#21 Frauen in der Philosophie

Zusammenfassung

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass man in der Philosophie eigentlich nur Männer kennt? Geht einmal kurz in euch. Könntet ihr auch nur eine einzige bekannte Philosophin aufzählen? Wenn ihr nicht wirklich in der Materie seid, wahrscheinlich nicht. Einem fallen nur Leute wie Platon, Kant, Aristoteles oder Heidegger ein. Woran liegt das? Klar sind wegen den geschichtlichen Gegebenheiten Frauen in allen Wissenschaften lange nicht vertreten gewesen. Aber überall kennt man wenigstens eine! In der Physik gibt es zum Beispiel Marie Kurie. Aber in der Philosophie nicht. Und ich bin der Meinung, dass sich da etwas ändern sollte! Denn ihr werdet sehen, es gibt durchaus erfolgreiche Frauen in der Philosophie, von der Antike bis zur heutigen Zeit! Und ihnen sind teilweise Gedanken gekommen, die so bei Männern wahrscheinlich nie vorgekommen wäre!                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Heute geht es um Frauen! Ja ich weiß, eine weitere Folge über ein Thema, von dem ich keine Ahnung habe. Aber ich will es versuchen. Wisst ihr, mir ist schon vor einer Weile aufgefallen, dass die Frauenquote in meinen Quellen absurd gering ist. Ich habe inzwischen 20 Folgen herausgebracht und habe nur in zweien davon eine Philosophin! Und es ist sogar dieselbe. Martha Nussbaum kam zu der Star Wars-Folge über die Jedi und Sith und zu der Liebesfolge. Das war’s! Nun und ich muss gestehen, dass mir das lange gar nicht bewusst war. Aber wenn man über Philosophie nachdenkt, kennen die meisten Leute nicht eine einzige Philosophin. Alles ist voll mit Kants, Aristoteles, Platons und Descartes. Und deswegen möchte ich diese Folge den Philosophinnen widmen. Heute reden wir also über Frauen in der Philosophie. Und auch über die Frage, wie viel sie beizutragen haben. Stopp, ja ich weiß wie das klingt. Und natürlich befürworte ich mehr Diversität in der Philosophie. Doch kann man darüber hinaus sogar dafür argumentieren, dass es notwendig ist, Frauen in der Philosophie zu haben? Können Frauen, gerade weil sie Frauen sind, Dinge erforschen und herausfinden, auf die Männer nie gekommen wären? Wäre unsere Philosophie sehr viel reicher gewesen, wenn sie schon seit Beginn sehr viel offener gewesen wäre? Schauen wir uns das einmal an.


Eine männlich geprägte Wissenschaft

Fangen wir vielleicht mit einer Frage an, die erst sehr offensichtlich scheint. Warum kennen wir denn so wenige oder sogar keine Philosophinnen? Feministische Bewegungen und Ideen sind ja inzwischen eine Weile im Umlauf. Natürlich sind sie nicht uralt, aber zum Beispiel hat die Soziologie sehr viele Frauen aufzuweisen. Oder auch Wissenschaften wie die Physik. Ein ganz bekanntes Beispiel: Marie Kurie. Ich hoffe mal, dass ihr die kennt. Aber wo bleibt die Marie-Kurie der Philosophie? Oh, Reim! Es gibt hierbei drei Probleme. Erstens ist die Philosophie eine wirklich wirklich alte Wissenschaft. Die alten Griechen sind die ältesten Philosophen, auf die wir uns beziehen. Aber philosophiert wurde sicherlich auch vor ihnen. Und diese Wissenschaft wurde auch nie wirklich fallengelassen, sondern hatte immer eine mehr oder weniger große Relevanz. Dementsprechend hat die Philosophie wirklich konservative Zeiten gesehen. Klar, wir reden hier über ungefähr 2500 Jahre Philosophie ohne Frauen! Und wie viele Erkenntnisse über diese Zeit gemacht wurden! Platon, Aristoteles, Kant, Heidegger: Diese ganzen Leute sind schon so extrem lange tot. Nun gut, Heidegger nicht so sehr, aber trotzdem. Und das führt zum zweiten Grund. Die Philosophie hat sich im Grunde nie sonderlich verändert. Das, was die antiken Griechen gesagt haben, ergibt schon allein einen geschlossenen Kreis. Es ist nicht wie in der Physik, in der über Zeit immer neue Dinge entdeckt und erforscht werden konnten. Klar hat Newton die Gravitation entdeckt, aber er wird nicht in jedem Werk über Gravitation erwähnt! In der Philosophie wird dagegen oft gesagt, dass alles nach den Griechen im Grunde Fußnoten zu Platon und Aristoteles ist. Kommentare oder kleine Nachbesserungen zu ihren Texten. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass die Philosophie nicht auch neue Dinge hervorbringen kann. Natürlich kann sie das. Aber sie arbeitet mit Mustern, die sich nie komplett ändern werden. Und deswegen zitiert man in der Philosophie so gern diese alten Philosophen. Denn sie gelten als das Original, als alt eingesessen und als valide. Ich selbst zitiere extrem gern Platon, weil er eben so viele Themen abdeckt! Grund Nummer drei spielt da auch mit rein: Die Philosophie hat sich über die letzten 2500 Jahre kaum bis gar nicht verändert. Es gibt keine neuen Geräte oder neue Denkmaschinen. Es ist noch immer die Reflektion über die Welt. Noch nicht einmal die Fragen haben sich geändert. Auch wenn man natürlich sagen muss, dass trotzdem sehr viel beigetragen wurde. Das sieht man in meinen Folgen zu der Frage, ob wir immer derselbe Mensch bleiben oder ob wir wirklich frei sind. Denn da zitiere ich sehr moderne Philosophen. Hört euch die Folge gern an, wenn ihr das noch nicht getan habt. Doch das Problem in der Philosophie, das sich aus all diesen Gründen ergibt: Jede neue Generation an Philosophen wird meistens erst wirklich bekannt, wenn sie schon eine Weile tot ist. Und das gilt für Männer, aber besonders natürlich für Frauen, die ohnehin erst seit relativ kurzer Zeit auftauchen und das nur in geringer Zahl. Also ich kenne natürlich schon eine Reihe an noch lebenden Philosophen und Philosophinnen, aber ich rede über tatsächliche Berühmtheiten. Wenn man über antike Philosophie spricht, kann man eben nur Männer aufzählen. Frauen damals durften diese Wissenschaft sehr lange nicht lernen und ausführen, wie eben auch die Jahrtausende danach.


Xanthippe

Doch ich möchte euch im Folgenden einige Frauen vorstellen, die zumindest in der Philosophie sehr bekannt sind und vielleicht auch außerhalb. Sagt mir gern, ob ihr sie kennt! Und zwar möchte ich mit einer Frau anfangen, die so alt und etabliert ist wie der Beginn der Philosophie selbst. Und zwar Xanthippe. Über sie habe ich in meiner Folge über Sokrates sehr viel geredet, also hört die gerne an, wenn ihr das noch nicht getan habt. Aber Xanthippe hat als wahrscheinlich bekannteste Frau in der Philosophie eine sowohl sehr große als auch etwas traurige Rolle bekommen. Denn sie selbst ist eigentlich gar keine Philosophin. Der einzige Grund, weshalb wir überhaupt von ihr wissen, ist Sokrates. Denn sie war seine Frau. Und ihre Bekanntheit kommt davon, dass sie ihn überhaupt erst zum Philosophen gemacht haben soll. Denn Sokrates war ein fauler Mann, das kann man sicher so sagen. Er hat nichts gearbeitet, obwohl er zwei Söhne und eben eine Frau hatte. Vielmehr hat er sich auf den Straßen herumgetrieben und sich mit allerlei Leuten unterhalten. Mit ihnen philosophiert man, Fragen gestellt und versucht die Wahrheit über die Welt zu ergründen. Es heißt, Xanthippe wäre über sein Verhalten so wütend gewesen, dass sie ihn regelmäßig aus dem Haus geworfen haben soll. Natürlich hat das nur umso mehr dazu geführt, dass er sich mit seinen Zuhörern herumgetrieben hat. Für uns im Rückblick eine sehr gute Sache, denn daraus hat die Philosophie erst richtig an Popularität gewonnen und wurde eine richtige etablierte Wissenschaft. Doch für Xanthippe muss es ein Albtraum gewesen sein. Und als ob das noch nicht schlimm genug gewesen ist, wurde sie auch noch Jahrhunderte danach in vielen Schriften über Sokrates regelrecht zerrissen. Wohlgemerkt von männlichen Philosophen. Man nannte sie uneinsichtig, weil sie die Bedeutung von Sokrates‘ Philosophie nie verstanden hat. Aber wie soll sie das auch getan haben? Sie war nicht dabei. Alles, was sie wusste, war, dass ihr Mann ihre Familie im Stich ließ und davonging, um sich mit Leuten zu amüsieren. Auch hieß es, sie sei kleingeistig, nur auf das simple Leben fokussiert und nicht an der Philosophie interessiert. Aber natürlich musste sie das sein: Sie war quasi eine alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen! Und so reich war ihre Familie auch wieder nicht, dass sie sich einen Sokrates hätten leisten können. Nun und dann wurde natürlich ihre scheinbar übertriebene Strenge immer wieder attackiert. Wie sie denn so hart zu Sokrates sein konnte? Dass er regelrecht zur Philosophie getrieben wurde, weil er nicht zu diesem Hausdrachen kommen konnte. Von Sokrates selbst kam der Ausspruch: „Heirate auf jeden Fall! Wenn du eine gute Frau bekommst, wirst du glücklich. Wenn du eine schlechte Frau bekommst, wirst du Philosoph“. Es ist also nicht zu erwarten, dass er ihr Verhalten jemals vor irgendwem verteidigt hat. Nun und so hat Xanthippe eine recht traurige Spitze als bekannteste Frau in der Philosophie erreicht. Eine wenig würdevolle Art, bekannt zu sein. Doch ihr Ruf hat sich in der letzten Zeit mit der feministischen Bewegung auch wieder geändert. Auch hier sieht man das ja jetzt gerade. Und egal, was man über sie denken mag: Wenn das, was Sokrates gesagt hat, gestimmt hat, dann ist sie und sie allein der Grund, wieso es die Philosophie überhaupt gibt. Und ich finde, dass sie dafür, auch wenn sie es vielleicht nicht gewollt hat, wirklich mehr Respekt verdient hat.


Diotima

Gut, nächste Frau. Auch jemand aus der Antike. Und auch eine Frau, die ich zumindest indirekt bereits erwähnt habe. Es geht um Diotima aus der Folge über die Liebe. Ja, ich muss zugeben, dass ich sie nicht direkt erwähnt habe. Eigentlich habe ich den typischen Mann-Move gemacht, indem ich ihre Idee genannt habe, aber nicht sie als Ursprung. Ok ok, hört mir zu, bitte nicht abschalten. Es war eine sowieso schon lange Folge und ich wollte nicht noch mehr ausschweifen, ok? Ja, ein bisschen doof war es wahrscheinlich wirklich. Na gut. Für ein bisschen Kontext: In der Liebesfolge habe ich ein Werk des Platon namens „Symposion“ zitiert. Darin geht es darum, dass sich 7 Männer, darunter Sokrates, zum Trinken treffen und dann über die Liebe philosophieren. Es ist einer der platonischen Dialoge, die nicht nur philosophisch, sondern auch historisch recht akkurat sind. Denn es handelt sich um ein Ereignis, das mündlich weitergetragen wurde. Nachdem also in dem Symposion alle ihre Rede gehalten und die Liebe besungen haben, wenden sie sich Sokrates zu. Nun und dieser sagt zu Beginn der Rede, dass deren Inhalt nicht von ihm, sondern von einer gewissen Diözese ist. Sokrates ist nämlich von allen bisherigen Ansätzen nicht überzeugt gewesen, doch meint er, er hätte einmal selbst so gedacht. Nun und dann hat er eines Tages mit einer weisen Frau namens Diotima geredet, die ihm eine erweiterte Perspektive über die Liebe gegeben hat. Zusammengefasst haben die anderen Männer zwar sehr detailreich über die Liebe geredet, doch dabei eher die männliche homosexuelle Liebe hervorgehoben. Auch das kommt nicht in meiner Folge über die Liebe vor, ich weiß. Aber ich wollte eben den Fokus auf die Liebe im Generellen legen und nicht, wem gegenüber. Aber zurück zu den Reden: Im alten Griechenland war es nämlich durchaus normal für einen Mann, homosexuell zu sein. So wie Frauen nach dem alten Griechenland in den meisten Gesellschaften als das schöne Geschlecht gelten, waren es damals die Männer. Und so hieß es in einigen Reden, die wahre Liebe würde nur zwischen zwei Männern bestehen. Nun und Frauen wären schon wichtig, damit die Menschheit weiter besteht, klar. Aber wirkliche Erfüllung und Liebe könne nur in der maskulinen Homosexualität liegen. Ich weiß, dass diese Vorstellung absurd klingt. Aber es liegt eine wirklich starke Abwertung der Frau darin. Frauen selbst wären danach nicht einmal in der Lage, wirklich zu lieben oder geliebt zu werden. Und überhaupt würden sie den Männern in deren Glück nur im Wege stehen. Es ist eine andere Art der Abwertung, als man es von vielen Sexisten kennt. Aber es ist eine. Man kann es wohl niemandem aus der Runde besonders vorwerfen, denn so wurde in dieser Gesellschaft eben gedacht. Das hier ist ja auch kein sozialer, sondern ein philosophischer Podcast. Deshalb möchte ich lieber mit euch darüber reden, was denn nun Sokrates, also Diotima, über das Ganze zu sagen hat. Denn sie macht ganz klar, dass Liebe nicht nur mit Bewunderung der Seele, sondern auch des Körpers zu tun hat. Und auch dann ist Liebe nicht nur Anziehung und Vergnügung. Nein, Liebe ist der Wunsch, sich in einer schönen Person zu verewigen. Natürlich auch geistig, indem man ihr die Werte vermittelt, die man hat. Aber vor allem auch körperlich. Die körperliche Verewigung ist nicht einfach nur ein notwendiges Übel, sondern die größte Freude überhaupt. Sie erlaubt einem, an der Unendlichkeit teilzuhaben. Und damit zeigt sie auch die echte Liebe an: Nur eine Person, mit der man das will, kann man auch lieben.
So, aber bevor jetzt das andere Lager der Homosexuellen sich beschwert, kann ich euch beruhigen. Diotima will nicht sagen, dass homosexuelle Paare sich nicht lieben können. Sie ist weit davon entfernt, die Behauptung, es gäbe keine heterosexuelle Liebe, einfach auf Kosten der Homosexualität umzukehren. Denn erstens ist ja noch immer die geistige Verewigung im Spiel, die immer funktioniert. Und zweitens ist auch die körperliche so oder so nicht vom Tisch. Diotima kannte das Wort natürlich noch nicht, aber ihre Rede lässt sich dahingehend interpretieren: Der Grund, wieso wir überhaupt einen Sexualtrieb haben, ist der bewusste oder unbewusste Wunsch, sich zu verewigen. Ob wir das nun tun oder nicht, ist doch egal. Aber damit wir eine Person wirklich lieben, ist es wichtig, dass wir das mit ihr wollen. Und damit ist es sehr wohl für Frauen möglich, Liebe zu empfinden und zu erfahren. Nun und ja, ich weiß, Diotima kannte ganz offenbar noch keine A-sexuellen Personen. Also Leute, die tatsächlich keinen Sex wollen oder brauchen. Aber ich glaube, das können wir ihr verzeihen. Diotima hat hier ganz klar die Rolle der Frau aus dieser Zeit verteidigt und das durch Sokrates. Und dieser wurde bekannterweise durch Platon unermesslich berühmt und damit auch sie und ihre Idee. Es wirkt wie ein kleiner Schritt, der eine Frau verteidigt, dass sie geliebt werden kann. Und es hatte auch nicht wirklich eine Folge, denn wer liest schon philosophische Dialoge? Doch sie hat es getan. Und war wahrscheinlich eine der ersten Philosophinnen überhaupt und definitiv die erste Bekannte.


Hannah Arendt

So, jetzt möchte ich einmal etwas in die moderneren Zeiten kommen. Und zwar fast 2000 Jahre später mit der Philosophin Hannah Arendt. Sie hat viele ethische Texte geschrieben und in ihnen vor allem Erfahrungen aus 1933 und den Folgejahren verarbeitet. Damit hat sie eine sehr neue Perspektive in die Ethik gebracht. Wobei man sagen muss, dass sie generell eher als Politiktheoretikerin oder Publizistin bekannt ist. Als eine solche findet man sie auch im Internet. Das heißt natürlich nicht, dass ihre Entdeckungen weniger wert sind. Sie hat sehr interessante philosophische Vorlesungen über das Böse gehalten. Und sie wusste auf jeden Fall, wovon sie geredet hat. Sie ist vor dem wahrscheinlich bösesten Regime, das es jemals gab, in die USA geflohen. Jedoch hat Hannah Arendt auch selbst die Bezeichnung als Philosophin immer abgelehnt. Sie wollte eher als Theoretikerin bekannt sein. Und ihre politischen Publikationen zum Nationalsozialismus sind auch die bekanntesten ihrer Werke. Sie redet darin sehr oft von Pluralität, die eine Regierung in der Bevölkerung anerkennen sollte. Die Freiheit und Gleichheit jedes Menschen, die dessen Recht sein sollte. Doch weil es hier um Philosophie und nicht Politik geht, werde ich den Punkt an dieser Stelle schließen.


Martha Nussbaum

Jetzt habe ich die Frau eines Philosophen, eine geheimnisvolle Weise und eine Politiktheoretikerin erwähnt. Ist das, weil es einfach keine bekannten Philosophinnen gibt? Nein, natürlich nicht. Zwischen Diotima und Hannah Arendt kamen definitiv noch viele andere Frauen. Und einige davon kann man auch als Philosophinnen bezeichnen. Diese Folge soll nicht bis ins Unendliche gehen, deshalb werde ich sie nicht alle aufzählen. Doch genau weil ich noch keine renommierten Vollblutphilosophin genannt habe, möchte ich das jetzt tun. Und zwar die eine Philosophin, die ich auch bereits erwähnt habe und die sehr wertvolle Erkenntnisse in die Philosophie gebracht hat. Es geht um die US-Amerikanerin Martha Nussbaum. Martha Nussbaum finde ich in diesem Kontext aus zwei Gründen interessant. Erstens ist sie ein großer Name einer noch lebenden Philosophin, zumindest unter uns Philosophen. Und zweitens ist sie ein gutes Beispiel dafür, dass eine Frau im besonderen Maße etwas zur Philosophie beitragen kann. Denn sie ist Vorreiterin in einem sehr neuen Zweig der Philosophie: der Philosophie der Gefühle. Das hier ist jetzt keine Folge davon, aber ich möchte kurz darauf eingehen. Wieso müssen wir über Gefühle in der Philosophie reden? Nun, ganz simpel gesagt: Sie sind es, die uns eigentlich als Menschen ausmachen. Nicht die Vernunft, wie viele Philosophen wie zum Beispiel Kant gemeint haben. Denn diese ist mit KIs reproduzierbar. Und auch so bezeichnen wir ein Wesen ja eher wegen ihrer Gefühle als „menschlich“. Wenn die KI es irgendwann schaffen sollte, diese auch zu imitieren, werden wir es bei ihr sicher auch tun. Und das ist eine große Erkenntnis in der Philosophie, die die Ontologie und Anthropologie sehr bereichert hat. Also Fragen danach, was und wie der Mensch eigentlich ist. Martha Nussbaum hat die Philosophie der Gefühle natürlich nicht gefunden. Aber sie ist eben Vorreiterin mit einer großen Menge an anderen Frauen, die ich aber auch nicht alle einzeln nennen werde.


Zwischenstand

Wir haben hier also die Frau des bekanntesten Philosophen, die den ganzen Spaß hier überhaupt ermöglicht hat. Dann haben wir eine Frau, die man wohl als die erste Philosophin bezeichnen kann. Dann eine sehr bekannte Politiktheoretikerin, die durch ihre einzigartige Erfahrung auf einzigartige Weise Wissen beitragen konnte. Und schließlich eine bekannte und renommierte Philosophin, die an einem komplett neuen Zweig der Philosophie forscht. Doch hier möchte ich einmal zum Punkt dieser Folge kommen. Wieso stelle ich euch diese Frauen vor? Ich meine, nur weil es einmal eine Handvoll Frauen gab, die auch mitmachen durften, heißt das nicht, dass die Philosophie eine ausreichende Quote hat. Und ob euch jetzt die ein oder andere davon bekannt ist, spielt da auch nur eine geringe Rolle. Ich bin sehr für Diversität und dafür, mehr Frauen in der Philosophie zu haben. Doch lasst mich kurz eine provokante Frage stellen: Brauchen wir sie tatsächlich? Würden mehr Frauen dadurch, dass sie Frauen sind, etwas Neues zu dieser Wissenschaft beitragen? Denn wenn nicht, würde es sich dann lohnen, Quoten mehr zu fördern? Denn denkt darüber nach: Die Philosophie ist der Wahrheitsfindung verpflichtet. Und so wie sie gerade arbeitet, arbeitet sie sehr gut. Ist es da nötig, Strukturen auszubauen? Also abgesehen davon natürlich, dass ich Frauen nicht verwehren will zu arbeiten, was sie wollen. Aber gibt es einen Drang dazu? Und damit kommen wir zur Anfangsfrage zurück: Können Frauen zur Philosophie etwas beitragen, das Männer nicht können?


Die Bedeutung der Frau in der Philosophie

Nun wäre es plausibel, nicht wahr? Sicherlich würden sie eine neue Perspektive in die Philosophie bringen. Denn das tun auch unterschiedliche Männer. Zum Beispiel je nach ihrer sexuellen Ausrichtung wie bei den Griechen. Oder je nach ihrem Glauben wie Thomas von Aquin, von dem ich in der letzten Folge erzählt habe. Oder je nach ihrer Ethnie vielleicht. Es gibt ja auch internationale Philosophie. Und im östlichen Raum kamen andere Erkenntnisse als hier im Westen. Denn diese Leute haben einfach eine etwas andere Denkweise als wir. Ist es dann so weit hergeholt, dass Frauen das auch haben? Doch auch da könnte man sich fragen: Wenn es nun so viele Männer mit verschiedener Herkunft und Ethnie in der Philosophie gab, müssten dann inzwischen nicht auch schon so alle Denkkarten abgedeckt sein?
Nun, zum Glück habt ihr nicht nur mich als Mann, um hier groß zu sagen, wie nützlich ich Frauen in der Philosophie finde. Nein, keine Sorge, ich habe euch eine weitere Quelle herangeholt, die das jetzt für mich tun wird. Und zwar die Philosophin Sandra Harding. Sie erzählt in ihrem Text „Wessen (also wessen) Wissenschaft? Whose knowledge?“ von einem Phänomen namens „Feministische Epistemologie“. Was kann man sich darunter vorstellen? Nun Harding meint, dass Wissenschaft seit der Renaissance von einem eigentlich gut gemeinten Irrglauben geleitet ist. Und zwar ist es der Glaube, dass Wissenschaftler eigentlich alle austauschbar sind. So soll der berühmte Galileo Galilei gesagt haben: „Jeder kann durch mein Teleskop schauen“. Es heißt, Wissenschaft wäre einfach ein neutrales Suchen nach der Wahrheit ohne Diskriminierung. Und der Gedanke dahinter ist ganz klar und er ist auch schön: Jeder kann Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin sein. Ja, Frauen waren damals schon mitgemeint. Jeder und jede hat die Fähigkeit zu lernen und die nötige Neugier. Und mehr braucht man dann auch nicht. Galilei hat Recht: wenn jemand anders an seiner Stelle durch das Teleskop geschaut hätte, wäre dasselbe zu sehen gewesen. Dieser Ausspruch scheint also auch Frauen zu inkludieren. Wieso ist Harding also dagegen? Das Problem ist, dass man diesen Satz auch gut umdrehen kann. Wenn es denn komplett egal ist, wer Wissenschaft betreibt, warum muss man dann überhaupt andere Gruppen inkludieren? Denn das würde ja eine große Umstellung der Strukturen bedeuten. Denkt an die Zeit der Renaissance: Frauen hatten normalerweise keinen Zugang zu Bildung und auch dann durften sie oft nichts arbeiten. Man hätte wesentlich mehr umstellen müssen als heute, um eine vollkommene Diversität in den Wissenschaften möglich zu machen. Von ethnischen oder religiösen Minderheiten muss ich wohl gar nicht erst anfangen. Schlimmer noch, man wirkt als Frau dann regelrecht egoistisch, wenn man die Strukturen zu den eigenen Gunsten ändern will, nicht wahr? Denn es gibt doch schon so viele Männer, die nach der objektiven Wahrheit suchen. Dieser Aufstand würde ihnen nur einfach die Arbeit schwerer machen. Die Wissenschaft würde zurückgeworfen werden, und dann müsste man hoffen, mit der neuen diversen Aufstellung ähnlich gute Ergebnisse zu erzielen. Und damit führte diese Idee eher dazu, dass solche Hierarchien, in denen nur Männer an der Macht waren, sich lange nicht änderten. Interessant, nicht wahr? Dieser Ausspruch war so offensichtlich dafür gedacht, die Wissenschaft zu diversifizieren. Doch er hat dazu beigetragen, dass sie es länger eben nicht blieb. Deshalb sind viele Feministinnen und Feministen dagegen, dass man einfach nur sagt, Frauen könnten genau das, was auch Männer können. Denn wenn das alles ist, gibt es doch gar keinen Grund, sie mehr einzubeziehen, oder? Einfach nur, weil es eben Frauen sind? Also gut, wenn sie gern wollen schon, aber wozu die Eile?
Und deswegen sagt Harding: Nein! Es ist eben nicht egal, wer Wissenschaft betreibt! Auf keinen Fall will sie behaupten, Frauen wären in ihrer Arbeit besser als Männer, das ist auch nicht Sinn der Sache. Aber es gibt Gründe, sie in der Wissenschaft zu beschäftigen, und zwar dadurch, dass sie Frauen sind. Genauso wie es im Übrigen Männer dort braucht, weil es eben Männer sind. Aber heute geht es um Frauen, und es gibt genug davon. Das ist eben die feministische Epistemologie oder feministische Erkenntnistheorie. Genau wie die Epistemologie fragt „Was können wir wissen?“, fragt die feministische Version „Was kann man als Frau wissen?“ Und sagt damit, dass Frauen Dinge wissen können, die man als Mann nicht wissen kann. Es gibt zu dieser Frage drei Positionen, die Sandra Harding uns vorstellt. Den feministischen Empirismus, die feministische Standpunkttheorie und die postmoderne Epistemologie.


Feministischer Empirismus

Was ist feministischer Empirismus? Kurz gesagt ist das die Annahme, dass es in der empirischen Wissenschaft durchaus einen Unterschied macht, ob sie von einer Frau oder einem Mann betrieben wird. Denn die Annahme, alle Wissenschaftler wären austauschbar, wäre nur wahr, wenn diese Wissenschaftler kein Geschlecht, kein Gender, keine soziale Gruppe und keine Ethnie hätten. Nun und das trifft auf niemanden zu, nicht wahr? Jeder bringt einen Hintergrund in seine oder ihre Wissenschaft mit. Und dieser beeinflusst selbstverständlich die Forschungsergebnisse. Niemand ist komplett neutral und objektiv. Wie auch? Empirische Wissenschaften arbeiten mit den Sinnesorganen, also dem Körper. Und jeder hat einen anderen Körper. Ich muss euch wahrscheinlich nicht sagen, dass sich der weibliche Körper vom männlichen unterscheidet, oder? Und damit haben Frauen ganz klar unterschiedliche Perspektiven auf alles. Nicht komplett natürlich. Aber gleich sind sie nicht. Frauen haben andere Denkweisen als Männer, andere hormonelle Zusammensetzungen und haben andere Dinge erlebt. Wir haben es schon bei der Philosophie gesagt: Selbst unterschiedliche Männer hatten unterschiedliche Perspektiven aufgrund dessen, dass es eben unterschiedliche Menschen waren. Dann muss es doch bei Frauen umso mehr so sein! Doch halt, jetzt könnte man hier einschneiden. Denn die Philosophie ist keine empirische Wissenschaft, sondern eine Geisteswissenschaft. Man nimmt nichts durch die Sinnesorgane wahr, sondern denkt nur im Geiste darüber nach. Und damit spielt der unterschiedliche Körper doch wieder keine Rolle. Aber das wäre sehr kurz gedacht. Denn auch beim reinen Nachdenken oder sogar besonders dabei ist man nicht komplett neutral, sondern subjektiv. Und je nachdem, wie man denkt, beeinflusst das das Ergebnis. Das heißt ja nicht, dass die Ergebnisse einer gewissen Denkweise falsch sind. Doch sie sind eben nicht das ganze Bild. Man könnte dafür argumentieren, dass Frauen durch ihre biologische Disposition, Kinder zu bekommen, mehr um andere Wesen, besonders Kinder, besorgt sind als Männer. Nicht, dass Männer egoistisch wären, aber das ist eben bei vielen Frauen eher ausgeprägt. Und damit würden ihnen vielleicht so Theorien wie der Utilitarismus, der das Leben verschiedener Menschen gegeneinander abrechnet, gar nicht in den Sinn kommen. Also das natürlich nur als Beispiel. Harding will damit auch nicht Männer in die eine und Frauen in die andere Schublade stecken. Jeder Mensch ist anders und es macht einen nicht weiblicher oder männlicher, wenn man eine gewisse Denkweise hat. Aber man kann einfach nicht leugnen, dass es gewisse Tendenzen in dem Verhalten von Frauen und dem von Männern gibt. Und natürlicherweise wirkt sich dieses auf alles aus, was diese Menschen machen. Und damit auch die Wissenschaft.


Feministische Standpunkttheorie

Gut, soviel also zum feministischen Empirismus. Die feministische Standpunkttheorie will auf einen ähnlichen Punkt hinaus. Frauen sind durch ihre andere Perspektive für die Wissenschaft wertvoll. Aber sie erklärt das durch ihren sozialen Stand. Denn Frauen sind natürlich damals mehr als heute in der Gesellschaft anders eingeordnet als Männer. Und damit stellen sich ihnen andere Herausforderungen und sie haben andere Erwartungen. Nun und das führt zu anderen Handlungen, Erfahrungen und einem generell anderen Leben als dem eines Mannes. Harding meint zum Beispiel, dass das gesellschaftliche Männerbild sehr viel fragiler ist als das der Frauen. Männer müssten ständig versuchen, ein wechselhaftes und schlecht definiertes Bild zu erfüllen, während dieses für Frauen sehr viel natürlicher und konstanter kommt. Nun werde ich mich hier einer Meinung entziehen, weil das ja vor allem ein philosophischer Podcast ist. Ich bin mir da auch nicht so sicher, schreibt gern eure Meinung in die Kommentare. Aber was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass Männer und Frauen unterschiedliche Erwartungen haben, welche Rollen sie erfüllen sollen. Und das ändert sie natürlich stark. Der Punkt der Fürsorge wurde bereits angebracht, doch er erscheint hier erneut: Frauen sind nicht nur biologisch, sondern auch gesellschaftlich normalerweise dazu angehalten, Kinder zu bekommen. Und auch das stärkt ihre fürsorgliche Denkweise gegenüber Kindern oder generell anderen Menschen mehr als bei Männern. Auch haben sie einen Blick auf die Strukturen der Wissenschaft von außen oder unten, weil sie eben nicht so sehr vertreten sind. Dadurch sind ihre Stimmen oft reflektierter über die Wissensgewinnung selbst. Es ist auch unwahrscheinlicher, dass sie ignorant sind und Minderheiten missachten, denn sie sind in der Wissenschaft selbst eine. Die Gesellschaft, sagt Harding, hat oft die Tendenz, den Wissensstand der oberen Klasse zum Standard zu nehmen. Das, was die höchsten Wissenschaftler wissen können, ist das, was gewusst werden kann. Doch man übersieht hierbei, was Gruppen wie die der Frauen alles beitragen können, da sie nicht nur biologisch, sondern auch sozial anders sind als Männer und durch ihr anderes Leben frischen Wind und neue Ideen bringen können. Und zwar für alle Wissenschaften.


Postmoderne Epistemologie

Kommen wir zur postmodernen Epistemologie. Es ist eine Theorie, von der auch Harding selbst nicht komplett überzeugt scheint. Sie erwähnt sie zumindest nicht so sehr wie die vorherigen. Das ist auch verständlich, denn die postmoderne Epistemologie geht einen sehr radikalen Schritt. Während bisher nur abgestritten wurde, dass Männer allein die objektive komplette Wahrheit erfassen können, heißt es hier, niemand könne das. Wissenschaft wäre eigentlich nur ein Medium verschiedener sozialer Gruppen, Macht auszuüben. Um Wissen würde es gar nicht gehen können, denn es gäbe gar kein objektives Wissen. Nur subjektive und ideologische Meinungen. Nun und da bisher fast nur Männer in der Wissenschaft tätig waren, ist ganz klar, wer die meiste Macht hat. Und daher ist es nur fair, auch Frauen zu inkludieren, um diese Macht zu teilen.
Ich muss zugeben, auch ich bin kein großer Fan dieser Theorie, denn sie untergräbt quasi alle philosophischen Errungenschaften. Und ich möchte das hervorheben: Auch wenn die bisherige Philosophie fast nur von Männern angestellt wurde, heißt das nicht, dass sie komplett wertlos ist. Man kann argumentieren, dass man überall etwas hinzufügen könnte, aber Aristoteles hat seine Macht als Mann nicht in seinen Werken ausgeübt. Er hat versucht, universelle Wahrheiten zu finden und ist eben so weit gekommen, wie er als Mann mit seinem Leben kommen konnte.


Zwischenstand

Gut, fassen wir uns einmal zusammen. Sandra Harding sagt, dass Frauen nicht nur aus Diversitätsgründen in die Wissenschaften gehören, sondern auch, weil sie etwas beitragen können, das sonst niemand kann. Und das ist feministische Epistemologie. Dinge, die nur Frauen wissen können. Im Rahmen des feministischen Empirismus hat sie argumentiert, dass Frauen aufgrund ihrer Biologie andere Erfahrungen, Perspektiven und ein generell anderes Leben haben. Und das sind teilweise Perspektiven, die ein Mann entweder nur sehr selten oder gar nicht einnehmen würde. Und auch soziologisch ist dieser Punkt valide, wenn wir uns die feministische Standpunkttheorie anschauen. Frauen haben nicht nur aufgrund ihrer Biologie, sondern auch sozial ein anderes Leben als Männer. Es werden andere Dinge von ihnen erwartet, sie haben andere Rollen zu erfüllen und sie haben andere Entscheidungen zu treffen. Daraus ergeben sich ebenfalls unterschiedliche Perspektiven. Und in der postmodernen Epistemologie heißt es schließlich, es gäbe eigentlich überhaupt kein objektives Wissen, und damit ist Wissenschaft eher ein Medium der Macht als des Wissens. Doch das kam uns oder zumindest mir etwas radikal vor. Oder zumindest weniger geeignet für einen philosophischen Podcast.


Feministische Epistemologie

Jedenfalls können wir dank Hardings Modell jetzt einige unserer Frauen vom Anfang einordnen. Xanthippe und Hannah Arendt lasse ich aber mal aus, weil die Erste keine Philosophin war und die Zweite sich nicht so bezeichnet hat. Diotima hat, wie ich ausgeführt habe, ein neues Denken in die Runde des Symposion gebracht. Und damit hat sie auch deutliche Worte zu der maskulinen Hierarchie gesagt. Und zwar, dass Frauen entgegen der populären Meinung sehr wohl zur Liebe fähig sind. Außerdem bieten sie in einer heterosexuellen Beziehung noch das, was dafür essentiell ist und keine homosexuelle Liebe kann: körperliche Verewigung. Damit wollte sie nicht sagen, dass homosexuelle Paare nicht lieben können, sondern dass der Sexualtrieb seinen ganz eigenen Sinn und Ursprung hat. Aber das kam den anderen Männern gar nicht erst in den Sinn. Sokrates auch nicht- er war ja homosexuell. Oder zumindest, soweit sich sagen lässt. Und das heißt natürlich nicht, dass man als homosexueller Mann nicht weiß, dass Frauen lieben können. Vor allem inzwischen weiß das natürlich jeder. Aber der Punkt ist, dass es den Männern nicht eingefallen ist, weil es etwas war, was sie nicht wissen konnten. Also unmittelbar wissen und nachvollziehen. Denn keiner von ihnen wusste, wie es sich anfühlte, eine Frau und heterosexuell zu sein. Und das in einer Gesellschaft voller homosexueller Männer. Doch diese Perspektive und dieses Wissen hat Diotima an den Tisch gebracht. Und das ist sowohl feministischer Empirismus als auch feministische Standpunkttheorie. Denn sie hat diese Perspektive als biologische und soziale Frau haben können.
Nun und damit kommen wir zu unserem zweiten Beispiel, Martha Nussbaum. Sie ist, wie ich gesagt habe, Vorreiterin auf dem Gebiet der Philosophie der Gefühle. Sie hat diese Ausrichtung sicher nicht erfunden, und es ist auch schwer zu sagen, wer es war. Das ist bei philosophischen Strömungen generell nicht so einfach. Aber sie hat sehr viel dazu beigetragen und trägt noch immer bei und neben ihr viele andere Frauen. Nun, warum soll das etwas spezifisch Weibliches sein? Nun, Männer haben sich in der Philosophiegeschichte bereits mit Gefühlen beschäftigt. Mehr oder weniger. Aristoteles redet zum Beispiel in seiner Tugendethik nicht direkt über Gefühle, sondern über Tugenden, was ähnlich ist. Aber das sind eher instrumentelle Charaktereigenschaften. Man soll daran feilen, wie man seine Gefühle ausdrückt und sich verhält. Und dann sind nur die Tugenden erwünscht, der Rest ist schlecht. Und auch Kant ist zögerlich mit den Gefühlen. So sagt er, dass einige Gefühle wie Besonnenheit oder Frömmigkeit gut sind, aber der Rest hinderlich ist. Man sollte generell lieber weniger fühlen und eher vernünftig sein. Denn wenn die Vernunft regiere, würde man gute Entscheidungen treffen und ein gutes Leben führen. Was beide nicht gesehen haben und was Nussbaum Jahrhunderte später sieht: Gefühle machen uns zu dem, was wir sind. Ein Wesen mit Gefühlen ist ein menschliches Wesen, ein Wesen mit reiner Vernunft ein Computer oder eine sonstige Maschine. Und auch brauchen wir Gefühle für Urteile, für Motivation und Wünsche. Aus reiner Rationalität bekommen wir nichts davon. Seht ihr? Es hat 2500 Jahre männliche Philosophie gebraucht, damit dann eine Frau darauf kommt! Ich sage nicht, dass solche Dinge nicht auch Männern einfallen würden. Sicher gibt es emotionale Männer, denen Kants Ansatz auch missfallen hat. Aber was soll ich euch sagen? Die Faktenlage ist wie sie ist. Die Philosophie der Gefühle ist ein moderner Zweig und Martha Nussbaum ist ganz vorne dabei, mit mehreren Frauen um sich herum. Vielleicht hat einfach eine weibliche Perspektive auf Gefühle gefehlt.


Konklusion

So, und damit kommen wir zum Fazit. Ich denke, das können wir ganz deutlich sagen: Selbstverständlich brauchen wir mehr Frauen in der Philosophie! Ganz klar bereichern sie die Philosophie! So war Xanthippe, die nicht einmal philosophiert hat, maßgeblich am Start der westlichen Philosophie beteiligt. Diotima, die zwar nie weiter erwähnt wird, hat schon im alten Griechenland die starke männliche Meinung mit einer einzigen Rede infrage gestellt und eine eigene Perspektive geliefert. Hannah Arendt hat viele Jahrhunderte später durch ihre Erfahrungen mit der NS-Zeit ganz neue Einblicke in die Ethik liefern können. Und Martha Nussbaum konnte schließlich mit anderen Philosophinnen einen ganz neuen Zweig der Philosophie mitbegründen: Die Philosophie der Gefühle. Und an dieser Strömung sieht man sehr deutlich, wie die männliche und weibliche Sicht der Dinge auseinandergehen: Denn während viele Philosophen in der Vergangenheit einige Gefühle für nützlich und andere für schlecht erklärt haben, lernen wir durch die Philosophinnen, dass wir sie alle brauchen. Und das ist kein Zufall. Nach Sandra Harding ist es ganz logisch, dass die Philosophinnen da etwas anderes herausgeholt haben als die alten Philosophen. Denn sie sind eben Frauen. Nach dem feministischen Empirismus reicht allein das schon dafür aus, dass sie unterschiedliche Perspektiven und Denkweisen entwickeln. Und wenn es das nicht tut, dann der soziale Stand nach der feministischen Standpunkttheorie. Natürlich gibt es Männer, die dem maskulinen sozialen Bild nicht entsprechen und von der Denkweise her den Frauen eher ähneln. Es gibt auch Männer in der Philosophie der Gefühle, natürlich! Und umgekehrt gibt es das Phänomen ja auch: Manche Frauen ticken eher wie der Klischeemann. Doch es wird sich nicht leugnen lassen, dass es trotz allem deutliche Tendenzen gibt oder sogar Dinge, die nur Frauen wissen können. Eine weibliche Epistemologie.

So, und das war meine Folge zu den Frauen in der Philosophie. Das war echt eine interessante Recherche. Es ist immer ein bisschen unterschiedlich, wie viel Vorwissen ich in die Folge bringe. Und zu feministischer Philosophie habe ich bislang noch gar nichts gewusst. Sehr schön. Ich versuche mit diesem Podcast ja auch, Leuten einen Einblick zu bieten, die sich vielleicht selbst gern mehr in die Gebiete der Philosophie begeben wollen. Und da sich diese Folge ganz klar um Frauen dreht, möchte ich auch hier das Augenmerk kurz auf die Zuhörerinnen richten. Ich kann gut verstehen, wenn man sich als Philosophieinteressierter etwas abgeschreckt von der riesigen Masse an männlichen Quellen fühlt. Und es scheint auch kein Ende zu nehmen, wird es vielleicht in den nächsten Jahrzehnten auch nicht. Ich weiß jetzt auch nicht, ob man sich da als Frau wirklich so fühlt, denn da endet der Rahmen dessen, was ich wissen kann. Aber falls ja, möchte ich euch auf jeden Fall Mut zusprechen. Alle können ihren Teil beitragen. Jede Person bringt ihre eigene Perspektive mit, und das gilt eigentlich besonders für Frauen. Warum? Ja, weil wir ja schon hunderte über tausende von Männern haben! Aber Frauen in der Philosophie? Ich glaube, dass da noch viel Inhalt kommen könnte. Sicherlich hätten wir jetzt einen sehr viel reicheren Wissensschatz, wenn Frauen schon früher zu ihrer Gleichberechtigung gelangt wären.

Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Gut, so viel von mir. Einen schönen Tag wünsche ich euch noch!


Quellen

,,Die philosophische Hintertreppe" - Wilhelm Weischedel

,,Symposion" - Platon

,,Über das Böse" - Hannah Arendt

,,Emotionen als Urteil über Wert und Wichtigkeit" - Martha Nussbaum

,,Whose science? Whose knowledge?" - Sandra Harding

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