#19 Was ist ein gutes Leben?
Zusammenfassung
Was ist ein gutes Leben? Für kaum eine andere Frage lohnt sich die Philosophie so sehr wie für diese. Denn das ist es, was wir alle wollen: ein gutes Leben. Im antiken Griechenland war das eigentlich auch das, was man mit der anfänglichen Philosophie erreichen wollte. Nicht einfach nur bloßes Wissen. Also, wie lebt man denn gut? Eine Antwort gibt der Philosoph Aristoteles: Man muss die sogenannte „Eudaimonia“ finden. Das ist ein großes Lebensziel, auf das man hinarbeitet. Für die Philosophen ist das gute Leben kein Meilenstein, den man erreicht, sondern ein lebenslanges Projekt. Bis zum Tod kann man immer etwas daran drehen und schrauben und etwas dazulernen. Solange man nur dabeibleibt. Ganz anders sieht es beim Hedonismus aus: Hier heißt es, man solle einfach nur genießen und so viele gute Momente haben, wie man kann. Und diese Rechnung klingt auch logisch: Je öfter es einem gut geht, desto besser müsste das Leben sein. Doch wie so oft ist es nicht so einfach. Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch!“
Einleitung
Heute möchte ich mal
wieder etwas abstrakt werden. Wir haben in den letzten Wochen über Wirtschaft
geredet, über Politik und so sehr ich andere Wissenschaften mag, bin ich ja
doch eher bei der Philosophie zuhause. Natürlich steht sie auch sowieso über
ihnen, also warum halten wir uns damit auf, nicht wahr? Nein, stopp, war nur
ein Witz! Nicht abschalten bitte! Also gut, was ist mein Programm für heute?
Ihr erinnert euch ja vielleicht daran, dass ich in vielen Folgen darüber
geredet habe, dass das Leben gut sein soll. Zum Beispiel hieß es in der
Politikfolge, alle Leute in einem Staat müssten glücklich sein, sonst wäre er
nicht gut. Oder die Inceptionfolge: Da habe ich gesagt, dass wir für ein gutes
Leben daran glauben müssen, dass es real ist. Oder was ist mit einem früheren
Beispiel, das hier sogar noch mehr Relevanz hat: Die Sinnfolge. Darin habe ich
gesagt, dass das Leben zwar sinnfrei zu sein scheint, aber das auch gut ist.
Dass ein sinnloses Leben ein gutes Leben bedeutet. Falls ihr diese Folgen noch
nicht gehört habt, schaltet gern rein – sonst wirke ich hier noch, als würde
ich ohne Beleg irgendwelche Dinge behaupten. Müsst ihr aber nicht für diese Folge
zahlen. Denn hier möchte ich einmal tatsächlich dieser Frage auf den Grund
gehen: Was ist denn überhaupt ein gutes Leben? Was gehört dazu? Diese Idee habe
ich übrigens unter anderem von deepen Instagram-Sprüchen. Von denen ich
übrigens nicht wirklich ein Fan bin. Ja ich weiß, man könnte es denken, aber
dieses ständige „Alles im Leben hat einen Grund“. Oder „Gewisse Sachen sollen
eben so sein“ und so weiter. Da könnte ich mich ewig drüber auslassen!
Aber gut, heute nicht.
Also kommen wir zu dem Spruch. Kennt ihr diese deepen Posts, die immer von
irgendeiner schicksalshaften Lebenssituation handeln und denen helfen sollen?
Einer, der mir öfter begegnet ist, ist die Aussage: „Man braucht im Leben
Trauer, damit es ein gutes Leben ist.“ Naja, oder so ähnlich. Ich folge diesen
Seiten nicht und bis so etwas wieder in meinem Feed auftaucht, warte ich jetzt
einmal nicht. Was ist damit gemeint? Naja, üblicherweise kommt dieser Spruch
zum Beispiel im Kontext einer Trennung oder so etwas. Und er will quasi sagen,
dass man nicht traurig darüber sein soll. Oder dass es eigentlich sogar gut
ist, dass man es ist. Denn je mehr Trauer man erlebt, desto mehr weiß man das
Glück zu schätzen. Was ich an diesem Spruch immer paradox finde, ist, dass er
seiner eigenen Existenz widerspricht. Ist die Trauer jetzt schlecht oder gut?
Ist es eine gute Sache, dass einem etwas Schlechtes passiert ist, weil das
eigene Leben jetzt mehr Qualität hat? Doch wenn das so ist, wieso müsste man
getröstet werden? Denn genau das macht der Spruch. Doch wir sind uns wohl alle
darin einig, dass schlechte Erlebnisse schlecht sind. Doch gehören sie zu einem
guten Leben dazu? Braucht man sie sogar? Nun schauen wir uns das einmal an.
Annäherung
Was ist ein gutes
Leben? Generell würde man ja sagen: „Ein gutes Leben ist eines, in dem einem
möglichst viele gute Dinge passieren.“ Und warum? Naja, gute Erlebnisse machen
einen glücklich, nicht wahr? Und schlechte Erlebnisse machen traurig. Also
müsste möglichst viel Glück zu einem guten Leben führen. Stellt euch zum
Beispiel eine reiche und eine arme Person vor. Also ich rede von einer Person,
die sich alles kaufen kann, was sie will und einer, die sich nichts kaufen
kann, was sie will. Würde man ernsthaft behaupten, die arme Person wäre besser
dran als die Reichen? Klar, die reiche Person könnte sich irgendwann
langweilen, aber das kommt ganz darauf an. Vielleicht hat sie auch ein
spannendes Hobby oder eine Leidenschaft. Die arme Person dagegen kann ja gerade
so über die Runden kommen, bevor sie mit solchen Lebensqualitäten anfängt. Doch
gut, man könnte sagen, dass die arme Person es sehr viel mehr zu schätzen weiß,
wenn sie sich doch ein passables Essen erarbeitet hat. Die reiche Person
dagegen würde sich wahrscheinlich noch nicht einmal über frischen Kaviar
besonders freuen, sie kann ihn ja immer haben. Oder ist das eine
Einstellungssache?
Nun gut, lassen wir
diesen Punkt erst einmal stehen und fragen uns stattdessen, was ein schlechtes
Erlebnis denn ist. Oder vielmehr: Welche schlechten Erlebnisse das Leben
wirklich verbessern. Denn selbst wenn die arme Person sich über ihr passables
Essen freut, hat sie es ja wahrscheinlich nur einmal im Monat. Und die anderen
Tage sind dann ja auch kein Spaß. Gehen wir bei schlechten Erlebnissen zuerst
einmal in das Extrem: Ein schwerer Autounfall, bei dem man querschnittsgelähmt
wird. Man kann nie wieder laufen, aufstehen, irgendetwas bewegen außer der
oberen Körperhälfte. Und dann stellt euch vor, diese Person weiß es auf einmal
ganz unheimlich zu schätzen, wenn sie sich allein mit Hilfe ihrer Arme
hochstemmen kann. Ist das wirklich ein besseres Leben als wenn man diese
Einschränkung nicht hätte? Man könnte noch extremer werden. Wenn man nichts im
Leben hat und nichts selbstverständlich ist? Ist das dann ein gutes Leben, weil
man sich über alles freut? Nein, oder? Das ist doch absurd. Wir brauchen ein
gewisses Level an Dingen, die einfach funktionieren. Sonst geht es mit unserer
Lebensqualität bergab. Ich weiß, es gibt diese Studien, dass Leute in reichen
Ländern nicht unbedingt glücklicher sind, aber das liegt doch deshalb nicht
zwingend an ihrem Wohlstand, oder? Wieso würde man sonst so sehr dafür
arbeiten?
Gut, ich bin ganz nach
links gegangen, jetzt gehen wir einmal ganz nach rechts. Was ist denn mit
kleineren Schicksalsschlägen, die man wahrscheinlich schon gar nicht mehr als
solche bezeichnen würde? Nehmen wir einmal an, euer Gehalt für euren Job wird
für ein halbes Jahr um einen kleinen Geldbetrag gekürzt. Ihr bekommt fünfzig
Euro weniger oder so. Oder für meine internationalen Zuhörer: Dollar, Franken,
Pfund und so weiter. Schreibt mir gern eure Währung in die Kommentare. So, aber
dieses Geld reicht natürlich immernoch aus, um euren Lebensstandard zu
erhalten. Locker sogar. Ihr habt noch euer Haus, euer Auto, könnt euch
und eure Familie ernähren und Urlaub machen. Aber nehmen wir an, durch
das fehlende Geld könnt ihr nicht mehr Urlaub in einem anderen, sondern nur
noch im eigenen Land machen. Und versteht mich nicht falsch, Urlaub im
eigenen Land ist super! Aber eben nicht dasselbe. Und es macht euch schon
ein bisschen traurig. Doch dann bekommt ihr nach diesem halben Jahr
wieder euer normales Gehalt und alles ist wieder wie vorher. Ihr könnt
wieder reisen, wohin ihr wollt. Ja, offenbar reissen es 50 Euro echt
raus. Ist dann euer Leben besser? Denn vielleicht könnt ihr euren
Urlaub jetzt mehr wertschätzen, weil ihr so lange keinen grossen machen
konntet.
Aber das muss man auch
sagen: Bald ist es wieder vorbei mit der Dankbarkeit. Bald gewöhnt ihr euch
wieder an den Urlaub und alles ist wieder normal. Dann sind auch die
gesteigerten Freunde weg. So ist der Mensch eben. Aber heißt das jetzt, dass
euch regelmäßig Dinge passieren müssen, die euren Alltag erschüttern, damit ihr
immer wieder aufs Neue dafür dankbar sein könnt, was ihr habt? Das ist doch
auch ein absurder Gedanke, nicht wahr? Man darf ja auch nicht vergessen, dass
die Trauer während der schlechten Zeit auch zu eurem Leben dazugehört und etwas
zählt. Ist es das Wert, ewig zu leiden, nur um sich dann für eine Weile zu
freuen?
Doch es gibt auch
Bedürfnisse, deren Stillung uns immer wieder erfreut. Natürlich muss man dafür
etwas warten, bis sie wiederkommen, doch sie machen uns immer wieder dankbar
und glücklich. Und das sind körperliche Begierden. Essen oder Schlafen. Und
hier brauchen wir das Leid unbedingt, nicht wahr? Denn wenn man den Begriff des
Leidens etwas streckt, gehört der Hunger auch dazu. Er ist ja das Leiden, das
man verspürt, wenn man eine Weile nichts gegessen hat. Doch wenn man dann isst,
ist es immer wieder so, als hätte man dieselbe Freude wie auch schon früher am
Tag oder dem davor. Je nachdem, wie man konditioniert ist. Nun, und jetzt
stellt euch vor, das wäre weg. Ihr hättet gar keinen Hunger mehr, sondern wärt
ständig satt. Das wäre eine Einbussung der Lebensqualität, oder? Warum dann
noch essen und trinken? Zum Überleben nehme ich an. Es sei denn, ihr wärt
unsterblich. Naja gut, dann könntet ihr die Zeit auf der Erde für das Lernen
verwenden. Es sei denn, ihr wärt allwissend. Ihr versteht, was ich sage, oder?
Biologisch ist uns bereits das ständige Leiden eingebaut, und das ist auch
notwendig zu einem guten Leben. Wir müssen es nicht künstlich hinzufügen. Genau
so ist es beim Wünschen. Das Wünschen hängt mit dem menschlichen freien Willen
zusammen. Und es ist ein Leiden, etwas zu wollen, das man noch nicht hat. Wenn
man das, was man will, dann bekommt, ist man doch noch immer dankbar, oder? Nun
vielleicht etwas mehr, wenn der Weg dahin länger ist, doch das ist doch für
alle Menschen eine Möglichkeit! Wenn wir uns jemanden vorstellen, der sich
alles kaufen kann, was er sich spontan wünscht, zum Beispiel. Naja, gewisse
Dinge kann man nicht kaufen. Was ist mit Liebe? Mit Zuneigung? Oder mit
Fähigkeiten, Wissen? Man kann sich immer etwas wünschen, das man noch nicht
hat. Man braucht also offenbar keine schweren Schicksalsschläge, um glücklich
zu sein. Ich gebe euch ein ganz einfaches Beispiel aus meinem Leben: Ich hatte
eine sehr glückliche Kindheit. So weit ich mich zurückerinnere, hatte ich keine
traumatischen Erlebnisse oder schlimmen Dinge, die passiert sind. Und ich habe
die Zeit geliebt! Auch zurückblickend war ich ein glückliches Kind.
Einen letzten Punkt
möchte ich im Zusammenhang mit schlechten Erlebnissen noch ansprechen. Ein
valides Argument, das man für Schicksalsschläge bringen könnte, und was der
Instagram-Spruch uns wahrscheinlich auch sagen will: Schicksalsschläge bereiten
uns auf weitere schlechte Erlebnisse vor. Wenn wir immer glücklich waren und
dann plötzlich ein einschneidendes Erlebnis kommt, trifft es besonders hart.
Wenn man stattdessen schon dies und das erlebt hat, steht man dadurch durch.
Wobei das auch abhängig von den Erlebnissen ist. Doch würde das dann schlechte
Erlebnisse gut machen? Nein, ich würde sagen nein. Denn wenn ihr einziger
Sinn ist, dass sie auf weitere schlechte Zeiten hinweisen, sind sie zwar
nützlich, aber nicht gut. Wir wollen doch gute Erlebnisse! Und auch
nach allen Erfahrungen wird ein Schicksalsschlag nicht plötzlich gut! Soviel also dazu.
Hedonismus
Ist das dann also die
Lösung? Ist ein gutes Leben einfach ein Leben, in dem einem gute Dinge
passieren? Denn die schlechten existieren ja ohnehin schon, indem man sich die
Guten wünscht. Hat dann der Reiche tatsächlich einfach objektiv ein besseres
Leben als der Arme, weil er eben reich ist? Das erinnert ein bisschen an den
Hedonismus, nicht wahr? Lust ist gut und Leid ist schlecht. Und damit möchte
ich zu den Philosophen dieser Folge kommen. Am Anfang steht Epikur, der
dem Hedonismus angehört, ihn aber nicht so simpel ausführt, wie man denken
könnte. Viele Menschen haben den Eindruck, Hedonismus würde einfach nur
bedeuten, man solle so oft wie möglich spontan Freude haben. Ein
hedonistisches Leben heißt nach ihnen, man solle essen, trinken, Drogen
nehmen, den Moment leben. Und wenn jeder Moment gut ist, macht das ein
gutes Leben. Nun und im Grunde ist das auch wahr. Nach Epikur ist die
Empfindung von Lust die Ursache und das Ziel eines guten Lebens. Und es
ist ja auch eine ganz einfache Rechnung. Wenn wir zu meiner Theorie zurückkehren
und sagen, diese reiche Person erlebt einfach ganz ganz ganz viele erfüllende
Augenblicke, indem sie ihre Bedürfnisse befriedigt, ergibt sich ja daraus ein
gutes Leben. Gut+Gut+Gut=gutes Leben. Aber Epikur hat seinen Fokus
weniger auf körperlichen Bedürfnissen. Klar, sie müssen gestillt werden,
doch darüber hinaus schadet man sich sonst nur selbst. Wenn man zu viel
trinkt oder starke Drogen nimmt, erlebt man auf lange Sicht gar keine Lust,
sondern Leid. Und das ist ja nicht Sinn der Sache. Deshalb hat
Epikur immer gepredigt, man solle in dieser Hinsicht enthaltsam sein und sich
mit dem Nötigen zufriedengeben. Und woher kommt dann die Lust?
Teils daraus, aber vor allem aus geistigen Freuden. Denn Epikur hat
erkannt, dass geistige Lüste unendlich sind und nicht schädlich sein
können. Und so sagt er, man solle philosophieren, mit Freunden seine Zeit
verbringen und Musik hören. Lauter Dinge, die die Seele beruhigen.
Man soll nicht in der maximalen Lust leben, sondern vernünftig und genügsam sein.
Das ist nach Epikur die eigentliche Lust, die das Leben hervorbringt.
Nun, vielleicht
überzeugt euch das nicht. Auch ich war ehrlich gesagt skeptisch, als ich den
Text gelesen habe. Genügsamkeit klingt nach Zufriedenheit, doch ist das alles,
was man sich für ein gutes Leben erhoffen kann? Sich einfach weniger zu
wünschen? Das klingt ein bisschen nach Buddhismus, nicht wahr? Interessanter
Fakt übrigens nebenbei: Obwohl diese zwei Welten so weit
auseinanderliegen, also das alte Griechenland und die ostasiatische Welt,
wurden in ungefähr der griechischen Zeit der westlichen Philosophen auch im
östlichen Raum die Philosophie des Buddhismus entwickelt. Und man sagt
oft, dass das ein allzu großer Zufall wäre, dass zwei so ähnliche Ideen in so
unterschiedlichen Gesellschaften entstanden sind. Entweder einfach, weil
sie eben stimmen oder es gab einen Einfluss. Nun, wenn es hier
Geschichtswissenschaftler gibt, könnt ihr mich da gern korrigieren oder etwas
hinzufügen. Gut, zurück zum Hedonismus. Ist das also der Schlüssel?
Genügsamkeit? Denn man könnte sich auch radikalere Definitionen
vorstellen. Immerhin, wenn Lust der Sinn des Lebens ist, müsste die reine
und hohe Lust doch über Zufriedenheit hinausgehen, oder? Genügsamkeit
erweckt immer den Eindruck, dass man sich mit wenig zufriedengibt. Doch
passt dann nicht eher eine stärkere Position zum Hedonismus?
Utilitarismus
Eine davon kommt vom
Philosophen Jeremy Bentham. Erinnert ihr euch noch an den? Das war der
Utilitarist, den ich auch schon in der Folge zur Moral genannt habe. Er fällt
nach Definition nicht komplett unter die Reihe der Hedonisten, aber er hat
einige sehr interessante Dinge dazu gesagt. Für die von euch, die den
Utilitarismus nicht kennen: Übrigens überrascht mich echt immer wieder zu
hören, wie viele Leute diese spezielle Ausrichtung kennen! Von so vielen
unterschiedlichen Strömungen ausgerechnet eine untergeordnete Theorie eines
Zweiges der Ethik! Naja gut, was ist Utilitarismus? Es ist zusammengefasst die
Theorie, dass nur immer die Handlung gut ist, bei der die Lust der höchsten
Menge an Leuten maximiert und das Leid minimiert wird. Bei jeder Handlung soll
man ein Kalkül über diese Faktoren anstellen und dadurch kommt man zur
moralischsten Tat. Nun, das hier ist keine Folge der Moral, aber die Idee ist
hier ja, dass man möglichst vielen Menschen ein gutes Leben verschaffen soll.
Und da haben wir es wieder: Wie gut ein Leben ist, wird dadurch bestimmt, wie
viel Lust und wie wenig Leid einem passiert. Bentham sagt, dass die Welt nur
aus diesen beiden Kategorien besteht. Jede Handlung verursacht entweder das
eine oder das andere, und jeder will das eine und vermeidet das andere. Dabei
schlägt er sogar Kategorien vor, mit denen man die Lust und das Leid bestimmen
kann. Es sind 6 Intensitäten. Die ist glaube ich recht offensichtlich. Dauer.
Klar, je länger das Glück anhält, desto größer ist es. Gewissheit. Auch recht
wichtig, denn wenn das Glück am Ende gar nicht eintritt, ist man wieder
traurig. Nähe, also wie zeitnah das Glück passieren wird. Folgenträchtigkeit,
also welche Auswirkungen man damit haben kann. Denn klar, man freut sich nicht
so sehr über etwas, wenn man weiß, wie viel Leid dafür passieren muss. Und
Reinheit. Also wie viel Leid mischt sich unter meine Lust? Wir haben hier also
sechs Faktoren, und wenn eine Situation in allen gut abschneidet, ist sie
wirklich lustvoll. Wenn man dann ganz ganz viele davon hat, hat man ein gutes
Leben. Das kann man auch immer noch mit Epikur verbinden, indem man sagt, dass
übermäßiges Trinken auf Dauer mehr Leid als Lust verursachen würde, gemäß der
Kategorien. Geistige Freuden verursachen vielleicht keine so große Intensität
an Lust wie Drogen, aber sind von der Dauer her länger und deutlich weniger
folgenträchtig. Auch sind sie reiner, weil man sich für sie vielleicht nicht so
sehr schämt. Und so weiter.
Gut, das also als
kleines Schlusswort zum Hedonismus: Ein gutes Leben ist offenbar eines, in dem
einem möglichst viel Lust und wenig Leid passiert. Und dabei sind körperliche
Begierden wichtig zu befriedigen, man darf es aber auch nicht übertreiben. Die
eigentliche Quelle an Gutem sind geistige Betätigungen wie Diskussionen, gute
Gespräche, und vielleicht auch bestimmte Hobbys. Wobei Körperliches in
einem Maß natürlich auch gut ist. Alles, überhaupt. Und auch wenn Bentham von
einer Glücksmaximierung spricht, kann man das damit kombinieren. Ein
genügsamer Mensch erlebt wahrscheinlich auch eher mehr Glück als ein
zügelloser. Und wenn man viele kleine Glücksmomente hat, hat man ein gutes
Leben. Diese Position widerspricht auch stark dem Instagram-Spruch vom Anfang
der Folge. Denn der Hedonist denkt nicht, dass ein Leid in seinem Leben dessen
Qualität verbessert. Das Leid ist vielmehr unter allen Umständen zu vermeiden.
Nun gut, aber das ist
nicht das Ende der Folge. Es gibt nämlich einige Probleme mit dieser Position.
Zunächst gibt es einem keinen Ausblick auf das große Ganze. Lust und Leid sind
sehr subjektive Werte, also existieren sie nicht wirklich über uns hinaus. Das
heißt, dass unser Sinn nicht sehr weit zu gehen scheint. Mehr zum Sinn gibt es
in meiner Folge dazu, so sehr wird es hier darum nicht gehen. Aber wo ist
da das große Lebensziel? Wo will man hin? Irgendwie geht man hier
einfach von Episode zu Episode. Ein bisschen wie ihr mit diesem
Podcast. Man wirkt hier wie eine Puppe, die von außen hin und
hergeworfen wird. Es gibt gute und schlechte Dinge, die einem passieren,
und diese lenken, wie gut das Leben ist. Es scheint so, als könnte man
selbst gar nichts dafür oder dagegen tun. Klar, Epikur redet von
Genügsamkeit, aber auch er setzt darauf, dass man eben mehr Lust als Leid
empfindet. Und wenn Lust allgemein gut ist, woher weiß man dann genau,
welche Lüste gut und welche nicht gut sind? Wenn mein Gespräch mit
Freunden genauso eine Lust ist wie das übermäßige Trinken, wie differenziere
ich dann? Und kann man nicht irgendwann vom Diskutieren auch genug
haben? Was soll man für ein gutes Leben konkret tun? Kann man etwas
tun? Oder fallen einem gewisse Dinge einfach zu? Und hat mein bei einer
gewissen Menge an Leid einfach ein schlechtes Leben? Und wann macht
Adrian endlich weiter mit der Folge, anstatt blöde Fragen zu stellen?
Eudämonismus
Gut, dann möchte ich euch jetzt einen weiteren Philosophen vorstellen, der kein Hedonist ist: Aristoteles. Für ihn ist das gute Leben die Erreichung der sogenannten „Eudaimonia“. Das ist altgriechisch für „guter Geist“. Es ist quasi ein Begriff für Glückseligkeit. Und diese Eudaimonia ist weit entfernt von der strengen Enthaltsamkeit des Epikur oder der Maximierung Benthams. Nein, sie beschreibt einfach ein glückliches, zufriedenes Leben. Und Zufriedenheit ist nicht zwingend dasselbe wie Enthaltsamkeit. Es ist nicht die Idee einer einzelnen Episode, in der man sich glücklich machen soll, sondern eines Lebenswegs. Man hat keine spontane Lust im Auge, sondern eine Art der Selbstverwirklichung, die ein Leben lang anhält. Klingt schön, nicht wahr? Aber wie kriegen wir das hin? Was sollen wir tun? Denn das ist der Fokus des Philosophen, wir müssen dafür arbeiten. Euch sagt sicher die aristotelische Tugendethik etwas, nicht wahr? Ich habe sie schon in der letzten Folge gegen Ende etwas ausgeführt, aber die müssen ja nicht alle gehört haben. Also eigentlich schon. Aber sie haben sie vielleicht trotzdem nicht.
Tugendethik
Also, was ist die Tugendethik? Der Kern ist, dass moralische Handlungen nicht nach dem bewertet werden, was passiert ist, sondern nach den Akteuren. Wenn ein tugendhafter und moralischer Mensch etwas tut, ist es höchstwahrscheinlich moralisch gut. Da muss man nicht überall einzeln drübergehen. Klar kann man Fehler machen, doch ein besonnener, moralischer, kluger und liebenswerter Mensch wird nicht einfach so etwas klauen. Wieder die Moral. Das ist auch sehr interessant. Die Moral hängt für viele Philosophen sehr eng mit dem guten Leben zusammen. Besonders für Aristoteles. Diese Tugenden, von denen er redet, sind gute Charaktereigenschaften, die man sich antrainieren kann. Zum Beispiel wie eben aufgezählt Besonnenheit, oder auch Mut und Humor. Dabei ist für Aristoteles die Mitte wichtig. Daher auch der Name seiner Lehre, „Mêsoteslehre", oder eben „Lehre der Mitte". Denn Aristoteles vertritt Mut, aber nicht Übermut. Aber auch nicht zu wenig, keine Feigheit. Oder was ist mit Humor? Naja, man soll auch nicht alles lächerlich und immer nur Witze machen. Aber absolut verschlossen zu sein und nie zu lachen ist auch nicht ideal. So erkennt man die Tugenden. Ich habe es schon in der letzten Folge gesagt und ich sage es hier gerne noch einmal: Aristoteles hat einen sehr interessanten Tugendkatalog erstellt, den ich jedem nur empfehlen kann. Er hat immer in der Mitte die Tugend, links davon die übermäßige Empfindung davon und rechts die zu geringe. Denkt darüber nach: Könnt ihr nicht bei jeder Eigenschaft irgendwie einen Punkt ausmachen, ab der sie übertrieben oder untertrieben ist? Da ist die goldene Mitte der Schlüssel. Und jemand, der alle diese Tugenden besitzt und sich immer in dieser Mitte befindet (den es natürlich nicht gibt), kann nicht moralisch falsch handeln. Wie auch? Er empfindet gar keinen Hass oder Missgunst.
Das große Lebensziel
Aber gut, so viel zur
Moral. Was haben Tugenden mit dem guten Leben zu tun und wieso müssen wir sie
überhaupt lernen? Nun ist Aristoteles der Meinung, dass Gutes zu tun
automatisch glücklich macht. Und auch umgekehrt. Wer glücklich ist, handelt
gut. Das Gute ist Glückseligkeit. Gut, wie kommen wir zu diesem Gedankensprung?
Für Aristoteles spielt hier die Verwirklichung des Menschen eine große Rolle.
Wenn wir uns Tätigkeiten anschauen, haben sie immer das Gute zum Ziel. Der
Schuster arbeitet für gute Schuhe, der Arzt für Gesundheit. Und so hat auch die
Tätigkeit des Menschseins ein Gut. Was denkt ihr, was diese Tätigkeit ist? Man
könnte jetzt sagen: „Das Leben natürlich.“ Und klar geht es Aristoteles ja
genau um so ein gutes Leben. Aber nein, denn dieses Gut haben auch Pflanzen und
Tiere. Was unterscheidet aber uns von allem anderen? Unser Denken. Und zwar
nicht das logische, rationale Denken, sondern unsere Tugenden. Unsere Seele.
Interessant eigentlich, auch wenn Aristoteles sicher noch nichts von Computern
wusste, hat er uns direkt von ihnen abgegrenzt. Menschlich zu sein heißt, einen
Charakter zu haben. Und diesen zu entwickeln, ist für Aristoteles unser
Lebenssinn. Und ein guter Charakter ist tugendhaft. Und genau wie ein Schuster
über einen guten Schuh glücklich ist, der Gutes in die Welt bringt, erfreut man
sich auch an seinem guten Charakter und den guten Taten daraus. Und nicht nur
zu moralischen Handlungen sind Tugenden gut, sondern auch zum Bestehen
persönlicher Herausforderungen. Zum Beispiel die Tugend des Mutes: Die kann man
auch nutzen, um sich auf einen schwierigen Job zu bewerben, den man haben will.
Man kann sich mit den Tugenden zu einem immer besseren und stärkeren Menschen
machen. Doch das erfordert Zeit. Wir arbeiten ein Leben lang an unserem
Charakter. Das ist der Unterschied zur hedonistischen Puppe. Wir schauen nicht
einfach nur, was uns von außen kurz- oder langfristig glücklich macht und
rennen dem hinterher. Nein, wir schauen, dass wir innerlich zufrieden und gut
sind. Und dann kann uns alles Mögliche passieren. Natürlich gibt Aristoteles
zu, dass nicht jedes Leben gleich leicht ist. Aber wenn man selbst gut ist,
steht man auch durch schwere Zeiten und muss sie nicht vermeiden. Oder sie
passieren einem gar nicht erst. Für Glückseligkeit ist es nämlich unerheblich,
ob Lust oder Leid im Leben passiert. Die Eudaimonia ist nicht in einem
Augenblick zu erreichen, sondern nach einem langen Leben. Und dabei kann das
jeder: Egal ob arm oder reich, jeder Mensch hat die Fähigkeit, Tugenden zu
erlernen. Aristoteles gibt natürlich zu, dass Grundbedürfnisse erfüllt werden
müssen. Aber ab einem bestimmten Punkt sagen sie nichts mehr über die
Lebensqualität aus. Für ihn sind Menschen, die nur hedonistisch leben, wie die
Tiere. Man hat seine Vorlieben und Wünsche, und je nachdem, was passiert, ist
man froh oder traurig. Aber wir würden Tiere nicht glücklich nennen. Sie haben
eben einen guten oder einen schlechten Tag.
Nun gut, was lernen wir
von Aristoteles? Der Schlüssel zum guten Leben ist nicht die Vermeidung
schlechter Ereignisse und die Suche nach der Lust, sondern ein guter Charakter.
Einer, der uns innere Ruhe und Zufriedenheit gibt, mit dem wir gut handeln und
Herausforderungen bestehen. Damit wir nicht mal spontan glücklich oder traurig
sind, sondern die Eudaimonia, die Glückseligkeit auf unserem Lebensweg
erreichen. Und da ist es egal, ob wir mal schlechte Tage haben, denn die hat
jeder. Aber als starker Mensch windet man sich aus ihnen heraus und setzt
seinen Weg fort. Denn wir sind Menschen und keine Tiere. Das Leben
ist für uns keine Episode aus guten oder schlechten Tagen. Sondern es
gibt eine große insgesamte Vision eines guten Lebens. Anders als bei den
Hedonisten sind wir keinen äußeren Faktoren hilflos ausgesetzt, sondern können
handeln. Wenn wir nur genug an uns arbeiten, wenn wir nur klug, mutig und
besonnen genug sind, können wir den meisten schlechten Dingen auf der Welt aus
dem Weg gehen, aber sie vor allem durchstehen. Und damit meint auch
Aristoteles wie Epikur, dass es das Leid im Leben nicht braucht. Aber
anders als dieser ist es für Aristoteles nicht das Ende des guten Lebens. Denn der Weg zur Eudaimonia geht weiter.
Natürlich kann man auch
Aristoteles kritisieren. Nicht jeder Mensch ist gleich privilegiert, sein Leben
so sehr selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt Leiden von außen, die man wohl
einfach vermeiden sollte. Vielleicht sollte man auch manchmal genügsam sein und
nicht nach den Sternen greifen. Man kann auch nicht alles in seinem Leben
gestalten und manchmal ergibt sich eben keine klare Zukunftsvision. Doch
Aristoteles bietet uns einen Weg, wie wir es versuchen können.
Endstand
Ok, fassen wir uns kurz
zusammen. Wir haben diese Folge mit der Frage angefangen, ob man für ein gutes
Leben Leid braucht. Und das erscheint kontraintuitiv, nicht wahr? Man würde
doch nicht sagen, dass ein armer Mensch wegen seines Leides besser dran ist als
ein reicher Mensch1 Vielleicht weiß der ärmere Mensch sein Essen mehr zu
schätzen, doch dafür muss er auch leiden, um es zu bekommen. Das scheint sich
mit dem Reichen auszugleichen, der es zwar nicht so sehr wertschätzen kann, es
aber auch einfach bekommt. Starke Schicksalsschläge wie ein Autounfall mit
nachfolgenden Schäden können unser Leben unmöglich besser machen, denn sie
verursachen dafür zu viel Leid. Und kleine Leiden wie ein kurzfristig
geringeres Gehalt machen uns dann zwar kurzfristig etwas glücklich. Aber auch
das scheint nicht der Schlüssel zu sein. Ständig zwischen leichtem Leid und
leichtem Glück hin und herzugehen, wird doch nicht das gute Leben ausmachen,
oder? Was ist mit dem großen Glück, das man sich erhofft? Und versteht mich
nicht falsch, sicherlich ist es nett, für die kleinen Dinge im Leben dankbar zu
sein. Aber ist das wirklich alles, das zum guten Leben dazugehört? Muss man
einfach leiden, um dann dankbar zu sein? Deswegen haben wir einmal
weitergeschaut, ob es noch eine andere Antwort gibt. Man könnte noch sagen,
dass einen Leid auf spätere Schicksalsschläge vorbereitet. Aber das macht
es nicht gut, sondern nur nützlich. Jeder Schicksalsschlag ist ein
schlechtes Erlebnis, egal wie viel Erfahrung davor kam. Das macht unser Leben
auch nicht gut. Aber wir müssen uns solche äusseren Leiden auch nicht
herbeisehnen. Denn einige tragen wir immer in uns. Denken wir an Hunger,
oder Wünsche. Und selbst wenn eine reiche Person vielleicht weniger
hungert als die Arme, können sich beide etwas wünschen. Es gibt Dinge wie
Fähigkeiten und Wissen, die man sich nicht einfach kaufen kann. Und sich
etwas zu wünschen, heisst bereits zu leiden. Denn man will etwas, das man
noch nicht hat. Wir haben also in unserem Leben bereits ein Leid
integriert, das die Qualität hebt. Denn natürlich schmeckt jedes Essen
besser, je mehr Hunger wir haben. Das schien also die Lösung zu
sein. Je mehr Lust man erfährt, desto besser ist das Leben und
zusätzliches Leid braucht man dafür nicht, denn auch das ist schon
inklusive. Das Einzige, was man wohl braucht, sind immer neue Wünsche.
Dann haben wir aber
weitergeschaut, was denn die Hedonisten zu dieser Frage sagen. Denn meine
Antwort klingt sehr danach. Der Hedonismus ist eine Position, in der die
Qualität des Lebens daran bewertet wird, wie viel Lust man erfährt. Leid ist
hier in jedem Fall aus dem Weg zu gehen. Nach dem Philosophen Epikur heißt das
aber nicht, dass man immer im Moment leben soll und etwa lauter Drogen und
sonstiges nehmen soll, um so glücklich wie möglich zu sein. Nein, er redet
vielmehr von Enthaltsamkeit gegenüber körperlichen Gelüsten. Diese sollen so
weit gestillt werden, wie man es braucht, aber dann soll man zufrieden sein.
Was nämlich die eigentliche Lust auslöst, sind geistige Begierden. Wie eine
Diskussion mit Freunden oder das Hören von Musik. Denn diese sind nicht
schädlich für den eigenen Körper und können immer wieder getätigt werden. Für
Epikur ist Enthaltsamkeit und Genügsamkeit die eigentliche Lust, die man im
Leben erreichen will. Leid braucht man dafür nicht, denn das versucht man
dadurch ja gerade zu vermeiden. Die Lust ist für den Philosophen Ziel und
Ursache eines guten Lebens.
Nun und da haben wir
eingehakt und Zweifel daran geäußert, dass Genügsamkeit wirklich ein
ausreichendes Maß an Lust ist. Vor allem wenn es in der Theorie ja gerade
darum geht, Lust zu empfinden. Der Philosoph Jeremy Bentham liefert uns dagegen
ein hedonistisches Kalkül, das die Lust jeder Situation berechnet. Die Faktoren
Intensität, Dauer, Gewissheit, Nähe, Folgenträchtigkeit und Reinheit sollen
bestimmen, wie hoch sie immer ist. Und damit weiß man genau, welche Handlung
die meiste Lust hervorbringen würde. Und auch nach Bentham ist ein Leben
besser, je mehr Lust man darin empfindet, in jedem Augenblick. Auch er braucht
dafür kein Leid, sondern will diesem aus dem Weg gehen. In der Welt gibt es für
ihn nur zwei Kategorien: Die Lust und das Leid. Denn jede Handlung führt zu dem
ein oder anderen und alle Menschen suchen die Lust und meiden das Leid.
Doch auch das schien
uns nicht gut genug. Überhaupt scheint die hedonistische Theorie das Leben zu
simpel zu fassen. Erstens ist nach ihnen das menschliche Leben wie eine
Aneinanderreihung von guten und schlechten Tagen. Es fehlt der Blick für das
große Ganze, für einen Lebensweg und eine Vision. Außerdem wirkt man als Mensch
so unfähig, tatsächlichen Einfluss auf seine Lust und sein Leid zu nehmen.
Epikur predigt zwar Genügsamkeit, aber das klingt eher, als müsste man vor den
äußeren Mächten resignieren. Man kann als Mensch ohnehin nicht viel tun, als
muss man sich mit dem zufriedengeben, was man bekommt. Und dann passiert einem
Glück oder Unglück, und das bestimmt das eigene Leben. Außerdem, wann hat man
dann ein gutes und wann ein schlechtes Leben? Muss man nach Bentham einfach
ausrechnen, in wie vielen Augenblicken man wie viel Lust und Leid erlebt hat?
Das kann doch kein Mensch! Und wie unterscheidet man zwischen guten und
schlechten Lüsten bei Epikur? Sind einfach körperliche Lüste schlecht und
geistige gut? Doch erstens ist es doch die generelle Lust, die Sinn des Lebens
sein soll. Und zweitens hat man doch sicher auch vom Diskutieren irgendwann
genug. Es muss noch irgendetwas geben, das uns eine größere Vision eines guten
Lebens und eine Richtung gibt. Und vor allem einen Weg, wie wir mit dem Leid
und der Lust aktiv umgehen können.
Und hier kommt
Aristoteles mit seiner Tugendtheorie ins Spiel. Für ihn ist unser Lebensziel
die Eudaimonia, die Glückseligkeit, an der wir ein Leben lang arbeiten. Sie
beschreibt einen Zustand der Zufriedenheit, der zwischen der strengen
Enthaltsamkeit und der zügellosen Maximierung liegt. Und diese können wir uns
selbst erarbeiten, indem wir unseren Charakter verbessern. Je tugendhafter wir
sind, desto moralischer handeln wir. Damit bringen wir Gutes in die Welt und
auch uns. Auch bestehen wir besser Herausforderungen, sind dem Leben gegenüber
besser gewappnet und können einigen Schicksalsschlägen aus dem Weg gehen. Doch
das müssen wir nicht. Aristoteles‘ Theorie lässt auch Raum für Leid. In einem
guten Leben muss man nicht leiden, aber es wird auch nicht von solchen Episoden
beeinflusst. Denn man ist innerlich so stark und zufrieden, dass man diese
Zeiten durchsteht. Auch das spontane Glück ändert nichts daran. Es ist aber
natürlich trotzdem zulässig. Für den Philosophen ist das hedonistische Leben
wie das eines Tieres. Man lebt ohne große Vision in den Tag hinein und der ist
entweder gut oder schlecht. Und dann geht es weiter. Aber nach Aristoteles gibt
es etwas Größeres, etwas, was wir beeinflussen können, und zwar alle Menschen
für sich. Und das ist eben die Eudaimonia.
Konklusion
Was ist also ein gutes
Leben? Ein gutes Leben ist das Leben eines guten Menschen. Denn je besser sein
Charakter und je fähiger er ist, desto mehr kann er anderen und damit sich
selbst Gutes tun. Natürlich gibt es auch unvermeidbares Leid. Und enthaltsam in
mageren Zeiten zu sein, ist sicher auch kein Fehler. Manchmal ist man für
einige Herausforderungen des Lebens nicht stark genug und sollte von ihnen
ablassen. Aber als tugendhafter Mensch kann man diese Zeiten durchstehen und
aus ihnen lernen. Unser Leben ist nicht nur eine Serie an guten und schlechten
Tagen. Es ist nicht alles vorbei, wenn es gerade nicht gut läuft. Wir alle
arbeiten nämlich kontinuierlich an unserem großen Ziel und kommen diesem immer
näher: der eigenen Selbstverwirklichung. Die Eudaimonia.
So, das war meine Folge zum guten Leben. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Es war schön, mal wieder über ein ganz abstraktes philosophisches Thema zu reden. Hoffentlich war es euch nicht zu theoretisch, aber ganz konkret ist das gute Leben nicht so einfach zu fassen. Es ist so individuell und es gehören so viele Faktoren dazu. Doch ich bin mit dem Ergebnis zufrieden, irgendwie haben ja schon beide Theorien etwas für sich. Der Hedonismus und der Eudämonismus, wie diese Theorie übrigens heißt.
Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Gut, das ist alles, was ich sagen wollte. Dann
habt noch einen schönen Tag!
Quellen
,,Die Philosophische Hintertreppe" - Wilhelm Weischedel
,,Die utilitaristische Ethik" - Jeremy Bentham
,,Nikomachische Ethik" - Aristoteles
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