#12 Warum lernen wir?
Zusammenfassung
Und, was lernt ihr gerade? Ich bin jetzt in meinem vierten Jahr an der Uni, nachdem ich zwölf an der Schule verbracht habe. Das sind also fast sechzehn Jahre, in denen ich nur gelernt habe. Und es kommen sicher noch einige dazu. Warum eigentlich? Will ich einfach nur einen Job? Aber dann könnte ich den sicher jetzt schon haben, mein Schulabschluss sollte dafür allemal ausreichen. Steckt da vielleicht mehr dahinter? Denn ich habe ja schon auch Spaß an meinem Studium. Aber trotzdem möchte ich auch nicht ewig lernen: Es ist auch viel Arbeit. Wenn man jemanden aus der Schule fragt, wie es mit dem Lernen aussieht, kommt sicher, dass man es nicht mag. Was also hat es damit auf sich? Der antike Philosoph Aristoteles sagt, dass das Lernen unsere menschliche Bestimmung ist, unsere Methode, uns zu verwirklichen. Ist es dann vielleicht das? Hi zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Heute möchte ich mit euch über das Lernen reden. Nun, das klingt nach Spaß, nicht wahr? Hefte raus, wie schreiben einen Test! Wie kann dieses Wort nur so eine negative Konnotation haben? Lernen vermittelt einem immer das Gefühl von viel Arbeit. Man lernt für eine Klausur, man lernt in der Schule, man lernt in der Universität. Und eigentlich sagt jede:r, dass er/sie nicht lernen will. Man will nicht einfach herumsitzen und stundenlang Definitionen, Formeln und Texte auswendig lernen. Doch wieso eigentlich nicht? Ist es nicht eigentlich eher umgekehrt? Die Möglichkeit, zu lernen, scheint uns allen doch sehr wichtig zu sein. Es gibt eine Schulpflicht und ob man danach zur Uni geht oder eine Ausbildung macht: Man lernt so oder so. Auf mich hatte die Studienzeit bisher bereits einen sehr großen Einfluss, und das schon nach 2 Jahren! Immerhin, ohne das Philosophiestudium würde ich wohl kaum etwas über diese ganzen Themen wissen und ich hätte auch nie gelernt, mir das Wissen anzueignen. Und ich kann euch sagen, dass ich definitiv freiwillig studiere! Wir sind uns jedoch sicher alle dabei einig, dass es anstrengend ist. Lernen ist Arbeit, und dazu noch eine, für die man nicht direkt belohnt wird. Nein, man zahlt sogar dafür! Mit dieser Folge möchte ich aber meine zwei bisherigen Studienjahre würdigen, die mich dahin gebracht haben, wo ich gerade bin. Und keine Sorge, den alternativen Weg der Ausbildung werde ich hier nicht vernachlässigen. Auch wenn ich darüber nicht so viel weiß. Wenn also jemand unter euch eine Ausbildung macht, fühlt euch frei, mich zu korrigieren. Die Frage dieser Folge ist also: „Warum lernen wir?“ oder vielmehr „Warum wollen wir lernen“?
Das Wissen
Aber was heißt es denn
eigentlich, etwas zu lernen? Im Grunde ist das ein Vorgang, bei dem wir uns
etwas ins Bewusstsein rufen, das davor nicht war. Nun kann man natürlich
unterschiedliche Theorien darüber haben, woher dieses Wissen kommt. Man kann
wie Platon sagen, dass Lernen eigentlich nur ein Sich-Erinnern ist, weil man
alle Ideen bereits in sich hat. Oder man sagt wie Locke, dass unser Wissen
immer von außen kommt. (Mehr dazu findet ihr in meiner sechsten Folge: ,,#06 Was können wir wissen?")
Wie auch immer es zu uns kommt, es geht hierbei ganz offenbar um
Wissen. Und was ist das? Das Wissen scheint etwas zu sein, das die Wahrheit
trifft. In Platons „Theaitetos“ sieht man die Unterscheidung zwischen einer
Meinung, die sich sehr schnell ändern kann und einem Wissen. Etwas zu wissen, heißt, etwas Richtiges zu denken, das konstant ist. Die Meinung oder
Wahrnehmung dagegen ist nicht wahr oder falsch und kann sich immer ändern. Zum
Beispiel kann man die Wahrnehmung und Meinung haben, dass etwas warm oder kalt
ist. Aber das ändert sich natürlich von Mensch zu Mensch und auch je nachdem,
was man kurz davor selbst gefühlt hat. War man den ganzen Tag in der Hitze, ist
eine kalte Dusche eher kühl, ansonsten eiskalt. Dass eins plus eins zwei ergibt, ändert sich
dagegen nie, egal wer darüber nachdenkt. Und es scheint beim Lernen darauf
anzukommen, diesen Punkt zu treffen. Keiner lernt nur für eine Meinung, die
sich vielleicht am Ende als falsch herausstellt, zumindest würde man das
hoffen. Und ich denke, dass wir hier auch sehen, warum das Lernen selbst so
unbeliebt ist. Wenn man lernt, muss das ja wohl heißen, dass man etwas noch
nicht weiß oder nicht kann. Man ist definitiv nicht dort, wo man hinwill.
Das Lernen selbst kann also offenbar gar nicht Spaß machen, sondern nur das
Ziel davon. Wenn man immer die Wahrheit suchen würde, ohne irgendetwas zu
finden, hätte man daran wahrscheinlich keine Freude daran. Mit dem Lernen holen wir
also eine konstante Wahrheit aus unserem Unterbewusstsein oder der Umwelt nach
oben in das Bewusstsein.
Motivationen zum Lernen
Doch warum dann? Warum
sollten wir? Man will ja nicht einfach die Wahrheit über etwas wissen, um sie zu wissen. Wir müssen uns also anschauen, weshalb sich Leute
entscheiden, Schulen, Universitäten und Ausbildungsplätze zu besuchen. Gesetze
wie die Schulpflicht lassen wir hierbei erst einmal außer acht, denn diese ist auch
nicht universell oder schon immer gegeben. Die Frage betrifft ausschließlich
freiwillige Entscheidungen zum Lernen, oder zumindest ihren Nutzen.
Was sind also bekannte
Gründe, weswegen Leute lernen? Mir fallen auf Anhieb drei ein.
Zum einen der
Wunsch nach einem besseren Beruf. Wenn wir über das Studium reden, hat man mit
bestimmten Abschlüssen Zugang zu Berufen, die einem ansonsten verschlossen
bleiben. Diese Berufe zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass man
unter ihnen gut verdient und sie sozial auch gut angesehen sind. Denken wir an
den Beruf des Anwaltes, des Professors oder des Arztes. Aber auch hier gibt es natürlich
Ausnahmen. Nicht mit jedem Studium bekommt man einen tollen Beruf, außerdem
ist der Weg zu ihnen nicht unbedingt einfach. Ein
universitärer Abschluss scheint sich aber trotzdem immer gut zu machen. Selbst, wenn man einen Beruf wählt, für den man nicht zwingend einen benötigt. Auf die
Schule kann man diesen Wunsch gewissermaßen auch anwenden. Zwar besucht sie kaum
jemand freiwillig, noch weniger wollen Schüler:innen, besonders wenn sie noch jünger
sind, jemals arbeiten, geschweige denn, lernen. Doch die Arbeit ist der
Motivator und Grund, der einem von den meisten Leuten vorgehalten wird. Lehrer:innen und die Eltern pochen normalerweise besonders darauf. Bei der Ausbildung
ist das Berufsziel dagegen sehr viel näher als beim Studium oder der Schule.
Hier lernt man für einen konkreten Beruf. Entweder fängt man direkt bei dem
entsprechenden Anbieter an oder ist zumindest für einen bestimmten Berufszweig
ausgebildet. Dementsprechend hat man das Ziel, einen Beruf zu bekommen, bei
einer Ausbildung wohl am meisten im Auge. Auch wenn man damit nicht alle Berufe
erreichen kann. Doch so viel erstmal zu dieser Art von Gründen, zu lernen.
Eine bessere berufliche
Perspektive kann aber nicht alles sein. Auch ich habe nicht deshalb angefangen
zu studieren, weil ich schnell und einfach in die Berufswelt einsteigen will. Sonst hätte ich wahrscheinlich auch nicht Philosophie gewählt. Es scheint ja
sogar so zu sein, als wäre man mit einer Ausbildung ohnehin besser dran, wenn
man einen stabilen Beruf will. Und es pokern sicher nicht alle Studierenden
einfach auf den besten Beruf.
Lasst mich euch also einmal den zweiten Grund
vorstellen: Die Erfahrung. Sehr verwandt mit der beruflichen Komponente, denn
Erfahrungen sind dafür sehr nützlich. Doch ich meine solche, die man für sich
selbst macht. Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, Selbstfindung und so
weiter. Denn etwas Neues zu lernen, ist immer mit einem Lebensabschnitt
verbunden. Man lernt neue Leute kennen, die ähnlich denken wie man selbst und ein tatsächliches Interesse für das Gebiet zeigen. In der Schule ist dieser
Punkt vielleicht strittig, aber später trifft er normalerweise zu. Eine
wichtige Erfahrung ist auch die Verantwortung, die man übernehmen muss. In
meinem Fach kann ich mir meinen Stundenplan selbst zusammenstellen. Das ist zum
einen eine gute Sache, weil ich dann die Kurse besuchen kann, die mich
interessieren. Aber auf der anderen Seite muss ich auch schauen, dass ich
alles zusammenbekomme, was ich für den Bachelor brauche. Bei vielen
Veranstaltungen wird die Anwesenheit nicht kontrolliert und Abwesenheit auch
nicht bestraft. In einer Ausbildung muss man sicher auch schauen, dass man
seine Einheiten selbst absolviert. Und selbst in der Schule muss man morgens
früh aufstehen, seine Materialien beisammenhaben und gemachte Hausaufgaben. Oder
was ist mit Erfahrungen im Ausland? Das Studium gibt einem die Möglichkeit,
recht preiswert in einem anderen Land zu leben und dort die Kultur zu
entdecken. Ebenso gibt es Klassenfahrten und Reisen kann man sicher in jeder
Lebenssituation. Es lehrt einen sehr viel. (Zum Thema des Reisens gibt es auch eine Folge, und zwar die dreißigste: ,,#30 Bildet Reisen wirklich?") Auch bekommt man eine neue
Denkweise, je nachdem was man lernt. Ich zum Beispiel nehme mehr und mehr die
Denkweise eines Philosophen an. Das heißt, dass man alles hinterfragt, jeden
Stein umdreht. Von solchen Erfahrungen rede ich also. Und ob in der Schule, in
der Uni oder einem Ausbildungsplatz, man macht sie überall und sie können einen
motivieren, sind aber auf jeden Fall nützlich.
Doch das sind alles
Gründe, die auf die Folgen des Lernens anspielen. Es wirkt hier fast so, als
wären das Studium, die Ausbildung und selbst die Schule nur ein Werkzeug, um
etwas Größeres zu erreichen. Aber ist das alles? Nun, fast. Wie ich
bereits gesagt habe, ist das Lernen selbst nichts, was wirklich Spaß macht.
Die Freude, die es bringt, ist vielmehr das Wissen, das man damit erreicht.
Ihr kennt doch sicher das Phänomen noch aus der Schule, dass ihr mehr Freude an
einer Unterrichtseinheit hattet, wenn ihr den Stoff verstanden habt. Und klar, Lernen
macht nur Spaß, wenn es etwas bewirkt. Man bekommt damit zwar auch ein Gesamtpaket
an Erfahrungen und Berufsqualifikationen, aber wenn das der einzige Grund wäre,
würden sich sicher nicht so viele Menschen die Mühe machen. Für einen stabilen
Beruf bietet sich eine Ausbildung an, wie es scheint. Und reisen kann man dann
wohl auch selbst oder sich zu interessanten Themen Bücher durchlesen. Leute,
die zu einem passen, lernt man schon auch irgendwie anders kennen. Das ist alles nicht unbedingt so einfach, aber ein Abschluss jeder Art ja auch nicht.
Es muss also doch eine Motivation geben, jeden Tag Dinge auswendig zu lernen, schwere
Arbeit zu verrichten oder Vorlesungen zu besuchen.
Und der Grund dafür liegt
ganz nahe: Interesse. Logisch. Die meisten Leute lernen, weil sie eben Lust
darauf haben, zumindest, wenn sie es freiwillig tun. Das Interesse für ein Gebiet
ist meiner Meinung nach der wichtigste Grund, mit dem Lernen anzufangen. Denn
obwohl das selbst nicht das Ziel ist, ist es das Wissen. Reines Wissen
ist weniger zielgerichtet als Erfahrungen, denn es liegt zunächst nur im
Kopf herum. Aber wenn man nicht lernt, um zu wissen, wozu dann? Deshalb denke
ich, dass es die reine Freude am Wissen oder Können ist, die viele Menschen zum
Lernen motiviert. Ich selbst habe mein Philosophiestudium auch deswegen angefangen.
Ohne Interesse zu lernen, muss sehr anstrengend sein. Wie in der Schule, nur, dass einem später immer mehr abverlangt wird. Doch zu den Argumenten für diese
Gründe später mehr. Jedenfalls ist das der dritte Motivator: Das Interesse am
reinen Wissen und Können.
Das scheinen nun also die
drei Hauptgründe zu sein, zu lernen: Bessere Berufschancen, mehr Erfahrungen
und das eigene Interesse am Wissen und Können.
Lernen für einen Beruf
Gut, fangen wir mit dem
Beruf an. Der Übergang vom Lernen zum Arbeiten ist normalerweise nicht
geradlinig, darauf können wir uns schonmal einigen. Nehmen wir uns zum Beispiel
das Studium. Die Studienwelt ist eine sehr theoretische Welt, das sieht man vor
allem an meinem Fach. Welchen Beruf soll ich denn mit dem Wissen ergreifen, was
ein perfekter Mensch ist? Auch für den Sinn des Lebens stellt einen niemand an.
Nun ist Philosophie jetzt ausgerechnet eine Wissenschaft, bei der man es in der
Berufswelt nicht leicht hat. Doch was ist mit anderen Fächern? Nehmen wir uns
die Klischees vor. Jura und Medizin. Mit Jura wird man Anwalt/Anwältin, Staatsanwalt/Staatsanwältin oder Richter:in, mit Medizin Arzt/Ärztin.
Aber ist das wirklich so einfach? Nein. Die
Universität ist nicht die Agentur für Arbeit. Man bekommt seinen Abschluss und
muss dann schauen, wo man bleibt. Es ist sehr selten, dass tatsächlich ein:e Arbeitgeber:in direkt auf Studierende zugeht. Auch ist es nicht so einfach, wie man
oft denkt, mit einem medizinischen und juristischen Abschluss einen Beruf
anzufangen. Irgendetwas kann man sicher werden, aber erinnert euch, warum das
Studium für einen Beruf gut sein soll. Es soll dazu führen, eine besonders hohe
Stelle einzunehmen und gut zu verdienen. Aber man wird nicht automatisch
Chefarzt/Chefärztin oder Richter:in. Neben dem ganzen theoretischen Wissen, das man sich
angesammelt hat, braucht man auch praktisches. Wie leitet man eine Praxis?
Wie eine Kanzlei? Es gibt daher integrierte Praktika in den Studiengängen. Doch
zu der praktischen Berufswelt überzuwechseln, ist auf jeden Fall viel Arbeit.
Und ich rede hier nur über zwei Studienfächer. Wenn wir zurück zur Philosophie
kommen, muss man wahrscheinlich erstmal schauen, wer einen überhaupt haben
will.
Aber natürlich muss man
auch die andere Seite sehen: Um Chefarzt/Chefärztin oder Richter:in zu werden, braucht man
eben einen universitären Abschluss. Eine Ausbildung in einer Klinik wird nicht
ausreichen oder ein Praktikum als Saaldiener:in. Doch es ist nicht garantiert,
dass man am Ende den Beruf bekommt, den man will. Im Grunde ist ein Studium
schon besser geeignet für bessere Berufe, doch es ist nicht ausgeschlossen,
dass man bei ebenso guten oder sogar schlechteren Berufen landet als bei einer
Ausbildung. Denn diese bringt einen sehr gerade zu einem bestimmten Beruf. Wenn
man eine Ausbildung bei einer Firma macht, landet man am Ende dort. Oder
zumindest kann man dann bei einer ähnlichen Firma anfangen. Am Ende ist der
Beruf eben das, wohin alles führen muss. Egal, warum wir lernen wollen, am Ende
müssen wir etwas arbeiten. Man soll sich allein versorgen können, selbst
überleben. Und für einen sicheren, gut bezahlten Beruf scheint tatsächlich die
Ausbildung besser zu sein. Je nachdem natürlich, wo.
Der Beruf als Nutzen für Andere
Doch warum haben wir
eigentlich Berufe? Warum ist das wichtig? Ganz grob gesagt, brauchen wir Geld.
Und das Geld brauchen wir für Essen, einen Ort zum Wohnen und so weiter. Zum
Überleben eben. Aber wenn denn nun das Überleben so wichtig ist und wir alle
daran hängen, warum bekommen wir dann nicht früher Geld? Müssen wir währen des Lernens
nicht überleben? Oder ist es einfach nur die Grausamkeit der Welt, dass wir ungefähr dreißig Jahre unseres Lebens ohne Bezahlung auskommen müssen? Oder meinetwegen nur zwanzig, je
nach Lebensweg. Also klar, wir werden beim Lernen schon ordentlich gefördert: Die Eltern geben uns zunächst Geld und wenn sie es nicht können oder tun, bekommen wir etwas vom Staat. Zumindest in Deutschland für Studierende
mit dem Bafög. Bei Ausbildungen zahlt manchmal die Firma.
Doch das sind keine
selbstverständlichen Zahlungen. Wir müssen den Eltern versprechen, auch
irgendwann fertig zu werden und einen Beruf anzufangen. Auch bekommt man das
Bafög nicht einfach so bis ans Lebensende bezahlt. Es ist wirklich nur für das
Studium gedacht, und zwar in einem bestimmten Zeitraum. Daher muss man
natürlich auch belegen, dass man tatsächlich in diesem Zeitraum ist und gerade
studiert. Doch warum erfolgen diese Zahlungen so unwillig? Ganz einfach: Wir
bringen diesen Leuten während des Lernens nichts. Wir geben ihnen nichts
zurück. Erinnert euch: Während wir lernen, sind wir in einem Stadium des
Unwissens. Wir können und wissen noch nicht, was wir wollen. Daher können wir auch noch nicht so viele Leistungen erbringen.
Doch jetzt überlegt euch:
wenn wir unserer Umwelt zumindest während des Lernens nichts bringen, wem
bringen wir dann was? Dann bleiben doch nur noch wir selbst übrig, oder? Das Lernen
muss also etwas sein, das nur uns selbst nützt und das wir für uns tun. Der
Beruf ist in dieser Hinsicht dann anders. Hier nützen wir vor allem anderen
Menschen. Denn das Wissen und Können, das wir haben wollten, haben wir dann ja.
Doch in der Berufswelt müssen wir es anwenden, um anderen Menschen zu nützen
als uns selbst. Klar, ein Beruf kann Spaß machen, aber diesen Spaß könnte man
auch so haben. Wir arbeiten vor allem, um zu verdienen und zu überleben.
Während des Lernens dagegen arbeiten alle für einen: Die Steuern fließen in
die Unis und die Schulen, die Firmen finanzieren einen. Es gibt Professor:innen, Lehrer:innen, Busfahrer:innen,
die Leute in der Mensa und Ausbilder:innen. Und alle verrichten Dienste für einen. Erinnert
euch an Platons Bild des Staates: Jeder Mensch übt eine gewisse Kunst, einen
Beruf aus. Es gibt zum Beispiel Herrscher, Ärzte und Seefahrer. Und alle diese
Menschen arbeiten für ihren Gegenstand und nicht sich selbst. Der Herrscher
arbeitet für die Untergebenen, der Arzt für seinen Patienten und der Seefahrer
für seine Matrosen. Da keine Kunst also sich selbst als Gegenstand haben kann,
muss sie extern entlohnt werden, und zwar mit Geld. Künste sind also Dienste an der
Umwelt und nicht primär an sich selbst. Das Lernen für einen Beruf kann damit
nicht der Hauptgrund sein, weshalb man lernen sollte oder will. Klar kann man
sagen, dass man eben auf diese externe Belohnung aus ist. Aber ist das wirklich
alles, was man an Perspektive hat? Dass man die Belohnung will, heißt ja noch lange
nicht, dass man arbeiten will. Heißt das dann, dass man nach dem Studium einfach nicht mehr das machen kann, was man will?
Lernen für Erfahrungen
Na gut, der zweite Punkt. Was ist mit den
Erfahrungen? Und zwar Erfahrungen, die wir beim Lernen machen. Denn wie wir
geklärt haben, gehören Berufserfahrungen in die Berufswelt. Was sind also die Erfahrungen,
um die es hier geht? Reden wir noch einmal über das Studium. Wenn man es direkt
nach der Schule anfängt, macht man im Studium zum ersten Mal eine interessante
Erfahrung. Man ist mit lauter Leuten zusammen, die tatsächlich Lust auf das Wissen
und Können durch das Lernen haben. Denn in der Schule ist das eher nicht so.
Außerdem bildet sich langsam der Wunsch heraus, alleine zu leben. Weiterhin kommt
mehr Unabhängigkeit dadurch, dass das Studium oder die Ausbildung einen nicht
so sehr an sich bindet. Man kann sich mehr oder weniger selbst aussuchen, wie
man sein Studium gestalten will oder welche Veranstaltungen man besucht. Und
in jedem Fall rennt einem keine:r hinterher, wenn man seine Abgaben nicht macht.
Man bekommt keine Mahnung mehr, aber wenn man nichts macht und die
Prüfungen nicht schafft, ist man raus. Ganz einfach. Bei der Ausbildung wird es
sicher ähnlich sein. Man muss eben erscheinen und abliefern, aber man ist einer
von vielen. Außerdem lernt man, Interesse für ein Thema zu entwickeln. Das
schneidet sich etwas mit dem Interesse am Wissen. Doch ein solches Interesse
selbst zu entwickeln, ist auch eine wichtige Fähigkeit und Erfahrung.
Das klingt jetzt alles
bisher nach Erfahrungen, die zwar nicht aus der Berufswelt kommen, aber für sie
sehr nützlich sind. Mit Menschen gut klarkommen, Interessen entwickeln und
selbstständig arbeiten. Und tatsächlich ist das zum Teil auch so. Man findet
beim Lernen die Bereiche, für die man sich interessiert oder die man gut
meistern kann. Das fließt dann natürlich auch in den Beruf ein, den man
ausführen will. Man lernt, um zu entdecken, worin man stark ist, und das zu
trainieren. Darüber hinaus sind auch andere Erfahrungen sehr nützlich für die
Arbeitswelt. Zum Beispiel lernt man Leute aus vielen verschiedenen Bereichen
kennen, die noch wichtig werden könnten. Am Ende wird es vielleicht noch
nützlich sein, eine Person zu kennen, die Medizin studiert und dann Chefarzt/Chefärztin wird. Wer weiß?
Doch wir reden hier so
oft über den Beruf. Ist das denn wirklich alles, wo diese Erfahrungen
hinfließen? Letzten Endes sind Erfahrungen doch einfach nur Erfahrungen. Was
man mit ihnen macht, kann sehr stark variieren. Selbst Erfahrungen in der
Berufswelt kann man noch außerhalb von ihr anwenden. Und überlegt euch: Der
Beruf ist doch nur einer der vielen Künste, die ihr ausführt. Platon hat schon
recht, wenn er sagt, dass Künste nicht sich selbst dienen und deshalb entlohnt
werden sollten. Aber was ist mit diesem Blog? Das hier ist momentan nicht
mein Beruf, sondern ein Hobby. Diese Kunst hat aber natürlich auch nicht mich primär
zum Gegenstand. Denn ich erzähle euch ja von meinen Ergebnissen und schreibe das so auf, dass man es gut versteht. Wenn es nur um mich gehen würde, würde ich
einfach für mich selbst über diese Themen nachdenken. Doch trotzdem verlange
ich keine Entlohnung. Das Lob, das dieser Podcast bekommt, ist natürlich sehr
schön und freut mich sehr. Doch wäre das nicht ziemlich viel Aufwand für etwas
Lob? Da gäbe es sicher einfachere Methoden. Letzten Endes verwendet man nicht
alle seine Erfahrungen für einen späteren Beruf. Man plant ja auch nicht,
welche Erfahrungen man machen wird.
Hierbei geht es ganz klar um
Persönlichkeitsentwicklung, Selbstentfaltung. Ich entdecke hier immer mehr mein
Interesse für die Philosophie und probiere mich ein bisschen aus. Wie ist es
so, sich anderen Leuten mitzuteilen? Wie ist es für mich, Dinge von dieser Art
vorzubereiten? Keine Ahnung, ob das was für einen Beruf bringt. So oder so habe
ich ja immernoch ein Leben außerhalb des Berufes. Hoffentlich zumindest. Und
dafür sind diese Erfahrungen sinnvoll. Dafür ist es sinnvoll, herauszufinden,
wofür man eine Passion hat, was man gerne tut. Man kann hunderte Interessen, aber
nur wenige Berufe auf einmal haben.
Auch möchte ich darüber
reden, dass man durch jede Art, zu lernen, eine gewisse Denkart antrainiert
bekommt. Ich zum Beispiel habe eine sehr philosophische Denkweise, durch die
ich oft Dinge hinterfrage, ohne, dass es wirklich nötig erscheint. Medizinstudent:innen
sind immer sehr fixiert darauf, was gesund ist. Logisch. Und Jurastudent:innen
schauen danach, was nach dem Gesetz möglich ist und was nicht. Die Berufswelt
lässt sich auch nach dem Lernen noch erkunden. Vergesst nicht, dass ihr Zeit
habt. Die Erfahrung könnte einen auch für den Schulbesuch motivieren. Nun, in
die Schule wird man vielleicht eher gezwungen, aber man macht trotzdem sehr wertvolle
Erfahrungen. Man lernt über Verhaltensweisen gegenüber Autoritäten und
Kollegen. Auch hier kann man sich durch das Wissen der vielen Fächer selbst
ausleben. Man kann schauen, wo man sich am ehesten zuhause fühlt.
Das Lernen bietet einem
also die Chance auf verschiedenste Erfahrungen. Diese können einem beim Beruf,
aber auch dem restlichen Leben nützlich sein. Die eigene Persönlichkeit wird
entwickelt, man entfaltet sich und entdeckt Interessen. Einige verwandelt man
in Berufe, andere in Hobbies.
Lernen für das Wissen an sich
Doch auch das sind
instrumentelle Gedanken. Das Lernen zu benutzen, um Erfahrungen zu sammeln, um
einen Beruf zu bekommen, um sich selbst zu finden. Doch was ist eigentlich mit
dem Lernen selbst? Ist es einfach nur eine Ansammlung an unliebsamen Jahren, in
denen man niemandem etwas bringt, Geld einzieht und hofft, am Ende schlauer zu
sein? Nun, vielleicht schon. Aber warum fängt man denn an? Warum holt man sich
die Erfahrungen nicht woanders? Warum wählt man nicht den schnellsten Weg zum
Abschluss? Aber es gibt zum Beispiel Leute, die sehr viel länger studieren als
sie müssten. Warum? Hat das Studium an sich irgendeinen Wert? Und ja, das hat
es.
Hier kommen wir zum Motor des Ganzen: dem Interesse am Wissen. Man lernt
ganz einfach, weil man will. Und hier möchte ich noch einmal hinzufügen, dass
man auf jeden Fall nicht lernt, um zu lernen. Aber man lernt, um zu wissen und zu können. Und wenn einen ein Themenbereich besonders interessiert, möchte man
darüber so viel wie möglich wissen. Das ist ein Grund, der tatsächlich auf
einen selbst hinausläuft. Mein Interesse nützt an sich niemandem etwas, sondern
dient meinem eigenen Vergnügen. Rein theoretisch könnte ich auch ohne Interesse
etwas arbeiten, wenn ich darin gut bin. Und wenn ich nicht irgendwann deswegen aufhöre,
hat meine Umwelt denselben Effekt. Letzten Endes ist das der eine Grund,
weshalb auch das Lernen selbst schön ist. Wenn es einfach nur auf einen Zweck
hinauslaufen würde, würde man sicher schnellere Wege finden, um diesen Zweck zu
erreichen.
Zwischenstand
Gut, was haben wir bis
jetzt? Nur zu lernen, um einen guten Beruf zu bekommen, ist nicht komplett
schlüssig. Denn beim Studium ist das keineswegs garantiert oder einfach. Die
Berufswelt ist nicht wie die Studienwelt und der Umstieg verläuft normalerweise
nicht linear. Auf der andere Seite stimmt es auch, dass man für gewisse Berufe
eben das Studium braucht. Dagegen ist es bei der Ausbildung scheinbar deutlich
einfacher. Aber warum sollte man so unbedingt auf einen Beruf hinarbeiten?
Klar, man wird eventuell stark entlohnt, aber der Beruf an sich ist
nicht für einen. Es ist mehr der Soll, den die Gesellschaft von einem
einfordert, da sie einen so lange finanziert hat. Und warum sollte man so
schnell zu dem springen? Denn das ist die Zeit, in der man zurückgibt und nicht
mehr so viel nimmt. Die Zeit des Nehmens scheint das Lernen zu sein, denn hier
arbeiten alle für einen: man bekommt Geld, finanzierte Institutionen wie
Universitäten und Vieles mehr. Klar, irgendwann will man sicher mehr Geld, aber
damit will man nicht automatisch einen Beruf. Man muss eben dafür einen
ausführen. Doch damit kann das bei jedem Lernen nicht der einzige Motivator
sein.
Dann gibt es den Punkt
der Erfahrungen, die man macht. Und ganz abgesehen davon, dass sie auch für den
Beruf nützlich sein können, sind sie das vor allem für das restliche Leben. So
findet man Freunde, Hobbys, Interessensgebiete. Letzten Endes macht man nach dem
Lernen auch noch etwas anderes als zu arbeiten. Auch findet man viel über
sich selbst heraus und darüber, was einem gefallen könnte. Das Lernen ist also nicht
nur gut für den Beruf, sondern auch das restliche Leben.
Doch das erklärt
beides noch nicht die Mühen, die man dafür auf sich nimmt. Für ein paar
Erfahrungen und einen Beruf ist das nämlich ziemlich viel. Deshalb ist ein
wichtiger Teil auch, dass man sich für seine Tätigkeit interessiert. Dass man
auch einmal länger studiert, zum Beispiel, weil man sich mehr darauf einlassen
will. Das zeigt auch noch einmal, dass das Lernen wirklich ein Dienst von uns und für uns ist. Niemandem wird mehr genützt als uns selbst und das sollte man
genießen. Man tut das, was man will und bekommt Geld dafür. Das scheint also
der Hauptgrund zu sein, weshalb wir Lernen.
Die Grenzen des Lernens
Doch ich weiß schon, was
ihr denkt. Ich tue hier so, als sollte man am besten ewig lernen. Wieso auch
nicht? Es unterstützen einen ja alle, wie zum Beispiel beim Studium. Man muss
offenbar nur dafür sorgen, dass sie es auch weiterhin tun. Aber tatsächlich
gibt es einen Punkt, ab dem wir nicht mehr lernen wollen können. Ganz
abgesehen davon, dass wir der Gesellschaft natürlich nicht allzu stark zu
Lasten fallen wollen.
Nein, nach einer gewissen Zeit sagen uns Leute, dass wir
fertig werden sollten, um unser selbst Willen. Warum sagen sie das? Warum
machen sie sich Sorgen? Es heißt, man sollte so langsam einen Beruf finden und
sich selbst versorgen. Sie machen sich Sorgen, dass man keine Richtung findet
und nicht weiß, wohin man gehen soll. Und das ist doch komisch, nicht wahr? Sind
die Unis, Ausbildungsplätze und Schulen nicht gerade deswegen da, um zu einem
Beruf zu führen? Dann dauert es eben bei einigen Menschen länger und bei
anderen kürzer. Aber das ist nicht alles. Kehren wir noch einmal zum Studium
zurück.
Denn während man seine
Erfahrungen und sein Interesse genießt, merkt man gar nicht, dass das einem
irgendwann nicht mehr zuträglich ist. Das Phänomen, zu viele Erfahrungen zu
machen, gibt es in der Form nicht wirklich. Immerhin macht man diese sein
ganzes Leben lang und der Kopf ist nicht plötzlich voll. Doch das Problem liegt
bei der Art der Erfahrungen. Denn sie sind irgendwann nicht mehr neu.
Irgendwann kennt man die Leute, die durch das Studium an einen kommen.
Irgendwann kennt man alle Denkweisen und versteht sie. Irgendwann war man oft
genug im Ausland und hat andere Kulturen kennengelernt und irgendwann kennt man
sich selbst genug. Und dann verschwindet der Vorteil der Erfahrungen auf einen
Schlag. Auch das Interesse hält einen dann nicht mehr lang.
Wenn man alles
weiß, was man lernen kann, lohnt es sich nicht mehr. Denn wie wir gesagt
haben: Man lernt nicht, um zu lernen, sondern um zu Wissen und zu Können.
Irgendwann hat man bei einer Institution ausgelernt und müsste sie wechseln. Andere
Leute und Arbeitgeber:innen werden sicher auch misstrauisch, wenn man zu lange
gelernt hat. Immerhin wird von Menschen erwartet, nur eine gewisse Zeit zu
brauchen, um sich das gelehrte Wissen anzueignen. Deswegen gibt es beim Studium
eine Regelstudienzeit. Einen abgesteckten Rahmen, an den man sich richten kann, von
zum Beispiel fünf oder sechs Jahren.
Und zugegeben, dann kommt auch nicht mehr viel
Neues. Doch das kommt auch darauf an. Jeder Mensch ist unterschiedlich
vielfältig, interessiert und hat unterschiedliche Kapazitäten.
So kann es gut sein, dass man sich nach dem fünften Jahr noch nicht bereit fühlt und
es auch nicht ist. Und ebenso wird es bei der Ausbildung sein. Sich jahrelang
auszubilden, bringt einen wohl irgendwann auch nicht mehr weiter. Aber
vielleicht hat man viele unterschiedliche Begabungen und Interessen und fängt dann mehrere Ausbildungen an. Und, dass die Schule in der
Regel nach zwölf oder dreizehn Jahren endet, ist auch kein Zufall.
Es scheint logisch zu
folgen, aber das sollte man sich wohl auch immer vor Augen halten. Das Lernen
bringt einem Jobchancen, Lebenserfahrungen und Freude. Jedoch tut es das nur,
solange man noch lernt. Es stimmt natürlich, dass jeder Mensch unterschiedlich
lang braucht und eine unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeit hat. Daher man
sollte sich nicht gezwungen fühlen, möglichst schnell mit dem Lernen fertig zu
werden. Jedoch ist es nur so lange sinnvoll, solange man noch etwas
lernt. Letzten Endes lernen wir vor allem, um zu wissen und zu können. Und
daher folgt es zwingend, wenn wir erfolgreich dabei sind, dass irgendwann nichts
Neues mehr kommt. Aber hier sind wir etwas zirkulär geworden. Ihr erinnert euch
sicher: Am Anfang habe ich gesagt, dass man nicht einfach nur Wissen will,
um zu Wissen. Irgendetwas macht man damit. Und wenn das nicht nur der Beruf und
die Hobbys sind, was ist es denn dann? Wozu brauchen wir die Wahrheit?
Lernen zur Selbstverwirklichung
Was sagen denn die alten
Griechen zum Lernen? Einen interessanten Einblick gibt uns Aristoteles. Er hat
nämlich ziemlich lange gelernt: Insgesamt um die zwanzig Jahre in Platons Akademie. Allerdings, ganze zwanzig! Und ihr könnt euch sicher vorstellen, wie lange das damals war, wenn man in seltenen Fällen vielleicht noch sechzig wurde. Sicher ist Aristoteles nicht die ganze Zeit nur
Schüler gewesen, aber dennoch ist das sehr lang. Der Philosoph ist als Sohn reicher
Eltern geboren. Eigentlich hätte er Arzt werden sollen wie sein Vater,
der auch eine hohe Position hatte, jedoch wollte er unbedingt Philosophie in
Athen studieren. Ihr müsst euch vorstellen, Philosophie im alten Griechenland
zu studieren, war damals eine große Sache. Platon, war zu der Zeit bereits ein
sehr berühmter Philosoph und alle wollten an seiner Weisheit teilhaben. Unter
ihm zu lernen, war eine absolute Ehre. Und so befragten die Eltern ein Orakel,
das diesem Plan glücklicherweise zusagte. Und heute kennt man Aristoteles auf
der ganzen Welt als den berühmten Philosophen. Er war übrigens auch der erste Biologe, die Entwicklung der Tiere und Pflanzen hat ihn sehr interessiert und an dieser hat
er auch seine Philosophie angelehnt. Und diese schauen wir uns jetzt einmal an.
Aristoteles sagt nämlich,
dass alles danach strebt, sich nach dessen Möglichkeit zu entfalten. Die ganze
Welt will die Vollkommenheit erreichen. So streben Pflanzen die Vollkommenheit
der Blüte an, um bestäubt zu werden und damit sich weiter Fortpflanzen zu
können. Eine Knospe allein kann dagegen nicht viel machen außer sich noch zu
entwickeln.
Gut, warum erzähle ich euch das? Weil Aristoteles das auch auf den
Menschen überträgt. Er sagt: „der Mensch muss zum Menschen werden, das ist
seine eigentliche Bestimmung“. Man sollte also als Mensch möglichst versuchen,
mit allem was man hat, Perfektion zu erreichen. Sich im Rahmen seiner
Möglichkeiten so stark zu entfalten und breit aufzustellen, wie es geht.
Deshalb ergibt es Sinn, dass das Lernen nicht so viel Spaß macht. Man will
natürlich durch seine Erfahrungen irgendwann die Perfektion erreichen. Doch
während man lernt, ist man ja auf jeden Fall nicht dort.
Wenn Aristoteles von Entfaltung redet, meint er vor allem das Denken. Das logische Denken ist eine
Fähigkeit, die nur dem Menschen gegeben ist und nach dem Philosophen muss das daher
heißen, dass man diese ganz besonders trainieren sollte. Ein vollkommener
Mensch ist also jemand, der sich in seiner Fähigkeit zu denken so weit
entfaltet, wie er kann. Denn sie ist es, die ihn ausmacht. Man sieht hier, dass
das Lernen an sich schon gut ist, aber letzten Endes auf ein größeres Ziel
hinauslaufen soll. Es geht Aristoteles auch schon um die Tätigkeit danach. Aber
er redet nicht von Berufen, Schulen, Studien oder Ausbildungen. Es geht um eine
Perfektion, die man Zeit seines Lebens anstrebt. Man kann sich also immer
weiterentwickeln. Und wo man das am besten tut, hängt wohl vom Menschen ab.
Konklusion
Doch wir sind immernoch
an dem Punkt, wieso wir eigentlich lernen. Wozu die Perfektion? Nun, wie ich
finde, kann man Aristoteles gut mit Platons gutem Menschen verbinden.
Grundsätzlich sagt dieser nämlich in seiner Werk, dass wir alle das Gute
entweder anstreben oder anstreben sollten. Und ein guter Mensch zeichnet sich
eben dadurch aus, dass er ganz besonders viel kann. Denn je mehr man kann, desto
mehr kann man seiner Umwelt und sich selbst Gutes tun. Ganz einfaches Beispiel:
Wenn ich Arzt/Ärztin bin, kann ich eigene Krankheiten schneller erkennen und auch die
von anderen Menschen. Über die Heilung ganz zu schweigen. Wenn ich jedoch keine
Ahnung von Gesundheit habe, bin ich in dieser Hinsicht nicht sonderlich
nützlich. Oder vielleicht sogar schädlich. Und je mehr Menschen man nützt und
je weniger man schadet, desto besser ist man selbst.
Das Lernen ist also wohl immer
ein Schritt in Richtung Perfektion. Daher unser Wunsch nach Wissen und unser
Eifer für Erfahrungen und Berufe. Da wir alle das Gute für unsere Mitmenschen oder zumindest uns selbst suchen, sind wir motiviert, uns möglichst weit zu
entfalten. Und wie Aristoteles sagt, machen wir das fast unser komplettes
Leben lang, genau wie die Pflanze. Doch natürlich können wir nicht ewig von derselben Schule lernen. Irgendwann ist die Knospe ausgewachsen und die Blüte
ausgebildet. Entweder wird sie dann bestäubt, entwickelt sich weiter, oder
verwelkt. Und der Beruf ist einer der Wege, wie wir uns verwirklichen. Wir
nützen uns selbst und unserer Umwelt, aber daneben stehen auch viele andere
Tätigkeiten. Hobbys und andere Interessen zum Beispiel. Und der Antrieb für
diese ganze Entwicklung ist natürlich unser Interesse am Wissen. Denn dieses
Wissen nutzen wir in unserem restlichen Leben, wie im Beruf. Wir lernen ja nie
aus, wie man oft sagt. Kein Mensch ist perfekt, aber kommt dem idealerweise
immer näher. Daher hat das Lernen seine negative Konnotation wohl nicht
verdient. Denn es eröffnet uns erst unsere gesamten Möglichkeiten, unserem
Lebenstraum so nah wie möglich zu kommen.
So, soweit zum Lernen. Ich hoffe, dass ich die Ausbildung nicht allzu falsch dargestellt habe. Und neben dieser und dem Studium gibt es natürlich noch viele andere Wege, wie man lernen kann. Es ist manchmal aber einfach wichtig zu sehen, dass man nicht einfach nur lernt, um dann am Ende viel Geld zu verdienen, sondern, dass man wichtige Lebenserfahrungen sammelt, die einen persönlich sehr weit bringen. Und, dass man Zeit in sich selbst, seinen Geist und seinen Körper investiert. Und das ist in jedem Fall eine schöne Sache.
Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Gut, dann
macht es gut und einen schönen Tag noch.
Quellen
,,Theaitetos" - Platon
,,Versuch über den menschlichen Verstand" - John Locke
,,Die philosophische Hintertreppe" - Wilhelm Weischedel
,,Der Staat" - Platon
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