#13 Was ist Liebe?

Zusammenfassung

Was ist Liebe? Das ist eine der größten Fragen der Menschheit. Es gibt nichts, was einen so stark motiviert wie die Liebe für einen anderen Menschen. Man könnte sogar fast sagen, dass es dieses Gefühl ist, dass die gesamte Welt antreibt. Es kann so stark in eine Person eingreifen, dass man sie gar nicht mehr wiedererkennt. Und das geht sowohl in die positive als auch in die negative Richtung. Die Liebe kann hinter den schönsten Werken, aber auch der größten Zerstörung stecken. Aus zwei Liebenden können innerhalb kürzester Zeit die größten Feinde werden. Und umgekehrt. Was also hat es mit diesem Gefühl auf sich? Was ist es? Und wie kann es die Menschen so sehr manipulieren? In einem Text des antiken Philosophen Platon diskutieren sechs Denker in einer Runde darüber.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Voranmerkung

Zwölf bisherige Folgen mit bisher fünfzig Followern. Das ist einfach unglaublich für mich! Deswegen will ich diese Folge damit beginnen, einmal danke zu sagen. Wisst ihr, ich habe nie wirklich damit gerechnet, dass diese Folgen über meinen Freundeskreis hinausgehen würden. Und auch bei dem dachte ich eben, dass ein oder zwei Leute einmal aus Höflichkeit reinhören würden. Nie hätte ich gedacht, ein Publikum aus fast fünfzehn Ländern anzuziehen! Eigentlich war ich recht sicher, dass Deutschland das einzige bleiben würde. Doch offenbar scheint ihr mir gerne zuzuhören und das freut mich sehr.
Eine weitere Sache übrigens, wo ich gerade so schön mit euch rede: Was ich hier sage, sei es über den Sinn des Lebens, den guten Menschen oder den Tod, ist auf keinen Fall unanfechtbar. Letzten Endes studiere ich bisher auch nur fünf Semester Philosophie! Daher kann es schon sein, dass ich eine:n Philosoph:in anders auslege, als es andere tun würden. Meine Überlegungen müssen auch nicht das letzte Wort sein, in der Philosophie gibt es schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden Streits um diese Fragen. Wenn euch daher etwas auffällt, was man gegen mich sagen könnte, ist das wahrscheinlich nicht unbegründet. Klar, ich bin sehr überzeugt von meiner Argumentation und dem Ergebnis, sonst würde ich euch das nicht erzählen und eine solide Basis gibt es dafür auch. Aber selbst Platon wird in zahlreichen Werken kritisiert, auch Kant ist nicht unangreifbar und ich bin nicht einmal annähernd so weit wie diese Herren. Also, das nur als kleiner Disclaimer. Ich hoffe natürlich trotzdem, dass ich euch meine Sicht nahebringen kann.


Einleitung

Was machen wir denn heute? Keine Sorge, es wird hier nicht immer weiter mit Lobgesängen an euch gehen. Ich denke, mit Disclaimern bin ich auch durch. Doch es rückt ein wichtiger Tag näher, und zwar Weihnachten! Genauer gesagt morgen, oder noch genauer gesagt, übermorgen. Kennt ihr die Leute, die einen ständig daran erinnern müssen, dass heilig Abend nicht Weihnachten ist? Nun gut, heute soll es aber daher um ein weihnachtliches Thema gehen. Denn Weihnachten ist das Fest der Liebe! Und über die Liebe haben die Philosoph:innen auch etwas zu sagen. Die Liebe, das Schöne, das Begehrenswerte… Das sind alles Themen, die die Philosoph:innen schon seit jeher bewegen. Deshalb möchte ich heute die Frage stellen: „Was ist die Liebe überhaupt?“ Und zwar in allen ihren Facetten. Der Liebe für den/die Partner:in, für die Familie, das Haustier und die Freund:innen. Und wenn wir verstehen, was Liebe ist, merken wir vielleicht auch, warum wir lieben und dann zeigt uns das wohl auch, was wir lieben sollten. Doch lasst uns beginnen.


Eine Annäherung an die Liebe

Was versteht man denn allgemein unter „Liebe“? Ich denke, wir sind uns alle erst einmal darin einig, dass die Liebe ein Gefühl ist. Und zwar ein sehr positives. Man könnte sagen, dass es der stärkste Motivator auf der Welt ist. Was auch immer es ist, das man am meisten liebt, für nichts würde man so viel tun wie dafür. Menschen können aus Liebe wunderbare, aber auch furchtbare Dinge tun. Wahrscheinlich lassen sich alle großen Katastrophen auf der Welt zwischen Menschen auf die ein oder andere Weise auf die Liebe zurückführen. Da Liebe ja wohl der größte Motivator ist, müssten sich die anderen Gefühle darauf zurückführen lassen und das tun sie auch. Denkt zum Beispiel an das Gegenteil, den Hass. Ein sehr negatives Gefühl, dass einen auch sehr motiviert. Und zwar dazu, gegen den Gegenstand des Hasses zu handeln. Doch wozu sollte man, wenn keine Liebe auf dem Spiel steht? Ist es nicht so, dass sie immer einen Part dabei einnimmt? Entweder hat man die Person selbst einmal geliebt und das Gefühl ist umgeschlagen. Oder ganz anders, sie bedroht etwas, das man liebt. Und wenn man etwas will, könnte man das nicht quasi dazu übersetzen, dass man es liebt? Zumindest in einem gewissen Grad. Und wenn die Liebe den Willen bestimmt, dann lenkt sie alles, was wir tun. Denn wie ich schon in vergangenen Folgen erzählt habe, macht uns der Wille aus. Er steuert, was wir tun und denken, macht uns frei und gleichzeitig unfrei. Nun gut, die Liebe scheint also je nach Grad unseren Willen unterschiedlich stark zu lenken und damit auch uns insgesamt.


Politische Liebe

An dieser Stelle können wir über Martha Nussbaum sprechen. Sie ist eine der größten Philosophinnen im Gebiet der Philosophie der Gefühle. Wie wir schon in der Folge über Star Wars geklärt haben, gibt es einen genauen Ablauf, in dem uns Gefühle überkommen. Wir sehen einen Gegenstand und beurteilen ihn als liebenswert. Damit überkommt uns das Gefühl der Liebe und auch die Motivation, uns diesem Gegenstand anzunähern. Dann sollten wir über dieses Gefühl reflektieren und herausfinden, ob der Gegenstand unsere Liebe wirklich verdient hat. Und wenn ja, können wir diesem Gefühl freien Lauf lassen. Als stärkster Motivator hat er nicht nur einen großen Einfluss auf unser eigenes Leben, sondern die Gesellschaft überhaupt. Damit greift die Liebe dann auch in die Politik über.
Nussbaum schreibt darüber in ihrem Werk „Political Emotions. Why Love Matters for Justice“. Die deutsche Übersetzung ist dementsprechend: „Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist.“ Ich habe euch bereits in der vorletzten Folge erzählt, warum Emotionen in der Politik entscheidend sind. Wir wollen keine gefühlslosen Politiker:innen, die unmotivierte, wenn auch rationale Entscheidungen treffen. Wir wollen solche, die sich engagieren, sich an der richtigen Stelle um die Bevölkerung sorgen und an der richtigen Stelle Hoffnung haben. Doch welche Emotionen sind jetzt gut und welche schlecht? Was hat die Liebe damit zu tun?
Nun, Nussbaum meint, dass früher vermehrt mit Angst geherrscht wurde. Denken wir an die vielen europäischen Monarchien zurück oder auch an moderne Diktaturen, denn das Muster ist immer dasselbe. Die Motivation der Menschen, nach der Pfeife der herrschenden Macht zu tanzen, ist die Angst. Angst vor Bestrafung an sich selbst oder an Leuten, die man liebt. Ah und da ist sie doch wieder: die Liebe. Die Angst kommt durch die Liebe, und zwar die Liebe an seinem eigenen Leben und der für die Menschen um einen herum. Wie wir schon gesagt haben, ist sie der stärkste Motivator, den es gibt und daher muss sich auch die Angst darunter einreihen. Man sieht ja auch ganz deutlich, wie viele Monarchien und Diktaturen bereits gefallen sind. Das kann sicher eine Reihe an Gründen haben, doch einer ist sicher, dass die Bevölkerung die Regierung nicht liebt. Nein, teilweise hasst sie sie sogar. Und erinnert ihr euch daran, dass Hass einen dazu motiviert, unbedingt etwas gegen den Gegenstand unternehmen zu wollen?
Nun selbst wenn wir nicht an Revolutionäre denken, was ist denn, wenn man etwas einfach nicht liebt? Naja, dann tut man nichts dafür. Man hat keine sonderlich starke Motivation, denn sie geht über die Angst nicht hinaus. Es geht sehr viel schneller, die Angst vor etwas zu verlieren als die Liebe. Und aus Angst ist man bei weitem nicht so viel für das eigene Land zu opfern bereit wie aus Liebe. Daher scheitern Diktator:innen früher oder später an der eigenen Bevölkerung, die sie nicht mehr trägt. Man muss hier dazusagen, dass Martha Nussbaum jetzt keine Utopistin ist, die die Augen vor der Welt verschließt. Jeder kann sehen, dass es noch Diktaturen gibt, die sicher noch eine Weile bleiben werden. Doch stehen diese Länder wirklich so toll da? Und ist es ganz unwahrscheinlich, dass die Regierung irgendwann endet? Nun, jedenfalls scheint eine Herrschaft mit Angst nicht das richtige Mittel zu sein. Wie regiert man mit Liebe? Denn auch hier gibt es Möglichkeiten, in die falsche Richtung zu gehen. Die vergangenen und heutigen Diktator:innen sind und waren auch nicht ganz dumm. Dass die Leute irgendwann nicht mehr mitmachen, wenn sie die Regierung hassen, ist jede:m klar. Daher wird die Herrschaft mit Liebe oft integriert und zwar in einer gemeinsamen, instrumentellen und kontrollierten Liebe: Der für das Vaterland zum Beispiel. Man sagt, dass die Bevölkerung das Land so sehr liebt, dass sie alles dafür tun würde. Dabei lässt man natürlich außer acht, dass man das Land gut auch unter einer anderen Regierung lieben könnte. So haben sich viele Diktator:innen bereits legitimiert und tun es immernoch.
Doch das ist eine fiktionale und unechte Liebe. Es gibt sicher viele Unterstützer:innen der Diktaturen auf dieser Welt, doch so funktioniert das nicht. Man kann Liebe nicht steuern und bei allen gleichstellen. Nein, vielmehr haben Menschen individuelle Liebesgegenstände. Ihre Familie, Freund:innen und Partner:innen. Und von da kommt die Schönheit einer freien Herrschaft wie der Demokratie, unter der jede Person lieben kann, was sie will. Denn die Liebe für das Vaterland kommt dadurch automatisch, da dieses einem die Möglichkeit dazu gibt. Liebe ist also ein politischer Motor, den man nicht unterschätzen darf. Damit geht dieses Gefühl sogar noch eine Ebene über uns hinaus.


Platonische und körperliche Liebe

Doch wir wollen hier nicht zu sehr auf die gesellschaftliche Ebene abdriften. Hier geht es ja noch immer um den einzelnen Menschen. Kehren wir also zu ihm zurück und fragen uns: Wen oder was lieben wir eigentlich? Denn hier scheint es Abstufungen zu geben. Wir lieben unsere Familie auf eine bestimmte Weise, unsere Freund:innen noch einmal anders und schließlich ganz anders unsere Partner:innen. Doch was ist dieser Unterschied genau? Nun, es scheint hier eine Abgrenzung zwischen der körperlichen und der platonischen Liebe zu geben. Bei körperlicher Liebe fühlen wir uns, wie der Name schon sagt, dem Körper hingezogen, was vor allem in die sexuelle Richtung geht. Und diese Art von Liebe teilen wir üblicherweise nur mit de:m Partner:in. Wobei wir keine Partnerschaft haben müssen, um uns auf diese Weise hingezogen zu fühlen. Der Gegenstand dieser Liebe muss auch nicht einmal menschlich sein, kann ein Gegenstand oder fiktiv sein und noch vieles mehr. Die körperliche Art zu lieben scheint also jedenfalls eine der Arten zu sein.
Die platonische Liebe bezieht sich dagegen nur auf den Geist. Hier lieben wir die Person, weil sie uns sehr nahesteht, wir ihren Charakter schätzen, sie viel für uns getan hat und so weiter. Und dazu gehören dann die Freund:innen, Familie und auch die Partner:innen. Auch hier kann die Art natürlich weiter greifen. Was wir „wahre“ Liebe nennen, ist dann wohl die Hingezogenheit in körperlicher und platonischer Hinsicht zu etwas.


Symposion

Doch es bleiben noch viele Fragen: Wir haben noch nicht ganz geklärt, was es tatsächlich mit der Liebe auf sich hat. Wieso genau lieben wir denn überhaupt? Und ist es gut, zu lieben oder gibt es vielleicht gute und schlechte Arten davon?
Und hier gibt es einen schönen platonischen Dialog, den wir uns anschauen können. Er nennt sich ,,Symposion" und handelt von der Liebe. Ein Symposion war im alten Griechenland eine Art Trinkgelage. Man wurde zu einem großen Festmahl eingeladen und nachdem man gegessen hatte, wurde getrunken. Aber nicht einfach nur so, sondern es wurde üblicherweise vom Gastgeber eine gewisse Trinkmenge vorgegeben, damit sichergestellt werden konnte, dass jeder genau denselben Alkoholpegel halten konnte. Klingt eigentlich ganz nett, nicht wahr?
Jedenfalls befindet sich Sokrates in diesem Dialog in einem Raum mit Phaidros, einem seiner Schüler, Agathon, einem Tragödiendichter, Eryximachos, einem Arzt, Pausanias, über den nicht viel bekannt ist und Aristophanes, einem Komödiendichter. Keine Sorge, die Namen müsst ihr euch nicht alle merken, sie sind im Grunde auch nicht relevant. Was aber interessant ist, ist das, worüber sie reden. Denn sie entscheiden nach dem Festmahl, die Trinkmenge zunächst erst einmal geringer festzulegen, um philosophische Reden zu halten. Es geht um den griechischen Liebesgott Eros, der gelobt werden soll. Da dieser es ist, der für die Liebe verantwortlich ist, kann man deren Reden sehr leicht in dieser Hinsicht übersetzen, dass sie von der Liebe selbst handeln.


Die Liebe als das ehrbarste Gefühl

Den Anfang macht Phaidros mit einer Lobrede über Eros. Dieser sei nämlich der größte und mächtigste Gott, den es gibt. Auch soll er der älteste sein, denn die Liebe ist letzten Endes die Ursache für alles. Es gibt niemanden, der über Eros stehen kann, denn sie alle werden in einem gewissen Grad von ihm gelenkt. So ist man für eine geliebte Person bereit, alles zu tun, sich sogar selbst zu opfern. Für niemanden sonst würde man so etwas aber machen, man würde gar keinen Sinn darin sehen. Auch umgekehrt schämt man sich vor niemandem sonst dafür, etwas Hässliches zu tun. Man kennt es ja sicher, dass man gewisse Seiten einer geliebten Person nicht unbedingt zeigen will oder sich für sie schämt. Aber wenn einem eine Person egal ist, ist es auch nicht wichtig, was sie von einem sieht. Doch dadurch, dass man so vieles für eine geliebte Person durchmachen würde und sich versucht, in ihrer Nähe so gut wie möglich zu verhalten, wird man gut. Die Liebe bringt dieses Gute in einem hervor, weil man bei Handlungen aus Liebe von den Göttern bewohnt wird. Diese Taten machen also den/die Liebende:n ehrbar, anders als den/die Geliebte:n. Denn diesen kommen diese guten Taten nur einfach zu. Natürlich sind sie dadurch nicht schlecht, aber keineswegs besonders zu loben.
Ich sage gleich etwas zu dieser Rede, schließe aber davor noch die des Agathon an. Denn sie geht in eine sehr ähnliche Richtung, auch wenn sie sich zu Anfang widersprechen. Denn Agathon behauptet zunächst, Eros sei eigentlich der Jüngste der Götter. Er sei zudem zwar auch mächtig, aber vor allem zart und friedlich. Was er auch sein soll, ist jugendlich und ewig. Die Liebe sei nämlich zeitlos und die schiere Energie, die sie hervorbringt, immer wieder frisch.
Der Beweis dafür liegt quasi in dem Fakt selbst, dass Agathon das gesagt hat. Selbst wenn alles Fiktion war, hat Platon es immerhin aufgeschrieben und gedacht. Und allein er hat über zweitausend Jahre vor unserer Zeit gelebt! Doch es ist noch immer wahr. Die Liebe zwischen zwei Menschen heutzutage ist für beide genau so motivierend wie die zwischen zwei Menschen vor tausenden von Jahren. Und aufgrund dieser Energie sagt Agathon auch, dass sie zu großen Handlungen motiviert. Er sagt sogar, dass Handlungen aus Liebe immer gut sein müssten. Denn in den Liebenden lebt der Eros selbst, und er nistet sich nur in den schönen Seelen ein, von den hässlichen aber hält er sich fern. Daher ermutigt er die bewohnten Seelen zu tapferen Taten, lässt sie die schönsten Gedichte dichten und die weisesten Sätze sagen. Er sagt, dass, wenn die Welt nur von Liebe regiert werden würde, sie sehr viel gerechter wäre. Die Liebe ist nämlich die höchste Lust. Wie wir auch vorhin gesagt haben, gibt es nichts, was einen stärker motiviert, als wenn man etwas oder jemanden liebt. Daher herrscht die Liebe auch über alle anderen Lüste. Jemand, der/die von ihr besessen ist, kann also nur ihr nachgeben und gut handeln.
Nun gut. Was wir hier haben, sind die zwei Reden aus dem Symposion, in denen Eros am meisten besungen wird. Die Liebe ist offenbar ein so hohes Gefühl, dass es automatisch zu guten Taten führt und sie damit rechtfertigt. Wer aus Liebe handelt, ist weise, tapfer, gerecht und beherbergt quasi eine göttliche Macht in sich, denn die Liebe ist unglaublich motivational. Menschen würden wegen ihr sogar für andere sterben, wenn es nötig wäre. Auch steht sie über allen anderen Lüsten, daher ist der/die Liebende über jede Verführung erhaben, neben der Liebe wird nichts mehr gebraucht. Wenn die liebende Person dann etwas im Sinne dieses Gefühls tut, ist daher die Handlung zu ehren.
Und das können wir mit unseren früheren Erkenntnissen vereinen, nicht wahr? Man tut eben mehr für den/die Partner:in als für Freund:innen, weil man ihnen gegenüber mit noch mehr Liebe erfüllt ist. Und dann ist es eben eine Abstufung: Je mehr man liebt, desto gerechter wird man. Daher ergibt es auch nach Martha Nussbaum Sinn, mit möglichst viel Liebe zu regieren.


Gute und schlechte Liebe

Doch ist das alles? Die Liebe ist also einfach ein Gefühl, das uns stärker motiviert als sonst irgendetwas und Güte in die Welt bringt? Seht ihr, das ist ein Logikfehler. Wir handeln immer nach unserer Motivation. Also muss sich unser Handeln wohl immer nach der höchsten Motivation richten. Wenn nun unsere höchste Motivation die Liebe ist, müssten wir immer nach ihr handeln. Wenn wir dann immer nach der Liebe handeln würden, wären alle unsere Handlungen gerecht. Doch sind sie das? Nein. Also handeln wir entweder normalerweise gar nicht nach ihr, oder, was ich plausibler finde: Der Liebe wegen zu handeln, ist nicht immer gut. Entweder weil sie nicht immer gut ist, oder weil man selbst es nicht ist. Und darauf gehen die restlichen Redner ein.
Damit kommen wir zu Pausanias, der Eros etwas kritischer betrachtet. Denn er stimmt Phaidros in einem Punkt zu: Es gibt definitiv die gute Seite der Liebe. Auf jeden Fall motiviert sie einen zu großen Taten und viele davon sind höchst ehrbar.
Doch eben nicht alle, es gibt nämlich zwei Seiten des Eros oder eben der Liebe. Pausanias sagt, dass die Liebe selbst nicht immer gut sein kann, sondern nur in Relation zum Gegenstand, dem sie zukommt. Es ist so nämlich bei allen Dingen im Leben: Etwas gut zu finden, ist an sich nicht gut oder schlecht. Es kommt eben darauf an, was man gut findet. In einer Runde zu sitzen und zu trinken, ist nicht unbedingt schlecht. Es kommt auf die anderen Leute, den Kontext und das Getrunkene an. Gut, doch was ist denn die gute und was die schlechte Liebe nach Pausanias? Gut ist es, jemanden zu lieben, der/die der Liebe würdig ist. Nicht-liebenswerte Menschen zu lieben sei dagegen schlecht. Nun, wer ist was? Das sind eben die beiden Seiten des Eros.
Die schlechte Liebe betrifft den sogenannten allgemeinen Eros. Denn sie ist einfach und kommt quasi jede:m ohne weiteres zu. Außerdem ist sie oberflächlich und zufällig. Denn die Liebe des allgemeinen Eros ist nur auf den Körper bezogen. Wenn man jemanden ausschließlich aufgrund dessen liebt, ist das komplett zufällig. Man kommt mit einer bestimmten körperlichen Vorliebe auf die Welt und so ähnlich, wie sich die menschlichen Körper dieser Welt gewissermaßen sehen, gibt es sicher eine große Anzahl an Menschen, die dem entsprechen. Und dann wählt man sie eben deswegen aus. Der eigene Körper ist ja nun wirklich nichts, wofür man besonders viel kann und er sagt auch nichts über einen aus. Deswegen sagt Pausanias zwar, dass man schon auch zufällig bei einer guten Person landen kann, doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie es nicht ist. Kennzeichnend für diese oberflächliche und auch schnelle Liebe ist nämlich, dass man einander sehr schnell ohne große Prüfung nachgibt. Und in dem Fall scheinen ja wohl beide nach dem allgemeinen Eros zu lieben. Und auch nach diesem würde man für die Person kämpfen und sterben. Doch sollte man das wirklich? Vielleicht stellt sich heraus, dass man einen schlechten Menschen liebt. Deswegen sagt Pausanias auch, dass diese schnelle Liebe oft verdeckt passiert. Man schämt sich vor anderen Menschen, dass man sich einem Menschen völlig hingibt, ohne zu wissen, ob er überhaupt gut oder schlecht ist oder dass einen das interessiert. Und wenn etwas schon unbedingt vor allen verdeckt bleiben muss, ist es dann wirklich gut? Wahrscheinlich ist die einfachste Parallele ein one-night stand. Man kennt die Person nicht, es interessiert einen auch nicht, wer sie ist, aber man will wegen ihres Körpers mit ihr schlafen. Das tut man auch nicht wirklich wegen der wahren Liebe, sondern eben wegen seines Triebes. Nun gut, normalerweise hört man danach auch nichts mehr von dieser Person. Also ist nicht viel Raum, sonst noch viel für sie zu tun. Aber was, wenn doch? Stellt euch vor, die Person bleibt, aber ihr gebt euch nie Mühe, sie weiter kennenzulernen. Ihr geht zum Beispiel nur jede Woche hin, schlaft miteinander und das war es dann. Und dann streicht ihr für dieses Treffen vielleicht Verabredungen mit Freunden, geht nicht zur Schule oder zur Uni und so weiter. Das ist natürlich alles nicht tragisch, aber würdet ihr das jedem erzählen? Wärt ihr besonders stolz darauf? Nun, Pausanias gesteht euch zu, dass diese Person rein zufällig gut sein könnte, aber trotzdem ist das keine wirklich reine Liebe. Sondern nur ein allgemeines Begehren nach dem Körper. Und für diese rein zufällig gewählte Person zu sterben oder zu kämpfen, ist nicht unbedingt ehrbar.
Doch was dann? Nun, die andere Seite des Eros ist nach Pausanias der himmlische Eros. Und dieser ist nicht auf den Körper ausgerichtet, sondern auf die Seele. Das ist die sogenannte „platonische Liebe“, von der wir geredet haben. Wenn man einen Menschen aufgrund der Seele liebt, ist das eine vernünftige Liebe. Der Körper vergeht, doch der Charakter bleibt gleich. Nun, vielleicht kann man da auf der Basis meiner Folge über die Person etwas einwenden, aber im Großen und Ganzen kann man das stehen lassen. Auch kann man an der eigenen Seele arbeiten. Wenn man eine Person der Seele wegen liebt, liebt man das, was sie ausmacht. Das, wofür sie gearbeitet hat und was sie tatsächlich ist. Und es ist eine freie Liebe, denn sie wird nicht von irgendwelchen Trieben beeinflusst oder gestört. Daher schämt man sich auch nicht dafür. Wenn ihr durch viele Treffen und viel Nachdenken darauf gekommen seid, dass euer Partner oder eure Partnerin einfach eine tolle Person ist, erzählt ihr auch viel lieber von der Person. Wenn ihr dagegen wisst, dass sie eigentlich ein furchtbarer Mensch ist, aber ihr euch eben zu diesem hingezogen fühlt, bleibt das eher ein Geheimnis. Doch bis ihr wisst, was für eine Person jemand ist, kann Zeit vergehen. Deshalb ist es auch schöner, erst nach einer Weile nachzugeben, wenn man sich sicher ist und nicht sofort. Man muss sich sicher sein, dass die Person einen aus Liebe und ohne Hintergedanken gewinnen will und, dass sie gut ist. Wenn man dann nachgibt, ist das von der geliebten Person eine ebenso schöne Tat wie von der liebenden. Und was ist der Gewinn einer schönen Seele? Dass man selbst an Güte dazugewinnt. Das ist der Grund, weshalb es die reine Liebe gibt, sagt Pausanias. Denn wahre Liebe ist quasi eine Form der Bewunderung. Man findet eine Person und ist der Meinung, dass sie eine so schöne und reine Seele hat, dass man selbst gerne davon lernen würde. Und dass das nur bei einer guten Seele eine gute Idee ist, versteht sich ja von selbst.
Pausanias sagt also, dass nicht einfach alle Taten gut sind, weil sie aus Liebe geschehen. Es kommt eher darauf an, wie man liebt. Wenn man nämlich auf den Körper achtet und die Seele beiseitelässt, ist man oberflächlich. Man findet dann eine Person, die vielleicht gut und vielleicht schlecht ist, mit der man aus Scham davor ein verdecktes Verhältnis hat, das schnell beginnt und schnell aufhört. Für diese Person solche Mühen zu begehen, ist nicht ratsam, und wenn es keine gute Person ist, ist es sogar schlecht. Denn der Körper hat nichts mit der Seele einer Person zu tun, er ist nicht erarbeitet und fällt den Menschen zufällig zu. Ebenso zufällig wie die eigene Präferenz. Auch ist er vergänglich, daher die Kurzlebigkeit der Beziehung. Viel schöner ist es, nach der Seele zu gehen. Diese hat man sich selbst erarbeitet und macht auch die eigene Person aus. Sie bleibt, während der Körper zerfällt. Und hier handelt es sich um eine lange und offene Liebe, denn sie muss wohlüberlegt begonnen werden. Und wenn es sich um eine liebenswerte Person handelt, gibt es auch keinen Grund, sich dafür zu schämen. Denn der Wunsch, der die Suche nach einer Seele motiviert, ist das Sehnen nach der eigenen Güte. Eine Person mit einer schönen Seele ist bewundernswert für einen und wird den Wunsch erwecken, selbst an ihr zu gedeihen.
Doch obwohl Pausanias‘ Erläuterungen sehr plausibel sind, treffen sie auch nicht ganz den Kern. Was macht denn dann meine Liebe zur Partnerin oder zum Partner besser als die zu Freunden oder Freundinnen? Bin ich der einen Person näher, weil ich der Meinung bin, dass sie ein besserer Mensch ist? Oder ist die Partnerschaft weniger hoch einzustufen, weil sie sich doch wieder teilweise nach dem Körper richtet? Denn das, was Pausanias als echte Liebe bezeichnet, ist die rein platonische Liebe, die nur auf die Seele geht. Doch es scheint hier ganz klar einen Unterschied zu geben. Die partnerschaftliche Liebe muss irgendwie höher sein, als die platonische Liebe, und das kann doch nicht nur heißen, dass sie unüberlegt und schlecht ist.


Die Liebe 
als Wunsch nach Ewigkeit

Damit kommen wir zur Rede des Sokrates selbst. Er lobt den Eros zunächst am aller wenigsten, denn er sagt, dieser wäre noch nicht einmal ein Gott. Er wäre ein Dämon, ein Halbgott, der betrunken am Ende der Geburtstagsfeier der Aphrodite gezeugt wurde. Was ein Abstieg, nicht wahr? Doch wieso sagt er das? Hält er nicht viel von der Liebe? Nein, Sokrates versucht uns ein anderes Bild des/der Liebenden zu zeigen. Denn wenn man etwas liebt, heißt das, dass man es begehrt. Doch was man begehrt, hat man nicht, nicht wahr? Wenn man begehrt, groß zu sein, ist man wohl nicht groß. Und selbst wenn man groß bleiben will, heißt das, dass man in Zukunft groß sein will. Und das hat man dann wohl noch nicht erreicht. Etwas begehren zu wollen heißt also, etwas nicht zu haben oder daran zu ermangeln. Wenn Eros also das Schöne liebt, ist er zwar nicht hässlich, aber der schönste kann er nicht sein. Er ist ein Zwischenwesen, ein Halbgott, der zwischen den Menschen und den Göttern vermittelt. Sokrates vergleicht ihn mit dem Philosophen: Er ist nicht unweise, denn sonst würde er sich seine Fragen nicht stellen oder die Weisheit anstreben. Jedoch ist er auch nicht komplett weise, denn er weiß eben die Antworten auf gewisse Frage nicht. Der oder die Liebende ist also nicht perfekt, sondern es mangelt an etwas. Liebe zu empfinden heißt, etwas anzustreben. Jedoch ist auch nicht alles, was wir tun, Liebe. Sokrates sagt, dass man nicht alles in diesen Topf werfen soll. Sonst wissen wir gar nicht mehr, wovon wir reden. Denn wir sagen nicht von allen Menschen, dass sie lieben. Ein Hobby auszuüben, ist nicht unbedingt Liebe. Doch jetzt die große Frage: Was ist es, was wir anstreben? Was ist diese echte Liebe? Sokrates sagt, dass Liebe heißt, sich so sehr wie möglich verewigen zu wollen. Man will das Gute erreichen, doch auch für immer bei sich haben, und das macht die Liebe speziell. Daher ist Eros auch ein Halbgott. Die Liebe ist der menschliche Weg, an der Ewigkeit teilzuhaben, an etwas Göttlichem. Und wie genau funktioniert das? Durch die Zeugung im Schönen, wie Sokrates sagt. Und hierbei bezieht er den Körper wieder ein, denn es gibt körperliche und geistige Zeugung. Nun möchte ich gleich etwas dazu sagen, bevor es falsch verstanden wird: Sokrates will nicht sagen, dass Homosexuelle nicht lieben können. Er selbst war zumindest bisexuell, soweit man weiß, so wie die gesamte Runde höchstwahrscheinlich. Im alten Griechenland war männliche Homosexualität so sehr im Alltag vertreten wie heute die Heterosexualität. Nun ist es wahr, dass nur durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr ein Kind entstehen kann, zumindest so ohne weiteres. Doch es geht bei der Liebe um den Wunsch, sich verewigen zu wollen. Dieser ist nicht nur intellektuell motiviert, sondern auch körperlich. Der eine Grund, weshalb wir gerne Geschlechtsverkehr haben ist ja, dass das unsere Möglichkeit zur Fortpflanzung ist. Deswegen ergeben die Geschlechtsorgane Sinn. Und ob sie nun tatsächlich dazu führen oder nicht, sie sind normalerweise immer irgendwie im Einsatz. Und auch bei unterschiedlichen Geschlechtern wird oft verhütet, um gezielt kein Kind zu bekommen. Diesen Punkt möchte ich also gleich entschärfen. Wichtig ist, dass Sokrates hier die Wichtigkeit der körperlichen Liebe für wahre Liebe hervorhebt. Sie kann einfach nicht nur intellektuell sein. Denn das ist der Wunsch der körperlichen Ewigkeit. Und klar, die wollt ihr in aller Regel nur mit einer Person haben, deren Körper ihr auch mögt. Deswegen zeugt man eben im Schönen. 
So, aber kommen wir zur intellektuellen Verewigung. Denn auch Sokrates legt viel Wert auf die Seele. Er stimmt Pausanias darin zu, dass man unbedingt nach einer guten menschlichen Seele schauen sollte. Denn nur in dieser möchte man sich auch intellektuell verewigen. Und was heißt das genau? Nun zum Beispiel heißt das, jemandem etwas beizubringen. Wenn ihr interessante Sachen wisst oder Werte habt, die euch wichtig sind, zum Beispiel. Dann ist man doch immer ganz versessen darauf, diese Dinge der geliebten Person näherzubringen, nicht wahr? Und man hofft, dass sie diese Werte auch gut findet und sich nach ihnen richtet. Und auch hier will man seine Werte nicht einer gemeinen Person beibringen, sondern einer mit einer schönen Seele. Einer Person, die man eben bewundert. Denn auch hier steht Sokrates auf der Seite des Pausanias: Liebe ist quasi Bewunderung. Der liebenden Person mangelt es an etwas, und sie will lernen, aber gleichzeitig auch selbst zeugen. Daher gehört zu der Bewunderung auch Selbstbewusstsein. Allein einen gewissen Einfluss auf das Leben einer anderen Person zu haben, ist schon eine Art der Zeugung. Und intellektuelle Zeugung vollzieht man mit allen platonisch geliebten, vor allem aber natürlich mit dem oder der vollkommen geliebten. In einer idealen Beziehung lernen beide voneinander.
Doch bis man an diesen Punkt kommt, kann es dauern. Sokrates selbst sagt, dass es nicht leicht ist, vor allem die richtige Seele zu finden. Ähnlich wie Pausanias denkt er, dass einen schönen Körper zu finden dagegen leicht ist. Doch er verurteilt niemanden, der danach schaut. Nein, er findet gewisse Phasen in der Liebe sogar notwendig. So muss man nach ihm in einem Stufenprozess durch unechte Lieben gehen, um zur wahren Liebe zu gelangen. Auch muss man viel darüber nachdenken, was man sucht, was man will und ausprobieren. Und dann wird man eines Tages eine Person vor sich haben, die man körperlich und seelisch so schön findet, dass sie die reine Liebe für einen darstellt. Und das ist dann die oder der Eine, wovon alle reden.


Zwischenstand

Nun gut, was haben wir jetzt? Im Grunde stimmt Sokrates Pausanias in den meisten Punkten zu. Liebe ist Bewunderung und der Wunsch, zu lernen. Doch es ist eben nicht nur das, sondern man will selbst auch weitergeben. Man hat gewisse Wertvorstellungen, Fähigkeiten und Passionen, die man der geliebten Person näherbringen will. Und dazu braucht man natürlich eine Person mit einer schönen Seele, einem guten Charakter. Denn nur von dem würde man lernen wollen und können und nur dieser würde man auch etwas beibringen wollen und können. Was man damit letztlich erreichen will, ist, selbst auch einen Anteil an der Ewigkeit zu haben. Doch es geht eben über das Intellektuelle hinaus. Sonst hätten wir keine Partnerschaften, sondern nur platonisch freundschaftliche Beziehungen. Das Körperliche spielt eine große Rolle, weil auch hier der Wunsch existiert, sich zu verewigen. Und wie ich bereits gesagt habe, muss auch das kein intellektueller sein, sondern kann ein körperlicher bleiben. Und klar, wenn man sich mit jemandem verewigen will, sucht man auch hier nach Schönheit. Die wahre Liebe ist eine Person mit einem für einen selbst schönen Körper und einer schönen Seele, mit der man sich verewigen will. Soweit man eben kann. Sokrates sagt uns nicht viel darüber, ob dann Taten aus Liebe gut oder schlecht sind. Fakt ist, dass sie aus einem Mangel entstehen und danach streben, die liebende Person irgendwie besser zu machen. Deshalb ist es auch wichtig, wen oder was man liebt. Denn je nachdem wird man wirklich besser oder schlechter. Und sich mit etwas Schlechtem zu verewigen, will ja wohl niemand. Und hier ergibt es auch Sinn, weshalb Partnerschaften eine engere Liebe darstellen als platonische Lieben, da sie eben diesen körperlichen Aspekt noch beinhalten. Auch der durch Liebe regierte Staat muss Menschen ihre individuelle Liebe lassen. Denn das Land allein gibt einem nicht viel an körperlicher Verewigung. Und wenn nicht einmal wirkliche Liebe existiert, strebt auch niemand danach, sich mit ihm in intellektueller Weise zu verewigen. Doch wenn Menschen selbst entscheiden dürfen, finden sie vielleicht das eine im Leben, was sie wirklich antreibt.



Liebe und Autonomie

Ich möchte euch noch von einer weiteren Rede aus der Runde erzählen, die ich sogar noch besser finde als die des Sokrates. Es ist die Rede des Komödiendichters Aristophanes, die ungefähr in der Mitte des Buches zu finden ist. Und in ihr steckt wirklich sehr viel mehr, als man zuerst denken könnte. Aristophanes beginnt nämlich zunächst damit, eine Sage zu erzählen. Es soll vor Urzeiten einmal drei biologische Geschlechter gegeben haben: männlich, weiblich und androgyn als Mischform. Und die Menschen waren damals tatsächlich alle androgyn. Sie waren kugelrund und eine Fusion aus Mann und Frau. So besaßen sie vier Arme, vier Ohren und eben beide Geschlechtsmerkmale. Sie bewegten sich rollend fort und waren tatsächlich sehr mächtig. So mächtig, dass sie den Göttern trotzten und ihren Platz einnehmen wollten. Doch der Hauptgott Zeus konnte das natürlich nicht geschehen lassen. Und so teilte er sie zur Strafe entzwei. Dadurch waren die Menschen nicht nur weniger mächtig, sondern es gab auch mehr, sodass sie ihm mehr Opfergaben geben konnten. Schön wirtschaftlich gedacht. Nun jedenfalls erhielten die Kugelmenschen dadurch an jedem Tag quasi die Gestalt, wie wir sie heute kennen. Es gab fortan biologische Männer und Frauen, die zum aufrechten Gang gezwungen waren. Doch Zeus‘ Plan ging nicht auf: Sie brachten ihm nämlich keine Opfergaben. Vielmehr klammerten sie sich nun aneinander, immer ein Mann an eine Frau, um die alte Einheit wiederzubeleben. Doch das funktionierte natürlich nicht, und sie starben schließlich reihenweise an Hunger und Durst, weil sie nichts anderes mehr taten. Opfergaben gab es auch keine mehr.
Also erbarmte sich Zeus, teils aus Mitleid, teils aus Eigeninteresse und setzte den Menschen die Geschlechtsteile nach vorn. Sie sollen davor nämlich seitlich abgespreizt gewesen und damit nahezu unbrauchbar gewesen sein. Nun und der Effekt davon war, dass die Menschen nun immer zeugten oder zumindest eine Befriedigung verspürten, wenn sie sich umarmten. Wenn sie diese dann hatten, konnten sie wieder zu ihrem eigenen Leben zurückkehren, Essen, trinken und Opfergaben erbringen. Und es funktionierte! Die Menschen umschlangen sich auf der Suche nach der alten Einheit, erfuhren die neue Befriedigung und konnten sich mit sich selbst beschäftigen. Auch hier war die hetero- und homosexuelle Befriedigung gemeint. Eines Tages soll dann Hephaistos, der Gott der Schmieden und des Vulkans an die Menschen herangetreten sein und gefragt haben, ob er sie wieder zusammenschweißen sollte wie früher. Doch sie lehnten ab. Es schien zwar ihr Wunsch zu sein, doch sie wollten einer weiteren Bestrafung entgehen. Und außerdem waren sie sich nicht sicher, ob es das war, was sie wollte.
Was für eine absurde Geschichte, nicht wahr? Doch was will sie uns sagen? Liebe ist eben nicht, wie alle sagen, die Suche nach einer besseren Hälfte! Wenn wir bei der Sage bleiben, sind wir spätestens seit Zeus‘ letzter Änderung eigenständige Wesen. Das Denken der zweiten Hälfte entspricht dagegen eher dem hilflosen Umklammern davor. Die Menschen sind dadurch gestorben! Und warum? Weil sie sich nicht um ihr eigenes Leben gekümmert haben, weil sie dachten, ohne den anderen Teil nicht leben zu können. Und das ist nicht Liebe. Wenn man ohne einen anderen Menschen nicht leben kann, wird das zu Problemen führen. Liebe ist, wenn man nach der Überlegung, wie Sokrates und Pausanias sie erwähnen, freiwillig mit einem Menschen leben will. Doch man braucht eben auch sein eigenes Leben. Dann kann man auch wirklich wählen. Denn denkt an die hilflose Umklammerung. Hier gab es keine wirkliche Wahl, nicht wahr? Das androgyne Geschlecht bestand aus einer Frau und einem Mann, also wurde dabei der erstbeste Mann und die erstbeste Frau ausgewählt. Die Option einer Überlegung war hinfällig und die der Homosexualität ausgeschlossen. 


            Konklusion

            Deshalb seid nicht traurig, wenn ihr die Person noch nicht gefunden habt, mit der ihr euch körperlich und intellektuell verewigen wollt. Am Ende seid ihr ein Ganzes, ein eigener Mensch, der ein anderes Ganzes sucht. Und das ist das wichtige. Seit der ersten Versündigung haben wir keinen direkten Anteil mehr an der Ewigkeit. Doch wir haben dennoch ein sehr langes Leben und viel Zeit. Man ist wohl in der Zwischenzeit immer gut beraten, sein eigenes Ich zu schleifen, damit man möglichst viel zum Lehren hat.

So, das war meine Folge zur Liebe. Ich hoffe, sie hat euch gefallen und ihr könnt die Weihnachtstage mit euren eigenen Geliebten verbringen. Ob rein platonisch oder nicht. 

Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Aber so viel erstmal von ihr. Ich wünsche euch schöne Weihnachtstage! Wir hören uns sicher noch vor dem neuen Jahr. Bis dahin macht es gut und bis dann.


Quellen

,,Emotionen als Urteil über Wert und Wichtigkeit" - Martha Nussbaum

,,Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist" - Martha Nussbaum

,,Symposion" - Platon

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