#09 Bleiben wir immer dieselbe Person?
Zusammenfassung
Schaut ihr manchmal in die Vergangenheit zurück und fragt euch, wer ihr damals eigentlich wart? So andere Denkweisen, Ziele und Motivationen! Allein in einem Jahr kann sich so viel tun, dass man das Gefühl bekommt, hinterher ein komplett anderer Mensch zu sein. Aber natürlich ist man das nicht: Im Grunde bleibt man ja immer derselbe. Oder tut man das? Der Philosoph Derek Parfit meint, dass uns mit unserer Vergangenheit nur unser Charakter, die Motivation und Erinnerungen verbinden. Und da kann es durchaus sein, dass dieses Band mit der Zeit schwächer wird. Man könnte sogar sagen, dass man dem/der besten Freund:in zu einer gewissen Zeit viel mehr ähnelt als sich selbst. Hallo zusammen und herzlich willkommen zu „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Lasst mich heute mit
einer direkten Frage anfangen: Wer seid ihr eigentlich? Nein, ich brauche nicht
eure Namen oder Ausweise. Vielmehr: Wer seid ihr jetzt gerade? Und wisst ihr schon,
wer ihr morgen sein wollt? Wer wollt ihr einmal in 20 Jahren sein? Immer noch
ihr selbst? Schlauer und weiter, nehme ich an. Wenn ihr mir ein Foto von eurer
Kindheit zeigt, wer ist dann darauf zu sehen? Seid ihr das auch? Nur weniger
schlau und weniger weit? Wenn ihr auch 20 seid und
gerade studiert, seid ihr ungefähr so weit wie ich. Sind wir gleich? Ich denke
nicht. Wir haben sicher einen unterschiedlichen Charakter. Aber wenn nicht?
Seid ihr etwa dem kleinen Kind, das ihr mal wart, ähnlicher als mir? Das würde
wenig Sinn ergeben.
So, jetzt habe ich genug
in Rätseln gesprochen. Herzlich willkommen noch einmal. Das Thema der heutigen
Folge habt ihr auch sowieso längst im Titel gesehen, also weiß ich nicht,
warum ich mir die Mühe hier mache. Bleiben wir immer dieselbe Person? Dieser
Frage will ich heute auf den Grund gehen. Denn auch sie ist ziemlich wichtig,
wenn man sich philosophische Fragen stellt. Wir gehen bei allen Fragen der
Moral und über den Menschen immer davon aus, dass wir zwischen Geburt und Tod
dieselbe Person bleiben. Doch stimmt das überhaupt? Vielleicht erinnert ihr
euch an meine Folge über den guten und bösen Menschen. Da habe ich diesen
Ansatz kurz angesprochen und verwendet, aber nie weiter aufgegriffen. Damals
habe ich gesagt, dass wir rein theoretisch in jedem Moment jemand anders sind und wenn wir dann in diesem Moment dann gut handeln, sind wir eine gute
Person. Da also die Moral so viel mit der Person zu tun hat, möchte ich noch
die Frage hinzufügen: Sind wir moralisch verantwortlich für unsere
Vergangenheit? Wenn mein Ich von vor einem Jahr etwas gemacht hat, ist das dann
wirklich meine Schuld? Auch können wir unseren Blick nach vorne richten: Ist es
denn in meiner Hand, was ich einmal tun werde? Sind Taten meiner Zukunft
wirklich mir zuzurechnen? Und es scheint so einfach zu sein, auf diese Frage zu
antworten, doch es ist komplizierter als man denken könnte.
Identität der Substanz
Wir fangen so an wie
immer. Was heißt es für zwei Objekte, gleich zu sein? Was ist „dasselbe“?
Wichtig scheint zu sein, dass sie komplett identische Eigenschaften haben. Das
ist das, was ein Objekt zu anderen Objekten abgrenzt. Doch reichen identische
Eigenschaften tatsächlich aus? Stellen wir uns zwei Steine vor, die exakt
gleich aussehen. Sie sind aus derselben Zeit, waren in demselben Boden und
haben exakt dieselbe Form. Gleich schwer und gleich groß sind sie damit auch.
Sind es also dieselben Steine? Nein, sie sind noch immer unterschiedlich. Auch
wenn wir den Unterschied nicht sehen, können wir sagen: „Das da ist ein Stein
und das ist ein anderer Stein“. Bei Menschen ist es auch so: Stellen wir uns
Zwillinge vor, die exakt gleich aussehen. Es gibt zwar keine einfache
Möglichkeit, sie auseinanderzuhalten, aber immer, wenn man beide in einem Raum
sieht, weiß man genau, dass da die eine Person und da die andere ist. Es muss
also noch etwas anderes dazugehören.
Nun, ich denke, wir
sollten die Idee mit den identischen Eigenschaften nicht verwerfen, sondern
weiterverfolgen. Diese zwei Steine, über die wir geredet haben: Haben sie denn
wirklich dieselben Eigenschaften? Und die Zwillinge? Ich behaupte: Wenn
wirklich jede Eigenschaft identisch wäre, müssten sie jeweils eins sein. Ich
rede über die räumliche Komponente. Die Steine und Zwillinge unterscheiden sich
dadurch, an verschiedenen Orten zu sein. Zum Beispiel könnte ein Stein oder
eine Person links und die andere rechts sein. Doch ist der gleiche Ort wirklich
alles? Was ist, wenn man einen Stein von seinem Platz entfernt und mit einem sonst
Identischen ersetzt? Oder wenn die Zwillinge für eine Nacht das Bett tauschen?
Dann wären sie zwar am gleichen Ort, aber trotzdem unverkennbar
unterschiedlich. Man muss die räumliche Eigenschaft mit der zeitlichen verbinden,
damit es funktioniert. Am selben Ort zur selben Zeit kann wirklich nur ein und
dieselbe Person sein. Man kann ganz deutlich sagen, dass die Zwillinge nicht
identisch sein können, weil sie nicht zur selben Zeit am selben Ort existieren
können. Selbst, wenn eine Mutter schwanger ist, ist der Embryo nicht gleich identisch
mit ihr. Schließlich befindet er sich nur in einem abgegrenzten Ort in ihr und
füllt sie nicht aus.
Und so könnte man die
Folge sehr schnell beenden. Wenn wir es streng sehen, kann ich nie wieder zur
selben Zeit am selben Ort sein wie mein altes Ich. Allein jetzt bin ich schon
woanders, als ich war, als ich diesen Satz angefangen habe. Ihr seid also in
jedem Bruchteil einer Sekunde eine neue Person, die nur sehr ähnlich mit der
anderen ist. Euer früheres Ich hat eure Eigenschaften und euer Aussehen, aber
es ist nicht mit euch identisch, ihr könnt es also gar nicht sein. Es gibt auf
der Erde viele andere Menschen, die euch auch sehr ähnlich sehen sind, aber
auch sie sind nicht ihr. Und was ist mit Kindheitsfotos? Mit euch vor
vielleicht zehn bis zwanzig Jahren teilt ihr nur sehr vage das Aussehen und den
Charakter sicher nicht. Muss das nicht heißen, dass ihr dementsprechend eure:r besten Freund:in eher gleicht als euch
selbst vor all diesen Jahren? Warum solltet ihr dann für eure Vergangenheit
verantwortlich sein? Stellt euch vor, ihr hättet vor zehn Jahren etwas gestohlen.
Seid ihr noch schuldig? Ihr habt doch mit dieser Person gar nichts mehr zu tun
oder gemeinsam! Genauso wenig, wie es in der Zukunft sein wird. Da seid ihr
dann schon wieder jemand anders. Man kann also wohl Menschen nur genau in dem
Augenblick, in dem sie etwas tun, zur Rechenschaft ziehen.
Identität des Geistes
Doch stopp, nicht so
schnell. Wir verrennen uns zu sehr in diesem Extrem. Selbst, wenn wir nicht
komplett gleich sein können wie unsere Vorgänger, können die Zeit und der Ort
nicht die einzigen Kriterien für Gleichheit sein. Denn sonst würde es Identität
gar nicht geben. Streng genommen ändert sich alles immer. Doch wir sagen sehr
wohl, dass Menschen gleichbleiben und dieselben sind wie auf ihren
Kinderbildern. Wir reden nicht bei allem von unterschiedlichen Objekten,
sondern nehmen Ähnlichkeiten an. Und das muss doch einen Hintergrund haben!
Nun nehmen wir kurz an,
dass ich tatsächlich jede frühere Version von mir genauso bin wie meine
jetzige. Was genau macht dann eigentlich meine Identität aus? Ist es
einfach nur mein Aussehen oder wo ich mich befinde? Nein,
nach dem Philosophen John Locke ist es eigentlich überhaupt nicht mein Körper.
Im zweiten Buch seines Werkes „Versuch über den menschlichen Verstand“ führt er
dazu das sogenannte „Transfer“-Beispiel an. Und das ist ganz simpel: Wenn der
Kopf eines Prinzen auf den Schultern eines Schusters thronen würde, was für eine
Identität hätte dieser dann? Würden wir ihn weiterhin nach dem Namen des
Schusters nennen? Nein, oder? Auch würden wir den Schuster nicht mehr für
dessen Taten verantwortlich machen, sondern den Prinzen. Identität ist beim
Menschen also etwas anderes als die Gleichheit von Steinen. Vielleicht passen
wir dieses Beispiel ein bisschen auf die modernen Zeiten an, dass es besser
einleuchtet. Man könnte ja noch immer sagen, dass sich der Körper des Schusters
durch den anderen Kopf verändert hat. Doch stellen wir uns vor, dass nur das
Gehirn ausgetauscht wurde. Wie auch immer wir es drehen, der Punkt ist, wo die
Identität sitzt.
Wir haben hier mit dem
Stein und dem Menschen nämlich zwei verschiedene Probleme angesprochen.
Eigentlich ist unsere Frage: „Bleiben wir immer dieselbe Person?“ und nicht
„Bleiben wir immer dieselbe Substanz?“ Denn die bleiben wir auf jeden Fall
nicht. Die Zusammensetzung unserer Moleküle ändert sich ständig. Doch an
dieser Stelle muss ich eine Lücke in meiner Argumentation schließen. Wenn
nichts jemals dieselbe Substanz bleibt, wie kann man dann über einen Stein sagen,
er würde immer gleich bleiben? Hier scheint es so zu sein, dass wir je nach dem
Grad der Veränderung urteilen. Wenn ihr ein riesiges Gebirge seht, ist das für
euch dann eine Anhäufung von Steinen? Wahrscheinlich nicht. Doch wenn sich ein
Stein herauslöst, ist er offenbar vom Gebirge getrennt und wird als solcher
erkannt und das so lange, bis er seine
Form wieder ändert. Stellt euch jetzt vor, er wird zerstört und zersplittert in viele
kleine Einzelteile. Auch dann ist für uns der Stein von vorher weg. Bereits die
alten Griechen haben diese Art der Veränderung thematisiert. So sagt der antike
Philosoph Heraklit, dass sich immer alles ändert. Nichts bleibt jemals wirklich
gleich und daher ist es eigentlich auch nicht logisch, von einem Sein zu
sprechen. Denn nichts ist jemals, sondern wird immer nur. Für uns heißt
das, dass wir mit der Substanz nicht so gut arbeiten können. Sie ändert sich
eben ständig, aber wir brauchen zur Verständigung gewisse Begriffe für die
verschiedenen Stadien. Ist ein Stein im Gebirge, ist er Gebirge. Fällt er
heraus, ist er ein Stein. Zersplittert er, ist er viele Steine. Eben dieser
eine Stein, den wir eben gesehen haben und jetzt wieder sehen, erscheint
deshalb identisch, weil er es ist, der aus dem anderen geworden ist. Der alte
Stein ist kontinuierlich geworden und wir schauen uns gerade die neueste
Version davon an. Genau so ist es beim Menschen. Substanziell bin ich mein
altes Ich, weil ich mich aus ihm entwickelt habe, ich bin die neueste Ausgabe
seines Werdens. Wichtig ist also, dass man sich eine Vergangenheit teilt. Man
kann natürlich auch hier ganz ganz generell werden und sagen, dass wir uns alle
dieselbe Vergangenheit teilen, weil wir aus den Teilchen des Urknalls bestehen,
doch das würde zu weit führen. Unsere Begrifflichkeit schafft uns gewisse
Rahmen für Substanzen. Ich bin ein Baby gewesen, das zu mir geworden ist. Daher
bin ich substanziell mit meinem früheren Ich verbunden, aber trotzdem anders.
Identität der Person
Gut, so viel zu diesem
Exkurs. Wir sind also äußerlich gesehen ganz klar ein anderer Mensch als
früher. Logisch: Wir sind nicht mehr so klein, können mehr denken und mehr
reden. Und in der Manier verändert sich auch der ganze Planet kontinuierlich.
Wie Heraklit ganz richtig sagt, kommen wir nie wirklich an. Doch wir bezeichnen
alles als „gleich“, was sich in einem gewissen Rahmen die Vergangenheit teilt. Das ist jedoch nicht die Gleichheit, nach der wir suchen, die Substanz
spielt eigentlich keine Rolle. Wir wissen schon, dass wir nicht denselben
Körper haben wie früher. Die Frage ist, ob wir noch dieselbe Person sind.
Teilen wir uns die Identität mit unserem alten ich? Und nach John Locke kann
die Identität nur etwas Mentales sein. Wenn wir den Körper eines Menschen
belassen, aber sein Gehirn austauschen würden, würden wir von einer anderen
Person reden.
Lasst mich also meine
Frage wiederholen: Bleiben wir jemals dieselbe Person? Der britische Philosoph
Derek Parfit schreibt in seinem Buch „Gründe und Personen“ oder „Reasons and
Persons“, dass es drei wesentliche Züge gibt, die die Identität ausmachen.
Diese sind Erinnerungen, Charakter und Motivation.
Unsere Erinnerungen sind
das, was uns tatsächlich an unsere früheren Versionen bindet. Sie sind auch der
Beweis, dass ich tatsächlich der bin, der aus dem früheren Ich geworden ist.
Denn niemand auf dieser Welt weiß, was ich vor einer Stunde gedacht habe, ich
aber schon. Jedoch ist die Erinnerung kein perfekter Indikator dafür. Wisst
ihr, was ihr damals mit fünf oder sechs Jahren gedacht habt, als ihr
eingeschult wurdet? Ungefähr vielleicht. Wobei bei mir nicht einmal das. Und
was ist mit der Zeit, in der ihr ein Baby wart? Erinnert ihr euch an euren
ersten Gedanken? Sicher nicht. Interessanterweise müsste man dann ja auch
wissen, was man vor seinem ersten Gedanken gedacht hat, bzw. welchen Zustand
man hatte. Aber gut, das vertiefen wir einmal nicht. Der Punkt ist, dass es
Zeiten in eurem Leben gibt, zu denen ihr keine Erinnerungen mehr habt. Oder
denkt an Krankheiten wie Alzheimer. Machen die euch sofort zu einer neuen
Person? Es lässt sich sicher streiten, wie sehr man dann noch seiner
Vergangenheit gleicht, aber man bekommt sicher nicht eine komplett neue
Identität. Außerdem hat man immer mehr Erinnerungen als seine Vergangenheit,
weil man stetig neue sammelt.
Die Motivation ist auch
ein Faktor, der unsere Identität ausmacht. Je nachdem, was jemand will, handelt
und denkt er/sie unterschiedlich. Zum Beispiel mache ich diesen Blog, weil ich
mich sehr für die Philosophie interessiere. Ihr könntet alle auch einen Blog über die Philosophie starten und Leser:innen generieren. Doch ich nehme mal nicht an,
dass ihr alle darauf Lust darauf hättet. Entweder aus Zeitgründen, oder, weil
ihr keine Lust habt, euch philosophische Texte für die Vorbereitung
durchzulesen, wie ich es tue. Und das ist natürlich gar kein Problem. Durch
diesen Unterschied in der Motivation grenzt sich meine Identität von eurer ab.
Ihr wollt dafür andere Dinge tun, auf die ich keine Lust hätte. Und so ist das
Handeln jedes Menschen durch seine Motivation strukturiert. Doch hier haben wir
ein ähnliches Problem wie mit der Erinnerung: Bin ich also noch mein früheres
Ich? Denn was ich früher wollte, will ich sicher nicht mehr. Eigentlich ist es
hier sogar noch schwieriger als bei der Erinnerung. Ich weiss schon noch
ungefähr, wie ich mit 8 Jahren gedacht habe, aber meine Motivation hat sich
grundlegend geändert und das wird sie auch noch weiterhin tun. Zugegeben,
nicht ständig. Nach der Motivation bin ich wohl noch dieselbe Person wie vor
einem Jahr, aber das ist nicht sonderlich viel.
Und damit kommen wir zum
Charakter. Er hängt sehr stark mit der Motivation zusammen, denn er ist für sie
verantwortlich. Damit steht er auch in meinem Denken noch einmal über ihr. Je
nachdem, was für ein Mensch ich bin, werde ich gewisse Sachen wollen und andere
eher nicht. Zum Beispiel bin ich eine tendenziell extrovertierte Person, die sich
gerne mitteilen will. Natürlich nicht in extremer Ausführung, daher auch nur ein Blog und keine Live-Vorstellung mit Video. Aber diese charakterliche Tendenz
hat dazu geführt, dass ich diesen Blog wollen konnte. Wenn ich sehr
zurückgezogen wäre, würde ich meine Ergebnisse niemandem mitteilen. Und wenn
ich ein charakterlich sehr viel ruheloserer Mensch wäre, würde ich mich gar
nicht hinsetzen wollen, um euch das alles zu erzählen. Der Charakter scheint es
also wirklich zu sein, der die Identität des Menschen ausmacht. Doch auch er
kann nicht allein funktionieren. Habt ihr denselben Charakter wie damals, als
ihr ein kleines Kind wart? Also ich zumindest nicht. Der Wunsch, sich ein
bisschen mehr der Außenwelt mitteilen zu wollen, kam bei mir erst in den
letzten 3 Jahren auf, davor war ich ein eher introvertierter Mensch. Wobei ich als
Kind doch wieder eher extrovertierte Tendenzen gezeigt habe. Auch hatte ich in
meinem Leben schon sehr viele unterschiedliche Arten, zu denken und Probleme
anzugehen. In gewissen Phasen meiner Jugend und Kindheit habe ich mehr an mich
selbst oder mehr an andere gedacht. Ich weiß, was ihr sagen wollt: Ein
gewisser charakterlicher Kern bleibt immer. Und das ist auch wahr. Komplett
anders als ich schon immer war, werde ich nicht werden können. Es sind meistens
sehr grundlegende Prinzipien, nach denen man handelt. Eine gewisse Weise, Dinge
anzugehen, die sich nicht komplett ändert. Das hat viel mit der genetischen
Veranlagung und der Erziehung zu tun. So werden gewisse Menschen dank einer
bestimmten Erziehung zum Beispiel immer tendenziell eher Gewalt bei Problemen
anwenden, die Schuld bei sich selbst suchen oder mit anderen Leuten
kommunizieren. Doch das sind alles sehr vage Tendenzen. Was wir nicht vergessen
dürfen: Wir teilen Charakter und Motivation auch mit Menschen aus
unserem Umfeld. Ich kenne teilweise Menschen, die mir so ähnlich sind, wie es
mein vergangenes Ich nie sein könnte. Ich teile vielleicht einen
charakterlichen Kern mit meinem zehnjährigen Ich, doch auch mit anderen
Personen, denen ich teilweise auch sehr viel ähnlicher bin. Daher kann der
Charakter nicht alleine zur Identitätsbestimmung verwendet werden.
3 Faktoren der Identität
Wir haben also den Faktor
der Erinnerung, der uns ausmacht: Wir erinnern uns immer daran, was wir früher
gedacht haben und sind deshalb mit dem frühen Ich verbunden. Jedoch ist die
Erinnerung ein sehr weiter Rahmen und verbindet uns mit Versionen unserer
Selbst, die gar nichts mehr mit uns zu tun zu haben scheinen. Außerdem können
wir uns nicht an alle Gedanken unserer früheren Versionen erinnern.
Was unsere
Handlungen und unser Denken lenkt, ist die Motivation. Wir zeichnen uns stark
dadurch aus, was wir wollen. Aber da wir so oft etwas anderes wollen, lässt uns
das nur einen sehr kleinen Rahmen.
Hinter der Motivation steht schließlich der
Charakter, der zu einem gewissen Teil immer gleichbleibt. Zwar haben wir nicht
denselben Charakter wie vor zehn Jahren, aber gewisse Züge bleiben uns für immer
erhalten. Obwohl wir charakterlich und motivational sehr viel ähnlicher zu
unseren Mitmenschen sein können, können wir mit ihnen nicht dieselbe Erinnerung
teilen. Auch wenn wir zusammen mit ihnen Zeit verbringen, hat jeder diese Zeit
etwas anders abgespeichert, auch in Abhängigkeit des Charakters und der
Motivation. Ist das dann also die Lösung? Weil wir meistens dieselbe
Erinnerung, manchmal dieselbe Motivation und zumindest immer denselben
charakterlichen Kern wie unsere früheren Versionen haben, sind wir sie?
So einfach ist es auch
nicht. Parfit sagt, dass wir lediglich eine psychologische Verbindung zu
unseren früheren Selbsten aufweisen. Und diese Verbindung kann stärker oder
schwächer sein, deshalb redet er von einer skalaren Einteilung. Ganz oben ist euer jetziges Ich und je näher euch eure früheren Selbste sind, desto weiter nach oben rücken sie. Zum
Beispiel ist mein Selbst, als ich diese Folge begonnen habe, eigentlich so
nah an mir, dass es quasi ich ist. Ich habe im Grunde dieselben Erinnerungen,
meine Motivation ist gleich und auch mein Charakter. Vielleicht gibt es kleine Unterschiede: Jetzt erinnere ich mich, diesen Teil des Blogs abgetippt zu
haben und ich habe nicht mehr die Motivation, das zu tun, habe ich ja gerade
eben. Diese Veränderungen sind aber so gering, dass sie keine Rolle spielen.
Ich bin dieselbe Person, die ich auch war, als ich diese Folge begonnen habe.
Und auch gestern war ich ich, mehr oder weniger. Aber gehen wir nochmal zurück zu
unserer Kindheit: wo wäre denn mein fünfjähriges Ich auf der Skala? Ich teile
fast keine Erinnerungen mehr mit ihm, weil ich kaum noch etwas von damals weiß.
Charakterlich sind wir sehr unterschiedlich und auch unsere Motivationen liegen
weit auseinander. Ich teile also, wenn es hochkommt, kleine Erinnerungsfetzen
mit ihm und ganz grundlegende Charaktereigenschaften. Doch ist meine
psychologische Verbundenheit zu meinen Freund:innen nicht sehr viel höher? Mit
ihnen teile ich viele Erinnerungen, die sich zwar leicht unterscheiden mögen,
aber sehr ähnlich sind. Wir ähneln uns auch sehr in unseren
Charaktereigenschaften und Motivationen. Damit sind viele meiner Freund:innen in der
Skala eigentlich höher als ich selbst von vor fünfzehn Jahren. Und damit kann ich bei diesem so weit entfernten Selbst eigentlich nicht mehr von mir reden. Alles,
was ich mit ihm teile, ist eine dünne psychologische Verbindung, die ich mit
jedem Menschen auf diesem Level haben könnte.
Zwischenstand
Gut. Lasst mich euch kurz
zusammenfassen, was wir herausgefunden haben, bevor ich weitermache. Wir haben
zunächst festgelegt, dass sich der Mensch äußerlich ständig verändert. Genau
wie bei Steinen wandelt sich ständig sein räumlicher Ort und die zeitliche Komponente. Wir können niemals am selben Ort zur selben Zeit zweimal
sein. Genau wie Heraklit sagt, sind wir in einem Kreislauf der ständigen
Veränderung. Deswegen sind wir in diesem Aspekt unseren früheren Selbsten nicht
gleich und können es auch nie sein. Das einzige Band, das wir mit ihnen teilen
ist, dass wir sie einmal waren.
Doch dann haben wir mit
Locke gesehen, dass die Veränderung unseres Äußeren nicht direkt mit der
Identität zusammenhängt. Während der Stein seine äußere Substanz ständig
ändert, hat der Mensch darüber hinaus noch eine Identität, die nur im Kopf
stattfindet. Und wie stark diese sich ändert, ist unsere eigentliche Frage.
Dann haben wir uns Derek
Parfits Position angeschaut. Und er sagt, dass es im Wesentlichen drei Dinge
gibt, die unsere Identität ausmachen. Die Erinnerungen, die Motivation und der
Charakter. Nach diesen Kriterien können wir dann schauen, ob unsere Identität
mit der einer anderen Substanz übereinstimmt, zum Beispiel eben der unserer
Vergangenheit.
Erinnerungen binden uns eng an unsere Vergangenheit, weil wir
sie nur mit ihr in der Form teilen. Wir wissen genau, was wir vor einer Stunde
gedacht haben, was nur uns automatisch zukommt. Wir können es natürlich
erzählen, aber das tut man ja nicht bei jedem Gedanken. Auch ist dann die
Erinnerung der Person, mit der wir geredet haben, immernoch anders als unsere.
Jedoch reicht dieses Kriterium nicht aus, um eine gleiche Identität zu
beweisen. Denn wir erinnern uns nicht an alle Dinge, die wir jemals getan
haben. Auch scheinen wir selbst bei intakten Erinnerungen nicht ganz dieselben
Personen zu sein wie in unserer Kindheit.
Das Kriterium der Motivation ist sehr
wichtig für die Identität, weil sie der Ursprung unserer Handlung und unseres
Denkens ist. Jedoch können wir das nur sehr begrenzt anwenden. Denn unser Wille
ändert sich sehr schnell und selbst wenn wir sehr generell werden, geht die
Eingrenzung über ein Jahr meistens nicht hinaus. Außerdem teilen wir uns sehr
grundlegende Motivationen mit fast jedem Menschen. Natürlich will ich wie zu
meiner Geburt am Leben bleiben, aber das wollen alle.
Da das
Erinnerungskriterium also zu allgemein und die Motivation zu spezifisch ist,
braucht es noch den Charakter. Er steht sogar noch hinter der Motivation, weil
er sie verursacht. Jede unserer Motivationen hat ihren Ursprung im Charakter. Und
diesen teilen wir uns tatsächlich mit jeder bisherigen Version unserer
Substanz. Selbst ganz am Anfang existiert eine gewisse Basis, die uns erhalten
bleibt. Aber ganz abgesehen davon, dass es auch da sicher Ausnahmen gibt, ist
diese Verbindung sehr dünn. Ich kann sicher viele andere Menschen finden, mit
denen ich basale Aspekte meines Charakters teile. Und das tun wir auch jeden
Tag. So suchen wir uns unsere Freunde aus.
Denn Freunde teilen mit uns wenigstens ähnliche
Erinnerungen, ähneln uns im Charakter und damit auch in der Motivation. Deshalb
sagt Parfit, dass wir nie exakt wie unsere früheren Selbste bleiben. Man
muss die Ähnlichkeiten quasi wie in einer Skala sehen. Oben stehen wir mit
unserem Charakter, unserer Motivation und unseren Erinnerungen und es gibt
Identitäten, die unserer näher sind oder weniger nah. Es stehen, wenig
überraschend, nicht einfach alle unsere alten Selbste geordnet unter uns. Nein,
es gibt Versionen von uns, mit denen wir so wenige Erinnerungen, Motivationen
und Charakterzüge teilen, dass enge Freunde darüber stehen. Oder denkt an eure
Familienmitglieder. Wir sind also zum Großteil schon dieselbe Person, die wir
waren, mit etwas mehr Erinnerungen und leicht anderen Motivationen. Doch nach
einer gewissen Zeit schwinden diese Faktoren und wenn selbst unser Charakter sich anders entwickelt, sind wir quasi jemand
anders geworden. Ich bin mehr oder weniger derselbe Mensch wie vor einem Jahr,
bzw. diesem Menschen am nächsten, doch nicht mehr meinem Ich von vor zehn Jahren.
Verantwortlichkeit für die Vergangenheit
Doch wir hören an dieser
Stelle noch nicht auf. Denn was heißt das denn dann für uns und unsere
Verantwortlichkeit? Wenn wir denn nun wirklich nicht mehr oder kaum noch die Person sind, die
wir vor vielen Jahren waren, sind wir dann noch für deren Fehler und
moralische Handlungen verantwortlich? Wenn ich vor zehn Jahren jemanden
umgebracht habe, ist das dann noch meine Schuld? Auch dazu erzählt uns Parfit
etwas. Er meint, dass ja jetzt die logische Konsequenz sein müsste, die skalare
Einteilung der Identität auf moralische Verpflichtungen und Verantwortlichkeit
anzuwenden. Leider ist das nicht so einfach. Der Philosoph gibt uns das
Beispiel eines Versprechens. Stellt euch vor, ihr versprecht einer anderen
Person etwas, das in drei Jahren eintreffen wird. Dann kommt die sie nach
diesen drei Jahren an und will, dass ihr das Versprechen einlöst. Schon hier gibt
uns die Skala Probleme auf. Man würde ja sagen, dass ihr eurem Ich von vor drei Jahren skalarisch noch so nah seid, dass es Sinn ergibt, das Versprechen von
euch zu erbeten. Doch was ist, wenn ein:e damalig:e Freund:in von euch diesem alten Ich
näher ist als ihr jetzt? Soll die Person dann ihn/sie fragen? Nein, das ergibt keinen
Sinn. Es gibt nach Parfit niemand anderen auf dem Planeten als euer
aktuelles Ich, das dieses Versprechen einlösen könnte. Das liegt ganz einfach
daran, dass das Ich, das zu euch geworden ist, dieses Versprechen gegeben hat.
Sonst niemand. Die Frage ist aber, wie das Versprechen eingelöst werden sollte. Denn es ist ja tatsächlich so, dass die Person, die das Versprechen gegeben
hat, nicht mehr in der Form da ist.
Was macht ihr? Parfit
meint, es gibt hier drei Optionen, die aber alle nicht befriedigend sind.
Man
könnte zum Beispiel überlegen, das Versprechen nur so weit einzulösen, wie man
seiner Vergangenheit noch ähnelt. Das ist aber nicht sonderlich sinnvoll.
Nehmen wir an, ihr schuldet der Person Geld, gebt aber nur die Hälfte heraus,
weil ihr nur noch halb eurem alten Ich gleicht. Das ist weder praktikabel noch
plausibel.
Dann könnte man das Versprechen nach demselben Kriterium mit
unterschiedlicher Strenge einlösen. Aber auch das ist nicht haltbar. Parfit
wählt hier das Versprechen der Heirat. Ihr versprecht, die Person in drei Jahren
zu heiraten und dann wird es in dieser Zeit immer weniger wichtig, ob ihr das
tatsächlich tut, ist aber noch immer in einem gewissen Grad erforderlich. Das
klingt nicht sonderlich sinnvoll, denn man kann das Versprechen nur entweder
einlösen oder nicht. Entweder ist man verpflichtet, das zu tun oder nicht, aber
das Mildern der Strenge ist nicht hilfreich.
Dann gibt es noch die Option, je
nachdem wie anders die Person geworden ist, das Versprechen entweder ganz oder
gar nicht erfüllt werden soll, mit einer klaren Grenze. Doch wie lässt sich das
umsetzen? Denkt an einen Geheimagenten mit dem Auftrag, einen Verbrecher zu
töten. Wenn er ihn dann nach drei Jahren findet, wie soll er dann verfahren? Er
kann nicht wirklich wissen, wie sich die Erinnerungen, Motivationen und der
Charakter inzwischen im Vergleich zu davor verhalten und auch dann weiß man
nicht wirklich, wo die Grenze verlaufen soll. Immerhin ist diese Lösung nicht
ganz unplausibel, aber nicht durchführbar.
Letzten Endes verbleibt er auf der
Konklusion, dass wir ein durchgängiges Selbst für das praktische Leben annehmen
müssen. Ein Versprechen ergibt einfach keinen Sinn, wenn man es im nächsten Moment
theoretisch gar nicht mehr einlösen muss. Unsere Welt funktioniert eben mit der
Annehme einer einzigen Identität, und diese steht und fällt mit der Substanz.
Bei einer sehr langen Zeit verliert das Versprechen wohl wirklich irgendwann an
Bedeutung. Wenn ich vor fünfzehn Jahren versprochen habe, ein ausgeliehenes Spiel
zurückzugeben, ist es inzwischen wohl tatsächlich nicht mehr so wichtig. Die
andere Person ist genau wie ich anders geworden und interessiert sich nicht
mehr wirklich dafür. Klar, wenn sie es aus Nostalgiegründen wiederhaben will
oder für eigene Kinder, sollte man es schon zurückgeben, aber das ist dann
nicht mehr auf der Basis des alten Versprechens, denn dieses hat tatsächlich an
Bedeutung verloren.
Also, sind wir für die
Fehler und Versprechen unserer Vergangenheit verantwortlich? In vielen Fällen
schon. Wenn unser Charakter und die Motivation weitgehend noch gleich ist und wir uns
auch erinnern können, sind wir ziemlich schuldig. Doch nicht auf alle Ewigkeit. Ich kann euch keine klare
Grenze nennen, ab wann wir nicht mehr schuldig sind, aber es gibt sie.
Irgendwann sind eure alten Selbste so weit von euch entfernt, dass es keine
Rolle mehr spielt, da die Person von damals einfach nicht mehr existiert. Für die
Jurist:innen unter euch: Deshalb gibt es wohl auch das Phänomen, dass Straftaten
verjähren. Ganz grob gesagt heißt das, dass ihr irgendwann nicht mehr deshalb
belangt werden könnt. Das gibt es nicht bei allen Straftaten und ist natürlich
nochmal komplizierter, als ich es darstellen kann, aber hat seinen Ursprung
darin. Wozu jemanden bestrafen, wenn er/sie sich seit der Tat komplett
charakterlich und im Willen geändert hat und sich darüber hinaus noch
nicht einmal wirklich daran erinnert? Letzten Endes hat diese neue Person es ja nicht getan.
Verantwortlichkeit für die Zukunft
Doch was ist mit unserer
Zukunft? Klar, wir können nicht belangt werden, wenn wir noch gar nichts getan
haben, aber rein theoretisch: Heute schreibe ich an dieser Folge. Was hat mein Ich von vor 5 Jahren damit zu tun? Ist es
dafür verantwortlich? Und wenn ich irgendwann entscheide, das nicht mehr tun zu
wollen, ist das die Schuld von meinem jetzigen Ich? Derek Parfit sagt, dass wir
mit unserer Zukunft immer verbunden sind, weil wir unsere Gegenwart nach ihr
ausrichten. Jeder Wunsch und jeder Wille, den wir haben, geht in die Zukunft.
Und daher ist man mit der Zeit nicht einfach weg und wird mit einem neuen
Menschen ersetzt. Nein, die Zukunft wird aktiv durch die eigene Motivation und
den Charakter gelenkt und daher ist man ganz klar verantwortlich für sie. Schon
interessant. Es ist schnell gesagt, dass man verantwortlich für seine Zukunft
ist, aber für seine Vergangenheit nicht unbedingt.
Parfit gibt uns auch ein
Beispiel, weshalb es irrsinnig ist, seine Zukunft als eine andere Person zu
behandeln. Es ist das Beispiel des russischen Edelmannes.
Ein reicher
russischer Bürger lebt in seinem Land zu der Zeit, in der die Idee des
Kommunismus um sich greift. Und will er lauter Grundstücke für teures Geld kaufen,
um sie kostenlos dem Volk zur Verfügung zu stellen. Doch er traut sich nicht.
Er befürchtet, dass er die wertvollen Immobilien letzten Endes doch für sich
behalten wird. Um das zu verhindern, zwingt er sich zum Verschenken, indem
er einen Vertrag unterschreibt. Dieser kann von ihm nicht legal widerrufen
werden, sondern nur mit Zustimmung seiner Frau. Diese bittet er aber, ihre Zustimmung unter keinen Umständen zu geben.
Was genau passiert hier? Der
russische Edelmann versucht, ein zukünftiges Ich von sich aufzuhalten. Er
denkt, dass er irgendwann seine kommunistischen Ideale verlieren und
versuchen wird, dem entgegenzusteuern. Aber das ist nicht sinnvoll. Parfit
sagt, dass dieser Mann sein zukünftiges Ich wie eine andere Person betrachtet,
aber gleichzeitig wie sich selbst. Er wird auf der einen Seite dazu durch seine
eigenen Wünsche, hat aber auf der anderen Seite Angst davor und kämpft dagegen an, wie gegen einen fremden Menschen. Aber diese Person kann nicht gleichzeitig er und jemand anders sein.
Wenn es jemand anders ist, gibt es keinen Grund zur Sorge und wenn er selbst es
ist, sind es ja die eigenen Wünsche, die diese Person dazu bewegen das zu tun,
was sie tut. Damit ist er dafür verantwortlich, was passieren wird. Dass er
diesen Wechsel für möglich hält, zeigt ja nur, dass er ihn teilweise schon
will. Auch hier sagt Parfit wieder, dass es einfach sinnvoll ist, sich als ein
durchgängiges Ich zu betrachten. Klar wird man sich irgendwann charakterlich so
stark von seinem jetzigen Ich unterscheiden, dass man nicht mehr dieselbe
Person ist. Für ihre Taten ist man dann auch nicht mehr sonderlich
stark verantwortlich, sondern eher eine spätere Version von einem selbst. Aber
das soll einen nicht davon abhalten, seine eigene Zukunftsvision anzustreben.
Wenn der Edelmann es für wahrscheinlich hält, von seinem Ideal Abstand zu
nehmen, sollte er sich nicht dazu zwingen, es beizubehalten. Was ihn selbst
angeht, wird es ihm damit zumindest nicht gut gehen.
Exkurs: Sinnstiftungen als Identitäten
Ein kleiner Einschub
übrigens für alle von euch, die die Folge zum Sinn des Lebens gehört haben. In
ihr sage ich über Sartre ja, dass wir aus einer Serie von Sinnstiftungen bestehen.
Mit jedem Willen gibt es eine kleine Änderung und aufgrund unserer Freiheit
können wir unser Ziel immer wieder ändern, wie wir wollen. Und hier habe ich
gesagt, dass man ständig Angst vor seiner Vergangenheit haben müsste, dass sie
einen nötigt, aber auch vor der Zukunft, die einen vielleicht verrät. Quasi
will ich immer alles, was ich gerade will, für immer wollen, wie bei der Liebe: Ich will meine:n Partner:in für immer lieben und sonst nichts
hören. Doch wenn ich ihn/sie nicht mehr liebe, will ich nicht nur deshalb
mit der Person zusammenbleiben, weil ich das damals gewollt habe, denn dieser
Wille ist weg. Genau vor dieser Situation hatte ich damals Angst gehabt,
doch jetzt wo sie da ist, will ich sie. Sartre hat zu der eigenen Identität
nicht viel gesagt, aber auch er meint: die Angst vor dem eigenen Handeln in der
Zukunft ist unnütz, denn sie geschieht aus unserem Willen und unserer Freiheit.
Nur benutzen wir in der Gegenwart die Freiheit anders als später. Aber das nur
am Rande.
Endstand
Fassen wir einmal noch kurz zusammen. Bleiben wir immer dieselbe Person? Nein, nicht für immer. Genau wie
sich unser Körper ständig verändert, bleibt auch unsere Identität nicht gleich.
Im Grunde verbindet uns mit unserem Körper von ganz früher nur, dass wir aus
ihm entstanden sind.
Nach Heraklits Theorie ist nie irgendetwas wirklich, sondern
wird immer nur. Und wir sind gerade im Kreislauf dieses Werdens an genau diesem
Punkt angekommen. Wir sind körperlich nicht identisch mit unserer
Vergangenheit, aber durch die Zeit miteinander verbunden.
Eine andere Sache ist
aber die Frage nach der Person. Denn wie Locke uns gezeigt hat, findet diese
nur im Mentalen statt. Hier sind die Veränderungen kleiner und nicht immer zu
berücksichtigen.
Es gibt drei Faktoren nach Parfit, die unsere Identität
ausmachen: Unsere Erinnerungen, unsere Motivation und unser Charakter. Und
diese verändern sich natürlich auch. So sammeln wir immer neue Erinnerungen,
während wir alte tendenziell verlieren. Doch sie verbinden uns mit unserer
Vergangenheit, da nur unsere Erinnerungen mit denen unserer Vergangenheit
identisch sind. Auf der anderen Seite sind sie allein nicht ausreichend für die
Identität, denn wir erinnern uns an Versionen von uns selbst, die sich sehr von
uns jetzt unterschieden haben.
Die Motivation steuert unsere Handlungen und
unser Denken und macht damit viel unserer Identität aus. Doch ein
Motivationsstrang reicht nicht lange und verbindet uns nicht mit vielen der
alten Selbste. Macht man ihn dann genereller, merken wir, dass er uns auch mit
vielen anderen Menschen vereint.
Deshalb gibt es das Kriterium des Charakters,
bei dem wir, seit wir ihn haben, immer mindestens einen Kern erhalten.
Die
psychologische Verbindung, die aus diesen drei Faktoren heraus zu unserer Vergangenheit entsteht, bleibt
daher ungebrochen. Aber wir haben sie durchaus auch zu Freunden und Familie aus
der Gegenwart, die Charaktereigenschaften, Motivationen und sogar Erinnerungen
mit uns teilen können. Deshalb kann man sich die Ähnlichkeit zu anderen
Identitäten gut in einer Skala vorstellen, in der wir sehen, wer uns am
nächsten kommt.
Weil wir zu sehr stark
vergangenen Versionen unserer Selbst kaum noch etwas teilen, sind wir für ihre
Taten eigentlich auch nicht mehr verantwortlich. Wenn die Fälle aber nicht so
extrem sind, ist dieses Prinzip in der Praxis schwer umzusetzen. Nach drei Jahren
könnte jemand grundlegend anders geworden oder gleichgeblieben sein. Daher ist
es einfacher, von einer durchgängigen Identität auszugehen, Phänomene wie
Versprechen verlieren sonst ihren Sinn. Es sollte jedoch trotzdem ab einem
gewissen Punkt eine Abwägung geben, ob man noch derselben Person
gegenübersteht. In jedem Fall ist man, wenn überhaupt, aber die einzige Person,
die für die eigene Vergangenheit verantwortlich gemacht werden kann, ein
gemachtes Versprechen kann kein Anderer einfach einlösen. Während man für seine
Vergangenheit nicht verantwortlich ist, ist man es für seine Zukunft aber umso
mehr. Vielleicht nicht so sehr für Ereignisse, die zwanzig Jahre von jetzt entfernt
liegen, doch man steuert die eigene Zukunft kontinuierlich, das ganze menschliche Sein
ist darauf ausgerichtet. Daher kann man seine zukünftigen Selbste eher weniger
als andere Personen betrachten. Man ist also für Taten in
der Zukunft voll verantwortlich, und zwar umso mehr, je näher sie liegen.
Konklusion
Und damit kommen wir zu einer Konklusion. Was machen wir
jetzt mit diesen Infos? Nun, ich denke, der Fall ist ganz klar: Macht euch nicht
so viele Sorgen um eure Vergangenheit. Eure Fehler, die ihr damals gemacht
habt, mögen bald danach noch sanktioniert werden und sie sind sicherlich auch
nicht gut. Aber irgendwann betreffen sie euch gar nicht mehr. Irgendwann seid
ihr nicht mehr die Person, die sie begangen hat und sie werden vergessen sein.
Doch vergesst die Vergangenheit auch nicht komplett. Versucht, aus ihr Dinge
für eure Zukunft zu lernen, denn sie ist es, die ihr beeinflussen könnt und auf
die sich euer Blick richten sollte. Versprechen aus der Vergangenheit könnt
ihr, wenn sie noch wichtig sind, in der Zukunft einlösen. Ihr könnt Fehler von
früher nicht löschen, aber später noch dafür aufkommen. Denn für alles, was
ihr in nächster Zeit tun werdet, seid ihr verantwortlich. Und das ist auch gut so: Es liegt in eurer Hand. Nicht in der eines zukünftigen Ichs, sondern in eurer. Noch könnt
ihr bestimmen, was der/die Nächste machen soll und in welche Richtung ihr gehen
werdet. Ich kann also nur empfehlen, den Blick nach vorne und nicht nach hinten
gerichtet zu halten.
So, das wars mit dieser Folge. Ich hoffe wie immer, dass es euch gefallen hat.
Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Dann macht es gut und einen
schönen Tag noch!
Quellen
,,Versuch über den menschlichen Verstand" - John Locke
,,Die philosophische Hintertreppe" - Wilhelm Weischedel
,,Gründe und Personen" - Derek Parfit
,,Das Sein und das Nichts" - Jean-Paul Sartre
Kommentare
Kommentar veröffentlichen