#56 Bioshock: Steht die Moral dem Menschen im Weg?
Zusammenfassung
Kennt ihr die Videospielreihe „Bioshock“? Der Großteil der Story spielt für diese Folge keine Rolle, aber die Grundprämisse basiert auf einer interessanten philosophischen Aussage. Vor vielen Jahrzehnten gab es einen Mann namens Andrew Ryan, der von der angeblichen Ineffizienz der Staatssysteme des frühen 20. Jahrhunderts genug hatte. In den kapitalistischen Ländern würde das ganze Geld nur an die Armen gehen, in den kommunistischen an die Gemeinschaft und in den religiösen an Gott. Dabei sollte das, was man selbst erwirtschaftet hat, fairerweise doch nur einem selbst gehören! Welche Berechtigung haben überhaupt Geringere, in einem Staat mit gleichen Rechten zu wohnen? Und so gründet Ryan einen Staat namens „Rapture“, in dem der reine Fortschritt und die Fairness herrschen sollen, ganz ohne hinderliche Moral oder ähnliche Regeln. Aber erreicht man tatsächlich so größeren Fortschritt? Ist die Moral wirklich ein rein humanistischer Faktor? Steht sie uns im Weg?
Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
In der heutigen Folge geht es mal wieder um die Moral. Wir haben uns in der Vergangenheit schon gefragt, worin sie eigentlich besteht und wie wir Handlungen einordnen können. Wir haben uns sogar überlegt, ob sie überhaupt der Realität entspricht oder einfach nur von Menschenhand kommt. Aber irgendwie sind wir immer bei dem Punkt herausgekommen, dass es human und gut ist, moralisch zu handeln und sie auch in die Gesellschaft zu implementieren. Aber was, wenn das ein großer Irrtum ist? Warum handeln wir eigentlich moralisch? Es erscheint uns irgendwie richtig und auch nützlich. Aber was, wenn dieser Nützlichkeitsaspekt eigentlich ganz anders aussieht, als wir denken? Dazu könnte man ein Gedankenexperiment anregen, wie es im Spiel Bioshock getan wird. Genau darum soll es heute auch gehen. Was, wenn es eine Gesellschaft ganz ohne Moral gäbe, die nur unter den Gesetzen der reinen Logik und Rationalität handelt? Kein unnötiges Abgeben mehr der eigenen Dinge an Andere, kein fehlplatziertes Mitleid. Eine Gesellschaft, in der reine Leistung und das Bessere zählt. Lassen wir für heute einmal den humanistischen Aspekt ganz außen vor und konzentrieren uns nur auf diese Frage: Ist eine Gesellschaft ohne Moral effizienter? Ist die Moral dem Menschen nur ein Hindernis?
Bioshock
Reden wir vielleicht zuerst einmal über Bioshock. Ich muss zugegeben: der größte Teil des Spiels ist nicht sonderlich philosophisch. Oder besser: Wir brauchen ihn nicht für diese Folge. Der Hauptteil des Spiels geht so: Man gelangt als Spieler*in durch einen Flugzeugabsturz über dem Meer in eine geheime Stadt namens „Rapture“, die schon kollabiert zu sein scheint. Es herrscht keine Ordnung mehr und ein Bürgerkrieg tobt. Auch entdeckt die Hauptperson erstaunlich futuristische Waffen und Gebäude. Das Spiel besteht dann im Grunde darin, sich mit immer stärkeren Upgrades und Waffen durch die Stadt zu schlagen, bis man auf den Kopf des Ganzen trifft: Andrew Ryan. Und dann passieren noch ein paar Dinge, die ich aber jetzt nicht spoilere.
Diese Folge hat aber weniger mit dieser Zeit zu tun als viel mehr mit dem, was ungefähr 20 Jahre davor war: Die Gründung von Rapture. Und sie hängt sehr stark mit eben jenem Andrew Ryan zusammen, dem Kopf hinter der vermeintlichen Utopie auf dem Grund des atlantischen Ozeans. Ryan kommt ursprünglich aus dem heutigen Belarus, das bis 1917 ein Teil des Zarenreichs war und später Sowjetunion wurde. Dort erlebte er den Kommunismus, vor dem er in die USA floh. Doch auch das dortige Staatssystem konnte ihn nicht begeistern. Obwohl dort sehr stark betont wurde, dass man das Gegenteil des Kommunismus darstelle, fühlte er sich unfrei. Zwar wurde das Geld nicht zentral im großen Stil eingezogen und die Meinung zensiert, aber trotzdem hatte Ryan das Gefühl, noch immer einen guten Teil seines erwirtschafteten Geldes dem Staat geben zu müssen. Auch schien es, als könne man nur offiziell alles sagen, aber werde für gewisse Aussagen gesellschaftlich geächtet. Als schließlich im Jahre 1945 eine Atombombe auf Japan geworfen wurde, sah er in ihr die größte Ungerechtigkeit der vermeintlich Schwachen gegen die Starken und floh abermals.
Diesmal ging er aber nicht in ein anderes Land, sondern gründete sein eigenes: „Rapture“, mitten im Atlantik.
Dort sorgte Andrew Ryan dafür, dass nie wieder jemand sein Geld abgeben oder irgendjemandem helfen muss. Die Idee ist, dass nur die Intelligentesten und Besten die Gesellschaft anführen sollten und wer zu Schwach ist, nicht erwünscht sei. Damit sei nicht nur ein vermeintlich gerechter Staat geschaffen, sondern auch einer, der deutlich schneller technischen Fortschritt erlangen könne als alle anderen Gesellschaften. Und wie man im Spiel sieht, scheint das sogar in einer gewissen Hinsicht funktioniert zu haben. Dabei macht sich Andrew Ryan aber keine Illusion über die Moralität dieser Staatsform. Zwar sagt er, es wäre nur gerecht, dass jeder Mensch die volle Macht über seine Leistungen hätte, jedoch meint er das Gerechte in einem rein rechnerischen, nicht moralischen Sinne. Er geht sogar so weit zu sagen, dass die Wissenschaftler in Rapture eben nicht von der Moral von ihrer Arbeit abgehalten werden sollen oder die Künstler aufgrund von schlechtem Gewissen zensiert. Die Message ist klar: Moral ist hinderlich, wenn man Fortschritt machen will, ebenso wie Religion und alles, was dazugehört.
Es ist nicht so ganz einfach zu beschreiben, was die Staatsform von Rapture jetzt genau ist. Es sind irgendwie alle frei, aber trotzdem steht eine Person an der Spitze. Es können alle tun, was sie wollen, aber trotzdem gibt es gewissermaßen Recht und Ordnung. Rapture ist am ehesten zu beschreiben als eine in ideologischer Hinsicht autokratisch geführte technokratische Aristokratie.
Ok, das sind sehr viele Begriffe. Dröseln wir das ein bisschen auf. Lasst mich mit der Autokratie anfangen:
Autokratie kommt vom griechischen Wort „αὐτός“, das „selbst“ bedeutet und „κρατεῖν“, was man als „herrschen“ übersetzen kann. Es ist also die Selbstherrschaft, bzw. Alleinherrschaft. Dieser Punkt ist recht simpel, Andrew Ryan ist eben der Staatschef von Rapture. Man muss aber hinzufügen, dass er das nur auf ideologischer Ebene ist, also sein Ideal des Staates durchsetzt und darüber hinaus, bis auf den Zerfall der Stadt, keine Willkür zeigt. Immerhin beinhaltet das Ideal des Staates ja gerade, dass niemand über alle bestimmt, sondern allen das zusteht, was sie erwirtschaften. Trotzdem braucht es aber eine Person an der Spitze, die alles zusammenhält, deshalb ist es, rein technisch gesehen, eine Autokratie.
Was es aber auch ist, ist eine Aristokratie. Den letzten Teil des Wortes kennt ihr jetzt schon und der erste kommt vom Altgriechischen „ἄριστος“, also „der Beste“ oder „am Besten“. Es ist dementsprechend die Herrschaft der Besten, wie auch Platon sie schon in seinem Staat propagiert. Allgemein ist das ein beliebter Ansatz für jede Staatstheorie, da es Sinn zu ergeben scheint, dass die fähigsten Menschen herrschen. Auch wenn das auch nicht so simpel ist, wie es klingt. Realistisch gesehen gibt es in Rapture recht viele praktische Probleme und die Frage stellt sich, wen man jetzt als den Besten bezeichnet. Aber zumindest ist das die Idee.
Und dann ist die Stadt auch sehr technokratisch ausgerichtet. Das Wort „τέχνη“ bedeutet „Fertigkeit“ oder auch im modernen Sinne „Technik“. Und auch das ist etwas, das in Rapture deutlich auffällt: Es ist zwar immer die Rede von „den Besten“, aber realistisch gesehen geht es nur um Naturwissenschaftler*innen. Klar, es werden auch Künstler*innen erwähnt, die nicht zensiert werden sollen, aber alles im Spiel dreht sich um die großen Bauten, die starken Substrate und Drogen oder die Waffen. Alles das, was man anfassen kann. In geisteswissenschaftlicher Hinsicht habe ich dagegen nicht das Gefühl, dass Rapture viele Fortschritte erlangt hat. Am Ende ist es ja sogar auch ein chemischer, weiterentwickelter Stoff namens ADAM, der den Krieg auslöst und das Leben in der Stadt auslöscht.
Der moralische Egoist
Das hier ist jetzt ein kleiner Exkurs, weil Andrew Ryan sich eigentlich nicht um die Moral kümmert. Wie schon gesagt, ist der Punkt von Rapture, dass es eben keine gibt, weil sie angeblich nur im Weg steht. Aber diese Philosophin muss ich euch vorstellen, weil Bioshock tatsächlich zum Teil auf ihren Ausführungen basiert. Ich rede von Ayn Rand und ihrem „Virtuos Egoist“, dem tugendhaften Egoisten. Der Name „Ayn Rand“ ist sogar fast ein Anagramm von „Andrew Ryan“ - nur das „rew“ von „Andrew“ passen nicht rein. Also, ein Anagramm ist ein Wort, das gebildet werden kann, indem man die Buchstaben eines anderen umstellt.
Ayn Rand sagt, dass der Egoismus ein zentraler Bestandteil der Ethik sein sollte. Wenn ihr euch erinnert: Es gab einmal eine Folge, in der wir darüber gesprochen haben. Aber sie geht noch einmal einen Schritt weiter. Zuerst einmal ist jede menschliche Handlung darauf abgerichtet, einen gewissen Zweck zu erreichen. Mag es jetzt moralisch, unmoralisch oder amoralisch sein, alle von uns wollen irgendetwas. Und es gibt keine Handlung, die man einfach nur so anstellt, sondern überall gibt es irgendein Konzept. Klar, wenn wir morgens aufstehen und zur Schule, Uni oder Arbeit gehen, hat das vor allem den Sinn, Geld zu verdienen, etwas zu lernen oder einfach nur, nicht bestraft zu werden. Das ist ja auch nichts Verwerfliches. Aber es bedeutet auch, dass wir alle inhärent egoistisch handeln und denken. Wie ich es schon in meiner 33. Folge gesagt habe, ist das ganz normal. Jeder Mensch hat seinen eigenen Kopf, seine eigene Perspektive und seinen eigenen Körper zu erhalten. Warum würde man sich nicht danach richten? Das bedeutet schließlich nicht, dass man andere Menschen schlecht behandeln würde. Auch wenn das einem gesellschaftlich immer nahegelegt wird, folgt aus einer egoistischen Handlung oder Haltung nicht, dass sie moralisch verwerflich ist.
Aber diese Logik, sagt Rand, muss man eben zuende denken. Wenn man immer nach sich selbst handelt und es um den Selbsterhalt geht, ist das Schlimmste, was passieren kann, der Tod und das Beste das Leben. Demzufolge ist es moralisch richtig, dem Leben gemäß zu handeln und unmoralisch, dem Tod. Oder, um es so auszudrücken: Man muss sein eigenes Leben und Wohlbefinden auf die höchste Stufe stellen, denn sonst wird man der Verpflichtung sich selbst gegenüber nicht gerecht. Kennt ihr das Sprichwort „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist auch an jeden gedacht“? So in die Richtung geht diese Denkweise. Unsere ganze Moral, unsere Werte, die Kultur basieren ja überhaupt erst darauf, dass wir uns selbst erhalten können und Zeit haben, uns solchen Themen zu widmen. Das ist also eine Art rationaler moralischer Egoismus: Jede Handlung wird nur danach bewertet, wie sehr sie das eigene Wohlbefinden steigert oder senkt.
Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass man sich nicht für andere aufopfern darf, insofern der eigene Profit das eigene Leid nicht überschreitet. Denn damit hintergeht man die Pflicht an sich selbst. Diese Theorie ist natürlich subjektiv, weil jede Person etwas Anderes braucht. Aber trotzdem ist es genau das, was alle machen müssen: Sich selbst erhalten. Das heißt aber auch nicht, dass man anderen Menschen schaden darf, das will Rand auch nicht sagen. Solche Handlungen sind noch immer verwerflich.
Wobei sich die Frage stellt, ob es nicht einen Fall geben könnte, in dem man dadurch profitiert, einer anderen Person zu schaden. Man kann Ayn Rand auf vielen Ebenen kritisieren. Allen voran, dass ihre Ausführungen teilweise etwas menschenverachtend klingen. Der Kern der Moral ist es ja gerade, den Schwachen zu helfen und die Welt auf diese Weise gerechter zu machen. Wenn alle ohnehin nur an sich denken sollen, braucht es auch keinen Moralkodex dafür. Auch folgt aus dem Wert des Lebens nicht gleich die Pflicht, es zu erhalten. Das ist etwas schwammig argumentiert an dieser Stelle. Allgemein wird Ayn Rand oft vorgeworfen, allzu oberflächlich und polemisch zu argumentieren. Denn wenn man ihren Gedanken tatsächlich weiterdenkt, dass das Leben ein so großer Wert ist, würde dabei ja doch herauskommen, dass jedes Leben schützenswert sei.
Aber diese Theorie soll hier in der Folge auch nicht zu viel Raum einnehmen. Andrew Ryan ist es in Rapture schließlich gar nicht wichtig, ob er moralisch ist oder nicht. Oder eher: Er möchte es gar nicht sein. Für ihn ist jegliche Moral nur einfach ein Hindernis für den technischen Fortschritt und die Gerechtigkeit. Von daher braucht es keinen Versuch wie von Rand, egoistische Handlungen als inhärent gut zu deklarieren. Das ist ja auch eine Sache, die sie von der Aussage der 33. Folge unterscheidet: Da heißt es, dass moralische Handlungen nicht schlecht sind, weil sie egoistisch sind, sondern, dass das normal ist. Rand sagt jetzt, dass Handlungen nur deshalb überhaupt gut sind, weil sie egoistisch sind. Das ist ein großer Unterschied. Wie dem auch sei, wollen wir diese Argumentationsschiene jetzt wieder verlassen. Die Hauptfrage bleibt bestehen: Ist die Moral ein Hindernis für tatsächlichen Fortschritt? Und in wirtschaftswissenschaftlicher Hinsicht kann man sich das auch fragen: Warum sollte man als Firma moralisch handeln?
Moral als Gesellschaftssystem
Ich habe mal vor längerer Zeit eine Folge über die Frage gemacht, ob Wirtschaft moralisch sein kann und da diesen Punkt angerissen. Aber jetzt möchte ich ihn noch einmal etwas mehr ausführen: Moral ist ausgesprochen nützlich für das menschliche Zusammenleben. So schreibt es auch der Philosoph Myron Hurna. Man kann sich die Moral wie ein Regelsystem vorstellen, das das Miteinander strukturiert. Sie kann Handlungen erklären und auch motivieren. Eine Moral ist oft dazu da, gewisse gesellschaftliche Werte zu schützen, die den Menschen besonders wichtig sind. Zum Beispiel ist es bei uns moralisch erwünscht, einer älteren Person im Bus den eigenen Platz zu geben, damit sie sich hinsetzen kann. Was wir damit schützen, ist der Wert, auf schwächere Menschen zu achten und auf sie aufzupassen. Zusätzlich sind Menschen, um dieser Moral zu folgen, bessere Menschen zu sein und gesellschaftlich angesehener zu sein, dazu motiviert, das zu tun. Und so erhält sich das System selbst, ganz ohne Exekutive oder Judikative.
Was die Moral auch unterstützt, ist die Freiheit des Individuums, ohne, dass es außer Kontrolle gerät. Wenn man sich innerhalb der moralischen Regeln befindet, kann man tun, was man will und muss nichts befürchten. Auf der anderen Seite kann man auch seine moralischen Rechte einfordern, wenn das jemand nicht tut. Wird einem Unrecht getan, kann man sich sicher sein, dass die Gesellschaft auf der eigenen Seite steht. Besonders für schwächere Personen ist das ein riesiger Gewinn.
Aber die Moral ist nicht nur gerecht, sondern auch praktisch und effizient. Denn sie schafft einen sozialen Kontext, in dessen Rahmen alle wissen, wie sie sich zu verhalten haben und welches Verhalten sie zu erwarten haben. Schließlich gründet gesellschaftliche Etikette auch auf moralischen Grundsätzen: Man schüttelt sich die Hand, um Verbundenheit und einen guten Willen zu zeigen. Alle wissen daher, was zu tun ist, wenn man sich neu kennenlernt und können damit schnell ihre Intention zeigen. Dazu lassen sich natürlich noch viele hundert weitere Beispiele finden. Im Allgemeinen ist es folglich dann auch so, dass Handel und Forschung besser laufen, wenn alle auf diese Weise miteinander kommunizieren können.
Jetzt könnte man natürlich einwerfen, dass wir dafür ja die Gesetze haben. Weniger für die gesellschaftliche Etikette, aber für Verhaltensregeln. Dass man niemandem schaden darf, ist auch durch das Strafrecht geregelt. Aber Gesetze müssen immer auf einer bestehenden Moral basieren – sonst nennt man das Willkür. Menschen müssen daran glauben, dass das Rechtssystem selbst gerecht ist oder sie begehren auf. Ihr hattet sicher auch schon einmal die Situation, dass ihr euch bei einer bestimmten Regel oder einem Gesetz dachtet, dass es in diesem oder jenem Kontext gar keinen Sinn ergäbe. Auf dieser Basis ist man viel schneller dazu verleitet, es zu brechen, auch wenn die Strafe gleich bleibt. Dagegen ist der größte Motivator, niemanden umzubringen, der Wunsch, ein guter Mensch zu sein oder gesellschaftliche Ächtung, nicht aber die vielen Jahre im Gefängnis als Strafe. Der Horror vor dem Mord ist so tief in unserer Moral verankert, dass viele Menschen sich das noch nicht einmal vorstellen könnten. Kein Wunder, dass uns Krimis so faszinieren.
Auch nimmt man das Gesetz oft in Berufung auf moralische Regeln in Anspruch. Wird man bei einem Geschäft betrogen, sagt man nicht, dass dieses oder jenes Gesetz gebrochen wurde, sondern, dass man falsch behandelt worden ist. Auf diese Weise ist man sich der gesellschaftlichen Unterstützung sicher.
Die Moral schützt universell: Die Starken und die Schwachen gleichermaßen. Als schwächere Person kann man sich einem gewissen Schutz sicher sein und als leistungsstarker Mensch kann man sich darauf verlassen, dass es einen sicheren Handlungsrahmen gibt, der einen bei seinem Vorhaben unterstützt. Wenn man Geschäfte machen will, kann man die gesellschaftlichen Normen nutzen, um Kommunikationswege zu verkürzen. Die Moral ist dynamisch und geht mit dem mit, was eine Gesellschaft bewegt. Sie treibt alle Menschen an und schafft Sicherheit. Am Ende trifft eine Moral tiefgreifende Aussagen darüber, was eine Gesellschaft ausmacht und was ihr Sinn und Zweck ist. Die Moral ist Struktur, Ordnung und die Seele einer Gruppe. Fällt sie weg, zerfällt auch alles andere.
Moral als Lebensziel
Das waren jetzt schonmal alles sehr gute Gründe für die Moral, nicht wahr? Aber es sind noch immer nicht alle. Seht ihr, jetzt haben wir viel über die gesellschaftliche Ebene gesprochen, aber was ist eigentlich mit dem Individuum? Moral macht auch etwas mit uns. Dazu habe ich wieder den alten Klassiker aus der Sinnesfolge herausgeholt, und zwar Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“. Sartre hat zum Großteil eher über das Sein des Menschen geredet und weniger über die Moral. Aber gegen Ende seines Werks war auch sie Thema. Um zu verstehen, wie er sie einordnet, muss man aber auch verstehen, wie Sartre den Menschen sieht.
Jean-Paul Sartre bezeichnet das menschliche Sein als ein Sein für-sich, das anders ist als das Sein von Gegenständen oder Tieren. Als Menschen haben wir einen freien Willen und damit auch die Möglichkeit, einen Lebensplan zu entwerfen. Auf der Basis dessen, was wir kennen und erlebt haben, dem, was wir tun können, konstruieren wir uns, was wir wollen. Und sobald wir das haben, steht ein gesamter Lebensplan, den wir dann verfolgen und als unseren Sinn deklarieren. Das alles passiert normalerweise nicht bewusst, aber es gibt niemanden, der keinen Lebensentwurf hätte. Und er ändert sich auch immer wieder.
Jedoch kann das sehr anstrengend sein. Sartre sagte einst: „Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein“. Das bedeutet, dass wir nicht den Luxus haben, einen Lebensentwurf zu machen, sondern dazu gezwungen sind. Man muss immer wählen und sich immer neu ausrichten. Und auch wenn man das normalerweise freiwillig macht, zeigt unsere ständige Suche nach einem festen Sinn des Lebens, dass wir damit nicht ganz glücklich sind. Es braucht keinen großen Philosophen, um zu erkennen, dass diesem System ein externer, legitimer Sinn des Lebens gänzlich fehlt. Und auch wenn es den gar nicht geben könnte, weil wir immer unseren eigenen Entwurf machen, wünschen wir uns das. Und dann ändert sich ja alles immer wieder. Am einen Tag will man noch studieren, am anderen macht man eine Ausbildung. So oft wie wir unsere Lebensentwürfe ändern, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt weitermachen: Denn wahrscheinlich werden wir unsere Ziele nie erreichen, sondern in ein paar Monaten oder Jahren einfach ändern. Sartre sagt, dass der Mensch immer Angst hat, von der Vergangenheit genötigt und der Zukunft verraten zu werden. Wir wollen nicht deshalb etwas tun, weil wir es in der Vergangenheit einmal wollten und haben gleichzeitig Angst, dass wir später einmal genauso auf den aktuellen Moment zurückblicken. Wir merken, dass wir kein an-sich mit einem gegebenen Sinn sind. Und obwohl wir das gar nicht wirklich wollen, wünschen wir uns manchmal dieses unkompliziertere Leben.
Und hier kommt die Moral ins Spiel. Schon Platon sagt, dass jeder Mensch das Gute anstrebt. Und in 2000 Jahren nachfolgender Philosophiegeschichte hat sich daran nie wesentlich etwas geändert. Da haben wir es: Einen mehr oder weniger universellen und externen Sinn des Lebens. Der Wunsch, gut zu sein, strukturiert unser Sein und gibt uns eine Richtung, die sich gewissermaßen nie ändert. Klar, das ist sehr unkonkret und kann alles bedeuten, aber es ist trotzdem ein kleines Stückchen Konstanz. Bei aller Freiheit brauchen wir immer irgendetwas, wonach wir uns richten können. Irgendeine Autorität, die uns sagt, wo es langgeht. Irgendetwas, das sich nicht ändert und unserem fragilen Sein Halt gibt. Und das ist vor allem die Moral selbst.
Weitere Versuche, die Moral umzuwerfen
Andrew Ryan, bzw. Ayn Rand ist auch nicht die Erste, die die Moral umwerfen will. Friedrich Wilhelm Nietzsche ist sehr bekannt dafür, diesen Versuch im 19. Jahrhundert unternommen zu haben. In seiner Genealogie der Moral redet er davon, dass diese Regeln arbiträr und künstlich wären. Es gibt von der Natur aus keine Moral, weil allein das Gute ein menschlicher Maßstab ist. Es ist nichts einfach so gut, ohne, dass es jemand so nennt. Die Moral ist ein gesellschaftliches Phänomen, das entworfen wurde, um eine gewisse Schicht über eine andere zu stellen. Das war sehr lange der Adel. Worte wie „höflich“ oder „edel“ zeigen, dass es eine positive Konnotation hatte, zu den besser Gestellten zu gehören. Wer am königlichen Hof lebte, war eine gute Person und besser als die Anderen. Wer dagegen draußen auf dem Feld arbeitete, war armer Bauer, der ganz selten die Ehre hatte, diese besseren Menschen erblicken zu dürfen. Das hat sich dann irgendwann gewandelt, als immer mehr Leute aus unterschiedlichen Schichten als gleichwertig betrachtet wurden und es ungerecht erschien, dass die Einen viel mehr Geld hatten und ihre Macht missbrauchten. Laut Nietzsche hat dieser Wandel weniger mit einem moralisch objektiven Gut und mehr mit einem Wechsel der Machtverhältnisse zu tun. Das kann man natürlich so oder so sehen, aber darum geht es jetzt nicht.
Der Punkt ist, dass es laut Nietzsche keinen Grund gibt, irgendeiner schlecht begründeten, gesamtgesellschaftlichen Moral zu folgen. Oft findet er sie auch gar nicht zielführend. Ähnlich wie Rand, auch wenn er nicht ganz so radikal ist wie sie, sieht er keinen besonderen Grund darin, wieso es gut sein sollte, sich für Andere aufzuopfern. Wie sollte es besonders edel sein, zu leiden? Das heißt aber nicht, dass Nietzsche einfach wie Andrew Ryan die Hände in den Schoß legt und es dabei belässt, die Moral auszuschalten. Auch er hat nämlich erkannt, dass wir sie brauchen. Was Nietzsche will, ist, dass wir uns darüber gewiss werden, dass die Moral nicht objektiv ist, um sie dann mit unserer eigenen zu ersetzen, die auf rational richtigen Schlüssen basiert. Wie auch immer die aussehen mögen. Rational zu sein, hat oft diesen Ruf, aber es bedeutet vor allem in diesem Kontext nicht, unmoralisch oder egoistisch zu sein. Nietzsche hatte nur einfach ein Problem damit, dass Menschen auch zu seinen Zeiten noch so viel Wert auf die Gebote, den Glauben an Gott und die Gesellschaft legten. Für ihn war allein Gott eigentlich ein überholtes Konzept, das wir uns mit Jahren der Naturwissenschaft selbst kaputtgemacht haben. Er war nützlich, als wir uns die Welt selbst nicht erklären konnten und jede Krankheit wie ein Fluch des Teufels gewirkt hat, aber wer braucht noch Weihwasser, wenn moderne Medizin viel besser funktioniert? Und wo ist noch die Basis für den Glauben, wenn wir alles bis auf Gott selbst bereits überholt und widerlegt haben? Deshalb sagt Nietzsche, Gott sei tot und wir hätten ihn umgebracht. Indem wir es selbst in die Hand genommen haben, uns die Welt zu erklären, haben wir Gott als Ursache entfernt. Wir hätten es ja doch auch beim Glauben belassen können. Aber auch hier: Nietzsche ist kein Nihilist, auch wenn das ihm teilweise nachgesagt wurde. Das Ziel ist nicht, zu sagen, dass Gott tot sei und jetzt alles vorbei, sondern im Gegenteil: Jetzt konnte eine neue Ära beginnen.
Davon schreibt Nietzsche vor allem sehr viel in der fröhlichen Wissenschaft und seiner eigenen Version einer Bibel: „Also sprach Zarathustra“. Der Mensch muss sich in dieser sinnbefreiten und gottlosen Welt selbst zur Gottheit aufschwingen und die Richtung angeben. Als „Übermensch“, was leider inzwischen ein problematischer Begriff geworden ist, gehört er an die Spitze der Welt und soll über sie herrschen. Wir brauchen eine sinnvolle Moral und gute, gesellschaftliche Regeln. Zuerst ist man als Mensch ein Esel oder Kamel, das stumpf dem folgt, was ihm vorgegeben wird. Der erste Schritt ist hier, zu erkennen, dass nichts davon eine Basis hat. Wie ein Löwe springt man dann auf und wirft seine Fesseln ab. Der Löwe kann aber auf Dauer auch nicht überleben, sondern brüllt nur einfach herum und wehrt sich gegen seine Umstände. Verharrt man in diesem Umstand, kommt nichts Produktives dabei herum. Erst die letzte Transformation zum Übermenschen macht uns zu der vollkommenen Version unserer selbst, die wir sein sollten. Moral ist nichts, was wir einfach weglassen können und jede Gesellschaft braucht Regeln. Nietzsche wollte die Gesellschaft transformieren, nicht von jedem Inhalt befreien.
Rapture
Ich glaube, wir können für unsere Zusammenfassung einmal all unsere Erkenntnisse auf Andrew Ryans Stadt anwenden. Wie schon gesagt, ist die Prämisse von „Bioshock“, dass sich ein Geschäftsmann, Andrew Ryan, in den 40ern in ein Gebiet unter dem Meeresspiegel absetzt und dort die Stadt „Rapture“ gründet. Abgeschreckt von ebenso dem kommunistischen wie auch dem kapitalistischen System hat er nach einem Staatssystem gesucht, das seine Bürger*innen nicht dazu zwingen würde, ihr erwirtschaftetes Geld oder ihre Ideen mit irgendwem teilen zu müssen, seien es arme Menschen, die ganze Gesellschaft oder Gott. Was dabei herauskommen sollte, sollte eine moderne und starke Gesellschaft sein, in der nur die Schlausten und Besten überlebten, ungehemmt von der Moral.
Und ganz abgesehen von der humanistischen Seite klingt das ja doch ganz effizient, oder? Ayn Rand fügt sogar noch hinzu, dass man ohnehin egoistisch handeln solle, weil das Leben des Einzelnen etwas Wesentliches sei, das nicht übergangen werden dürfe. Also, das Eigene. Sobald man einer anderen Person zum auch nur kleinsten eigenen Schaden hilft, begeht man einen schweren Verrat an sich selbst. Besser, alle schauen nur nach sich selbst, dann ist auch an alle gedacht, ganz platt gesagt.
Was erst rational effizient klingt, stellt sich bald als sehr dumme Idee heraus. Von Myron Hurna haben wir heute gelernt, dass die Moral ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Klar, sie beschützt die Armen und Schwachen, aber sie tut viel mehr als das. Dank moralischer Regeln gibt es gesellschaftliche Sitten und Gepflogenheiten, die unsere tägliche Kommunikation deutlich schneller machen. Wir können uns in Sekundenschnelle klarmachen, was jemand will und was dessen Intentionen sind. Nun, sofern er nicht lügt. Auch basiert unser ganzes Rechtssystem auf der Moral, weil es steuert, was die Menschen für richtig halten und was nicht. Gesetze, die niemand moralisch vertretbar findet, halten dagegen nie lange. Die gesamte DNA eines Staates steckt in dessen Moral, weil sie die Basis von allem ist. Das herauszunehmen, würde zu einer ineffizienten, isolierten Gesellschaft führen, in der niemand mehr zusammenarbeiten könnte oder wollen würde.
Und dann gibt es noch die persönliche Ebene. Jean-Paul Sartre hatte ich schon früher öfter verwendet, um euch nahezubringen, dass wir als Menschen widersprüchliche Wesen sind. „Sein für-sich“ nennt Sartre uns, weil wir uns immer wieder einen neuen Sinn geben müssen. Der Mensch hat einen freien Willen, und setzt ihn auch zu jeder Zeit ein. Wir haben auch gar keine andere Wahl, denn wir sind dazu verurteilt, frei zu sein. Hier kommen die sogenannten Lebensentwürfe ins Spiel. Zu jeder Zeit geben wir unserem Leben irgendeinen Zweck und eine Bedeutung, normalerweise das, was wir daraus machen wollen. Dabei orientieren wir uns an Einflüssen aus unserem Umfeld und Erfahrungen in der Vergangenheit. Diese Lebensentwürfe sind aber extrem empfindlich, weil wir natürlich immer wieder neue Dinge lernen und wollen. Deshalb könnte man, wenn man das Ganze von oben betrachtet, irgendwann den Glauben verlieren, irgendwo hinzukommen. Und hier kommt die Moral ins Spiel. Es sind feste Regeln, nach denen wir uns richten und ein Ideal, das wir anstreben können. Schon Platon sagt, dass wir am Ende alle einfach nur ein guter Mensch sein wollen. Wenn man uns das wegnimmt, verlieren wir sogar noch unser letztes bisschen Sinn und sind völlig allein in der Welt.
Konklusion
Man sieht also, dass Andrew Ryan seinen Staat dazu verurteilt, genau so zu enden, wie er geendet ist: Im Krieg und Streit. Die Menschen waren nicht effizienter und besser, sondern es haben sich einfach diejenigen durchgesetzt, die ihre Konkurrenz am schnellsten ausgeschaltet haben. Diese haben dann vielleicht eine Weile ein erfolgreiches Leben gehabt, aber konnten mit niemandem mehr wirklich reden oder zusammenarbeiten. Sollte die Moral wirklich erfolgreich herausgeworfen worden sein, gibt es gar keine gemeinsame Basis mehr zwischen den Menschen, weder gesellschaftlich noch gesetzlich. Kein Wunder, dass dann alle die alte Ordnung gestürzt haben. Und auch auf persönlicher Ebene wurde ihnen allen mit diesem Schritt etwas von ihrem Innersten genommen. Viele haben wahrscheinlich gar nicht mehr gewusst, warum sie überhaupt diese ganzen wunderlichen Dinge erforscht und Fortschritte gebracht haben. Denn was ist der Wert des Fortschritts, wenn man gar keine andere Vision mehr für die Gesellschaft hat? Und so kam es, wie es kommen musste: Irgendwann wurde eine Substanz entdeckt, die so mächtig war, dass sie die ganze Stadt in Windeseile gegeneinander aufgebracht hat. Und dann war es schnell zuende. Ryan ist im Grunde das passiert, wovor Nietzsche warnt: Wenn man die ganze Moral und Religion abwirft, braucht es einen Ersatz. Die Welt kann nicht unbeherrscht bleiben, es kann nicht einfach an Moral fehlen. Nein, es müssen schlaue, rationale Menschen an die Spitze kommen und philosophisch darüber nachdenken, welche Regeln für alle die besten sind. Wenn man das Geld anders verteilen will, ok. Aber es braucht irgendeine Basis außerhalb von einem „jeder für sich“. Denn sonst hat man nur eine Gesellschaft aus Menschen, die sich gegenseitig hassen, keinen Sinn in ihrem Leben außer dem Fortschritt sehen und keine Regeln befolgen außer dem eigenen Willen.
Und das war´s. Lasst mich gern wissen, wie ihr die Folge fandet! Ich muss zugeben, ich kenne die Handlung des Spiels noch gar nicht so lang, aber das wurde mir als Folgenthema empfohlen. Sollte ich einen wesentlichen Aspekt vergessen haben, schreibt es mir gern in die Kommentare! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Also dann, einen schönen Tag euch noch!
Quellen:
,,Bioshock" - Ken Levine
,,The virtue of selfishness" - Ayn Rand
,,Was ist, was will, was kann Moral?" - Myron Hurna
,,Das Sein und das Nichts" - Jean-Paul Sartre
,,Zur Genealogie der Moral" - Friedrich Wilhelm Nietzsche
,,Die fröhliche Wissenschaft" - Friedrich Wilhelm Nietzsche
Kommentare
Kommentar veröffentlichen