#50 Wie philosophiert man?
Zusammenfassung
Nach fast drei Jahren ist es endlich soweit: Wir sind bei der 50. Folge angelangt! Und weil das ein kleiner Meilenstein für diesen Podcast ist, will ich euch heute ein bisschen was über ihn erzählen. Genauer gesagt, wie ich eigentlich an meine ganzen Fragen, über die ich hier rede, herangehe. Wie philosophiert man eigentlich? Oder: Wie philosophiere ich? Es ist natürlich schön, dass ihr weiterhin hier zuhört und einschaltet, aber ich bin mir sicher, dass ihr das mindestens genauso gut könntet wie ich: Philosophieren ist nicht schwer! Ich möchte euch heute ein bisschen zeigen, wie ihr auch selbst an Fragen herumüberlegen könnt und vielleicht auch zu einem Ergebnis kommt. Dazu gibt es noch ein paar philosophische Lesetipps.
Hallo zusammen und
herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für
zwischendurch“!
Einleitung
Wir haben es geschafft:
Das hier ist tatsächlich die 50. Folge dieses Podcasts! Was eine Reise das bis
hierhin wahr: Im Oktober 2021 habe ich mit der ersten Episode angefangen und
seit dem immer wieder etwas hochgeladen. Damals noch jede Woche, inzwischen
eher jeden Monat, aber meine Leidenschaft für diesen Podcast ist echt nie
geringer geworden! Wenn ich eines in dieser Zeit gelernt habe, ist es, dass man
durch das Erklären selbst immer besser versteht. Ich habe über den Sinn des
Lebens geredet, das Konzept von Identität, über die Zeit, Geschlecht und auch
das Philosophieren selbst und dadurch deutlich besser für mich verstanden, wie
die Dinge in der Welt eigentlich zusammenhängen. Auch, wenn man nie komplett
auslernt. Und natürlich hoffe ich, dass ihr hier genauso viel mitnehmen könnt
wie ich! Da ich die Bücher für die Recherche logischerweise immer schon kenne,
wenn ich diese Folgen erstelle, hoffe ich immer, dass ich die Themen
tatsächlich anschaulich erkläre und nicht einfach Sachen auslasse, die für mich
selbstverständlich sind. Sagt mir da gern Bescheid! Inzwischen sind wir
ungefähr 2000 Follower auf Spotify und wöchentlich um die 400 Zuhörer*innen und
dafür bedanke ich mich herzlich! Das sind Zahlen, die ich mir nur schwer
vorstellen kann, vor allem, dass die alle sich für meinen Content
interessieren sollen! Also, noch einmal vielen Dank, dass ihr dabei seid.
Da das hier eine ganze
besondere Folge ist, soll es einmal um diesen Podcast an sich gehen. Mir haben
viele von euch schon die Frage gestellt, wie ich eigentlich meine Folgen mache.
In der technischen Hinsicht existiert die Antwort schon seit Längerem auf
meinem Instagram, um dafür kurz Werbung zu machen. Aber ich werde ich hier
nicht lang und breit von meinen Fragestellungen, Literaturrecherchen, Skripten
und Aufnahmen berichten. Ein bisschen philosophisch will ich das hier schon
halten. Das ganze technische know-how bringt mir alles nichts, wenn ich nicht
weiß, wie ich die Hauptsache hier überhaupt angehe: Die Philosophie. Wie
philosophiert man richtig? Woher weiß ich bei einer Frage wie „Was ist der Sinn
des Lebens?“ überhaupt, wo ich anfangen soll? Zur Feier dieser Folge möchte
euch einmal vorstellen, wie ich selbst und andere Philosoph*innen an solchen
Fragen herangehen, damit ihr das für euch vielleicht auch einmal ausprobieren
könnt! Philosophie ist keine hohe Wissenschaft, die nur den Akademiker*innen
zukommt, sondern sie ist für alle! Es braucht keine teure Ausrüstung, keine
Forschungsdaten und keine Recherche, sondern zuerst einmal nur unseren Kopf:
Und den haben wir alle.
Wie philosophiert man?
In der Philosophie geht
es vor allem darum, einen Gedanken ohne künstliche Grenzen ganz bis zum Ende
durchzudenken. Wie ihr sicher wisst, bedeutet „Philosophie“ so viel wie „Liebe
zur Weisheit“, das Denken ist also wirklich alles, worauf es ankommt. Was meine
ich mit den „künstlichen Grenzen“? Nun, ihr kennt es doch sicher, wenn ihr
etwas immer weiter hinterfragt, bis ihr an den Punkt kommt, wo alle Leute
sagen: „Das ist halt so.“ Die Philosophie kennt das aber nicht, sondern fängt
erst an dem Punkt wirklich an. Denn nichts ist einfach so, wie es ist und auf
alles gibt es eine Antwort. Auch muss man mit Grundannahmen vorsichtig sein.
Klar, einige Dinge kann man nicht abstellen: Es gibt die Philosophie, es gibt
einen selbst, man kann denken etc. Aber man darf nicht zu viele Annahmen
bereits vor der Untersuchung treffen, weil man es sich dadurch kaputt macht.
Wenn man überlegt, ob man jemanden in einer gewissen Situation belügen darf,
hilft es nichts, wenn man vornherein überzeugt ist, dass Lügen falsch ist, weil
es so im Gesetz steht. Man kann zu so einer Konklusion kommen, aber nicht schon
vor der Überlegung, sonst wird es zirkulär.
Nehmen wir den Sinn des
Lebens. Für diese Folge habe ich vor allem sehr viel Jean-Paul Sartre gelesen,
aber mir davor eigene Gedanken gemacht. Ein guter Schritt ist es immer,
Begriffe zu klären. Was bedeutet „Sinn“? Was meinen wir damit, wenn wir dieses Wort
sagen? Das wirkt immer erst sehr vage, weil viele Leute das Gefühl haben, dass
Begriffsdefinitionen nicht einfach nur von unserem spontanen Eindruck abhängen
sollten. Es bräuchte irgendwie ein objektiveres Kriterium. Aber unsere Sprache
ist sehr eng mit dem Denken verwoben, genauso wie unsere Intuition. Natürlich
soll man auch das immer hinterfragen, aber es ist trotzdem ein guter
Startpunkt. Also, was bedeutet „Sinn“? Das weite ich jetzt nicht unnötig aus,
zwei Konzepte, mit denen „Sinn“ stark verwandt ist, sind „Nutzen“ und „gut“.
Zum Beispiel sagt man bei Gegenständen, dass ihr Sinn darin besteht, eine
gewisse, nützliche Funktion gut auszuführen. Wie bei dem Tisch, den ich bei der
Folge als Beispiel hatte. Sein Sinn ist es, Dinge zu halten – geht er aber
kaputt, kann man berechtigterweise fragen, ob er noch einen Sinn besitzt. Das
Konzept, dass etwas Sinn ergibt, muss also irgendwie damit zusammenhängen, dass
es irgendwem irgendeinen Nutzen erbringt. Das kann man so festhalten. Dann
könnte man natürlich weiterfragen, was „Leben“ bedeutet: Schließlich wollen wir
nicht den Sinn eines Tisches, sondern den eines Menschen herausbekommen. In
meiner Folge hatte ich am Anfang nämlich den voreiligen Schluss gezogen, dass der
Sinn des Menschen auch darin bestehen müsste, jemandem einen Nutzen
hervorzubringen. Aber die Existenz eines Tisches funktioniert ganz anders als
unsere, schließlich hat der Mensch den Tisch geschaffen und kann im Unterschied
zu ihm auch denken. Der menschliche Sinn muss also noch einmal irgendwie anders
funktionieren. Damit stellt sich die Frage: „Was ist der Mensch?“ Was macht uns
so besonders? Also habe ich Jean-Paul Sartres Werke durchstöbert und bin auf
die Unterscheidung zwischen Sein für-sich und Sein an-sich gekommen. Die
Details könnt ihr euch auch in meiner Folge zum Sinn des Lebens direkt anhören,
aber im Grunde ist der Mensch ein widersprüchliches Wesen, weil wir von unserer
Willensfreiheit immer in eine andere Richtung getrieben werden. Der Sinn des
menschlichen Lebens hat also zwar schon mit einem Nutzen zu tun, aber weil er
ein so widersprüchliches Wesen ist, ändert sich auch der Sinn ständig und führt
am Ende zu nichts. Dementsprechend ist unser Leben nur subjektiv und nicht
objektiv sinnhaft.
Das ist quasi so ein rein
rationaler Gedankengang, der nicht einfach wegen gesellschaftlichen
Konventionen oder aus Angst vor der Antwort abgebrochen ist. Wir haben nicht
irgendwann gesagt, dass man den Sinn des Lebens sowieso nicht kennen könnte,
oder, dass man darüber nicht nachdenken sollte. Auch sind wir ohne
Grundannahmen herangegangen. Wir haben weder am Anfang festgelegt, dass das
menschliche Leben an sich sinnlos wäre, noch, dass es ganz sicher einen Sinn
hätte. Jetzt kann man natürlich überlegen, was man mit diesem Ergebnis macht.
Wie alles in der Philosophie, kann man es auch anzweifeln und umdeuten, aber
ich finde es sehr überzeugend. Das ist eine weitere Sache: Nur, weil ein
Ergebnis nicht unzweifelhaft feststeht, heißt das nicht, dass es weniger wert
wäre. Wir haben gute Argumente für unsere Position geliefert, sie leuchtet ein
und bringt uns eine gewisse Erkenntnis. Wobei hier auch viele Leute zweifeln
würden, denn: War uns das nicht von vornherein schon klar? Irgendwie wusste man
doch schon, dass das menschliche Leben keinen offensichtlichen Sinn hat, wenn
man nicht gerade religiös ist. Aber ist das tatsächlich so einfach? Die
Philosophie ist nicht wie eine Naturwissenschaft: Weil es hier nur um das
Denken geht, können wir keine Sachen erschaffen, die nicht vorher irgendwie
bereits im Kopf gewesen sind. Deshalb hat man immer das Gefühl, dass das
Ergebnis einer philosophischen Untersuchung sehr offensichtlich ist. Aber ist
euch einmal aufgefallen, dass man das immer erst nach dem Ergebnis sagt? Niemand
kann vor einer philosophischen Untersuchung schon genau aufschlüsseln, was es
mit dem Sinn des Lebens auf sich hat. Die Philosophie schafft neue
Erkenntnisse, aber nicht, indem sie etwas komplett Neues aus der Umwelt
heranholt, sondern, indem sie die Gedanken sortiert und neu kombiniert. These,
Gegenthese und Synthese – das ist der Rhythmus.
Und dann noch eine finale
Frage: Was machen wir mit dem Ergebnis? Was fangen wir damit an, wenn wir
fragen, was der Sinn des Lebens ist und herausbekommen, dass er subjektiv,
veränderlich und ohne jede objektive Basis ist? Man könnte anfangen, sich mehr
auf die eigenen Wünsche zu konzentrieren, da man nun weiß, dass sie das einzige
sind, was einem Sinn verleiht. Man könnte misstrauischer gegenüber anderen
Menschen sein, die behaupten, einen beweisbaren objektiven Sinn für alle
gefunden zu haben. Natürlich kann man weiterhin gläubig sein, aber man muss
verstehen, dass Religion eine Sache des Glaubens, nicht des Wissens ist. Das
wären alles Erkenntnisse, die aus dieser kleinen Überlegung erwachsen sind.
Reflexionsarbeit könnte man das auch nennen, denn wir haben nur nach innen
geschaut. Welches Wissen haben wir und wie können wir durch logische Schlüsse
und Neukombinationen zu einer Erkenntnis kommen?
Die Philosophie des
Sokrates
Das war jetzt, wie ich
persönlich philosophiere. Eigentlich ein recht standardmäßiger klassischer
Ansatz, vielleicht hilft er euch ja weiter. Aber es lohnt sich natürlich auch,
einmal zu schauen, wie das die etablierten und bekannten Philosoph*innen getan
haben. Sokrates ist wahrscheinlich die philosophische Figur, die in diesem
Podcast bisher am häufigsten vorgekommen ist und zurecht: Er ist noch immer
einer der bekanntesten Philosophen und Denker aller Zeiten. Wir können wie immer
nicht sicher sagen, ob er tatsächlich so gelebt und philosophiert hat, wie es
vor allem Platon beschreibt, aber es deckt sich alles mit der Komödie „die
Wolken“ des Aristophanes, Quellen von Xenophon und Schriften der Athener
Gerichte. Sokrates führt seine Dialoge auch genau so, wie man es sich bei einem
Philosophen vorstellt. Wie geht er also heran, wenn er die Antwort auf eine
Frage finden will?
Sokrates versucht immer,
herauszufinden, was die Essenz einer Sache ist. Ähnlich wie ich fragt er immer
zuerst nach der Definition von Begriffen, aber ist sogar noch genauer dabei.
Zum Beispiel gibt es den Dialog Charmides, wo es eben um den jungen Mann
Charmides geht, der ganz toll, tüchtig und für die Politik bereit sein soll.
Dazu fragt Sokrates, was es für die Politik überhaupt braucht. Darauf ist die
Antwort, dass man vor allem tugendhaft sein muss. Also macht Sokrates weiter
und untersucht, ob Charmides tugendhaft ist. Sokrates‘ Leitspruch ist, dass man
immer erst wissen muss, was etwas überhaupt ist, bevor man Aussagen darüber
treffen kann. Oft kommen Leute zu Sokrates, die vorschnell Urteile über etwas
treffen. In diesem Fall heißt es eben, dass Charmides in die Politik gehen
sollte. Sokrates stoppt diese Leute aber immer wieder und lässt sie zuerst
einmal darüber nachdenken, was das eigentlich bedeutet, was sie sagen. Auch
hier merkt man wieder den reflexiven Charakter der Philosophie. Man kann gar nicht
wissen, ob Charmides in die Politik sollte, wenn man gar nicht weiß, was die
Politik ist, was man dafür genau braucht und ob er es hat. Und Sokrates geht
mit solchen Fragen jedes Mal bis zum Letzten. Im Unterschied zu mir akzeptiert
er keine Antwort, die angezweifelt werden kann und nimmt damit auch jedes Mal
in Kauf, dass seine Untersuchungen ins Leere führen. Oder, die sogenannte
„Aporie“, was „Ausweglosigkeit“ auf Altgriechisch bedeutet.
Und Grenzen des Denkens
kennt Sokrates ohnehin keine: Nachdem er wegen Gotteslästerung und Verderbung
der Jugend zum Tode verurteilt worden ist, sitzt er in „Kriton“ im Gefängnis
und wartet auf seine Strafe. Da kommt sein Schüler Kriton und will ihn
befreien. Sokrates aber hält ihn auf und überlegt mit dem jungen Mann zusammen,
ob es nicht eigentlich gerecht sein sollte, dem Gesetz zu folgen. Schließlich
wäre es illegal, aus dem Gefängnis auszubrechen. Da jedoch die Mehrheit
entschieden hatte, dass er hingerichtet werden sollte, würde man das eigene
Empfinden über die Meinung der meisten anderen Menschen stellen, was nicht
schlüssig wäre. Und das ist schon etwas, oder? Sokrates geht so weit, dass er
noch nicht einmal seinen eigenen Tod als Grenze in seinem Denken akzeptiert! Es
ist ihm egal, was die Folgen seiner Philosophie sind, er ist allein auf der
Suche nach der Wahrheit. Oder nehmen wir den Dialog „Symposion“, wo Sokrates
mit einigen Freunden über den Liebesgott Eros spricht. Fast alle loben ihn in ihren
Reden und stellen die Liebe selbst in einem guten Licht dar, aber Sokrates geht
hart gegen Eros ins Gericht und bezeichnet ihn als Halbgott, der auf einem
Festgelage betrunken gezeugt wurde. Nicht einmal die Götter findet Sokrates
wichtig genug, um ihn auf seiner Suche nach Wahrheit zu behindern. Als er für
diese Übertritte angeklagt wird, weigert er sich, seine Positionen zu leugnen,
da er dann die Unwahrheit behaupten müsste. Ein Leben ohne Untersuchung und
Wahrheit wäre ganz einfach nicht lebenswert für ihn.
Sokrates‘ Art zu
philosophieren ist also recht nah an dem, was wir schon besprochen haben, aber
nicht identisch. Auch er will jeden Gedanken ganz bis zum Anfang denken und
Begriffe genau definieren. Man kann nicht wissen, wie etwas ist, wenn man nicht
weiß, was es ist. Sokrates ist aber noch einmal deutlich gründlicher als ich,
indem er keine Intuition oder alltägliche Gebräuchlichkeit akzeptiert, sondern
tatsächliche Beweise haben möchte, dass sich die Dinge so oder so verhalten.
Dabei nimmt er auch in Kauf, gar keine Antwort zu finden und in der Aporie zu
enden.
Die Wahrheit als
nicht-kryptisch
Jetzt haben wir
besprochen, wie man richtig philosophieren kann. Aber einige von euch könnten
immer noch Zweifel daran haben, ob das nicht vielleicht trotzdem zu schwer ist.
Schließlich hat Sokrates trotz seiner Weisheit nicht eine seiner ganzen Fragen
beantworten können. Und wenn man sich so einen philosophischen Text anschaut,
versteht man oft auf Anhieb zuerst einmal nichts – auch mir geht das so.
Deshalb gibt es das weit verbreitete Klischee, dass die Philosophie eine sehr
kryptische Wissenschaft ist und nur für wenige Leute offen. Und das ist
ironisch, oder? Denn für keinen anderen Bereich braucht man so wenig wie für
die Philosophie! Vielleicht kennt ihr meine 31. Folge, in der ich darüber
geredet habe, dass die Philosophie dieses Vorurteil so schnell wie möglich
loswerden sollte. Aber warum denkt man überhaupt, dass die Philosophie so
kompliziert ist?
Das liegt vor allem an
einigen Philosophen, deren Texte tatsächlich fast unmöglich zu lesen sind.
Ziemlich weit vorne ist dabei Hegel, der in einem Text von Arthur Schopenhauer
sehr scharf dafür kritisiert wurde. Er bezeichnet ihn als Scharlatan, der
nichts zu sagen hat und sich deshalb hinter kryptischen Formulierungen
versteckt. Die Philosophie sollte eigentlich für die Wahrheit stehen und
intuitiv zu lesen sein. Und naja, ich weiß nicht, ob ihr schon einmal einen
Text von Hegel gelesen habt, aber es macht tatsächlich nicht extrem viel Spaß.
Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich einmal eine Folge über die Unendlichkeit
gemacht habe, in der ich auf ihn zurückgegriffen habe. Nun, hier ist eine
Passage daraus:
„Das Daseyn ist bestimmt;
Etwas hat eine Qualität, und ist in ihr nicht nur bestimmt, sondern begrenzt;
seine Qualität ist seine Grenze, mit welcher behaftet, es zunächst
affirmatives, ruhiges Daseyn bleibt. Aber diese Negation entwickelt, so daß der
Gegensatz seines Daseyns und der Negation als ihm immanenter Grenze selbst das
Insichseyn des Etwas, und dieses somit nur Werden an ihm selbst sey, macht
seine Endlichkeit aus.“
Ja Leute, und was heißt
das jetzt? Ganz sicher bin ich mir ehrlich gesagt auch nicht. Ich denke, er
will sagen, dass alles, was existiert und endlich ist, durch Eigenschaften
bestimmt ist und klar festgemacht wird. Zum Beispiel ein Stück Holz, das fest und
braun ist – weil es das ist, ist es klar in Zeit und Raum festgemacht und
grenzt sich zu dem allen ab, was es nicht ist: weich, grün, rot zum Beispiel.
Und dieser Gegensatz zwischen den Eigenschaften, die es hat und denen, die es
nicht hat, macht dieses Sein aus. Warum hat Hegel es nicht einfach so schreiben
können? Es wirkt echt so, als hätte er es extra alles ein bisschen verkünstelt,
damit es wissenschaftlicher wirkt. Und das Thema ist auch nicht einfach, es
geht immerhin um die Unendlichkeit! Es wäre noch nicht einmal nötig, da extra
noch Floskeln einzubauen.
Auch in der Antike gab es schon solche
Philosophen wie auch Heraklit, den ich eigentlich immer in einem guten Licht
darstelle. Aber er hatte auch den Beinahmen „der Dunkle“, weil kaum jemand
seine Schriften verstanden hat. Man könnte mit dieser Aufzählung ewig
weitermachen, weil wirklich viele Philosoph*innen sehr kompliziert geschrieben
haben. Aber das ist nicht notwendig und eigentlich sogar eher hinderlich für
das Ziel der Philosophie. Wir wollen hier ganz einfach nur die Wahrheit
herausfinden und wenn man sie noch einmal extra hinter schwierigen
Formulierungen versteckt, wird man der Wissenschaft an sich nicht gerecht.
Während der Zeit des Sokrates waren in Athen die Sophisten sehr modern:
Wandernde Lehrer, die gegen Geld ihr Wissen mit der Bevölkerung geteilt haben.
Sie waren die ersten populären Philosophen, die auch in diesem Fach
unterrichtet haben. Platon mochte sie aber nicht und warf ihnen vor, mit
Scheinweisheiten Geld zu machen und auch extra umständliche Formulierungen
wählen, damit ihnen Glauben geschenkt wird. Nun, ich finde, dass sowohl
Schopenhauer Hegel als auch Platon den Sophisten Unrecht tut. Wie wir aus
einigen geschichtlichen Quellen und auch Platons eigenen Dialogen wissen oder
erahnen können, hatten einige Sophisten durchaus legitime Positionen und waren
an der Wahrheit interessiert.
Der Punkt ist aber, dass
die Wahrheit nicht kompliziert ist. Wir hatten es ja am Anfang davon: These,
Gegenthese, Synthese – ihr habt eigentlich alles schon im Kopf! Dass Hegel und
Heraklit so kompliziert geschrieben haben, kann persönliche Präferenz, gesellschaftlicher
Druck oder sonst etwas sein, aber nicht, weil man ihre Philosophie nicht
einfacher aufschreiben könnte. Denn das geht! Ich zumindest versuche es immer
mal wieder. Natürlich ist die Philosophie auch keine einfache Wissenschaft,
denn ein Gedanke wird oft sehr viel weiter verfolgt, als man es sonst tun
würde. Platon und Aristoteles sind zwei Philosophen, die nicht sonderlich
kryptisch geschrieben haben, aber auch sie sind nicht leicht zu lesen. Aber
man kann es, wenn man sich ein bisschen hineindenkt. Die Wahrheit an sich ist
nicht kompliziert, da seht ihr sicher auch an diesen Folgen. Ich glaube, ich
hatte bisher keine Konklusion, die man nicht irgendwie hätte nachvollziehen
können. Ich kann also nur ermutigen, das Philosophieren auszuprobieren, auch
wenn einige Texte sehr kryptisch sind: So muss es nicht sein.
Lesetipps
Gut, jetzt habe ich über
kryptische und weniger kryptische Philosoph*innen geredet. Eine Frage, die mich
schon öfter erreicht hat, ist, welche Texte man als Einsteiger*in am besten
lesen sollte. Grundsätzlich gilt natürlich: Lest das, was euch interessiert.
Platon mag etwas einfacher zu lesen sein als Hegel, aber wenn ihr seine Themen
nicht mögt, lohnt es sich eher weniger. Aber das ist euch sicher auch bewusst.
Angenommen, ihr seid generell an allen Themen interessiert, wer bietet sich
dann an? Nun, ich habe im Laufe dieser letzten 3 Jahre schon so einige Texte
gelesen und kann vielleicht einige durchgehen.
Ganz vorne steht
natürlich Platon. Ich zitiere Texte von ihm sehr oft hier in diesem Podcast, da
er auch zu fast jedem Thema etwas veröffentlicht hat. Ich würde sagen, dass die
gesamte altgriechische Philosophie recht eingängig ist. Das liegt zunächst
einmal an den Themen, denn vor den antiken Griechen gab es keine bekannte
Philosophie. Deshalb sind alle Texte aus dieser Zeit sehr grundlegend und noch
nicht sonderlich spezifisch. Zum Beispiel gibt es heutzutage moderne Texte über
die Philosophie der Emotionen oder Metaethik, wo es unter anderem um die Frage
geht, ob moralische Aussagen wahrheitsfähig sind oder nur Gefühlsausdrücke. Ein
etwas kompliziertes Feld. Aber ja, Platon ging es in erster Linie nur darum,
wie man handeln sollte, wie man an die Wahrheit kommt und wonach man streben
sollte. „Der Staat“ ist zum Beispiel ziemlich eingängig oder „Symposion“. Es
gibt natürlich solche und solche, aber die meisten antiken Texte haben diese
grundlegende Art. Aristoteles‘ „Nikomachische Ethik“ kann ich auch empfehlen,
oder auch, jetzt eher von römischer Seite, Marcus Aurelius‘ „Meditationen“. Was
man natürlich auch nicht vergessen darf: Alle diese Texte sind aus einer
deutlich älteren Sprache mit viel weniger Worten als unserer übersetzt. Da gibt
es kaum komplizierte Floskeln oder irgendwelches Herumspielen mit Synonymen.
Ich habe jeweils 1 Jahre Latein und Altgriechisch gelernt und kann sagen, dass
die Sprachen zwar beide nicht einfach sind, aber Wörter in einer sehr
generellen Weise benutzen und viele Übersetzungen für einzelne Begriffe haben.
Die Schwierigkeit ist dann eher für die Übersetzer*innen, welches Wort sie
genau nehmen sollen, aber zum Lesen macht es das deutlich leichter.
So viel also zu der
Antike. Ich werde jetzt nicht jede einzelne Epoche so genau durchgehen, aber
habe noch ein paar weitere Empfehlungen für euch. Die erste ist René Descartes‘
„Meditationen über die erste Philosophie“. Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass
man ausgerechnet dieses Buch so gut lesen kann, denn es geht um ein sehr
kompliziertes Thema: Erkenntnisphilosophie. Und dann auch noch eine sehr
grundlegende Frage: Wie können wir sicher sein, dass alles um uns herum real
ist? Aber Descartes hatte damals den Entschluss gefasst, dass sein Buch nicht
nur von Akademiker*innen, sondern auch einfacheren Leuten gelesen werden können
soll. „Sogar von den Frauen“, in seinen Worten. Nicht mehr ganz zeitgemäß, aber
jedenfalls spiegelt sich das sehr stark in dem Werk wieder. Es wurde sehr früh
nicht nur auf Latein, wie es damals üblich war, sondern auch französisch
veröffentlicht und ist wirklich erstaunlich gut zu lesen. Ein gutes Beispiel
dafür, dass man selbst die schwierigsten Konzepte einfach herunterbrechen kann!
Wenn wir in die Moderne
springen, sind zumindest einige Philosoph*innen gut zu verstehen. Was sich
natürlich inzwischen sehr stark geändert hat, ist, dass philosophische Texte in
der Regel nicht mehr gezielt kryptisch geschrieben werden, sondern so klar
sind, wie es nur geht. Und dann liegt es eben an der Person, wie sehr sie das
schafft. Moderne englische Texte in deutscher Übersetzung lassen sich zum Beispiel
von Harry G. Frankfurt ganz gut lesen. Der hat sich unter anderem mit dem
freien Willen beschäftigt, aber auch mit anderen Themen. Und dann gibt es noch
Derek Parfit, bei dem es um personale Identität geht. Ich würde sagen, dass
alle Texte, die ab den 70er Jahren herausgekommen sind, von den Formulierungen
her in Ordnung sind, aber je nach Thema mehr oder weniger kompliziert sein
können.
Womit ich erstmal aber an
eurer Stelle noch nicht gleich anfangen würde, wäre bei der deutschen
Philosophie von ungefähr Kant bis Heidegger. Wobei die Philosoph*innen aus
anderen Ländern zu der Zeit auch nicht deutlich besser geschrieben haben. Bei
Kant geht es sogar noch, weil er sich auf seine Weise schon klar ausgedrückt
hat, aber er hatte eine sehr spezielle Art, Wörter zu gebrauchen und generell
war das Deutsch von damals etwas anders. Aber wenn es dann um Hegel geht – nun,
ich habe ja oben schon eine Kostprobe gegeben. Was bei solchen Texten sehr
hilft, und auch bei anderen, ist Sekundärliteratur. Also in diesem Fall Texte,
die Andere über diese Werke geschrieben haben, um sie zu erklären. Vor allem zu
Kant gibt es da sehr viel. Und Jean-Paul Sartre, der auch sehr kompliziert
schreibt, habe ich mich auch mit Nebenlektüre angenähert.
Endstand
So, was haben wir jetzt
alles? In der heutigen Folge wollte ich euch erzählen, wie man eigentlich
philosophiert.
Also habe ich zuerst von
meiner eigenen Methode gesprochen: Im Grunde gehört nicht sehr viel mehr dazu
als euer Kopf und Wille. In der Philosophie geht es darum, jeden Gedanken bis
zum Ende zu Denken und nicht bei Normen oder Selbstverständlichkeiten aufzuhören.
Genauso habe ich es auch beim Sinn des Lebens gemacht, eine Frage, die allein
an sich schon nicht so oft gestellt wird. Und auch unser Ergebnis, dass es
keinen objektiven Sinn gibt, finden einige Leute vielleicht traurig, aber das
ist bei der Philosophie nicht so wichtig. Es geht einzig und allein um die
nüchterne Wahrheit. Wobei man hier einräumen muss, dass es viele verschiedene
Antworten auf philosophische Fragen geben kann, von denen keine unangreifbar
ist. Aber auch das gehört dazu. Ich finde, wenn man mit guten Argumenten zu
einem Ergebnis gekommen ist, das man gut Verteidigen kann, ist das gut genug.
Man kann bei der Sinnfrage auch bei Gott herauskommen und mit Gottesbeweisen
und Theologie arbeiten. Am Ende tut die Philosophie nichts weiter, als
Gedanken, die bereits im Kopf sind, ordentlich zu strukturieren und in eine
Richtung zu lenken. Oft kommen einem deswegen die Antworten offensichtlich vor,
obwohl man trotzdem viel Fortschritt gemacht hat.
Aber so viel dazu.
Ziemlich ähnlich wie ich ist auch Sokrates an seine Philosophie herangegangen. Er
hat ganz analytisch die Leute Athens gefragt, was es eigentlich mit gewissen
Konzepten auf sich hat. Was ist eigentlich „Wissen“? Aber Sokrates war sehr
viel strenger mit seinen Ergebnissen, als ich es bin. Während ich viele
Antworten akzeptiere, solange sie mit logischen Argumenten untermauert sind,
führen Sokrates‘ Dialoge oft ins Leere. Er versucht nämlich immer, zu einer
Antwort zu kommen, auf die man keine Frage mehr stellen kann. Und soweit ich
weiß, ist nur Descartes jemals zu so einer gekommen.
Ob ihr jetzt so oder so
philosophieren wollt, bleibt die Frage, wie einfach das tatsächlich ist. Klar,
man braucht im Grunde nur seinen eigenen Kopf, aber was, wenn man etwas von
anderen Philosoph*innen lesen will? Ist das nicht viel zu kompliziert, genau
wie diese Wissenschaft an sich? Aber nein, Philosophie muss nicht kompliziert
sein. Eigentlich gibt es kaum etwas Einfacheres, denn schaut euch die
Ergebnisse an! Platons Definition eines guten Menschen ist, dass er niemandem
schadet. Ist das eine so große Überraschung? Im Grunde ist die Wahrheit ganz
simpel, nur verpacken sie einige Leute sehr kompliziert. Aus verschiedenen
Gründen: Entweder, um ihr Ansehen als Philosoph*in nicht zu verlieren oder,
weil es ihnen selbst zu simpel vorkommt. Aber es geht hier um nichts anderes
als Ordnung im Kopf – und so schwierig ist das nicht.
Und dann habe ich euch
noch ein paar Lesetipps vorgestellt. Im Generellen empfiehlt es sich, mit der
antiken griechischen Philosophie anzufangen, weil dort alle Fragen sehr
grundlegend behandelt wurden. Das sorgt für simple Themen und auch eine simple
Sprache. Komplizierter wird es dann später in der Zeit zwischen Kant und
Heidegger. Texte aus der modernen Philosophie kann man auch wieder empfehlen,
da die Sprache versucht wird, einfach zu halten. Da kommt es aber sehr auf das
Thema kann, da die moderne Philosophie sehr spezifisch sein kann. Und wenn
jemals etwas zu kompliziert sein sollte, könnt ihr jederzeit zu
Sekundärliteratur greifen!
Konklusion
So, ich hoffe, ihr habt
aus dieser Folge genug mitnehmen können. Wie gesagt, finde ich, dass ihr alle philosophieren
könnt. Für diese Wissenschaft braucht es kein Labor, keine Daten und auch kein
Papier. Die Philosophie findet ganz allein im Kopf statt, arbeitet mit unseren
Gedanken und fügt sie neu zusammen. Und es kann sehr befreiend sein, wenn man
eine Frage bis zum Anfang durchgedacht hat und endlich zu einem Ergebnis
gekommen ist. Wie ich damals vor all diesen Jahren beim Sinn des Lebens!
In diesem Sinne möchte
ich mich bei euch ganz herzlich für alle die Stunden bedanken, die ihr mir
zugehört habt! Jede Person von euch, die in eine meiner Folgen reinhört und das
Gefühl hat, etwas daraus mitgenommen zu haben, bedeutet eine große Ehre für
mich! Deshalb bedanke ich mich auch ganz herzlich an all diejenigen von euch,
die ihr mir direkt über Instagram oder Mail geschrieben habt! Es ist krass,
wenn einem noch einmal vor Augen geführt wird, dass es tatsächlich Menschen wie
euch da draußen gibt, die mir zuhören! Und natürlich auch an euch stille
Zuhörer*innen da draußen viele Grüße! Schön, dass ihr da seid. Ihr alle sorgt
dafür, dass mir dieses Hobby umso mehr Spaß macht!
Lasst es mich gern über einen Kommentar wissen, was ihr denkt! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Also dann bis zur nächsten Folge!
Quellen
,,Charmides", ,,Der Staat", ,,Kriton", ,,Sophistes" - Platon
,,Wissenschaft der Logik" - Georg Friedrich Hegel
,,Über die Universitätsphilosophie" - Arthur Schopenhauer
,,Meditationen über die erste Philosophie" - René Descartes
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