#10 Ist unser Leben vorherbestimmt?

Zusammenfassung

Glaubt ihr an Schicksal? Irgendwie ist das eine Frage, die einem immer mal wieder begegnet. Glaubt ihr, dass gewisse Dinge genau so für euch bestimmt worden sind? Denn manche Situationen können doch kein Zufall sein! Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass gerade ihr, so wie ihr seid, geboren worden seid. Wie wahrscheinlich ist es, dass ihr genau die Person auf dem Planeten gefunden habt, die perfekt zu euch passt! Da liegt es doch nahe, dass diese Faktoren eben nicht zufällig so sind, sondern genau geplant, von einer höheren Macht etwa. In der Philosophie gibt es tatsächlich einen ähnlichen Streit: Zwischen den Determinist:innen und den Verteidiger:innen der Willensfreiheit. Wie viel von dem, mit uns passiert, haben wir tatsächlich in der Hand? Ich kann euch zwar keinen Gott beweisen, (wobei ich das Thema in der 20. Folge: ,,#20 Gibt es Gott" angehe), aber wir können uns dem Schicksal so sehr annähern, wie es geht.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu „Philosophie für zwischendurch“. 


Einleitung

Es freut mich, dass ihr wieder eingeschaltet habt. Es ist einfach schön zu sehen, wie viele Leute sich jede Woche dazu entscheiden, meinen Blog zu lesen.
Doch entscheidet ihr euch wirklich selbst? Also ich nehme mal nicht an, dass euch jemand zwingt, zumindest hoffe ich das. Aber selbst dann: Seid ihr wirklich frei? Wolltet ihr wirklich selbst meinen Blog lesen oder waren es eher Einflüsse von außen? Waren es Freunde von euch, die euch dazu gebracht haben? Oder euer biologisches Bedürfnis, beim Essen noch etwas anderes zu tun, als vor euch hinzustarren? Und warum habt ihr genau diesen Blog dann ausgewählt? Es gibt ja sicher viel über die Philosophie. War es Schicksal? Ist es Schicksal, dass ich diesen Blog gerade vor knapp zwei Monaten angefangen habe, und ihr ihn jetzt lest? Das soll das Thema der heutigen Folge sein: Ist unser Leben vorherbestimmt? Sind die Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen wirklich unsere oder steht quasi alles geschrieben? Kann ich mich dann überhaupt darüber freuen, dass ihr euch für mich entschieden habt? Denn vielleicht ist das gar nicht euer Werk. Wie sieht es außerdem dann mit der moralischen Seite aus? Wenn ich euch deswegen nicht dankbar sein kann, wie ist es dann mit moralischen Verstößen? Wenn ich jemanden töte, ist das dann meine Schuld? Oder ist das die Schuld meiner Umwelt? Gut, schauen wir uns diese Frage einmal an.


Ein vorherbestimmtes Leben

Was heißt es eigentlich für uns, wenn unser Leben vorherbestimmt ist? Stellt euch vor, von eurer Geburt bis zu eurem Tod würde bereits alles geschrieben stehen. In einem tatsächlichen Buch nur über euch. Und wenn ihr es aufschlagt, steht da ganz genau alles drin, was ihr gleich machen werdet. Dazu gehört dann auch, dass ihr eines Tages dieses Buch aufschlagt und diese Wort lest… Ob das zu einem Paradoxon führt, spielt jetzt keine Rolle, jedenfalls hättet ihr dann nicht viel Freiheit in eurem Leben. Jeder Gedanke, jede Handlung würde schon feststehen, bevor ihr überhaupt geboren wärt. Was könnt ihr dann in eurem Leben groß selbst entscheiden? Ihr wärt unfrei. Ist es nicht am Ende eure Biologie, die euch steuert? Oder Gott, wenn wir in diese Richtung gehen wollen? Wie immer man es sehen will, es gibt möglicherweise eine Kraft von außen, die jeden unserer Schritte lenkt. Zum Beispiel wollt ihr überleben, wollt essen und schlafen. Und ihr seid nicht dazu frei, das nicht zu tun. Erstens wird der Wille dazu immer stärker, und ihr nehmt auch ansonsten Schaden. Deswegen kann man mehr oder weniger alles, was getan wird, danach berechnen, dass jeder leben, essen und schlafen will.


Der Laplace'sche Dämon

Es gibt jemanden, der diese Idee ins Extrem zieht. Es handelt sich um den französischen Mathematiker Pierre-Simon Laplace. Ihr kennt ihn sicher noch vom Mathematikunterricht: Er hat grundlegende Regeln für die Wahrscheinlichkeitsrechnung aufgestellt. Aber keine Sorge, ich werde hier nicht so sehr über Mathe reden. Überhaupt wirkt er wie eine merkwürdige Quelle für diesen Blog, denn er ist nirgends als Philosoph vermerkt. Doch er hat dieses Fach tatsächlich zeitweise studiert und seine Arbeit auch dahingehend reflektiert. Die Mathematik hängt enger mit der Philosophie zusammen, als man denken könnte.
Laplace hat ein großes Werk namens „Philosophischer Versuch über die Wahrscheinlichkeit“, bzw. „Essai philosophique sur les probabilités“ geschrieben. Und in diesem sagt er lustigerweise, dass der Zufall eigentlich gar nicht existiert! Das muss man sich einmal vorstellen: Einer der größten Mathematiker ist der Meinung, dass seine Rechnungen nicht die Realität darstellen. In der echten Welt, so meint er, hat alles einen festen Grund oder eben eine Reihe an Gründen. Und wenn man diese Gründe kennt, weiß man ganz genau, was passieren wird. Stellt euch einen Würfel mit sechs gleichen Seiten vor. Nun, nach Laplace, um es simpel zu halten, hat jede Seite eine Wahrscheinlichkeit von einem Sechstel, geworfen zu werden. Das kommt daher, dass jede Seite gleich groß und schwer ist. Damit ist es gleich wahrscheinlich, dass jede Seite geworfen wird, und es sind eben sechs: Ein Sechstel also. Doch ist es wirklich komplett dem Zufall überlassen oder unerkennbar, welche Seite kommen wird? Stellt euch vor, ihr wisst, was beim Werfen oben ist, wie stark geworfen wird und wie der Wind steht. Und dann hat der Würfel vielleicht Unebenheiten, die eine Seite doch schwerer machen als die andere. Kurzum, es kann eigentlich nur immer eine bestimmte Seite fallen, doch wir wissen eben nicht alles. Und das ist der Grund, weshalb es Wahrscheinlichkeiten gibt. Zugegeben, Laplace redet hier über die praktische Realität, in der Theorie gibt es ja aber schon den Zufall. Man kann sich vorstellen, dass bei jedem Wurf alle Bedingungen gleich sind. Doch es ist eben nicht so.
Habt ihr schon einmal vom „Laplace'schen Dämon“ gehört? Ja, auch ein Dämon, wie bei Descartes. Laplace sagt, wenn diese theoretische Figur alles Wissen auf der Welt hätte, könnte sie zweifellos die Zukunft voraussagen. Wenn dieser Dämon jeden Fakt über den Menschen weiß, der den Würfel wirft, über den Würfel selbst, und die äußeren Einflüsse in diesem Moment, müsste er genau wissen, welche Zahl kommt. Auf dieselbe Weise könnte man dann den Menschen berechnen. Das wirft wieder die Frage auf: Wenn alles, was wir tun, genau berechnet und vorhergesagt werden könnte, sind wir dann wirklich frei? Denn gegen die Rechnung können wir sicher nicht handeln.
Nun, tatsächlich gibt es von physikalischer Seite Einwände gegen Laplace. Ja, ich weiß, erst Mathe und jetzt Physik. Aber keine Sorge, ich verstehe selbst nicht so viel von diesen Themen. Scheinbar wurde aber in den letzten Jahrzehnten etwas entdeckt, das sich die „Unschärferelation“ nennt. Und nach der wurde festgestellt, dass die Bewegung von Elektronen nicht nach einem bestimmten Muster verläuft. Sie scheinen weder richtig lokalisiert werden zu können, noch sind sie wohl vorhersagbar. Das ist jetzt erstmal alles, was ich dazu sage. Wenn sich Physiker:innen unter euch befinden, könnt ihr mich da gern einmal aufklären.
Doch selbst wenn wir zugeben, dass es Zufall gibt, macht das den Dämon nicht weniger wichtig. Wenn wir nicht von Gewissheit gesteuert werden, dann wohl von einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit. Und die Bewegung von Elektronen wird sicher nicht immer die Vorhersage unwahr machen. Der Punkt ist, dass man unser Leben berechnen kann und gegen die Zahlen können wir scheinbar nicht arbeiten. Wir leben, wir essen, und wir schlafen. Wenn man uns unser Essen wegnimmt, werden wir uns bemühen, wieder an welches zu kommen. Zu dieser Entscheidung sind wir letzten Endes nicht frei.


Das Schicksal

Ein Begriff, der sehr verwandt mit dieser Überlegung ist, ist der des Schicksals. Wir sagen oft, dass das Schicksal uns ,,einen Streich spielen" würde oder etwas ein „Schicksalsschlag“ wäre. Doch was meinen wir eigentlich damit? Das Schicksal scheint ein bisschen so zu sein wie der Zufall: Eine Kette an kausalen Wirkungen, die wir nicht genau verfolgen können. Wir sind dafür nicht weise genug, denn wir haben nicht das gesamte Wissen der Welt. Was dazu kommt, ist, dass wir das Schicksal scheinbar nicht beeinflussen können. Es ist wohl wie eine Macht, die sich außerhalb von uns befindet und unabhängig von uns agiert.
Was sie genau ist, sieht jede:r anders. Entweder die Natur, Gott oder andere Faktoren. Doch warum genau soll das eigentlich so toll sein? Der Gedanke an das Schicksal scheint im Allgemeinen sehr beliebt zu sein, man beruft sich oft bei Trauer darauf. Wenn zum Beispiel ein geliebter Mensch gestorben ist, wird oft davon gesprochen. Aber auch bei glücklichen Anlässen spielt es scheinbar eine Rolle, denkt an die Liebe. Oft sprechen Menschen in Partnerschaften vom Schicksal, wenn es darum geht, wie sie sich getroffen haben. Es scheint der Gedanke vorzuherrschen, dass es bei einer so großen Ähnlichkeit zweier Menschen einfach hätte passieren müssen, dass sie sich treffen. Diese Passgenauigkeit ist offenbar so hoch, dass nur eine äußere Macht dahinterstecken könnte. Damit bekräftigt man dann Entscheidungen im Sinne der Partnerschaften. Klar, wenn das Schicksal ohnehin dazu geführt hätte, dass man heiratet, kann man das auch gleich selbst machen. Das hat auch einen Hauch von einer Rechtfertigung. Menschen scheinen in solchen Augenblicken ihre Freiheit zu leugnen, um höhere Legitimität zu erlangen. Man hätte wohl als einzelner Mensch weder den Tod, noch die Heirat verhindern können.
Doch das ist nicht alles. Das Schicksal ist gegenüber dem Zufall wohl noch ein spezieller Fall, ihm wird nämlich oft eine gewissen Intentionalität zugesprochen. Der Satz „alles passiert aus einem Grund“, den Menschen sich so gerne sagen, zeigt das an. Im Grunde ist es eine komplette Tautologie. Klar, allerdings passiert alles aus einem Grund, so ist die Welt aufgebaut. Doch der Sinn hinter diesem Satz ist, dass die Kraft des Schicksals wohl einen gewissen Plan mit einem hat. So ist der Grund für ein Leiden, dass für ein größeres Glück Platz gemacht wird. Oder kommen wir auf die Partnerschaften zurück. Ein solches schicksalhaftes Treffen kann wohl nur Intention sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die einander so ähnlich sind, sich kennenlernen, scheint vielen Menschen zu gering zu sein. Solche Ereignisse, sagen Viele, können daher nicht auf Zufall, sondern nur auf Intention basieren. Nun, doch hier erwachsen wieder theologische Fragen, um die es erstmal nicht gehen soll.
Jedenfalls halten wir fest, dass der Mensch tatsächlich unfrei zu sein scheint. Ob es nun das intentionale Schicksal, einfache Naturgesetze oder doch der Zufall ist, der Mensch scheint hier gar nichts selbst zu steuern. Äußere Umstände machen aus, was wir denken und tun und berauben uns damit unserer Freiheit. Das sieht man allein schon am Modell des Laplace'schen Dämons: Wenn man alle diese Faktoren kennen würde, könnte man die Zukunft vorhersagen. Und auch wenn das physikalisch nicht komplett möglich zu sein scheint, kann man immerhin eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit angeben. Und auch da könnte man sagen: Wenn etwas zu fast hundert Prozent passiert, werden wir das auch tun. Ist der freie Wille dann tatsächlich einfach nur, sich zwischen dem ,,fast hundert" und dem Rest zu entscheiden? Das klingt auch albern. Der Mensch ist also wohl vorherbestimmt. Und dann können wir auch den Bogen zur Moralität schlagen. Wenn alles, was wir tun, von außerhalb von uns gesteuert wird, ist letzten Endes eigentlich nichts unsere Schuld. Wenn ich jemanden töte, weil er/sie meinem Essen im Weg steht, kann ich nicht anders. Ich bin darauf programmiert, Hunger zu haben und essen zu müssen. Und je länger das nicht passiert, desto aggressiver wird man. So ist es festgelegt, und daher hat man keine Kontrolle darüber.


Willens- und Handlungsfreiheit

Moment, Moment, nicht so schnell. Warum gibt es dann Leute, die sagen, sie würden „ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen“? Was soll das dann heißen? Hat man jetzt doch Macht über das Schicksal? Wir wollen dem Menschen ja nicht gleich die Freiheit aberkennen, ohne wenigstens einmal geschaut zu haben, was das überhaupt ist. Was ist Freiheit?
Der US-Amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt unterscheidet in seinem Artikel „Willensfreiheit und der Begriff der Person“, oder „Freedom of the will and the concept of a person“, zwei Arten von Freiheit. Es gibt die Handlungsfreiheit und die Willensfreiheit.
Handlungsfreiheit heißt, das tun zu können, was man will. Ganz simpel. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Reh fressen will und etwas zum Fressen vor sich hat, ist es frei, das zu tun. In diesem Moment hat dieses Reh Handlungsfreiheit. Und Menschen können diese natürlich auch haben. Doch es ist keine absolute Freiheit. Denn woher kommt denn der Wunsch, etwas zu essen? Er ist biologisch bestimmt, und zwar schon vor unserer Geburt. Wir können die Freiheit haben, diesem Wunsch zu folgen, aber nicht, ihn zu verändern.
Deshalb gibt es die Willensfreiheit. Diese kommt nur dem Menschen zu, denn Tiere haben nicht die Macht, gegen ihre Instinkte anzukämpfen. Er dagegen kann über seine Wünsche reflektieren. Stellt euch jemanden vor, der/die eigentlich abnehmen will, aber Hunger hat. Wenn diese Person genug Willenskraft hat, kann sie ihren Wunsch dann auch durchsetzen. In diesem Moment ist diese Person frei, zu wollen, was sie will. Wenn sie dann auch noch die Möglichkeit hat, zu tun, was sie will, ist sie komplett frei. Deshalb können nach Frankfurt Tiere nie komplett frei sein, denn sie können ihren Willen nicht steuern. Doch kann das der Mensch auch wirklich? Selbst wenn er sich in einem harten Kampf gegen den Wunsch von außen durchsetzen kann, ist er dann frei? Denn es gibt sicher auch Gründe für ihn, abzunehmen. Sind sie von gesundheitlicher Art, gehen sie auf die Angst vor dem Tod zurück, die wir ja schon in einer vergangenen Folge besprochen haben. Geht es darum, sich selbst gut zu fühlen, sind auch biologische Bedürfnisse im Spiel. Oder was ist mit der Erscheinung in der Gesellschaft? Auch das geht auf die Natur zurück. Wie kann der Mensch dann also wirklich frei sein?


Absolute Freiheit

Schauen wir uns nochmal einen anderen Philosophen an, den ich sehr oft zitiere. Es geht um Jean-Paul Sartre und sein Werk „Das Sein und das Nichts“. Der Grund, weshalb er auch hier sehr gut passt, ist, dass er über die menschliche Freiheit redet. Nach Sartre ist die Freiheit etwas, das unbedingt zum Menschen gehört. Ihr erinnert euch sicher an den folgenden Satz: „Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein.“ Das heißt nicht nur, dass man durch die Freiheit leidet, sondern auch, dass sie einen nicht verlässt. Für Sartre kommt einem die Freiheit erst durch den Tod abhanden.
Doch sagt er dann, dass wir komplett frei sind? Nein. Denn überlegt einmal, können wir komplett frei sein, wenn jede:r frei ist? Sartre sagt, dass, da jede:r komplett frei ist, Freiheit gezwungenermaßen da enden müsste, wo die des/der Anderen anfängt. Und deshalb hat niemand absolute Freiheit.
Nach Heideggers „Sein und Zeit“ sind wir außerdem während des Lebens nicht unbeeinflusst von äußeren Faktoren. Eigentlich existieren wir nur wegen ihnen. Der Tod befindet sich in jedem von uns und strukturiert unser Leben, denn ohne ihn würde es nicht funktionieren. Wir hätten sonst nichts, woran wir unseren Lebensentwurf anlehnen könnten. Und das verrät uns schon viel über das Wesen der Freiheit, nicht wahr? Auch Sartre sagt, dass sich unsere Lebensentwürfe auf viele äußere Einflüsse stützen. Das ermöglicht uns überhaupt erst, verschiedene Pläne zu haben, zwischen denen wir wählen können. Und warum ist Einschränkung die Voraussetzung für den Willen? Das ist eben sein Wesen: Er richtet sich auf etwas, das noch nicht da ist und noch passieren soll. Wenn ich ein gekochtes Essen haben möchte, habe ich es noch nicht. Wenn ich ein Haus zehn Jahre lang behalten will, habe ich es noch nicht zehn Jahre lang behalten. Und das sind unsere Einschränkungen. Wir können ein gekochtes Essen nicht einfach herbeizaubern und auch nicht die Zeit überspringen. Und um das wollen zu können, was man will, muss man ja erstmal etwas wollen, nicht wahr?
Stellt euch einen allmächtigen Menschen vor. Also wirklich jemanden, der/die absolut alles kann. Stellt euch weiterhin vor, er/sie würde auch alles wissen, wäre überhaupt durch und durch perfekt. Dieser Mensch wäre dann auch komplett frei, nicht wahr? Denn der Hunger würde ihn nicht beeinflussen, er müsste ja nicht essen. Sterben würde er auch nicht müssen, also gäbe es keine Angst davor. Die Angst selbst würde es nicht geben, denn diese Person würde nichts befürchten. Müsste sie ja auch nicht: Kein äußerer Einfluss würde ihre Handlungen steuern, sondern nur das, was er gerade will. Doch da wäre das Problem: Was würde sie denn wollen? Wo wäre die Motivation? Ein Wunsch sollte doch etwas sein, das noch nicht da ist! Aber dieser Mensch kann sofort alles schaffen. Es würde sich also um ein willenloses Wesen handeln. Und man kann ohne Willen schwer willensfrei sein.
Ironisch, nicht wahr? Die Tiere können nicht willensfrei sein, weil sie dafür zu niedrig sind, und ein höheres Wesen als wir könnte es nicht sein, weil es zu hoch wäre. Die Freiheit ist ein Kontrastwert, der nur mit Einschränkungen funktioniert. Eine komplette Freiheit kann es gar nicht geben, denn sie wäre gar nicht mehr frei.
Und deshalb entsteht kein Widerspruch mit Laplace: Es klingt eigentlich sogar logisch, dass man mit allem Wissen der Welt in die Zukunft blicken kann. Ob nun mit völliger oder relativer Gewissheit. Durch den ursprünglichen Willen des Menschen könnte man ihn berechnen. Doch das heißt nicht, dass er nicht frei wäre. Bis zu einem gewissen Grad kann er diesen Willen hinterfragen und gegen ihn handeln. Und selbst wenn er das nicht tut, so ist er damit noch immer zumindest handlungsfrei. Außerdem ist es vielleicht gerade auch sein gewollter Wille, zu essen. Irgendeine äußere Macht braucht der Mensch eben, sonst verbleibt er willenlos.
Damit steht die Freiheit nicht im Kontrast zum Determinismus. Schlagen wir den Bogen einmal zurück zum Schicksal. Egal, ob man dahinter den Zufall, Gott oder noch etwas anderes sieht: es kann schon existieren. Zu einem gewissen Grad sind unsere Handlungen von außen bestimmt. Aber das heißt nicht, dass wir nicht auch selbst Macht haben können. Ist es Schicksal, dass ihr eine Person kennenlernt, die sehr gut zu euch passt? Vielleicht. Doch denkt ihr nicht, dass das auch andere Faktoren haben könnte? Ich studiere zum Beispiel Philosophie an einer Universität und lebe in einem Studentenwohnheim. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich dementsprechend Leute treffen werde, die sich auch für das Studieren interessieren. Ausserdem teilt man allein mit den Leuten am eigenen Geburtsort eine gewisse Zusammenstellung an Normen. Dagegen könnte man auch an einen ganz anderen Ort auf dem Planeten gehen und eben dort Menschen treffen, die ganz anders sind als man selbst. Man hat mehr Macht, als man denkt. Die Freiheit ist dem Schicksal nicht komplett ausgeliefert. Und damit wäre der Mensch doch wieder für seine Fehler verantwortlich.
Jedoch muss man immer auch die Determinierung mit einberechnen. Wenn ich jemanden umbringe, um etwas essen zu können, ist das eine sehr unmoralische Tat. Doch ich bin etwas entlastet, wenn ich drei Wochen lang gehungert habe. Vielleicht stellt diese Person auch eine Bedrohung da, oder hat mir das Essen gezielt vorenthalten. In diesen Situationen habe ich zwar immernoch jemanden getötet, doch der Einfluss meines Hungers und meiner Wut war so groß, dass ich fast nicht anders konnte. Wir sind also halb frei und halb determiniert. Das muss in jede moralische Überlegung einfließen.


Vollständige Determinierung

Doch was, wenn nicht? Ich habe jetzt ausgeführt, dass wir trotz einer gewissen Determinierung auch frei sein können. Doch das muss nichts heißen. Nur weil die Möglichkeit existiert, dass wir frei sind, muss das nicht gleich stimmen. Denkbar wäre auch ein komplett determinierter Mensch. Die Dinge, die wir „freie Entscheidungen“ nennen, werden ja noch immer von außen gelenkt. Am Ende ist ein freier Mensch nicht komplett beweisbar. Wir haben bewiesen, dass ein Mensch nicht komplett frei sein kann, aber muss er deshalb überhaupt frei sein können? Schauen wir uns einmal ein Beispiel eines komplett determinierten Menschen an.
Dazu schreibt der US-Amerikanische Philosoph David Velleman etwas in seinem Artikel „Was passiert, wenn jemand handelt?“ oder „What happens when somebody acts?“ Er ist selbst kein Determinist, aber beschreibt den komplett deterministischen Menschen. Dieser wäre jemand, der nie selbst handelt oder zumindest nicht in dem Sinne, wie wir es kennen. Denn bei ihm würde alles nur aus Einflüssen von außen bestehen, zum Beispiel eben natürlichen Triebe oder gesellschaftlichen Anforderungen. Diese würden dann im Gehirn durch Gedanken und Wünsche in Handlungen umgewandelt werden. Der Mensch tritt hier wie eine leere Hülle auf, die von außen gefüllt werden muss. Dann wären wir quasi wie Tiere. Wir würden vom Schicksal hin und hergeworfen werden, ohne, dass wir etwas dagegen tun könnten. Ähnlich, wie wir Tiere nicht für ihre Vergehen moralisch verantwortlich machen, müssten wir das auch bei uns unterlassen. Doch klingt das wirklich plausibel? Kann man den Menschen so direkt mit dem Tier gleichstellen? Dann wären alle moralischen Werke hinfällig, mit Ausnahme von Philosoph:innen wie Nietzsche vielleicht. Doch wie Frankfurt schon gezeigt hat, unterscheidet sich der Mensch auf jeden Fall vom Tier. Wir können durch Reflektion Willensfreiheit erlangen. Der Mensch kann nicht wie das Tier sein.
Eine so radikale Position vertreten die meisten Determinist:innen auch nicht. Einen weiteren Philosophen will ich hier wiedergeben, auch aus den Vereinigten Staaten. Sein Name ist Derk Pereboom und von ihm kommt der Artikel „Determinism al Dente“. Er argumentiert für den Determinismus und negiert die menschliche Freiheit. Pereboom tut das, indem er drei Beispiele mit der Hauptperson „Mr. Green“ präsentiert.
Im ersten Beispiel ist Mr. Green ein ganz normaler Mensch, der aber von Neurowissenschaftlern kontrolliert wird. Bei jeder Entscheidung, die er trifft, drücken die Wissenschaftler kurz davor einige Knöpfe, sodass Mr. Green egoistisch handeln muss. Ganz egal, was er gedacht oder getan hätte, durch die Neurowissenschaftler handelt er immer, wie sie wollen. So ein Mensch, würden wir sagen, ist unfrei. Denn er kann nicht aussuchen, was er tut und da ihm der Egoismus eingepflanzt wird, auch nicht, was er will. Damit ist er determiniert.
Ebenso Mr. Green aus dem zweiten Beispiel. Bei ihm wird der egoistische Charakter von den Neurowissenschaftlern schon bei der Geburt eingepflanzt und bleibt bestehen. Egal, was ihm während seines Lebens passiert, Mr. Green lässt nie ab von diesem Charakter. Auch sein Denken scheint determiniert.
Doch jetzt geht Pereboom weiter: Stellen wir uns vor, es gibt keine Wissenschaftler, sondern Green ist einfach nur sein ganzes Leben lang in einem Trainingscamp. Dort bekommt er indoktriniert, immer egoistisch zu handeln, was er tut. Also auch ein Fall von äußerlicher Determinierung. Doch wenn wir das als deterministisch akzeptieren, dann müssten wir es auch beim letzten Fall.
Und hier ist Mr. Green ein ganz normaler Mensch in einer Gesellschaft und wird egoistisch aufgezogen. Dementsprechend ist er determiniert, denn dieser Egoismus wird ihn immer lenken. Da das alles Beispiele sind, die als deterministisch akzeptiert werden müssten, und die letzte Version von Mr. Green ein normales Leben lebt, sind wir alle determiniert.


Die Freiheit des Charakters

Doch das lassen wir nicht so stehen, einen letzten Philosophen möchte ich euch noch vorstellen. Sein Name ist Alfred J. Ayer aus dem vereinigten Königreich und er ist von der Freiheit der Menschen überzeugt. In seinem Werk „Freiheit und Notwendigkeit“ oder „Freedom and Necessity“ macht er den Punkt stark, dass man nicht nur äußeren Faktoren ausgesetzt sein kann. Es muss irgendetwas von innen geben, das einen auch lenkt. Und dieses Etwas ist die Freiheit. Ayer sagt, dass wir mit unserem Charakter nicht fest an der Vergangenheit hängen, sondern selbst Einfluss auf ihn nehmen können. Was wir denken, hängt nicht nur von unserer Biologie oder unseren Eltern ab, sondern auch von uns selbst. Wir haben die Fähigkeit, autonom zu denken. Ihr merkt hier wieder, wie wichtig der Charakter für das Selbst ist. Wie ich es in der Folge über die Identität gesagt habe, ist er das, was uns ausmacht. Und wenn wir unseren Charakter zu einem gewissen Ausmaß selbst in der Hand haben, sind wir frei. Wie Ayer sagt, ist das auch der Fall. Nur weil wir egoistisch aufwachsen, heißt das nicht, dass wir uns nicht auch ändern können.


Endstand

So, ich bringe hier einmal etwas Ordnung herein. Sechs Philosophen und drei Positionen, was für ein Chaos. Wir halten fest: Wir sind definitiv zu einem großen Teil determiniert und können nicht alles entscheiden. Oft reden wir von dem „Schicksal“, das komplett außerhalb von uns existiert und auf das wir keinen Einfluss haben. Doch hinter einer schicksalshaften Begegnung können ähnliche Interessen, Gewohnheiten und Denkweisen stecken. „Schicksal“ ist am Ende auch nur ein Name, den wir einer Kausalkette geben, die wir nicht komplett kennen. Genau so wie Laplace es beim Zufall hält: Wir sagen, der Würfel würde rein zufällig pro Wurf eine beliebige Zahl von eins bis sechs zeigen, doch eigentlich kann immer nur eine dieser Dinge passieren. Und wenn man alle relevanten Faktoren kennt, weiß man genau, was es sein wird. Wobei das laut neueren physikalischen Erkenntnissen nicht komplett haltbar zu sein scheint. Auch wir schreiben dem Schicksal oft eine Intention zu. So sagt man, dass der Grund für ein großes Leid wäre, dass ein großes Glück passieren soll. Das Treffen zweier sehr ähnlicher Menschen wäre ein Plan des Schicksals. Solche Gedanken gehen jedoch in die theologische Richtung und sind eher Sache des Glaubens.
Jedenfalls ist das aber nicht alles: Man kann sein Schicksal auch selbst in die Hand nehmen. Wir sind nicht einfach nur eine Hülle nach David Velleman, die Einflüsse von außen in Handlungen umwandelt. Stattdessen verfügen wir über Willens- und Handlungsfreiheit, wie Harry G. Frankfurt sagt. Zumindest haben wir sie manchmal. So können wir im Unterschied zu Tieren über unsere Gedanken reflektieren. Daher können wir theoretisch nicht nur tun, was wir wollen, sondern auch wollen, was wir wollen.
 Jean-Paul Sartre sagt auch, dass wir alle von unserem Wesen her frei sind. Aber nicht komplett, denn unsere Freiheit muss an der unserer Mitmenschen halt machen. Denn auch sie sind frei und damit ist niemand komplett frei. Nicht zu schweigen von den äußerlichen Einflüssen, die unsere Lebensentwürfe beeinflussen. Wie der Tod, wie Heidegger hinzufügt. Das macht uns aber nicht weniger frei, sondern ironischerweise so frei, wie wir sein können. Die Illusion ist, dass ein wahrhaft freier Mensch keinen Einflüssen ausgesetzt sein dürfte. Er wäre allwissend, allmächtig und perfekt. Doch dann wäre er auch willenlos, denn der Wille zeichnet sich durch seine Imperfektion aus. Er richtet sich immer auf etwas, das fehlt, noch nicht da ist. Doch wenn alles da ist, fehlt er. Ohne Willen kann es keine Willensfreiheit geben und ohne Willensfreiheit keine Freiheit. Man wird gewissermaßen frei durch die Möglichkeit, unfrei zu sein.
Daher wirkt die Darstellung von Deterministen oft einseitig. Velleman hat uns den komplett determinierten Menschen vorgestellt, der eher wie ein Tier oder eine Maschine wirkt. Doch wie wir eben geklärt haben, kann dieser nicht der Wahrheit entsprechen. Denn uns grenzt unsere Willensfreiheit vom Tier ab. Auch Perebooms Beispiele zum determinierten Menschen sind nicht ganz einwandfrei. Während der Mensch, der direkt von den Neurowissenschaftlern manipuliert wird, determiniert ist, ist es der normale Mensch nicht unbedingt. Bei jeder Entscheidung direkt gezwungen zu werden, egoistisch zu handeln, ist nicht dasselbe, wie egoistisch erzogen worden zu sein. Pereboom geht hier einen zu großen Schritt. Denn wie Ayer richtig sagt, können wir im Laufe unseres Lebens sehr wohl Änderungen an unserem Charakter und damit unserem Selbst vornehmen. Und wenn wir das können, muss es eine gewisse Autonomie in uns geben.


Konklusion

Was heißt das dann also für unsere moralische Verantwortung? Nun, ganz von ihr lossagen können wir uns wohl nicht. Klar, die Umwelt nimmt viel Einfluss auf unser Denken. Wir haben gewisse Triebe, die befriedigt werden müssen. Es gibt außerdem gesellschaftliche Erwartungen und Gesetze. Doch wir sind freier, als wir denken. Wir können uns über unsere Triebe hinwegsetzen und auch einmal weniger oder mehr essen, je nachdem, was wir für das Richtige handeln. Wir können in andere Länder gehen und dort in deren Gesellschaft leben. Wir sind dazu verurteilt, frei zu sein und nicht dazu, nichts tun zu können.
 Doch auf der anderen Seite soll man auch nicht zu streng mit sich sein. Der Druck von außen ist hoch, und die eigene Freiheit zu erhalten, eine extreme Anstrengung. Und klar gelingt einem das daher nicht immer. Manchmal gibt man einem Trieb wider besserem Wissen nach, manchmal handelt man nach einer gesellschaftlichen Richtung, die einem falsch vorkommt. Doch deswegen ist es umso wichtiger, seine Freiheit dann auch dazu zu nutzen, es besser zu machen. Sich nicht einfach auf das Schicksal zu berufen und sich zurückziehen. Es braucht wie bei der Balance zwischen Determinierung und Freiheit in jedem Menschen ein Gleichgewicht zwischen der Anerkennung dieser äußeren Mächte und einem Vertrauen auf seine eigenen.

So, ich hoffe, euch hat diese Folge gefallen. Mir hat es auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, für sie zu recherchieren. Wisst ihr, mir war es schon immer ein Dorn im Auge, wenn Leute vom Schicksal geredet haben. „Alles passiert aus einem Grund“ und so weiter. Es war sehr interessant zu sehen, was es denn wirklich damit auf sich hat. Glaubt gerne, was ihr wollt. Wenn ihr der Meinung seid, dass das Schicksal und die Natur mit einer gewissen Intention eines Gottes handeln, kann das noch immer stimmen. Für diese Theorie ist es nicht wichtig, woher genau die äußeren Einflüsse kommen. Aber gut, so viel dazu.

Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Also, dann habt noch einen schönen Tag und bis dann!


Quellen

,,Philosophischer Versuch über die Wahrscheinlichkeit" - Pierre-Simon Laplace

,,Willensfreiheit und der Begriff der Person" - Harry G. Frankfurt

,,Das Sein und das Nichts" - Jean-Paul Sartre

,,Sein und Zeit" - Martin Heidegger

,,Was passiert, wenn jemand handelt?" - David Velleman

,,Determinism al Dente" - Derk Pereboom

,,Freiheit und Notwendigkeit" - Alfred J. Ayer

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