#14 Wer war Sokrates?

Zusammenfassung 

Habt ihr schon einmal etwas von Sokrates gehört? Genau, der antike griechische Philosoph, der immer mit den Leuten gesprochen hat. Dieser Mann ist wahrscheinlich der bekannteste Philosoph in der gesamten Geschichte. Und dabei hat er gar nichts aufgeschrieben! Er hat auch nie behauptet irgendetwas zu wissen. Überhaupt können wir uns nicht sicher sein, ob er jemals wirkliche Antworten auf seine Fragen gegeben hat. Viele Leute denken, er war einfach nur ein Faulenzer, der den ganzen Tag lang seine Mitbürger belästigt hat. Doch andere sehen in ihm einen großen Lehrer, den Urvater der Philosophie. Und da ist auch etwas dran: Auch wenn es vor ihm schon Philosophen gab, ist sie erst seit Sokrates wirklich bekannt. Wie der römische Philosoph Cicero sagte: „Sokrates hat die Philosophie vom Himmel auf die Erde unter die Menschen gebracht.“ Was also hat es mit diesem Mann auf sich?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!

 
Einleitung

Das hier ist die letzte Folge dieses Jahr, und deshalb wollte ich ein ganz besonderes Thema nehmen. Ähnlich wie bei der letzten Folge zu Weihnachten. Heute will ich euch von meinem Lieblingsphilosophen erzählen: Sokrates. Ich bin ja ohnehin schon ein Fan von antiker griechischer Philosophie. Doch Sokrates scheint davon der beste Repräsentant zu sein. Meine erste Hausarbeit für die Uni, von der ich wirklich überzeugt war, war auch über ihn. Und damals habe ich auch mit den Zetteln angefangen. Ich hatte nämlich so viele Gedanken zu dem Thema, dass ich die eben irgendwo festhalten wollte. Also so richtig los damit ging es tatsächlich erst mit dem Sinn des Lebens, aber bei Sokrates war schon einmal ein Ansatz da. Und natürlich kann ich euch schlecht erklären, warum ich seine Philosophie so mag, wenn ich euch nicht auch sage, wer das eigentlich war. Deshalb ist die Frage dieser Folge: „Wer war Sokrates?“


Unsichere Quellenlage

Nun gut, zunächst vielleicht ein paar ganz generelle Sachen. Sokrates war, nach dem, was wir wissen, ein griechischer Philosoph. Er ist im Jahr 469 v. Chr. in Athen geboren und 399 v. Chr. dort gestorben. Mit 70 Jahren wurde er für damalige Verhältnisse ziemlich alt und hätte wahrscheinlich sogar noch länger weitergelebt. Doch dazu später mehr. Ich möchte euch nämlich zuerst einmal erklären, warum mich die antike griechische Philosophie im Allgemeinen so sehr fasziniert. Zunächst eigentlich deswegen, weil die alten Griechen auf keine früheren Philosophen zurückgreifen konnten. Ihr müsst euch vorstellen, die haben damals ohne wissenschaftliche Basis einfach dahinphilosophiert. Alle späteren Philosophen konnten sich dagegen auf sie stützen und von ihnen lernen. Und was mir auch sehr an ihrer Art zu philosophieren gefällt, ist ihre scharfe Denkweise. Man sieht es bei Platons Dialogen, denn sie sind wirklich gut zu lesen! Es gibt viele Philosophen, deren Texte wirklich schwer zu verstehen sind. Dazu gehören vor allem Immanuel Kant, Georg Friedrich Hegel und Martin Heidegger. Ja, alles Deutsch. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang. Aber versteht mich nicht falsch, diese Philosophen haben sehr große Erkenntnisse in die Welt gebracht. Ich lese sie auch trotzdem gern. Doch die Griechen sind einfach genial darin, schwierige Konzepte klar und einfach darzustellen. Klar, einige Probleme ergeben sich durch die Sprache, da die deutschen Übersetzungen nicht immer ganz verständlich sind. Doch der Gedankengang der Philosophen ist normalerweise immer sehr nachvollziehbar. Zum Beispiel in der Politeia, die ich ja immer so gern zitiere. Denkt an die Argumentation des guten Menschen. Sokrates sagt da: „Wenn man einem Pferd schadet, wird es langsamer. Wenn man einem Menschen schadet, wird er ungerecht. Also werden Dinge wohl durch schlechte Behandlung schlechter. Daher kann es nicht gerecht und gut sein, Schaden zuzufügen. Oder „Ein Arzt kann einen Patienten heilen. Jemand ohne medizinisches Wissen kann das nicht so gut. Ein Arzt kann aber auch durch sein Wissen ganz präzisen Schaden zufügen. Auch das kann jemand ohne medizinisches Wissen nicht so gut. Der Arzt kann also besser oder schlechter sein, weil er mehr Wissen und Können hat. Je mehr man also weiß und kann, desto besser und schlechter kann man sein. Und so weiter. Jetzt nur sehr verkürzt und sicher nicht endgültig, aber sehr gut verständlich. Und bei Platons Dialogen ist es immer Sokrates, der seine Gedanken so logisch aufbaut.
Nun möchte ich ganz deutlich sagen, dass die platonischen Dialoge im Grunde fiktiv sind. Die Personen, die darin auftreten, haben sich teilweise nie getroffen und manchmal noch nicht einmal zur selben Zeit gelebt. Doch Platon hat seine philosophischen Aussagen auch nicht einfach wahllos irgendwelchen Leuten zugeschrieben. Denkt euch, wie viele Dialoge er verfasst hat und mit welcher Mühe sie geschrieben sind. Eine philosophische Monographie, also einen Text mit der eigenen Position zu schreiben, ist ja an sich schon schwer genug. Doch in den Dialogen hat er Fragen und Antworten eingebaut, Positionen und Gegenpositionen. Es scheint fast so, als hätten viele verschiedene Philosophen Einfluss auf den Dialog genommen und ihre eigene Position hineingeschrieben. Aber nein, das ging alles nur von einem einzelnen Mann aus. Platon. Und dass er Sokrates in den Dialogen immer diese führende Position gegeben hat, hat viele Hintergründe. Zum einen spielt sicher hinein, dass Platon ein großer Bewunderer des Philosophen war. Er hat ihn kennengelernt, als er 20 war. Und obwohl sein Lehrer 10 Jahre danach bereits gestorben ist, hat er auf Platon einen so großen Eindruck gelassen, dass dieser in einer eigenen Akademie noch von dessen Lehren berichtet hat. Und schaut euch Platons Dialoge an: Wenn jemand sogar auf diese Philosophen einen starken Eindruck gemacht hat, muss das was heissen! Wenn man jemanden verehrt, hat das normalerweise zwei wesentliche Auswirkungen. Wenn man über die Person spricht, will man das natürlich möglichst im Guten tun. Und das tut Platon auch. In keinem seiner Dialoge ist Sokrates der Unwissende oder der Dumme. Selbst wenn er etwas nicht wissen sollte oder belehrt wird, steht er am Ende gut da. Einsichtig, weise, geduldig und beharrlich. So wird er dargestellt. Wir können uns bei Platon auf jeden Fall fragen, ob er seinen alten Lehrer nicht manchmal etwas zu gut darstellt. Denn immer und bei jeder Konversation der Schlaue zu sein, ist auch nicht realistisch. Doch der andere Effekt bei der Darstellung einer verehrten Person ist, dass man diese auch nicht falsch darstellen will. Oder zumindest nicht komplett falsch. Platon hat sich sicher nicht einen Haufen Lügen ausgedacht, um ein falsches Bild zu erschaffen. Es kommt außerdem dazu, dass der große Einfluss des Sokrates natürlich dazu geführt hat, dass Platon in vielerlei Hinsicht dessen Meinung angenommen hat. Sokrates ist in allen Dialogen quasi das Sprachrohr Platons, das dessen Ansicht wiedergibt. Logisch, dass man die eigene Sicht nicht in den eigenen Texten heruntermacht. Machen wir diesen Punkt also klar: Platons Dialoge sind keine Geschichtsbücher, sondern sogenannte philosophische Dichtungen. Er gibt seine Meinung wieder, indem er seinen Lehrer Sokrates sie aussprechen lässt. Nichtsdestotrotz können wir davon ausgehen, dass es sich hier ungefähr auch um Sokrates‘ Ansichten gehandelt hat. Er war ja immerhin Platons Lehrer für zehn Jahre. Und sein einziger Lehrer übrigens. Wir müssen den platonischen Dialogen wohl ein Stück weit trauen. Und das können wir auch, wie ich denke. Es ergibt sich nämlich sonst das berühmte sokratische Problem: Der Philosoph selbst hat nie etwas aufgeschrieben. Es gibt keine Primär-, sondern nur Sekundärquellen über ihn. Warum das so ist, werde ich euch auch noch erklären. Ich würde aber vorschlagen, dass ich euch erzähle, was die Dialoge über Sokrates preisgeben und wir uns damit vorsichtig vorantasten.
Viele andere Quellen über ihn gibt es nämlich leider nicht. Es gibt Aristoteles, der dessen Philosophie wiedergibt, doch auch er stützt sich dabei auf Platons Dialoge. Dann gibt es den Historiker Xenophon. Auch er hat Einiges in Dialogform von Sokrates festgehalten. Doch er war kein Philosoph wie Platon, von ihm wissen wir eher die Randdaten. Wann Sokrates gelebt hat, dass er tatsächlich Dialoge geführt hat und so weiter. Das wird hier natürlich auch eine Rolle spielen. Und dann gibt es den Komödiendichter Aristophanes, doch auch aus seinen Komödien geht nicht so viel hervor wie von Platon. Nun, allzu historisch soll diese Folge auch nicht werden. Aus zahlreichen Schriften verschiedener Athener, Andeutungen, logischen Überlegungen und Daten der Politik dieser Zeit lässt sich inzwischen ein relativ deutliches Bild des Philosophen darstellen. Doch ich möchte euch vor allem davon erzählen, wie und warum er philosophiert hat. Was er für ein Philosoph war und was für ein Mensch.


Der Ur-Philosoph

Also, wer war denn Sokrates? Nun ist über seine Kindheit nicht viel bekannt. Die meisten Erzählungen über ihn beginnen dann, als er anfing zu philosophieren. In dieser Zeit lief er oft von morgens bis abends durch Athen und redete mit den unterschiedlichsten Leuten. Er führte Dialoge mit ihnen wie bei Platon. Nur waren diese wahrscheinlich nicht so gut strukturiert. Doch warum tat er das? Dafür gab es verschiedene Motivationen, aber einer davon war sicherlich auch seine Frau Xanthippe, mit der er auch Kinder hatte. Über sie ist noch sehr viel weniger bekannt als über ihn. Doch worüber sich alle Quellen einig sind: Sie war wohl ein wahrer Hausdrachen. Sie war wütend auf ihn, weil er den ganzen Tag mit scheinbar sinnlosen Gesprächen verbrachte. Für sie muss es so gewirkt haben, als würde er sich den ganzen Tag nur einfach amüsieren. Nun hatte Xanthippe da nicht ganz Unrecht. Und das ließ sie sich nicht gefallen: Es gibt Berichte, wie sie ihm auf dem Markt vor Wut den Mantel vom Leib riss, als sie ihn dort untätig erblickte. Auch soll sie ihn aus dem Haus gejagt haben, damit er sich eine Arbeit suchte. Und wenn er viel zu früh zurückgekehrt war, soll sie ihm einen Eimer mit dreckigem Wasser auf den Kopf gekippt haben. Sokrates hat das wohl über sich ergehen lassen. Ihm war wahrscheinlich schon klar, dass der Zorn seiner Frau nicht unberechtigt war. Doch er weigerte sich, sich eine Arbeit zu suchen. Nein, ganz im Gegenteil: Die Streits mit seiner Xanthippe führten nur immer mehr dazu, dass er häufiger von zuhause fernblieb und mehr mit den Leuten redete. Er soll Sätze über sie gesagt haben wie: „Ich kann nur jedem empfehlen, zu heiraten. Entweder wird man damit glücklich oder man wird Philosoph. Und in der Tat ist er Philosoph geworden. Es ist wohl keine Übertreibung, dass er gegen Ende seines Lebens halb Athen gekannt hat.
Doch warum philosophierte er eigentlich? Wieso redete er mit so vielen Leuten? Es heißt, er hätte den Beruf des Steinmetzes von seinem Vater gelernt und auch, dass er selbst im hohen Alter noch sehr fit war. Es konnte also keine Unfähigkeit gewesen sein. Nein, Sokrates befolgte ein bestimmtes Ziel mit seinen Gesprächen. Wenn wir jetzt einmal den Punkt der Faulheit ausser Acht lassen. Denn ich denke, dass wir ihm das zu einem gewissen Teil auch unterstellen können. Immerhin kann man ja arbeiten, aber trotzdem philosophieren. Aber gut, wozu die Dialoge? Sokrates war der Meinung, dass die meisten Menschen nicht wissen, wovon sie eigentlich reden und was sie wollen. Das ist ein Konzept, das ständig in seinen Dialogen auftaucht: Er trifft jemanden und stellt eine ganz banale Frage. Zum Beispiel eben: Was willst du? Und die andere Person antwortet sehr selbstbewusst, was sie eben denkt. Und dann dekonstruiert Sokrates diese Sicht, indem er die Person auf die Probe stellt. Ist das wirklich das, worauf es ankommt? Was sollte man eigentlich wollen? Was ist richtig und was ist falsch? Und dabei hat Sokrates nicht das Ziel, die Leute bloßzustellen oder blöd anzumachen. Nein, er will Aufklärung. Denn wie er immer wieder betont, weiß er es selbst nicht genau. Was richtig und was falsch ist, will er im Gespräch mit der Person herausbekommen. Deshalb soll er im Übrigen auch nichts geschrieben haben. Auch hier kann man ihm wieder unterstellen, keine Lust gehabt zu haben. Aber er war nicht davon überzeugt, selbst genug für eine eigene philosophische Veröffentlichung zu wissen. Dazu kommt, dass das alte Griechenland bis dahin eher oral geprägt war. Solche Dinge wurden eben normalerweise nicht aufgeschrieben, sondern von Mund zu Mund weitergetragen. Erst in den Zeiten Platons war die Schrift mehr im Kommen. Doch zurück zu Sokrates. Es war ihm unbegreiflich, wie man ein Leben führen kann, ohne gewisse Dinge zu wissen. Wie kann es denn sein, dass wir arbeiten, uns amüsieren und lernen, wenn wir nichtmal wissen, warum? Und er hat einen Punkt, nicht wahr? Im Grunde ist es doch das, was die Philosophie macht, sie fragt nach dem Warum. Und das macht sie so wichtig. Nicht umsonst wird Sokrates oft als der Vater der Philosophie bezeichnet, weil er eben genau den Kern damit trifft, der diese Wissenschaft ausmacht. Stellt euch ein typisch philosophisches Gespräch vor.  Würde es nicht ganz genau so ablaufen? Der Philosoph, der wirklich alles hinterfragt, lässt nichts einfach mal so, wie es ist. Man will ihn einfach nur fragen, wie es ihm geht und er philosophiert stundenlang darüber. Und genau so war Sokrates. Er wollte immer auf die Essenzen der Dinge kommen. Was ist das Gute? Was ist das Schöne? Was sind die Rechte? Und wenn wir das wissen, können wir unser Leben gezielt danach ausrichten. Die Essenzen der Dinge. Nun, kommt euch das bekannt vor? Ganz genau, das ist der Ursprung von Platons Ideenlehre. Der Gedanke, dass jedes Ding auf der Welt eine Grundidee hat, die es ausmacht und alle diese Dinge unter sich vereint.


Persönlichkeit

Sokrates war also definitiv ein Träumer. Statt seiner Familie finanziell zu helfen, stürzt er sich in Fragen, die offenbar gar keine Antwort und keinen Nutzen zu haben scheinen. Nun, was das angeht, verweise ich gern auf meine Folge „Wozu brauchen wir die Philosophie?“ Aber in jedem Fall kann man ihn sicher auch als faul und egoistisch sehen. Denn er hat seine Familie nicht unterstützt, und das, obwohl er zwei Söhne und eine Frau hatte. Als Frau gutes Geld zu verdienen war nicht so einfach, sodass die Söhne herhalten mussten. Und ich will das auf jeden Fall nicht schönreden. Sokrates hätte die Arbeit des Steinmetzes sicher mit der des Philosophen verbinden können. Man muss ja nicht jeden Tag mit der ganzen Welt reden. Doch er hat sich eben verloren gefühlt. Er konnte sich nicht vorstellen, zu arbeiten und ein normales Leben zu führen, ohne zu wissen, wozu. Und deswegen hat er so viele Leute gefragt, wieso sie tun, was sie tun, um daraus irgendeinen Sinn zu ziehen. Am Ende war er damit wohl leider nicht erfolgreich. Zumindest nicht für sich selbst. „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ Soll er vor seinem Tod gesagt haben, zu dem ich noch komme? Den Satz schauen wir uns auch noch genauer an, aber nach absoluter Erkenntnis klingt das zumindest nicht. Aber was auch immer er gedacht hat, mit seinen Fragen hat er 2000 Jahre später noch einen großen Einfluss auf die Welt gehabt. Die Idee, wirklich einmal etwas zu hinterfragen und zurückzuverfolgen, bevor man es einfach tut, wurde durch ihn erst richtig groß.
Nun gut, ein fauler, egoistischer, träumerischer und für sich unerfolgreicher Philosoph. Was zeichne ich hier eigentlich für ein Bild meines Lieblingsphilosophen? Nun keine Sorge, ich schätze ihn nicht deswegen, weil er seine Familie nicht unterstützt hat. Aber es gibt viele andere gute Gründe. Lasst mich euch doch einmal erzählen, was für ein Mensch er eigentlich war, wenn er seine Dialoge führte. Denn Sokrates war sehr gesellig und beliebt und beliebt. Wo immer er auftauchte, wusste man, dass es interessant werden würde. Bei seinen Gesprächen auf der Straße begleiteten ihn daher immer wieder gespannte Menschen, die von ihm lernen wollten. Jeder wollte hören, was der große Philosoph zu sagen hatte. Zuhause ein Versager und auf der Straße fast ein Gott. Sehr interessant ist, wie stark es hier auseinandergeht. Einer dieser Schüler war eben auch Platon, der ihn später in dessen Schriften festhielt. Doch Sokrates war nicht nur ein geselliger Mensch, sondern auch ein beharrlicher Forscher. Er soll die Menschen förmlich mit Fragen und Gegenargumenten bedrängt haben. Platons Dialoge lassen es erahnen. Denn Sokrates ließ nicht locker auf seinem Weg zur Wahrheitsfindung. Keine Aussage des Gegenübers blieb ungeprüft und nichts blieb unhinterfragt. Das mussten auch seine Schüler lernen, mit denen er oft diskutierte. Doch genau deshalb mochten sie ihn. Sokrates hatte vor niemandem besondere Ehrfurcht oder Angst. Die reichsten und einflussreichsten Leute soll er befragt haben. Denn er wollte die Wahrheit von jedem hören. Und die Reichen schienen ja doch immer von sich zu denken, sie wären erhaben und klug. Die Wahrheit war für ihn wichtiger als jede gesellschaftliche Schicht und jede Verhaltensweise.


Symposion

Ich möchte über das schon erwähnte Symposion reden, um mehr über den Charakter dieses Mannes zu zeigen. Doch zunächst einmal vorweg: Ja, das ist auch ein platonischer Dialog und damit eigentlich fiktiv. Aber tatsächlich gibt es mehr und weniger fiktive Dialoge. Bei einigen Themen hat sich Platon einfach alles ausgedacht, mehr oder weniger. Doch das Symposion ist, wie am Anfang erwähnt wird, eine Erzählung des Apolodoros, der sie wiederum von Aristodemos gehört hat, welcher dabei war.  Beides Bewunderer des Sokrates. Dieses Detail hätte Platon nicht eingebaut, wenn es nicht wahr wäre, denn es trägt überhaupt nichts zum Dialog bei.  Er will uns ja nicht weismachen, es wäre tatsächlich so passiert, denn in den anderen Dialogen gibt es so eine Wahrheitsgarantie auch nicht.  Und tatsächlich scheint das Symposion stattgefunden zu haben, selbst wenn nicht alle Details genau zutreffen müssen.  Vielleicht erkläre ich erst einmal, was ein Symposion eigentlich ist.  Es haben ja vielleicht nicht alle die Folge über die Liebe gehört.  Ein Symposion ist im Grunde ein festliches Essen mit einer späteren Trinkgelage.  Nicht mehr und nicht weniger.  Die Gäste essen erst zusammen an einem reichlich gedeckten Tisch und trinken dann zusammen.  Hier gibt es aber eine Besonderheit: Es wird gemeinschaftlich festgelegt, wie viel Alkohol getrunken wird.  Und niemand trinkt mehr oder weniger.  Damit soll einfach dafür gesorgt werden, dass die Runde auf demselben Level bleibt und weiterhin gesellig ist.  Eigentlich eine schöne Idee.  Denn erstens mag es niemand, komplett betrunken und heiter zu sein, während der Rest einen komisch anschaut.  Und zweitens mag es auch keiner, allein fast nüchtern zu sein, während um einen herum alle lachen und schreien.  Das also ist ein Symposion. Es heißt im Dialog, Sokrates wäre beim Herumlaufen in der Stadt von Aristodemos abgefangen worden.  Das ist übrigens oft passiert.  Sokrates ist oft einfach nur herumgelaufen und wurde von seinen Bewunderern entdeckt und angesprochen.  Nun erzählt ihm Aristodemos jedenfalls davon, dass es ein Symposion im Hause des Agathon geben soll.  Keiner von beiden ist eingeladen, aber sie gehen trotzdem hin, um sich die Sache einmal anzuschauen.  Und dort angekommen werden sie beide von Agathon herzlich willkommen geheissen.  Er meint, er habe sie eh beide einladen wollen, aber wohl vergessen, es ihnen mitzuteilen.  Eine absurde Situation, aber Sokrates war immer ein gern gesehener Gast.
Doch hier tritt schon die zweite Merkwürdigkeit auf: Sokrates folgt seinem Begleiter nicht hinein. Als dieser sich nämlich drinnen umdreht, ist der Philosoph weg. Dann sehen sie ihn draussen, wie er auf und abgeht und vor sich hinstarrt. Er macht offenbar keine Anstalten hereinzukommen. Agathon will ihn holen lassen, doch Sokrates kommt nicht. Er möchte nicht gestört werden. Etwas irritiert fangen die Männer daraufhin mit dem Rest schon einmal mit dem Essen an. Und als sie dann fertig sind, kommt Sokrates plötzlich rein und setzt sich ohne Kommentar dazu. Was für ein merkwürdiger Typ, nicht wahr? Aber das unterstreicht seine träumerische Art noch einmal.  Ihm ist wohl ein philosophischer Gedanke gekommen, den er unbedingt weiterverfolgen wollte.  Und aus dieser Gedankenwelt konnte ihn keiner reissen.  Als er dann bei den anderen sitzt, wird schließlich vorgeschlagen, das Trinken etwas zu reduzieren, um über den Liebesgott Eros philosophieren zu können.  Auch das geht ganz klar auf Sokrates zurück.  Jeder will unbedingt hören, was er zu sagen hat.  Als er an der Reihe ist, trägt Sokrates jedoch die Rede einer anderen Person, einer gewissen Diotima, vor.  Er meint, er würde selbst nicht viel vom Thema verstehen.  Das ist ein Muster, das man bei Sokrates oft sieht:  Er behauptet nie irgendetwas klar zu wissen.  Vielmehr sagt er eigentlich, dass er viele Dinge eben nicht weiß.  Und das sehen einige als Bescheidenheit, andere als Unverschämtheit.  Vielleicht hat beides seine Berechtigung.  Sokrates ist tatsächlich ein sehr bescheidener Mensch gewesen.  Er ist normalerweise ohne Schuhe herumgelaufen, mit alter Kleidung und hat nie wirklich etwas anderes begehrt als die Wahrheit.  Und selbst diese sagte er, besaß er nicht.  Doch man kann wohl auch die andere Seite verstehen.  Da kam dieser komische Mann an und fragte einen einfach Sachen über das eigene Leben und sagte dann, alles sei falsch.  Wenn man ihn dann fragen wollte, was er denn selbst dachte, sagte er nur immer, er wüsste selbst auch nichts.  Das hat Leute regelrecht zur Weißglut gebracht.  Doch dafür konnte er nichts.  Er war selbst der Meinung, nicht viel zu wissen.  Das war ja der ganze Grund, weshalb er Leute befragte, die von sich behaupteten, weise zu sein!  Sokrates war also neben seiner faulen und egoistischen Ader auch ein sehr geselliger, bescheidener und wahrheitsliebender Mensch.
Es gab jedoch zwei Dinge, vor denen Sokrates sehr viel Respekt hatte, wahrscheinlich die einzigen in seinem Leben neben der Wahrheit. Und das waren die Götter und das Gesetz. Beides sehr interessant, nicht wahr? Denn wir haben ja eben gesagt, dass er immer alles hinterfragt hat, weil nichts wichtiger war als die Wahrheit. Gott und das Gesetz scheinen ja nun aber zwei Sachen zu sein, die man besonders gut hinterfragen kann. Und versteht mich nicht falsch, das hat Sokrates auch gemacht. Sehr kritisch sogar. So hat er in seiner Rede über den Gott Eros behauptet, dieser sei eigentlich ein Halbgott und zwar ein Dämon. Auch in anderen Reden über die Götter findet sich dieser kritische Ton wieder. Doch Sokrates hält trotzdem daran fest, dass man die Götter ehren soll. Seiner Meinung nach tut er den Menschen einen Dienst damit, genau herauszufinden, wie sie sind. Es kam ihm schon immer falsch vor, irgendetwas zu ehren, ohne zu wissen, was es eigentlich ist. Als er der Meinung ist, dass die anderen Männer in der Runde den Eros falsch darstellen, ist er nicht sonderlich erfreut. Überhaupt ist er sogar der Meinung, dass ihn die Götter selbst dazu beauftragt haben, zu philosophieren. Ja allerdings, das ist ein weiterer Grund, warum er die Dialoge führt. Er will nicht nur selbst die Wahrheit herausfinden, sondern sie mit den Menschen teilen. Und er hat das Gefühl, dass er der Einzige ist, der das gerade kann, der Einzige, der die richtigen Fragen stellt. Sokrates ist also zweifelsfrei ein sehr frommer und pflichtbewusster Mann in dieser Hinsicht. Mit dem Gesetz steht er in einer ähnlichen Beziehung. Wie über alles andere sagt er auch dazu seine Meinung und hinterfragt. Doch wenn der Staat etwas von ihm fordert, folgt er dem auch. So hat er zum Beispiel im Peloponnesischen Krieg mitgekämpft, ohne sich später wirklich darüber zu beklagen. Ja, er hat die Reichen und Einflussreichen der Stadt Athen befragt und genervt, aber nie bedrängt oder angegriffen. Und selbst als es um seinen eigenen Tod ging, respektierte er den Willen des Gesetzes. Doch dazu gleich mehr. Wir haben nun also ein Bild eines Mannes, der die Wahrheit finden will. Ob ihn nun die Götter eingesetzt haben oder nicht, dieser Wille ist in ihm so stark, dass er alles andere vernachlässigt. Nicht nur seine Familie, sondern auch gesellschaftliche Konventionen. Trotzdem jedoch respektiert er seine Vorgesetzten. Er ist ein gesetzestreuer und frommer Mann, der nur einfach die Welt besser verstehen will. Er vernachlässigt diese Menschen in seinem Leben nicht, weil er ihnen Böses will, sondern weil er spürt, dass er Größeres tun muss. Und er vertieft sich so sehr in die Wahrheitsfindung, dass er manchmal nicht einmal seine Umwelt wahrzunehmen scheint. Und für diese Hingabe verehren ihn die Leute und lieben ihn. Doch nicht alle. Letzten Endes vernachlässigt Sokrates nämlich vor allem sich selbst. Denn er begibt sich mit seiner Suche nach der Wahrheit in große Gefahr. 


Verurteilung

Ihr wisst es vermutlich schon: Sokrates wurde im Jahr 399 v. Chr. mit 70 Jahren zum Tode verurteilt. Wie konnte das sein? War nicht bei allen Menschen außer seiner Familie so außerordentlich beliebt? Wie kann man überhaupt einen so alten Mann zum Tode verurteilen? Da muss ein ganz besonderer Hass dahinterstecken. Und das tat er auch. Denn Sokrates hat mit seiner Fragerei schon sehr lange den Ärger der oberen Klasse erregt. Diese Leute fühlten sich von ihm bloßgestellt und wollten Rache. Klar, denn die Reichen der Athener Gesellschaft hatten sich schon immer damit gerühmt, besonders schlau und ehrbar zu sein und damit zurecht über den anderen zu stehen.  Und dann kam da einfach dieser arme alte Mann mit abgerissener Kleidung und erklärte ihnen seelenruhig, dass sie eigentlich keine Ahnung hatten.  Damit lief er nicht nur Gefahr, an ihrer Macht zu rütteln, sondern machte sie auch lächerlich.  Und daher wurde er wegen Verderbung der Jugend und Gotteslästerung angeklagt.
Der Punkt der Jugend mag zuerst einmal überraschend kommen. Immerhin war Sokrates bei ihnen so beliebt. Wo er auch hinging, scharten sich junge Männer um ihn, um seinen Weisheiten zuzuhören. Doch genau da war das Problem. Letzten Endes war er ein Mann, der selbst im hohen Alter nichts arbeitete und nur herumging, um mit Leuten zu diskutieren. Und normalerweise bestanden diese Diskussionen nur daraus, dass er deren Weltsichten dekonstruierte, aber selbst nicht viele Alternativen bot. Deshalb warfen sie ihm vor, den Jugendlichen beizubringen, die obere Schicht nicht mehr zu respektieren. Dass es nicht gut wäre, ein normales, fleissiges Leben zu führen, sondern dass man sich lieber amüsieren solle. Auch sagten sie, er hätte über die Götter gelästert. Das ist ein interessanter Punkt, nicht wahr? Denn wie ich eben ausgeführt habe, war er im Gegenteil ein sehr frommer Mann. Er wollte genau ergründen, wer die Götter waren, um sie gebührend ehren zu können. Doch das gefiel diesen Leuten auch nicht. Denn er hatte eben nicht diesen blinden Glauben, den die meisten Menschen vertraten. Und auch hier drohte er mit seiner Einstellung, an den Machtstrukturen zu rütteln. Das alles waren letzten Endes vorgeschobene Gründe, um die eigene Macht zu retten und Rache zu üben, doch sie wurden sicher auch vertreten.
Nun ist die Apologie ein weiteres platonisches Werk, das eher historisch als gedichtet ist. Es beschreibt die Anklage an Sokrates, seine Verteidigungsrede, seine Verurteilung und seine Zeit im Gefängnis, in dem er auf den Tod wartet. Denn er wird schließlich zum Tode durch das Trinken von Gift verurteilt. Und zwar aus dem sogenannten Schierlingsbecher. Eine Szene, die viele Künstler in ihren Bildern dargestellt haben. Doch wie läuft Sokrates‘ Verteidigung? Denn er ist nicht bereit, diese Anschuldigungen auf sich sitzen zu lassen. Seine Rede ist vor mehreren hundert Leuten, die per Mehrheitsentscheid bestimmen sollen, ob er sterben soll. Man würde also denken, dass Sokrates möglichst versucht, diese Mehrheit für sich zu gewinnen. Doch er sagt nicht, was der Rat hören will. Das wäre nämlich gewesen, den Anklagepunkten zuzustimmen, Reue zu zeigen und zu versprechen, damit aufzuhören. Aber nein, Sokrates bleibt stur. So erklärt er ganz philosophisch wie in seinen Gesprächen, warum er der Jugend nicht schadet. Es ist amüsant zu lesen, wie er seine Ankläger schon wieder vorführt, indem er ihnen deren schwache Logik zeigt. Generell sagt er, dass die Jugendlichen sich eben dazu entscheiden, ihm zu folgen. Er hätte nie dazu aufgerufen und auch hat er oft genug gesagt, dass er selbst nichts weiß. Wegen ihm können sie also gar nicht immer kommen, denn er kann ihnen kein Wissen geben. Auch sagt er ihnen nicht, was sie zu denken haben und was richtig ist, weil er es ja selbst nicht weiß. Aus dieser Rede stammt auch sein berühmter Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ Und das heißt nicht einfach nur, dass er eben unwissend ist. Sondern dass er sich darüber bewusst ist und das unterscheidet ihn von seinen Gesprächspartnern. Denn sie haben ja alle immer so selbstbewusst auf ihn geantwortet, um dann immer mehr in den Zweifel gezogen zu werden. Sokrates aber wusste schon, dass er diese komplette Sicherheit nicht hat. Und das ist eine sehr philosophische Erkenntnis. Um überhaupt alles hinterfragen zu können, muss man sich erst einmal darüber gewiss werden, dass man eigentlich nichts weiß. Alles das, was man zu wissen glaubt, könnte falsch sein und sollte geprüft werden. Und damit sagt Sokrates ganz einfach zu den hunderten von Leuten, die ihn potentiell töten könnten, dass sie alle weniger wissen als er.  Denn sie sind sich noch nicht einmal darüber bewusst. Auch den Vorwurf der Götter lässt er nicht so stehen. Er sagt vielmehr das, was ich auch euch schon gesagt habe. Der Wille der Götter selbst wäre es nämlich, dass er seine Gespräche führt. Sie hätten ihn auserwählt, die Wahrheit herauszufinden. Denn die Menschen würden weder die Wahrheit über die Welt noch über die Götter kennen und sie falsch verehren.  Hier wirft Sokrates also seinem Publikum auch noch vor, die Götter eigentlich selbst zu missachten.  Erstens darin, nicht selbst die Wahrheit zu suchen und zweitens darin, den eingesetzten Wahrheitssucher ausschalten zu wollen.  Und daher sagt er, dass er auf keinen Fall seine Suche nach der Wahrheit bereut oder jemals damit aufhören wird.  Das Beste aber kommt jetzt: Als Verurteilter durfte man damals dem Gericht einen Strafvorschlag machen, den man angemessen fände.  Nun und hier wird Sokrates schon ziemlich kühn.  Und zwar sagt er natürlich, dass er freigelassen werden sollte, weil er in seinen Augen nichts falsch gemacht hat.  Doch dann setzt er einen obendrauf: eigentlich findet er nämlich, er sollte für seine Taten sogar belohnt werden.  Er versucht ja immerhin, für alle die Wahrheit herauszufinden!  Deswegen schlägt Sokrates vor, statt einer Todesstrafe ein Festmahl für ihn auszurichten und ihn sein Werk unter Lob weiterführen zu lassen.
Statt zu bereuen, seine Taten zu widerrufen und zu versprechen, sie nicht weiterzuführen, also das. Die Leute bekommen zu hören, dass sie eigentlich keine Ahnung haben, wovon sie reden, dass sie selbst es sind, die den Göttern lästern und ihn für seine Dienste lieber belohnen sollten. Ich finde das ziemlich genial. Nun aber, wie zu erwarten war, sind die Leute nicht sonderlich erfreut. Obwohl tatsächlich viele für seine Freilassung stimmen, wird er mit einer überwältigenden Mehrheit zum Tode verurteilt. Doch er bekommt noch eine Chance. Denn jetzt sieht er dem Tod direkt ins Auge. Ihm wird gesagt, dass er noch einmal seine Handlungen widerrufen kann. Noch kann er versprechen, nie wieder mit seinem Treiben weiterzumachen, sich selbst als Lügner beschreiben und leben. Doch Sokrates weigert sich sofort. Hier zeigt sich, wie tief seine Überzeugungen sind. Er ist so sehr von der Philosophie überzeugt, dass er sogar bereit ist, für sie zu sterben. Denn er sieht ganz richtig: Wenn er jetzt behauptet, ein Lügner und Scharlatan zu sein, werden Menschen wie Platon vielleicht niemals über ihn schreiben. Er will unbedingt, dass sein Werk fortgesetzt wird. Außerdem ist er nicht bereit, die Götter zu lästern. Und so sagt er, dass er niemals seine Philosophie als falsch bezeichnen wird. Sie müssten ihn mit Gewalt daran hindern, seine Gespräche fortzuführen. Nun, und das tun sie dann auch. Sokrates wird abgeführt und eingesperrt, wo er in Haft auf seine Strafe wartet. Und hier zeigt sich sein Respekt für das Gesetz, das vielleicht gerade zweifelhaft erschien. Wir sehen ja, dass er ganz offenbar nicht einverstanden mit seiner Strafe ist. Doch er leistet bei der Inhaftierung keinen Widerstand. Nun gut, er ist auch schon 70. Doch als seine Freunde ihn besuchen und ihm anbieten zu fliehen, lehnt er auch das ab. Wenn der Staat und die Mehrheit angeordnet haben, dass er sterben soll, ist das für ihn eine notwendige Pflicht. Er verbringt die restliche Zeit damit, seinen Freunden Mut zu machen, indem er sagt, dass sein Werk nicht mit ihm sterben wird. Und das tut es auch nicht.


Die letzten Stunden

Als jedoch seine Frau mit seinen Kindern ihn besuchen kommt, lässt er sie nach kurzer Zeit wegschicken, weil er sich ihr Weinen nicht anhören will. Nun, das kann man wahrscheinlich so oder so sehen. Die Aktion wirkt schon sehr herzlos, denn Xanthippe hat wegen ihm schon viel durchmachen müssen. Dieser Frau wurde historisch durch Sokrates viel Unrecht getan. Nicht durch ihn selbst sicherlich, denn er hat ihre Beweggründe ja schon verstanden. Doch durch seine Zeitgenossen, die nur die „Hausdrachen“ erlebt haben, wurde ihr Bild ziemlich verzerrt. Dabei lassen sich über sie viele gute Dinge sagen. Ob sie nun Philosophie mag oder versteht, sei einmal dahingestellt. Aber sie hat sich um ihn und ihre Familie gesorgt. Zurecht, denn die Linie des Sokrates war nicht gerade reich, dass sie sich so eine Situation hätte leisten können. Nein, die Kinder mussten arbeiten, um ihren untätigen Vater auszugleichen. Und sicher hat Xanthippe dafür auch viel Gespött über sich ergehen lassen müssen. Einen Mann zu haben, der nichts tut und seine Zeit mit Gesprächen verbringt. Seine Schüler mochten ihn, aber was ist mit Xanthippes Freundinnen, deren Männer sicherlich tätiger waren? Oder Sokrates‘ Gegnern? Das hat ihr sicher auch Angst gemacht. Sokrates hatte zudem, wie es damals üblich war, zahlreiche Liebschaften mit jüngeren Männern, seinen Schülern vor allem. Das hat ihr sicher nicht gefallen. Nun wahrscheinlich hätte sie ihn ohnehin nicht verlassen können in diesen antiken Zeiten, deshalb wissen wir nicht, ob sie ihn wirklich geliebt hat. Doch dass sie ihn weinend im Gefängnis besucht, ist meiner Meinung nach ein starkes Zeichen. Sie hätte auch fliehen können, vielleicht wäre sie ja als nächstes dran gewesen. War sie zum Glück nicht. Falls er ihr wirklich etwas bedeutet hat, hat Sokrates ihr sicher wehgetan, indem er sich in diese Gefahr begeben und der Todesstrafe so einfach zugestimmt hatte. Und dieser Mann hatte ihr bis dahin auch genug Ärger gebracht, dass sie ihn dort auch hätte verrotten lassen können. Doch ihre Tränen zeigen, dass er ihr dennoch viel bedeutet hat. Vielleicht hat sie sein Leiden doch am Ende verstanden, aber immer gewollt, dass er seinen Platz in Athen endlich findet und sich festigt.
Nun schickt er sie weg. Wie wollen wir das deuten? Sicher kann man das auch als Egoismus sehen, dass er selbst an seinem Todesbett keine Kritik an sich duldet. Oder als Kälte, dass er keine Lust auf Traurigkeit hatte, dass er vielleicht zu stur war, um sich bei seiner Familie zu entschuldigen. Doch mir gefällt eine andere Deutung eigentlich mehr. Ich denke, dass er sich vor ihnen geschämt hat. Sokrates war kein Idiot, er wusste schon, dass er ihnen viel Ärger und Leid gebracht hat. Doch er hatte einfach nicht anders gekonnt. Die Wahrheitsfindung hat sich in seinem Leben mit seiner Familie geschnitten. Deshalb gab es wahrscheinlich nicht viel zu sagen. Vorhin hatte er noch groß gesagt, er würde über den Tod nie mit der Philosophie aufhören und dass ihm nichts wichtiger wäre als die Wahrheit. Das lässt sich nicht relativieren. Sicher hat Sokrates sich gewünscht, er hätte ein besserer Ehemann und Vater sein können. Aber er hätte es vielleicht nicht über sich gebracht, das zu sagen. Aus lauter Scham, die er vor dem großen Publikum natürlich nicht zugegeben hat. Doch das ist nur eine Deutung meinerseits. In jedem Fall ist das nicht nur zu loben. Er hätte noch mit seiner Familie reden sollen, denn sie sind extra für ihn gekommen, haben seine Art ertragen und sie ihn quasi auch ausleben lassen. Er hätte erklären können, dass er mehr für sie tun wollen hat, doch durch die Philosophie nicht konnte. Doch er hat es nicht getan.
Nun und der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Sokrates trinkt den Schierlingsbecher und stirbt. Daraufhin verstreuen sich seine Schüler in alle Himmelsrichtungen. Platon ist bei weitem nicht der Einzige, aber der bekannteste davon, der schließlich die Lehren des Sokrates weiter verbreitet. Bis heute wissen wir deshalb von diesem ersten großen Philosophen.


Konklusion

Ich denke, wir können unsere Ergebnisse einmal zusammenfassen. Was ich von Sokrates erzählt habe, war auf jeden Fall nicht immer positiv, vielleicht sogar zum Großteil negativ. Ob er nun wirklich von den Göttern dazu angewiesen wurde oder es einfach nur eine große Passion für ihn war, er hat durch die Obsession der Wahrheit alles um ihn herum vergessen: seine Frau, seine Kinder, seinen Ruf, gesellschaftliche Gepflogenheiten, das Gesetz und vor allem auch sich. Er hat in den Tag hineingelebt, nichts gearbeitet, kaum Kleider besessen und wenig gegessen. Und das hat nicht nur ihm geschadet, sondern auch seiner Familie. Das ist ein Punkt, den ich nicht schönreden will. Doch was an diesem Philosophen bewundernswert ist und viele Menschen angelockt hat, ist seine starke Passion. Die Wahrheitsfindung, die er wirklich über alle Grenzen hinaus betrieben hat. Den Mut, jedem ins Gesicht zu sagen, dass er keine Ahnung hat, wovon er redet. Sich selbst und alles zu hinterfragen. An einen Punkt zu kommen, dass er sagte, dass wir eigentlich nichts wissen. Und damit eine ganze Kultur von Menschen losgetreten zu haben, die nach der Wahrheit suchen. Vor Sokrates gab es natürlich auch viele Philosophen, die ich hier nicht kleinreden will. Doch erst durch ihn wurde diese Wissenschaft erst richtig groß und fundiert. Sokrates war eben ein richtiger Philosoph, wie er im Buch steht: Jemand, der alles hinterfragt. Der über alles die tatsächliche Wahrheit herausfinden will. Der ansonsten nicht viel braucht außer dem Nötigsten zum Überleben. Der ein Träumer ist und sich ständig in Gedankengängen verfängt, sodass er komplett das praktische Leben vergisst. Er hat viele Fehler gemacht und von denen sollte man lernen: Auch ein Philosoph oder eine Philosophin muss lernen, dass er oder sie nicht in der eigenen theoretischen Welt lebt. Auch wenn wir herausfinden, dass unser Leben sinnlos ist, heißt das nicht, dass wir nicht mehr leben müssen. Nur weil wir das Essen hinterfragen können, heißt das nicht, dass wir nichts mehr essen müssen. Und nur weil wir uns in die theoretische Welt hineinwagen, heißt das nicht, dass wir die praktische verlassen. Nur weil wir theoretisch denken, heißt das nicht, dass wir nicht mehr praktisch handeln.


So, so viel zu meiner Folge über Sokrates. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Ich finde ihn als Philosophen wirklich sehr inspirierend, mit und ohne seine Fehler. Ihr könnt mir ja mal sagen, was ihr von ihm haltet. 

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Das nächste Mal hören wir uns im neuen Jahr, deswegen wünsche ich euch einen guten Rutsch und dass ihr gut in 2022 ankommt. Bis dahin, ciao!


Quellen

,,Die Philosophische Hintertreppe" - Wilhelm Weischedel

,,Symposion" - Platon

,,Die Apologie des Sokrates" - Platon

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