#15 Wie ist die Philosophie sortiert?
Zusammenfassung
Wie ist die Philosophie
sortiert? Wenn ihr meinen Podcast schon eine Weile verfolgt, habt ihr euch
sicher schon einmal gefragt, wie man diese ganzen Fragen, die ich stelle,
sortieren kann. Vielleicht schwirrt euch sogar schon der Kopf vor lauter
Philosophie. Wie hängt jetzt der Sinn des Lebens mit dem guten Menschen und der
Liebe zusammen? Es wirkt so, als würde die Philosophie einfach nur wahllos
Fragen in den Raum werfen und gar kein System haben. Aber keine Sorge: Es gibt
durchaus ein System. Oder mehrere. Wie es in unserer lieben Wissenschaft immer
so ist, ist man sich auch nicht komplett einig. Kant sagt zum Beispiel, dass es
in der Philosophie nur 4 wesentliche Fragen gibt: „Was soll ich tun?“, „Was
kann ich wissen?“, „Was kann ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ Aristoteles
dagegen teilt die Philosophie ganz einfach in die theoretische und praktische
Philosophie ein. Wie bringt man das zusammen? Und reicht das aus, um die ganzen
Fragen zu kategorisieren? Hallo zusammen! Herzlich willkommen
zurück zu einer neuen Folge!
Voranmerkung
Bevor wir in das
heutige Thema einsteigen, möchte ich mich kurz erklären. Ich weiß natürlich,
dass Viele von euch die Folgen nicht aktuell anhören, sondern mit einiger
Verzögerung. Zugegeben, einige Folgen muss man wohl auch öfter hören. Doch für
diejenigen, denen es schon aufgefallen ist: Ja, letzte Woche Donnerstag kam
keine neue Folge. Und dabei hatte ich diesen wöchentlichen Rhythmus schon seit
Anfang Oktober! Macht euch keine Sorgen, das liegt nicht daran, dass ich keine
Lust mehr habe oder mir nichts mehr einfällt. Ich habe tatsächlich reihenweise
Ideen, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden! Aber den wöchentlichen
Rhythmus werde ich nicht mehr machen. Jede Woche ein komplett neues Thema zu
beleuchten, geht auf Dauer eben nicht. Ich habe ja auch noch außerhalb des
Podcasts ein Leben, mehr oder weniger zumindest. Außerdem wollte ich noch zwei
anderen Projekten von mir etwas Raum geben. Und zwar gibt es inzwischen seit
einiger Zeit einen Musikkanal von mir auf SoundCloud namens „Musik für
zwischendurch“! Den Link füge ich euch auch in die Folgenbeschreibung zu. Passender
Name, nicht wahr? Nun plane ich einen weiteren Podcast auf Spotify zu bringen,
in dem ich Geschichten vorlese, die ich einmal geschrieben habe. Wie hier mit
Musik natürlich. Jetzt, wo ich gerade an diesem Skript sitze, gibt es den noch
nicht, aber er wird wahrscheinlich „Geschichten für zwischendurch“ heißen. Wie
man sich denken kann. Ich halte euch auf dem Laufenden. Also wie gesagt keine
Sorge: Hier wird weiterhin etwas kommen, nur nicht regulär 4mal im Monat,
sondern so vielleicht 2mal. Dann kann ich mir auch mehr Mühe geben und mehr
Zeit investieren. Es freut mich, dass ihr alle dabei seid und mir zuhört, und
vielleicht gefallen euch meine anderen Kanäle ja auch.
Ein weiterer kurzer
Disclaimer übrigens: Ich weiß nicht, wer von euch sich die Quellen durchliest,
aber ihr werdet sicher gemerkt haben, dass ich da immer auch mich selbst stehen
habe. Quelle: ich. Ich glaube, das werde ich in Zukunft weglassen, weil es
irgendwie dumm klingt, aber ich möchte es kurz erklären. Ich weiß schon, dass
man in einer wissenschaftlichen Arbeit beim Quellenverzeichnis nicht einfach
„Ich“ hinschreibt. Man hat Quellen, damit der Inhalt der Arbeit geprüft und
nachgeschlagen werden kann. Außerdem habe ich hier mit dem Podcast die Idee,
euch näherzubringen, was in gewissen philosophischen Büchern denn so steht.
Dass ihr einen gewissen Eindruck bekommt. Mich selbst schreibe ich eigentlich
nur als Quelle hin, weil es gewisse Informationen gibt, die in den genannten
Quellen nicht auftauchen können. Und es lohnt sich auch nicht wirklich, für
diese Info ein Buch herauszusuchen. Ich möchte euch die Gelegenheit geben, die
Hauptsache von dem, was ich sage, nachlesen zu können. Und das ist das, was die
Philosophen sagen. Und alles an Randdetails, was dazukommt, schaue ich entweder
kurz nach oder weiß ich einfach. Aber ich wollte auch nicht den Eindruck
vermitteln, als würde in den Büchern alles von der Folge stehen. Nun gut, ich
glaube, ihr versteht mich. Ihr könnt auch jederzeit in die Kommentare oder mir
auf Instagram schreiben, wenn ihr euch bei einem Fakt nicht sicher seid. Diese
„Quelle: Ich“ werde ich aber ab jetzt mal weglassen, irgendwie ist das auch
albern. Also genug aber jetzt von meinen Problemen, die sowieso keiner bisher
wahrgenommen oder sich dafür interessiert hat.
Einleitung
Fangen wir einmal an.
Worum wird es heute gehen? Wisst ihr, ich habe darüber viel nachgedacht. Was
soll die erste Folge im neuen Jahr werden? Wenn ich das letzte Jahr mit der
Liebesfolge zu Weihnachten und der Sokratesfolge zu Silvester abgeschlossen
habe, müsste doch jetzt auch wieder etwas Passendes kommen. Und ich bin meine
Ideenliste durchgegangen. Es ist übrigens eine tatsächliche Liste, die ich hier
als Word-Datei habe. Immer, wenn ich gerade in Gedanken bin und mir etwas
einfällt oder jemand etwas Interessantes sagt, kommt das da rein. Ich hab also
reingeschaut und viel überlegt. Doch dann kam mir ein anderer Gedanke, der
nicht auf der Liste stand: Ich sollte meine Folgen für euch vielleicht etwas
sortieren. Und zwar nicht einfach von eins bis fünfzehn. Nein, nach Art der
Fragestellungen. Die Frage nach dem guten Menschen, die nach dem Sinn des
Lebens, die nach dem Tod und die nach der Freiheit. Nun gut, das ist offenbar
alles Philosophie. Doch welcher Bereich? Gibt es da Kategorien? Was genau von
dem allem ist Ethik? Und was macht der Rest? Ich habe euch immerhin schon
erzählt, warum Philosophie relevant ist. Doch bevor ich euch in den ganzen
unterschiedlichen Fragen verliere, ordne ich sie ein bisschen. Stellt es euch
wie ein Zimmer vor, das wir heute aufräumen. Und dabei kehren wir nicht einfach
alles unter das Bett zurück, sondern tun die Klamotten in den Kleiderschrank,
die Spielzeuge in die Spielekiste und die Stifte auf den Schreibtisch. Die
Frage dieser Folge ist also: „Wie ist die Philosophie geordnet?“
Platons Dreiteilung
Und dazu haben schon
die alten Griechen Überlegungen angestellt. Platon zum Beispiel. Er hat
Sokrates nicht einfach wahllos in seinen Dialogen Themen ansprechen lassen. Es
steckte ein Schema dahinter, nach dem man die Dialoge sortieren kann. Für Platon
gab es immer drei Dinge, die die Philosophie untersuchen sollte: Das Gute, das
Schöne und das Wahre. Das ist doch eine schöne Einteilung, oder? Und denkt
darüber nach, sind das in eurem Leben nicht die drei
Dinge, die euch interessieren? Das, was alles abdeckt? Stellt euch vor, ihr
lest einen Bericht in der Zeitung, in dem jemand einen Mord begangen hat. Ich
glaube, dass die erste vernünftige Frage wäre, ob das überhaupt stimmt. Es
lohnt sich nicht wirklich, sich darüber aufzuregen, wenn alles gelogen ist,
nicht wahr? Jetzt nehmen wir mal an, dass es stimmt. Immerhin ist das kein
gammeliger Internetartikel, sondern ein Artikel aus einer Zeitung. Das wird
schon irgendwie hinkommen. Vielleicht habt ihr weitere Quellen hinzugezogen
oder so. Ein Mord wäre vielleicht auch eine etwas krasse Sache, um sie einfach
zu erfinden. Also, die Person hat tatsächlich jemanden umgebracht. Was ist euer
nächster Gedanke? Na, das ist doch auf jeden Fall furchtbar! Dieser Mörder oder
diese Mörderin muss eine schlimme Person sein! Denn wir alle wissen, dass es
nicht gut ist, jemanden zu töten. Das ist die Frage nach dem Guten. Was ist
eine gute und eine schlechte Tat? Natürlich fragt ihr euch nicht extra noch, ob
der Mord vielleicht doch gut oder eben schlecht war. Aber diese Frage steht
hinter dem Entsetzen. Und das Schöne? Naja, das hängt teilweise mit dem Guten
zusammen. Was wollen wir eigentlich? Schöner wäre es gewesen, der Mord wäre
nicht passiert. Schöner wäre es, wenn niemand würde Morde begehen würde. Wir
wollen eine Welt, in der alle miteinander in Frieden leben. Und da haben wir
es. Es muss nicht immer diese Reihenfolge sein, klar. Aber probiert es im
Alltag ruhig aus. Im Grunde wollt ihr bei neuen Informationen immer erst
wissen, ob sie wahr sind. Dann, ob ihr Inhalt gut oder schlecht ist, und dazu
gehören Vorstellungen davon, was ihr gerne hättet.
Und nach diesem Schema
kann man auch Platons Dialoge genau anordnen. Über das Gute redet er sehr viel
in seiner Politeia. Vielleicht habt ihr schon meine Folge zum guten Menschen
gehört. Aber genau da sehen wir, wie Platon ganz am Anfang seines Werkes
festlegt, was Gerechtigkeit ist. Was ist gerecht? Was ist gut? Was sollte man
tun? Zum Beispiel sagt er da, dass man als guter und gerechter Mensch niemandem
schaden sollte. Also ganz klar die Suche nach dem Guten. Später in meinem
Podcast ging es um die Frage, was wir wissen können. Und dazu passt der
platonische Dialog „Theaitetos“. Da geht es um Fragen über Meinung und
Wahrheit. Zum Beispiel sagt er da, dass Wahrnehmungen über Wärme und Kälte
nicht der Wahrheit entsprechen können. Konstante Faktoren wie mathematische
Rechnungen dagegen schon. Ganz grob gesagt. Und das Schöne? Na, das finden wir
im Symposion. Dem Dialog über die Liebe. Was ist schön? Was wollen wir? Und so
sagt er zum Beispiel, dass wir uns in einer schönen Seele und einem schönen
Körper verewigen und von ihnen lernen wollen. Das ist unser Bild der Schönheit.
Das, was wir wollen. Und das sind erstmal nur 3 Beispiele.
Aristoteles' Zweiteilung
Doch vielleicht ist
euch das nicht genau genug. Und das könnte ich gut verstehen, denn was ist mit
den ganzen bekannten Fachrichtungen der Philosophie? Logik, Metaphysik,
Ontologie, Epistemologie, Ethik, politische Philosophie und so weiter? Kann man
die allen diesen generellen Bereichen zuordnen? Vielleicht schon, aber wir
brauchen vielleicht eine etwas genauere Eingrenzung. Und die liefert uns
Aristoteles. Er sagt nämlich, dass Platon bei all seinen philosophischen Fragen
eigentlich nur immer einer Sache auf der Spur war: Was ist ein gutes Leben? Wie
wendet man diese Erkenntnisse so an, dass man glücklich ist? Und das nennt er
„praktische Philosophie“. Zu ihr gehören Bereiche wie „Ethik“, „politische
Philosophie“ und „soziale Philosophie“ und sie beschäftigen sich mit der Frage,
wie man ein gutes Leben führt. So stellt die Ethik die Frage, wie man sich
verhalten sollte, damit man selbst und andere Menschen glücklich sind. Was gut
und was schlecht ist. In der politischen Philosophie fragt man sich, was die
richtige Regierungsform ist, damit man das umsetzen kann. Die soziale
Philosophie kritisiert die Gesellschaft, damit sie sich reformiert. Das ist die
Philosophie, die sich die Frage stellt: „Was sollte sein?“ und nicht wie viele
andere Wissenschaften: „Was ist?“ Ich weiß nicht, ob ihr schon meine Folge kennt:
„Wozu brauchen wir die Philosophie?“ Sehr empfehlenswert natürlich. Aber in ihr
sage ich auch, dass die Philosophie die Aufgabe hat, als Wegweiser zu dienen.
Und nach Aristoteles nennt man das eben „praktische Philosophie“. Im
Griechischen bedeutet das Wort auch so viel wie „Tat, Handlung“. So viel also
dazu.
Doch das ist nicht
alles, was in der Philosophie passiert. Denn es gibt auch Bereiche, die nicht
direkt darauf aus sind, unser Leben zu verbessern. Sie betreiben eher reine
Wissensmehrung. Ich rede von der theoretischen Philosophie, wie Aristoteles sie
nennt. Auch das Wort „Theorie" kommt aus dem Altgriechischen und
heißt so viel wie „Überlegung, Anschauung". Die theoretische
Philosophie fragt eben nicht, wie etwas sein sollte, sondern eher, wie es
ist. Nach dem Philosophen gehören dazu die Logik, oder früher einfach
Mathematik, Metaphysik, Theologie, Ontologie und Epistemologie. Keine
Sorge, die Begriffe erkläre ich jetzt. Aber zuerst, um die Einteilung
nicht falsch zu verstehen. Natürlich kann man alles auf das eigene Leben
anwenden, um es zu verbessern. Auch die Logik. Klar, Rechnungen
spielen im Alltag oft eine Rolle, aber nicht alle Rechnungen wurden extra für
den Alltag entwickelt. Die Logik an sich ist ein Werkzeug, und Zahlen
existieren so an sich ja nicht wirklich. Erst durch praktische
Wissenschaften wie die Physik, Chemie oder Biologie wird etwas damit
gemacht. Aber Logik an sich ist ein theoretisches Fach. So auch die
Metaphysik. Wahrscheinlich wisst ihr schon, was das ist, aber vielleicht
erkläre ich den Begriff trotzdem einmal. Es ist schonmal kein
Nebenbereich der Physik, wie man denken könnte. „Meta" heißt im
Altgriechischen so viel wie „dahinter", „jenseits". Das Wort
wird ja auch im Alltag oft verwendet. Man redet von einer
„Metaebene" oder der virtuellen Welt als „Metawelt". Und damit
meint man, dass es ausserhalb von etwas liegt und sich darauf bezieht.
Und mit „Physik" ist nicht die heutige Wissenschaft gemeint, sondern es
ist abgeleitet vom griechischen Wort „Physis". Das heißt so viel
wie „Natur" oder „Beschaffenheit". Damit sind alle Dinge auf
dieser Welt gemeint, die wir sehen und wahrnehmen können, die wir kennen.
Die Metaphysik beschäftigt sich also mit Dingen, die darüberstehen, die wir
nicht sehen können und die diese Phänomene erklären. Man könnte zum
Beispiel sagen, dass die Theologie, also Religionswissenschaft im Grunde
metaphysisch ist. Denn sie versucht zu erklären, wie alles physische
zustandekommt. Auch hier findet Religion natürlich Anwendung in unserem
Alltag, aber die Überlegung ist sehr theoretisch und bezieht sich auf nichts
Handfestes. Kommen wir zur Ontologie. Sie beschäftigt sich mit dem
Sein. Auch das Wort „Onto" kommt im Griechischen vom Seienden.
Da kommen Fragen wie „Was ist die menschliche Existenz?" „Wie
unterscheidet sie sich von anderen Wesen wie den Tieren?" Auch hier:
Kein direkter praktischer Bezug. Und die letzte Disziplin ist die
Epistemologie, oder auch Erkenntnistheorie. Auch hier wieder mit dem
altgriechischen Wort „Episteme", das „Erkenntnis" heißt. Und
das ist wahrscheinlich die Fachrichtung, die die Leute am
wenigsten praktisch finden. Hier geht es nämlich um die Wahrheit, die
Platon angesprochen hat. Und zwar nicht nur, ob irgendetwas stimmt oder
nicht, sondern was wir überhaupt klar wissen können. Ich habe ja einmal
eine Folge über dieses Thema gemacht, und wie darin herausklingt, müsste man
eigentlich an fast allem zweifeln.
Wir haben hier nach
Aristoteles also viele philosophische Disziplinen, die nur theoretischer Natur
sind. Denn sie sind nur dazu da, das Wissen zu mehren und nicht direkt etwas zu
ändern. Sie fragen nicht „Was sollte sein?“, sondern „Was ist?“. Damit
existiert hier also eher ein Selbstzweck. Es ist schon ganz interessant,
darüber nachzudenken, ob es Gott gibt oder wer wir eigentlich sind, aber dann
ist es irgendwann auch mal Zeit fürs Abendessen. Hier gibt es nicht viel Bezug
zur praktischen Welt. Anders ist das bei der praktischen Philosophie. Mit der
Ethik, der politischen und der sozialen Philosophie versucht man aktiv etwas zu
ändern. Oder zumindest andere dazu zu animieren. Es ist schon auch wichtig, wie
die aktuellen Zustände sind, aber vor allem, wie sie sein sollten. Ich würde
behaupten, dass die praktische Philosophie die beliebteste und bekannteste
Philosophie ist. Viele Leute würden als philosophische Disziplin zuerst die
Ethik nennen. Nun denke ich, dass beide Disziplinen ihre Daseinsberechtigung
haben. Es ist manchmal auch wichtig, einfach nach dem Sinn des Lebens zu fragen,
ohne direkt zu wissen, wofür man es braucht.
Das Interessante an der
Einteilung des Aristoteles ist, dass sie noch immer gängig ist. Viele
Universitäten unterscheiden heute noch ihre Fachrichtungen nach theoretischer
und praktischer Philosophie. Auch wenn sich einige wissenschaftliche
Bezeichnungen seit damals natürlich verschoben haben. Wir haben hier eine
deutlich genauere Einordnung als Platons Suche nach dem Guten, Schönen und
Wahren. Auch wenn diese die Basis der neueren Einteilung ist. Doch ich muss
sagen, ich finde seine Zweiteilung dennoch etwas statisch. Die theoretische
Philosophie, die nach dem fragt, was ist und nur nach Wissen selbst strebt. Und
die praktische Philosophie, die wissen will, was sein soll und danach strebt,
in der Welt etwas zu verändern. Ich weiß nicht, ob es euch ähnlich geht, aber
irgendwie ist das Theoretische doch noch immer ein sehr weiter Begriff. Also
Theologie, Metaphysik und Erkenntnistheorie alles in einen Topf zu werfen, ist
immer noch etwas generelles. Sich zu fragen, ob es Gott gibt, kann doch auch
nicht ganz dasselbe sein wie sich zu fragen, was wir wissen können. Und was ist
mit der Frage, wer wir sind? Wir wissen doch (zumindest sehr sicher), dass es
Menschen und Tiere gibt. Wie kann dann die Frage nach dem Unterschied auf
derselben Stufe wie die nach Gott stehen? Und was ist mit Platons drei großen
Fragen? Was ist das Gute, das Schöne und das Wahre? Ist jetzt das Gute ein
praktischer Weg und das Schöne theoretisch? Wieso die Unterscheidung?
Kants Vierteilung
Ok, genug der Fragen und
mal ein paar Antworten. Immanuel Kant hat auch zur Einteilung der Philosophie
Stellung bezogen, wie eigentlich zu allem. Er redet auch wieder ein bisschen
näher zu Platon. Und zwar sagt er in seiner Kritik der reinen Vernunft, dass
sich die Philosophie eigentlich um drei Fragen dreht: 1.: Was kann ich wissen?
2.: Was soll ich tun? Und 3.: Was darf ich hoffen? Auch sehr interessant. Sehr
nah an Platons Wahrheit, Gutem und Schönem. Aber schauen wir uns die Fragen
genauer an. Die Erste ist wohl recht offensichtlich. Eine ganz klar
erkenntnistheoretische oder epistemologische Frage. Nach Platon nach der
Wahrheit, nach Aristoteles theoretisch. Und auch Kant sagt, dass diese Frage
ganz klar theoretisch ist. Er geht sogar so weit, dass er den Bezug zum
praktischen Leben komplett abstreitet und sagt, dass alle möglichen Antworten
nur spekulativ sein können. Wir können nie genau wissen, was wir wissen können,
sondern nur Theorien darüber aufstellen. Nun heißt sein Werk auch „Kritik der
reinen Vernunft“. Doch das ist ein anderes Thema. Immerhin sagt er noch, dass
er die aktuelle Lage der Debatte darüber zufriedenstellend findet. Kleine
zeitliche Einordnung an der Stelle: Kant hat nach René Descartes und John Locke
gelebt und beide Positionen gekannt. Geschweige denn die von Platon. An alle,
die die Folge „Was können wir wissen?“ nicht gehört haben: Diese Philosophen
haben jeweils entgegengesetzte Positionen vertreten und die Debatte so stark
vorangetrieben. Also „Was kann ich wissen?“ als abgeschlossene, rein spekulative
und theoretische Frage. Kommen wir zu Kants zweiter Frage. „Was soll ich tun?“
Nun ist das auch recht offensichtlich, oder? Das ist Platons Frage nach dem
Guten und Aristoteles‘ praktische Philosophie. Da geht Kant auch mit und hat
nicht viel mehr dazu zu sagen. „Was soll ich tun?“ ist eine komplett praktische
und moralische Frage, die zum Bereich der Ethik gehört.
Doch jetzt kommen wir
einmal zu der letzten Frage: „Was darf ich hoffen?“ Das ist eine interessante
Formulierung, nicht wahr? Nun gehört sie, wie man sich denken kann, in den
Bereich der Theologie oder Religion. Da ich diese jetzt schon so oft erwähnt
habe, möchte ich kurz etwas sagen, bevor sich die Theologen unter euch
aufregen. Also die Theologie ist natürlich eine eigene Wissenschaft und sollte
es auch sein. Die Frage nach Gott ist nicht einfach nur eine Unterkategorie der
Philosophie, sondern eine ganz eigene Frage. Und das ist auch nicht alles, was
man sich in der Theologie fragt. Aber es gibt eben sehr viele Überschneidungen.
Auch die Philosophen fragen sich, was nach dem Tod passiert. Und sie gehen
diese Frage oft anders an als die Theologen. Wobei das darauf ankommt, wen man
liest. Jedenfalls ist die Theologie sowohl Teil der Philosophie als auch
eigenständig. Gut, zurück zur Frage. Warum fragt Kant nicht einfach: „Was hoffe
ich?“ oder „Was kann ich hoffen?“? Warum ist diese Frage so normativ? Nun hängt
das sicher auch mit Kants christlichen Überzeugungen zusammen, aber das ist
nicht alles. Vielleicht sollten wir uns zuerst anschauen, was hinter jeder
Frage steckt. Über die erste Frage haben wir ja schon geredet und außerhalb von
ihrer Spekulation gesteht Kant ihr auch nicht eine allzu große Rolle zu. Doch
die Frage danach, was wir tun sollen, ist da anders. Der Philosoph sagt, dass
das unser Weg ist, nach Glückseligkeit zu suchen. Wie muss ich mich gegenüber
meiner Umwelt verhalten, um glücklich zu werden? Wie euch aber sicherlich
aufgefallen ist, können wir gar nicht zu 100% glücklich sein, egal was wir tun.
Irgendetwas ist einfach immer da. Und auch Kant weiß das, und doch sagt er,
dass der Mensch diese absolute Glückseligkeit will. Deswegen geht die 2. Frage
auch eher darauf an, was man tun soll, um würdig zu sein, komplett glückselig
zu werden. Und die 3. Frage ist dann, ob man es denn auch werden kann, wenn man
dem würdig ist. Nun sehen wir hier deutliche Spuren des christlichen Glaubens.
Wir haben einen Menschen, der in seinem ganzen Leben versucht, gut zu sein, um
vielleicht nach dem Tod dafür entlohnt zu werden. Doch man kann die 3. Frage
auch anders sehen. Wenn die 2. Frage darauf abzielt, wie man auf der Welt
glücklich wird, geht es in der 3. eben darum, was man für die Zeit danach
erwarten kann oder darf. Und im Gegensatz zu den ersten beiden Fragen ist die
religiöse ein Mix aus Theorie und Praxis. Denn Gedanken zu Gott sind eben
theoretisch, werden aber mit der Moral kombiniert, die praktisch ist. Und
deswegen brauchen wir ebenso das Theoretische wie das Praktische dafür. Man
kann die dritte Frage übrigens auch metaphysisch sehen.
Gut, Kant sagt also,
dass die Philosophie entweder immer fragt, was wir wissen können. Das ist dann
Erkenntnistheorie, komplett theoretisch und ohne Bezug zur Praxis. Dann gibt es
die ethische Frage, was wir tun sollen, die im Gegenteil komplett praktisch ist
und die theologische oder metaphysische Kombination aus beidem: „Was darf ich
hoffen?“ Die Frage nach der Beschaffenheit der Welt, der Praxis und dem
Überweltlichen. Doch tatsächlich hat Kant noch eine vierte Frage in seinen
Vorlesungen zur Logik hinzugefügt, und zwar: „Was ist der Mensch?“ Und diese
Frage gehört zum Gebiet der Anthropologie, also der Forschung über den
Menschen. Hier wieder der Ursprung im griechischen Wort „anthropos“, was
„Mensch“ heißt. Diese Frage ist nicht nur anthropologisch, sondern auch
ontologisch. Also sind wir hier auch beim Sein an sich. Kant meint auch, dass
man quasi alle Fragen davor auf diese Frage zurückführen könnte. Denn alle
Überlegungen, die wir anstellen, drehen sich immer um den Menschen: Was kann
ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen? Und dann eben: Was bin ich
eigentlich? Im Grunde sind die ersten Fragen immer relevant bei einer neuen
Situation. Stellt euch eine Abgabe von der Uni vor, die ihr machen müsst. Erst
solltet ihr euch fragen, ob diese Abgabe tatsächlich real und wahr ist. Also:
Kommt sie von dem Professor oder der Professorin eures Kurses? Und ist sie
wirklich aktuell? Nicht zu weit abdriften natürlich, letzten Endes könnt ihr
die Existenz der Welt eh nicht beweisen. Doch wenn ihr das habt, fragt ihr euch
natürlich, was ihr machen sollt. Was verlangt die Aufgabe von euch? Was ist
jetzt schlau zu tun? Ist es sinnvoll, sie gleich zu machen? Lasst ihr es lieber
ganz und bricht den Kurs ab? Und dann bleibt noch die Frage nach dem, was
danach kommt. Was dürft ihr euch noch erhoffen, wenn ihr die Abgabe einfach
bleiben lasst? Was, wenn sie abgegeben wird? Und alles das hat einen gewissen
Bezug zu euch selbst. Ihr seid Student oder Studentin, deshalb müsst ihr diese
Abgabe machen.
Endstand
Gut, ich fasse einmal
ein bisschen zusammen. Hoffentlich schwirrt euch noch nicht der Kopf vor lauter
philosophischen Ausrichtungen. Platon hat ganz am Anfang eine recht simple
Einteilung gemacht: Alle Philosophen suchen entweder nach dem Guten, dem
Schönen oder dem Wahren. Und da gibt es Beispiele bei ihm wie die Politeia, das
Symposion oder Theaitetos. Aristoteles war das nun zu unstrukturiert,
also hat er zwischen zwei Arten zu philosophieren unterschieden. In der
theoretischen Philosophie stellt man sich die Frage: „Was ist?". Und
dazu gehören die Wahrheitssuche der Epistemologie, die Seinssuche der
Ontologie, die Suche nach dem Überweltlichen der Metaphysik, die Suche nach dem
Göttlichen der Theologie und die Mathematik der Logik. Das alles sind
Fachbereiche, die keinen direkten Bezug zur praktischen Welt haben.
Deshalb haben sie auch keinen besonderen Zweck ausser sich selbst und die
Wahrheitsfindung. Anders sieht es aus bei der praktischen
Philosophie. Hier fragt man sich: „Was sollte sein?" Und damit
ist man ganz klar darauf aus, Einfluss auf die praktische Welt zu nehmen.
Dazu gehören Fachbereiche wie die Suche nach dem Guten in der Ethik, der
politischen Philosophie und der sozialen. Obwohl das jetzt nun sehr
übersichtlich und noch immer gängig ist, geht hier die Vielfalt der
Ausrichtungen etwas verloren. Irgendwie ist die Ethik mit einigen anderen
Strömungen die einzige praktische Fachrichtung und der Rest ist
theoretisch. Ausserdem sind nicht alle theoretischen Einordnungen
derselben Natur. Hier hilft uns Kant über 2000 Jahre später mit den
sogenannten 4 kantischen Fragen. Drei davon präsentiert er uns in seiner
Kritik der reinen Vernunft: „Was kann ich wissen?" „Was soll
ich tun?" Und „Was darf ich hoffen?" Dabei ist die erste
Frage rein theoretisch, spekulativ und gehört zur Richtung der
Epistemologen. Auch hier sagt Kant, dass es um reines Wissen geht.
„Was soll ich tun?" ist dagegen die praktische Frage, zu der die Ethik
gehört. Bei ihr geht es nicht nur um das Wissen, sondern darum, ein gutes
Leben zu führen. Wie man möglichst glücklich wird. Die dritte Frage
ist ein Gemisch aus Praxis und Theorie, weil sie theoretische Überlegungen
benutzt, um das praktische Leben zu verbessern. Und zwar das Leben nach
dem Tod. Es geht hier um die Theologie oder auch Metaphysik. Später
fügt Kant eine vierte Frage hinzu: „Was ist der Mensch?" Und auf
diese Frage lassen sich die vorherigen reduzieren, weil sie sich auch um den
Menschen drehen. Außerdem geht es dann hier um den Fachbereich der
Anthropologie und Ontologie.
Einteilung der bisherigen Folgen
So, und was ich jetzt
noch tun will, ist euch meine Folgen einzuteilen. Vielleicht nicht alle
einzeln, aber etwas zusammengefasst. Was ich definitiv sehr oft gestellt habe,
sind metaphysische Fragen, die zur theoretischen Philosophie gehören. Da haben
wir den Sinn des Lebens, die Angst vor dem Tod und das determinierte Leben.
Kant hätte solche Fragen wohl eher mit Rückgriff auf Gott beantwortet, deshalb
passt da seine Frage „Was darf ich hoffen?“ wohl am ehesten dazu. Bei Platon
wäre das nicht so einfach zu sagen, aber das trifft wohl am ehesten die Suche
nach dem Schönen. Was ich aber noch häufiger hatte, waren moralische Fragen.
Das wahrscheinlich beliebteste Feld der Philosophie. Und zugegeben, da kann man
viele spannende Fragen stellen. So habe ich darüber geredet, was ein guter
Mensch ist, ob Veganismus moralisch gut ist, wozu wir Moral brauchen und ob die
Jedi gut und die Sith böse sind. Das wäre dann die praktische Philosophie und
Ethik. Bei Platon ist das die Suche nach dem Guten und bei Kant die Frage, was
wir tun sollen. Mit der Folge „Was können wir wissen?“ habe ich diese
epistemologische Frage sehr direkt in den Raum gestellt. Sie spielt auch in
anderen Folgen eine Rolle, doch hier wohl am meisten. Die Erkenntnistheorie
gehört in die theoretische Philosophie, Platons Wahrheit und Kants Frage, was
wir wissen können. Und dann habe ich einige anthropologische Fragen gestellt.
Und zwar habe ich einmal darüber geredet, ob wir immer dieselbe Person bleiben,
wieso wir lernen und wieso wir lieben. Bei Platon wäre die Liebe wohl die Frage
nach dem Schönen, aber ansonsten ist das schwer zu sagen. Jedenfalls gehört das
auch in die theoretische Philosophie und bei Kant zu der 4. Frage: Was ist der
Mensch? So, und den Aufmerksamen unter euch ist vielleicht aufgefallen, dass
jetzt noch zwei Folgen fehlen: Die Folge davon, wozu wir die Philosophie
brauchen und diejenige, wer Sokrates war. Nun, das sind Ausnahmen, denn sie
sind nicht wirklich philosophisch. Die erste ist eher eine wissenschaftstheoretische
Folge wie diese hier. Die über Sokrates ist dagegen historisch oder eher
philosophisch-historisch. Doch nicht philosophisch. Nun und einige
Ausrichtungen haben wir noch übrig, das stimmt auch. Fangen wir mit der
Ontologie an, der Lehre vom Sein. Sie spielt bei vielen Folgen mit hinein, ist
aber nie komplett im Mittelpunkt. Zum Beispiel zeige ich in der Folge über den
Sinn des Lebens auf, was der Unterschied zwischen menschlichem Sein und dem von
Gegenständen ist. In der Folge über den Veganismus geht es um den Unterschied
zwischen Mensch und Tier. Eine Folge über Logik habe ich gar nicht, aber ich
bin auch kein Mathematiker. Politische und soziale Philosophie kommen in
Zukunft vielleicht noch, genau wie die Theologie. Gut, ich habe Descartes
Gottesbeweis thematisiert, aber bisher gehe ich der Religion eher aus dem Weg.
Vielleicht ändert sich das aber noch. Und natürlich gibt es zu jeder dieser
Oberkategorien viele Ausrichtungen. Doch zu kompliziert soll diese Folge nicht
mehr werden. Ich denke, ich habe hier eine ganz gute Aufstellung.
Outro
Und das waren jetzt alle meine Folgen schön kategorisiert und eingeordnet. Ich hoffe, dass ich euch einen guten Überblick verschafft und euch nicht zu sehr gelangweilt habe. Diese Folge war vielleicht etwas trockener als der Rest. Doch ich glaube, sie ist sehr wichtig, um das Wesen meiner Fragen zu verstehen. Ich hoffe jedenfalls, dass sie euch gefallen hat.
Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Dann macht es gut und noch einen schönen Tag noch!
Quellen
,,Platon und die Grundfragen der Philosophie" - Günther Fröhlich
,,Metaphyik" - Aristoteles
,,Nikomachische Ethik" - Aristoteles
,,Kritik der reinen Vernunft" - Immanuel Kant
,,Vorlesungen über Logik" - Immanuel Kant
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