#54 Afrikanische Philosophie

Zusammenfassung

Was können wir uns unter „afrikanischer Philosophie“ vorstellen? Die Philosophiegeschichte, wie wir sie kennen, ist geprägt von einem starken Eurozentrismus. Hegel selbst hat einmal in einer Vorlesung darüber gesagt, dass nur die europäische Philosophie mit ihrem Wurzeln im antiken Griechenland wirklich relevant ist. Die Denkansätze des fernen Ostens in Berufung auf Konfuzius, Laotse und Buddha fand er bemerkenswert, aber noch zu ursprünglich und über Afrika soll er gesagt haben, dass dort bisher noch nicht einmal Zivilisation stattgefunden hat. Das ist aber nicht wahr! Ich möchte euch in dieser Folge verschiedene Länder Afrikas vorstellen, in denen es sehr weit entwickelte Strömungen gegeben hat und dann schauen, wie es denn um die Einzigartigkeit der westlichen Philosophie tatsächlich steht.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          


Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Ja, es ist schon wieder soweit! Irgendwie habe ich gerade einen ganz guten Run, hoffentlich halte ich das dieses Jahr mal durch! Ich bin recht optimistisch. Worüber wollen wir heute reden? Das hier ist eine ganz spezielle Folge: Ich möchte euch wieder ein bisschen internationale Philosophie nahebringen! Vielleicht erinnert ihr euch, dass wir schon sehr viel über fernöstliche Strömungen geredet haben. Konkreter über Laotse, Konfuzius und Buddha. Wir wollen uns heute vom asiatischen Kontinent aber einmal abwenden und einen anschauen, der seltener mit der Philosophie assoziiert wird: Afrika. Und vielleicht ein Kommentar vorweg: Ich hoffe, dass der Titel dieser Folge nicht allzu verallgemeinernd klingt. Afrika wird oft nur als eine große einheitliche Landmasse gesehen und vergessen, wie unterschiedlich und divers der Kontinent sein kann. Das soll hier in der Folge auf jeden Fall nicht in den Hintergrund geraten! Bei der Recherche bin ich aber gleich schon dem ersten Problem begegnet: Man kennt im Grunde gar keine afrikanischen Philosoph*innen, wenn man sich nicht enger mit der Materie beschäftigt hat. Deshalb habe ich mich lange gefragt, wo ich ansetzen soll. Ich hätte mir natürlich gut die philosophische Tradition eines Landes heraussuchen können und darüber reden, wie ich es auch schon bei China und Japan getan habe. In dieser Folge will ich aber etwas Anderes machen. Wenn ich nur einen Denkansatz aus einem bestimmten Gebiet des Kontinents erkläre, könnte man das Gefühl haben, dass das repräsentativ für die Denkweise in ganz Afrika wäre. Damit hätte ich schon wieder ungewollt über einen Kamm geschoren. Statt mir nur eine philosophische Tradition anzuschauen und zu erklären, will ich heute also ein Gesamtbild liefern. Denn es ist eigentlich schon merkwürdig, dass man darüber so wenig weiß, egal, aus welchem Land. Wieso redet man eigentlich nie über afrikanische Philosophie? Stimmt das Klischee etwa, dass es dort einfach keine philosophische Tradition wie in Europa gäbe? Oder vergessen wir gerade einen Kontinent voller spannender Denkansätze, weil wir glauben, es alles schon gehabt zu haben?

Gut, wo setzen wir an? Es ist oft gar nicht so einfach, die Philosophie Afrikas zu rekonstruieren. Wie ihr gleich hören werdet, sind auch die gemachten Versuche nicht immer geglückt. Das hat verschiedene Ursachen. Ein großer, sehr offensichtlicher, ist die Kolonialisierung und Sklaverei. Viele afrikanische Kulturen wurden einfach ausgelöscht, abgeschleppt und ihre Artefakte rücksichtslos zerstört. Damit hat man sie ihrer Geschichte, Zivilisation und auch Philosophie beraubt. Das alles jetzt im Nachhinein nach mehreren hundert Jahren wiederherstellen zu wollen, ist oft unmöglich. Es gab auch viele Stämme mit Weisheiten und Philosoph*innen, aber ihre Erkenntnisse verlieren sich trotzdem in der Zeit, da sie nur mündlich weitergegeben wurden. Das gestaltet sich natürlich schwierig, wenn man alle Menschen entfernt, die darüber reden könnten. Alles in allem also nicht so einfach, aber ich habe mir hier für euch drei Länder ausgesucht, über die ich gerne reden würde und die zeigen, dass es durchaus nennenswerte Afrikanische Philosophien gibt.


Rassismus in der Philosophie

Aber bleiben wir vielleicht erst einmal kurz bei den Gründen, wieso es so wenige Menschen in Europa gibt, die mit der afrikanischen Philosophie etwas anfangen können. Wie schon gesagt, ist die Philosophiegeschichte schon seit vielen Jahrhunderten eurozentriert gewesen. Die Tradition des antiken Griechenlands wurde früh als Standard genommen und hat sich über die Kolonialisierung und Eroberung anderer Länder sehr einseitig verbreitet. Im 19. Jahrhundert gab es aber dann doch einen Trend in der Philosophie, den Blick mehr in andere Länder zu richten. Besonders Arthur Schopenhauer ist dafür bekannt, sich mit dem Buddhismus auseinandergesetzt zu haben und Georg Friedrich Hegel hat eine gesamte Vorlesung über die Geschichte der Philosophie gehalten. Aber die Ergebnisse sind leider nicht so verlockend, wie es jetzt vielleicht klingt. In dieser Zeit wurde es offenbar, dass die westliche Philosophie ihren zentrierten Blick sogar noch festigen will. So sagt Hegel in seiner Vorlesung, dass die gesamte südliche Welt unterhalb von Griechenland im Grunde nicht an der europäischen Geschichte und dem Industriezeitalter teilgenommen hat und deshalb irrelevant ist. Das bezog Hegel auf Afrika, aber auch auf Indien oder andere Länder Südostasiens. Für die Philosophie brauche es eine moderne Zivilisation, Fortschritt und politische Freiheit. Auch war es Hegel wichtig, dass Politik, Natur, Religion und Wissenschaft streng getrennt sind, weil man sonst nicht rational genug denken würde. Der afrikanischen Bevölkerung im Besonderen schreibt er sogar zu, nicht einmal mit der Entwicklung angefangen zu haben und nicht zur Bildung fähig zu sein. Letzteres macht er sehr offen an der Herkunft dieser Menschen fest. Mit Asien geht er im Hinblick auf Konfuzius, Laotse und Buddha noch etwas milder um und sagt, sie würden gerade zumindest die Grundsteine zu einer brauchbaren Philosophie legen.

Das ist schon heftig, oder? Das sagt da dieser hoch angesehene deutsche Philosoph pauschal über die Philosophie aus lauter verschiedenen Ländern, ohne sie sonderlich gut zu kennen. So arrogant war die westliche Philosophie einmal. Und die Folgen solcher Reden und Meinungen spüren afrikanische Philosoph*innen auch heute noch: sie müssen immer die Wichtigkeit und Relevanz der Philosophie aus Afrika betonen und im Grunde dieses ganze Kapitel, das ich euch gerade einspreche, auch herunterbeten. Es geht momentan kaum afrikanische Philosophie ohne Rechtfertigungen und ein Eingehen auf vergangenen und aktuellen Rassismus – das ist einfach schade. Afrika wird in der Geschichtsschreibung auch außerhalb der Philosophie oft nur im Zusammenhang mit äußeren Kräften interpretiert. Kaum jemand versucht wirklich, herauszufinden, was den Kontinent und die verschiedenen Gebiete an sich ausmacht. Denn das ist ja auch ein Problem: Ich rede hier die ganze Zeit über die afrikanische Philosophie, so als ob die überall auf dem Kontinent gleich wäre. Aber genau so, wie es in Europa Philosoph*innen aus Griechenland, Italien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland gab, in Asien welche aus China, Japan und Korea, ist auch Afrika vielfältig. Deshalb ist es mir ja so wichtig, euch verschiedene Strömungen zu zeigen. Von dieser Ignoranz in der Geschichtsschreibung hat sich Afrika auch nie komplett erholt. In der Hochschullehre kann ich sogar persönlich von Erfahrungen berichten, bei denen ich mitbekommen habe, dass die entsprechende Lehre selten auftaucht und sogar unterdrückt worden ist.

Nun gut, das ist alles eine sehr problematische und wichtige Debatte, aber wir wollen hier ja über die Philosophie selbst reden. Und immerhin, es gibt seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr tatsächliche Rekonstruktionsversuche afrikanischer Philosophie. Diesen verdanke ich unter anderem diese Folge. Es ist viel verloren gegangen, aber wenn man einen Blick in die Museen wirft, den Einheimischen zuhört und vereinzelte Artefakte anschaut, findet man teilweise noch sehr stark ausgeprägte Philosophien. Das macht es – um das noch kurz zu sagen – eigentlich umso schamvoller, dass Hegel vor 200 Jahren schon gesagt hat, da gäbe es nichts, obwohl damals bestimmt noch sehr viel mehr erhalten war. Aber naja, fangen wir an.


Die Lehre des Ptahhotep

Wir wollen uns erst einem Land zuwenden, in dem diese Rekonstruktion tatsächlich gar nicht so schwer war. Denn hier gab es schon lange eine große Schrifttradition, von der noch viel erhalten geblieben ist. Ich rede vom alten Ägypten. Ägypten ist ein interessanter Fall, denn obwohl es ein afrikanisches Land ist, wurde es oft in dem Wirkungsbereich des antiken Griechenlands und römischen Reiches gesehen. Deshalb hieß es oft, das Land wäre im Grunde ein von Afrika losgelöstes, europäisches Anhängsel, was die Philosophiegeschichte angeht. Eigentlich auch eine sehr krasse Aussage. Was die Länge der Tradition betrifft, können aber ebenso die Römer wie auch die Griechen einpacken, wenn wir über Philosophie reden. Es gibt eine Schrift des alten Ägypten aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. in dem von dem Beruf des Philosophen die Rede ist. Nichts Weltbewegendes, es heißt eben, dass es sich um einen Weisen handelt, der sich bildet und um Rat gefragt werden kann. Aber das hatten die Ägypter*innen einfach schon zu dieser alten Zeit! Zum Vergleich: So richtig ging es im alten Griechenland philosophisch eigentlich erst mit Sokrates los, das war ungefähr um 500 v. Chr. Aber natürlich wollen wir hier die Vorsokratiker nicht vergessen, die auch sehr wichtig waren, aber auch sie gehen nicht sonderlich viel weiter zurück. Der älteste griechische Philosoph, den man eigentlich kaum noch wirklich so nennen kann, war Homer. Er hat damals die Ilias geschrieben, diesen großen Geschichtenband mit den griechischen Sagen. Eigentlich ein Dichter, aber er wird teilweise als Philosoph gesehen, da er versucht hat, die Entstehung der Welt zu erklären – mit den Göttern. Aber egal, wie man es dreht und wendet, Homer hat ungefähr 1000 Jahre v. Chr. gelebt. Also immernoch ein ganzes Jahrtausend jünger als die ägyptische Philosophietradition. Man darf es den antiken Griechen natürlich nicht zum Vorwurf machen. Wo es Zivilisation gibt, da wird gedacht und wo gedacht wird, gibt es Philosoph*innen. Im 3. Jahrtausend v. Chr. haben sich die Gebiete Ober- und Unterägyptens vereint und die Stadt Memphis wurde gegründet. Damals begann dieses uralte Reich. Und die Menschen begannen schnell, sich Gedanken zu machen, was sie denn nun tun sollten, was ihr Sinn sei und wie die Welt funktioniert. Nun, zumindest in philosophischer Hinsicht fanden sie ihre Antworten in der Weisheitsgöttin Ma´at. Sie war keine gebieterische Göttin, sondern stand für die Ordnung und moralische Grundsätze, bei denen es ganz einfach schlau war, sie zu befolgen. Und das war möglicherweise sogar der Beginn der Philosophie auf der ganzen Erde, ob es uns gefällt oder nicht.

Aber lasst uns ein bisschen konkreter über die ägyptische Philosophie werden. Im 2. Jahrtausend v. Chr. gab es einen Hohepriester namens Ptahhotep, der als Weiser galt. Die wichtigsten Prinzipien seiner Philosophie waren das Hören, Erinnern und das Miteinander. Demgegenüber standen die Taubheit und Habgier. Wie genau war das gemeint? Obwohl Ptahhotep wahrscheinlich der erste bekannte Philosoph war, hat er immer gepredigt, sich nicht zu viel auf sein Wissen einzubilden. Selbst als Weiser wird man nie alles wissen können und sollte ständig im Austausch mit seinen Mitmenschen sein. Das ist einer der Aspekte, den Ptahhotep meint, wenn er vom „Hören“ spricht. Der Begriff ist besonders zentral, weil die alten Ägypter eine mündliche Tradition der Weitergabe von Wissen hatten. Zwar gibt es Schriftstücke in Hieroglyphen, die von der Zeit Ptahhoteps überliefert sind, aber das war eine Seltenheit. Es war also wichtig, zuzuhören, und zwar vor allem den älteren Menschen, da sie große Teile ihres Lebens bereits hinter sich hatten. Wer ein moralischer Mensch sein will, muss gewillt sein, zu lernen. Daher muss man auch auf seine Vergangenheit hören, denn die Ahnen wissen sogar noch einmal besser, wie es sich gut leben lässt. Deshalb war es in der ägyptischen Gesellschaft auch so wichtig, den Toten zu gedenken und ihr Wissen von Generation zu Generation weiterzugeben. Aber es geht hier nicht nur um die Ahnen. Erinnert euch an die Wahrheitsgöttin Ma´at, die das gesamte moralische Wissen über das gute Leben besitzt. Und sie gebietet nicht, sie zwingt die Menschen nicht, ihr zuzuhören, aber sie spricht mit ihnen. Wer immer will, muss nur auf ihre Stimme lauschen und wird erfahren, was zu tun ist. Das Zuhören findet hier also auf verschiedenen Ebenen statt. Ein weiser Mensch tut nicht so, als wüsste er schon alles und müsste nichts mehr lernen, sondern begreift sich als jemand, der die Weisheit anstrebt, nicht besitzt. Deswegen sollte man sich zurücknehmen und einfach zuhören: Den anderen Menschen, der Natur, der Göttin Ma´at und sich auf die Vernunft besinnen. Und dann lernt man alles, was man zu wissen braucht. Dahingegen ist die Taubheit eine Sünde in Ptahhoteps Lehre. Nicht im körperlichen Sinne natürlich, aber im geistigen. Wer auf diese Weise taub ist, blendet die Stimmen von außen aus und glaubt dementsprechend, nichts weiter lernen zu müssen. Und das muss zu jeder Zeit ein Fehlschluss sein. Man kann auch nicht aus Versehen weghören oder taub sein, denn wie gesagt, war es sehr wichtig in der alten ägyptischen Gesellschaft, Dinge mündlich weiterzutragen. Auch die Göttin Ma´at zwingt zwar niemandem etwas auf, aber hat eine gewisse Überzeugung und ein Wohlwollen in ihrer Stimme, die Leute dazu bringt, ihr folgen zu wollen. Wer also weghört, tut dies absichtlich und verhält sich unmoralisch. Damit ist für Ptahhotep der Unwissende also auch der Unmoralische, weil er bewusst nicht lernt, wie er sich besser verhält. Und es kommt noch etwas dazu: Wer nicht zuhört, und das sogar bewusst, bekommt nicht nur nicht mit, was andere Menschen brauchen, sondern interessiert sich offenbar auch nicht dafür. Dabei ist es eine Tugend in der alten ägyptischen Philosophie, im Sinne Anderer zu handeln! Das spielt wieder in die Doktrin des Hörens hinein: Wer Anderen zuhört, wird ihnen höchstwahrscheinlich auch kein Unrecht tun. Die gesamte Lehre des Ptahhoteps ist darauf ausgerichtet, ein friedliches Miteinander zu führen, in dem sich jeder darüber gewiss ist, wo die Grenzen der anderen Person liegen und gewillt ist, mit ihr zu reden. Auf der anderen Seite dieser Utopie steht aber die Habgier als größte Sünde. Habgierige Menschen haben diesen Sinn für Andere bewusst abgestellt und schauen nur auf sich selbst und darauf, ihren Reichtum zu mehren. Das führt aber vor allem dazu, dass sie ihre Verbindung mit der Gesellschaft verlieren, ihre Freunde, ihre Familie und schließlich – sehr wichtig im alten Ägypten – ihr Grab und das Fortbestehen ihrer Erinnerung. Solche Leute sind nur kurz da, verschwinden schnell und werden vergessen. Wer aber hört, lernt und ein guter Mensch ist, wird immer viele Freunde und Familie haben und über den werden auch nach dem Tod noch viele Geschichten erzählt werden. Also, wir halten fest: Bei Ptahhotep dreht sich alles um das Hören, die Erinnerung und das Handeln füreinander. Sünden sind dabei die Taubheit und Habgier.


Die Philosophie der Bantu

Ich will gleich weiter zu der nächsten philosophischen Tradition springen, dass ich möglichst viele Eindrücke liefern kann. Keine Sorge, ich fasse natürlich am Ende alles zusammen, sodass ihr nicht den Überblick verliert. Jetzt befinden wir uns viele Kilometer weiter südlich im Gebiet des heutigen Kongo. Das ist jetzt tatsächlich einmal ein Teil Afrikas, der nicht im Besonderen vor der Zeit der Sklaverei von Europa oder irgend einem anderen Kontinent beeinflusst wurde. Das bedeutet aber auch, dass die dortige Philosophie zumeist nur im eigenen Gebiet geblieben ist, kaum Verbreitung gefunden hat und durch westliche Eroberer unwissentlich fast ausgelöscht wurde. Aber seit 1945 hat sie wieder deutlich an Popularität gewonnen: Ich rede von der Philosophie der Bantu, einem afrikanischen Stamm. Der Missionar Placide Tempels hat damals mit aller Macht versucht, ihre Denkansätze irgendwie zu rekonstruieren. Er war einer der Ersten aus Europa, die versucht haben, die afrikanische Philosophie wieder aufleben zu lassen.

Die Bantu waren, wenn wir das in westlichen Begriffen wiedergeben müssten, eher Ontolog*innen, während man Ptahhotep wahrscheinlich als Ethiker bezeichnen würde. Ontologie ist die Lehre des Seins, das kommt von dem Altgriechischen „τὸ ὄν”, also „das Sein“ und „λόγος“, der Wissenschaft oder Lehre. Die Bantu haben sich versucht zu erschließen, was die Existenz eigentlich ist und wie wir uns als Menschen einordnen können. Eigentlich sehr interessant und etwas anders als unsere Vorstellung: Laut den Philosoph*innen aus dem Kongo ist das Sein keine statische Sache, sondern eine Kraft. Die gesamte Wirklichkeit ist nur ein Geflecht aus dynamischen Kräften, die auf unterschiedliche Weise auf das Universum einwirken. Es gibt dabei zwar eine gewisse Hierarchie, an dessen Spitze Gott steht, dann Ahnen, Menschen, Tiere, Pflanzen und Minerale, aber im Großen und Ganzen sind es alles nur zusammenhängende Kräfte. Sie haben auch keine eigentliche Substanz, zumindest keine feste, weil sich alle Körper immer verändern und wie die dahinterstehenden Kräfte aufeinander abgestimmt sind. Das steht sehr im Kontrast zu unserer westlichen Intuition, jedes Sein als ein festes Ding begreifen zu wollen. Nach „unserer“ Vorstellung gibt es auch Menschen, Tiere, Pflanzen und so weiter. Aber wir betrachten ein Leben als etwas, das irgendwann geboren wird und auf die Welt kommt und dann stirbt und sie verlässt. Auch ist das westliche Bild nicht, dass die Dinge alle so sehr zusammenhängen. Natürlich hat ein Mensch auf eine biologische Weise sehr viel mit den Tieren zu tun, weil er aus ihnen entstanden ist und ihnen sogar zugeordnet werden kann, aber er grenzt sich schon deutlich ab, wie sie alle untereinander auch. Aber zum Vergleich mit der europäischen Philosophie will ich später kommen. Laut den Bantu hat jedes Sein zwei Aspekte: Eine ruhende Seite und eine, die sich in Bewegung befindet. Man kann jedes Sein irgendwie definieren und abgrenzen, aber es entwickelt sich auch alles ständig und hängt so eng miteinander zusammen, dass man Existenz eigentlich als ein Spektrum wahrnehmen muss. Trotzdem kann man einige Einteilungen machen. Die Bantu stellen vier Arten des Seins heraus: Das Bewusste, das Unbewusste, Ort und Zeit und Modalität.

Das ist also einmal ein ganz anderer Blick auf das Sein, als man ihn in der westlichen Tradition oft hat. Aber man muss trotzdem aufpassen, wie viel man den Bantu zuschreibt. Es stimmt schon, dass ihre Theorie sehr anders ist als die, die im Westen oft angenommen wird, aber es gibt schon Entsprechungen, zum Beispiel mit Heraklit. Dazu werden wir später kommen, aber Placide Tempels hat sich immer dem Vorwurf stellen müssen, zu sehr nach einer Philosophie zu suchen und Aussprüche zu interpretieren. Vielleicht hatte er bei der Rekonstruktion die ganze Zeit Heraklit im Kopf und hat dann alles so hingebogen, dass es eine ähnliche Philosophie wie seine ergibt, um irgendetwas zu beweisen. Generell ist es auch etwas eurozentristisch, die Bantu als Ontolog*innen zu bezeichnen, wie ich es eben auch getan habe. Sie haben sich nicht unbedingt so gesehen, sondern einfach ein bisschen über die Welt nachgedacht. Wobei ich denke, dass sie das schon allein zu Philosoph*innen macht. Aber gut, halten wir fest: Laut den Bantu ist die Realität ein Zusammenwirken aus verschiedenen Kräften, die zusammenhängen und keine eigenen Substanzen haben. Man kann sie kategorisieren unter dem bewussten Sein, dem unbewussten, Ort und Zeit und Modalität.


Òrunmìlà, der Weise

Eine philosophische Tradition möchte ich euch gerne noch mitgeben, weil sie ganz gut spiegelt, was ich mit dieser Folge sagen will. Wir waren bisher im Norden Afrikas in Ägypten, sind dann runter in Richtung Süden in den Kongo und wollen wir uns jetzt gen Westen richten. Genauer gesagt, zum Land Niger. Dort soll es um 500 v. Chr., ungefähr zur selben Zeit wie Sokrates, auch einen Weisen gegeben haben, und zwar Òrunmìlà. Der Philosoph soll sogar auch herumgegangen sein, Menschen seine Lehre mitgegeben und einige Schüler gehabt haben. Er wurde darüber hinaus von Vielen als Gottheit angesehen. Wir befinden uns im heutigen Niger, aber damals war es der Stamm der Yoruba, unter denen er bekannt wurde. Seine Weisheit kam vom Orakel Ifá, das sein Wissen dem Vorfahren des Weisen gegeben haben soll. Dieses verteilte Òrunmìlà an 16 Auserwählte und niemanden sonst, tatsächlich. Auch wenn es natürlich danach weitergegeben und schließlich aufgeschrieben wurde. Der Weise hatte nicht nur ein fast göttliches Wissen, sondern soll auch Priester gewesen sein und polygam mit vielen Kindern. Das hätte in der westlichen Tradition wahrscheinlich eine sehr andere Konnotation, weil wir auch durch das Christentum sehr geprägt sind, aber bei den Yoruba hat das seine Übermenschlichkeit, Weisheit und Fruchtbarkeit unterstrichen.

Von der Lehre her ist Òrunmìlà sehr nah an Sokrates dran. Er spricht auch von der Pflicht, tugendhaft zu handeln und verbindet das mit dem guten Leben im Allgemeinen. Auch ein wichtiger Punkt war für den Weisen, dass das Wissen begrenzt sei. Selbst der weiseste Mensch könne nicht wissen, wie viele Sandkörner in der Wüste sind oder wie viel Wasser im Meer, sagt Òrunmìlà. Deshalb soll man für alle Menschen ein offenes Ohr haben und ihnen zuhören, weil sie im Zweifelsfall nicht unbedingt weiter von der Weisheit entfernt sind als man selbst. Obwohl man diese perfekte Weisheit aber nicht erreichen kann, ist es wichtig, sie immer anzustreben und sich zu bilden, weil man sonst nicht zum guten und moralischen Leben findet. Es sind nur die gut, die sich weiterbilden und wer sich dem verschließt, handelt früher oder später falsch, wird zum Übeltäter und verliert sich. Auch Geld und ähnliche Güter machen nicht an sich glücklich, also soll man aufhören, ihnen allzu sehr hinterherzurennen. Alles, was es zum guten Leben braucht, ist ein guter Charakter, das Streben nach Wissen und die daraus resultierende Weisheit. Im Kontrast zu Sokrates trennt Òrunmìlà aber nicht ausdrücklich das Gute vom Bösen. Man soll zwar zum Guten streben, aber es ergäbe keinen Sinn, das zu tun, wenn es das Böse nicht auch geben würde. Ironischerweise brauchen wir es also, auch wenn wir es meiden sollten. Denn nur durch dieses tritt das Gute in Erscheinung und bildet diesen Kontrast.


Antike griechische Philosophie

Ok, ich denke, ich belasse es einmal dabei. Es gäbe noch philosophische Ansätze aus Äthiopien oder Timbuktu, die man anführen könnte. Aber ich will euch auch nicht überschütten, sondern erklären, warum ich gerade über diese drei so generell rede. Euch ist bestimmt aufgefallen – und ich habe es auch zwischendurch gesagt – dass es zu allen Philosophien Entsprechungen in der antiken griechischen Philosophie gibt. Und auch das hat einen ganz bedeutenden Hintergrund.

Aber fangen wir einmal von vorne an. Ptahhotep hatte im alten Ägypten gepredigt, dass jeder Mensch auf seine Umgebung, seine Mitmenschen, seine Ahnen und die Göttin Ma´at hören soll, um Weisheit zu erreichen und ein gutes Leben zu führen. Wer taub ist und sich diesen Ratschlägen verwehrt, muss sich schon für den weisesten halten, aber führt in der Folge stattdessen ein Leben in Habgier, Isolation und Einsamkeit. Wer auf die Anderen hört, ist dagegen ein guter Mensch, der im Sinne seiner Mitmenschen handelt. Ein solcher wird immer viele Freunde und Familie haben, die selbst nach seinem Tod noch die Geschichten über ihn weitertragen. Das ist eine philosophische Einstellung, die sehr stark an die frühen Stoiker erinnert. Bei den Stoikern hieß es, man müsse gemäß der Natur leben und auf sie hören. Die Welt hätte eine gewisse deterministische Logik, der man folgen müsse. Wenn man diese Rationalität versteht, ist man nicht mehr überrascht oder gar überrumpelt, wenn etwas Tragisches passiert. Man ist dann auf alle Ereignisse eingestellt und kann ein glückliches Leben führen. Dazu gehört natürlich auch wie bei Ptahhotep, dass man sich dieser Vernunft annehmen muss und nur dann moralisch sein kann, wenn man es tut. Die Tugend ist auch nicht einfach auf sich selbst gerichtet, sondern überträgt sich auch auf die Menschen um einen herum. Wer ein solches Maß an Weisheit hat und versteht, wie die Welt funktioniert, ist auch gut zu seinen Mitmenschen und wird nicht der Habgier verfallen. Denn sie wäre ein Fehlurteil. Allgemein sind die Stoiker sehr viel nüchterner in ihrer Philosophie und buchstabieren nicht aus, dass man Freunde und Familie braucht. Auch sagen sie nicht unbedingt, dass man nicht alles wissen könne. Aber im Allgemeinen decken sie schon sehr viel von Ptahhoteps Doktrin ab, und wo sie es nicht tun, findet sich eine andere Strömung aus dem alten Griechenland, die es tut.

Ähnlich geht es den Bantu mit ihrer Ähnlichkeit zu Heraklit. Wir hatten schon besprochen, dass sie die Wirklichkeit als eine Reihe an Kräften sehen, die aufeinander wirken, aber doch eins sind. Das ist zwar eine Sicht, die in der westlichen Philosophie selten ist, aber keineswegs unpopulär. Heraklit hat sehr prominent von dem Flussbild gesprochen, das im Grunde dasselbe aussagt wie die Bantu. Es gibt kein festes Seiendes, sondern alles befindet sich in ständiger Veränderung. In dem Fluss der Wirklichkeit verschwimmen alle Teile miteinander und werden immer wieder neu geformt. Dabei entsteht nie wirklich etwas Neues oder vergeht, sondern es wird nur immer anders kombiniert. Als Menschen haben wir schon Körper, aber auch die bleiben nie gleich, sondern wir werden älter und sterben schließlich. Deshalb wäre es falsch, davon zu sprechen, dass wir plötzlich bei unserer Geburt entstehen, dann unser Leben als identischer Mensch leben und schließlich sterben und verschwinden. Vielmehr entwickeln und verändern wir uns. Nichts geht in diesem Kreislauf verloren und nichts ist wirklich voneinander verschieden. Wahrscheinlich würde Heraklit deshalb auch nicht von Seinsarten ausgehen, wie die Bantu sagen, weil er ja sagt, dass nichts jemals wirklich ist. Aber generell würde er der Art der Kategorisierung durch den Stamm sicher nicht widersprechen. Nur die Hierarchie der Lebewesen würde Heraklit ablehnen, denn da würde wieder zu sehr etwas Seiendes angenommen werden. Dafür gibt es aber in der weiteren westlichen Philosophie eine großen Konsens, Gott über die Menschen, Menschen über Tiere und Tiere über Pflanzen zu stellen.

Und dann gibt es noch Òrunmìlà, der sehr stark an Sokrates erinnert. Er hat nicht nur zur selben Zeit gelebt, sondern auch Weisheiten mit den Leuten geteilt und insbesondere, mit seinen Schülern. Beide reden auch davon, dass das Wissen begrenzt sei, aber man trotzdem immer weiter lernen müsse. Ist man rational und denkt logisch, gelangt man schließlich zum tugendhaften Leben. Verfolgt man diesen Weg jedoch nicht, verfällt man seinen Lüsten und schadet am Ende vor allem sich selbst. Aber es gibt auch große Unterschiede: Òrunmìlà ist eine halbe Gottheit, die ihre Weisheit durch ein Orakel bekommen hat und direkt an die Schüler weitergibt. Auch gibt es hier ein Limit an Menschen, die von diesem lernen dürfen. Sokrates war dagegen ein ganz normaler Mann, der Sohn eines Steinmetzes und einer Hebamme. Er hat keine Begrenzung, mit wie vielen Leuten er seine Weisheit teilt, weil er auch – wie er sehr offen sagt – gar keine zu haben glaubt. Die Menschen, die ihm folgen, sind deshalb auch weniger Schüler, als vielmehr Bewunderer. Sokrates entwickelt die Wahrheit über die Welt auch erst, indem er mit den Menschen redet und sie zu verschiedenen Dingen befragt. Zu dem Ergebnis, dass die perfekte Wahrheit unerreichbar wäre, gelangt er auch erst, als er die Unwissenheit aller Befragten ganz am Ende seines Lebens analysiert. Außerdem nimmt Òrunmìlà keine strikte Trennung zwischen dem Guten und Bösen vor. Sondern er meint, sie wären miteinander verbunden und es bräuchte Beide, auch wenn man nur nach dem Einen streben soll. Sokrates dagegen trennt an dieser Stelle sehr streng und meint, die Welt wäre besser dran ohne das Böse. Aber das ist auch eine Position, die nicht überall in der westlichen Philosophie geteilt wird.


Westliche und südliche Philosophie

Was genau machen wir jetzt damit? Wozu habe ich euch lauter philosophische Traditionen aufgezählt, die dann doch nur einfach Spiegelbilder zu der bekannten Philosophie aus Griechenland zu sein scheinen? Als Zyniker*in könnte man jetzt behaupten, ich hätte einfach nur drei Strömungen aus Afrika genommen, die nach sehr viel europäischer Rekonstruktion philosophisch klingen. Aber eigentlich geht es gar nicht so sehr um diese Drei im Konkreten, auch wenn ich gerne mal in der Zukunft zu einer davon eine Folge mache. Ich wollte euch eher zeigen, was es heißt, eine philosophische Tradition zu haben. Wisst ihr, wir trennen gerne alle Wissenschaften voneinander und betrachten die Philosophie als eine von ihnen. Aber in Wahrheit ist die Philosophie die allererste davon, die reine Freude an der Weisheit. Das soll nicht arrogant klingen oder mich auf eine andere Stufe stellen, sondern nur einfach nur eine kausale Abfolge erklären. Jede Zivilisation, die irgendeine Wissenschaft, sei es Medizin, Astronomie oder Biologie hatte, hatte davor Philosophie! Wie könnte es anders sein? Wie kann man denn überhaupt überlegen, wie man andere Menschen heilt oder was uns die Sterne sagen, ohne davor zu wissen oder sich darüber Gedanken gemacht zu haben, wie man sich gegenüber einander verhalten soll und wozu es einen überhaupt gibt? Das wäre meiner Meinung nach absolut undenkbar. Und entgegen Hegel hatten die Völker Afrikas selbstverständlich eine Zivilisation, im Falle von Ägypten sogar eine noch viel ältere als unsere!

Wenn man zu einer gewissen Zeit im Westen mit östlicher oder südlicher Philosophie konfrontiert wurde, ist oft der Eindruck entstanden, sie würden dasselbe sagen wie die antiken Griechen und man müsste sich deshalb nicht weiter mit ihnen beschäftigen. Die westliche Philosophie wäre so umfassend, dass man sonst gar nichts bräuchte. Aber das ist falsch gedacht und darum geht es auch nicht. Philosophie ist zu einem gewissen Grad einfach universalistisch. Schließlich sind wir immernoch alle Menschen! Die antiken Griechen in allen Ehren, ihr wisst, dass ich ein ganz besonderer Fan ihrer Philosophie bin. Aber seien wir mal nicht so arrogant, zu denken, dass man ihre Erkenntnisse nirgends sonst hätte machen können! Es ist eben einfach so, dass es sich einfacher leben lässt, wenn man sich gut verhält und andere Menschen glücklich macht, es ist ja kein Zufall, dass Sokrates, Ptahhotep und Òrunmìlà das alle sagen. Und es behauptet ja auch niemand, einzigartig zu sein: In dieser Folge ist schon oft der Satz gefallen, dass man nie alles wissen kann. Das ist ein großer Konsens in jeder Philosophie, die ich kenne. Auch wenn das nicht alle so sehr betonen mögen. Und dann heißt es immer, dass die westliche Philosophie so viel weiter wäre, weil wir ja diese sehr fortschrittliche Methode des Aufschreibens schon früh implementiert haben. Aber lasst uns nicht vergessen, dass die alten Ägypter ihr Denken auch mit der Hieroglyphenschrift verewigt haben. Aber auch abgesehen davon müssen wir eigentlich gar nicht so tun. Sokrates selbst, den wir oft als Vater der westlichen Philosophie nehmen, hat nie etwas aufgeschrieben, sondern auch alles nur mündlich weitergegeben. Übrigens haben den westliche demokratische Gerichte umbringen lassen, weil er sie genervt hat. Also, ihr wisst schon: Diese Wissenschaft wurde natürlich schon immer ganz besonders gewertschätzt. Erst ab Platon wurde es dann modern, Dinge aufzuschreiben und selbst von dieser Zeit ist nicht alles überliefert. Auch scheinen wir immer zu vergessen, dass es in der europäischen Geschichte eine Zeitraum von gut 1000 Jahren gab, in dem philosophisch quasi nichts passiert ist: Das Mittelalter. Klar, ich vergesse hier nicht Thomas von Aquin, Anselm von Canterbury und Meister Eckhardt. Aber das waren eigentlich eher Theologen als Philosophen. Generell sind wir immer so stolz darauf, Religion und Philosophie getrennt zu haben und vergessen dabei, dass die alten Griechen an mehrere Götter geglaubt haben und im Mittelalter auch vor allem Religionsphilosophie betrieben wurde. So richtig weiter ging es erst im 16. Jahrhundert mit Namen wie Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli oder René Descartes. Und diese reine, atheistische Philosophie, von der wir immer reden, existiert so wirklich erst seit Kant im 18. Jahrhundert. Dass eine Philosophie Religion in ihre Überlegungen einbezieht, macht sie nicht rückschrittlich, vor allem Hegel sollte das eigentlich wissen. Wenn ihr meine 26. Folge kennt, wisst ihr, dass er sagt, dass man ebenso durch die Philosophie wie auch die Religion zur Wahrheit gelangen kann. Und dann ist es auch ziemlich krass, das alles über die westliche Philosophie im Kontrast zur afrikanischen zu behaupten, wenn man selbst mehrere hundert Jahre lang in ihre Geschichte eingegriffen, die Menschen verschleppt und historische Artefakte zerstört hat. Hätten fremde Mächte das bei uns gemacht, hätten wir bestimmt auch etwas von unserer philosophischen Tradition einbüßen müssen.

Und dennoch ist nicht alles damit gesagt, dass Philosophie eben universalistisch sei und alle Zivilisationen einfach auf dieselben Schlüsse kommen. So ganz stimmt das nämlich auch nicht. Es gibt definitiv Aspekte der westlichen Philosophie, die sie sehr speziell machen und auf die wir auch stolz sein können. Wie ihr in diesen Ausführungen mitbekommen habt, hat sich die europäische Philosophie selbst bei den Griechen schon früh stark von der Religion abgespalten. Das sieht man ja schon im Ursprung: Sokrates war kein Gott und hat die Götter sogar offen angezweifelt und untersucht. Als normaler Mensch hat er in Gesprächen selbstständig versucht, herauszufinden, was es mit den Geheimnissen der Welt auf sich hat. Die Philosophie ist für uns nichts Spirituelles oder Göttliches, sondern eine nüchterne, rationale Wissenschaft, die von Menschenhand kommt. Deshalb ist die europäische Philosophie sehr analytisch und versucht immer, logische Wahrheiten aus notwendigen Bedingungen zu schließen. Das macht auch Sokrates´ Nichtwissen sehr paradox, weil es eben nichts ist, das von außen gekommen ist. Und ich finde das sehr weise und wertvoll. Aber lasst uns nicht so tun, als wäre das die einzige Weise, zu philosophieren. Wie Ptahhotep schon sagt, geht es vor allem darum, Wahrheiten anzustreben und den Menschen um einen herum zuzuhören. Und obwohl er von Ma´at, der Weisheitsgöttin, geredet hat, ist er trotzdem zum Schluss gekommen, dass man im Sinne anderer Menschen handeln soll. Wieso sollte das also weniger Wert sein als eine analytische Untersuchung des Guten? Und wenn wir über andere Folgen von mir reden, so sehen wir, dass der Buddhismus ganz klar eine Religion mit spirituellem Hintergrund ist. Trotzdem liefert er einen reichen Boden für philosophische Gedanken – und das obwohl er sich zum Großteil gegen sie stellt! Was wir im Westen manchmal verlieren, ist der Blick über das große Ganze und das Lebensgefühl, weil wir uns zu sehr in kleinen Details und notwendigen Sätzen verstricken. Das ist der Wert der internationalen, und in diesem Fall, afrikanischen Philosophie: Sie kann uns genau diese erweiterte Perspektive geben. Und deshalb sollten wir sie nicht einfach verwerfen, weil sie anders ist oder eine unklare Historie hat. Vielmehr sollten wir es so halten, wie es schon alle weisen Philosoph*innen gesagt haben: zuhören und lernen.


Konklusion

Ich denke, mir bleibt nicht mehr viel zu sagen übrig. Ich hoffe, es ist klar geworden, wieso ich nicht einfach eine einzelne Strömung aus dem afrikanischen Raum genommen und darüber geredet habe. Das werde ich sicher auch mal tun, aber hier wollte ich vor allem über das Problem der internationalen Philosophie an sich reden. Es war auf jeden Fall eine sehr interessante Recherche! Ich habe diese Folge wirklich sehr lange in meiner Ideenliste gehabt, aber nie angegangen, weil ich einfach keine Literatur gefunden habe. Aber es hat mir tatsächlich einmal mehr die Augen geöffnet, als ich mich dem endlich gewidmet habe und ich hoffe, euch auch. Sagt mir dazu gern, was ihr denkt. 

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Also, dann bedanke ich mich, dass ihr mal wieder da wart und wünsche euch noch einen schönen Tag!


Quellen:

„Philosophie in Afrika“ - Anke Graneß

„Antike Philosophie“ - Perfrancesco Basile

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