#53 Squid Game: Was ist unsere Natur?

Zusammenfassung

Kennt ihr die Serie „Squid Game“? Ich habe neulich die zweite Staffel angeschaut und da ist mir etwas Interessantes aufgefallen. Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber ich sehe hier einen großen philosophischen Widerstreit. In der Welt von „Squid Game“ werden seit mehreren Jahren Menschen mit Geldproblemen in Südkorea aufgegabelt und dazu verleitet, an mörderischen Spielen teilzunehmen, um am Ende viel Geld zu gewinnen. Seong Gi-hun, der das schon einmal getan und nur knapp überlebt hat, macht ein weiteres Mal mit, um dem ein Ende zu setzen. Er versucht, auf die Menschen einzureden und sie dazu zu bringen, sich gegen die Spiele aufzulehnen. Gleichzeitig schleust sich der Leiter selbst, Hwang In-ho, heimlich ein und mischt mit, um zu beweisen, dass die Menschen im Grunde alle moralisch verkommen sind und nicht die Spiele. Was am Anfang wie ein sehr abwegiger hot take klingt, bewahrheitet sich am Ende sogar teilweise! Wenn ihr mehr dazu hören wollt, schaltet gerne ein! Wie immer auf „Philosophie für zwischendurch“!                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Für die heutige Folge dachte ich mir, ich mache mal wieder etwas zu einem Film, bzw. einer Serie. Diese kleinen Exkurse kommen immer ganz gut an, habe ich das Gefühl. Könnt da auch gern mal rückmelden, wie ihr es findet. Das Produzieren macht zumindest sehr viel Spaß. Man denkt von der Philosophie immer, dass sie so sehr theoretisch ist und nicht viel mit der praktischen Welt zu tun hat. Und in einem gewissen Sinne stimmt das auch: Meistens ist es im Alltag nicht so wichtig, was der Sinn des Lebens ist oder die personale Identität. Aber das ist sehr oberflächlich gedacht: Wenn man sich die Geschehnisse der Welt insgesamt anschaut, steckt überall Philosophie. Und das merkt man vor allem ganz gut, wenn man einen Film schaut, weil man da genau diese Perspektive hat: Man schaut von außen zu und bewertet. Und gewisse Themen und Probleme versteht man erst, wenn man über sie philosophiert. Ich habe auch das Gefühl, dass ich euch in diesem Format zeigen kann, wie ich Filme anschaue. Ihr müsst euch vorstellen, diese Folgenthemen beinhalten immer die Fragen, die ich mir sofort stelle, wenn ich etwas anschaue. Zum Beispiel bei der Prometheusfolge, falls die jemand von euch gehört hat: Natürlich ging es um Aliens, menschlichen Fortschritt, Kriege und Gefahren von außen. Aber ich sehe darin eine Erzählung über eine Menschheit, die nach ihrem Ursprung und Sinn sucht. Genau so wie ich in dieser Folge wahrscheinlich auch etwas herauslese, was Andere für irrelevant befunden haben mögen. Ich weiß natürlich auch nicht, was die Drehbuchautor*innen der Filme im Kopf hatten, also keine Ahnung, ob meine Interpretationen mehr aus den Dingen herausholen, als drinsteckt. Aber ich finde, dass das auch das Schöne an solcher Kunst ist: Dass alle das daraus mitnehmen können, was für sie bedeutsam ist. Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber ich habe mal den Satz gehört, dass es bei der Kunst weniger darum geht, was drinsteckt und mehr darum, was man herausholen kann. Das fand ich eigentlich recht treffend.


Naja gut, ich labere euch wieder ein Ohr ab. Wobei, rein technisch gesehen, mache ich das auch so. Worum geht es heute? Wie schon angekündigt, möchte ich mit euch über eine Serie reden: Und zwar Squid Game. Genauer, die 2. Staffel. Der erste Teil würde zwar auch etwas für eine Folge hergeben, aber beim zweiten, finde ich, wird es richtig philosophisch. Aber worum geht es? Was ist der Bezug zur Philosophie? Ich erzähle euch gleich mehr von der Handlung, aber so viel vielleicht vorneweg: Die „Squid Games“ sind eine Reihe an Spielen, die von einer geheimen Organisation für ein paar reiche Menschen veranstaltet werden. Diese Spiele beinhalten, dass ein paar hundert Menschen in kleinen Wettkämpfen gegeneinander antreten und die Chance haben, viel Geld zu gewinnen. Der kritische Punkt dabei ist aber, dass diese Spiele so designed sind, dass man stirbt, wenn man sie verliert. Die große Frage, die dann sich in der zweiten Staffel stellt, ist: Sind die Spiele tatsächlich böse? Oder zeigen sie einfach nur die wahre Natur der Menschen, die mitspielen? Das klingt jetzt natürlich vor diesem Hintergrund noch sehr absurd. Warum sollten die Menschen selbst denn böse sein? Deshalb lasst mich gleich ein bisschen weiter ausholen. In jedem Fall schauen wir uns heute die menschliche Natur etwas genauer an. Sind wir tatsächlich im Prinzip gute Wesen? Oder ist der Mensch eigentlich böse?


Die Handlung

Aber reden wir zuerst einmal ein bisschen mehr über Squid Game. Um die zweite Staffel zu verstehen, muss ich natürlich auch über die erste reden. Deshalb ist das hier alles erst einmal Vorgeschichte, zum relevanten Punkt kommen wir dann. Die Handlung spielt in Südkorea – deshalb verzeiht mir, wenn ich die Namen nicht alle perfekt aussprechen kann. In der ersten Staffel treffen wir einen hochverschuldeten Seong Gi-hun, der mit seiner Mutter zusammenlebt. Er ist von seiner Frau geschieden und hat das Sorgerecht für seine Tochter verloren. Da er sich von vielen Leuten Geld geliehen hat, versucht Gi-hun verzweifelt, durch Glücksspiel genug aufzutreiben, aber scheitert wieder und wieder. Schließlich ist sogar seine Tochter von ihm enttäuscht, als er an ihrem Geburtstag versucht, sich etwas dazuzuverdienen. Komplett mittellos wandert Gi-hun die nächsten Tage also umher, auf der Suche nach einer Möglichkeit, Geld zu verdienen. Da trifft er einen geheimnisvollen Mann in einem Anzug, der ihm eine hohe Menge Geld verspricht, wenn er in einem kleinen Spiel namens „ddakji“ gewinnt. Gi-hun muss nämlich mit einem blauen quadratischen Umschlag aus Pappe einen roten, der auf dem Boden liegt, so treffen, dass er sich umdreht. Eigentlich eine sehr einfache Aufgabe für die Menge an Geld, die ihm versprochen wurde. Er spielt also mit und gewinnt. Bevor er geht, gibt ihm er Mann eine Karte mit einem Dreieck, einem Kreis und einem Quadrat darauf. Auf der anderen Seite ist eine Telefonnummer. Die soll er anrufen, wenn er Interesse hat, an weiteren Spielen dieser Art teilzunehmen und Geld zu verdienen. Und wie kann man da „nein“ sagen? Gi-hun ruft gleich bei der nächsten Gelegenheit an.


Doch der gewünschte Segen bleibt ihm verwehrt: Zuerst wird er gepackt und betäubt, in einen Van gepackt und an einen unbekannten Ort gefahren. Dort bekommt er neben vielen anderen Menschen eine Nummer zugeteilt und die Spiele beginnen. Erst scheinen es tatsächlich einfache Kinderspiele zu sein und die versprochene Geldsumme ist enorm. Jedoch zeigt sich schon beim ersten Spiel, dass dieser Ausflug ein Albtraum sein würde. Die Teilnehmer*innen spielen quasi „rotes Licht, grünes Licht“. Das funktioniert folgendermaßen: Alle starten hinter einer roten Linie eines großen Spielfelds, an dessen Ende eine riesige Puppe eines Mädchens steht. Sie ist an einen Baum vor ihr gelehnt und hält sich die Augen zu. Während sie das tut und gleichzeitig Musik ertönt, muss man auf sie zulaufen und versuchen, das Feld so schnell wie möglich zu überqueren. Dreht sie sich aber um, muss man ganz starr stehenbleiben und darf sich nicht bewegen. Tut man es doch, hat man verloren, ebenso, wie wenn man es in der Zeit nicht schafft, das Feld zu überqueren. Verliert jemand, muss er aber nicht einfach nach Hause gehen, sondern wird an Ort und Stelle erschossen. Dementsprechend ist das erste Spiel ein Blutbad, bei dem bestimmt die Hälfte der Teilnehmer*innen stirbt. Der traumatisierte Gi-hun überlebt zwar, aber will danach einfach nur weg. Überraschenderweise wird ihm das sogar gewährt, denn es gibt eine wichtige Klausel in den Regeln des Spiels: Wenn alle Mitspielenden dafür stimmen, dürfen sie nachhause gehen. Kurz darauf kehren aber die Meisten wieder zurück, weil sie das hohe Preisgeld ganz einfach brauchen. Eine weitere Mehrheit für den Abbruch lässt sich danach nicht mehr finden. Also schlägt sich Gi-hun durch mehrere weitere Spiele und schafft es mit viel Glück am Ende, als Einziger zu überleben und ein gigantisches Preisgeld einzustreichen. Aber es ist kein Geld, an dem er sich erfreuen hat, denn er hat hunderte von Menschen dafür sterben sehen. Wie er am Ende erfährt, gab es noch nicht einmal einen tieferen Sinn dahinter, sondern es war einfach nur zum Amüsement von einigen reichen Menschen, die diese Spiele über Kameras verfolgt hatten. Gi-hun wird suggeriert, sich das Geld einfach zu nehmen, das Land zu verlassen und die ganze Sache zu vergessen. Doch dann sieht er von der Ferne den geheimnisvollen Mann wieder, der jemanden „ddakji“ spielen lässt und ihm wird klar, dass die Spiele nicht aufgehört haben. Also entscheidet sich Gi-hun, zu bleiben und dagegen vorzugehen.


Und hier setzt die Handlung der zweiten Staffel ein. Wir befinden uns in einer deutlich späteren Zeit, in der Gi-hun überall nach den Spielemacher*innen suchen lässt. Schließlich wird er fündig und versucht, die Verantwortlichen mit Gewalt auszuschalten. Er scheitert aber und verliert einen Teil seines Einsatzteams. Die einzige Wahl, die ihm bleibt, ist, noch einmal teilzunehmen und zu versuchen, die Spiele von innen zu zerstören. Als er dem Leiter der Spiele, Hwang In-ho, diesen Wunsch unterbreitet, findet der erste philosophische Austausch statt. Gi-hun wirft ihm vor, die Menschen auszunutzen und sie in einer ganz verletzlichen Phase abzugreifen, um sie sich gegenseitig zum Amüsement abschlachten zu lassen. Ein sehr berechtigter Punkt. In-ho meint aber, dass nicht die Spiele böse sind, sondern die Menschen. Klar, sie kommen aus schwierigen Verhältnissen, aber ein jeder davon hätte die Möglichkeit, Geld auf ehrliche Weise zu verdienen und es hätte sich niemand davon verschulden müssen. Die Spiele sind gewalttätig, aber fair. Alle haben eine Chance zu gewinnen, das Geld ist real und es werden nie Kämpfe unter den Mitspielenden provoziert. Alles, was an Lügen, Gewalt und Mord zwischen den Spielen passiert, ist allein ihr Werk. Und außerdem hatten alle die Möglichkeit zu gehen, aber sind wiedergekommen. Wie kann es also sein, dass die Spiele zum einen lauter Teilnehmer*innen haben und zum anderen als moralisch verwerflich verschrien werden? Macht man es sich da als Mensch nicht etwas einfach? Hier steckt schon eine Menge drin, worüber wir noch reden werden. Aber jetzt erstmal weiter im Text. Gi-hun nimmt also an den Spielen teil und merkt direkt, das sich nichts verändert hat: Sie sind noch immer sehr gewalttätig und die neuen Spieler*innen greifen auf dieselben Betrügereien und Kämpfe zurück, wie es die alten getan haben. Trotzdem will Gi-hun etwas verändern: Sein Ziel ist es, die Leute dafür zu sensibilisieren, dass die Spiele böse sind und man etwas dagegen unternehmen muss. Er will gewissermaßen seinen moralischen Glauben beweisen. Die Leute sind nicht böse, sondern verzweifelt, und wenn er sich Gehör verschafft und genug auf sie einredet, werden sie die Spiele gemeinsam durchstehen und schnellstmöglichst verlassen. Es gibt eine neue Regel, die das sogar noch etwas einfacher machen müsste: Es gibt zwar weiterhin pro geschafftem Spiel und gestorbenen Spieler*innen mehr Geld, man kann aber die aktuelle Menge mitnehmen, wenn man mehrheitlich dafür stimmt, zu gehen. Das ist am Anfang pro Kopf nicht extrem viel, aber nicht schlecht. Und Gi-hun tut hier wirklich sein Bestes, gibt beim ersten Spiel Tipps, erzählt den Leuten von den Gefahren und bittet sie inständig, dafür zu stimmen, zu gehen. Und am Anfang scheint es sogar ganz gut zu funktionieren: Beim ersten Spiel tun fast alle, was er sagt und stellen sich hintereinander, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, von der riesigen Puppe erfasst zu werden. Trotzdem gibt es viele Tote, was die Menge sehr erschüttert. Es stimmen danach 50% dafür, zu gehen.


Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Der Spieler mit der Nummer 1 tritt als Letzter bei der Wahl nach vorne, entscheidet sich, die Spiele fortsetzen zu wollen und gewinnt die Wahl für die Gegenseite. Danach sehen wir sein Gesicht: Es ist Hwang In-ho selbst, der Leiter der Spiele! Er hat sich unbemerkt bei seinen eigenen Spielen eingeschlichen, um Seong Gi-hun zu beweisen, dass er sich über die menschliche Natur irrt. Und wahrscheinlich auch, um dessen Einfluss auf die Spiele einzudämmen, das kann man sicher auch argumentieren. Erkennen tut ihn aber niemand, weil er immer mit Maske und einem Stimmverzerrer gearbeitet hatte. Ironischerweise und trotz seines Stimmergebnisses freundet er sich mit Gi-hun an und stellt sich als sehr angenehmer und ruhiger Zeitgenosse heraus. Schnell bilden die Beiden mit einigen Anderen eine Gruppe bei den Spielen und bestehen sie nacheinander. In-ho zeigt dabei eine sehr hohe Kompetenz, erkundigt sich regelmäßig nach seinen Mitspieler*innen und hilft Gi-hun dabei, den Rest davon zu überzeugen, dass sie unbedingt diese Spiele beenden müssen. Doch am Ende hilft es alles nichts. Es geht immer weiter und die Gewalt zwischen denen, die gehen wollen und denen, die bleiben, nimmt zu. Nach dem dritten Spiel schließlich eskaliert es. Es gibt eine Wahl, die so ausgeht, dass genau die Hälfte gehen und die andere bleiben will. Die Anweisung ist, eine Nacht darüber zu schlafen und am nächsten Morgen noch einmal zu wählen. Natürlich wissen die Spielemacher*innen genau, was sie tun, denn zum ersten Mal gibt es bei der Essensration für die Leute auch jeweils eine Gabel: Im Grunde eine Waffe. Nach einer Auseinandersetzung beginnen die Leute, trotz aller Versuche der Deeskalation, sich gegenseitig abzustechen und es gibt mehrere Tote. Entsetzt zählen Gi-hun und In-ho durch, wie viele Leute ihnen noch bleiben und sie haben scheinbar Glück: Es gab mehr Tode auf der Gegenseite als auf ihrer. Beide wissen jedoch, dass das nicht von Dauer sein wird. In der Nacht wird es einen Angriff geben, in dem versucht werden wird, die Verhältnisse anzupassen. Ihnen bleiben wenige Optionen, denn die Gegner scheinen sich nicht überreden zu lassen und ein Konterangriff scheint auch nicht zielführend zu sein. Da entscheidet sich Gi-hun plötzlich für einen rationalen, aber nahezu teuflischen Plan: Von ihrer Seite ist nur einem kleinen Kreis klar, dass es diesen Angriff überhaupt geben wird. Wenn sie sich also unter den Betten verstecken, ihre Kamerad*innen ihrem Schicksal überlassen und sich später unter die Leichen mischen, könnten sie im richtigen Moment, wenn die bewaffneten Spielemacher*innen kommen, um den Saal zu säubern, die Macht übernehmen und den Kampf zu ihnen tragen. Ein geheimnisvolles Lächeln spielt kurz um In-hos Mund, als er dem Plan zustimmt.


Alles läuft zunächst nach Plan: Der Angriff findet tatsächlich statt, sobald die Lichter ausgeschaltet sind und trifft die Opfer komplett unvorbereitet. Fast alle von ihnen lassen in dieser Nacht ihr Leben. Als die Bewaffneten den Saal betreten und die Leichen entfernen, springen Gi-hun und seine Leute auf, nehmen ihnen die Waffen ab und kämpfen für das Ende der Spiele. Doch der Plan scheitert. Die kleine Gruppe der Revolte bekommt kaum Unterstützung von den Anderen und früh fällt ihnen auf, dass es zu viele Gegner gibt und ihnen zu wenig Munition bleibt. Schließlich setzt In-ho unbemerkt die Maske wieder auf, verschwindet hinter den Reihen seiner eigenen Leute und setzt dem Ganzen ein Ende. Alle engeren Freunde von Gi-hun werden getötet und er gefangen genommen. Und hier endet die 2. Staffel.


Analyse

Ich glaube, aus dieser Staffel lässt sich tatsächlich sehr viel holen. Ich habe ja schon von dem Streit zwischen Seong Gi-hun und Hwang In-ho über die menschliche Natur erzählt, aber jetzt, im vollen Kontext der Handlung, will ich das noch ein bisschen erklären. Man muss schon sagen, dass die Spielemacher*innen nicht moralisch neutral oder unschuldig sind, auf keinen Fall! Diese Folge soll kein absoluter hot take darüber sein, dass es gerecht wäre, Menschen zu töten, wenn sie das in Kauf nehmen. Gi-hun hat schon Recht: Es sind tatsächlich Leute, die durch ihre finanzielle Situation dazu gezwungen sind oder sich gezwungen fühlen, jede Gelegenheit für schnelles Geld anzunehmen. Man kennt auch nicht jede Hintergeschichte: Sicherlich sind da viele Finanzbetrüger*innen oder Säufer*innen, die das Geld nur einfach verloren oder verzockt haben. Aber es gibt sicher auch viele andere, sehr traurige Hintergründe darunter. Und wenn man ihnen helfen will, könnte man das Geld auch einfach so verteilen, dazu ist es nicht nötig, sie kämpfen zu lassen. Geschweige denn, sie umzubringen. Also, In-hos Spiele sind auf jeden Fall böse. Aber eigentlich sagt der Leiter auch gar nicht so viel dagegen. Es geht ihm mehr um die menschliche Natur.


Das Bild, das Gi-hun hier verteidigen will, kommt einem schnell naiv vor. Er scheint zu denken, dass die Menschen eigentlich alle gut sind und es ihnen immer widerstrebt, etwas Schlechtes zu tun. Und ja, die Leute sind verzweifelt, aber das ist keine Entschuldigung für ihr Verhalten. Niemand wird dazu gezwungen, jemand anderen umzubringen. Ja, es gab eine Situation in einem der Spiele, als In-ho entweder selbst hätte sterben können oder einen Mitspieler umbringen. Der Kontext war, dass man in dem Spiel nur zu zweit in einem Raum sein durfte und es eine Person zu viel war. Er hat ihr infolgedessen das Genick gebrochen. Nun, darüber kann man sicher streiten. Aber niemand hat das Abstechen zwischen den Spieler*innen kurz vor dem Aufstand erzwungen. Klar, die Gabeln waren ein provozierender Faktor, aber man kann wirklich nicht alles darauf schieben. Die Wahlen sind ein weiterer Punkt, an dem sich die Schlechtigkeit der Menschen gezeigt hat. Allein eine Person, die gehen will, müsste schon ein Warnsignal sein, weil das heißt, dass man mit einer Pro-Stimme diesen Menschen gegen seinen Willen dazu zwingt, weiterzuspielen und potenziell zu sterben. Und dann würde man ja noch nicht einmal ganz ohne Geld herausgehen, sondern ist nur gierig nach mehr. Sogar mit emotionalen Mitteln wird gekämpft: Es werden willensschwache Spieler*innen unterdrückt und gefügig gemacht, Gefühle für den eigenen Nutzen vorgespielt und mit emotionalen Argumenten manipuliert. Man merkt sehr deutlich, dass hier unter den strengen Bedingungen die zivilisierte Maske fallengelassen wird und die Menschen zeigen, wer sie wirklich sind. Alle Versuche Gi-huns, die Massen zur Vernunft zu bringen, scheitern. Selbst als er eröffnet, dass er selbst schon mitgespielt hat und genau weiß, wie es läuft. Es wird sogar noch schlimmer dann: Eigentlich wollte er damit nur sagen, dass er weiß, wie es wird, aber die Leute fangen auf einmal an, daraus einen Motivator zu machen, weiterzuspielen, weil sie mit seiner Hilfe immer überleben würden. Das heißt im Grunde, dass sie seine Gutmenschlichkeit, niemanden sterben zu lassen, ausnutzen wollen, damit sie gegen seinen Willen weiterspielen können. Das ist doch eigentlich heftig.


In-hos Rolle ist auch interessant, denn er widerlegt Gi-hun, ohne wirklich etwas zu tun. Er ist ruhig, nett und kämpft nach der ersten Wahl dafür, dass die Menschen die Spiele verlassen. Und er gewinnt am Ende! Ich glaube, das ist ein Moment, dem viele Leute nicht so viel Bedeutung zumuten oder zumindest, aus anderen Gründen als ich. Bis zu der Nacht nach der letzten Wahl war Gi-hun immer sehr moralisch und umsichtig. Er war nie böse zu Anderen, auch wenn sie ihn beleidigten oder seine Meinung nicht teilten. Immer hatte er versucht, auf alle einzureden und sie mit Worten zu überzeugen, die Spiele nicht weiterzumachen. Und obwohl sie ihn immer wieder und wieder enttäuscht hatten, war er fest davon überzeugt, dass sie alle nicht böse wären und man sie nicht für ihre Einstellung strafen dürfte: Die wahren Bösen wären noch immer die Spielermacher*innen und reichen Zuschauer*innen. Doch in der letzten Nacht entschied sich Gi-hun zum ersten Mal, etwas wirklich Böses zu tun. Es spielt eigentlich keine Rolle, ob es rational ist oder nicht, denn wenn man will, findet man immer einen Weg. Er wusste genau, dass viele seiner Mitstreiter*innen sterben würden und hat ihnen gezielt nichts gesagt. Alles nur, um deren Tod für einen Plan zu nutzen, der noch nicht einmal sonderlich solide war. Dieses Lächeln von In-ho, von dem ich eben gesprochen habe, zeigt, dass er merkt, dass er ihn geschlagen hat. Er hat nicht nur bewiesen, dass die meisten Menschen dieser Spiele eigentlich schlecht sind, sondern sogar den pazifistischen Helden dazu gebracht, Menschenopfer zu bringen. Und ich finde, man kann den Faden sogar noch weiter spinnen. In-ho hat Gi-hun auf moralischer Ebene besiegt, aber auch im Kampf. Denn durch dessen Betrügerei und diesen verzweifelten Plan wollte sich ihm kaum jemand anschließen und die Revolte schlug fehl. Ja, die Leute hatten auch generell Angst, mitzukämpfen und ja, es gab auch zu wenig Munition, aber der Punkt ist der Folgende: Gi-hun hat hier im Grunde versucht, seinen moralischen Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Er kämpft als Pazifist einen gewaltsamen Kampf gegen den Meister der Gewalt. Dabei hätte er ihn nur mit der Unterstützung der Leute und friedlichen Mitteln besiegt. Ich glaube, dass es das ist, wieso er am Ende auf so vielen Ebenen verliert. Also, Gi-hun ist ja auch kein Pazifist, das sieht man ja. Aber er wollte eben mit pazifistischen Mitteln gewinnen, zumindest, in Bezug auf die anderen Spieler*innen.


Der vernünftige Mensch

Aber jetzt wollen wir einmal einen Blick auf die Philosoph*innen dieser Folge werfen. Wenn es um die menschliche Natur geht, gibt es eine sehr große philosophische Tradition, die schon seit den alten Griechen überall zu finden ist. Wenn man sich die Geschichte anschaut, wirkt sie oft sehr abwegig und man kann es sich kaum vorstellen: Aber tatsächlich ist die philosophisch populärere Sicht der Dinge die von Gi-hun. Die meisten Theorien gehen also davon aus, dass der Mensch im Grunde gut ist oder zumindest einen Hang dazu hat, es zu sein.


Ich finde, dass diese Tendenz am besten bei Aristoteles` Nikomachischer Ethik zusammengefasst ist. Das Werk kennt ihr vielleicht auch schon aus meiner Folge zum guten Leben und zwischendurch habe ich es auch ein paarmal verwendet. Es geht darin zwar eher darum, was das moralisch Gute ist, aber für die alten Griechen waren das moralisch Gute dasselbe wie das gute Leben. Eigentlich eine schöne Weltsicht. Aristoteles sagt, dass jeder Mensch einen Hang zum Guten hat. Selbst wenn man es nicht immer sehen mag, gibt es in uns allen eine Tendenz, moralisch richtig zu handeln, weil wir das als vernünftig ansehen und es uns auch glücklich macht. Es ist definitiv ansprechender, eine andere Person glücklich zu machen, als ihr zu schaden. Aber wie handelt man moralisch? Aristoteles spricht in diesem Zusammenhang von den Tugenden. Das sind Charaktereigenschaften, die immer auf ein Mittelmaß abgestimmt sind. Von allen Dingen auf dieser Welt gibt es ein Übermaß, eine Mitte und einen Mangel. Das ist nicht nur bei den moralischen Handlungen so, sondern zum Beispiel auch beim Sport: Zu viel Training zerstört auf Dauer die Muskeln, weil man sie zwar sehr stark fördert und aufbaut, ihnen aber auch keine Zeit gibt, sich zu erholen. Naja, ich bin kein Fitness-Experte. Und wenn man zu wenig trainiert, passiert im Zweifelsfall gar nichts. Man braucht also die genau richtige Menge an Training, die sich auch pro Person unterscheidet. Und so ist es bei den Charaktereigenschaften auch. Bist du mutig, hast du die perfekte Mitte. Bist du dagegen feige, könntest du dich ruhig mehr trauen und eine tollkühne Person macht zu viel. Jede Tugend ist auf diese Weise aufgebaut. Ein tugendhafter Mensch ist dann jemand, der in jeder Verhaltensweise die Mitte gefunden hat und zu seinen Mitmenschen gut ist. Ein solcher Mensch wäre die Perfektion an Moralität. Es gibt einen ganzen Katalog an Charaktereigenschaften von Aristoteles dazu, die ihr gern mal nachschlagen könnt.


Der interessante Punkt bei dem Philosophen ist aber, wie man dazu kommt, tugendhaft zu sein. Klar, man kann trainieren und üben, aber wieso sollte man das tun? Woher kommt unsere Tendenz, Gutes zu tun? Denn es ist definitiv so, dass das nicht immer unsere anderen Interessen deckt. Da ist Aristoteles tatsächlich ganz direkt und unverblümt: Man muss es einfach lernen und sich daran gewöhnen. Seht ihr, ihm ist schon klar, dass wir eigentlich immer nach unserer eigenen Lust streben und die basalen Instinkte bedienen wollen. Das ist ab unserer Geburt zuerst einmal alles, was wir wollen und bei der ungebildeten Person bleibt das auch so. Die Moral ist definitiv nichts Natürliches, denn dafür ist sie viel zu spezifisch und auf das zivilisierte Leben ausgerichtet. Deshalb müssen wir in unserer Kindheit beigebracht bekommen, dass wir uns freuen, wenn wir Gutes tun und Schmerz empfinden, wenn wir uns unmoralisch verhalten. Notfalls mit Belohnung und Strafe. Das mag extrem wirken, aber in einem gewissen Sinne ist das schon immernoch so. Woher habt ihr gelernt, dass ihr nicht lügen dürft? Eure Eltern haben es euch gesagt. Und dann gibt es noch die restliche Gesellschaft, die schlechtes Verhalten immer sanktioniert und gutes hervorhebt. Zumindest idealerweise. Unser moralischer Kodex mag also künstlich sein, aber das macht ihn nicht weniger wertvoll. Im Gegenteil: Aristoteles meint, dass es die Bestimmung des Menschen ist, seine Vernunftbegabung zu trainieren, zu erkennen, was rational sinnvoll ist und es dann zu tun. Denn sonst wären wir nicht sehr viel mehr als die Tiere – was uns speziell macht, ist unser Gehirn. Dementsprechend muss der Mensch, nachdem er geboren ist, zuerst einmal über die nächsten 10-20 Jahre überhaupt zu einem richtigen Menschen werden. Das soll nicht heißen, dass Aristoteles hier anfängt, den Leuten ihr Menschsein abzusprechen. Aber er meint schon, dass der vernünftige Mensch deutlich weiter in seiner Entwicklung zu seinem eigentlichen Wesen ist als der unvernünftige.


Das menschliche Ich, das aus der Natur kommt und Viele gerne als das „Eigentliche“ bezeichnen, ist auf jeden Fall eine Seite von uns, die einen auch nie ganz verlässt. Aber es ergibt keinen Sinn, zu behaupten, dass wir eher das wären als der rationale Mensch. Diese Seite ist animalisch und auch amoralisch. Also nicht „unmoralisch“, sondern einfach nur von der Moral an sich entfernt. Wenn wir nur das wären, könnten wir uns nicht als Menschen bezeichnen. Wir definieren uns nicht durch unsere biologische Veranlagung sondern über das, was wir nach einer rationalen Überlegung herausfinden. Und natürlich ist es deutlich einfacher, das zu tun, wenn man bei guter Gesundheit ist und die Freiheit hat, sich zu entfalten. Deshalb war den alten Griechen im Übrigen die Demokratie auch so wichtig. Aber ja, so sieht es bei Aristoteles aus: Wir sind eigentlich gut, weil wir von der Gesellschaft darauf trainiert sind, daran Lust zu empfinden. Und das ist nichts Komisches oder Unechtes, nur weil es nicht von der Natur kommt, sondern gerade deshalb authentisch und menschlich.


Der böse Mensch

So viel zur populären philosophischen Sicht. Und dann kam Hannah Arendt und hat uns gefragt, wieso wir es uns eigentlich so einfach machen. Schauen wir uns doch die Weltgeschichte und die Milliarden von Menschen an, die von klein auf darauf trainiert worden sind, gut zu sein. Ist es wirklich die Norm, dass es auf der Welt Frieden gab und alle nett zueinander waren? Oder ist es nicht eher so, dass in den letzten Jahrtausenden so viele Gräueltaten verübt wurden, dass einem nichts weiter dazu einfällt? Nun, Hannah Arendt würde es wissen. Sie selbst wurde Zeugin, als in Deutschland in den 30er Jahren die NSDAP an die Macht kam und wirklich Unaussprechliches getan wurde. Gewalttaten und Verbrechen am eigenen Volk in einem solchen Ausmaß, wie es bis dahin noch nie gesehen wurde. Und man kann nun wirklich nicht sagen, dass die Deutschen davor keine Ahnung von Philosophie oder Zivilisationen gehabt hätten. Arendt sagt, dass im 20. Jahrhundert im deutschen Reich und auf dem Schlachtfeld die Moral gestorben ist. Plötzlich waren ethische Regeln nur einfach Richtlinien, die verworfen werden konnten, wenn sie einem im Weg stehen.


Aber gehen wir ganz analytisch an das Ganze heran. Was ist im 20. Jahrhundert passiert? Warum ist es so speziell? Nun, ich muss euch wahrscheinlich wenig von den Weltkriegen und dem 3. Reich erklären. Was diese Zeit so besonders schlimm gemacht hat, ist, dass alle dabei waren. Es geht nicht um die Menschen in Deutschland, die aus Angst nichts sagen wollten und sich möglichst entfernt haben, das ist ja auch verständlich. Aber Arendt meint, dass die Allermeisten theoretisch in keiner größeren Gefahr geschwebt wären, sich hätten zusammentun können und sich gegen die Umstände im Land wehren! Oder zumindest, wegbleiben, nicht mitjubeln oder gar mithelfen! Es war nicht einfach ein Krieg gegen andere Länder, sondern eine Ausrottung von ganzen Glaubensgemeinschaften und Ethnien, in Vernichtungslagern! Und nicht nur wurde dagegen nichts getan, es gab auch mehrere Menschen, normale Leute, die da einfach mitgemacht haben und damit ihr Geld verdient! Wir erzählen immer von den ganzen Psychopathen, die in den Konzentrationslagern ihren Veranlagungen freien Lauf lassen konnten, aber was ist mit den Leuten, die nach einem langen Arbeitstag wieder heim gegangen sind, zu ihrer Familie und am Wochenende mit den Nachbarn gegrillt? Ihr Beruf war einfach die Beihilfe zum maschinellen Mord anderer Menschen!


Hannah Arendt fragt sich in ihrer Vorlesung über das Böse, wie Philosoph*innen nach solchen Geschichten wirklich noch glauben konnten, dass es einen inhärenten Drang im Menschen gäbe, gut zu sein. Ja, wie man überhaupt von einer objektiven Moral reden kann! Alle Beteiligten hatten eine gute Bildung genossen und wussten, dass es schlecht war, zu morden und lügen. Auch die Gewöhnung, von der Aristoteles spricht, hatte bei allen bestimmt schon eingesetzt. Aber es war ihnen einfach egal! Es ist nicht einmal etwas, das versteckt geschehen ist, denn die jüdische Bevölkerung wurde ganz offen drangsaliert, abgeschleppt und getötet. Gut, die Vernichtungslager waren nicht direkt in den Städten, aber als ob die Menschen nicht wussten, dass da etwas nicht gestimmt hat! Oder rücken wir einmal von den Lagern ab und reden über 2. Weltkrieg. Da haben Leute im ganzen Reich gejubelt, während autonome Länder, die Deutschland nie etwas getan hatten, angegriffen wurden! Wie kann das irgendjemand für legitim befinden? Damals, sagt Arendt, hat die Menschheit vollends ihre Unschuld verloren. Denn bis dahin dachte man, dass man es ja merken und instinktiv zurückschrecken würde, etwas Böses zu tun. Oder man wird eben gezwungen. Bei allen Unrechtsstaaten war es immer eine kleine Gruppe an Menschen gewesen, die den Rest unterdrückt und dazu gebracht hatte, zu morden. Deshalb wurde so selten in der Ethik konkret ausgeführt, was es bedeutete, gut zu sein – denn das weiß ja jeder! Aber in Deutschland meldeten sich sehr viele Menschen freiwillig für die Mitarbeit mit der NSDAP, weil sie darin kein Problem sahen.


Und das bringt Hannah Arendt wieder an den Ausgangspunkt ihrer Vorlesung. Inwiefern ist der Mensch gut? Normalerweise wurde seine Güte immer mit der Motivation bewiesen, gut zu sein. Aristoteles sagt, dass ein guter Mensch Freude daran hat, tugendhaft zu sein. Aber ohne Zweifel hatten Menschen im 3. Reich sehr viel Spaß an der Gewalt oder schreckten zumindest nicht vor ihr zurück. Weil sie aber trotzdem auch teilweise gut handelten und gehandelt hatten, muss man das irgendwie erklären. Es wäre ja auch irrational zu behaupten, dass der Mensch generell Freude am Bösen hätte, denn sonst sähe unsere Weltgeschichte noch einmal sehr anders aus. Lange war es nicht die Philosophie, sondern die Kirche, die die Menschen moralisch gemacht hatte. Es hieß, dass man nicht sündigen dürfte, weil einen sonst Gott im späteren Leben strafen würde. Keine extrem ehrbare Motivation, gut zu sein, aber es hat wirklich lange funktioniert. Auch da nicht perfekt: Natürlich gab es Kriege und es wurde viel gemordet, aber es hat sich alles zumindest ansatzweise im Rahmen gehalten.


In der modernen Welt, also in dem Fall dem 20. und schon im auch 19. und 18. Jahrhundert, wurde die Kirche aber immer weiter zurückgedrängt. Die Naturwissenschaft wurde populärer und auch Philosophen wie Nietzsche die vom Tod Gottes predigten. Plötzlich erschien es albern, so oder so zu handeln, nur weil ein gewisses Buch das einem vorschreiben sollte. Der Mensch war schließlich ein freies Wesen und konnte sich selbst seines Verstandes bedienen – das war Kant, der das gemeint hatte. Plötzlich war es ganz wichtig, alles rein rational zu begründen, alle wollten sich bilden und auch politisch mehr mitentscheiden. Die alten Monarchien wurden immer stärker demokratisiert und mussten schließlich oft komplett weichen. Wieso wollte der Mensch in dieser Zeit gut handeln? Weil es rational das Richtige war! Man würde sich schämen, falsch zu handeln und müsste starke soziale Sanktionierungen über sich ergehen lassen. Wie sich aber in der Zeit des Faschismus in Europa herausstellte, war das keine ausreichende Motivation. Über das schlechte Gewissen kamen die Menschen schnell hinweg, indem sie sich die moralischen Regeln einfach ein bisschen zurechtlegten und sich selbst belogen. Und das Problem mit der sozialen Komponente ist, dass sie nicht funktioniert, wenn niemand da ist, der sich gegen einen stellt. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Moralität und Legalität. Damit sind nicht zwingend die Gesetze gemeint, sondern das, was in einer Gesellschaft moralisch anerkannt ist. Die Moralität ist dagegen das, von dem jeder auch wissen sollte und oft weiß, dass es universell richtig oder falsch ist. Und diesem Kompass muss man folgen, denn die Legalität kann davon abweichen. Und damit sind wieder beim deutschen Reich. Man wurde für dieses extreme Fehlverhalten gegenüber anderen Ethnien und Glaubensgemeinschaften nicht sanktioniert, sondern belohnt. Also begannen die Menschen, sich das anzueignen und warfen alle bisherigen moralischen Lektionen einfach aus dem Fenster. Nichts anderes! Die Gesellschaft und ein bisschen Umdenken, nichts Anderes hat es gebraucht, um aus einem Land voller gebildeter und moralischer Menschen einen Haufen Verbrecher zu machen! Und dann geschehen Taten, die so schlimm sind, dass es wie in der Bibel heißt, dass sie nicht versöhnt werden können.


Der Mensch ist also nicht inhärent gut, es gibt in der Geschichte wirklich keinen einzigen Hinweis darauf, in letzter Zeit sogar eher mehr für das Gegenteil. Auch sollten wir nicht so schnell sein, zu behaupten, dass unser biologisches Ich nicht zu uns gehören würde: Es ist genauso ein Part des Menschen wie seine Vernunft. Jetzt seien wir mal nicht so großzügig zu uns! Der Mensch ist nicht böse oder gut, sondern amoralisch. Wir haben unsere Bedürfnisse und schauen, dass diese am besten gestillt werden. Da wir eine Kultur und Philosophie haben, gibt es natürlich in jeder Gesellschaft moralische Regeln, die sich über die Zeit wandeln. Wir wollen außerdem natürlich keine Sanktionierung und uns gut fühlen, also handeln wir im legalitären Rahmen. Aber nicht, weil es gut ist, sondern wegen der positiven Auswirkungen. Das bedeutet aber auch, dass wir geneigt sind, etwas Böses zu tun, wenn wir uns etwas davon versprechen und unser Umfeld das auch in Ordnung findet. Deshalb muss der Mensch immer wieder aufpassen und den Unterschied zwischen Legalität und Moralität kennen. Das Interessante ist, dass Hannah Arendt Aristoteles` Doktrin im Grunde zustimmt, denn der sagt ja auch, dass wir nicht als moralische Menschen auf die Welt kommen. Sie denkt nur den Gedanken zuende, dass daraus folgt, dass wir nicht inhärent gut sein können.


Bezug auf Squid Game

Ich finde, man sieht diesen Gegensatz, von dem ich gerade gesprochen habe, sehr gut in der Serie von Gi-hun und In-ho verkörpert. Seong Gi-hun geht hier natürlich nach Aristoteles und sagt, dass der Mensch eigentlich gut ist, aber die Möglichkeit bekommen muss, rational zu überlegen und tugendhaft zu sein, ohne um sein Überleben bangen zu müssen. Und genau das war bei den Spielen nicht gegeben: Die Menschen hatten Angst, befanden sich in einer Extremsituation und hatten auch erhebliche Geldsorgen. Wie soll man sich da auf seine menschliche Natur besinnen? Man kann die Menschen nicht danach beurteilen, was sie im Rahmen dieser Spiele getan haben, denn sie hatten wirklich keine Wahl. Und selbst die kleinen Momente der Bosheit, die nicht direkt forciert waren, waren trotzdem erfüllt von Angst und extremem Stress. Wenn sie entscheiden könnten, wären die Leute viel lieber nett zueinander. Und ein bisschen sieht man das schon in der Serie. Die kleine Gruppe, die Gi-hun gebildet hatte, hat sich sehr stark um einander gesorgt und geschaut, dass es allen gut geht. Es gab eine schwangere und auch eine ältere Frau in den Spielen, die zumindest zu Anfang sehr viel Respekt und Achtung von fast allen erfahren haben. Es ist auch unverkennbar, dass alle Beteiligten genau wissen, was eigentlich das Richtige wäre und durch ihr schlechtes Gewissen teilweise fast wahnsinnig werden.


Hwang In-ho ist das Gegenstück dazu und verfolgt die Doktrin Hannah Arendts. Klar, es sind schon extreme Situationen, aber lasst es uns dem Menschen auch nicht zu einfach machen. Man wird sich immer danach richten, was einem das Angenehmste erscheint und die eigenen Bedürfnisse deckt. Die Moral kommt dann als Motivator erst ins Spiel, wenn man sich in einer moralischen Gesellschaft befindet und für ein solches Verhalten belohnt wird. Ansonsten mag es einige sehr ehrbare Menschen geben, aber so sind die meisten nicht. Und genau so ist es am Ende auch: Selbst Gi-hun schafft es nicht, seinen eigenen Standards gerecht zu werden und opfert am Ende sein eigenes Team für eine kleine Chance auf einen Sieg gegen die Spielemacher*innen. Und ganz zu schweigen von allen anderen, die von vornherein morden und lügen, um ihre Ziele zu erreichen. Und so sehr mussten sie auch wieder nicht ums Überleben bangen. Bei den Spielen, ja. Aber außerhalb davon gab es immer genug zu essen, einen Platz zu schlafen und Nachtruhe. Aufs Klo durfte man auch gehen, die Wachen haben sich sogar bei eigentlich verbotenen Zeiten breitschlagen lassen. Und wenn man wirklich nicht mehr wollte, konnte man ja gehen! Sobald die Mehrheit überzeugt war, konnten alle etwas Geld einstreichen und dann nach Hause. Aber so ist es nicht gekommen: Die Mehrheit, die bleiben wollte, hat nur ihrer Gier nachgegeben und die Interessen der anderen Seite ignoriert. Wie schon gesagt, ist es besonders perfide, Menschen, die an diesen mörderischen Spielen nicht teilnehmen wollen, dazu zu zwingen. Das ist im Grunde ein Äquivalent dazu, sie sterben zu lassen oder sogar umzubringen. Und das ist am Ende auch die philosophische Seite, die in dieser Geschichte Recht behält.


Konklusion

Wenn es euch nicht stört, würde ich gleich zur Konklusion springen, weil ich finde, dass ich alle Inhalte in diesem letzten Kapitel ganz gut zusammengefasst habe. Es ist tatsächlich eine interessante Erfahrung, die ich im Verlauf dieser Folge gemacht habe, weil ich abwechselnd der einen und der anderen Seite zugestimmt habe. Mich würde tatsächlich sehr interessieren, was ihr denkt. Ich finde, dass sich nicht ganz leugnen lässt, dass die Spiele die Menschen trotz allem unter Extremsituationen stellen, in denen es schwierig ist, moralisch zu handeln. Es war ein ziemliches Vorhaben von Gi-hun, trotzdem das Vernünftige aus ihnen herauszukitzeln. Aber eigentlich sollten wir es uns auch nicht so einfach machen, denn Hannah Arendt hat schon auch recht: Warum sollte der Mensch gerade gut sein? Am Ende handeln wir alle nach unseren Präferenzen und der eigene moralische Kompass richtet sich sehr stark nach dem, der in der Gesellschaft herrscht, in der man sich befindet. Der wirklich gute Mensch hat eine starke innere objektive moralische Maxime, die unerschütterlich ist, egal, was alle anderen denken und was ihm am bequemsten ist. Das ist ein Ideal, das wir anstreben sollten! Aber leider sind die meisten nicht so und Hwang In-ho ist am Ende sogar so weit, dass er beweist, dass Gi-hun selbst nicht anders ist.


Ich denke, unser Take-Away daraus sollte aber sein, es trotzdem zu versuchen und für unsere Moral zu kämpfen! Man sollte Gi-hun auch nicht dämonisieren, denn selbst wenn diese Tat ein Unding war, war er bis dahin ein so guter Mensch wie alle anderen Spieler*innen zusammen. Er ist extra und trotz seines Traumas zurückgekommen, um sie alle zu retten! Er hat immer versucht, mit Worten Lösungen zu finden und Konflikte gemieden. Er hat allen Menschen geholfen, egal wem, und sich schützend vor sie gestellt. Selbst ganz am Ende hat er an niemandem unnötig Rache geübt, sondern versucht, alle zu retten. Treten wir trotz seines Triumphs nicht in In-hos Falle, die Hände in den Schoß zu legen und die Menschheit für schlecht und hoffnungslos zu erklären. Denn wir wissen es definitiv besser und die Spieler*innen wären zweimal fast soweit gewesen, mehrheitlich für einen Abbruch zu stimmen! Die Spiele sind definitiv falsch und es ist ehrbar, dass Gi-hun freiwillig teilnimmt, um alle zu retten. Lasst uns nicht vergessen, dass wir bei allen Fehlern trotzdem immer danach streben sollten, ein guter Mensch zu sein.

So, und das war die Folge zur Psychoanalyse! Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal etwas dazu machen würde, weil es schon eine sehr andere Wissenschaft ist, aber es gibt doch mehr Parallelen zur Philosophie als es erst scheint.  Lasst es mich gern über einen Kommentar wissen, was ihr denkt! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree. 

Also, dann bedanke ich mich sehr fürs lesen, es war mir wie immer eine Ehre und wir sehen uns bei der nächsten Folge!


Quellen

,,Squid Game" - Hwang Dong-hyuk

,,Nikomachische Ethik" - Aristoteles

,,Über das Böse. Eine Vorlesungen zu Fragen Ethik" - Hannah Arendt

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