#07 Wozu brauchen wir die Philosophie?

Zusammenfassung

Wozu brauchen wir eigentlich die Philosophie? Wenn ihr mir schon eine Weile zuhört, habt ihr euch diese Frage sicher schon gestellt. Denn klar sind die Antworten auf Fragen nach dem Sinn und dem Guten interessant. Aber was bringen sie uns? Man verdient damit kein Geld, man wird nicht wirklich schlauer und man kommt auch irgendwann gar nicht mehr weiter. Tut die Philosophie nichts weiter, als einfach in sehr langen Texten „Ich weiß es nicht“ zu sagen? Vielleicht. Aber sie tut viel mehr als das: Und zwar gibt sie und eine Richtung, Ordnung und Struktur. Wie das?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Hi und herzlich willkommen zu der 7. Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Vorbemerkung

Bevor es losgeht, möchte ich kurz einen Fehler korrigieren. Ich wurde zur 4. Folge darauf hingewiesen, dass Vegetarier:innen sich nicht nur darauf beschränken, kein Fleisch zu essen. Bei einer veegatrischen Ernährung isst man keine tierischen Produkte, wegen denen ein Tier direkt gestorben ist. Dazu gehört natürlich auf jeden Fall Fleisch, aber auch zum Beispiel Gelatine. Gelatine kann unter anderem auf Gummibärchen sein und besteht aus tierischem Gewebe. Bei der Klärung mancher Weine werden manchmal auch tierische Produkte wie Knochen oder Knorpel verwendet. Nun, es versteht sich wahrscheinlich von selbst, dass die Tiere sterben müssen, um diese Teile herzugeben. Aber das ändert natürlich nichts an der Konklusion der Folge. Tut mir also leid für diesen Fehler, ich wollte die Vegetarier:innen unter euch nicht klein halten. Also nochmal: Vegetarier:innen essen keine tierischen Produkte, für die ein Tier direkt sterben muss und Veganer:innen essen überhaupt keine tierischen Produkte.


Einleitung

Gut, wenden wir uns dem Thema dieser Folge zu. Es ist eine Frage, die mir sogar noch häufiger gestellt wird als die nach dem Sinn des Lebens. Typischerweise kommt sie immer ganz am Anfang und am Ende, wenn ich etwas Philosophisches erzähle. Während ich meine Ausführungen mache, hört man aber eher aufmerksam zu. Doch dann bin ich fertig und die Leute scheinen immer noch auf etwas zu warten. „Und was heißt das?“ oder „Und was mache ich jetzt damit?“ bekomme ich oft. Die Frage, über die ich rede, ist ganz einfach: „Wozu brauchen wir die Philosophie?“ Und es ist in Ordnung, das zu fragen, denn ich sehe es nicht als Angriff. Eine Wissenschaft lohnt sich nur dann, wenn sie einen auch wirklich weiterbringt. Und ich weiß, dass die Philosophie es tut. Aber diese Frage stellen sich alle, die mit ihr in Berührung kommen. Auch mich hat sie eine ganze Weile lang nicht losgelassen. Und dann habe ich das getan, was man eben so tut, wenn man ein solches Problem hat. Ich habe darüber nachgedacht, und versucht, es mir logisch zu erklären. Hier meine Ergebnisse:


Kritik an der Philosophie

Ich möchte erst einmal zusammentragen, was der Philosophie denn so vorgeworfen wird. Man sagt, es sei eine Wissenschaft, die nur offensichtliche Ergebnisse bringt. Deswegen generiert sie auch kein neues Wissen. Was sollten wir mit einer solchen Wissenschaft anfangen? Außerdem ist das Philosophieren offenbar eine fruchtlose Tätigkeit: sie führt nämlich anscheinend zu keinen Lösungen. Jedenfalls gebe es nie nur eine einzige richtige Antwort, denn Philosophie sei dafür viel zu theoretisch. Sie nimmt sich Fälle wie das Trolley Beispiel vor, die so in der realen Welt nicht passieren würden. Sie arbeitet mit idealen Menschen und Situationen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Außerdem sagt man, die Philosophie sei gefährlich. Sie könne sich negativ auf die Philosophierenden auswirken. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele von Philosoph:innen, die wahnsinnig geworden sind.
Gut, das sollten die wichtigsten Vorwürfe sein: Die Philosophie liefert einem nur offensichtliche Ergebnisse und normalerweise gar keine. Und es ist außerdem ganz egal, wie gut man philosophiert. Denn man läuft in jedem Fall Gefahr, psychisch krank zu werden. Es gibt hier zwei Arten von Argumenten gegen die Philosophie: Zweifel an ihrem Status als Wissenschaft und Zweifel an ihrer Auswirkung auf die Gesundheit.


Die Philosophie als Wissenschaft

Ich möchte zuerst einmal mit dem ersten Zweifel zu der Philosophie als Wissenschaft anfangen. Die Philosophie liefert einem scheinbar nur offensichtliche Ergebnisse. Ganz ehrlich: Das ist im Grunde wahr. Denkt zurück an die zweite Folge. Am Ende habe ich euch gesagt, dass ich den Sinn eures Lebens auch nicht kenne, weil man ihn nicht finden kann. In der dritten Folge hieß es, ihr könntet kein perfekter Mensch sein. In der fünften Folge kam ich damit an, dass ihr versuchen könnt, ein möglichst guter Mensch zu sein. Und wie? Indem ihr tut, was der perfekte Mensch tut, so sehr ihr könnt. Und in der sechsten Folge war das Ergebnis, dass wir fast nichts ganz sicher wissen können. Und jetzt frage ich euch: War irgendetwas davon wirklich überraschend? Nun ich kann nur aus meiner Perspektive antworten: Nein, war es nicht. Ich habe Monate verbracht, nach dem Sinn des Lebens zu forschen. Aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass das Ergebnis wahrscheinlich sein wird, dass es keinen gibt oder man es nicht weiß. Ich denke, euch ging das ähnlich beim Hören meiner Folge. Und selbst wenn ihr euch nicht sicher wart, kam es euch sicher wahrscheinlich vor.
Aber warum habt ihr sie dann gehört? Warum habe ich geforscht? Habe ich meine Zeit verschwendet? Nun, ich möchte das kurz mit dem Vorwurf kombinieren, die Philosophie würde kein neues Wissen liefern. Was ist denn „neues“ Wissen? Naja, man würde sagen: Es ist Wissen, das davor nicht vorhanden war. Das macht es neu. Es muss also irgendetwas sein, das nicht in unserem Kopf war, sondern von außen kam. Das ist genau der Punkt der empirischen Wissenschaften: Man beobachtet die Außenwelt und reflektiert über sie, so sammelt man dann neues Wissen. Das sieht man besonders gut bei den Naturwissenschaften wie Physik, Chemie oder Biologie. Mit „außen“ meine ich natürlich nicht nur das, was wir vor uns sehen können. Empirische Wissenschaften können auch unseren Körper oder sogar das Gehirn selbst betreffen. Das zeigen Fachrichtungen wie die Medizin oder die Psychologie. Wo verbleibt dann also die Philosophie? Nun lasst mich noch einmal zum Punkt mit dem Wissen zurückkehren. „Neues“ Wissen ist Wissen, das davor nicht vorhanden war. Aber was heißt es für ein Wissen, „nicht vorhanden“ zu sein?
Ein kleines Beispiel: Kennt ihr das, wenn ihr nach einem Lied sucht, das ihr mal gehört habt? Aber das Ärgerliche ist, dass ihr den Namen nicht mehr wisst und nur einige Fetzen des Liedes im Kopf habt. Und dann gebt ihr so Sachen im Internet ein wie: „Lied: lalalala“ oder „Lied mit Schlagzeug am Anfang und dann Gitarrensolo“. Aber wenn ihr das Lied dann endlich findet und hört, wisst ihr sofort, dass es das ist. Also scheint das Wissen ja schon in euch gewesen zu sein, oder? Würdet ihr aber deshalb sagen, ihr hättet beim Suchen schon gewusst, wie das Lied heißt und komplett klingt? Nein, oder? Warum würdet ihr dann danach suchen? Damit man „Wissen“ also wirklich „Wissen“ nennen kann, muss es einem „bewusst“ sein. Und so schließt sich der Kreis: Auch Sachen, die einem schon vage im Kopf herumschwirren, könnten einem nicht bewusst sein.
Schauen wir uns meine alten Folgen noch einmal an. Wenn wir nicht wirklich damit gerechnet haben, die Antwort auf den Sinn des Lebens zu hören, weshalb haben wir uns dann damit beschäftigt? Ich habe euch sogar in der Mitte der Folge gesagt, dass nach Sartre kein Sinn vorhanden ist. Da hätte ich doch aufhören können, oder? Nein, denn wir alle wollen wissen, warum. Warum ist das Leben sinnlos? Warum sollte uns das nicht stören? Warum soll der gute Mensch niemandem schaden? Und auch diese Ergebnisse kamen vielleicht nicht komplett überraschend, aber hätten wir sie vorher gewusst? Ist es wirklich so absehbar, dass der gute Mensch niemandem schadet, nicht einmal den schlechten?


Induktive Schlüsse

Ich möchte euch einmal den Unterschied zwischen induktiven und deduktiven Schlüssen vorstellen. Das wird noch einmal etwas Licht auf die ganze Sache werfen.
Ein induktiver Schluss gehört zu den empirischen Wissenschaften, die wir uns eben angeschaut haben. Induktiv zu arbeiten, heißt, neues Wissen von der Außenwelt heranzuholen, das weder unterbewusst noch bewusst oder in einer anderen Form im Kopf gewesen sein kann. Nehmen wir ein Beispiel aus der Medizin. Ein gewisses Medikament muss auf seine Wirksamkeit getestet werden, man will damit zum Beispiel eine Grippe bei Menschen heilen. Es wurde bereits bei Tieren getestet und sogar bei welchen, die den Menschen sehr ähnlich sind, Affen zum Beispiel. Und daher stehen die Zeichen sehr gut, dass es auch bei Menschen funktioniert. So sieht das induktive Argument dann aus: ,,Medikament x wirkt bei Affen. Affen sind den Menschen sehr ähnlich. Also funktioniert Medikament x auch bei Menschen." Aber das ist der Punkt: Wir wissen es nicht. Dass das Medikament bei Menschen funktioniert, folgt nicht logisch daraus, dass es bei Affen funktioniert. Oder denkt an physikalische Gesetze, die wir kennen. Die Erde hat eine gewisse Anziehungskraft, die uns auf dem Boden hält. Wenn es sie nicht gäbe, würden wir wahrscheinlich herumschweben oder so. Und jetzt haben wir Berechnungen herangeholt, wie stark diese Kraft ist. Wir haben auch bei anderen Planeten gesehen, dass sie dort anders ist. Und alles läuft darauf hinaus, dass diese Kraft existieren wird, bis unser Planet explodiert. Aber aus einem rein logischen Standpunkt aus haben wir keine Garantie, dass es morgen noch so ist. Nur weil heute Gravitation existiert, ist das kein logisches Argument dafür, dass sie auch morgen existiert. Das wird sie, das verspreche ich euch. Aber ich habe bereits in der letzten Folge gesagt: Ganz sicher können wir uns über gar nichts sein. Wir müssen aber einige Annahmen wagen, um weiterzukommen. Das Ziel induktiven Denkens ist es, das Wissen, wie man es im Allgemeinen definiert, zu mehren. Tatsächlich etwas heranzuholen, das davor nicht da war.


Deduktive Schlüsse

Wie sieht es mit dem deduktiven Denken aus? Hier holen wir Wissen von innen hervor. Deshalb sagen so viele Menschen, dass es nicht neu sein kann. Doch wie ich gesagt habe, hat das alles seinen Sinn. Auch Wissen aus dem Unterbewusstsein ist neues Wissen. Schauen wir uns doch einmal so einen deduktiven Schluss an. Ein Beispiel, das ihr sicher kennt: ,,Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Sokrates ist sterblich." Ihr seht, dass das ein sehr logisches Muster ist. Wenn tatsächlich alle Menschen sterblich sein sollten und Sokrates ein Mensch ist, dann muss er sterblich sein. Wenn die Prämissen richtig sind, ist die Konklusion immer richtig. Das wirkt wenig hilfreich, aber man könnte theoretisch nicht im Sinn haben, dass Sokrates sterblich ist. Außerdem ist das natürlich ein einfaches Beispiel, man kann es auch komplizierter anwenden. So eine logische Herleitung ist dazu gut, um Ordnung im Kopf zu schaffen. Das ist dieses „Warum“, das ich angesprochen habe. Dass Sokrates sterblich ist, steht nicht zur Frage. Doch warum ist er es? Wäre es möglich, dass er es nicht ist? Man sieht auch, dass die Konklusion schon in den Prämissen vorhanden ist. „Sokrates ist sterblich“ ergibt sich automatisch aus: „Sokrates ist ein Mensch“ und „Menschen sind sterblich“. Deshalb ist es eben Wissen von innen.
Und daher sagen viele Leute, es wäre offensichtlich. „Aber“, werdet ihr jetzt sagen „Wieso soll die Deduktion so toll sein? Woher soll ich denn von innen wissen, dass alle Menschen sterblich sind?“ Und da habt ihr recht. Die Philosophie und die Deduktion können ohne Induktion kaum arbeiten. Dass alle Menschen sterblich sind, ist am Ende nur das Ergebnis einer induktiven Überlegung. Schaut euch diesen Schluss an: ,,Sokrates ist gestorben. Sokrates war ein Mensch. Also sind alle Menschen sterblich." Meinetwegen fügen wir noch hinzu: ,,Alle anderen Menschen vor ihm sind auch gestorben." Ist das logisch folgend? Nein, ist es nicht! Aber wir können ohne diese Annahme nicht arbeiten. Daher ist die Philosophie als deduktive Wissenschaft auf die induktiven Empiristen angewiesen. Wie man bei Descartes sieht, kann ich nicht nur damit arbeiten, dass ich selbst existiere. Worüber soll ich denn dann nachdenken? Aber das eben tut die Philosophie. Sie nimmt sich Erkenntnisse der anderen Wissenschaften und schafft ein bisschen Ordnung im Kopf. Und deshalb denke ich, dass sie Philosophie eine sehr wertvolle Wissenschaft ist. Was sie hervorbringt, ist nicht immer so offensichtlich, wie viele Leute gerne sagen. Es erscheint nur so, denn wenn das Ergebnis da ist, merkt man erst, dass man es die ganze Zeit direkt vor den Augen hatte.
Denkt an Platon: Den habe ich in der letzten Folge erwähnt. Er hat gemeint, dass Erkenntnisphilosophie eigentlich Wiedererkennung ist. Und es eigentlich schon recht ähnlich, nicht wahr? Er sagt ja auch, dass wir das Wissen schon im Kopf haben, aber es nur hervorholen müssen. Und das ist es ja, was wir hier eigentlich tun. Aber gut, ich denke ich habe diesen Punkt jetzt sehr klar gemacht. Die Ergebnisse der Philosophie mögen offensichtlich wirken, aber trotzdem bringt sie neues Wissen hervor. Es ist eine deduktive Wissenschaft, die Ordnung im Kopf schaffen soll. Deshalb arbeitet die Philosophie mit logischen Schlussmustern, die aber auf Induktion basieren. Die Konklusion ist so zwar schon in den Prämissen drin, aber einem trotzdem nicht unbedingt bewusst.


Offensichtliche Ergebnisse

Doch hier ist der Punkt, wo die Kritiker einhaken würden. „Ja“, würden sie sagen, „die Philosophie hat schon eine gewisse Arbeitsweise, aber sie bringt keine wirklichen Lösungen hervor.“ Und auch das ist teilweise wahr. Die Philosophie kommt vielen Menschen so theoretisch vor, dass sie uns gar nichts bringt. Genauso wie beim perfekten Menschen: Er soll niemandem schaden, aber das ist unmöglich. Was machen wir also mit dieser Antwort? Und wenn man konkreter wird, gibt es wieder zu viele Antworten. Erinnert euch an die Folge zur Moral: Man soll manchmal auf die Konsequenzen achten und manchmal die Tat selbst anschauen. Und wann man was tun soll, ist umstritten. Die Philosophie ist also offenbar nur dann wirklich genau, wenn sie sehr theoretisch und generell wird. Aber das ist ein Problem, denn das hilft scheinbar nicht. Der/die Philosoph:in scheint selbst einfach kein praktischer Mensch zu sein. Man verstrickt sich so sehr in seinen Gedankenexperimenten, dass man die Realität aus den Augen verliert. Der Kommunismus ist ein gutes Beispiel dafür. Auf dem Papier sieht er gar nicht so schlecht aus, könnte man denken. Doch dann haben ihn Länder auf der ganzen Welt versucht, umzusetzen: denkt an Russland oder China. Also, mehr oder weniger. Aber sie sind kläglich gescheitert. Mit der Wirtschaft und der politischen Lage und inzwischen haben sich beide von diesem Konzept abgewendet.


Die Philosophie als Wegweiser

Auch im platonischen Dialog „Theaitetos“ gibt es eine Stelle, die auf dieses Problem anspielt. In dem Dialog redet Platon mit dem Mathematiker Theaitetos darüber, was man wissen kann. Sehr passend also eigentlich zur letzten Folge. Aber irgendwann erzählt Sokrates seinem Gesprächspartner die Geschichte, wie Thales in den Brunnen fiel. Dieser hatte nämlich die Sterne beobachtet und war so sehr darin vertieft, sie zu verstehen, dass er gar nicht schaute, wohin er ging. Und da trat er dann plötzlich gegen den Rand eines Brunnens, verlor das Gleichgewicht und fiel hinein. Eine Magd, die gerade vorbeiging, verspottete ihn dafür: Er wollte die Sterne ergründen, konnte aber noch nicht einmal sehen, was vor ihm lag.
Sokrates nimmt die Geschichte zum Anlass zu erzählen, wie sonderbar die Philosoph:innen scheinen mögen. Unbeholfen, könnte man fast sagen. Doch sobald es um eine höhere Ebene geht, sind sie in ihrem Element. Bei den grundlegenden Fragen, bei denen viele Menschen einfach nur abwinken, ist ihr Interesse geweckt. Doch die Geschichte zeigt uns nicht nur das. Man sieht auch, wie wichtig trotzdem für uns alle die reale Welt ist. Ein:e Philosoph:in ist kein höheres Wesen, sondern lebt hier, mit allen anderen Menschen. Thales fällt in den Brunnen, weil er nicht aufpasst. Da hilft ihm auch nicht sein Wissen über die Sterne. Wir müssen also der realen und nicht der theoretischen Welt nützen. Letzten Endes ist es die echte Erde, die sich auf uns auswirkt. Denkt an Platons Ideenlehre. Das alles hier ist nicht real, sondern nur eine Version der jeweiligen Idee davon. Und diese Welt der Ideen ist die tatsächliche Realität. Aber Platon sagt nicht, dass wir einfach die Hände in den Schoss legen sollen. Wir sind zwar nicht wirklich real, doch wir können etwas tun. Wir streben die Perfektion an. Wir wollen zu einer Idee werden.
Und da sieht man ja die Rolle der Philosophie schon: Das theoretische Denken soll herausfinden, was entscheidend ist. Wo wollen wir hin? Welches ist die Idee, die sich anzustreben lohnt? Die Philosophie ist quasi ein Wegweiser für die Welt. Sie stellt sich die Frage: „Was wäre eine perfekte Welt?“ Und wenn wir das haben, können wir schauen, wie wir da möglichst nahe herankommen. Wo sollte unser Handeln am Ende hinführen? Seht euch doch einmal unsere Welt an. Was tun wir? Es gibt viele Menschen, die immer mehr Reichtümer aufhäufen. Nationen gewinnen an Wirtschaftskraft und schaffen immer mehr Platz für immer mehr Menschen. Nun ich sage nicht, dass das schlecht ist, teilweise ist das ziemlich gut. Aber wo wollen wir hin? Nur einfach immer mehr und immer höher? Wo ist der Sinn unseres Handelns, was für eine Vision haben wir von der Welt? Denn so könnte es fast ewig weitergehen. Ziellos. Und das würde irgendwann auf uns zurückfallen. Kein Mensch kann lange das tun, was er tut, wenn er gar nicht weiß, warum.
Also, wie sehen diese Ziele aus? Ich gebe euch Beispiele aus meinen vergangenen Folgen. Zum Sinn des Lebens habe ich gesagt, dass wir ihn nicht kennen und nicht wollen. Das heißt, dass man selbst einen Sinn in seinem Leben setzen sollte. Dass man seine eigenen Ziele verfolgen soll. Der perfekte Mensch aus der Folge danach mag vielleicht nicht existieren. Doch man kann sich nach ihm richten und möglichst wenig Schaden anrichten. Oder was ist mit der letzten Folge? Was macht ihr mit der Info, nichts sicher wissen zu können? Nun ja, das lehrt uns, skeptisch zu sein. Nicht so skeptisch, dass wir alles über den Haufen werfen und gar nichts glauben, natürlich. Aber wir sollten wachsam sein. Nicht allem gleich glauben und trauen. Auch Prinzipien, die schon lange feststehen, sollten angezweifelt werden können. Nichts ist einfach so, weil es so ist. Vielleicht bringt uns nicht jede Philosophie in unserem Leben direkt weiter, aber das tut auch nicht jede Erkenntnis der anderen Wissenschaften. Ob ich wie in der Biologie von jeder einzelnen Tierart wissen muss, wie sie aufgebaut ist und aussieht, ist fraglich. Aber letzten Endes soll eine Wissenschaft eben vor allem Wissen schaffen, wie ich schon gesagt habe. Und genau das tut die Philosophie.
Für die Rolle als Wegweiser gibt es auch geschichtliche Beispiele. Denkt an große Ereignisse wie die Sklavenzeit, die Entstehung der Demokratie oder die Aufklärung. Immer gab es Philosoph:innen, die darüber nachgedacht haben, wohin wir als Gesellschaft wollen. Und dabei sicherlich auch solche, die die Sklavenzeit befürwortet haben. Ich sage nicht, dass alle Philosoph:innen recht haben oder man allen zuhören sollte. Aber die Welt, in der wir uns gerade befinden, besteht fast komplett aus philosophischen Prinzipien. Verhaltensweisen, Politik und Gesetze. Dabei ist diese Wissenschaft natürlich nicht allein dafür verantwortlich. Damit sich eine Gesellschaft wirklich ändert, braucht es auch die richtige wirtschaftliche Lage, die richtigen Leute in der Politik und den gesellschaftlichen Willen. Es ist nicht so, als hätten die Sklaventreiber:innen plötzlich alle angefangen, Philosophie zu betreiben und dann entschieden, es doch bleiben zu lassen. Zu einem solchen Wandel gehört viel dazu. Denkt doch einmal an meine Folge zum Veganismus. Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der das Tierwohl immer mehr in den Vordergrund rückt. Aber ich werde da mit meinem kleinen Blog sicher nichts groß drehen. Doch ihr kennt Freunde, die sich für das Thema interessieren. Ihr tut es vielleicht auch selbst. Und in der Politik tut sich auch etwas in dieser Richtung. Außerdem bin ich ja auch kein komplett fertiger Philosoph, noch studiere ich und mein Einfluss geht nicht über euch hinaus. Doch die vielen Tierethiker:innen geben eine Richtung vor, an der man sich orientiert. Und irgendwann wird das dazu führen, dass sich in unserem Verhalten zu Tieren grundlegend etwas ändert.


Zwischenstand

Nun gut. Ich denke, wir haben den Status der Philosophie als Wissenschaft gut verteidigt. Tragen wir kurz zusammen: Die Philosophie generiert neues Wissen. Sie führt uns Dinge vor Augen, die irgendwo in unserem Kopf waren, aber nicht bewusst. Das macht sie zu einer deduktiven Wissenschaft, die Ordnung in unseren Gedanken schafft. Daher scheinen uns die Ergebnisse auch offensichtlich zu sein, wobei das erst kommt, wenn wir sie kennen. Dieses Wissen wirkt auch erst einmal nutzlos. Denn es ist so theoretisch, dass es nicht auf die reale Welt anwendbar ist. Dabei ist die Philosophie aber ein Wegweiser für die Realität. Sie muss theoretisch sein, um herauszufinden, wie eine perfekte Welt aussehen würde. Unsere Aufgabe ist es dann, dieser Welt möglichst nahe zu kommen. Die Philosophie ist also quasi ein Richtungsweiser, der sich über jede Wissenschaft stellt und sie fragt, wo sie denn hinwill. Ausnahmen davon kann man in der Philosophie, aber auch bei allen anderen Wissenschaften finden.


Philosophie als Belastung

Kommen wir zu der zweiten Art der Vorwürfe gegen die Philosophie: Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Eigentlich mag ich diesen Vorwurf nicht, denn er wirkt so unreflektiert. Die Wissenschaft kann nichts für ihre Wissenschaftler:innen. Psychische Probleme kommen nicht einfach von nüchternen Informationen, denke ich. Doch ich bin natürlich kein Psychologe. Außerdem würde ich auch gerne diesen Zweifel beiseiteräumen. Als ich angefangen habe, mich mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen, haben sich einige Leute fast Sorgen um mich gemacht. Mir ist irgendwann selbst aufgefallen, dass ich immer auf die gleiche Weise von meiner kleinen Forschung zu erzählt habe: „Ich stelle gerade einige Überlegungen zum Sinn des Lebens an. Keine Sorge, mit mir ist alles in Ordnung.“ „Mit mir ist alles in Ordnung“? Warum sollte man das überhaupt dazusagen? Ist das in irgendeiner anderen Wissenschaft auch normal? Muss man beteuern, keine Probleme zu haben, wenn man die Funktionsweise von Flugzeugen untersucht? Wahrscheinlich nicht. Dabei muss ich zugeben, dass es durchaus Philosoph:innen gab, die wahnsinnig geworden sind.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Friedrich Nietzche haben seine psychischen Probleme ab dem 55. Lebensjahr eingeholt. Klar hatte er auch andere Probleme, die dazu beigetragen haben. Seine Bücher sind nicht so gut angekommen, wie er gewollt hatte und er hatte eine vererbte schwere Krankheit. Aber man muss sich nur einmal seine Philosophie anschauen, um zu sehen, was für Spuren sie hinterlassen haben könnte. Nietzsche war mit seinen Weltanschauungen sehr radikal, hat die Existenz von Moral, von Gott und von fast allem angezweifelt.
Oder schauen wir uns Descartes an. Er hatte keine psychischen Probleme, soweit wir wissen. Wir wissen aber auch nicht extrem viel über sein Leben. Aber er kam auch nicht mit seiner Erkenntnis zurecht, dass wir quasi nichts sicher wissen können. Daher bestimmt auch sein Gottesbeweis. Ich habe es in der zweiten Folge schon gesagt: Viele Menschen raten einem, gar nicht erst über den Sinn des Lebens nachzudenken, sich in seinem Denken nicht zu nah an den Tellerrand zu begeben. Es gäbe sonst immer die Gefahr, herunterzufallen. Stellt euch meine Höhle aus der ersten Folge vor. Auch darin könnte man sich verlaufen, nicht wahr? Man rennt hinein, will die Wahrheit finden und dabei wird das Feuer der eigenen Fackel immer kleiner. Dann geht es irgendwann aus, man steht im Dunkeln und findet nicht mehr zurück.


Die persönliche Wissenschaft

Doch warum hat die Philosophie diese Eigenschaft? Was hebt sie so sehr von den anderen Wissenschaften ab? Nun, es gibt eine Sache, die man sich immer vor Augen halten sollte: Die Philosophie ist eine sehr persönliche Wissenschaft. Denkt mal drüber nach: Wenn wir eine Richtung für die Gesellschaft ausarbeiten, ist das doch auch automatisch eine Richtung für uns, oder? Philosophie ist nicht einfach eine Wissenschaft, die man im Labor verrichtet, dort ablegt und dann nach Hause geht. Nein, sie verfolgt einen nach Hause und geht mit einem mit, egal wohin man geht. Auch hat sie eine andere Art, Wahrheiten zu erfassen als andere Wissenschaften.
Der deutsche Philosoph Ernst Tugendhat hat das sehr treffend in einem Artikel geschrieben. Er heißt „Anthropologie als erste Philosophie“. Tugendhat sagt, dass die Philosophie die Welt immer vom Subjekt aus erschließt. Nehmen wir uns zum Beispiel die Frage, was ein guter Mensch ist. Die erste Frage ist nicht „Was ist gut?“, sondern eigentlich „Was finde ich gut?“. Denn man kann von außen gar nicht wissen, was andere Menschen gut finden. Dann kommt man darauf, dass man nicht gerne leidet und gerne Lust empfindet. Und dann erst kann man den Schritt gehen, das auf andere Menschen anzuwenden. Deswegen fragt man sich alle philosophischen Fragen erst selbst. „Was ist der Sinn des Lebens?“, naja, was ist denn der Sinn meines Lebens? Und da ist es klar, dass sehr persönliche Antworten kommen. Wenn einem gesagt wird, dass das Leben der Menschen keinen Sinn ergibt, ist das vielleicht ok. Aber was ist, wenn jemand zu euch kommt und direkt zu euch sagt: „Du. Dein Leben ergibt keinen Sinn. Alles, was du bisher gemacht hast, war für überhaupt nichts.“ Oder „Du magst kein Leid, aber fügst Leid zu. Du bist kein perfekter Mensch.“ Man hat hier keine Distanz. Bei empirischen Wissenschaften ist sie dagegen vorhanden. Hier schließt man objektiv von der Außenwelt auf sich. In der Soziologie schaut man sich zum Beispiel das Verhalten von Menschen in Gruppen an. Das ist ja von außen gut erkennbar und dann kann man die Ergebnisse auch auf sich selbst anwenden. „Wie verhalten sich andere Menschen in Gruppen?“ und dann „Wie verhalte ich mich in der Gruppe?“ Alle Wahrheiten gehen durch
den Filter, dass man sie erst außen sieht. Dadurch schafft man ganz am Anfang schon eine Distanz zu seiner Forschung. Auch kommen die Ergebnisse eben von einer Distanz. Also ist man sogar räumlich getrennt. Und wenn man dann weggeht, ist auch die Beobachtung erstmal weg. Die Philosophie findet aber im Kopf statt und den schaltet man erst beim Schlafen ab. Also zumindest den bewussten Teil.
Deshalb assoziieren so viele Menschen die Philosophie auch mit Selbsthilfe. Ihr erstes ist es eigentlich, Wissen zu schaffen, wie es Wissenschaften tun sollen, dann gibt es aber auch den Aspekt der Richtungsweisung. Und natürlich funktioniert das auch im eigenen Leben. Daher reden viele Leute von ihrer „Lebensphilosophie“. Doch nur, weil man sich einen ermutigenden Satz sagt, hat man noch nicht philosophiert. Philosophie ist nicht Psychologie. Sie ist nicht verantwortlich für die Heilung psychischer Belastungen. Wenn man bereits auf schwachem Fuß steht, kann sie Beschwerden verursachen. Doch ansonsten funktioniert sie wie eine normale Wissenschaft. Das möchte ich also sehr deutlich machen: Die Philosophie selbst ist nicht verantwortlich für gesundheitliche Schäden. Der/die Philosoph:in muss damit nur richtig umgehen können. Und wenn man es gut macht, kann es einen trainieren. Wenn man mit den Gedanken oft genug sehr weit gegangen ist, gewöhnt man sich eher daran, auch mal weniger oder nichts zu sehen. Aber das muss nicht sein. Man muss nicht immer alles bis zum Kern denken. Es steckt keine Schande darin, einen Gedanken nicht ganz bis zum Ende verfolgen zu wollen, man muss nicht den ganzen Tunnel durchlaufen, um zu einer Erkenntnis zu kommen. Wenn ihr euch fragt, was ihr in eurem Leben erreichen wollt, müsst ihr nicht den ganzen Weg gehen und sagen, dass ihr im Grunde nichts sicher wissen könnt. Es reicht, einige Annahmen zu machen und darauf aufzubauen. Genau so, wie ich es bei meinen Folgen normalerweise ja auch mache.


Konklusion

Also gut, ich denke, ich kann zu einer Konklusion kommen. Wozu brauchen wir die Philosophie? Nun, wir brauchen sie, weil sie uns Wissen vor Augen führt, das uns davor nicht bewusst war. Sie schafft Ordnung in unserem Kopf und sortiert das Chaos aus Eindrücken von außen. Außerdem stellt sie die großen Fragen, wie: Wo wollen wir am Ende hin? Viele Menschen denken, dass die Philosophie uns auf ihrer theoretischen Ebene nichts bringt. Und ja, viele Ergebnisse mögen sehr allgemein oder kryptisch sein. Aber wir brauchen diese theoretische Welt als Vorlage für unsere eigene, damit wir eine Richtung haben, ein Ziel für unser Leben. Und das kann genauso gesellschaftlich wie persönlich sein. Die Philosophie macht keinen Unterschied zwischen einem Subjekt und vielen Subjekten. Deswegen kann sie Auswirkungen auf die Psyche haben. Man muss vielleicht manchmal sogar aufpassen, dass sie einen nicht hinabzieht. Doch das ist nicht die Schuld der Philosophie selbst und viele Philosoph:innen kommen mit diesem Sog klar. Und je öfter man tief in seinen Gedanken gräbt, desto geübter wird man darin. Wenn man es dann kann, ist diese Wissenschaft sehr bereichernd. Denn erst wenn man weiß, wo man wirklich hinwill, sollte man beginnen, loszulaufen.

So, so viel zu meiner kleinen Episode zur Philosophie. Ich hoffe, es hat euch gefallen. Mir hat es tatsächlich sehr gutgetan, diese Dinge einmal gesagt zu haben. Die Philosophie wird sehr oft belächelt und abgetan. Die Leute scheinen zu denken, sie wäre nur ein alberner Zeitvertreib. Oft höre ich sogar, sie wäre zu einfach für eine richtige Disziplin. Doch offenbar ist sie vielen Menschen sogar zu schwierig, um überhaupt anzufangen. Und das ist eigentlich auch schade. In Deutschland hat die Philosophie leider auch nicht mehr den Stellenwert, den sie mal hatte. Es studiert sie in Relation kaum jemand mehr und praktische Abschlüsse sind weit häufiger. Doch denken wir an die Zeiten Kants zurück oder an Hegel, Heidegger oder Nietzsche. Deutsch war immerhin einmal die Sprache der Philosophie. Und nicht umsonst war es lange an Universitäten üblich, zu Studienbeginn erst einmal ein bisschen Philosophie zu lernen. Zu lernen, Ordnung in die eigenen Gedanken zu bringen und sich zu fragen, was man will. So eine einfache Frage eigentlich, nicht wahr? Aber die Antwort zu finden, könnte nicht komplizierter sein.

Aber gut, das soll nicht heißen, dass ich die Nicht-Philosoph:innen unter euch kritisiere. Ihr sollt das studieren und machen, was ihr wollt. Denn genau das tue ich auch. Wenn ihr nicht viel mit Philosophie zu tun habt, freut es mich auch eigentlich umso mehr, euch hier zu haben. Vielleicht versteht ihr jetzt besser, warum ich das hier so gerne mache. 

Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

 Und ansonsten... wünsche ich euch noch einen schönen Tag.


Quellen

,,Theaitetos" - Platon

,,Anthropologie als erste Philosophie" - Ernst Tugendhat

Kommentare

Beliebte Posts