#51 Was ist Fortschritt?

Zusammenfassung

Kommt euch die Welt auch manchmal furchtbar schnell und kompliziert vor? Oft werden solche Gedanken abgetan, als eine Entschuldigung, weniger zu arbeiten oder etwas, woran man sich gewöhnt. Aber das Gefühl ist nicht unberechtigt: Diese Welt ist tatsächlich verdammt schnell. Kommunikationswege, über die wir uns in Sekundenschnelle von überall erreichen können, Transportmittel, die uns innerhalb von einem Tag durch die gesamte Welt bringen können. Und leicht und simpel ist das alles nicht. Wie viele von euch wissen, wie ein Flugzeug funktioniert? Oder Strom? Einige können mir vielleicht sagen, dass ein Flugzeug mit dem Auftrieb der Winde arbeitet oder, dass Strom im Kraftwerk produziert wird. Aber wisst ihr WIRKLICH, wie es funktioniert? Wie der Philosoph Georg Simmel sagt: „Wir leben in einer Kulturtragödie, in der wir die Kontrolle über unseren eigenen Fortschritt verloren haben“.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              

Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch!“


Einleitung

Hier bin ich wieder und kann sogar gleich eine frohe Weihnachtszeit wünschen! Ich glaube, ich kann es mir mittlerweile sparen, immer wieder zu sagen, dass eine Weile nichts kam oder ich generell öfter hochladen will. Wir können als allgemeine Regel festhalten, dass ich immer sehr gerne Folgen mache und versuche, das so häufig zu tun, wie ich es einrichten kann. Jedenfalls freue ich mich sehr, diese hier nach ein paar langen Monaten präsentieren zu können und hoffe, dass sie euch gefällt!

Worüber wollen wir denn heute so reden? Wisst ihr, ich habe länger nach einem passenden Thema einer Folge gesucht, mit der ich nach der 50. weitermachen kann. Ich habe viele Ideen umsetzen wollen und doch aufgegeben, weil mir einfach nichts davon relevant genug vorkam. Doch dann ist mir etwas eingefallen, das ich schon lange im Hinterkopf, aber nie wirklich ausgesprochen hatte: Irgendetwas stimmt mit unserer Welt nicht! Das ist natürlich etwas, das von Vielen schon gesagt wurde. Es mangelt der Menschheit überall an Zusammenarbeit, Ressourcen und vernünftigen Entscheidungen. Aber nein, hier geht es nicht um Politik oder Soziologie. Es ist ein Problem, das ganz aus dem Wesen des Menschen allein kommt: Wir wissen hier eigentlich gar nicht, was wir tun. Doch wovon rede ich genau?

Etwas stimmt mit der Welt nicht, weil in einigen Teilen der Erde momentan ein solcher Wohlstand und Reichtum herrscht, wie er in tausenden von Jahren noch nie irgendwo gesehen wurde. Wir haben so unfassbar viel Technologie: Wir können über Smartphones in Sekunden mit Menschen kommunizieren, die kilometerweit weg sind. Wir können über das Internet jede Information ebenso schnell abrufen, die jemals in der gesamten Menschheitsgeschichte existiert hat und wir können über GPS herausfinden, wo sich andere Menschen befinden, auf den Millimeter genau! Wenn man das vor allein schon 200 Jahren gewusst hätte, wäre man überzeugt gewesen, dass einen in 2024 die Utopie erwartet! Nun, davon sind wir weit weg, nicht wahr? Die aktuellen politischen Ereignisse auf der Welt lasse ich einmal außen vor, die kennt ihr schon. Aber schauen wir uns das Individuum eines wohlhabenden Landes in diesen Zeiten einmal an: Sind sie wirklich so glücklich? Die sozialen Medien sprechen zumindest eine andere Sprache. Es gibt glückliche Leute, keine Frage! Aber es sind mindestens genauso viele, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Stress, Zukunftsangst, Überlastung. Man fragt sich, wie wahrscheinlich es ist, später einen Job zu finden. Und selbst, wenn man es tut, zittern die jüngeren Menschen jetzt schon vor der berühmten 40-Stunden-Woche. Ich übrigens auch ein bisschen. Die Welt ist auch so groß und kompliziert geworden, findet ihr nicht? Das meiste, was wir über den Tag so tun und verwenden, könnten wir niemandem sonst erklären. Wir setzen uns in Flugzeuge, die uns mit um die 1000km/h über die Erde tragen. Die meisten Menschen – mich eingeschlossen – wissen noch nicht einmal, wie so ein Flugzeug funktioniert! Irgendwie mit dem Auftrieb der Luft und Kerosin. Aber dann ist es doch verrückt, dass wir dieser Maschine unser Leben anvertrauen! Aber man hat ja auch doch keine Zeit, sich dazu so schlau zu machen, weil es tausende andere Probleme und Fragen auf der Welt gibt, mit denen man sich beschäftigen könnte! Ganz zu schweigen von dem, was wir ohnehin lernen müssen, um später zu arbeiten. Wir kommen ja auch rein biologisch gar nicht mehr bei dem hinterher, was wir so erfinden. Seid ihr schon einmal Auto gefahren? Das ist doch auch verrückt, oder? Da bewegt man so ein Objekt in bis zu 200km/h herum, obwohl unser Auge und Gehirn vielleicht gerade mal auf 10 oder 20 eingestellt ist! Man nimmt die Geschwindigkeit bei 100-200km/h gar nicht mehr so richtig mit, weil das Gehirn das gar nicht so schnell verarbeitet bekommt. Allein bei 50 passiert es schon, dass Dinge in unserem äußeren Blickfeld für uns verschwinden. Das Gehirn filtert alles von außen raus und ersetzt es durch alte Bilder, da der ganze Fokus vorne liegen muss. Oder was haltet ihr von Jetlags? Jemals von einem Urmenschen gehört, der sich schneller fortbewegt hat, als die Welt sich um ihn gedreht hat? Wir fliegen irgendwo um 11 los und kommen 4 Stunden später um 12 Uhr an? Das ist doch verrückt! Ich könnte immer so weitermachen, aber ihr versteht meinen Punkt. Irgendwie sind wir hier fehl am Platz. Alles läuft uns davon, alles wächst uns über dem Kopf zusammen und wir müssen so sehr schuften wie noch nie. Zumindest scheint es so. „Aber wie kann das sein?“, sagt unsere Person von vor 200 Jahren, „es gibt doch jetzt diese ganzen Maschinen, die alles für uns tun! Und was spielt es für eine Rolle, wie viel wir davon verstehen? Der Mensch hat doch gar nichts mehr, wovor er Angst haben muss!“ Nun, das ist wahrscheinlich auch etwas übertrieben. Aber es trifft den Kern des Problems. Wenn wir jetzt nicht unbedingt glücklicher sind, als wir es vor 200 Jahren waren, was haben wir dann überhaupt erreicht? Solche Erfindungen sollen uns eigentlich das Leben leichter machen und Aufgaben abnehmen, aber stattdessen steigen unsere Anforderungen mindestens genauso schnell. Sind diese Maschinen wirklich förderlich für uns oder ist das einfach eine fremde Welt, der wir uns angepasst haben und die wir kaum verstehen? Was ist dieser „Fortschritt“, von dem wir immer behaupten, ihn zu tun? Was bedeutet es, tatsächlichen Fortschritt zu machen?

Viele Fragen mal wieder, ich weiß. Ich finde aber, dass das ein Thema ist, dass man nicht so gut alleine bereden kann. Ich kann euch jetzt allen einreden, dass ich mich eben manchmal überfordert fühle und es deshalb für die gesamte Menschheit gilt. Aber ich dachte, für einen etwas besseren Einstieg in das Thema hole ich mir meine gute Freundin Selinay heran und befrage sie dazu ein wenig. Mit den Philosophen, die sich dazu auslassen, widmen wir uns dann später. Aber jetzt möchte ich erst einmal wissen: Was genau ist gerade das Problem?

 

Das Duo-Segement

(Hierzu gab es kein Skript, aber hier habe ich die prinzipiellen Fragen einmal, die ich stelle)

-       Kennst du das, wenn einige Menschen sagen, dass ihnen die Welt zu schnell oder anstrengend vorkommt?

 

-       Sind wir heutzutage glücklicher als früher? Genau so? Oder vielleicht sogar weniger?

 

-       Es gibt in dieser Folge einen Begriff, der später noch eine wichtige Rolle spielen soll: „Fortschritt“ – was bedeutet das für dich?

 

Der Fortschrittsbegriff

So, da bin ich wieder. Ich finde, an Selinays Input können wir gut anknüpfen. Fassen wir aber einmal zusammen, was wir gerade alles gehört haben.

Zuerst einmal bin ich erleichtert, dass ich tatsächlich nicht der Einzige bin, der diese Welt recht kompliziert findet. Vor allem im Bereich Internet werden wir einfach von Angeboten und Möglichkeiten überhäuft! Sei es über Whatsapp, wo wir sofort alle Menschen erreichen können und damit auch viele Freizeitoptionen haben. Welche Party ist nun die Beste? Was tun? Oder der ewige Vergleich des Lebens, der Beziehung oder der Ernährung auf den sozialen Medien, der einem tausend Lebenswege zur Schau stellt. Das ist ja fast ein Rezept für Neid und Unfrieden! Auch wenn man sagen muss, dass Technologie schon auch seinen Vorteil hat: Durch Whatsapp können wir nicht nur lauter Menschen plötzlich erreichen, sondern auch bei hitzigen Themen den Wind aus den Segeln nehmen, indem wir das Handy einmal weglegen. Allgemein soll Fortschritt doch auch etwas Gutes sein! Schon der Begriff hat so eine positive Konnotation. Aber warum sind wir dann nicht sehr viel glücklicher? Vielleicht geht es uns tatsächlich schlecht als früher, wie Selinay sagt, oder vielleicht doch besser. Aber eigentlich müsste diese Frage doch viel deutlicher beantwortbar sein! Wie ist es möglich, dass wir überhaupt noch überlegen müssen, ob wir jetzt glücklicher sind als vor 1000 Jahren? Oder die Möglichkeit einräumen, dass wir es nicht sind? Nach all dem Fortschritt!

Aber was sagen denn unsere lieben Philosoph*innen zu dem Thema? Fangen wir vielleicht erstmal mit dem Begriff des Fortschritts an. Dazu haben wir ja eben schon ein bisschen was gehört, aber woher kommt er eigentlich? Grundsätzlich würde man sagen, dass Fortschritt alles ist, was uns in irgendeiner Weise weiterbringt. Fortschritt bedeutet immer, dass etwas in Bewegung ist und sich weiterentwickelt. Auf der medizinischen Ebene haben wir es so zum Beispiel geschafft, im Laufe der letzten Jahrhunderte immer mehr Heilmittel für die verschiedensten Krankheiten zu finden und Menschen damit zu helfen. Fortschritt ist also ein positives Wort, das auch etwas Sinnhaftes hat. Wir haben einen Grund, uns zu entwickeln, weil wir damit langsam immer mehr Probleme lösen. Zumindest in der Theorie. Diese Bedeutung von „Fortschritt“ ist aber eigentlich noch relativ neu. Sie kommt aus dem späteren 17. Jahrhundert, der Zeit der industriellen Revolution. Bis dahin gab es zwar das Wort auch, aber es ging dabei weniger um Entwicklungen, einen Sinn oder eine Wachstumskurve. „Fortschritt“ war im wahrsten Sinne des Wortes einfach nur die Zeit, die davonschreitet. Alle geschichtlichen Ereignisse sind eben aufeinander gefolgt. Bis zur industriellen Revolution wäre niemand auf die Idee gekommen, dem Ganzen einen Sinn zuzuschreiben oder eine merkliche Entwicklung. Das liegt vielleicht auch daran, dass ab dieser Zeit der Kapitalismus immer bedeutsamer wurde und viele Dinge sich grundlegend gewandelt haben. Denkt nur daran, wie viele tausend Jahre lang Landwirtschaft mit den Händen und Vieh betrieben wurde. Und plötzlich gab es Maschinen, die das immer mehr übernehmen konnten! Auf einmal ging es nicht mehr so sehr um Gott oder den König, sondern den Fortschritt. Mehr Geld, mehr Effizienz, ein höherer Lebensstandard. Und so haben die Geschichtsschreiber*innen begonnen, alles danach einzuteilen, wie viel Fortschritt erzielt wurde. Auch in die andere Richtung geht das: Wir planen, welchen Fortschritt wir in der Zukunft haben wollen; wie weit wir uns erstrecken können. Die Stichworte der modernen Welt sind „Verbesserung“, „Entwicklung“ und „Effizienz“.

 

Kulturpessimismus

Das klingt jetzt alles sehr unheilvoll – aber warum eigentlich? Ist es nicht gut, dass wir begonnen haben, uns die Frage zu stellen, wie wir unser Leben einfacher gestalten können? Die Frage ist eben, ob das überhaupt noch unser Leben ist. Ist die moderne Welt der Technologie wirklich eine, die uns gut tut? Es gibt zu dieser Frage in der Philosophielandschaft im Wesentlichen zwei Positionen: Den Kulturpessimismus und Kulturoptimismus. Damit verbunden ist die Technikphilosophie und es geht auch schon in Richtung Gesellschaftswissenschaft, also Soziologie. Vielleicht fangen wir erst einmal mit dem Kulturpessimismus an. „Kultur“ ist in diesem Kontext sehr weit gedacht. Es geht nicht wirklich um spezifische Traditionen oder verschiedene Kulturen auf der Welt, sondern einfach nur das, was uns zum Menschen macht. Unsere Gesellschaft, im Grunde gesehen. Zumindest sage ich das einmal so, das sollte für diesen Themenpunkt reichen.

Jemand, der auf die Entwicklung unserer Gesellschaft eine eher negativere Sicht hatte, war der Philosoph Georg Simmel. Laut Simmel ist bei der Technologie eine gewisse Eigendynamik am Werk, an der wir zwar beteiligt sind, die wir aber nicht steuern können. Bei technischem Fortschritt geht es ohne größeren Sinn einfach vorwärts, auch ohne Rücksicht auf individuelle Wünsche oder gar das, was die Menschheit eigentlich braucht. Denkt an bestimmte Erfindungen wie dieses oder jenes neuere Smartphone mit einer leicht verbesserten Kamera. Wer braucht das eigentlich noch? Wir haben doch schon beim ersten Modell schnelle Kommunikationswege und sehr gute Kameras bekommen! Oder warum gibt es eigentlich immer schnellere Autos? Haben wir nicht schon lange in den meisten Ländern dieser Erde festgelegt, dass bei 130km/h Schluss ist? Wozu gibt es die Atombombe? Haben wir sie etwa nicht kurz nach ihrer Entstehung gleich wieder versucht, zu verbannen, weil sie viel zu gefährlich ist? Und eigentlich will der Mensch doch Frieden und Ruhe! Warum richten sich dann alle unsere Erfindungen danach, möglichst schnell überall sein zu wollen und nicht zur Ruhe zu kommen? Selbst unser Geld ist doch einfach nur Schall und Rauch! Wertloses Papier, das einfach nur ein Versprechen nach Wert enthält! Die meisten Menschen wissen noch nicht einmal, wie das eigentlich funktioniert. Und dann gibt es all diese Finanzcrashs, weil es auf einmal zu viel Geld gibt oder auf zu viele Wetten gewettet wurde und sich das Rad zu schnell dreht. Geld nimmt uns auch komplett die Relation dazu, was ein Produkt eigentlich wert ist. Was kostet ein Apfel? Einen Euro? Weniger? Ist also die Mühe, die es gekostet hat, ihn zu ernten und herzuschaffen, einen Euro wert? Ich sage nicht, dass er teurer sein sollte, sondern, dass wir uns gar kein wirkliches Bild mehr von Wert machen können, weil alles nur mit irgendwelchen Zahlen versehen ist. Und dann steigen und sinken sie manchmal, damit uns vorgegaukelt wird, dass das Produkt damit begehrenswerter oder günstig ist. Wir verlieren einfach komplett den Bezug zu unserer eigenen Welt!

Simmel sagt, dass uns hier unsere Persönlichkeit und der Sinn verlorengeht. Wir rennen die ganze Zeit irgendwelchen Bedürfnissen hinterher, die aber in Wahrheit einfach nur aus dieser künstlichen Welt selbst kommen. Denkt an Werbung und Marketing: Ist das nicht alles dafür da, um uns zu suggerieren, dass wir irgendwas unbedingt haben müssen? Kein Wunder, dass die Leute gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich wollen! Diese künstliche Welt ist nämlich voll mit Dingen, die scheinbare Probleme lösen und sich verbessern, aber eines fehlt ihr: Sinn. Keine Maschine kann uns sagen, was der Sinn ihres Daseins ist. Fortschritt ist auch nicht dafür da, irgendetwas zu erklären. Es geht nur darum, wie das, was es schon gibt, noch besser funktionieren kann. Dadurch wird die Welt sinn-entleert. Und der Mensch auch. Kein Wunder, dass alle nach dem Sinn des Lebens suchen! Die Welt suggeriert uns ständig, dass man mit diesem und jenem die Erfüllung erreicht hat, wenn man nur hier schnell etwas kauft oder ausgibt. Aber es ist nie so. Nie sind wir zufrieden und nach dem 20. Mal wissen wir das auch irgendwann. Wenn ich nach dem 2. und 3. neuen Smartphone nicht glücklicher98 war, wird es das 4. jetzt nicht auf einmal tun. Wir sind eben einfach keine Maschinen. Ein Smartphone hat seinen Sinn bereits erfüllt, wenn es gut funktioniert, das tut, was es soll und durch neue Versionen aktualisiert wird. Aber wir als Menschen brauchen mehr. Wir brauchen Frieden, ein Ziel, etwas, das bleibt. Aber weil das die Technik, die uns beherrscht, nicht hat, zieht sie uns immer weiter hinter sich her, entzieht uns unsere Lebensenergie, unser Glück, unseren Sinn und macht uns im Grunde zu Sklaven. Da wird so langsam wird die Frage laut: „Wie lange noch?“ Wie lange müssen wir uns noch weiterentwickeln, bis unser Leben eine Utopie wird? Wieso arbeiten wir auf einmal länger als früher? Wann ist es genug mit dem Wachstum und wann geht es wieder um den Menschen? Diese Problematik nennt Georg Simmel die „Kulturtragödie“.

 

Kulturoptimismus

Alles etwas dramatisch, nicht wahr? Keine Sorge, es gibt auch Gegenstimmen zu dieser Weltsicht. Ernst Cassirer ist eine davon. Es mag sein, dass unser technologischer Fortschritt eine gewisse eigene Logik angenommen hat, aber es ist noch immer unser Werk. Technik folgt einer gewissen Vernunft. Zwar mag es gewisse Produkte geben, die man nicht wirklich braucht, aber im Allgemeinen kann man in der Entwicklung der Gegenstände schon eine Sinnhaftigkeit erkennen. Oder zumindest, dass sie in eine gewisse Richtung gehen. Es wird ja auch alles immer effizienter, was schon in unserem Sinne ist. Wir wollen weniger Geld für bessere Technik ausgeben, ganz klar. Technischer Fortschritt ist auch nicht so unabhängig von uns, wie wir immer glauben: Wenn es für irgendein Produkt keine Nachfrage gibt, wird es entweder gar nicht erst produziert oder verschwindet schnell vom Markt. Aber es ist natürlich schon so, dass es einen starken Einfluss durch die Technik gibt, das leugnet Cassirer nicht. Er glaubt aber nicht, dass es wie eine fremde Entität ist, die uns gezielt von dem wegsteuert, was wir wollen. Die Realität ist, dass wir Technologie zu einem ganz genauen Zweck haben, den sie auch erfüllt: Unsere Loslösung von den Einschränkungen der natürlichen Welt. Unsere Biologie hängt uns wie ein Klotz am Bein, lässt uns krank werden, leiden und sterben. Da der menschliche Geist aber schon viel weiter ist, arbeitet er immer wieder daran, diese Mängel auszugleichen. Das und nichts anderes tut Technik. Dann gibt es eben selbstfahrende Autos, was soll´s? Wir können es mit unseren Augen eben nicht so gut, aber wollen trotzdem schnell unterwegs sein.

Das Geschenk der Technologie für die Kultur ist die menschliche Freiheit. Endlich nicht mehr jeden Tag bangen, ob man etwas zu Essen findet oder nicht, endlich gesichert ein Dach über dem Kopf haben. Und mit dieser Freiheit können wir uns darauf konzentrieren, glücklicher und moralischer zu werden. Es lässt sich tatsächlich beobachten, dass die wohlhabenderen Gesellschaften immer mehr Möglichkeiten hatten, sich mit moralischen Fragen zu beschäftigen: Daher haben wir jetzt Menschenrechte. Das Ich wird nicht durch die Technik erstickt, sondern bekommt Raum, sich zu entfalten. Diese parallele, technische Welt wird von vielen Menschen angeprangert, aber im Grunde ist sie genau so, wie wir sie haben wollen: Ein Flucht aus der instinktgetriebenen, natürlichen Welt. Tun wir mal nicht so, als würden wir uns in der rohen Natur besser fühlen als hier! Im Dschungel, der Wüste oder dem nordischen Winter wären wir inzwischen schon lange tot. Hier dagegen haben wir Schutz gegen alles und Raum für uns selbst, um unsere Persönlichkeit entwickeln und nachdenken, was wir mit unserem ganzen Reichtum tun wollen. Ich meine, nichts Anderes tue ich selbst gerade, und ihr auch.

Cassirer sagt hier aber nicht nur, womit uns die Technik hilft, sondern auch, was sie nicht tut: sie bringt uns weder Sinn noch Glück. Darin stimmt er nämlich mit Simmel überein. Der einzige Unterschied ist, dass Cassirer das auch nicht von der Technologie verlangt: Es ist nicht ihre Aufgabe. Das mit dem Glück und dem Sinn müssen wir Menschen schon selbst herausfinden. Sonst wäre es auch zirkulär: Wir können keine Maschinen bauen, ohne den Sinn des Lebens zu kennen und dann von ihnen erwarten, dass sie uns zu ihm bringen. Vom generellen Erkenntnisstand her können Maschinen gar nicht mehr wissen als wir. Selbst die schlauste K.I. muss noch immer von uns lernen. Technologie richtet nicht unsere Kultur zugrunde, sondern sorgt dafür, dass sie überhaupt bestehen kann. Ohne jeden Tag ums Überleben bangen zu müssen, können wir uns als Gesellschaft schöne Traditionen und kulturelle Eigenheiten überlegen und ausleben, um unser Leben etwas netter zu gestalten.

Cassirer ist aber auch nicht naiv. Er weiß schon, dass man sich in dieser Welt schnell darin verlieren kann, eben das in den Maschinen zu suchen: Glück und Sinn. Allzu leicht ist es, sich einfach der Technologie anzuschließen und ebenfalls nur nach Verbesserung und mehr Leistung zu streben. Aber wie schon gesagt: Wir funktionieren nicht so. Der Mensch könnte tausendmal stärker sein, als er gerade ist und hätte immernoch nicht mehr Sinn in seinem Leben. Man muss eben immer darüber reflektieren, was man will und wer man überhaupt ist. So, wie wir es jetzt gerade tun: Das neue Smartphone macht nicht an sich glücklich, sondern gibt uns nur die Möglichkeit, mit guten Freunden mehr zu schreiben und reden, wichtige Momente besser festzuhalten oder Informationen schneller herauszusuchen. Aber es ist kein Selbstzweck. Das ist ein Problem, mit dem der Mensch aber schon seit jeher konfrontiert ist, lange auch vor der industriellen Revolution. Machen wir uns doch nichts vor: Es gab schon immer technischen Fortschritt, egal, wie er genannt wurde. Und immer schon hieß es, dass hier nur ein kleines Problem gelöst wird, man sich aber nicht darin verlieren darf. Der Mensch muss immer das große Ganze und den Sinn vor Augen haben, nicht Technologie. Denn sie ist nur ein Werkzeug, kein Lebensziel. Was Simmel als „Kulturtragödie“ tauft, sieht Cassirer eher als „Kulturdrama“, das sich immer wieder abspielt aber zu keiner ernsten Katastrophe führt. Man muss dem eben gewachsen sein.

 

Endstand

Gut, was haben wir jetzt alles? Die Frage unserer Folge war, was eigentlich Fortschritt ist. Mit unserer Welt scheint nämlich etwas nicht zu stimmen: Wir machen zwar am laufenden Band technischen Fortschritt, sind aber noch immer so unglücklich und unfriedlich, als würden wir gar nicht vorwärtskommen. Psychische Krankheiten, Überlastung und Zukunftsängste sind in aller Munde und unsere neusten Erfindungen scheinen den Menschen fast schon komplett zu ersetzen – und trotzdem rackern wir uns ab wie noch nie!

Wir haben zunächst damit angefangen, mit Selinay über dieses ganze Problem zu sprechen. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Technologie macht uns das Leben bei allen Vorteilen schon ein bisschen schwer. Eigentlich sollte Fortschritt etwas Positives sein, das uns voranbringt, aber irgendwie sind wir nicht so glücklich, wie wir es sein sollten. Vor allem in Anbetracht dessen, wie weit wir Menschen medizinisch und mit unseren Maschinen gekommen sind. Wir sind gebeutelt durch die ganzen Möglichkeiten, die wir uns selbst gegeben haben und können uns gar nicht mehr entscheiden. Ob über die sozialen Medien, bei Streaming-Diensten oder selbst im Restaurant: Diese Welt ist teilweise so luxuriös, dass wir sie schon gar nicht mehr genießen – so ironisch das klingen mag.

Weiter ging es mit dem Kulturpessimisten Georg Simmel. Er sagt das Folgende: Wir sind mit der Technologie so weit gekommen, dass sie schon eine komplette Eigendynamik entwickelt hat und droht, uns komplett in ihr einzuspannen. Es geht die ganze Zeit nur sinnlos vorwärts und wir müssen immer mehr arbeiten, um diese ganzen neuen Aufgaben zu bedienen. Dabei sind wir keine Maschinen, sondern Menschen. Diese Erfindungen kennen nämlich keinen Sinn oder Persönlichkeit und wenn wir ihnen zu ähnlich werden, verlieren wir beides. Leider geht der Trend in diese Richtung. Wir verlieren uns immer mehr in der Technologie, bis wir selbst nicht sehr viel mehr sind als ein besseres Werkzeug. Und das ist die Kulturtragödie.

Ernst Cassirer, ein Kulturoptimist, findet das aber alles etwas übertrieben. Es stimmt zwar, dass die Technik eine Dynamik besitzt, aber sie richtet sich noch immer nach uns, ihren Erschaffern. Technologie ist kein Sinnstifter oder Glücksbringer, sondern einfach nur ein Werkzeug, das uns dabei verhilft, freier zu werden. Wenn wir es richtig machen, können wir die Technik benutzen, um den Fesseln der natürlichen Welt vollends zu entkommen und dann weiterüberlegen, was wir mit unserem Leben machen wollen. Ja, das müssen wir leider immernoch selbst herausfinden. Aber das sollte eigentlich im Rahmen unserer Möglichkeiten sein, schließlich haben wir so viele Herausforderungen bewältigt. Dass es viele Menschen gibt, die sich trotzdem im Strudel der Technik verlieren und ihn nicht kontrollieren können, sieht Cassirer einfach nur als ein „Kulturdrama“ .

 

Konklusion

Gut, was machen wir damit? Es sind ja nun wirklich zwei sehr unterschiedliche Meinungen, die wir hier zusammenfassen müssen. Wie immer in der Philosophie, liegt die Antwort in der Mitte. Wir Menschen sollten wirklich etwas vorsichtig sein. Wir sind immernoch Kinder der Natur und damit aufgewachsen und geboren, dass Mehr besser ist. Für Tiere ist diese Einstellung kein Problem: Irgendwann gibt es einfach keine Beute mehr für sie, dann können sie aufhören. Aber wir sind auf der Spitze der Nahrungskette und können uns im Grunde holen, was wir wollen. Deshalb müssen wir uns ein bisschen stoppen, wenn wir über die Stränge schlagen und nur noch für kurzfristige Befriedigung und technischen Fortschritt leben. Die großen Fragen des Lebens findet man dort nicht, sondern nur in sich selbst. Wenn euch das Glück und der Sinn übrigens mehr interessiert, hört gerne einmal in meine 2. und 19. Folge rein.

Auf der anderen Seite haben wir eben durch diesen Fortschritt die perfekten Gegebenheiten, mehr nachzudenken: Jetzt können wir uns mehr denn je mit Moral und dem Glück beschäftigen und herausfinden, wie wir unser Leben auf der Erde eigentlich führen sollten. Ich meine, schaut mich an: Ich mache im Grunde genau das, indem ich Philosophie studiere! Wir müssen es nur eben tun und gegen den Sog der künstlichen Welt ankämpfen. Wir sind immernoch Menschen, keine Maschinen. Vieles von dem Druck, den wir uns innerhalb der Gesellschaft gegenseitig auferlegen, ergibt eigentlich gar keinen Sinn! Deshalb wird es immer wichtiger in diesen modernen Zeiten, in sich zu gehen, und sich zu fragen, wer man eigentlich ist und was man will. Und dann wird man erkennen, dass das alles hier einfach nur Mittel zum Zweck sind, Werkzeuge, um ein angenehmes Leben zu führen. Aber das eigentliche Glück schlummert irgendwo tief in uns. Manchmal hilft einfach nur ein bisschen Ruhe und Frieden, um es zu finden. Und das können wir heute genauso gut wie vor 1000 Jahren.

So, das war es mit dieser Folge. Ich hoffe, sie hat euch gefallen! Entschuldigung auch, dass ich euch wieder etwas habe warten lassen – ihr wisst, ich tue mein Bestes. Ich fand es sehr schön, endlich mal etwas zu dieser Thematik sagen zu können! Es ist wirklich ein sehr großes Problem der heutigen Zeit und ich sehe es überall in den sozialen Medien. Lasst es mich gern über einen Kommentar wissen, was ihr denkt! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree. 

Also dann, noch einmal eine frohe Weihnachtszeit und vielen lieben Dank, dass ihr mich auch in 2024 wieder so tatkräftig unterstützt und gehört habt. Ihr seid wirklich die Besten!


Quellen:

,,Das Maß des Fortschritts" - Stephan Schleissing

,,Die kulturelle Logik der Objekte. Zur technikphilosophischen Aktualität von Georg Simmel und Ernst Cassirer" - Oliver Honer

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