#57 Wer waren die Kyniker?

Zusammenfassung

Habt ihr schon einmal von den Kynikern gehört? Wahrscheinlich nicht. Ich muss zugeben, dass ich die philosophische Strömung selbst für sehr viel bekannter gehalten habe, aber immer, wenn ich Leuten von meiner aktuellen Folge erzählt habe, habe ich fragende Blicke bekommen. Aber vielleicht seid ihr mit diesem Begriff vertraut: „Zyniker“. Ja, dieses Wort hat tatsächlich bei den alten Philosophen des antiken Griechenlands seinen Ursprung, auch wenn es das damals noch nicht gab. So, und jetzt noch ein Name, den ihr sicher kennt: Diogenes. Er war der berühmte Philosoph im Fass, der die Kyniker im alten Griechenland bekannt gemacht hat. Er hat auf der Straße geschlafen, hatte keinen Besitz, hat die Leute beschimpft und das Leben und die Philosophie der Athener*innen verachtet. Was hat sein Lebensstil und die philosophische Ausrichtung mit dem Zynischen und schließlich sogar der Existenzialphilosophie zu tun?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     

Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Wisst ihr, was ich schon lange nicht mehr gemacht habe? Euch von einer antiken griechischen Strömung erzählt! Das ist tatsächlich inzwischen auch gar nicht mehr so einfach, weil ich das schon so oft getan habe. Wir haben in diesem Podcast schon oft über Sokrates und Platon geredet und die wichtigsten hellenistischen Schulen: Die Skeptiker, Stoiker und Epikureer. Also, die hellenistische Zeit beginnt ungefähr ab Aristoteles und ist eben unter anderem durch diese großen philosophischen Akademien gezeichnet. Es sind drei Strömungen, die sehr unterschiedlich sind, aber am Ende alle auf eine Frage eine Antwort suchen: Wie lebt es sich besonders gut? Das war allgemein in der Antike die wichtigste Frage der Philosophie, nicht so sehr der Sinn des Lebens, wie heute. Im Übrigen finde ich auch, dass das deutlich relevanter ist. Jedenfalls gibt es da verschiedene Arten, heranzugehen. Epikur hat zum Beispiel immer gesagt, dass man sein Leben mit möglichst vielen Episoden der höchsten Lust füllen soll. Damit meinte er aber keine basalen Befriedigungen, wie ihm Leute oft nachgesagt haben, sondern die seelischen Freuden, die für ihn größer als alles andere waren. Epikur war kein Hedonist, sondern hat gesagt, dass man Zeit mit Freunden verbringen und philosophieren sollte. Wenn man damit sein Leben füllen und unterhalten kann, so sei es ein gutes Leben. Bei den Stoikern hieß es, man dürfe nicht zu viel vom Leben erwarten und versuchen, alles zu kontrollieren. Der Mensch ist ein begrenztes Wesen und das Meiste, wie Naturereignisse, liegt außerhalb unserer Macht. Man soll sich also am besten ganz nach innen kehren, auf sich selbst schauen und das kontrollieren, was nur einem gehört: Man selbst. Außerdem sollte man rational sein und sich nicht spontanen Emotionen hinreißen lassen, denn die machen einen nur unglücklich. Nur, wenn man rational über das Leben reflektiert und sich verhält, findet man heraus, was einen glücklich macht und kann daran arbeiten, ein guter Mensch zu werden. Die Skeptiker bringen ein bisschen eine andere Note herein, indem sie sagen, dass man sich bei dem Ganzen gar nicht so sicher sein kann, dass es überhaupt der Wahrheit entspricht. Woher würde man überhaupt wissen, was einen glücklich macht? Und woran merkt man, wenn man es gefunden hat? Die Philosophie trifft zu viele Annahmen, die sie nicht begründen kann. Deshalb sollte man sich der Urteile enthalten, nicht zu viel nachdenken und ein einfaches Leben leben.

Was macht man nun, wenn man das alles durchdacht hat und feststellt, dass diese Wege alle nicht zum Glück führen? Mit Freunden herumzusitzen und zu philosophieren ist ja ganz nett, aber dafür braucht es erstens keine Theorie und zweitens ist das auch nicht alles. Sich nur auf sich selbst zu konzentrieren und keine Leidenschaften zuzulassen, wirkt auch eher wie Selbstgeißelung als ein Weg zum Glück. Und die Skeptiker*innen tun so, als hätten sie mit ihrem Zweifel die Antwort gefunden, wissen aber auch nichts weiter zu sagen, als alles zu hinterfragen, ohne das überhaupt zu legitimieren. Als Kyniker kehrt man diesen ganzen Überlegungen den Rücken zu und schaut einfach nur darauf, worauf man gerade Lust hat. Es wird in völliger Enthaltsamkeit gelebt, da die ganzen Güter und das scheinbare Wissen ohnehin nicht glücklich machen. Ich möchte daher heute mit euch über diese antike Philosophie reden, aber auch die Verbreitung ihres Denkens und Interpretationen. Die Kyniker haben nämlich etwas anders angefangen, als es hier vielleicht wirkt und auch das spätere Wort „Zyniker“ vermuten lassen würde. Das kommt nämlich von denen. Die Kyniker haben zunächst gar nicht so sehr gegen andere philosophische Ausrichtungen gewettert, sondern einfach nur in der Enthaltsamkeit einen weiteren Weg zum Glück gesehen. Ihr Name kommt ganz einfach von der Akademie, in der sie unterrichtet haben, der „Kynosarges“. Das bedeutet so viel wie „Da, wo die Hunde unten warten“. Hier wollen wir einmal ansetzen und uns die antiken Kyniker genauer anschauen.


Die Geschichte der Kyniker

Die Geschichte der Kyniker beginnt bei deren Begründer, Antisthenes, der zu Zeiten des Sokrates und Platon gelebt hat. Genau kann man das immer nicht sagen, aber er soll wohl 20 Jahre älter als Sokrates gewesen sein. Er soll auch eine gewisse zynische Art bereits besessen haben, auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab. Er meinte über die Athener oft, besonders die akademischen, dass sie auch nicht höher seien als Schnecken und Heuschrecken. In diesem Sinne war er sehr begeistert von Sokrates´ Philosophie, da er allen Menschen genau aufzeigte, dass sie eigentlich nichts wissen. Für Antisthenes war das einzige, was man zum Leben braucht, der Verstand. Allen, die sich mehr vom Leben versprechen wollten, Wissen vorgaben oder sich Sorgen um weltliche Dinge machten, zeigt er sehr deutlich auf, was er davon hielt. So soll es einen Priester gegeben haben, der an ihn herangetreten sein soll, um ihm zu sagen, dass er sich seiner Religion anschließen soll, da dann im Himmel unbeschreibliche Preise auf ihn warten würden. Antisthenes war davon wenig beeindruckt und fragte zurück, warum er dann nicht einfach selbst starb, wenn es doch so toll im Himmel sein sollte. Woher weiß dieser Priester, wovon er redet, wenn er selbst diese Preise als unbeschreiblich bezeichnet? Antisthenes schrieb auch nie etwas auf und verachtete alle, die es taten. Wenn er davon hörte, dass jemand seine Aufschriebe verloren hatte und jetzt nicht mehr wisse, was darinstand, sagte er, er hätte seine Seele nicht dem Papier anvertrauen sollen. Oft zürnte er, man würde immer alles aufschreiben, aber es wisse trotzdem niemand, was gut und schlecht sei. Platon mochte er auch nicht und nannte ihn aufgeblasen und anmaßend, da er viel zu viel von sich selbst und seiner Philosophie halte. Es kam einst ein Jüngling auf ihn zu und beichtete ihm, dass er um sein Äußeres besorgt sei und das Bild, das er in der Gesellschaft abgebe. Antisthenes meinte, womit sich das Kupfer rühmen würde, wenn es eine Stimme bekäme. „Mit seiner Schönheit“, war die Antwort. Daraufhin rief der Philosoph aus: „Schämst du dich nicht, dass du dich wie ein seelenloses Objekt verhältst?“ Antisthenes selbst fuhr eine harte Linie mit seinem Lebensstil und behauptete stets, der Weise sei sich selbst genug und es würde sonst nichts brauchen. Daher trug er oft nichts weiter als einen schmutzigen Mantel mit einem Stock und einem Beutel. Zu seinen Schülern, von denen es nicht viele gab, war er streng und brachte sie dazu, ähnlich zu leben wie er. Die Idee dahinter war, dass in der Enthaltsamkeit das Glück stecke und die ganzen aufgeblasenen Philosophen Athens mit ihren Theorien selbst nicht glücklicher wären.

Wofür Antisthenes aber vor allem bekannt wurde, war, der Lehrer des Diogenes von Sinope gewesen zu sein. Diogenes ist der bekannteste Kyniker, womöglich sogar einer der bekanntesten Philosophen. Ihn werde ich euch noch vorstellen und euch dann erklären, was ich damit meine, dass die Kyniker ein gewisses Erbe haben, das sich aber bei ihnen noch nicht komplett abzeichnet. Diogenes kam aus einer schwierigen Kindheit heraus nach Athen und fand in Antisthenes seinen Mentor. Den kynischen Lebensstil nahm er schnell an, hatte so gut wie keinen Besitz und lebte in einem Fass, für das er bekannt geworden ist. Diogenes hatte außerdem sogar noch eine schärfere Zunge als sein Lehrer. Ich habe ein paar Anekdoten und Sprüche für euch gesammelt, die zumindest der Überlieferung nach von ihm gekommen sein sollen. Als er eine prachtvolle Säulenhalle des Zeus in Athen erblickt hat, soll er daraufgezeigt und gesagt haben, dass ihm die lieben Athener*innen ein schönes Haus gebaut hätten. Daraufhin ließ er sich darin nieder und schlief dort für eine Weile. Er selbst weigerte sich dabei prinzipiell, den Göttern zu opfern. Bei der Schule des Euklid müsse er würgen, die olympischen Wettkämpfe wären für Narren und die Herrscher eigentlich Diener. Für das rechte Leben, meinte Diogenes, brauche man entweder den Verstand, um es gut zu führen oder den Strick, bevor man nur unsinniges Zeug machte. Wenn er zu Festmahlen geladen war, langte er kräftig zu und stopfte sich voll, dass die Leute sich wunderten. Die umherstehenden Sklaven fragte er, warum sie ihren Herren nicht das Essen wegnahmen und war auch, als er selbst einer werden sollte, aufsässig. So sollte Diogenes zu einer gewissen Zeit als Kriegsgefangener verkauft werden und wurde gefragt, was er denn könne. „Herrschen kann ich“, rief er daraufhin aus und wandte sich an die Menge, „Jemand Interesse an einem Herrscher?“ Xeniades war es schließlich, der ihn tatsächlich bei sich aufnahm und dessen Kinder er in den kynischen Wegen unterrichtete. Mehr jedoch in den Weisheiten und weniger dem Lebensstil. Als Diogenes einmal über einen Marktplatz ging, soll er gerufen haben, alle Menschen sollten herbeikommen und sich versammeln. Kaum kamen sie aber alle angelaufen, meinte er, er hätte nach Menschen und nicht nach Schmutz gefragt und ging davon. Legendär geworden ist auch die Geschichte von Alexander dem Großen, der bei seinem Eroberungszug durch Athen ging und Diogenes am Boden sitzend erblickte. Er begrüßte ihn mit „Ich bin Alexander der Große“, worauf der Philosoph antwortete „Ich bin Diogenes, der Hund“. Beeindruckt von seinem enthaltsamen Lebensstil soll Alexander ihm dann gesagt haben, er hätte einen Wunsch frei. Aber Diogenes sagte nur, er solle ihm ein bisschen aus der Sonne gehen. Davon sogar noch mehr angetan, soll der Eroberer in den weiteren Jahren öfter gesagt haben: „Wenn ich nicht Alexander wäre, so wollte ich Diogenes sein!“

Dieser Spitzname des Hundes wurde Diogenes irgendwann gegeben und er hat ihn nicht nur zugelassen, sondern sogar selbst verwendet. Erinnert ihr euch noch an den Namen der kynischen Akademie? „Da, wo die Hunde unten warten“. Nun, „kynós“ ist nämlich auf Altgriechisch „der Hund“ und da Diogenes ein bisschen wie einer lebte, nannten ihn alle so. Er soll oft barfuß im Schnee gelaufen sein und versucht haben, rohes Fleisch zu essen. Den Athenern zeigte er den Mittelfinger und meinte, es sei der Herrscher Athens. Die wirklich wichtigen Dinge fand er lächerlich billig, während man für die größten Belanglosigkeiten horrende Preise verlangen würde. Seine eigene Enthaltsamkeit trieb er auf die Spitze, sodass er sogar seine Trinkschale und Schüssel wegwarf, als er ein Kind an einer Quelle aus der Hand trinken und danach Kichererbsen essen sah. Dass er von der aktuellen Philosophie nichts hielt, haben wir schon gesagt. Wenn behauptet wurde, dass es keine Bewegung gäbe, ging er demonstrativ herum, ging es um die Dinge des Himmels, fragte er, ob man denn vom Himmel hergekommen sei. Einmal hielt Platon in seiner Akademie einen Vortrag und sagte, der Mensch sei ein federloses, zweibeiniges Wesen. Daraufhin beschaffte sich Diogenes ein Huhn, rupfte es, brauchte es in die Akademie und rief aus, er hätte einen platonischen Menschen gefunden. Als er durch ein Dorf mit fetten Schafen und armen Leuten ging, meinte er, hier würde es sich mehr lohnen, Schaf zu sein. Wenn ihm Menschen sagten, sie hätten Angst vor ihren Träumen, fragte er sie, warum sie nicht auch Angst vor dem Wachsein hätten. Die Götter hätten ihnen ein schönes Leben geschenkt, aber die Leute hätten es wieder verschlechtert. Einmal wurde ihm ein Knochen hingeworfen, als Anspielung auf seinen Spitznamen. Statt einer Antwort öffnete dieser nur die Hose und urinierte seinen Angreifer an. Er erblickte einmal eine kleine Stadt mit großem Tor und rief den Wachen zu, sie sollten lieber schnell dichtmachen, bevor ihnen die Bevölkerung abhaute. Einmal redete er mit einem starken Mann und fragte ihn nach einem Gefallen, woraufhin dieser antwortete: „Wenn du mich überzeugen kannst.“ Diogenes erwiderte, dass, wenn er ihn zu allem überreden könnte, ihm befehlen würde, sich zu erhängen. Wenn die Athener*innen Opfergaben brachten, um einen Sohn zu bekommen, merkte er an, dass sie nicht dafür opferten, was aus ihm werden sollte. Trotz allem war Diogenes aber ungemein beliebt bei den Bewohner*innen der Stadt. Er gehörte einfach dazu. So kam es zum Beispiel, dass einer, der ihm sein Fass kaputtgemacht hatte, bestraft wurde und veranlasst, dass der Philosoph ein neues bekäme. Auch soll er mit seinem enthaltsamen Lebensstil ungemein alt geworden sein und die 90 Jahre erreicht haben. Gestorben sei er an schlechtem Essen oder daran, die Luft angehalten zu haben.


Der Zynismus

Diogenes war einer der ersten und letzten richtigen Kyniker, es war wirklich nur eine sehr kurze Phase. Auch sind die, die nach ihm kamen, kaum nennenswert, da er eigentlich schon den Kern des Kynismus mit seiner Lebensweise getroffen hat. Die philosophische Theorie an sich dagegen war nicht ausgereift genug, um für sich selbst zu stehen. Die Weigerung, irgendwelche Erkenntnisse zu verschriftlichen, hat es schwieriger gemacht, den Kynismus zu konservieren und er war auch zu nah an anderen philosophischen Strömungen. Diese vollständige Ausrichtung auf das eigene Glück und den guten Tag erinnert stark an Epikur, während der starke Bezug auf die Vernunft und das Rationale eigentlich etwas Stoisches ist. Auch hat der Kynismus skeptische Züge, weil er das Wissen der anderen philosophischen Akademien gezielt anzweifelt. Es war für alle eindeutig, dass diese Philosophen anders waren, es war aber nicht klar, was der Kynismus eigentlich sein wollte. Das Bezeichnende an Diogenes war in jedem Fall nicht die Philosophie, denn es ging ihm gar nicht wirklich darum, Dinge zu hinterfragen und danach zu suchen, was die Wahrheit ist. Nein, denn er schien ja bereits alle Antworten zu haben und sein bestes Leben zu leben. Diogenes hatte bereits zu Beginn seiner Bekanntheit festgelegt, dass einen das normale Leben auf keinem Weg glücklich mache und hat sich eher damit beschäftigt, wie es sich mit dieser Erkenntnis lebt. Seine Reaktion darauf war, einfach alles zu tun, was er wollte und über die anderen Menschen zu spotten. Daraufhin wurde der Begriff des Zynischen nachhaltig geprägt. Im 18. Jahrhundert war der*die Zyniker*in eine Person, die gesellschaftliche Konventionen missachtet. Das ist jetzt natürlich nicht direkt eine philosophische Strömung und es gibt auch keinen „Zynismus“, wenn man nicht gerade über den Kynismus spricht und den Namen modernisiert wiedergibt. Wie ihr aber wisst, kann man aus allem eine Philosophie drehen und ganz besonders aus der Lebensweise des Diogenes. Wie schon gesagt, wird hier nach einer anderen Form von Antwort gesucht, denn wir nehmen die Suche nach dem objektiven Glück schon als gescheitert an. Die Frage ist also weniger, wie man gut leben und sich verhalten soll, sondern eher, was man auf einer Welt tut, in der alle sich merkwürdig verhalten und einem Phantom hinterherjagen, das es eigentlich nicht gibt. Eine moderne philosophische Ausrichtung, die sich genau mit solchen Fragen beschäftigt, ist der Existenzialismus. Ich habe ja schon sehr oft Jean-Paul Sartre zitiert und keine Sorge, diesmal verschone ich euch. Aber er ist eine sehr zentrale Figur in dieser Philosophie, die sich mit dem Platz des Menschen auf der Welt und dem Sinn beschäftigt. Das ist deshalb mehr oder weniger modern, da solche Erklärungen bisher von der Theologie kamen. Ob die antiken griechischen Götter oder der eine Gott, aus welcher Religion er auch immer kommen mag, in der westlichen Philosophie gab es bis zum 19. Jahrhundert keinen Zweifel daran, warum wir auf der Erde sind und was wir tun wollen. Aber mit Philosophen wie Nietzsche, die von dem Tod Gottes redeten, wurde deutlich, dass wir eine neue Erklärung für den Sinn des Lebens brauchten.

In einem gewissen Sinne waren die Existenzialisten große Zyniker, weil sie ganz offen sagten, dass das Leben keinen Sinn hätte und danach nichts auf einen wartet. Die große Aufgabe, das Ziel des Lebens, wurde also schon als Lüge entlarvt und jetzt stellt sich die Frage, was wir sonst damit anfangen. Genau das spiegelt eben Diogenes wieder: Die Philosophien und Glückstheorien sind gescheitert, also sucht jetzt jeder nach seinem eigenen Glück. Das ist eine Art von Erkenntnis, die auch damals schon zu großer Freiheit geführt hat. Wenn Diogenes weiß, dass man sowieso nicht glücklich wird, muss er sich nicht so sehr anstrengen wie die anderen Athener, sich einen Job suchen oder versuchen, einen guten Eindruck auf andere Menschen zu machen. Ähnlich nimmt einem das Wissen über die Sinnlosigkeit des Lebens gewissermaßen die Angst vor dem Tod oder zumindest, den argen Stress, auf die richtige Weise zu leben. Aber schauen wir uns doch einmal einen modernen Kyniker, also einen Existenzialisten, an.


Die Absurdität des Lebens

Ein Name, der bei der Existenzialphilosophie auch überall auftaucht, ist der von Albert Camus. Er sieht das einzig relevante philosophische Problem im Selbstmord. Weil jedes menschliche Handeln von der Frage nach dem Leben oder dem Tod geprägt ist. Alle anderen philosophischen Fragen sind bloß Spielerei, die innerhalb dieses Rahmens bestimmte Gebiete abstecken. Der Sinn des Lebens, auch wenn man ihn nicht kennt, steckt zumindest schon einmal im Leben selbst, weil man alles daran setzt, es zu erhalten. Selbst der berühmte Astronom Galileo Galilei leugnete seine Kenntnisse, als sie sein Leben gefährdeten. Am Ende ist es vor dem Hintergrund des eigenen Überlebens wohl doch nicht so wichtig, ob die Sonne um die Erde kreist oder nicht. Warum sollte man sich also umbringen wollen? Viele Menschen, die sterben wollen, tun das, weil sie das Leben nicht mehr für lebenswert halten. Da spielen oft gewisse Prinzipien oder Dinge eine Rolle, die einen Grund für das Leben bedeutet haben, aber dann verloren gegangen sind. Sei es eine Person oder eine gewisse politische oder soziale Vorstellung. Es muss aber gar nicht sein, dass irgendetwas verloren gegangen ist, denn in einigen Fällen ist das Problem eher, dass nie etwas da war. Und damit kommen wir wieder zum Sinn des Lebens. Es ist eine Frage, die tendenziell weggeschoben wird, weil sie einem unangenehm ist und keine befriedigende Lösung hat. Beziehungsweise hat sie laut Camus eine sehr offensichtliche Lösung, die die Menschen aber nicht hören wollen. Das Leben ist sinnlos, also sind alle unsere Bemühungen, ein sinnhaftes Leben zu führen, zwecklos, demnach ist das Leben zwecklos, demnach können wir es genauso gut beenden. Wenn man zu viel über das Leben nachdenkt, verliert man den Bezug dazu und erfährt dieses gruselige Gefühl, außerhalb von sich selbst zu existieren und sich anzuschauen. Es ist wie ein Wurm, der bei uns allen im Kopf sitzt und nicht zu sehr gefüttert werden darf. Das Leben ist immer hart und es mag viele andere Anlässe geben, sich umzubringen, aber selbst eine harte Welt ist erklärbar und damit vertraut und tröstlich.

So ist es aber eben nicht. Das Leben ist nicht logisch und erklärbar, sondern absurd. Unsere ganze Existenz ergibt überhaupt keinen Sinn und entbehrt jeglicher Logik. Jeglicher Logik, die in jedem Fall von uns kommt, was alles noch viel bizarrer macht. Es gibt niemanden auf dieser Welt außer uns, der sich darüber Gedanken machen kann und gleichzeitig sind wir die Einzigen, die darunter leiden. Wir wollen glücklich sein und reden von einem einfachen Leben, aber wissen eigentlich überhaupt gar nicht, was wir tun. Man braucht hunderte von Wissenschaften, um die menschliche Welt überhaupt erst zu erklären, und zwar in menschlichen Begriffen für menschliche Zuhörer*innen. Und dann wollen wir Fortschritt erreichen und glücklicher werden, obwohl wir eher Dinge erfinden, die einfach nur mehr Aufmerksamkeit und Zeit verlangen. Und auch hier schaffen wir Dinge von Menschen für Menschen, die Probleme lösen sollen, die über den Menschen stehen. Ihr merkt schon, wir treten hier immer weiter aus unserer Existenz heraus, beschauen das Leben von außen und merken, dass es Absurd ist. Das ist kein schönes Gefühl. Das eigene Leben, die eigene Existenz ist so ein intimes Thema, dass nicht einmal die Sexualität darüber kommt. Überfordert und deprimiert von der Sinnlosigkeit tun wir einfach so, als hätten wir sie nie gesehen oder wahrgenommen und leben unser Leben nach gewissen Regeln weiter. Während wir die Wahrheit über alles in der Welt herausfinden wollen, verleugnen wir die alles umfassende Wahrheit, die wir bereits kennen. Also, Selbstmord? Trotz allem sagt Camus nein. Wobei, „trotz allem“? Trotz was genau? Denn warum folgt denn aus einem absurden Leben, dass man es beenden muss? Der Maßstab, der das Absurde nicht lebenswert machen würde, kommt doch auch von uns – aber unser Leben ist absurd! Dementsprechend ist der Selbstmord doch sogar noch eine komischere Lösung für dieses Problem. Ein Haufen an Wesen, die auf die Welt kommen, dann erkennen, dass sie keinen Sinn haben, was ja auch schon wieder ein menschliches Konzept ist, und sich dann selbst umbringen? Die Realität ist doch, dass das für uns alle nichts Neues ist. Klar, man kann dies und jenes glauben, aber wer meint wirklich, dass er mit 100%er Sicherheit wisse, dass es nicht so ist? Und trotzdem leben wir alle weiter. Jeder Mensch versucht, das zu tun, was er für richtig hält und ihm angenehm ist, in diesem absurden Rahmen. Die Leute, die sich tatsächlich umbringen, tun das eher, weil ihnen ein großes Lebensglück abhandengekommen ist, nicht aus einer philosophischen Überlegung des Lebenssinns heraus. Niemand aus der langen Reihe an Philosoph*innen, der*die jemals darauf gekommen ist, dass das Leben sinnlos ist, hat sich danach umgebracht. Unser Überlebenstrieb bindet uns einfach zu sehr an dieses Leben, auch wenn es absurd ist und unserem rationalen Geist widerspricht. Nur, weil das Leben absurd ist, heißt das nicht, dass es sich nicht lohnt.


Der Mythos des Sisyphos

Ich werde euch das in der Zusammenfassung gleich noch erklären, aber es gibt noch eine kleine Geschichte, an der man sehen kann, was Camus genau mit seinem absurden, aber lohnenswerten Leben meint. Kennt ihr die Sage des Sisyphos aus dem antiken Griechenland? Sisyphos war der Weiseste und Klügste unter den Griechen, aber auch ein Räuber. Jedoch nur bei den Göttern, nicht so sehr bei den Menschen, denen er sich mehr verpflichtet fühlte. Wie wir aber schon seit Prometheus wissen, tut es niemandem gut, wenn er sich schützend zwischen seine Mitmenschen und die Götter stellt. Sisyphos hat es verstanden, die Götter gegeneinander auszuspielen und ihre Geheimnisse preiszugeben, damit er den größten Vorteil herausholen konnte. Da immer irgendjemand auch auf seiner Seite war, war es zu seinen Lebzeiten überaus schwer, ihn zu fassen. Zeus entführte einmal von jemandem die Tochter und Sisyphos bekam davon mit. Im Austausch für mehr Wasserreserven in Korinth verriet er das Geheimnis schließlich dem Vater. Den Tod selbst soll er in Ketten gelegt und noch über sein eigenes Sterben hinaus soll er seine Spiele mit den Göttern betrieben haben. Als seine Zeit kam, sagte er Hades, er wolle zuerst noch die Treue seiner Frau erproben. Ihr hatte er vor seinem Ableben gesagt, er wolle nach seinem Tod nicht bestattet und durch den Marktplatz geschleift werden. Etwas, das in der antiken griechischen Kultur undenkbar wäre und kein normal denkender Mensch jemals tun oder mit sich machen lassen würde. Sisyphos behauptete, er hätte ihr das jedoch aufgetragen, um zu sehen, ob sie es tatsächlich tun würde, um sie dann zu bestrafen. Als sie tatsächlich tat, wie geheißen, handelte er mit Hades aus, dafür kurz wieder unter die Lebenden treten zu dürfen. Unser lieber frauenrechtlicher Gott des Todes sagte zu und Sisyphos verschwand, bestrafte seine Frau aber nicht und entging für mehrere weitere Jahrzehnte seinem Schicksal. Schließlich wurde er aber mit Gewalt von den Göttern zurückgebracht und dazu verurteilt, bis zu seinem Lebensende in einem unendlichen Kreislauf einen riesigen Felsbrocken einen Berg hinaufzuwälzen, um ihn von dort wieder herunterrollen zu sehen. Das ist dann das Ende der Geschichte, die gewissermaßen im Unendlichen endet. Sisyphos ist der Held und die Verkörperung des Absurden: Er hat das Leben so sehr geliebt, dass er jetzt zu einem ewigen Leben und Kreislauf verdammt ist.

Wie mag sich dieser Grieche fühlen? Es ist bestimmt anstrengend, den Stein zu bewegen, aber die Aufgabe vertreibt für den Moment alle weiteren Gedanken. Wenn er ihn überhaupt hochrollen kann, muss er überaus stark sein und empfindet Selbstbewusstsein, da ihn der Berg nicht aufhalten kann. Doch wenn er oben steht und den Fels hinabrollen sieht, ist der Moment der Klarheit. Die Aufgabe ist sinnlos und er wird bis in die Ewigkeit immer wieder diese schreckliche Mühe haben, ohne, dass sie sich jemals auszahlen wird. Die Tragik liegt hierbei im Bewusstsein des Sisyphos über seine Situation. Die Geschichte wäre noch nicht einmal halb so tragisch, wenn er bei jedem Aufstieg sein Gedächtnis verlieren würde. Man kann hier sogar eine gewisse Parallele zu den modernen Arbeiter*innen sehen, meint Camus, die auch immer wieder jeden Morgen auf die Arbeit müssen und sich in einer sinnlosen Welt befinden. Der Unterschied zu Sisyphos ist nur, dass sie größer und komplexer ist, die Felsbrocken vielzählig und unterschiedlich. Aber das ist nicht alles, was Sisyphos in diesem Augenblick auf der Spitze des Berges denkt. Er ist auch stolz auf sich, dass er es wieder geschafft hat, den Fels auf den Berg zu rollen und sich sein Triumph wiederholen wird. Er überwindet sein Schicksal durch Verachtung, indem er nicht bettelt, befreit zu werden, sich eine andere Beschäftigung sucht oder gar nichts mehr tut, sondern hinuntergeht und den Stein erneut packt. Das Absurde selbst verschafft ihm ebenso Leid wie auch Glück und Freude, weil er, so sinnlos das Hinaufrollen des Steines auch ist, es jedes Mal schafft und für seine Mühen durch ein Verschnaufen an der Spitze entlohnt wird. Das Sinnlose kann nicht an sich eine Bestrafung sein, wenn man gar keinen Sinn sucht. Das Absurde kann einen nicht beugen, wenn man keine Logik braucht. Indem man weiterhin existiert und stur seinem Werk nachgeht, im vollen Wissen, dass es sinnlos ist, rebelliert man gegen die Strafe der Sinnlosigkeit. Der Fels des Sisyphos gehört niemandem sonst außer ihm selbst und er hat die komplette Macht darüber. Und indem er sich nur darum kümmert und das Absurde außer Acht lässt, ist er ein glücklicher Mensch.


Kynismus und Absurdismus

Was soll das alles heißen? Und was hat es mit Diogenes und den Kynikern zu tun? Camus antwortet auf die Frage, die Diogenes implizit stellt und erklärt gleichzeitig dessen Verhalten. Der Kynismus ist ein Lebensstil, der sich von der Gesellschaft abkehrt. Er betrachtet sie als sinnlos und das Handeln der Menschen als merkwürdig. Lauter Leute, die Wissen vorgeben, das sich nicht haben und trotzdem darauf ihr Leben aufbauen. Menschen, die hart arbeiten und Respekt einfordern, aber trotzdem nicht glücklicher sind als Diogenes, der gar nichts hat. Athener Akademien, die von dem Geheimnis des guten Lebens reden, aber stattdessen wirre Sätzen von sich geben. Ist es absurd, dass Diogenes extra ein Huhn rupfen würde, um Platons Argument zu widerlegen oder ist es nicht vielmehr merkwürdig, dass dieser große Philosoph behaupten würde, alles ohne Federn und mit zwei Beinen wäre ein Mensch? Ist der Wahnsinnige derjenige, der beim Buffet zugreift, als wäre es sein letztes Mal oder die Leute, die hungrig sind, aber aufgrund der gesellschaftlichen Etikette nicht mehr essen wollen? Das Leben ist absurd, das hat Diogenes erkannt, und nicht er war der Verrückte, sondern sein Umfeld.

Auch Camus bezeichnet das Leben als absurd und die alltäglichen Handlungen der Menschen als wenig sinnvoll. Jeder wisse, dass es am Ende keinen objektiven Sinn gibt und trotzdem verhalten sich alle so, als wäre dem nicht so. Warum? Die Frage ist eben, was man sonst tun soll. Das Leben beenden, weil man keinen Sinn darin sieht? Aber das ergibt doch auch keinen Sinn, bindet uns doch unser Überlebenstrieb an das Leben und nicht der rationale Teil des Gehirns. Auch Diogenes hat sein Leben nicht beendet, sondern es einfach so gelebt, wie er wollte. Camus hätte wahrscheinlich gesagt, dass man eher so weitermachen soll wie davor, aber am Ende läuft es auf dasselbe hinaus: Sinnlosigkeit macht frei. Es ist nicht unbedingt so, dass man deprimiert ist, dass das Leben keinen Sinn ergibt, sondern es fällt vielmehr die Last von den Schultern, ihm einen zu geben oder einem bestimmten Bild gerecht zu werden. Und dann erkennt man, dass einem das Absurde eigentlich überhaupt erst die Möglichkeit zur Freude gibt, denn nur durch dieses ergibt sich der Kreislauf des Glücks und Leidens. Beides braucht es eben, aber es gibt keinen Grund, dem Leiden zu viel Beachtung zu schenken. Diogenes hat sich vor allem Mühe gemacht, das Absurde anzusprechen und Camus, zu erklären, warum man es noch nicht einmal erwähnen muss, aber beide machen denselben Punkt. Und so geschieht es, dass eine uralte Strömung der antiken Griechen, die durch die hellenistischen Schulen in ihrer Theorie aufgesogen wurde, im 20. Jahrhundert plötzlich an entscheidender Relevanz gewinnt. In einem Zeitalter, in dem man nicht verrückt oder ein Ketzer ist, wenn man wie Diogenes nichts den Göttern opfert und Atheist ist. Nun, zumindest wirkt der Philosoph wie einer. In einer Zeit, in der sich die Frage stellt, wie man damit umgehen soll, dass die ganze Welt absurd ist und niemand es zu merken scheint.


Fazit

So, das war meine Folge über den Kynismus! Ich hoffe, es hat euch gefallen. Außerdem hoffe ich, dass die Verbindung zum Absurdismus deutlich geworden ist. Das ist eine Ähnlichkeit, die ich zu Beginn der Recherche direkt gesehen habe, bei der es aber dann doch schwer war, sie im Skript zu rechtfertigen. Ich fand es zumindest ein sehr spannendes Thema und auch lustig, mal einige nähere Sachen über Diogenes zu lesen. Denkt ihr, ihr könntet so leben? Naja gut, kommentiert jedenfalls gern unter dieser Folge und gebt ihr eine gute Bewertung. Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree. 

Gut, das war alles von mir für heute – einen schönen Tag wünsche ich euch noch!


Quellen:

Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen“ – Diogenes Laertius

Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde“ – Albert Camus

Kommentare

Beliebte Posts