#06 Was können wir wissen?
Zusammenfassung
Was genau weißt du wirklich? Klar, es sammelt sich im Leben allerlei Wissen an: Durch die Eltern, Schulen, Universitäten, Ausbildungsplätze und Berufe. Und auch zwischendurch lernt man etwas. Doch worüber können wir uns komplett sicher sein? Der Philosoph René Descartes sagt, dass wir eigentlich gar nichts sicher wissen können, außer, dass wir denken. Und ist das nicht wahr? Seid ihr sicher, dass alle Menschen um euch herum wirklich existieren? Hattet ihr nicht vielleicht schon einmal einen Traum, in dem euch auch alles real vorkam? Woher wisst ihr sicher, dass ihr nicht jetzt gerade träumt?
Hallo und herzlich willkommen zu der 6. Folge von „Philosophie für zwischendurch“!
Einleitung
Wie versprochen, geht es diesmal nicht um den guten Menschen. Ich möchte mit euch etwas besprechen, das viel umfassender ist. Ich habe bisher viele Annahmen gemacht: Der gute Mensch schadet niemandem, der Mensch will keinen Sinn und man soll keinen Tieren schaden. Und klar habe ich das alles begründet: Der Mensch ist so und so aufgebaut, das Gute ist so und so. Und auch dafür gab es Gründe. Doch irgendwann habe ich nicht mehr begründet, sondern Dinge vorausgesetzt: Ihr wisst, was ein Mensch ist, ihr wisst, dass es Menschen gibt, ihr wisst, dass es diesen Podcast gibt, ihr wisst, dass es mich gibt und ihr wisst, dass ich Philosophie studiere. Oder tut ihr das? Woher eigentlich? Woher wisst ihr sicher, dass es das alles gibt? Vielleicht ist das alles nur eine Einbildung oder ein Traum. Woher würdet ihr den Unterschied kennen? Träumt ihr gerade davon, die 6. Folge eines Blogs zu lesen? Entschuldigung für den rauen Empfang, da habe ich euch wieder direkt reingeworfen. Schön, dass ihr da seid, kommt doch rein und macht es euch gemütlich.
Eine Annäherung an die Realität
Also, in der allerersten
Folge habe ich euch einige Beispiele für große philosophische Fragen gegeben: ,,Was ist der Sinn des Lebens?", ,,Was ist ein guter Mensch?" und eben ,,Was wissen wir wirklich?" Also, was wissen wir denn wirklich? Oder besser: Woher wissen wir, dass das,
was wir sehen und denken, mit der Realität übereinstimmt? Gibt es überhaupt
eine Realität? Vielleicht ist allein das eine Illusion. Und das
wird das Thema dieser Folge sein: ich möchte mit euch über die Frage reden, was
wir tatsächlich wissen und ob wir etwas wissen können. Ist die Realität, in der
wir uns bewegen, tatsächlich real oder nur real für uns? Wie können wir uns da
sicher sein?
Wo fängt man da an? Wie
soll man eine Frage ergründen, die sich darum dreht, was man ergründen kann?
Wir müssen bei dieser Folge sehr vorsichtig sein und langsam machen. Denn sonst
verlieren wir uns schnell. Also lasst uns hier ganz klein anfangen.
Wir können uns ja schon einmal
darauf einigen: Wir suchen hier nach der Realität und unserem Zugang dazu. Was
ist denn Realität? Alles, was existiert, würde ich sagen. Alles, was es gibt
und was tatsächlich da ist, das ist real. Das klingt schon einmal logisch. Doch wir
wollen natürlich wissen, wie wir Zugang dazu erhalten. Die Frage ist also: Woher
weiß man, dass etwas existiert?
Nun, hier eignet sich ein Beispiel ganz gut,
also reden wir doch noch einmal über Tische. Also, wenn ihr einen Tisch seht,
was ist eure Taktik, um herauszufinden, ob er auch tatsächlich da ist? Ich
würde sagen, man würde ihn erst genauer anschauen, um sicherzustellen, dass
einen die eigenen Augen nicht täuschen. Dann, wenn man ihnen nicht traut, würde
man ihn anfassen, um das Material zu spüren. Vielleicht würde man sogar daran
riechen, wenn das einem hilft. Kurz, wir nehmen den Tisch mit dem Sinnesorgan
„Auge“ wahr und wenden zur Sicherheit noch die anderen Organe an. Wenn ihre
Beobachtung mit der der Augen übereinstimmt, ist der Tisch wahrscheinlich real.
Aber was ist, wenn wir uns immernoch nicht sicher sind? Vielleicht haben wir
einen schlechten Geruchssinn, eine starke Sehschwäche oder nicht extrem viel
Gefühl in den Händen. Was machen wir? Na, wir fragen andere Leute, ob
sie diesen Tisch auch sehen, fühlen und riechen können! Er sollte also offenbar
für andere auch wahrnehmbar sein, denn sonst ist er nicht real. Realität ist wohl etwas Objektives, etwas, das über die subjektive Wahrnehmung hinausgeht. Damit ist sie unabhängig von dem Subjekt. Die eigentliche Frage ist folglich: „Ist der
Tisch auch da, wenn ich ihn nicht mit den Sinnen wahrnehme?“
Das Problem ist leider:
Können wir unseren Sinnen überhaupt einen Schritt weit trauen? Immerhin könnten
sich doch alle Leute gleichzeitig irren, oder? Auch wenn wir Kameras
aufstellen, brauchen wir ja immernoch unsere Augen, um die Aufnahmen zu sehen. Und
woher wissen wir, dass der Tisch existiert, wenn niemand hinschaut? Was
ist, wenn wir uns in einer simulierten Welt befinden? Wenn jemand von außen
mit einem ausgefeilten System Dinge wie diesen Tisch täuschend echt gestaltet
hat. Den Unterschied würden wir durch die Wahrnehmung nicht bemerken, wie auch?
Und selbst, wenn wir das unplausibel finden, gibt es eine solche
Sinnestäuschung: Den Traum.
Stellt euch vor, ihr seid im Traum mit Freunden auf
dem Weg zum Strand. Es ist eine laue Sommernacht und ihr lauft eine Straße
entlang. Eine leichte Brise zerzaust euch die Haare und ihr riecht die
Meeresluft, die zu euch herüberweht. Ihr lacht alle, denn jemand hat gerade etwas
Lustiges erzählt. Ihr langt nach einer Mücke, die euch schon eine Weile
belagert und gestochen hat. Wenn ihr jetzt eure Freunde aus irgendeinem Grund
fragen solltet, ob das hier denn real ist, würden sie sicher „ja“ sagen. Kein
Zweifel. Was für eine Frage, wir gehen doch gerade zum Strand! Wieso fragst du?
Aber dann zack, wacht ihr auf. Nichts davon war real, egal was euch eure
Nase, Augen, Ohren und Freunde gesagt haben. Wir können unseren Sinnen also
nicht trauen. Doch wem dann? Kann unser Geist ganz ohne Wahrnehmung arbeiten?
Irgendwie scheinen wir sie ja doch zu brauchen, sonst kommen wir gar nicht
voran.
Epistemologie
In der Philosophie gibt
es zwei Positionen, die dem entsprechen. Den Rationalismus und den Empirismus.
Das generelle Gebiet der Philosophie nennt sich „Erkenntnistheorie“, ,,Erkenntnisphilosophie“ oder ,,Epistemologie". Rationalist:innen sagen, dass wir unseren Sinnen nicht
trauen können. Sie können uns keine Wahrheit über die Realität liefern, deswegen muss man sich auf sein logisches Denken verlassen. Die Empirist:innen
dagegen meinen, dass Wahrnehmungen uns genau das zeigen, was da ist: Die
Realität und Wahrheit. Klar, man muss über seine Sinne etwas reflektieren. Aber
man hat keine Grundlage, ihnen generell zu misstrauen.
Platons Ideenlehre
Ich möchte mich zuerst
den Rationalist:innen zuwenden, weil diese Position etwas komplizierter ist. Das
fängt schon damit an, dass sie nicht sonderlich intuitiv ist. Das vollständige
Misstrauen der Sinnesorgane ist echt ein radikaler Schritt.
Also fangen wir
heute von der Chronologie aus ganz hinten an, und zwar mit Platon. Ich habe
euch in einer der letzten Folgen kurz von der Ideenlehre erzählt, die er
vertritt. Leider gibt es zu ihr kein einzelnes Werk, sondern sie ist über die
Dialoge verstreut. Deshalb kommt ein Teil hiervon noch von „Theaitetos“ und einiges aus „Der Staat“. Platon sagt, dass nichts von dem, was wir sehen
oder wahrnehmen, wahr ist. Und zwar ganz kategorisch. Wir können unseren
Sinnesorganen nicht nur nicht trauen, sondern sie zeigen uns tatsächlich ganz
klar nicht die Wahrheit. Das liegt aber nicht an ihnen oder an einer Täuschung,
sondern an der Art, wie die Dinge in der Welt beschaffen sind. Das Reale ist für
Platon nur das Perfekte, die Essenz der Dinge.
Der Gedanke ist folgender: Wenn
etwas real sein soll, muss es ja wirklich und wahrhaftig sein. Doch auf der Welt,
die wir sehen, existiert keine komplette Wahrheit. Alles ist unterschiedlich
und hat seine Fehler. Auch verändert sich alles die ganze Zeit, also kann
nichts davon wahrhaftig sein. Wenn man nach der Realität sucht, muss man also
die Essenzen der Dinge erfassen. Gut, was heißt das? Nehmen wir uns den Tisch
aus dem Beispiel, wie könnte der Aussehen? Vielleicht mit vier Beinen aus
dünnem Mahagoniholz oder aus dickem Eichenholz? Wäre beides möglich, doch es
wäre immer nur irgendein Tisch. Es wäre nicht der perfekte Tisch. Wenn
man sich die Idee eines Tisches vorstellt, hat man etwas mit vier Beinen. Daran
kann man arbeiten oder sitzen. Aber jeder Tisch, den man sieht, ist nur eine
Ausführung von dieser Idee. Deshalb kann man auf die Idee des Tisches nur mit
dem logischen Denken zugreifen. Oder nehmen wir uns den Menschen. Ich habe euch
in der 3. Folge gesagt, dass der perfekte Mensch nicht existiert. Das perfekte
Gut ist nämlich ein Konzept, das man nicht wahrnehmen kann, genauso wenig wie
den perfekten Tisch oder den perfekten Baum. Alles was wir sehen, sind halbwegs
gute Menschen, irgendwelche Tische und irgendwelche Bäume.
Aber wie kommen wir dann
zu diesen Konzepten, was die Essenz eines Dinges ist? Platon sagt, dass man
dafür philosophiert oder eben das logische Denken benutzt. Aber wie kommt man
darauf, dass es diese Essenzen gibt? Immerhin kann man sie ja offenbar nicht
sehen. Aber jeder Gedanke zu einer falschen Wahrnehmung ist ja auch verfälscht,
wie wir geklärt haben. Jeder Mensch wird daher mit gewissen Ideen geboren, mit
Konzepten im Kopf, wie die Essenzen der Dinge aussehen. Deswegen kann man sie dann
erkennen und zuordnen. Man muss schon wissen, was ein Baum generell ist, um zu
einem Ding sagen zu können: „Das ist ein Baum“. Aber dafür muss man natürlich
nachdenken und lernen, deswegen sagt Platon auch, dass die Erkenntnis
eigentlich eine Wiedererkenntnis ist. Also, natürlich kommt man nicht auf die
Welt und weiß, wie der gute Mensch sich verhalten soll. Platon sagt aber, dass
man eine gewisse Konzeption im Kopf hat, was gut und schlecht ist. Da man der
Wahrnehmung nicht trauen kann, braucht man einen Prozess ohne Wahrnehmung.
Indem man nun über die angeborenen Ideen nachdenkt, nimmt man nichts wahr.
Man kann sich die
Ideenlehre ein bisschen vorstellen wie bei der Bildmalerei. Stellt euch vor,
ihr fragt einen Künstler, ob er ein Bild von einem Baum malen kann. Aber
natürlich kann er einem nicht die Essenz eines Baumes auf die Leinwand zaubern,
sondern malt eben den Baum, den er gerade im Kopf hat. Und wenn man dann
jemanden das Bild beschreiben lässt, rückt es noch einmal von der Essenz des
Baumes ab. Es ist dann quasi ein Abbild des Abbildes eines perfekten Baumes. Genau
so sind wir und alles um uns herum nur unwirkliche Abbilder der Realität. Und
damit ist die Wahrnehmung nicht mehr relevant. Klar sehen wir den Tisch und
nehmen ihn wahr, wenn alles in Ordnung mit uns ist. Aber er ist trotzdem nicht
wahrhaftig, sondern nur ein Abbild eines Tisches. Wenn man sich den Traum
anschaut, so wäre der nach Platon wohl sogar noch unwirklicher, weil er ein
Abbild unserer Erinnerung ist, die wiederum die Abbilder unserer Realität
abbildet. Und wie merkt man dann, dass alles unecht ist, wenn uns die
Wahrnehmung nicht hilft? Durch Nachdenken. Dadurch, dass man erkennt, dass
alles um einen herum nicht perfekt ist, sondern nur eine Version einer Idee.
Aber das bleibt nicht für
immer so, denn alles strebt zur Realität hin. Man versucht ein möglichst guter Mensch
zu werden, alle Tiere wollen möglichst gut jagen, sammeln und beschützt
schlafen. Alles auf der Welt strebt nach Perfektion, nach Realität und dem Guten. Und wieso sollte man auch eine Illusion anstreben, die nicht real
ist?
Intuitiv oder unbrauchbar?
Interessant an Platons Sicht ist, dass es genau umgekehrt ist, wie wir
denken würden. Unser Eindruck ist eher, dass die Realität nicht perfekt ist.
Wenn man perfekt sein will, verfolgt man ein unrealistisches Ziel, würden wir
sagen. Aber nicht so schnell, lasst uns Platon noch nicht verwerfen. Ich möchte
nämlich auf den Gebrauch der Worte „richtig“ und „wahrhaftig“ aufmerksam
machen. Wann ist jemand etwas wahrhaftig? Als ich im ersten Semester das
Studium angefangen habe, hätte ich mich noch nicht als ein „richtiger
Philosophiestudent“ bezeichnet. Ich war im Denken noch sehr verschult, mein
Eigeninteresse in die Philosophie war noch nicht sonderlich geweckt und ich
habe auch nicht gern gelesen. Doch jetzt bin ich im 5. Semester und es gibt
Leute, die mich immer mal wieder zum Spaß als „richtigen Philosophiestudent" bezeichnen. Das liegt daran, dass ich einfach typisch für mein Fach bin: Ich
lese gerne philosophische Bücher, mache mir selbst Gedanken zu den Themen, habe
Zettel mit wilden Aufschrieben an meiner Wand kleben und viele andere Sachen
eben. Doch was heißt dieses „typisch“ eigentlich? Das bedeutet doch nichts
anderes, als der jeweiligen Idee immer mehr zu entsprechen. Es gibt eine
gewisse Konzeption, wie ein perfekter Philosophiestudent zu sein hat. Je näher
ich dieser Idee nun komme, desto öfter höre ich solche Kommentare. Es scheint
also tatsächlich so zu sein, dass wir vom „Unwirklichen“ zum „Wirklichen“
gehen.
Aber vielleicht hat euer
Enthusiasmus bei meiner Ausführung bereits nachgelassen. Und tatsächlich kann
ich das verstehen. Hier ist es nämlich wieder ein bisschen wie beim perfekten
Menschen: Platon argumentiert auf einer so hohen Ebene, dass er nicht ganz das
trifft, was wir wissen wollen. Die Antwort war damals „Es gibt die Idee des
perfekten Menschen, aber wir können sie nie erreichen“. Jetzt könnte man daran
anschließen mit: „Es gibt die Realität, aber wir können kein Teil davon sein
und sie nur gedanklich erfassen.“ Aber wir wollten nicht nur wissen, was ein
perfekter Mensch ist, sondern wie wir möglichst gut sind. Genau so
brauchen wir auch jetzt einen Blick auf unsere aktuelle Welt. Es kann schon
sein, dass wir nach Perfektion streben. Auch, dass wir alle nur Abbilder der
perfekten Welt sind, klingt plausibel. Aber selbst wenn wir dann in dieser
unechten Welt leben, wollen wir trotzdem wissen, was uns die Sinnesorgane über
sie verraten können. Platon hat gesagt, dass unsere objektive Welt nicht echt
ist, sondern nur die theoretische Welt. Deshalb ist es ihm im Grunde egal, ob
der Tisch tatsächlich da ist oder nicht, denn er wäre ohnehin nur ein Abbild.
Aber wir wollen das wissen. Wir wollen wissen, wie sehr wir unseren Augen
trauen können, in dieser unwirklichen Welt objektive Wahrheiten festzustellen. Also
Dinge, die tatsächlich existieren und jeder sehen kann. Dinge, die objektiv da
sind, wenn auch unwirklich. Auf Platon kommen wir also vielleicht später noch
einmal zurück.
Descartes radikaler Rationalismus
Reden wir aber jetzt über
weiteren Rationalisten, den ihr sicher kennt: René Descartes. Er war ein
französischer Philosoph im 17. Jahrhundert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören
die Meditationen über die Philosophie, oder im lateinischen Original
„Meditationes de prima philosophia, in qua Dei existentia et animae immortalitas
demonstratur“. Nun, es wurde im Deutschen etwas gekürzt, ohne den Anhang: „...in
der die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele bewiesen wird“. Ist
auch nicht so schlimm, denn uns geht es eher um seine Meinung zur Wahrnehmung
und dem, was wir wissen können.
Und in der Hinsicht ist
Descartes tatsächlich sehr radikal. Er sagt, dass wir zunächst eigentlich gar
nichts sicher wissen können. Der Wahrnehmung kann nicht getraut werden, denn
sie kann fehlerhaft sein. So erscheinen uns viereckige Türme in der Ferne als
rund und riesige Statuen aus einem gewissen Winkel als klein. Klar, man kann
annehmen, dass uns die Wahrnehmung nicht ständig täuscht, doch kann man das
wissen? Wieso sollte man jemandem trauen, der einen immer mal wieder betrügt? Und
wenn man der Wahrnehmung nicht trauen kann, ist das in der Tat fatal. Denn sie
ist ja direkt mit dem alltäglichen Denken verbunden, wie wir gesagt haben. Alle
Gedanken kommen so zustande, dass wir erst etwas sinnlich wahrnehmen, dann
geistig ein Bild der Wahrnehmung haben und dann darüber reflektieren. Doch wenn
die Wahrnehmung ohnehin völlig falsch ist, hilft uns da auch die Überlegung
nicht viel weiter. Genau so wie wir es schon beim Tisch gesagt haben: Wenn er
eigentlich nicht da ist und wir das nicht bemerken, können wir nichts tun. Wohin
dann mit unserem logischen Denken? Descartes sagt, dass wir alles über den
Haufen werfen müssen, was wir glauben zu denken. Jede Meinung, jede Auffassung
muss genau untersucht werden, ob man sie wirklich zu 100% festhalten kann. Und
man sieht, dass man sich eigentlich mit nichts sicher sein kann. Nach dem Philosophen wäre es auch möglich, dass ein böser Dämon unsere Realität manipuliert. Dann würde er
alles nur so aussehen lassen, als wäre es echt. Das ist also ein
ähnliches Szenario wie die manipulierte Realität durch einen Computer oder so.
Und in einer solchen Realität könnte man sich noch nicht einmal sicher sein, ob
Konzepte wie Raum wahrhaftig sind. Klar, wir sehen alles als im Raum ausgedehnt
und erfassen so die Welt, aber ist das auch tatsächlich so? Also, im Raum
ausgedehnt, heißt zum Beispiel beim Tisch, dass er einen gewissen Platz
einnimmt. Wir sehen den Tisch an einem gewissen Ort und er nimmt ein Stück Raum
ein, so groß er eben ist. Eigentlich ein sehr ursprüngliches Konzept, aber man
kann sich nicht mit kompletter Sicherheit daran klammern.
Also dann was jetzt?
Offenbar kann alles falsch sein, was wir denken, also war es das dann? Ist die
Antwort auf: „Was können wir sicher wissen?“ „nichts“? Das wäre schon unbefriedigend.
Doch es gibt nach Descartes tatsächlich eine einzige Sache, die uns sicher ist:
Und zwar, dass wir existieren, weil wir denken. Ihr kennt doch sicher den Satz
„Cogito ergo sum“? Der stammt von Descartes und heißt genau das: „Ich denke,
also bin ich.“ Nun, warum ist von allen Sachen das jetzt so gewiss? Weil das der
eine Gedanke ist, für den es keine Wahrnehmung braucht. Es ist ein Denken über
das Denken und zum Denken muss man existieren. Sonst kommen wir in ein
Paradoxon: Wenn ich mich frage, ob ich getäuscht werde, in dem was ich
wahrnehme, frage ich mich das. Aber wenn dieser Gedanke auch eine Täuschung
ist, dann frage ich mich, ob ich mich das frage. Aber wenn diese Frage auch
nicht real ist, frage ich mich wohl, ob ich mich frage, ob ich mich frage, was
real ist. Man könnte diese Kette ewig weiterführen, doch an ihrem Ende würde
immer noch eine Frage stehen. Ihr seht also, das Denken muss etwas Echtes sein.
Man kann sich fragen, ob die Erde rund ist oder nicht oder ob der Tisch da ist
oder nicht. Und man kann falsche Wahrnehmungen haben und denken, der Tisch wäre
da, obwohl er nicht echt ist oder die Erde für rund halten, obwohl sie eckig
ist. Aber man weiß ganz sicher, dass man jetzt gerade existiert und sich das
fragt. Außerdem, wenn auch jemand in eurer Realität täuscht, müsstet ihr doch
existieren, oder? Wen würde er sonst täuschen? Aber damit weiß man noch nicht,
wer man ist, was man ist oder ob der eigene Körper real ist. Man hat nur diese
Gewissheit: Man ist ein existentes Wesen, das gerade denkt.
Ok, das ist jetzt
schonmal nicht schlecht. Aber was machen wir damit? Jetzt haben wir eine
Gewissheit, aber viel ist das auch nicht. Wie kann man auf dieser Basis
überhaupt philosophieren oder irgendeine Wissenschaft betreiben? Was machen wir
mit der Biologie, wenn es vielleicht keine Natur gibt? Und wozu sollten wir
moralisch handeln, wenn die Leute, denen wir Schaden zufügen, vielleicht gar
nicht existieren?
Gott als Grundlage
Ihr seht, man fällt damit
sehr schnell in ein Loch. Descartes hat das sicher auch gemerkt. Er muss lange
darüber gebrütet haben, wie er dieses Problem lösen kann. Und irgendwann ist er
deswegen auf Gott gekommen. Nicht umsonst heißt das Werk auch: „...in qua Dei
existentia demonstratur“, „in dem Gottes Existenz bewiesen wird“. Nun, das hier
ist keine Folge über Religionsphilosophie, deshalb werde ich mich kurzfassen.
Aber es ist wichtig, dass wir verstehen, worauf Descartes hinauswill. Auch er
fängt nun mit seinem Konzept von Ideen an, wie Platon.
Es gibt drei
verschiedene Arten von Ideen, die potenziell die Wahrheit treffen können. Ideen
von außen, solche von innen und angeborene.
Ideen von außen sind im
Grunde unsere Wahrnehmungen, die von der Welt um uns herum kommen. Wie wir
bereits geklärt haben, können wir denen aber nicht vertrauen, also beachten wir
sie nicht weiter.
Ideen von innen sind ein anderer Fall. Der Fakt, dass wir denken, ist offenbar bereits hinreichend, um unsere Existenz zu
beweisen, aber was ist mit anderen Gedanken von innen? Descartes denkt hierbei
an Vorstellungen, Fantasien. Dazu gehören zum Beispiel Drachen oder Einhörner,
die wir nicht von außen wahrnehmen können. Also, natürlich hat Descartes nicht
von Einhörnern gesprochen, aber ich nehme das hier einmal als Beispiel. Was
diese Vorstellungen nun so unecht macht, ist, dass sie nicht außerhalb von uns
existieren. Wenn wir uns das Einhorn nicht vorstellen, gibt es keins, denn es
laufen keine auf der Welt herum. Unsere Vorstellungen zeichnen sich
außerdem dadurch aus, dass sie immer Eigenschaften haben, die wir auch haben
und um uns herum sehen. Das Einhorn ist ein Lebewesen, das bunte Farben trägt.
Klar sind wir keine Pferde mit Flügeln, aber wir sind auch Lebewesen. Auch
kennen wir Pferde, selbst wenn wir uns über ihre Existenz nicht sicher sein
können. Farben kennen wir auch und tragen selbst welche. Oder
gehen wir das etwas basaler an: alles, was wir uns vorstellen, ist im Raum
ausgedehnt, wie wir selbst. Und natürlich muss es so sein, denn unser Verstand
kann nur mit den Dingen arbeiten, die er sieht und kennt. Wir können uns nichts
ohne Raum einfach so vorstellen, denn so etwas gibt es in unserer subjektiven
Welt nicht. Daher sind diese Vorstellungen nur mit uns existent und nicht
unabhängig. Hier sieht man auch, dass Ideen von außen die von innen
beeinflussen. Was wir uns vorstellen, nehmen wir von außen, aber da es
vielleicht kein „außen“ gibt, ist auch das „innen“ wahrscheinlich falsch.
Und damit kommen wir zu
Gott. Gott scheint etwas zu sein, das sich radikal allem entzieht, was man
wahrnehmen kann. Er ist nicht durch die Zeitlichkeit beeinflusst, nicht
räumlich ausgedehnt und auch sonst gibt es kein irdisches Konzept von ihm. Wenn
aber keine unserer weltlichen Eigenschaften auf ihn zutreffen, woher kommt dann
die Idee von ihm? Er hat ja offenbar weder Eigenschaften von uns noch von dem,
was wir vor uns sehen. Und hier kommt Descartes zu den angeborenen Ideen. Wenn
der Gedanke an Gott nicht von uns kommen kann, muss er von Geburt aus schon in
uns sein. Und so schließt sich der Kreis, denn nur ein so mächtiges Wesen wie
Gott könnte uns einen solchen Gedanken einpflanzen. Wir können uns also über zwei Sachen sicher sein: dass es Gott gibt und, dass es uns gibt. Gut, ihr könntet einwenden, dass das
nur eine Sache mehr ist, die wir wissen und im Grunde stimmt das auch.
Aber
jetzt kommts: Da Gott der Erschaffer der Welt ist, hat er die Realität in
seiner Hand. Also können wir davon ausgehen, dass er uns nicht belügt. Klar,
unsere Sinnesorgane können kurze Fehler haben und deshalb muss man auch über
alles reflektieren. Aber darüber hinaus spielt er uns keine Streiche. Wir
wissen nämlich auch, dass er mächtig und gütig ist. Deswegen würde er auch
keinen Dämon zulassen, der unsere Realität in seine Gewalt bringt. Also können
wir unseren Sinnesorganen zumindest teilweise trauen und müssen nicht an allem
zweifeln. Von daher funktioniert es auch, wenn man im Traum über seine
Wahrnehmungen reflektiert. Man weiß, dass die Wahrnehmungen aus der echten
Welt wahrscheinlich wahr sind und nicht mit denen im Traum übereinstimmen. Erinnert
ihr euch noch an mein Traumbeispiel? Man kann zum Beispiel bemerkten, dass die
Freunde im Traum aus verschiedenen Episoden des eigenen Lebens kommen. Oder man
läuft vielleicht auf einer Straße, die in den Himmel führt. Und wenn man sich
dann denkt: „Ich bin ein denkendes Wesen und zweifle an meinen Beobachtungen,
weil sie nicht mit dem übereinstimmen, was ich kenne“, hat man heraus, dass der
Traum nicht echt ist.
Nun ihr wisst aber
wahrscheinlich alle, dass ich nicht gern mit Gott argumentiere. Am Ende wirkt
dieses letzte Argument eher wie eine Ausflucht Descartes, um nicht an allem
zweifeln zu müssen. Immerhin müssen wir so noch immer auf eine größere Macht
vertrauen, dass die Realität, die wir sehen, wahrhaftig ist. Es ist quasi ein zweiter Glaube, der dazukommt und nichts beweist. Auch ist ja mit
der Existenz Gottes nicht bewiesen, was er will, tut und kann, selbst wenn wir diesen Gottesbeweis einmal stehen lassen würden. Aber es ist eben
auch viel geschichtlicher Kontext dabei. Zu den Zeiten Descartes' kam Gott eine
so hohe Stellung zu, dass es an solchen Fragen nur wenige Zweifel gab. Und
natürlich gibt es auch andere Gottesbeweise, aber trotzdem bleiben immer gewisse Annahmen, die getätigt werden. Dabei
wollten wir die ja nicht mehr einfach so zulassen. Dementsprechend wäre
Descartes‘ Antwort auf das Tischbeispiel: Wir wissen, dass der Tisch sehr
sicher da ist, da ihn so viele Menschen gesehen haben, die nicht alle ein Problem mit ihren Augen haben würden. Darüber hinaus würde uns Gott nicht den Streich
spielen, eine Realität vorzugaukeln, die nicht da ist. Letzten Endes gibt auch
Descartes zu, dass das eine Annahme oder besser: ein Glaube ist. Aber sonst
bleiben wir nur auf der Gewissheit sitzen, dass wir existieren.
Grenzen des Rationalismus
Platon dagegen kommt ohne
Gott zurecht, sagt aber nichts zu unseren Sinnesorganen. Denn nach ihm ist
ohnehin gar nichts auf dieser Welt echt, sondern nur ein Abbild von den Ideen.
Es ist also egal, was wir sehen und was nicht. Aber beide sagen, dass
Wahrnehmungen uns trügen und nicht immer oder nie die Wahrheit zeigen. Man kann
sich für die komplette Wahrheit nur auf sein rein theoretisches Denken
verlassen. Jedoch setzt Platon die Welt der Ideen und Descartes Gott als Entitäten voraus, an die wir dafür einfach glauben müssen. Das wirkt unbefriedigend, nicht wahr? Was ist dann mit unserer Realität? Was sagen denn die Empirist:innen? Ist es vielleicht doch möglich,
dass unsere Wahrnehmungen wahrhaftig sind?
Empirismus
Der britische Philosoph
John Locke hatte eine ganz andere Konzeption als Descartes und Platon. Auch er
kommt aus der Zeit des 17. Jahrhunderts und hat das Buch „Versuch über den
menschlichen Verstand“ oder „An Essay Concerning Humane Understanding“
geschrieben. Und darin spricht er sich sehr stark gegen angeborene Ideen aus.
Vielleicht gibt es Fähigkeiten und Veranlagungen, aber keine Ideen. Locke
kannte natürlich noch keine Genetik, doch in die Richtung geht seine Idee von
Veranlagungen. Kein direktes Vorwissen, sondern angeborene natürliche
Eigenschaften. Sonst nichts. Der Mensch kommt als „Tabula rasa“ zur Welt. Tabula
rasa ist ein beliebter Begriff in dieser Debatte. Er heißt wörtlich übersetzt
„geschabte Tafel“ aus dem Lateinischen. Damals wurde noch oft auf Tafeln geschrieben und man konnte noch nicht radieren, also wurden sie abgeschabt, um sie wieder beschreibbar zu machen. Damit waren sie dann wieder
leer. Der Punkt ist also, dass eine „Tabula rasa“ auf den Menschen bezogen
quasi „unbeschriebenes Blatt“ heißt. Man kommt auf die Welt und weiß nichts,
und zwar absolut nichts. Es gibt keine Ideen und Konzepte, sondern alles, was
man sieht, lernt man durch die Wahrnehmung. Und deshalb ist sie sehr wichtig.
Der Grund, weshalb Locke das Prinzip der Ideen anzweifelt, ist, dass es ihm
unplausibel vorkommt. Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, warum sollte er
sich die Mühe geben und einem Ideen einpflanzen? Gäbe es da keinen anderen Weg?
Und außerdem, warum dann nur die Idee an ihn selbst? Warum muss man alles
wahrnehmen und lernen, das aber weiß man plötzlich? Locke sagt, man müsste mit den Ideen
entweder ganz oder gar nicht machen. Entweder kennt man das Konzept von Raum, Zeit, der Identität usw. oder eben nicht. Und es scheint so zu sein, dass
Babys zumindest das Konzept der Identität erst lernen müssen. Ein Baby fängt
erst damit an, dass es sich rein zufällig im Spiegel sieht und nicht weiß, wer
das ist. Dann passiert es vielleicht später nochmal und es fragt sich, warum
das Wesen so aussieht wie es selbst. Und je öfter es sich sieht, desto mehr
wird klar, dass es sich spiegelt.
Auch mit Platons Ideenlehre hat Locke
Probleme. Warum sollte man nur dann einen Baum richtig erkennen und zuordnen können,
wenn man bereits weiß, was die Essenz davon ist? Ist es nicht so, dass
Babys mit Bäumen zunächst nichts anfangen können, bis sie einem erklärt werden?
Und was die Essenz eines Baumes ist, erfährt man dann doch, je mehr
unterschiedliche Bäume man sieht und einander zuordnet.
Mit Descartes
Gedanken über die inneren Ideen stimmt Locke ebenfalls nicht überein. Er glaubt nicht,
dass wir uns nur Wesen mit Eigenschaften vorstellen können, die wir selbst
haben oder sehen. Immerhin kennen wir bei allen Wahrnehmungen auch das
Gegenteil. Wir sehen, dass alles eine Ausdehnung hat, also können wir
uns auch vorstellen, dass gewisse Dinge vielleicht keine haben. Egal
ob sie nun existieren oder nicht, wir können uns Dinge vorstellen, die nicht
wahrnehmbar sind. Was Gott angeht, existieren die Wunder, die durch Jesus
vollbracht wurden oder die Bibel als wahrnehmbare Hinweise. Außerdem können
wir ihn als Kontrast zu uns selbst sehen. Auch die Ideen des Guten können wir
uns gut aus unserer Umwelt stricken, indem wir es uns vorstellen. Man kann sich
alle Menschen vorstellen, die man gesehen hat und überlegen, was sie tun und
was davon gut und schlecht ist. Dann kann man sich jemanden vorstellen, der nur
das Gute davon tut und damit hat man den perfekten Menschen.
Probleme des Rationalismus
Überhaupt ist Locke sogar
der Meinung, dass die Ideenlehre der Rationalist:innen gefährlich ist, weil sie
einfach irgendwelche Prinzipien voraussetzt. Und diese sind dann offenbar
unanfechtbar, weil sie uns schon von Geburt aus gegeben wurden. Das führt aber
dazu, dass einige Strukturen wie Religion und Herrschaft nicht hinterfragt
werden können. Zum Beispiel sagt Descartes, dass Gott unser einziger Garant für
die Realität ist. Wenn es aber nur Gott ist, der Sicherheit über Wahrheit geben
kann, ist es allzu einfach für Herrscher und die Kirche, zu behaupten, sie
würden den Willen Gottes kennen und das zu ihrem Vorteil zu benutzen. Es muss
für jeden Menschen aber die Gelegenheit geben, diese Strukturen zu hinterfragen
und auch Herrscher müssen legitimiert werden. Dabei war Locke kein Gegner der
Theologie, sondern wollte nur nicht, dass aller Wissenschaft der Boden unter
den Füßen weggezogen wird. Auch hat er in der Zeit der Aufklärung gelebt und mit Philosophen wie Kant vertreten, dass jeder Mensch selbst denken und
überlegen sollte. Es sollte nicht einfach irgendwelche fertigen Strukturen
geben, die einem das Wissen vorgeben. Descartes dagegen hat zwar in ungefähr
derselben Zeit gelebt, war aber sehr seinem Herrscher ergeben. Immerhin kam
gegen Ende seiner Lebenszeit König Ludwig der XIV. an die Macht. Dieser hat
sich ausschließlich durch Gott legitimiert und war ein absolutistischer
Herrscher.
Dennoch sehr ironisch,
nicht wahr? Hat denn nicht auch Descartes gesagt, man solle sich von allen
Meinungen reinigen und nichts mehr einfach so annehmen? Doch er hat diese
Überlegung so weit geführt, dass er den Boden unter den Füßen verloren hat. Am
Ende konnte er nur noch wirklich beweisen, dass man existiert. Locke dagegen
traut der Wahrnehmung mehr zu und würde zu unserem Tisch sagen: Er ist ziemlich
wahrscheinlich da. Wenn wir ihn mit allen Sinnen wahrnehmen und auch alle
Anderen, müsste er da sein. Und wenn man träumt, kann man sich ja logisch
denken, dass dieser Traum nicht real ist. Er ist chronologisch zum Beispiel normalerweise
nicht richtig. Er schließt also nicht exakt an den Moment an, ab dem man
eingeschlafen ist. Er endet auch nicht da, wo man aufwacht. Auch in sich ist er nicht stimmig: Man sieht Erinnerungen und Ausschnitte aus ganz
verschiedenen Zeiten und noch viel mehr. Am Ende ist jeder Traum anders, aber
es gibt immer Faktoren, an denen wir erkennen können, dass er nicht real ist.
Sei es nur das Aufwachen am Ende mit der Gewissheit.
Probleme des Empirismus
Aber auch Lockes Theorie
ist nicht perfekt. Zum Beispiel bleibt die Frage offen, ob wir denn nun
wirklich den Wahrnehmungen glauben sollten. Immerhin, sie lassen uns manchmal
im Stich und wir wissen nicht immer, wann und warum. So kommt es oft dazu, dass
man Ereignisse im Rahmen seiner Beobachtung erklärt. Denken wir an Erzählungen
von übernatürlichen Vorkommnissen in der realen Welt. Nun, ich will nicht sagen,
dass diese Vorkommnisse so sind wie beschrieben oder nicht, aber man kann sie
wissenschaftlich erklären. Der angebliche Geist ist nur ein Windstoß oder ein
Geräusch. Aber wenn es doch ein Geist war, hat uns die Wahrnehmung den Gedanken
verfälscht. Es gibt Leute, die daran glauben, dass wir in einer Simulation
leben und auch auf die hat Locke keine befriedigende Antwort. Denn sicherlich
würden die Betreiber der Simulation darauf achten, die Welt möglichst
fehlerfrei zu gestalten.
Doch dieses Risiko sollte
man doch eingehen können, oder? Irgendwie muss es Fortschritt in der Welt geben
und auch im Alltag muss man oft Dinge annehmen. Man kann nicht immer alles
komplett wissen. Lockes Abwehr gegen die Ideenlehre ist auch nicht einfach so
hinzunehmen. Denn sein einziger Grund dafür ist, dass er sie unplausibel findet.
Aber das beweist nicht ihr Gegenteil. Und woher Platons Ideen auch kommen
mögen, seine Aussage zur eigentlichen Welt der Ideen bleibt unangefochten. Es
kann trotz Descartes und Locke sein, dass die Welt, die sie erforschen gar
nicht die Realität ist, sondern nur ein Abbild der tatsächlichen Essenz der
Dinge.
Konklusion
Also, kommen wir zu einer
Konklusion. Was machen wir mit diesen ganzen Theorien, die sich gegenseitig widersprechen?
Was können wir wissen? Nun, vielleicht ist das etwas enttäuschend, aber
Descartes hat recht. Vielleicht kann man seinen Gottesbeweis anzweifeln, aber
wenn wir uns wirklich fragen, was wir unzweifelhaft und sicher wissen, ist es
nur das: Cogito ergo sum. Dementsprechend können wir nicht sicher wissen, ob der Tisch da ist, oder ob
wir in einer Simulation leben. Auch ist es nicht ganz sicher, dass wir gerade
nicht träumen. Aber wie Locke sehr richtig sagt, können wir so nicht durch die
Welt gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das, was wir sehen, tatsächlich
existiert, ist so hoch, dass es sich nicht lohnt, alles anzuzweifeln. Mehr als
eine Reflexion über die Sinne ist eben nicht drin. Irgendwo müssen wir einen
Anfang setzen. Wenn wir wissen, dass wir selbst existieren, weil wir denken,
dann ist es doch kein großer Schritt anzunehmen, dass andere Menschen auch
existieren müssten. Denn es scheint dann ja so zu sein, dass sie auch denken.
Und so kann man sich auch die Welt um sie herum zusammenstellen. Wenn wir
denken und diesen Tisch sehen und wenn alle anderen Menschen auch denken und
ihn sehen, wenn wir Kameras aufstellen und ihn beobachten lassen, wenn wir
einen Satelliten ins All schicken und alles uns bestätigt, müssen wir
irgendwann akzeptieren, dass der Tisch tatsächlich existiert. Aber was solls? Letzten
Endes ist das, was wir sehen, ohnehin nicht die wahrhaftige Welt! Nach Platon
streben wir sie nur alle an. Wir sehen und sind Abbilder von Ideen, die wir
gerne sein würden und das ist es, worauf man sich konzentrieren sollte. Sich
selbst zu perfektionieren, dass man der eigentlichen Realität immer ein Stück
näher kommt.
Also leider keine
eindeutige Antwort heute, das tut mir sehr leid. Doch Erkenntnis über die
Erkenntnis selbst zu erlangen, ist nicht so einfach. Es ist ein bisschen wie
herausfinden zu wollen, ob man eine Brille trägt, wenn man eine leichte
Sehschwäche hat. Klar, es scheint alles ziemlich scharf zu sein, aber man ist
sich nicht komplett sicher, denn die eigene Brille kann man nicht sehen. Man
sieht also alles durch ihre Gläser und muss entweder annehmen, dass man immer
so scharf sieht, oder, dass die Brille einem die Realität anders darstellt. Nur,
dass wir natürlich in dem Fall die Brille abnehmen können oder tasten, ob eine
da ist.
Ich hoffe wie immer, dass euch meine Ausführungen gefallen haben, und ich würde mich freuen, von euch zu hören!
Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.
Gut, dann habt noch einen schönen Tag!
Quellen
,,Theaitetos" - Platon
,,Der Staat" - Platon
,,Meditationen über die erste Philosophie" - René Descartes
,,Versuch über den menschlichen Verstand" - John Locke
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