#08 Warum haben wir Angst vor dem Tod?

Zusammenfassung

Habt ihr Angst vor dem Tod? Wahrscheinlich, oder? Wer hat das nicht? Und auch, wenn man sorglos durchs Leben geht und die Sachen nimmt, wie sie kommen: Irgendetwas hält uns doch alle davon ab, diese Welt so ohne Weiteres zu verlassen. Warum ist das so? Und ist das berechtigt? Der Philosoph Martin Heidegger ist dieser Meinung. Er sagt, dass der Tod auf eine gewisse Weise unser Leben strukturiert. Ohne Tod kein Leben. Deshalb ist unsere Angst davor ganz normal und auch wichtig! Denn ohne sie können wir auch nicht leben. Wie meint er das? Und was sagen andere Stimmen dazu?

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

Hi zusammen! Herzlich willkommen zurück zu „Philosophie für zwischendurch“. 


Einleitung

Heute möchte ich mit euch über ein ernstes Thema sprechen. Eine ähnliche Frage wie die nach dem Sinn des Lebens. Das Thema heute ist nämlich der Tod. Ich denke, da wir so oft über das Leben gesprochen haben, müssen wir dem auch etwas Aufmerksamkeit schenken. Letzten Endes gehört er ja für jeden von uns dazu. Egal, wer wir sind, wir wissen alle, dass wir irgendwann sterben müssen. Und nicht nur wir, sondern auch die Tiere und die Pflanzen. Alles, was wir gerade sehen und was wir kennen, wird nicht von Dauer sein. Nicht einmal die Erde, auf der wir stehen, wird für immer da sein.
Wir haben hier wieder ein Thema, bei dem sich Leute üblicherweise Sorgen um einen machen, wenn man sich darüber zu viele Gedanken macht. Nun, darüber muss ich euch wahrscheinlich nach der letzten Folge keinen Vortrag mehr halten. Mir geht es hier um die Wahrheitsfindung und ich werde deshalb ganz nüchtern über den Tod reden. Er scheint immer so ein Tabuthema zu sein. Und das schürt bei den Leuten vermutlich noch weiter die Angst davor und genau darum wird es heute gehen: die Frage, warum wir Angst vor dem Tod haben und ob wir sie haben sollten.


Eine Annäherung an den Tod

Nun gut, wie packen wir das an? Warum haben wir Angst vor dem Tod? Was ist denn überhaupt der Tod? Ganz simpel gesehen. Er ist etwas, das jedem lebenden Wesen irgendwann passiert: Ein Punkt, ab dem das Bewusstsein mit der Wahrnehmung endet. Man könnte sogar sagen, dass die eigene Existenz endet. Nun gut, doch warum ist das so schlimm? Wieso hängen wir so an ihr? Weil sie uns offenbar positive Gefühle und Glück beschert. Und je mehr sie das tut, desto weniger will man, dass sie endet. Umgekehrt ist man dem Tod bei einer überwiegenden Anzahl an negativen Gefühlen und Leid eher zugeneigt. Wobei ich nicht denke, dass wir ihn uns jemals wünschen. Doch dazu komme ich gleich noch. Jedenfalls ist der Tod gegenüber dem Leben offenbar ein neutraler Zustand. Da wir unserer Wahrnehmung und dem Bewusstsein beraubt sind, empfinden wir weder Lust noch Leid. Doch Menschen und andere Lebewesen sind nicht bereit dazu, ihre Lust wegzugeben, um kein Leid mehr empfinden zu müssen, es ist ein Tausch, den keiner machen will. Und deswegen hat man Angst vor dem Moment, wenn einem diese Entscheidung abgenommen wird. Es ist eine Angst vor einer Gewalt von außen, die wir nicht kontrollieren können. Und um dieser Angst zu entgehen, gibt es Religionen. Nun, religiöse Vorstellungen werden hier in der Folge noch ein paarmal auftauchen, aber ich werde sie nicht weiter verfolgen. Jede:r kann gerne glauben, was er/sie will und ich sage natürlich nichts dagegen. Aber als Philosoph will ich erst einmal das verfolgen, worüber wir ein bisschen mehr Gewissheit haben. Anderes überlasse ich den Theologen. Nun, jedenfalls gibt es Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod in eigentlich jeder Religion. Der Punkt scheint immer zu sein, dass das Bewusstsein konserviert wird. Egal, wo wir landen, dort können wir noch immer Lust empfinden. Und das tun wir, in einigen Vorstellungen sogar nur das. Es scheint notwendig für den Menschen zu sein, diesen Glauben zu haben, weil die Angst vor dem Tod derart groß ist.


Körperliche Angst

Jetzt habe ich sehr oft die Angst erwähnt. Vielleicht hilft es, wenn wir sie etwas genauer einfangen. Also, was ist eine Angst? Wann hat man Angst? Bevor ich diese zwei Fragen beantworte, möchte ich sie erst einmal in zwei Kategorien einteilen. Ich denke nämlich, dass nicht jede Angst gleich ist. Es gibt eine körperliche und eine intellektuelle Angst. Man könnte auch sagen, eine instinktive und eine überlegte Angst. Wieso mache ich diese Unterteilung? Ich möchte herausfinden, zu welcher Angst die vor dem Tod tatsächlich gehört. Oder vielleicht kann ich sie auf einer der Ebenen mildern.
Nun, fangen wir einmal mit der körperlichen Angst an. Sie scheint sehr schwer zu kontrollieren zu sein. Wenn man vor etwas instinktiv Angst hat, kann man das nicht einfach so ändern. Denkt an die Höhenangst: Stellt euch vor, ihr hängt an einem Seil über dem Abgrund, das sehr gut gesichert ist. Ihr seid am Bauch, an den Armen und an den Beinen daran stark befestigt. Das Seil ist von Metall durchzogen und wird von beiden Seiten stark gehalten. Ich kann jetzt noch weitermachen und beschreiben, wie sicher die Situation eigentlich ist, aber ihr versteht mich. Ihr hängt da und wisst zu hundert Prozent, dass ihr nicht fallen werdet. Doch trotzdem schlägt euer Herz, ihr schwitzt und ihr zittert. Denn ihr habt eben Höhenangst. Im Körper ist die Angst vor Höhen eingespeichert, da diese euch eben gefährlich werden können. Die körperliche Angst ist also konstant bei berechtigten und unberechtigten Ängsten vorhanden.
Gut, um diese Einteilung auch zu erklären, kehren wir zu unserer Frage zurück: Was ist Angst? Zum Beispiel die Höhenangst. Was ist das genau? Ganz grob gesagt: die Erwartung einer Situation, würde ich sagen. Und zwar eine Situation, die man an sich nicht erleben will, weil sie einem auf irgendeine Weise schadet. Bei unserem Beispiel hat man Angst, zu fallen, weil man weiß, dass man sich dann alle Knochen bricht. Und das würde natürlich wehtun. Das Leid ist es, was einem Angst macht. Denn wenn der Aufprall keine Schmerzen oder Verletzungen verursachen würde, wäre er einem wahrscheinlich egal. Stellt euch eine Welt vor, in der ein solcher Fall nie Schmerzen verursachen oder zum Tod führen würde. Dann hätten wir diese Angst gar nicht erst. Und sie wäre auch unberechtigt. Also können wir hier auch ganz einfach aufzeigen, was unberechtigte und berechtigte Ängste sind. Eine berechtigte Angst liegt vor, wenn man Angst vor einer Situation hat, die einem Schaden zufügen wird, die auch möglich ist. Und natürlich sollte die Angst dieser Wahrscheinlichkeit auch ungefähr entsprechen. Wenn man dagegen sehr viel Angst vor einer Situation hat, die gar nicht passieren kann, ist die Angst unberechtigt. Wenn diese Situation sehr unwahrscheinlich ist, kann man die Angst vielleicht übertrieben nennen. Die Angst ist auch dann unberechtigt, wenn man eine Situation für eine hält, in der einem Schaden zugefügt wird, aber dann tatsächlich gar nichts passiert. Also gut, kommen wir zurück zu unserem Beispiel. Wenn ihr, wie ich gesagt habe, überhaupt nicht herunterfallen könnt, ist jede Angst unberechtigt. Doch je weniger ihr gesichert seid, desto berechtigter ist es, Angst zu haben. Ganz einfach also. Doch den Körper kann man davon eben nicht so leicht überzeugen.


Intellektuelle Angst

Deshalb habe ich gesagt, dass die körperliche Angst immer konstant bleibt. Egal, ob eine Angst berechtigt ist oder nicht, ob ihr körperliche Angst empfindet, entscheidet normalerweise euer Instinkt. Es ist natürlich möglich, sich Angst abzutrainieren, aber auch dann arbeitet man an eben diesen Instinkten.
Was ist aber mit der intellektuellen Angst? Nun, das ist die andere Seite. Sie ist sehr viel einfacher zu kontrollieren, und zwar durch rationale Überlegung. Ihr überlegt euch, ob ihr bei einer Situation Schaden nehmen würdet und wenn nicht, habt ihr keine Angst mehr. Deshalb ist hier der Unterschied zwischen berechtigten und unberechtigten Ängsten wichtiger. Nehmen wir uns einmal den Klimawandel als Beispiel. Wir hier in Deutschland haben noch keine wirklich starke Auswirkungen davon mitbekommen. Klar, der Schnee kommt jetzt nicht mehr so schnell im Winter und bleibt nicht mehr so lang, aber das ist ja gar nichts. Wenn man sich tatsächlich stark betroffene Gebiete auf der Welt anschaut, sind wir hier noch gut dran. Und deshalb haben wir instinktiv eigentlich keine Angst. Wir sehen quasi nichts davon und bekommen nichts mit. Auch hatten wir noch nie eine solche Situation. Woher sollte also unser Körper die Angst nehmen? Doch intellektuell können wir das. Wir können voraussehen, dass unser Leben auf diesem Planeten immer schwieriger werden wird und daraus Angst ziehen. Und auch hier können wir überlegen, wie berechtigt diese Angst ist. Wenn wir zum Ergebnis kommen, dass es eigentlich keinen Klimawandel gibt, dann passiert nichts weiter. Wir hatten ja keine körperliche Angst, also ist das Thema damit gegessen. Deshalb haben wir über diese Angst mehr Kontrolle.


Zwischenstand zur Angst

Und doch ist es nicht ganz schwarz und weiß mit den beiden Arten von Angst. Denn natürlich haben sie einen Einfluss aufeinander. Zum Beispiel kann eine intellektuelle Angst zu einer körperlichen Angst führen. Wenn man sich davon überzeugt hat, dass morgen die Welt enden wird, lässt der Körper nicht lange auf sich warten. Doch häufiger ist eigentlich die umgekehrte Art: Dass körperliche Ängste nicht richtig reflektiert und bearbeitet werden und somit ganz einfach zu intellektuellen Ängsten werden. Denkt an die Höhenangst. Normalerweise, wenn man so über dem Abgrund hängen würde, würde man nicht einfach nur instinktiv Angst haben. Nein, einem würden Zweifel kommen. „Ist dieses Seil wirklich dick genug?“ „Was ist, wenn es mich nicht hält?“ „Was ist, wenn einer der Pfeiler wegbricht?“ Und so weiter. Und so lenkt der Körper unser Denken. Und das ist auch logisch, denn beides befindet sich in uns.
So, aber genug davon. Ich bin schließlich kein Psychologe. Was holen wir hier für den Tod heraus? Wir haben eine körperliche, instinktive Angst, die sich hartnäckig gegen jede Überlegung wehrt und eine überlegte Angst, die man ganz einfach rational beenden kann. Wahrscheinlich habt ihr schon erraten, wozu die Angst vor dem Tod gehört, oder? Richtig, das ist eine sehr tief verwurzelte, körperliche Angst. Denn ich garantiere euch, durch kein Wort, das ich hier sage, kann ich sie euch nehmen. Auch ich werde sie sicher nicht verlieren. Sie könnte aber gemildert werden. Doch warum haben wir eigentlich instinktiv Angst davor? Wir sind ja noch nie gestorben, also kann es keine Erfahrung sein. Außerdem wird uns ja wie gesagt nicht direkt geschadet. Zumindest spüren wir in der Nachfolge nichts mehr.


Der Tod als Negierung

Naja, der Tod steht im Gegensatz zu allem, was wir tun. Wir sind, wir existieren, allein darin widerstehen wir doch dem Tod, oder? Denn er umfasst alles, was nicht mehr ist, was gestorben ist. Und dieses Sein von uns ist eben, was wir haben. Es gibt uns den Rahmen für das, was wir wollen und was nicht. Aber ohne unser Sein fehlt das. Es ist ein bisschen wie bei einer Brille. Nehmen wir an, ihr hättet eine starke Sehschwäche und ohne Brille würdet ihr nur Flecken mit unterschiedlicher Farbe sehen. Deshalb braucht ihr sie, um sagen zu können, was schön aussieht und was nicht. Und das endet, wenn die Brille weg ist. Man kann mit der Brille auch nicht die Sicht eines Blinden sehen. Und natürlich will man das auch nicht. Genau so ist es beim Sein. Ohne das Sein, das heißt ohne den Willen, könnt ihr gar nichts erleiden oder erwünschen. Wir hatten es schon bei der Folge zum Sinn des Lebens: Nach Sartre existiert der Mensch nicht ohne seinen Willen. Naja, und genau so wie ihr ohne Brille nichts hässlich finden könnt, könnt ihr ohne Willen und Gefühle nichts schmerzhaft finden. Dafür müsste jedoch euer Sein verschwinden. Aber mit jeder Sekunde, die wir auf der Erde sind, trotzen wir dem Tod und versuchen, unseren Rahmen zu erhalten. Wenn man keine Angst vor dem Tod hätte, würde man diesen Kampf doch gar nicht kämpfen, oder? Denn es ist anstrengend genug.
Gut, es macht also wohl intellektuell zwar wenig Sinn, Angst vor dem Tod zu haben, doch körperlich umso mehr. Und jetzt kommts: Man kann sich als lebendes Wesen den Tod auch nicht wünschen. Und das sage ich ganz generell für alle Menschen. Niemand will wirklich sterben. Der Wunsch scheint doch so ein bisschen das Gegenteil der Angst zu sein, nicht wahr? Was ist ein Wunsch? Naja, die Erwartung einer Situation, von der man unbedingt will, dass sie eintritt. Wie zum Beispiel ein gutes Ergebnis bei einem Fußballspiel. Und je nachdem, wie wahrscheinlich die erwünschte Situation ist, ist der Wunsch realistischer oder weniger realistisch. Und warum wünscht man sich solche Situationen? Weil man eben im Ergebnis Glück empfinden will. So ganz generell gesagt. Aber über den Tod habe ich schon gesagt, dass wir weder Lust noch Leid spüren können, wenn er gekommen ist. Also ist es fest: Kein Mensch will sterben oder kann sterben wollen.
Stopp, ich weiß was ihr sagen wollt. Und dazu hatte ich ja versprochen zu kommen. Was ist mit suizidgefährdeten Menschen? Die wollen doch ganz offensichtlich sterben! Scheinbar. Ein suizidgefährdeter Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er in seinem Leben unverhältnismäßig viel Leid erlitten und wenig Lust erlebt hat. Oder zumindest in letzter Zeit und auch da kommt es eher darauf an, wie seine Sicht auf die Dinge ist. Jedenfalls scheint ihm das Leben nicht mehr lebenswert zu sein, denn die Person rechnet damit, dass es auch weiterhin so gehen wird. Doch was will sie eigentlich? Will diese Person wirklich sterben? Gedanken, die so einen Menschen typischerweise umkreisen, sind „Es wird ihnen leidtun!“ oder „Ich will nur meine Ruhe haben!“ oder „Es macht keinen Spaß mehr hier!“ Nun, was sind das für Gedanken? Eigentlich hören die sich gar nicht nach dem Tod an, oder? Es wirkt eher, als würde die Person ein neues Leben anfangen wollen. Sie möchte von ihren Mitmenschen bemitleidet werden, will den eigenen Frieden und mehr Freude finden. Doch das sind alles Dinge, die einem der Tod nicht bietet. Nicht nur kann man das Mitleid nicht mehr bekommen oder die Freude empfinden, auch hat man keinen Frieden. Man hat gar nichts mehr. Man ist nämlich auch nichts mehr und damit verschwindet auch die Fähigkeit, etwas zu haben. Auch kann man im Tod gar nicht mehr wollen oder eben wünschen. Der Tod ist also gar nicht wünschbar. Man kann sich nicht wünschen, sich nichts mehr zu wünschen. Es scheint zwar so, als würden das Religionen wie der Buddhismus praktizieren, doch unter einem gewissen Ziel: Man will die Erlösung und Frieden. (Mehr zu dieser Religion findet ihr in der 25. Folge: ,,#25 Der Buddhismus: Fernöstliche Philosophie"). Seht ihr? Wieder ein Ziel. Aber gar kein Ziel zu haben? Nichts zu wollen? Das ist mit dem Willen nicht fassbar. Genau wie bei der Brille von eben. Man kann nicht sehen, wie es ist, blind zu sein.
Und das ist auch der Grund, weshalb der Tod moralisch so sehr abgewertet wird. Wieso wir alle Angst vor ihm haben und ihn unbedingt vermeiden wollen. Er steht ganz einfach allem entgegen, was wir sind und tun. Wir können ihn uns nicht wünschen, weil unser Willenskonzept auf ihn nicht anwendbar ist. Wir können ihn eigentlich noch nicht einmal fürchten, weil auch das nicht passt. Es bleibt also unsere körperliche Angst, die aber wichtig ist. Unsere Angst vor dem Tod bringt uns dazu, die Anstrengungen des Alltags auf uns zu nehmen. Überlegt doch einmal, wie viel wir eigentlich immer wieder investieren, um nicht zu sterben. Der Tod ist also eine intellektuell unberechtigte, aber eine körperlich notwendige Angst. Deshalb fürchten wir ihn und das ist wohl auch gut so, sonst wären wir vielleicht nicht mehr hier.


Das Alter

Doch genug von mir, was sagen denn die alten Philosophen dazu? Ich weiß, ich habe Platons ,,Der Staat" jetzt schon zu vielen verschiedenen Themen zitiert, aber es ist einfach ein echt gutes Buch. Ich kann es ehrlich nur empfehlen. Platon redet darin zwar nicht direkt über den Tod, aber über das Alter. Die Vorstufe zum Tod und eine Angst, die auch viele Menschen teilen: Die Angst, alt zu werden. Sie ist auch sehr ähnlich zu der vor dem Tod, denn man befürchtet, weniger bis keine Freude mehr empfinden zu können. Und genau das ist es, was auch Platon sagt. In dem Buch tut das aber natürlich Sokrates. Dieser redet ganz am Anfang mit dem alten Kephalos über das Altern. Genau ein Kapitel, bevor es um Gerechtigkeit und den Staat geht. Ein interessant gewählter Einstieg.
Zunächst sagen die beiden genau das, was wir auch gesagt haben. Das Alter wird als Leiden gesehen, das jeden befallen wird. Man verliert an körperlichen Fähigkeiten und wird darüber hinaus öfter krank. Doch Kephalos sagt, dass er diese Situation eigentlich als einen Grund zur Freude sieht. Er ist der Meinung, dass das Leben für ihn friedlicher geworden ist. In der Jugend, erinnert er sich zurück, wurde er von „rasenden Herrschern“ gelenkt, die ihm keine Ruhe gelassen haben. Was Kephalos damit meint, ist die Liebe. Er will sicher nicht sagen, man könnte im Alter nicht lieben, aber er redet von der jungen und triebhaften Liebe. Und klar, während man noch jung ist, stellt sie einem das ganze Leben auf den Kopf und ist teilweise ziemlich anstrengend. Klar, sie hat viele andere Seiten, aber das hier ist ja auch keine Folge über die Liebe. (In der 13. Folge rede ich aber darüber: ,,#13 Was ist Liebe?") Weiter sagt er, dass es eine Charaktersache ist, wie man mit dem Alter zurechtkommt. Ist man maßlos und will immer alles haben, hat man sein ganzes Leben zu kämpfen, bis ins Alter. Ist man aber genügsam, ist selbst die Jugend weniger anstrengend und angenehmer. Sie reden auch darüber, dass man frommer im Alter wird und sich überlegt, ob man gut gelebt hat. Doch wie schon gesagt, wird das theologische Thema hier erstmal keine Rolle spielen.
Ich lasse das Gesagte jetzt einmal so unkonkret stehen. Denn Platon hat hier eine sehr interessante Sache gesagt. Anscheinend ist es nicht schlimm, bestimmte Sachen nicht mehr zu können, wenn man sie gar nicht mehr will. Man ist im Alter wohl zunehmend abgekämpft vom Leben und genießt daher die Ruhe. Klar, alt zu sein, ist nicht einmal annähernd dasselbe, wie tot zu sein. Man hat eben andere Interessen als früher und es ist natürlich auch wahr, dass es gewisse Dinge gibt, die man gerne tun würde und nicht mehr kann. Man ist ganz klar nicht willenlos. Aber das zeigt vielleicht, dass es nicht schlimm sein muss, bestimmte Sachen nicht mehr zu können, wenn man sie auch nicht mehr will. Dass es eigentlich egal ist. Und wie wir bereits geklärt haben, kann man nach dem Tod nichts mehr wollen. Platon war Historikern zufolge übrigens ungefähr 40-60 Jahre alt, als er diesen Dialog geschrieben hat. Man ist sich leider nicht sicher, aber weiß, dass dieser ungefähr in der Mitte von Platons Dialogserie kam. Also ja, er selbst war nicht uralt zu der Zeit. Aber 40-60 Jahre waren im alten Griechenland auch nicht gerade wenig. Ich denke also, wir können ihm da glauben.


Axiochos' Angst vor dem Tod

Doch wenden wir uns dem Tod selbst zu. Es gibt einen zweiten Dialog, in dem es genau darum geht. Mit seiner Herkunft ist es aber schwierig. Er wurde zunächst Platon zugeschrieben, denn er tauchte in dessen Schriften auf und ist sehr ähnlich geschrieben: Sokrates ist die Hauptperson und vertritt im Grunde eine Position, die auch Platon vertreten hätte. Aber dieser Dialog ist nicht von ihm. Das wurde bereits in der Antike herausgefunden. Er muss es irgendwie in die Schriften der Akademie Platons geschafft haben und wurde nicht weiter hinterfragt. Nun kann man davon halten, was man will. Viele haben gesagt, das sei eine dreiste Fälschung und ein Versuch, Platon zu imitieren. Doch ich bin eher Anhänger der modernen Sicht, in der der Dialog als Ehrung gesehen wird. Ich meine, der Verfasser ist bis heute unbekannt, denn er hat seinen eigenen Namen nirgends vermerkt. Also konnte er auf Ruhm schon einmal nicht aus gewesen sein. Auch hat der Verfasser Platon nicht wirklich falsche Worte oder Meinungen in den Mund gelegt, denn der Dialog fügt sich gut in die Reihe ein. Wahrscheinlicher ist es daher, dass diese Person Platons Lehren sehr genau verfolgt hat und so begeistert davon war, dass sie sich selbst einmal an dem Schreibstil versuchen wollte. Und es ist ihr auch gut gelungen, muss man sagen.
Der Dialog heißt Axiochos, genau wie die Person, um die es geht. Axiochos, ein ebenfalls sehr alter Mann, liegt nämlich im Sterben und lässt daher Sokrates rufen. Dieser soll ihn mit seinen Reden trösten und ihm die Angst nehmen. Also unterbricht Sokrates seinen Spaziergang und eilt herbei. Axiochos beklagt, dass er mit dem Tod für immer die Fähigkeit verlieren wird, die schönen Dinge auf dieser Welt zu sehen und damit auch alle seine Gütern. Doch Sokrates wendet ein, dass Axiochos hier einen Widerspruch begeht. Ähnlich wie wir eben führt er aus, dass dieser auf der einen Seite beklagt, seine Sinne zu verlieren, aber auf der anderen Seite das, was er mit ihnen wahrnehmen kann. Denn es ist kein Wert mehr in seinen Gütern, wenn er sie nicht mehr wahrnehmen kann. Entweder also sollte er nur den Verlust der Sinne beklagen oder den der Güter, aber wenn beides gleichzeitig passiert, gibt es keinen Grund zur Trauer. Wobei die Trauer um die Wahrnehmung allein schon widersinnig ist.
Aber das stellt Axiochos natürlich nicht zufrieden. Er hat eben einen Logikfehler begangen, toll. Aber der Punkt ist ja, dass er weiterhin leben will. Und auch das stellt Sokrates in Frage. Er fragt den Sterbenden nämlich, ob das Leben denn wirklich so toll ist. Denn eigentlich ist es mit ständigem Leid behaftet. Einen Körper zu haben heißt, zu leiden. So kommt man als Baby bereits heulend auf die Welt. Wenn man älter ist, wird man in einer Schule gesteckt, in der man gegen den eigenen Willen Dinge lernen muss, die einen vielleicht gar nicht interessieren. Und dann, wenn man sich da endlich durchgehangelt hat, soll man auch noch selbst aus all diesen schmerzhaften Lektionen die eine heraussuchen, die einem am Besten gefallen hat. Man soll dann nämlich seinen eigenen Weg finden und einen Beruf beginnen. Keiner hilft einem dabei und man muss sich seine Wahl auch noch hart erkämpfen. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, wird man dabei immer älter und schwächer. Man kann also diese ganzen Kämpfe noch nicht einmal ewig durchhalten und will man auch nicht, sondern wird müde. Was das Ganze noch schlimmer macht, ist, dass man gar nicht so wirklich Kontrolle über sein Leben hat. Man ist die ganze Zeit Effekten von außen ausgesetzt, wie dem Wetter, den Lehrern, der Familie, den Herrschern und noch vielen mehr. Man taumelt also durch das ganze Leben, wird von der Umwelt hin und hergeworfen und kämpft, bis man nicht mehr kann. Und dann will man wirklich noch weiterhin leben?
Doch auch das stellt Axiochos nicht zufrieden. Klar kann das Leben schlecht sein, aber bei der ganzen Aufzählung hat Sokrates die guten Seiten vergessen. Dann zitiert der Philosoph den Epikur, der einmal gesagt hat: „Wenn ich bin, ist der Tod nicht und wenn der Tod ist, bin ich nicht.“ Also eigentlich gibt es gar keinen Grund zur Sorge. Der Tod hat nämlich gar nicht mit uns zu tun. Er betrifft uns nicht, weil er nur dann kommt, wenn wir schon weg sind. Warum sollten wir uns also Sorgen machen? Letzten Endes ist für unser Leben nur alles das relevant, was wir wahrnehmen können und dazu gehört der Tod nicht. 
Leider kann Sokrates letzten Endes den armen Axiochos nur durch Erzählungen von der unsterblichen Seele trösten: Ein innerer harter Teil von einem selbst, der den Tod überlebt und den Körper abwirft, und damit auch das Leid. Diese Seele aber erhält sich ihr Bewusstsein. Doch hier sind wir wieder beim theologischen Teil angelangt. Zugegeben, man kommt sehr schnell hierhin, wenn man sich Gedanken um den Tod macht.


Zwischenstand 

Doch was machen wir mit diesem Dialog? Im Grunde hat er viele der bekannten Punkte schon genannt. Ich möchte für euch einmal zusammenfassen, was wir denn bisher alles haben. Wir haben eine starke körperliche Angst vor dem Tod, weil er außerhalb unseres Seins liegt. Alles, was wir tun und denken, richtet sich darauf aus, dass wir existieren. Wir können gar nicht außerhalb von dem denken, was wir wollen und nicht wollen. Daher macht der Tod uns auch Angst, weil wir keinen Anhaltspunkt haben. Auch können wir ihn nicht wollen, denn wir können das Wollen selbst gar nicht auf ihn anwenden.
Die Angst vor dem Tod scheint aber auch das zu sein, was uns ausmacht. Immerhin versuchen wir ihn jeden Tag zu vermeiden. Und am Leben zu bleiben, ist eine solche Anstrengung, dass wir sonst wohl einfach sterben würden, wenn wir nichts gegen ihn hätten. Wie der unbekannte Verfasser Sokrates sagen lässt, ist das Leben ein einziger Kampf. Auch wenn es sicher auch schön sein kann, sind wir nie ganz vom Leiden befreit und werden die ganze Zeit von äußeren Einflüssen gelenkt. Die Angst vor dem Tod ist also ganz klar eine körperlichen Angst, die instinktiv und sehr schwer zu bekämpfen ist. Deswegen stufen wir ihn auch moralisch so stark ab. Außerdem ist das auch der Grund, weshalb eigentlich alle Religionen den Tod thematisieren. Sie alle bieten Aussicht auf ein Leben danach, das quasi so aussieht wie jetzt. Wir können weiterhin wollen und nicht-wollen.
Auf intellektueller Ebene hat diese Angst auch einen starken Einfluss, doch den kann man zurückdrängen. Wir müssen uns nicht davor fürchten, alles zu verlieren, wenn wir es sowieso nicht mehr wollen. Dass das nicht schlimm ist, bemerken wir im Beispiel zum Alter bei Platon, wenn wir bestimmte Dinge aus unserer Jugend nicht mehr wollen. Denn dann stören wir uns auch nicht mehr daran, dass sie fehlen. Ängste richten sich eigentlich auf Situationen, bei denen uns geschadet wird, doch der Tod ist kein Schaden an uns, denn wir können dann keinen Schaden mehr wahrnehmen. Außerdem sagt Epikur, dass der Tod uns ohnehin nichts angeht. Denn er kommt nur dann, wenn wir schon weg sind. Also gibt es nichts, worüber man sich Sorgen machen sollte.


Die Sinnlosigkeit des Todes

Doch was meint Epikur damit? Und wie soll uns das jetzt genau die Sorge vor dem Tod nehmen? Dafür ziehe ich zwei weitere Philosophen heran, die etwas moderner sind. Ich habe sie auch schon in der Folge zum Sinn des Lebens erwähnt: Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre. Es ist sehr interessant, das sind zwei Existentialisten, die quasi zur gleichen Zeit gelebt haben und sehr ähnliche Theorien hatten, doch zum Tod hatten sie eine fundamental unterschiedliche Sicht. Nun, da ich ihn schon beim Sinn des Lebens so lange hatte und ihr seine Sicht wahrscheinlich noch besser kennt, möchte ich erst über Sartre und sein „Das Sein und das Nichts“ reden.
Er hatte eine sehr negative Sicht auf den Tod. Ihr erinnert euch ja daran, dass er gesagt hat, der Mensch sei ein freies Wesen? Nun, der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er denken kann, was er will und sein Leben ausrichten kann, wie er will. Wir haben zu jeder Zeit unseres Lebens einen gewissen Plan, der von einem Willen gesteuert wird. Jetzt zum Beispiel möchte ich diesen Text schreiben und weiter in der Philosophie forschen, bis ich vielleicht einmal damit etwas arbeiten kann. Das ist ein Plan, ein Lebenssinn. Und ich bin frei dazu, jeden Plan zu machen, den ich will. Aber Achtung: Ich bin deswegen nicht gleich frei, alles zu tun, was ich will. Es geht um das Denken und Wollen.
Nun, jedenfalls beendet der Tod dieses Spiel. Und zwar definitiv. Der Tod begrenzt unsere Freiheit, denn alle unsere Lebenspläne lehnen sich an ihm an. Letzten Endes will ich arbeiten, damit ich Geld verdiene, damit essen kaufen kann und nicht sterbe. Auch die anderen Lebensentscheidungen haben am Ende den Hintergrund, nicht sterben zu wollen. Der Witz ist aber, dass das trotzdem passiert. Und wo ist der Sinn, so lange dem zu widerstehen, wenn es dann doch kommt? Wo ist der Sinn einer Lebensplanung, die den Tod verhindern soll, wenn sie es gar nicht tut? Der Tod rafft unser Sein dahin und zerstört unsere Pläne. Und zwar irgendwann. Denn wir wissen nicht einmal, wann und was passieren wird. Der Tod ist am Ende der Grund, weshalb unser Leben sinnlos ist, und deswegen ist es auch berechtigt, Angst vor ihm zu haben. Er nimmt uns nämlich das, was wir immer erhalten wollen und uns ausmacht: Unsere Freiheit.
Ziemlich pessimistisch, nicht wahr? Hier ist der Tod im Grunde eine unbesiegbare Macht von außen, der wir ausgeliefert sind. Aber ihr erinnert euch vielleicht auch, dass Sartre unsere Freiheit nicht nur in einem positiven Licht sieht. Sie führt dazu, dass wir keine Stabilität in unserem Leben haben können und immer etwas anderes wollen. Und so taumeln wir von Wunsch zu Wunsch, bis wir nicht mehr können. Auch, dass er uns unseren Sinn nimmt, ist nicht sonderlich tragisch. Wie ich euch in der 2. Folge schon gesagt habe, ist das eigentlich sogar ganz gut so. Der Tod hat hier also insofern nichts mit uns zu tun, als dass er außerhalb von uns liegt und tut, was er will. Ganz egal, was wir gegen ihn unternehmen. Nun, keine Sorge, wenn euch das nicht beruhigt. Mich auch nicht.


Die Sinnhaftigkeit des Todes

Aber es gibt auch eine alternative Sicht auf den Tod von Martin Heidegger. In seinem Werk „Sein und Zeit“ lehrt er uns, den Tod nicht nur als eine Kraft von außen zu sehen, die uns alles wegnimmt.                    Heidegger sieht das Sein genau wie Sartre, auch wenn er nicht den Begriff der Freiheit benutzt. Beim Tod hebt er aber hervor, dass unser Sein unfertig ist. Und das ergibt auch Sinn: Wir machen ständig Pläne und wollen etwas, sind aber nie wirklich zufrieden. Denn, wenn wir etwas haben, wollen wir wieder etwas anderes. Wie auch Sartre gesagt hat: Unsere Freiheit führt dazu, dass wir immer wieder etwas Anderes wollen. Selbst, wenn man hat, was man will und es auch weiterhin will, will man es eben erhalten. Heidegger sagt, dass man sich immer mehr Möglichkeiten vorstellen kann, als man tatsächlich machen kann. Allein, wenn ihr irgendetwas tut, habt ihr doch sicher schon tausend andere Dinge im Kopf, die ihr auch machen könntet. Doch könnt ihr tausend Dinge gleichzeitig machen? Also, ich nicht. Wir sind, wie man sieht, von unserem Sein her unvollständig. 
Und da kommt der Tod ins Spiel, denn Heidegger sagt, dass er es am Ende ist, der uns vervollständigt. Interessante Betrachtungsweise, nicht wahr? Aber es stimmt, denn denkt einmal nach: Alles, wonach wir streben, erreichen wir im Tod quasi. Wir essen, damit wir keinen Hunger leiden, was ein sehr häufiger Wunsch im Leben ist. Wir versuchen, maßvoll zu sein und nicht alles auf einmal zu wollen. Das ganze Leben lang kämpfen wir mit unserem Willen, der unsere Handlungen lenkt und uns lauter Dinge tun lässt. Wir haben ständig neue Pläne, die normalerweise nicht einmal wirklich aufgehen. Und dann kommt der Tod und vervollständigt unser Sein. Wir haben keinen Hunger mehr, empfinden kein Leid und sind von dem Willen befreit. Doch es gibt eben ein Problem mit dem Tod: Er vervollständigt nicht nur unser Sein, sondern beendet es auch. Deshalb bekommen wir das nie mit. Und daher auch der Rückgriff auf Epikur: Der Tod hat am Ende gar nichts mit uns zu tun. Er kann nicht kommen, während wir da sind und wir können nicht da sein, wenn er kommt. Wir können, auch wenn wir es immer anstreben, nicht vollständig sein und der Tod nicht unvollständig.
Es gibt einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen Sartre und Heidegger. Sartre sagt, dass der Tod dem Leben den Sinn nimmt. Und obwohl Heidegger ihm nicht widerspricht, hebt er die Bedeutung des Todes für uns hervor. Denn was wäre denn unser Sinnentwurf ohne ihm? Das Leben hätte doch gar keine Struktur, oder? Hätten wir an irgendetwas Freude, würden irgendetwas machen wollen, wenn wir gar nicht sterben würden? Gäbe es ohne den Tod überhaupt den Willen oder auch die Freiheit? Nach Heidegger ist der Tod keine Kraft von außen, sondern von innen. Sie ist genau in uns, jedem Einzelnen von uns, denn niemand kann für uns sterben. Der eigene Tod ist etwas Persönliches, das uns niemand abnehmen kann. Und er gehört sehr viel mehr zum Alltag, als wir uns oft klar machen. Je älter man wird, desto offensichtlicher wird es, dass man eigentlich mit jedem Tag ein bisschen stirbt. Aber daher ist die Angst vor dem Tod auch wichtig, denn sie lenkt unser Leben in eine bestimmte Richtung.              Nun was machen wir mit Heidegger? Der Tod scheint nicht gegen uns, sondern für uns zu arbeiten. Das ganze Leben kämpfen und kämpfen wir, um vollkommen zu werden und dann, eines Tages, fügt sich der Tod als das fehlende Stück ein. Während unser Sein endet, wird es vervollständigt. Deshalb gibt uns der Tod im Grunde alles, was wir haben. Man könnte fast sagen, dass wir ihm unser Leben verdanken, denn an ihm richten wir uns aus. Ohne ihn wäre unser Leben nicht dasselbe, wahrscheinlich wäre es gar nicht lebenswert. Deswegen müssen wir uns eine gewisse Angst vor dem Tod wohl erhalten. Doch wir haben die Gewissheit, dass unser unvollkommenes Sein irgendwann seine Vollständigkeit erhalten wird.
Soll das heißen, dass wir den Tod doch wollen sollen? Verlange ich von euch, dass ihr intellektuell die Vervollständigung wollen sollt und körperlich nicht? Nein, natürlich nicht. Wir sollten den Tod nie wollen, abgesehen davon, dass das technisch gesehen ohnehin nicht ganz aufgeht. Stellt es euch vor wie einen guten Film: Habt ihr wirklich Lust, in den Blockbuster des Jahres zu gehen und nur das Ende zu sehen? Die Geschichte ist dann ja fertig und ihr wisst, wozu sie geführt hat. Ihr habt die wichtigsten Infos. Aber dafür schaut man keine Filme, nicht wahr? Nein, ihr wollt natürlich die Handlung verfolgen und mitfiebern, euch fragen, wie es weitergehen wird. Ihr wollt trauern, wenn jemand von den Guten stirbt und triumphieren, wenn die Hauptperson den/die Antagonist:in besiegt. Ist es nicht beim Leben auch ein bisschen so? Ihr könntet direkt zu dieser Vervollständigung übergehen, aber dann war es das doch. Besser ist es doch, alles zu genießen, was man kann und mitzumachen. Und dann, wenn man müde ist und genug hat, kann man sich dem Ende stellen. Und letzten Endes wird sich damit alles zusammenfügen, egal wie das Leben war. Wie ich finde, ist das ein beruhigender Gedanke.


Endstand

So, jetzt habe ich euch viele Theorien vorgestellt und es war diesmal sicher alles etwas komplizierter als sonst. Der Tod ist kein sonderlich gut greifbares Thema. Unsere Eingangsfrage war: „Warum haben wir Angst vor dem Tod?“ Ich denke, diese Frage haben wir jetzt geklärt. Eigentlich ist es paradox, den Tod zu fürchten, denn normalerweise hat man Angst vor Schaden, der einem passiert. Doch der Tod nimmt uns auch unsere Wahrnehmung, sodass wir kein Leid erfahren. Glück eben auch nicht, was uns aber auch nicht stören würde. Daher ist die intellektuelle Angst eher weniger gerechtfertigt. Aber auf körperlicher Ebene hat diese Angst einen wichtigen Hintergrund: Der Tod liegt außerhalb unseres Seins und der Körper ist nun einmal das Sein. Wir können den Tod weder wollen noch nicht wollen und das macht ihn so unfassbar. Genau so wenig, wie man durch eine Brille Blindheit sehen kann. Da wir aber so viel dagegen unternehmen, zu sterben, ja sogar unsere Existenz selbst heißen muss, dass wir dem Tod trotzen, müssen wir ihn fürchten. Auf instinktiver Ebene eben.
Und Platon zeigt uns, dass wir, bereits während wir leben, unseren Willen für gewisse Dinge verlieren. Und das stört uns auch nicht, sondern ist uns egal. Teilweise freut uns das sogar, denn etwas zu wollen, kann ganz schön anstrengend sein. Auch wenn diese Freude nach dem Tod natürlich nicht mehr möglich sein wird.
Unser anonymer Verfasser meint schließlich, dass wir nach Epikur den Tod ohnehin nicht zu fürchten haben. Er kommt ja nach uns und hat damit nichts mehr mit uns zu tun. Wir sind nicht mehr da, wenn er kommt und wenn er kommt, sind wir schon weg. Der Tod ist also nicht unsere Sache.
Dem sind wir weiter nachgegangen und auf Sartre gestoßen, der uns sagt, dass der Tod tatsächlich außerhalb unserer Reichweite liegt. Was er aber tut, ist, uns das Leben, unsere Freiheit und unseren Sinn zu nehmen. Denn wir können nichts gegen ihn ausrichten, egal was wir versuchen.
Heidegger hebt aber hervor, wie wichtig der Tod für unser Leben doch ist. Er gibt dem Leben die Struktur, die es hat und braucht. Und wenn man dann seinen Kampf gekämpft hat, vervollständigt und beendet er das eigene Sein. Er ist zwar ein Teil von uns, aber sein Wirken bekommen wir nicht mehr mit. Deshalb hat er mit uns tatsächlich nicht sonderlich viel zu tun.


Konklusion

Sollten wir also vor dem Tod Angst haben? Nun, auf einer körperlichen Ebene schon, aber das ist sowieso gegeben. Doch intellektuell? Nein. Macht euch keine Sorgen, der Tod ist genau da, wo er sein soll. Er beschert euch ein gutes Leben und wenn es langsam anstrengend wird, kommt er persönlich zu einem und vervollständigt das Sein. Das heißt nicht, dass man sich auf den Tod freuen soll, man kann ihn sich nicht wünschen. Man kann ihn nur akzeptieren. Darum kann ich nur raten, das Leben zu genießen, solange es währt. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit und zeitlich begrenzt. Daher sollte man nicht zu lange Zeit mit seiner Angst verwenden. Deshalb hat Epikur auch seinen berühmten Satz gesagt. Letzten Endes ist der Tod nicht unsere Sache. Wir haben ihn nicht in unserer Gewalt und erleben ihn auch nicht. Also warum sich damit das ruinieren, worauf man Einfluss hat? Und zwar dieses Leben, das wir führen.

So, ich hoffe, euch hat diese Folge gefallen. Das war mein philosophischer Blick auf den Tod. Hoffentlich keine zu traurige Folge. Falls ihr religiös seid, kann euer Glaube ja noch immer zutreffen, dagegen will ich gar nichts sagen. Doch ich bin eben Philosoph und kein Theologe, also soll das alles sein, was ich dazu zu sagen habe. 

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Dann macht es gut und bis zum nächsten Mal!


Quellen

,,Der Staat" - Platon

,,Axiochos" - Anonymus

,,Das Sein und das Nichts" - Jean-Paul Sartre

,,Sein und Zeit" - Martin Heidegger

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