#49 Warum haben wir Nostalgie?
Zusammenfassung
Wart ihr schonmal nostalgisch? Habt in die Vergangenheit zurückgeschaut und euch gedacht: „Wenn ich einmal noch da sein könnte, das wäre was…“ Aber wäre das tatsächlich so eine schöne Erfahrung? Wenn man noch einmal darüber nachdenkt, fällt einem oft auf, dass die Vergangenheit eigentlich gar nicht so toll war, wie sie einem vorkommt. Wieso fühlen wir so? Was bedeutet es, nostalgisch zu sein? Wie wir in dieser Folge besprechen werden, ist die Nostalgie ein sehr vielseitiges Gefühl. Sie kann sehr gefährlich, trügerisch und irreführend sein. Aber wenn man es richtig macht, kann sie einem helfen, so viel aus der Vergangenheit zu holen, wie man nur kann und ein besseres Leben zu führen. Lasst uns mal schauen, was die großen Philosoph:innen von der Antike bis heute dazu zu sagen haben. Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Heute wollen wir uns das
Phänomen der Nostalgie anschauen. Diese Folge ist ein Wunsch von einem
Zuschauer, also Grüße gehen raus! Ihr habt Nostalgie sicher alle schon erlebt.
Man sehnt sich in eine vergangene Zeit zurück, als alles noch besser war, man noch
keine Sorgen hatte und das Leben einfach besser war. Und irgendwie scheinen
diese Zeiten immer hinter einem zu liegen, nicht wahr? Fast, als würden wir
immer schlechtere Tage erleben. Aber, ich greife vor. Was bedeutet es, wenn ein
Philosoph sich fragt, was Nostalgie ist? Es bedeutet auf jeden Fall, dass das
hier keine psychologische, biologische oder soziologische Folge ist. Sicherlich
auch interessante Richtungen, aus denen man das Thema beleuchten kann, aber ich
verstehe wenig von Naturwissenschaften. Es geht mir heute nicht darum, was im
Kopf passiert, wenn man Nostalgie hat. Auch nicht darum, welche sozialen
Begebenheiten dazu führen. Allgemein wird es nicht so sehr um den menschlichen
Körper oder die Funktion der Gruppe gehen, sondern die Nostalgie selbst. Was
ist damit überhaupt gemeint? Und warum ist für uns die Vergangenheit so
faszinierend? Vielleicht hat die Nostalgie auch einen speziellen Sinn, der uns
nicht klar ist. Das Gefühl ist schwer einzuordnen – ist es gut oder schlecht?
Man kann an den Gedanken zur Vergangenheit verzweifeln, aber sie sind auch
tröstend. Wer schwelgt nicht gern in Erinnerungen? Und sie kann durch alles
ausgelöst werden: Gewisse Orte, Bilder, Gerüche, Worte, oder Menschen, die man
von damals kennt. Wie können wir dieses Phänomen verstehen? Was ist Nostalgie?
Und warum neigen wir so sehr dazu?
Was ist Nostalgie?
Fangen wir einmal ganz
simpel an. Was ist Nostalgie eigentlich? Ganz generell kann man sagen: Es ist
ein Gefühl, das eine positive Assoziation mit der Vergangenheit darstellt. Was
auch immer mitschwingt, ist eine gewisse Wehmut. Man erinnert sich nicht nur an
die Vergangenheit und bewertet sie als gut, sondern will oft auch wieder zurück
in diese Zeit. Ob man das tatsächlich will oder nicht, besprechen wir noch,
aber die Tendenz existiert. Auch ist es nicht wesentlich, ob die Zeit, an die
man sich erinnert, tatsächlich so war, wie man sich erinnert. Sie kann sogar
total schlimm gewesen sein! Ich weiß zumindest nicht, ob ihr das auch kennt,
aber ich habe zwar schon auch Nostalgie an Zeiten, die wirklich sehr schön
waren, aber manchmal denke ich auch an Tage, die eigentlich gar nicht so toll
waren. Und dann bin ich plötzlich wehmütig und denke mir: „Warum eigentlich?“
Lasst uns diese beiden
Erfahrungen einteilen, um ein besseres Bild zu bekommen. Sagen wir: Die
rationale Nostalgie ist ein Sehnen zu einer Zeit, die tatsächlich besser war
und die irrationale bezieht sich auf eine Zeit, die in der Realität zumindest
ein bisschen weniger gut war, als man sie sich vorstellt. Irrational deshalb,
weil es nicht logisch wäre, eine Vergangenheit noch einmal wiedererleben zu
wollen, die schlechter ist, als man denkt und es gerade hat. Ich weiß schon,
Leute, ich simplifiziere sehr stark mit dieser Definition. Wann genau ist eine
Vergangenheit gut und schlecht? Und wann manipuliert man die Vergangenheit zu
sehr? Denn man muss festhalten, dass so richtige Nostalgie eigentlich nie
realistisch ist. Dafür müsste man sich dann ein Geschichtsbuch von einem
objektiven Betrachter durchlesen. Aber Nostalgie ist immer zu einem gewissen
Grad mit eigenen Wünschen und Vorstellungen verbunden. Für alle anderen Fälle
benutzen wir das Wort „Erinnerung“.
Wieso aber diese
Obsession mit der Vergangenheit? Wieso sollten wir eine Fiktion kreieren? Es
kann zum Beispiel sein, dass man mit der Gegenwart unzufrieden ist und es
besser haben will. Vielleicht haben einige Aspekte in der Vergangenheit
tatsächlich besser funktioniert und man konstruiert es sich so, als wäre alles
besser gewesen. Im politischen Raum sieht man das immer mal wieder. Und dann
wird versucht, gewisse Praktiken aus der Vergangenheit in der Gegenwart
wiederzubeleben, um daraus die Welt, wie sie damals war, zu konstruieren.
Natürlich mit wenig Erfolg. Wir fühlen wir uns mit der Vergangenheit verbunden,
weil wir sie schon kennen. Sie ist schon erlebt, abgespeichert, bewertet. Alle
Herausforderungen kann man besser nachvollziehen und würde sie vielleicht auch
ein zweites Mal bestehen, es gibt nichts Neues mehr, das einen bedrohen könnte.
Deshalb denkt man sich oft, dass die Vergangenheit simpler wäre als die Zukunft
– ein sehr subjektives Gefühl natürlich, weil jüngere Menschen mit unserer
Vergangenheit gar nichts anfangen könnten. Genau wie ich nicht mit der von
Anderen. Der Irrtum ist, zu glauben, dass die Herausforderungen der
Vergangenheit simpler waren, nur, weil man sie bereits bestanden hat.
Lasst mich euch dazu ein
Beispiel nennen, und dann steigen wir etwas tiefer in die Materie ein. Ich
werfe hier ja erstmal nur meine Gedanken in die Welt. Ich befinde mich momentan
mehr oder weniger am Ende meines Studiums. Naja, sozusagen – längere Geschichte.
Aber jedenfalls werden einige von euch sicher wissen, dass ich zu beginn dieses
Podcasts eher so in der Mitte war. Damals und auch davor habe ich nicht so
riesige Hausarbeiten schreiben müssen und hatte deutlich mehr Zeit! Und obwohl
ich sehr zufrieden mit meinem Leben bin, denke ich doch manchmal zurück an den
Anfang des Studiums, als alles so ganz neu und aufregend war. Damals habe ich
noch gar keine Hausarbeit geschrieben und eigentlich im Vergleich zu heute fast
nichts gemacht! Das waren Zeiten… Aber waren sie das tatsächlich? Versteht mich
nicht falsch, ich hatte einen wunderbaren Studieneinstieg und bin sehr froh,
dass ich ihn erlebt habe. Aber ich bin eigentlich deutlich zufriedener damit,
wie es inzwischen läuft. Ich behaupte, damals wäre alles noch so aufregend und
leicht. Und naja, es war schon sehr aufregend, aber auch anstrengend – das
Studium ist etwas, auf das man von der Schule her nicht wirklich vorbereitet
wird. Ich habe lange gebraucht, um wirklich zu verstehen, wie man
Veranstaltungen belegt, einen eigenen Stundenplan erstellt und seine Leistungen
angerechnet bekommt. Und während ich da den Dreh noch nicht raushatte, war das
absoluter Stress! Und was die Leichtigkeit angeht: Klar, damals gab es noch
keine Hausarbeiten zu schreiben, aber allein die kurzen wöchentlichen Texte und
kleinen Essays waren eine einzige Qual für mich! Schließlich kannte ich mich
noch kaum in der Philosophie aus und es hat lange gebraucht, um überhaupt einen
Überblick zu bekommen. Kurioserweise habe ich den vor allem durch diesen
Podcast erlangt: „Lehren“ bedeutet wohl tatsächlich ebenso „lernen“. Jedenfalls
ist es jetzt nicht komplett irrational oder dumm von mir, Nostalgie in Bezug
auf meinen Studienbeginn zu empfinden, denn es war eine sehr schöne Zeit. Aber,
dass es damals einfacher gewesen wäre, ist nicht wahr. Oder, zumindest war es
nicht nur leicht. Ich kann eben nicht mehr so gut nachvollziehen, mit gewissen
Dingen Schwierigkeiten zu haben, weil es für mich so selbstverständlich
geworden ist. Aber wenn ich wieder mein damaliges Ich wäre, würde ich mich
bestimmt auch in die Vergangenheit zurücksehnen.
Aber gut, genug von
meinem langweiligen Leben – was sagen denn tatsächliche Philosoph*innen über
dieses Phänomen?
Der Begriff der Nostalgie
Eine Philosophin, die
sich sehr genau mit der Nostalgie auseinandergesetzt hat, ist die Französin
Barbara Cassin. Sie sieht darin eine sehr starke Verbindung zu einem Heimatgefühl.
Auch sie berichtet von einer eigenen Erfahrung (also bin das nicht nur ich):
Obwohl sie in Paris aufgewachsen und fast immer gelebt hat, hat Korsika bei ihr
ein starkes Heimatgefühl ausgelöst. Und das ist komisch, denn sie war dort nur
im Urlaub und nicht so oft, dass sich so etwas durch die Gewöhnung einstellen
würde. Es geht bei dem Gefühl wohl nicht darum, was tatsächlich die offizielle
Heimat ist, sondern verschiedene Assoziationen, die bei Korsika wohl
zusammenkamen. Das zeigt, wie auch ich gesagt habe, dass es ein künstliches
Gefühl ist. Nostalgie ist Fiktion: Ein Ort, an dem sie fast nie war, kombiniert
mit gewissen Eindrücken, Ideen, Erfahrungen, Wünschen sorgt für das Gefühl von
Heimat in ihrem Kopf.
„Nostalgie“ ist ein Wort,
das aus zwei altgriechischen Wörtern besteht. Und zwar: „νόστος” (nostos) – das
bedeutet „Heimkehr“ - und „αλγος“ (algos) – das ist der Schmerz oder
das Leid. Das ist damit also das Leid, in die Heimat zurückkehren zu wollen.
Tatsächlich aber ist es ein künstliches Wort: Im Altgriechischen hat es diese
Kombination nie gegeben. In der deutschen Sprache wurde diese Verbindung
jedoch, mehrere hundert Jahre später, geschaffen. Ursprünglich war es sogar als
eine Krankheit angesehen, die sich lange niemand erklären konnte. Da waren
diese ganzen Menschen, die über Traurigkeit und teilweise sogar körperliche
Schmerzen klagten, aber als Grund nur angeben konnten, nach Hause zu wollen.
Das Gefühl machte einen anfälliger für Krankheiten und senkte die Moral.
Dementsprechend galt es sogar eher als gefährlich.
Die Nostalgie des
Odysseus
Obwohl das Wort nicht im
Altgriechischen existiert hat, kannte diese antike Gesellschaft natürlich das
Konzept von Heimweh. Dementsprechend wurde es auch in ihren Geschichten
thematisiert, vor allem in der Ilias, dem großen Werk des Homer. Darin gibt es eine
Erzählung von einem jungen Griechen, Odysseus, der nach der gewonnenen Schlacht
von Troja mit einem Schiff wieder heimfahren möchte. Da damals die Seewege aber
sehr lang waren und Odysseus auf mehrere Abwege gerät, soll es über ein
Jahrzehnt dauern, bis er wieder nach Hause kommt. Er kämpft gegen Zyklopen,
widersteht den Sirenen und bietet einer Hexe die Stirn, alles, um noch einmal
seine Heimat zu sehen. Odysseus verspürt eine sehr starke Wehmut an seine
Heimat und leidet darunter. Und so besteht er jedes Abenteuer und kommt seiner
Heimatinsel Ithaka immer näher! Da, eines Tages, sieht er sie plötzlich am
Horizont und weiß, dass er bald da sein wird. Endlich hätten sich seine Träume
bestätigt und alles könnte wieder sein wie früher!
Doch es sollte anders
kommen: Wie durch Geisterhand schläft Odysseus am Steuer ein und das Boot wird
von tückischen Winden wieder abgetrieben. Dieser Fehler sollte ihn acht weitere
Jahre kosten. Nach vielen weiteren Herausforderungen, die ihm viel abverlangen
und als deutlich älterer Mann erreicht er schließlich Ithaka und geht an Land.
Aber: Er erkennt seine schöne Heimat zuerst gar nicht. Und so läuft er herum
wie ein wilder, orientierungslos und auf der Suche nach seinem Zuhause. Man
könnte sagen, dass die Insel ihm un-heimlich geworden ist. Irgendwie ist es
immernoch sein zuhause, er kannte noch den Namen und hatte es geschafft,
herzukommen. Aber erkennen tut er es nicht: Er hat sich zu sehr verändert. Bis
ihm die Göttin Pallas Athene erscheint, seine Erinnerungen ein bisschen
auffrischt und ihn heimschickt. Doch selbst dieses Glück ist trügerisch: Kaum
zuhause angekommen, muss Odysseus viele weitere Aufgaben von den Göttern lösen
und ganz Griechenland dafür bereisen – die Odyssee ist noch nicht vorbei. Für
seine letzten Jahre bekommt er schließlich irgendwann das Versprechen, fernab
von der See sterben zu dürfen. Es tut mir übrigens leid für alle Odysseus-Fans,
dass diese Zusammenfassung so knapp ausfällt, aber für unsere Zwecke reichen
diese Einblicke schon.
Was lernen wir aus dieser
Geschichte? Odysseus‘ Nostalgie war zwar verständlich, aber am Ende trügerisch:
Er hat sich nach einer Heimat zurückgesehnt, die es gar nicht mehr gab. Viele
Jahre war er auf dem Meer gewesen, hat sich verändert und auch sein Verhältnis
zu den Göttern entwickelt. Bereits als er zum ersten Mal an der Insel Ithaka
vorbeigefahren war, dürfte klar gewesen sein, dass es nie wieder so sein würde,
wie vorher. Und doch hat er es immer wieder versucht: Nachdem er vorbeigesegelt
war, hatte er noch 8 Jahre lang mit der See gerungen und war bis zuletzt seinem
letzten Trieb hinterhergegangen, noch auf Ithaka zu landen, immerhin kannte er
den Namen noch. Doch als er dann ankam, stellte sich heraus, wie illusorisch
seine Nostalgie war: Er erkennt die Insel noch nicht einmal wieder! Und selbst
als er sie erkannte, war er nicht zuhause, sondern wurde wieder losgeschickt.
Die Nostalgie spielt uns immer vor, dass wir die Vergangenheit durch simple
Taten wiederherstellen können: Odysseus dachte, es wäre alles wieder wie
früher, wenn er nur Ithaka erreichte. Wie Heraklit aber lehrt und ich euch
immer wieder predige: alles befindet sich in ständiger Veränderung.
Wir haben jetzt also
herausgearbeitet, dass die Nostalgie sich auf eine örtliche und zeitliche
Heimat beziehen kann, zu der man will. Es ist normalerweise ein schmerzhaftes
Gefühl, da das Ziel in unerreichbarer Ferne liegt. Und weil es so unerreichbar
ist, ist der Gedanke, wieder dorthin zurückzukehren, illusorisch. Nichts kann
jemals wieder sein, wie es einmal war, es braucht einen ständigen Wandel. Und
das hat unser armer Odysseus in mehreren schwierigen Jahrzehnten auf die harte
Tour lernen müssen.
Wieso haben wir
Nostalgie?
Jetzt haben wir besprochen,
was Nostalgie ungefähr ist und uns diesem Begriff angenähert. Wir haben einen
Eindruck davon bekommen, wie es sich anfühlen kann, nostalgisch zu sein und
auch die illusorische Art dieses Gefühls etwas mehr verstanden. Aber es gibt
noch immer offene Fragen: Vor allem die dieser Folge. Wieso haben wir
Nostalgie? Wenn es so ein schmerzhaftes Gefühl ist und sich die Vergangenheit
sowieso nicht wiederholen lässt, wieso verwenden wir dann so viel Zeit darauf?
Und dann war es im Falle des Odysseus jetzt ein gutes Bild der Vergangenheit,
aber was ist mit unserer irrationalen Nostalgie? Wie lässt es sich erklären,
dass man sich eine Vergangenheit schönredet, die es nicht war? Nun gut, das
sind jetzt eine Menge Fragen. Um das Verhältnis von uns zu unserer
Vergangenheit besser zu verstehen, hilft es, unser Verhältnis zu uns selbst in
der Vergangenheit zu verstehen. Denn ihr müsst euch vor Augen rufen: Es sind
die Zeiten, die eine andere Version von uns erlebt hat, zu denen wir uns
zurückwünschen. Wir selbst waren damals also auch wer anders.
Wie so oft eignet sich
auch hier wieder Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“, um diese Frage zu
beantworten. Er sagt, dass wir in jedem Augenblick unseres Lebens nur in der
Gegenwart leben. Immer wenn er ihr irgendetwas tut, wird es in diesem Moment in
der Gegenwart passieren. Alles andere sind entweder Erinnerungen an früher oder
Planungen für später. Dementsprechend gibt es aber von uns eine riesige Menge
an Versionen, zu denen an jedem Moment eine neue kommt. Diese zukünftigen und
vergangenen Ichs dienen der Gegenwart vor allem zur Reflexion, zur Planung und
für Wünsche. Man plant sein Leben immer anhand von Erfahrungen aus der
Vergangenheit und Wünschen für die Zukunft. Dieses ganze Konstrukt aus Wünschen
und Erfahrungen, das zu einem konkreten Plan führt, nennt Sartre den
„Lebensentwurf“, der menschliche Sinn. Und natürlich ist es dann auch so wie
bei den Ichs: Nur immer der Lebensentwurf, der in der Gegenwart gemacht wird,
ist relevant und aktiv. Darin liegt auch die besondere Tücke unserer Freiheit,
die Sartre hervorhebt: Natürlich wollen wir, dass unsere Lebensentwürfe jeweils
universell und ewig sind. Ich plane schließlich nicht, erst Lehrer werden zu
wollen und dann auf dem halben Weg dahin, etwas anderes zu tun. Aber natürlich
sind alle Versionen von uns frei zu tun, was sie wollen. Und da, wie Heraklit
auch schon sagt, alles sich ständig verändert, haben wir auch immer wieder
andere Wünsche. Wir arbeiten also gewissermaßen sogar gegen unsere Versionen
aus der Vergangenheit und Zukunft. Daher kommt auch der bekannte Satz von
Sartre, dass man immer Angst haben müsste, von der Vergangenheit genötigt oder
der Zukunft verraten zu werden. Wir wollen nicht, dass eine vergangene Version
von uns etwas entschieden hat, das uns jetzt, wo wir es nicht mehr wollen,
festnagelt. Zum Beispiel wäre es nicht gut, wenn es einen Vertrag
unterschrieben hat, der sich nicht mehr kündigen lässt. Und auch so begehen wir
manchmal Verrat an den Idealen aus der Vergangenheit. Es mag sein, dass das
alte Ich eine gewisse Weltsicht hatte, aber die wurde eben ersetzt. Wir sind
gleichzeitig aber auch nervös, ob unser zukünftiges Ich uns genau dasselbe
antun wird.
Gut, warum die
Sartre-Einlage? Was haben Lebensentwürfe mit der Nostalgie zu tun? Folgendes:
Nostalgie geht immer von einer gegenwärtigen Person aus. Denn wir haben ja
festgelegt, dass alle Handlungen immer gegenwärtig passieren. Da die Nostalgie
rückwärtsgewandt ist, verstärkt sich das sogar noch. Da die Lebensplanung jedes
Menschen aus aktuellen Erfahrungen und Wünschen besteht, projiziert er eben
diese nach hinten, auf ein Ich mit einem ganz anderen Lebensentwurf. Anstatt
aber, dass man das andere Ich werden will, möchte man einfach, dass sich die
Vergangenheit den eigenen Wünschen beugt. Gewissermaßen möchten
Nostalgiker:innen an eine Zeit, die ihren Vorstellungen entspricht, in der
Vergangenheit liegt und zu der sie mit all ihrem aktuellen Wissen und Wünschen
reisen können. Das ist natürlich sehr irrational, heißt aber auch, dass die
Nostalgie bereits in ihrem Konzept illusorisch ist! Denn sie kann sich gar
nicht nach den Begebenheiten der Vergangenheit richten, das Ich von damals ist
ja gar nicht mehr am Leben! Dementsprechend geht es nicht um dessen
Herausforderungen und Wünsche, sondern um die eigenen – und allein das würde
die Vergangenheit, wenn man hinkönnte, sehr stark verändern: Es wäre nicht die
Zeit, die man kennt. Und das ist genau das, was ich am Anfang dieser Folge
gesagt habe: Klar möchte ich in eine Zeit zurück, in der ich nur kleine Essays
schreiben musste und das Studienleben noch neu war: Ich kann das ja jetzt alles
schon! Wenn ich aber tatsächlich nach hinten reisen würde, würde ich schnell
feststellen, dass ich wieder mit den scheinbar einfachen Dingen überfordert
wäre. Und, ein weiteres piece of mind: Ich bin ja eben wegen meinen Wünschen
und der generellen Lebensplanung an dem Punkt, an dem ich gerade bin! Klar,
nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung, das Leben ist eben hart. Aber jetzt
gerade tue ich alles, was ich kann, um zu erreichen, was ich gerade will – das
ist ja immer so. Ich hätte das also alles gern immernoch, nur einfach
einfachere Bedingungen für meine Lebensplanung. Im Grunde ist es nur das.
So, aber jetzt rede ich
wieder so viel von mir. Ich will diese etwas kürzere Folge noch mit einem
weiteren Beispiel der getrennten Personen beenden, das ihr sicher schon von mir
kennt. Es ist das Beispiel des russischen Edelmannes von Derek Parfit. Er hatte
auch eine ähnliche Vorstellung zu personaler Identität wie Sartre. Beide
Konzepte habe ich übrigens in Folge 9 weiter ausgeführt. Aber Parfit führt noch
ein Beispiel an, um zu zeigen, wie einfach es gehen kann, in einem Menschen
zwei Personen zu haben. Es geht um einen russischen Edelmann. Er ist ungefähr 20 oder 30, als er erfährt, dass
sein Vater gesundheitlich immer schwächer wird und wahrscheinlich nicht mehr
viele Jahre zum Leben hat. Die Familie ist sehr reich und besitzt mehrere
Anwesen, die der junge Mann eines Tages alle erben wird. Er ist Kommunist und
möchte sie, wenn es soweit ist, alle weggeben. Aber der russische Edelmann
befürchtet, dass sich bis dahin seine Ideale geändert haben werden. Vielleicht
möchte er das ganze Geld doch einmal behalten, wenn es erst einmal auf seinem
Konto ist! Also setzt er vorsorglich einen Vertrag auf, der ihn dazu zwingt,
sein gesamtes Erbe der Allgemeinheit zu spenden. Das einzige Widerrufsrecht
gibt er seiner Frau, die er innständig darum bittet, davon nie Gebrauch zu
machen. Er hat ein sehr gutes Verhältnis zu ihr und sie versteht ihn, also
willigt sie ein. Viele Jahre später stirbt sein Vater tatsächlich und all das
Geld fließt zu unserem russischen Edelmann. Doch es ist alles anders geworden:
Die kommunistische Gesinnung des einst jungen Mannes sind inzwischen
geschwunden und er möchte das Geld. So fleht er also seine Frau an, von dem
Widerrufsrecht Gebrauch zu machen – doch sie hatte es seinem früheren Ich
versprochen. Nun, wie das Beispiel ausgeht, wissen wir nicht, das ist ja auch
keine Geschichte wie bei Odysseus. Aber der Punkt ist dieser: Der junge und der
alte russische Edelmann sind zwei unterschiedliche Personen. Und dieser Aspekt
kommt zwar nicht in dem Beispiel vor, aber es ist vorstellbar, dass die ältere
Version auch eine Nostalgie verspürt. Während er seine Frau anfleht, ihn das
Geld behalten zu lassen, könnte er an frühere Zeiten zurückdenken, als ihre
Verhältnis noch besser war. Vielleicht hätte sie ihm damals so eine Bitte nicht
abgeschlagen, Versprechen hin oder her. Er mag sich also gewisse Aspekte der
Vergangenheit zurückwünschen, aber wir können ziemlich sicher sagen, dass er
kein Kommunist mehr sein will und auch nicht in relativer Armut leben. Und auch
hier: Er kann nicht einfach zurück. Man kann sich nicht einfach eine gute Sache
aus der Vergangenheit herauspicken und die machen. Wer weiß, warum sich das
Verhältnis zu seiner Frau so verschlechtert hat – selbst, wenn er wieder
Kommunist werden würde, würde sich das sicher nicht über Nacht ändern. Da haben
wir es wieder: Nostalgie geht immer von der Gegenwart aus und ist dabei
sozusagen „by Design“ trügerisch.
Nostalgie als ein
negatives Gefühl?
Ich muss gestehen, dass
ich an dieser Stelle wahrscheinlich die abschließende Zusammenfassung gemacht,
eine Konklusion gezogen und die Folge beendet hätte. Und ich habe ja auch
eigentlich eine ganz gute Zeit geredet, hatte ein paar Philosoph:innen und habe
das Phänomen der Nostalgie aus verschiedenen Winkeln beleuchtet. Aber mir ist
am Ende aufgefallen, dass ich das Gefühl fast nur negativ darstelle! Wir haben
gesagt, dass es trügerisch ist und das begründet und an vielen Beispielen
aufgezeigt. Dann ist es auch noch eine Krankheit gewesen und irrational. Klar
ist das alles begründet, aber was ist die Konsequenz davon? Hätte Odysseus kein
Heimweh haben, sondern es als trügerisch abstempeln sollen? Sollte ich nicht
wehmütig an die Anfänge meines Studiums zurückblicken, weil diese Zeit ohnehin
nicht besser waren als die Gegenwart und auch dann nicht zurückkommen würden?
Sollte der russische Edelmann einfach die Realität akzeptieren, dass er keine
gute Beziehung zu seiner Frau hat, weil sich eben alles ändert? Ich denke, dass
das zu simpel gefasst ist. Wie sollte man sich gegenüber der Nostalgie
verhalten?
Ich will jetzt in diesem
letzten Kapitel kein allzu großes Fass mehr aufmachen, aber erinnert ihr euch
noch an die Lehre der Mitte von Aristoteles? Sie wird auch „μεσότης“ (Mesotes-) Lehre genannt, die Lehre
der Mitte. Aristoteles legt darin fest, dass man sich bei allen Gefühlen immer
gemäß der Mitte verhalten sollen. Er hat dazu sogar einen ganzen Katalog
verfasst, der zu jeder Emotion ihr Übermaß und ihren Mangel benennt. Da steht
zum Beispiel: „Mut“, „Feigheit“, „Übermut“. Und natürlich soll man mutig sein.
Der Hintergrund ist, dass es nichts auf der Welt gibt, das in seinem Extrem gut
ist, außer dem Guten selbst. Egal, was man empfindet, es gibt immer die
Möglichkeit, es zu unter- oder übertreiben – und beides ist falsch. Im Falle
der Nostalgie wäre es sicher falsch, übermäßig in der Vergangenheit zu
schwelgen und sich darin zu verlieren. Genauso wenig soll man aber alles von
damals abschreiben und verteufeln, nur, weil es nicht wiederkommen kann. Es ist
ja an sich nicht schlimm, sich an Dinge zurückzuerinnern, die schön waren. Auch
Heimweh ist gesund und verständlich, weil es einem vor Augen führt, wie wichtig
einem das Zuhause ist.
Viele Jahrtausende später
verfeinert die Philosophin Martha Nussbaum mit dem brandneuen Zweig der
Philosophie der Emotionen diesen Ansatz. Emotionen seien das, was uns zum
Menschen macht. All unsere Wünsche und Motivationen, von denen Sartre
gesprochen hatte, kommen von unseren Gefühlen. Rationales Denken ist auch
wichtig, aber es bringt uns nicht dazu, etwas zu tun: Wenn wir uns rational
errechnen, dass wir Lebensmittel zum Überleben brauchen, heißt das noch lange
nicht, dass wir etwas essen. Nein, der zweite Schritt ist, dass wir Lust haben,
etwas zu essen. Es ist wichtig, ordentlich mit seinen Emotionen umzugehen, weil
man sonst Fehler begeht. Wenn man anfängt, sich emotionale Regungen zu
verbieten, verliert man auch einen großen Teil seiner Handlungsfähigkeit. Laut
Martha Nussbaum sind Emotionen Werturteile. Wir sehen also ein Objekt und
fühlen zuerst einmal irgendeine Emotion. Dann beurteilen wir rational, ob
dieses Gefühl der Situation angemessen ist und dieser Mix aus Emotion und
entsprechendem Urteil bewegt uns dann, in einer gewissen Weise zu handeln. Wenn
wir ein wildes Tier sehen, haben wir zunächst Angst davor, beurteilen es dann
als gefährlich und rennen, davon motiviert, weg. Wenn wir uns jede Angst
verbieten, haben wir gar keinen Ansporn, überhaupt darüber nachzudenken, ob das
Tier uns gefährlich werden könnte. Und selbst wenn, tun wir nichts. Auf der
anderen Seite brauchen wir aber natürlich auch das Rationale: Einfach nur Angst
haben bringt nichts, wenn wir gar nicht wissen, wie wir uns verhalten sollten.
Und so muss auch die Nostalgie richtig bearbeitet werden. Bislang haben wir
immer nur den folgenden Vorgang beschrieben: Jemand erinnert sich an früher und
will dahin zurück. Nach Nussbaum ist das aber nicht alles: Wir müssen auch
darüber nachdenken, ob dieses Gefühl angemessen ist. Und das ist eben der
Knackpunkt.
Jetzt stellt euch vor,
ihr habt Nostalgie und hört dann diese Folge – könnt ihr dann nicht
differenzierter daraufschauen, ob die Emotion Sinn ergibt und was ihr mit ihr
macht? Und nur, weil man urteilt, dass seine Nostalgie momentan in dieser Form
nicht sinnvoll ist, kann man immernoch etwas damit machen! Odysseus könnte
erkannt haben, dass Ithaka und er sich wahrscheinlich stark verändert haben
werden, wenn er heimkehrt. Er hätte damit rechnen können, dass die Götter noch
hinter ihm her sind und versuchen, sein Verhältnis mit ihnen entsprechend
anzupassen. Gleichzeitig wäre es aber wichtig gewesen, sich seinen Wunsch zu
erhalten, heimzukehren. In Odysseus‘ Fall ist es vielleicht ein bisschen schwer
zu urteilen, weil er zu vielen Dingen einfach gezwungen war. Aber denken wir an
mein Beispiel des Studienlebens. Ich muss ja nicht unbedingt genau in die Zeit
zurück, die ich mir vorstelle und alles machen wie damals. Aber wer weiß,
vielleicht hatte ich damals etwas, das ich jetzt nicht habe und irgendwie wiederbekommen
kann. Vielleicht kann ich mehr Zeit in meinem Terminkalender schaffen und
weniger lernen. Möglicherweise gibt es sogar Arbeitsweisen von damals, die sich
noch gut anwenden lassen! Und der russische Edelmann muss auch nicht Kommunist
werden oder das Geld weggeben, um das Verhältnis zu seiner Frau zu verbessern.
Vielleicht könnte er nach Gründen suchen, wieso es früher besser war und daran
ansetzen. Vielleicht ist er in seiner Bitte und der Gier nach Geld sehr
unfreundlich zu ihr gewesen und könnte darüber reden. Heraklit hat zwar recht,
dass sich die Welt immer verändert und nichts jemals exakt so bleibt wie davor,
aber das brauchen wir auch nicht. Manchmal hilft es schon, ein bisschen zu
reflektieren und gewisse Dinge, die früher gut waren, an die modernen Zeiten
anzupassen und weiterzuverwenden. Oder, einfach ein bisschen in der
Vergangenheit zu schwelgen – manchmal ist es auch einfach schön.
Endstand
Gut, Freunde. Tragen wir
das alles einmal zusammen und schauen dann, was wir haben. In dieser Folge ging
es um die Nostalgie: Was sie ist, warum wir sie empfinden und auch, was wir mit
ihr machen sollen.
Wir haben mit einem ganz
groben Umriss angefangen: Nostalgie ist offenbar ein Gefühl, das die
Vergangenheit in einem sehr positiven Licht darstellt. Es hat auch immer einen
leicht verzerrten Charakter, denn für komplett akkurate Darstellungen der
Vergangenheit benutzen wir den Begriff „Erinnerung“. Die Nostalgie hat darüber
hinaus auch eine motivationale Seite: Wenn wir Nostalgie haben, wollen wir
normalerweise wieder zurück in die entsprechende Zeit oder tendieren dazu. Das
kann sogar Zeiten treffen, die eigentlich gar nicht gut sind. Also haben wir
einmal in eher rationale und eher irrationale Nostalgie eingeteilt. Je nachdem,
wie gut die Vergangenheit tatsächlich war, zu der man nostalgische Gefühle hat.
Die Frage blieb aber, wieso man überhaupt in eine Zeit wollen sollte, in der
man sich schlecht gefühlt hat. Das haben wir uns so erklärt, dass man die
damaligen Herausforderungen möglicherweise längst bestanden hat und den
aktuellen entkommen würden. Vielleicht fühlt man sich einfach nur wohl in einer
Zeit, die man schon einmal erlebt hat.
Dann haben wir Barbara
Cassin hinzugezogen, um mehr über dieses Gefühl zu lernen. Sie hat uns
nahegebracht, dass es eine deutsche Schöpfung aus zwei altgriechischen Wörtern
ist: „νόστος“
und „αλγος“,
was „Heimkehr“ und „Leid“ bedeutet. Tatsächlich hat die Nostalgie selbst im
Altgriechischen gar nicht existiert, aber natürlich war das Konzept bekannt.
Und so haben wir uns über die Irrfahrten des Odysseus unterhalten, in denen er
immer wieder nach Hause wollte, aber es doch nie wirklich geschafft hat. Seine
Nostalgie einer Heimat war trügerisch, weil er sie sich so vorgestellt wie, als
er abgereist war. Nachdem er sich aber nach all den Jahren auf See ebenso wie
die Insel Ithaka verändert hatte, erkannte er sie zunächst noch nicht einmal.
Das hat uns gezeigt, dass Nostalgie auch gefährlich sein und einen von innen auffressen
kann. Nicht umsonst war sie einst als Krankheit bekannt.
Dann haben wir uns aber
gefragt, wie das sein kann. Wenn Nostalgie so gefährlich ist, wieso tut man
sich das dann an? Und muss das Gefühl wirklich immer so trügerisch sein? Dazu
haben wir uns angeschaut, in welchem Verhältnis wir denn zu unserer Vergangenheit
stehen. Sartre verrät uns, dass immer die Gegenwart am längeren Hebel ist und
gewissermaßen über die Vergangenheit herrscht. Aus ihren Erfahrungen und
Wünschen konstruiert sich in jeder Sekunde unseres Lebens ein neuer Plan, was
wir damit machen wollen. Dabei verändern wir uns natürlich ständig, sodass vor
allem unsere Wünsche sehr stark variieren. Nostalgie ist deshalb nicht viel
mehr als eine Projektion von Wünschen einer Person in eine Zeit, als diese noch
gar nicht existiert haben. Andere Herausforderungen, die damals aktuell waren,
sind dagegen längst vergessen, weil sie einer anderen Person angehört haben.
Derek Parfits russischer Edelmann verstärkt noch einmal die Idee, dass man
innerhalb desselben Lebens sehr unterschiedliche Personen sein kann. Nostalgie
muss also trügerisch sein, weil das in ihrem Wesen liegt: Sie muss sich immer
von einer Person auf eine komplett andere richten und dabei deren
Herausforderungen und Wünsche durch die eigenen ersetzen.
So weit hatten wir also
nur aufgezählt, wie gefährlich und trügerisch Nostalgie sein kann. Aber ich
wollte das Gefühl nicht gleich aufgeben! Also haben wir weitergeschaut: Kann
man die Nostalgie noch irgendwie retten? Gibt es einen guten Weg, nach hinten
zu schauen. Und ja, den gibt es – wenn man es differenziert betreibt. So lehrt
uns zunächst Aristoteles und später in größerem Detail Martha Nussbaum, dass
Emotionen nicht einfach weggelassen, sondern ordentlich bearbeitet werden
sollen. Es reicht nicht einfach, eine Emotion zu empfinden und dann abzutun
oder ihr zu folgen. Nein, man muss schauen, ob sie dem Gegenstand angemessen
ist. Ist diese Vergangenheit, an die ich denke, tatsächlich gut? Kann ich etwas
von ihr lernen oder eher nicht? Und oft wird man dann erkennen, dass es gut
ist, dass man dort ist, wo man gerade ist. Trotzdem gibt es immer wieder
Sachen, die früher besser funktioniert haben und aus denen kann man lernen.
Heraklit mag Recht haben, dass sich die Welt ständig ändert, aber trotzdem
können wir hin und wieder etwas aus der Vergangenheit übernehmen.
Konklusion
Ich denke, ich habe
bereits fast alles zur Nostalgie gesagt, was es zu sagen gibt. Ihr müsst euch
nicht schämen oder schlecht fühlen, wenn ihr nostalgisch seid – selbst, wenn
die Zeit, an die ihr euch zurückerinnert, schlecht war. Es kann in jedem Fall eine
bittersüße Erfahrung sein, ein bisschen in der Vergangenheit zu schwelgen. Wir
sind alle Menschen, wer tut das schon nicht? Ihr müsst euch aber immer bewusst
machen, dass es damals vielleicht anders war, als ihr es euch gerade vorstellt.
Selbst, wenn man ganz aufwendig alles reproduziert: Es ist sehr schwierig, sich
tatsächlich in den Kopf einer anderen Person, bzw. anderen Version von einem
selbst zu versetzen. Muss man aber auch nicht!
Verliert euch nicht in der Vergangenheit und denkt dran, dass ihr in der
Gegenwart lebt, da ist euer Ich aktiv. In dieser Gegenwart könnt ihr aber auch
viele Dinge tun, die ihr auch damals getan habt, warum nicht? Es bringt nicht
die gesamte alte Zeit zurück, aber manchmal ist es trotzdem schön, wenn etwas
von früher noch immer funktioniert. Unser Leben ist nicht nur eine gerade
Linie, manchmal geht man auch etwas zurück. Und solange man genau weiß, was man
tut und alles ausreichend reflektiert, ist Nostalgie eine schöne Emotion, genau
wie alle anderen, die uns zu Menschen machen.
So, vielen Dank fürs Zuhören! Das war auch mal wieder eine sehr interessante Recherche, von Barbara Cassin hatte ich davor noch gar nichts gehört! Lasst es mich gern über einen Kommentar wissen, was ihr denkt! Wenn ihr Blogbeiträge wie diesen lieber hören statt lesen, meinem Instagram folgen, mich erreichen oder etwas spenden wollt, finde ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Also dann bis zur nächsten Folge!
Quellen
,,Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause?" - Barbara Cassin
,,Antike Philosophie" - Perfrancesco Basile
,,Das Sein und das Nichts" - Jean-Paul Sartre
,,Gründe und Personen" - Derek Parfit
,,Nikomachische Ethik" - Aristoteles
,,Emotionen und Werturteile" - Martha Nussbaum
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