn man diesen Glauben annehmen will.

So, und das war es schon wieder mit meiner Folge. Ich hoffe, sie hat euch gefallen! Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, einmal wieder zu ganz anderen Philosophien zu recherchieren, als wir sie hier kennen. Verzeiht mir auch bitte, wenn es kleinere Ungenauigkeiten geben sollte, in dieser Ecke bin ich normalerweise nicht unterwegs. Naja gut, kommentiert jedenfalls gern unter dieser Folge und gebt ihr eine gute Bewertung. Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree. 

Also, das war´s dann – einen schönen Tag wünsche ich euch!


Quellen:

„Karma und Wiedergeburt im indischen Denken“ - Wilhelm Halbfass

„Vergleich der Antithesen europäischen und indischen Denkens. Zur Prüfung einer möglichen Analogie“ - Dr. Betty Heimann


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