#22 Thanos: Wie weit darf man für das höchste Gut gehen?
Zusammenfassung
Wie weit darf man gehen, wenn es darum geht, die Menschheit zu retten? Darf man morden? Massenweise? Wenn es um 10 oder 100 Leute geht, klingt das vielleicht in Relation in Ordnung. Aber sagen wir, die Hälfte aller Menschen müsste gehen. Kann man das machen? In den Avengers-Filmen mit Thanos spielt diese Thematik eine große Rolle. Wir Menschen wirtschaften mit diesem Planeten so, dass wir uns irgendwann alle selbst vernichten werden. Oder so vermutet er es zumindest. Wenn man aber die Hälfte von uns auslöschen würde, hätte der Rest mehr Ressourcen und mehr Zeit, das unvermeidbare aufzuhalten. Wäre es das wert? Und wie ist es hier in moralischer Hinsicht: Wenn wir ohnehin alle sterben würden, dürfte man das Leid dann so reduzieren? Hier kann man sehr utilitaristisch, aber auch deontisch argumentieren. Das heißt, dass man das Leid aller Menschen gegen das Glück abrechnen kann, aber auch das einzelne Individuum im Auge behalten muss. Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Voranmerkung
Gut, bevor ich anfange,
müsst ihr mir kurz sagen, ob euch das auch so geht: Ich habe nämlich den
Eindruck, dass ich in den letzten Folgen immer schneller gesprochen habe, bis
mir in der Gottfolge echt kaum noch zu folgen war. Falls euch das auch so ging,
tut es mir sehr leid. Dieser Podcast ist ja gerade dazu da, schwierige
philosophische Konzepte vereinfacht darzustellen. In jedem Fall werde ich heute
versuchen, langsamer zu sprechen. Und gebt mir mal gerne Feedback, ob ihr das
überhaupt so empfindet wie ich und wie es euch lieber ist. Gut, soweit zu
meinem Selbstmitleid.
Einleitung
Lasst uns über die heutige Folge sprechen! Es ist nämlich wieder einmal soweit: Ich präsentiere euch heute meine dritte Filmfolge! Ich liebe diese Folgen! Ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, wie oft ich mir Filme anschaue und überall frage: „Handelt diese Person gerade moralisch gut?“ oder „Ist der Böse vielleicht gerade eigentlich mehr im Recht als der Gute?“ Nun und viele mehr, aber diese Fragen passen genau zu der heutigen Folge. Ich möchte heute nämlich mit euch über Thanos reden, den Antagonisten der „Avengers“-Filme. Und damit gebe ich gleich vorab eine Spoilerwarnung für „Avengers: Infinity War“ ab. Nun und wahrscheinlich die Filme davor, das ist irgendwie ein kollektiver Spoiler. Aber ich glaube, dass das hier nicht so schlimm ist, weil die Marvel-Filme allein schon sehr schön zum Anschauen sind. Und der letzte Film „Avengers: Endgame“ bleibt ungespoilert. Nun, das Ende davon zumindest. Also bleibt gern dran, auch wenn ihr nicht alle diese Filme kennt. Sie sind aber sehr sehenswert!
Handlung
Ihr fragt euch sicher:
„Ach komm schon Adrian, wirklich? Was für eine Philosophie könnte man aus
Marvel herausholen? Das ist doch echt nur noch an den Haaren herbeigezogen, ich
suche mir jetzt einen anderen Podcast!“ Aber Moment, lasst mich erklären. Nicht
gehen. Was genau ist „Avengers: Infinity War“ denn eigentlich für ein Film? Die
Handlung ist leicht zusammengefasst. Es geht um eine große Ansammlung an
Superhelden, die den Bösewicht Thanos daran hindern wollen, die Hälfte der
Menschheit auszulöschen. Mehr muss dazu eigentlich gar nicht gesagt werden.
Vielleicht noch, dass Thanos das mit den sogenannten „Infinity-Steinen“ tun
will, die die Macht des Universums beinhalten. Diese tut er dann in einem
Handschuh und ist dann mit einem einzigen Schnippen seiner Finger dazu in der
Lage, die Hälfte der Menschheit ganz einfach in Staub aufzulösen. Wo kommt hier
also die Philosophie ins Spiel? Mit der berühmten Frage, warum er das denn tut. Denn Thanos
macht das nicht aus Spaß, Bösartigkeit oder überhaupt für sich selbst. Nein,
den ganzen Film lang macht er immer klar, dass er das für die Menschheit selbst
tut. Und das ist eigentlich sehr interessant, denn dadurch hat man am Ende des
Filmes die Situation, dass eigentlich beide Seiten für das Gleiche kämpfen.
Thanos, der die Hälfte opfern will und die Avenger, die das verhindern wollen.
Doch warum tut Thanos das? Wie soll eine solche eigentlich furchtbare Handlung
der Menschheit helfen? Nun ist Thanos der Meinung, dass die Menschheit sich
mehr und mehr selbst zerstört. Wir leben im Überfluss und verwenden unsere
begrenzten Ressourcen so, als wären sie unendlich. Und dabei werden wir auf der
Erde immer mehr
Menschen, sodass, wenn alle denselben Zugang bei diesem Umgang mit Ressourcen
hätten, keine mehr übrig wären. Und so sieht er als einzige Lösung des Problems
eine radikale Kürzung der Weltbevölkerung, damit die übrig gebliebenen Menschen
noch länger etwas von diesem Planeten haben. Und genau das ist die Frage dieser
Folge: Wie weit darf man für das höchste Gut gehen? Wenn das der einzige Weg
ist, die Menschheit zu retten, darf man das tun? Ist Thanos im Recht und der
Avenger im Unrecht?
Ich möchte gleich eine
Sache aus dem Weg räumen, die für diese Untersuchung keine Rolle spielen wird.
Man könnte sich zum Beispiel fragen, ob Thanos daran gedacht hat, Arbeiter in
einem Atomkraftwerk leben zu lassen. Denn klar, wenn die alle weg sind und das
Gebäude explodiert, sterben alle anderen im Umkreis auch. Oder denkt an
Piloten, die gerade in der Luft waren: wenn die sich auflösen, sterben alle
Personen in diesem Flugzeug auch. Theoretisch. Das spielt jedenfalls keine
Rolle. Aber schreibt mir natürlich gern in die Kommentare, was ihr dazu denkt.
Hat Thanos Erfolg?
Doch Thanos wirkt hier
nicht wie der klassische Bösewicht, oder? Nie hat er sich selbst bei seinen
Zielen im Kopf. Man sieht das besonders gut in „Infinity War“, denn hier
gelingt sein Plan. Am Ende des Filmes schnippt Thanos mit den Fingern und die
Hälfte der Menschheit löst sich auf. Er selbst hat, um zu diesem Punkt kommen
zu können, unzählige Kämpfe und Schlachten geschlagen und musste seine eigene
Ziehtochter opfern. Eine Person, die ihm wichtiger war als jede andere, wie man
erfährt. Und dann, als er sein Ziel erreicht hat, zieht er sich an einen weit
entlegenen Ort zurück und führt ein simples Leben. Sogar die Infinity-Steine
benutzt er nicht weiter. Er zerstört sie vielmehr und bringt sich dabei fast
selbst um. Niemand soll sie mehr für etwas anderes benutzen können als für
diesen Zweck. Man kann also auf jeden Fall sagen, dass Thanos für das Gut der
Menschheit furchtbares Leid auf sich nimmt und irreparable Schäden anrichtet.
Ich finde, dass ihn das deutlich ehrbarer macht als die Avenger, die nicht mit
ihm diskutieren und ihn am Ende in dieser Hütte sogar aufsuchen und umbringen,
als er ohne Verteidigung vor ihnen liegt. Aber gut, nur meine Meinung. Es geht
hier auch nicht so sehr um die Person Thanos, sondern eher um sein Ziel an
sich. Ist es moralisch gut, unzählige Leben zu nehmen, um ein unermessliches
Glück zu schaffen?
Vielleicht sollten wir
diese Frage so angehen, dass wir uns erst einmal anschauen, ob er denn
überhaupt damit Erfolg hatte. Schafft Thanos einen glücklicheren Planeten?
Nun... Nein. In „Avengers: Endgame“ bekommen wir einen Einblick, wie die Welt
nach Thanos‘ Maßnahme aussieht. Und es ist ein Trauerspiel. Nicht für jeden,
zugegeben. Es gibt Menschen wie Tony Stark, also Ironman, dessen Familie nicht
betroffen ist und der normal weitermachen konnte. Doch der Planet ist trotzdem
sehr einsam und grau geworden. Jeder hat mindestens eine geliebte Person verloren,
manche Menschen stehen komplett allein da. Thanos hat nicht gezielt, sondern
zufällig Personen ausgeschaltet. Natürlich hat jetzt jeder mehr Ressourcen für
sich selbst, aber für welchen Preis? Schaut euch euren Bekanntenkreis an und
stellt euch vor, mindestens 3 Leute davon müssten einfach gehen. Oder mehr. Und
dann seht ihr auch kaum noch Leute auf der Straße und alle um euch herum sind
auch traurig. Es ist ein komplettes Fiasko. Thanos hat überhaupt nicht das
erreicht, was er wollte. Er hat sogar alles noch schlimmer gemacht. Man könnte
also sagen, dass er damit unmoralisch gehandelt hat. Denn er hat nicht nur
Milliarden an Menschen ausgelöscht, sondern auch ebenso vielen ein
traumatisches Erlebnis verpasst.
Keine nachhaltige Lösung
Doch ist deswegen die
komplette Idee im Eimer? Wäre das dann jetzt das Ende der Folge? Oder könnte
man Thanos‘ Plan vielleicht optimieren? Was ist zum Beispiel, wenn er seine
Vernichtung der Menschheit anders aufteilt? Was, wenn man einen kompletten
Kontinent auslöscht, einen anderen, aber komplett belässt? Dann wäre das
Problem gelöst, dass jeder Mensch jemanden verliert, den er oder sie kennt.
Naja, theoretisch. Es wäre dann vielleicht auch einfacher, die Ressourcen des
menschenleeren Kontinents zu benutzen. Nein, ich werde ganz sicher nicht sagen,
welcher Kontinent dafür besser oder schlechter wäre, es ist sowieso schon echt
dünnes Eis hier. Aber könnte man diesen Plan so modifizieren, dass er doch das
Glück der übrigen Bevölkerung erreicht? Und wäre er damit moralisch gut?
Nein. Es gibt nämlich
noch andere Probleme mit Thanos‘ Plan. Das erste ist ganz offensichtlich: Auf
lange Sicht löst er das Problem der Menschheit nicht. Denn die
Ressourcenknappheit wird sich dann eben irgendwann wieder einstellen. Die
Menschheit vermehrt sich eben sehr schnell und vor allem, wenn sie dafür genug
Ressourcen zur Verfügung stellt. Man müsste dann also wirklich in einem
gewissen Rhythmus immer wiederkommen und die Hälfte der Menschheit auslöschen.
Und wenn das in einem Plan festgelegt ist, kann es nicht richtig sein. Denn
dann tötet man immer wieder, ohne etwas zu erreichen. Das ist unmoralisch. Und
es ist durch einen weiteren Grund eine schlechte Idee, diesen Zyklus zu
starten. Die Menschheit lernt nämlich dadurch nie, mit Ressourcenmangel
umzugehen. Wir haben natürlich heutzutage viele Umweltaktivisten- und
Aktivistinnen, aber wir gehen noch immer recht großzügig mit unserem Wasser und
Strom um. Je nach Land natürlich. Doch wenn sich ein ernsthafter Mangel in allen Ländern der Welt breitmacht,
wird man etwas tun müssen. Sollte man natürlich schon davor wissen, aber
spätestens dann geht es nicht anders. Und dann wird die Welt nie in der Not sein,
moderne Technologie zu entwerfen, um dem entgegenzuwirken oder eben sparsamer
zu sein. Warum auch? Dann gäbe es nie wieder Ressourcenmangel. Gut, theoretisch
schon. Natürlich ist der Planet in jedem Fall irgendwann leer. Aber das wird
dann sehr sehr lange nicht passieren. Ich meine, wir sehen diesen Trend ja
schon heutzutage. Bevor der Klimawandel wirklich messbar und bemerkbar war oder
bevor Ressourcen deutlich knapper geworden sind, hat sich niemand für
Nachhaltigkeit interessiert. Doch inzwischen ist dieses Thema bei jeder
Überlegung ein wichtiger Faktor. Und das ist auch gut so! Doch Thanos würde
diese Entwicklung verlangsamen oder sogar verhindern und die Menschheit dazu
verurteilen, irgendwann am Ressourcenmangel zugrunde zu gehen. Denn wenn die Menschheit irgendwann an den Punkt kommen würde, wo die Ressourcen so knapp wären, dass sie noch nicht einmal für die Hälfte reichen würden, wäre es zu spät und dann würde sie zugrundegehen. Lustigerweise genau
das, wovor er sie bewahren will.
Thanos handelt zu früh
Kommen wir zum zweiten
Problem: Thanos rettet eigentlich im Film niemanden vor der
Ressourcenknappheit. Warum? Weil zu dieser Zeit im Film noch gar keine
wirkliche Knappheit herrscht. Zumindest in einigen der Teile, in denen er
Menschen auslöscht. Die Generation an Menschen in den USA, wo dieser Film
spielt, hätte ihr Leben so oder so ungestört weitergelebt. Vielleicht hätten
nachfolgende Generationen mit diesem Problem ernsthaft zu kämpfen gehabt, doch
er scheint Menschen ohne Not zu töten. Eigentlich geht Thanos‘ Philosophie nur
dann auf, wenn das Ende der Welt kurz bevorstehen würde und nur durch seine
Handlung abgewendet werden könnte. Doch hier werden Menschen mit einem guten
Leben geopfert, damit andere ihr Leben ebenfalls wie vorher normal leben
können. Und damit ist es doch wieder unmoralisch. Denn hier werden Menschen
geopfert, obwohl für die Überlebenden gar keine konkrete Gefahr bestand. Thanos
scheint also etwas zu früh damit zu kommen. Auch wenn ich natürlich nicht sagen
will, es gäbe heutzutage in einigen Ländern keinen Ressourcenmangel. Das ist
mir schon klar. Es ist natürlich schon auch so, dass es auch Menschen gibt, die darunter leiden und vielleicht durch Thanos profitieren würden. Aber wenn es darum geht, 4 Milliarden Menschenleben zu nehmen,
muss man vorsichtig sein. Vorsichtig mit moralischen Überlegungen: Man müsste zuerst schauen, ob es auch wirklich alle sind, die leiden oder ein bisschen leiden und dann, ob es den Menschen auch besser gehen würde, wenn man die anderen umbringen würde. Und wie gesagt, ist das nicht der Fall. Das heißt: Vielleicht rettet Thanos ein paar Leute von der Ressourcenknappheit, doch bei dem Ausmaß sollte es schon auch die gesamte Menschheit sein und das scheint eben nicht der Fall zu sein.
Der Kern des Plans
Jetzt möchten wir aber
einmal annehmen, dass diese Probleme nicht existieren. Denn wir wollen zum Kern
von Thanos‘ Philosophie vorstoßen. Nehmen wir einmal an, er würde ganze
Kontinente auslöschen und andere unberührt lassen. Nehmen wir weiter an, dass
die Menschheit aus diesem Ereignis lernt und trotzdem nachhaltiger lebt. Und
sagen wir schließlich noch, dass die gesamte Menschheit im Folgejahr leidvoll
gestorben wäre, wenn Thanos die Hälfte der Bevölkerung nicht getötet hätte. Und
jetzt hat der Rest ein perfektes Leben. Wäre das dann moralisch gut? So und
hier möchte ich das Mikro einmal an die Philosophen dieser Folge abgeben, weil
mir das sonst zu viele Fragen sind. Darf man in diesem Fall die Hälfte der
Menschheit opfern oder nicht?
Das Glück der Mehrheit
Und damit kommen wir zum Utilitarismus nach Jeremy Bentham. Ich weiß, ich zitiere ihn sehr oft, aber es ist einfach eine sehr simple und valide Moraltheorie. Bestimmt kennt ihr die utilitaristische Ethik: Hiernach ist die Welt in zwei Prinzipien aufgeteilt, die sie regieren. Lust und Leid. Im Grunde ist das alles, was einen interessiert, denn jeder Mensch sucht am Ende die größte Lust und das geringste Leid für sich. Und damit ist es eine ganz simple Rechnung: Eine Handlung muss dann ja wohl besser sein, je mehr Lust sie hervorbringt und Leid vermeidet. Und somit hat man immer die Wahl, die moralische Handlung zu wählen. Es ist immer die, die in jeder Situation das größte Glück und das geringste Übel hervorbringt. Relativ zu dem, was man tun kann, natürlich. Nun und Thanos hat durchaus die Macht, ein großes Glück hervorzubringen und ein Übel zu verhindern. Wenn wir annehmen, dass es keinen anderen Weg zur Rettung der Menschheit gibt, ist es nicht nur moralisch richtig, die Hälfte der Menschheit auszulöschen, sondern auch falsch, wenn man es nicht tut. In dem Fall ist Thanos‘ Ziel zutiefst moralisch und die Avenger unmoralisch. Denn klar fügt er der Hälfte der Menschheit das Leid zu, dass sie sich auflösen und nie wieder Glück empfinden können. Dafür gibt er der lebenden Gruppe das Glück, viel mehr Ressourcen nutzen zu können. Damit verhindert er auch ihr Leid, eine Knappheit zu erleben und erhöht das Glück aller nachfolgenden Generationen. Für Bentham wäre es auch egal, ob das Ende der Welt direkt bevorsteht oder erst die nächsten Generationen treffen würde. Da diese Generationen durch die Handlung mehr Glück empfinden würden als Leid geschieht, wäre Thanos‘ Handlung zu jeder Zeit legitim. Also das ist ein ganz einfacher Schluss: Utilitaristisch gesehen handelt Thanos richtig, indem er die Hälfte der Menschheit auslöscht, weil er dadurch sehr viel mehr Glück hervorbringt als Leid.
Das Glück des Individuums
Doch man kann hier
berechtigte Einwände hervorbringen. Einer kommt vom Philosophen Robert Nozick,
den ich ebenfalls mit genau diesem Einwand schon zitiert habe. Hört euch da
gern meine Folge über die Moral an. Doch es passt eben hier wieder: In seinem
Werk „Anarchie, Staat, Utopia“ sagt Nozick, dass die utilitaristische Rechnung
nicht aufgeht. Man kann nicht einfach Menschenleben gegeneinander abrechnen.
Warum? Nun, wer sagt denn, dass es besser ist, wenn die eine Hälfte der
Menschheit stirbt, damit die andere ein besseres Leben hat? Für wen ist das besser? Naja für die
lebenden Menschen eben, aber für den Rest nicht. Der Utilitarismus tut immer
so, als gäbe es eine Art Gesamtwesen auf der Welt, das profitiert, je mehr
kollektives Glück entsteht. Aber es gibt es nicht. Es gibt Menschen, die sich
freuen und Menschen, die leiden. Und das Leid eines Menschen wird immer gleich
schlimm sein, da braucht es keinen Kontext. Deshalb ist es in jedem Fall
falsch, ein Menschenleben zu nehmen. Geschweige denn, 4 Milliarden. Jeder
Mensch braucht gewisse Rechte, damit er nicht einfach in so einer Rechnung
verschwindet. Wie das Recht auf Leben. Dieser Mensch wird nie davon
profitieren, wenn dieses Recht gebrochen wird, denn er ist ein eigenes
Individuum. Und damit ist Thanos‘ Handlung unmoralisch. Beziehungsweise
moralisch. Nun, in dem speziellen Fall, dass die Welt untergehen würde, wenn
Thanos nicht handelt, wäre diese Einstellung etwas schwierig. Sicher würde
Nozick nicht sagen, dass lieber alle Menschen sterben sollten als nur die
Hälfte. Aber was er oder
irgendjemand will,
steht hier ja auch außer Frage. In dem
Fall wäre es sicher objektiv besser, wenn Thanos handeln würde. Aber es wäre
nicht moralisch. Im Übrigen ist es auch nicht gut, die ganze Menschheit sterben
zu lassen, während man die Macht hat, das zu verhindern. Das ist eben das
Merkmal der Deontologie, was die Richtung ist, der Nozick hier angehört:
Gewisse Situationen verhindern es einfach, moralisch zu handeln. Man nennt das
ein moralisches Dilemma. So ist das Leben, nicht wahr? Aber es kann einfach
nicht richtig sein, Menschen zu töten. Und es wird auch nicht dadurch auf
einmal gut, nur weil man es machen muss.
Wir haben hier also
einen großen Kontrast zwischen dem Utilitarismus, der übrigens dem sogenannten
Konsenquenzismus angehört, und der Deontologie. Die Konsequentialist:innen bewerten
eine Handlung, wie man sich denken kann, immer nach ihren Konsequenzen, während
die Deontolog:innen auf die Handlung selbst schauen. Und klar würde Thanos unter
den genannten Umständen mehr Glück als Leid hervorbringen. Natürlich wäre die
Welt glücklicher mit dieser Lösung, als wenn alle leiden müssen. Doch kann man
das deshalb wirklich „moralisch gut“ nennen? Denn Nozick sagt ganz richtig,
dass nur diejenigen sich wohl fühlen, deren Leben gerettet wurden. Alle anderen
sind tot. Und das waren auch Menschen. Diese Leute hätten auch ein langes Leben
gewollt und auch sie hatten ein Recht darauf gehabt. Da Thanos dieses Recht aber
Milliardenfach gebrochen hat, fällt es den Deontolog:innen schwer, das als
moralisch gute Tat anzusehen.
Zufällige Auslöschung
Nun gut, belassen wir
es erst einmal dabei. Denn ich möchte mit euch noch über eine weitere Frage
reden. Wie wir schon gesagt haben, ist Thanos‘ Auswahl, wen er tötet, zufällig.
Und wir haben auch schon gesagt, dass das vielleicht gar nicht so günstig für
die Überlebenden ist, weil dann theoretisch jeder eine Person verlieren könnte,
die ihm oder ihr sehr wichtig ist. Vielleicht wäre es also schlauer, einfach
die geografisch eine Hälfte der Welt von Menschen zu befreien und die andere
nicht. Wäre es also besser, wenn Thanos gezielter arbeiten würde? Sollte er
sich aussuchen, wer stirbt und wer nicht? Und wenn ja, gibt es einen Weg,
besonders gut zu wählen, sodass seine Handlung vielleicht sogar moralisch wird?
Zum Beispiel könnte er nur Menschen über 70 auflösen mit der Philosophie, dass
sie weniger vom Leben noch vor sich haben als der Rest. Oder er tötet nur
Verbrecher, um möglichst moralische Menschen übrig zu lassen. Es würden sich
viele Ideen finden lassen. Ist es richtig, dass Thanos Menschen nach dem
Zufallsprinzip getötet hat?
In seinem Artikel
„Should Numbers Count?“ befasst sich der Philosoph John Taurek mit einer sehr
ähnlichen Frage. Zwar stellt sich für Thanos das Zahlenproblem nicht, weil er
genau die Hälfte der Menschheit tötet. Und deshalb geht das hier ein bisschen
Abseits, aber ich spanne den Bogen gleich zurück. Bleibt kurz bei mir: Taurek
wirft die Frage auf, wieso es bei moralischen Fragen, wie viele Menschen man
retten soll, eigentlich richtig sein soll, die größere Zahl zu wählen. Nehmen
wir das Trolley-Beispiel, das ihr sicher kennt. Ein Zug mit kaputten Bremsen
rast auf fünf Bauarbeiter zu, die nicht ausweichen können. Man könnte sie nur
retten, indem man die Weiche umstellt und einen einzelnen Bauarbeiter tötet,
der dort ist. Es gibt nun viele mögliche Antworten auf die Frage, was man tun
soll. Und viele Begründungen. Doch die utilitaristische Art, an diese Situation
heranzugehen, ist, einen Mann zu töten. Weil dann durch die fünf lebenden
Menschen mehr Glück entsteht, als wenn nur einer lebt und fünf tot sind. Nun
haben wir schon Nozicks Einwand gehört, doch auch Taurek ist damit nicht
einverstanden. Wenn man niemanden dieser Leute kennt, betrauert man zunächst
erstmal bei jedem nur den Verlust für
diese Person, nicht von
ihr. Das heißt, dass man für jede dieser Personen gleich trauern würde. Man
würde immer mit dem Gedanken trauern, dass diese spezifische Person Vieles in
ihrem Leben verloren hat. Und natürlich leiden die Sterbenden dann über den
eigenen Verlust. Aber niemand leidet fünffach. Wenn die fünf Leute sterben,
leidet jeder genau einmal, genau wie bei der einen Person. Für wen ist es denn
schlimmer, wenn die fünf Leute sterben? Nicht für sie selbst, denn sie leiden
alle für sich. Vielleicht für uns und die gerettete Person? Naja, leidet man
bei fünf Toden genau fünfmal so viel wie bei einem Tod? Nein, so funktioniert
das ja auch nicht. Leid ist nicht auf diese Art steigerbar. Durch den Gedanken,
dass man den Tod einer Person zugelassen oder herbeigeführt hat, fühlt man sich
furchtbar. Und das ist immer dasselbe Gefühl. Man hat hier also nicht die Wahl
zwischen fünf Leuten oder einer Person, sondern 6 einzelnen Leben. Und dann ist
es wahrscheinlich am fairsten, allen diesen Leuten die gleiche Chance zu geben.
Taurek sagt, man sollte dann einfach eine Münze werfen und danach handeln. Denn
es spielt keine Rolle. Man wird Leid zufügen, egal was man macht. Und das ist
hier nochmal ganz wichtig: Taurek sagt nicht, dass es dann auf einmal gut wäre,
5 Leute zu töten. Oder die eine Person. Wir haben hier ein moralisches Dilemma,
weil wir in jedem Fall für den Tod eines oder mehrerer Menschen verantwortlich
sind. Aber es ist eben nicht per se eine bessere oder gute Tat, wenn man die
größere Zahl wählt.
Verbundenheit der Personen
Oder gibt es da
Ausnahmen? Denn der Philosoph Bernard Williams fügt noch etwas zu Taureks
Theorie hinzu. Sein Werk dazu heißt „Personen, Charakter und Moralität“. Er hat
nämlich das Gefühl, dass Taurek einen wichtigen Aspekt ausgelassen hat. Dieser
redet davon, dass wir die Personen nicht kennen und daher nur den Verlust für
sie und nicht von ihnen betrauern. Doch was, wenn wir sie
kennen? Wenn die einzelne Person auf dem Gleis unser langjähriger Freund ist
und die anderen Leute eben irgendwelche Fremden. Sollte man dann noch immer
eine Münze werfen? Denn obwohl es intuitiv richtig erscheint, eine Person für
fünf Leute zu opfern, scheint es falsch zu sein, einen guten Freund für fünf
Menschen umzubringen. Warum ist das so? Williams sieht den Grund darin in der
Verbindung zu dieser Person, die man nicht durch Aufrechnung ausgleichen kann,
selbst bei 5 Leuten. Da sind wir wieder dabei, dass man menschliches Leben
nicht einfach aufrechnen kann. Williams sagt, dass das nur bei Objekten geht.
Man ist trauriger, wenn man 1000€ verliert, als wenn nur 10€ weg sind. Aber
Menschen sind eben keine Objekte, man kann ihr Leid nicht gegeneinander
aufrechnen. Ein Beispiel dafür: Stellt euch vor, ihr habt die Wahl, entweder
eine Person vor dem Tod zu retten oder 1 Milliarde Menschen vor Kopfschmerzen.
Es wäre doch extrem absurd, eine Person wegen Kopfschmerzen zu töten! Doch
mathematisch müsste die Rechnung hinkommen. Eine Milliarde Menschen mit
Kopfschmerzen sind sehr sehr viel. Und wenn man ihre ganzen Leiden aufrechnet,
müsste das doch sicherlich mehr sein als der Tod einer Person. Aber so
funktioniert es nicht. Es gibt keine Anzahl an Personen, deren Kopfschmerzen
wir schlimmer finden könnten als den Tod einer Person. Punkt. Und ebenso
funktioniert es mit Verbundenheit. Das Band, das man mit einer besten Freundin
oder einem besten Freund teilt, kann mit keiner Anzahl an Fremden erreicht
werden. Zu Milliarden an Fremden kann man nicht die Verbundenheit fühlen wie zu
dieser wichtigsten Person im eigenen Leben. Und deshalb muss man bei solchen
moralischen Überlegungen auch einbeziehen, ob man zu Personen eine Verbindung
hat und das berücksichtigen.
Nun, was lernen wir
also von Taurek und Williams? Offenbar ist es bei moralischen Überlegungen,
welche Anzahl an Menschen man vor einem Übel retten soll, egal, wie groß die
Zahlen sind. Es ist nicht per se besser, 5 Menschen zu retten als einen
einzelnen, nur einfach weil es mehr Leute sind. Warum? Weil jeder für sich
selbst leidet, und zwar einfach. Das Leid, das die anderen empfinden, ist immer
der Verlust für die Person, während die Person für ihren eigenen Verlust
leidet. Und Leid ist nicht auf dieselbe Weise steigerbar wie Personen. 5 Tode
entsprechen nicht 5 Leiden. Man ist vielmehr auf dieselbe Weise auch traurig,
wie wenn eine Person stirbt. Und somit spielen neben Zahlen und auch sonstigen
Bewertungsraster keine Rolle, da jeder Mensch gleichsam am Verlust des Lebens
leidet. Deshalb meint Taurek, man sollte in solchen Fällen einfach eine Münze
werfen, um jedem die gleiche Chance auf das Überleben zu geben.
Bernard Williams stimmt
Taurek in seinen Punkten zu, aber ergänzt noch eine Überlegung. Denn es scheint
etwas anderes zu sein, eine Person zu opfern, die man besonders gut kennt und
mag. Es verbindet einen dann etwas mit ihr, und damit wäre es falsch, sie ohne
weiteres als gleich mit den anderen zu betrachten. Genauso wenig wie man
menschliches Leid aufrechnen kann, kann man das mit menschlichen Bindungen tun.
Egal wie viele Fremde man sieht, zu ihnen wird man nie dieselbe Bindung haben
wie zu einer besten Freundin oder einem besten Freund. Und deshalb sollten
diese Personen immer Vorrang haben. Wichtig noch einmal: Die Philosophen sagen
nicht, dass es moralisch in Ordnung ist, die größere Anzahl an Leuten oder
Fremden zu töten. Natürlich ist es das nicht. Aber es ist einfach falsch, von
einer moralischen Tat zu sprechen, nur weil auf der einen Seite mehr Menschen stehen.
Ein moralisch faires Vorhaben
Nun, was hat das mit
Thanos zu tun? Er hat ja gar keine Entscheidung zwischen einer größeren und
kleineren Zahl treffen müssen. Doch wie wir eben gesagt haben, hätte er
zwischen einzelnen Personen wählen können. Er hätte alte Leute, Verbrecher oder
todkranke Menschen zuerst auslöschen können und dann erst ein bisschen vom
Rest. Aber das wäre eben falsch gewesen. Vielleicht ist es praktisch für die
Welt, wenn es weniger Verbrecher gibt. Doch das würde ihre gezielte Auslöschung
nicht moralisch gut machen. Indem Thanos entschieden hat, zufällig Menschen
umzubringen, hat er jedem eine faire Chance gegeben, zu überleben. Tatsächlich
unter diesen Umständen eine sehr noble und gerechte Entscheidung. Der Aspekt
der Bindungen scheint hier auch keine Rolle zu spielen: Wenn man nach dem Film
geht, kennt Thanos offenbar keinen einzigen Menschen. Seine Ziehtochter, die
ich erwähnt habe, ist nämlich auch kein Mensch, genauso wenig wie er. Es wird
ohnehin nicht wirklich erklärt, warum es ihm überhaupt wichtig ist, die
Menschheit zu retten. Aber es scheint so, als wäre er ein Wesen, das um das
ganze Universum reist, um genau auf diese Art verschiedenen Planeten zu helfen.
Er ist also auf eine merkwürdige Weise ein Altruist. Das ist auch sehr
interessant. Trotz der Falschheit seiner Annahmen opfert er so viel und nimmt
so viele Mühen auf sich, obwohl er nicht einmal einen einzigen Menschen kennt.
Somit ist es also noch immer richtig oder zumindest richtiger, nicht gezielt
auszuwählen, welche Menschen sterben und welche nicht.
Endstand
Gut, fassen wir das
alles hier etwas zusammen. Unsere Eingangsfrage war, wie weit man für das
höchste Gut gehen darf. In diesem Fall das Verhindern des Untergangs der
Menschheit. Ist Thanos‘ Plan zur Auslöschung der Hälfte der Menschheit
moralisch gut? Nun und da haben wir uns zuerst angeschaut, was wir denn im Film
sehen. Und wenn wir danach
urteilen, ist er das nicht. Denn Thanos lässt keine glückliche Menschheit
zurück, sondern einen grauen und traurigen Planeten. Jeder hat mindestens eine
Person verloren, die ihm oder ihm wichtig ist. Jeder versucht irgendwie
weiterzumachen, und obwohl es einigen Leuten sehr gut gelingt, wünscht sich
eigentlich jeder die andere Hälfte der Menschheit zurück.
Und dann haben wir uns
gefragt, ob es vielleicht besser gewesen wäre, wenn Thanos nur eine Seite des
Globus ausgelöscht und die andere belassen hätte. Dann wäre die
Wahrscheinlichkeit größer gewesen, dass Familien- und Freundeskreise intakt
bleiben. Vielleicht wäre es dann sogar einfacher, die Ressourcen dieser Länder
für sich zu nutzen, wie es ja sein Plan war. Aber auch dann gäbe es noch
Probleme damit.
Denn er löst das
Problem der Menschheit gar nicht auf Dauer. Man kann sich sehr leicht
ausrechnen, dass die übrige Population sich weiter vermehrt und wächst. Und
dann müsste er wohl irgendwann wiederkommen und wieder die Hälfte der
Menschheit auslöschen. Und wenn diese Maßnahme keine endgültige Lösung ist,
sondern schon klar ist, dass er wieder morden muss, kann sie nicht richtig
sein. Die Idee ist doch, dass der Menschheit auf Dauer geholfen wird. Und noch
schlimmer: Nicht nur verschiebt er das Problem der Ressourcenknappheit
lediglich, er verschlimmert es sogar. Denn wenn die Menschheit nie die
Erfahrung machen kann, eine tatsächliche starke Knappheit zu erleben, werden
wohl nie wirklich Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Man sieht es doch daran,
dass das Thema um den Klimaschutz erst seit relativ kurzer Zeit wirklich
populär ist. Und zwar seit bekannt ist, dass es in bestimmten Gebieten der Welt
tatsächlich wärmer wird und Naturkatastrophen zunehmen. Es ist nun einmal so,
wie der Mensch funktioniert. Thanos kann nicht davon ausgehen, dass die Hälfte
der Menschheit vernünftig genug ist, von dann an nachhaltig zu leben. Wenn man
sich den Film anschaut, tun sie das auch nicht.
Und damit kommen wir
zum zweiten Problem mit Thanos‘ großem Plan: Er rettet eigentlich niemanden vor
der Ressourcenknappheit! Denn er kommt dafür viel zu früh! Als er seine
Finger schnippt, wäre eigentlich noch genug Zeit für die Menschheit gewesen,
selbst mit dieser Bedrohung fertig zu werden. Das ist doch das, was im
Bezug zum Klima immer gesagt wird: Klar ist es schlimm, aber es ist noch nicht
zu spät! Wir werden noch ein relativ normales Leben führen können, und
haben auch noch die Möglichkeit, es für die nachfolgenden Generationen
angenehmer zu machen! Was Thanos hier aber tut ist, dass er ganze
Generationen an Menschen auslöscht, die zumindest zum Großteil alle nicht am
Ressourcenmangel gestorben wären oder den Rest behindert hätten. Und
damit tötet er ohne Not die Hälfte der Menschheit, macht die andere Hälfte
damit depressiv und verabschiedet sich. Diese Maßnahme ist ebenso sinnlos
wie unmoralisch gewesen, das ist ganz klar.
Doch das war uns noch
nicht genug. Diese Probleme betreffen ja eher Thanos‘ Planung und sein Timing,
aber nicht unbedingt die Idee selbst. Was wäre denn, wenn die Umstände anders
wären? Wenn Thanos tatsächlich später gekommen wäre und die Menschheit kurz vor
der Ausrottung gestanden hätte? Was wäre, wenn diese Auslöschung die einzige
Möglichkeit gewesen wäre?
Nun würde der
Utilitarist Jeremy Bentham grünes Licht geben. Und zwar aus einer ganz
einfachen Rechnung heraus. Glück ist das, was wir alle wollen und Leid genau
das Gegenteil. Deshalb muss es ja objektiv besser sein, wenn mehr Leute Lust
als Leid verspüren. Und damit muss die Handlung, die dafür sorgt, ja wohl
moralisch sein, gegebenenfalls. Und klar, wenn Thanos die Wahl hat, die ganze
Welt sterben oder wenigstens die Hälfte leben zu lassen, ist die Hälfte auf
jeden Fall die bessere Wahl.
Vielleicht wäre es auch
die praktischere Wahl für die Menschheit, ich denke, diesen Punkt bestreitet
niemand. Doch die Deontologen tun sich damit schwer, die Auslöschung der Hälfte
der Menschheit als moralisch anzusehen. Darunter auch Nozick. Denn er stellt
die Frage, für wen
es denn besser wäre, wenn die größte Menge das größte Glück hat. Denn es sind
ja alles getrennte Individuen. Wenn einer stirbt und dafür zwei andere leben,
ist noch immer die eine Person tot. Jeder Mensch sollte ein Recht auf das
eigene Leben haben, denn sonst geht er in solchen Rechnungen unter. Wenn
Milliarden Menschen durch das Opfer von zehn Leuten leben, denkt fast niemand
an die Zehn, weil der Zahlenunterschied so groß ist. Wir dürfen aber nie vergessen,
dass das zehn Leute waren, die alle leben wollten und jetzt nie wieder Glück
empfinden können. Also nein, Thanos würde auch in diesem Fall nicht moralisch
handeln. Er befindet sich in einem moralischen Dilemma, weil es auch nicht gut
ist, Leute sterben zu lassen. Und klar ist das keine eindeutige Lösung. Aber zu
sagen, dass die Auslöschung der Hälfte der Menschheit ein moralisch guter Akt
ist, ist einfach falsch.
Tja, und dann haben wir
weiterüberlegt. Kann man Thanos noch irgendwie retten? Es gibt nämlich einen
Aspekt an seiner Ausführung, den wir uns bisher nur kurz angeschaut haben. Die
Zufälligkeit der Auslöschung. Wäre es nicht vielleicht besser, nur bestimmte
Personengruppen auszuschalten? Solche, die ohnehin bald sterben würden oder
schlechte Menschen sind? Auch wenn ich das wahrscheinlich über niemanden sagen
würde. Oder was ist mit dieser gezielten Auslöschung von Kontinenten? Sollte
man da welche aussuchen? Dazu haben wir uns dann John Taurek und Bernard
Williams angeschaut. Taurek meint, dass es bei solchen Überlegungen eigentlich
noch nicht einmal eine wirkliche Rolle spielt, wie viele Menschen im Spiel
sind. Wie auch schon Nozick gesagt hat: Selbst wenn es 20 zu 1 steht, leidet
jede Person bei ihrem Tod gleich viel. Man leidet nicht 20-fach, weil man beim
Sterben zu zwanzig ist. Und die Trauer über den Tod wird auch nicht
verzwanzigfacht. So funktionieren Emotionen eben nicht. Allein ein Tod ist furchtbar mitzuerleben,
geschweige denn zu verursachen, und daher spielt es keine Rolle. Man hat immer
eine gewisse Reihe an Einzelpersonen, zwischen denen man entscheidet, und
deshalb wäre es nur fair, eine Münze zu werfen und damit jedem dieselbe Chance
zu geben.
Williams wirft dann
noch ein, dass es einen Unterschied macht, wenn man eine der Personen kennt.
Denn ebenso wenig wie man Menschenleben aufrechnen kann, kann man das mit
persönlichen Beziehungen machen. Millionen von Toten werden nie das Leid einer
sterbenden Person überwiegen, wie auch umgekehrt. Es wiegt gleich viel. Genauso
wenig wird das Leid dieser Personen jemals von Millionen Menschen mit
Kopfschmerzen erreicht werden können. Und genauso ist es mit Freundschaften:
Egal wie viele Millionen Fremde man retten könnte, die Verpflichtung ihnen
gegenüber kann nie die einer geliebten Person übertreffen, mit der man Zeit
verbracht hat und die man kennt. Deswegen kann es die bessere Entscheidung
sein, eben diese Person zu retten und nicht die andere Seite. Ansonsten, falls
das nicht gegeben ist, ist aber auch Williams der Meinung, dass eine Münze
entscheiden sollte.
In dieser Hinsicht
handelt Thanos also gar nicht so falsch. In seinem Fall müssen alle
ausgewählten Menschen sterben, also gibt es keine Aufrechnung von Leid. Es gibt
auch keine Aufrechnung an Zahlen, denn es ist 50/50. Kennen tut er auch
niemanden von der Erde. Und daher ist seine Wahl legitimerweise zufällig wie
bei einem Münzwurf.
Konklusion
Was können wir also
zusammengefasst zu Thanos sagen? Wie weit darf man für das höchste Gut gehen?
Nun, auf keinen Fall so weit wie er geht. Denn wie man es dreht und wendet,
handelt man unmoralisch. Bei der Originalausführung ohnehin, weil er hier
einfach nur einen Massenmord begeht, ohne etwas dadurch zu erreichen. Er macht
es vielmehr nur noch schlimmer. Aber selbst, wenn er keine andere Wahl gehabt
hätte als zu handeln, wie er gehandelt hat, wäre das nicht so eindeutig
gewesen. Sicherlich sprechen die Konsequentialist:innen für ihn, doch die
Deontolog:innen sagen ganz richtig, dass man eine solche Tat nicht einfach
beschönigen kann. Nur weil er mehr Menschen rettet als er umbringt, heißt das
nicht, dass die umgebrachten Menschen kein eigenes Leben hatten, das sie
fortsetzen wollten. Thanos würde sich hier in einem moralischen Dilemma
befinden, wo er mit jedem Schritt falsch handeln würde. Doch es stimmt auch,
dass solche Dilemmata einen manchmal nicht weiterbringen. Es gibt Situationen,
in denen man sich entscheiden muss. Deshalb sage ich das als Schlusssatz: Wenn
Thanos deutlich später gekommen wäre, hätte die Menschheit keinen Weg gefunden,
mit der Ressourcenknappheit umzugehen, und darauf auch keine Hoffnung mehr
bestehen würde. Wenn die einzige Lösung wäre, die Hälfte der Menschheit zu
töten. Wenn er gezielt Kontinente auslöschen würde, um möglichst keine
persönlichen Beziehungen zu zerstören, und wenn er dabei jedem Kontinent
dieselbe Chance auf Überleben geben würde, dann wäre es wohl legitim, das zu
tun. Es wäre nicht moralisch, dagegen stelle ich mich immer noch. Aber es wäre
in Ordnung. Doch wir als Menschheit können mehr als solche Filme uns zutrauen.
Ich glaube fest daran, dass wir dieses Problem selbst in den Griff bekommen und
keine außerirdische Kraft dazu brauchen.
So, das war meine Folge
zu Thanos. Wie interessant hier auch wieder die Recherche war, ich sag es immer
wieder. Ich wollte diese Folge schon eine Ewigkeit lang machen, ungefähr seit
der Star Wars-Folge. Wie gesagt liebe ich Filmfolgen, weil sie so einen
praktischen Bezug haben. Und ich denke, dass der Film auch nach diesem Spoiler sehr sehenswert
ist, vielleicht sogar noch besser. Ich finde, man schaut dann immer mit einem
anderen Auge auf einen Film. Und wie gesagt wird Thanos sehr konträr zu dem
dargestellt, was er eigentlich ist. Jemand mit Idealen, der für sein Ziel
unerbittlich arbeitet. Er mag fehlgeleitet sein, was es auf jeden Fall legitim
macht, gegen ihn zu arbeiten. Erforderlich fast. Denn er hätte sich auch nie
überzeugen oder zurückhalten lassen. Doch es muss hervorgehoben werden, dass er
nicht nur Menschen opfert, sondern auch Teile von sich selbst. Eine Person, die
ihm wichtig ist, seine ganze Macht, seine Gesundheit und letzten Endes auch
sein Leben. Und das alles für einen Planeten, auf dem er nicht eine einzige
Person kennt! Aber gut, so viel dazu.
Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Ok, dann
macht es gut und einen schönen Tag noch!
Quellen
,,Avengers: Infinity War" - Marvel Studios
,,Avengers: Endgame" - Marvel Studios
,,Einführung in die utilitaristische Ethik" - Jeremy Bentham
,,Anarchie, Staat, Utopia" - Robert Nozick
,,Should Numbers Count?" - John Taurek
,,Personen, Charakter und Moralität" - Bernard Williams
Kommentare
Kommentar veröffentlichen