#05 Wozu brauchen wir Moral?

Zusammenfassung

Was ist Moral? Ein Set an Regeln, das uns vorgibt, wie man ein guter Mensch ist. Oder? Aber was hat es mit diesen Regeln genau auf sich? Und warum gibt es so viele davon? Es müsste ja doch eigentlich recht eindeutig sein. Hat nicht Platon schon gesagt, dass man niemandem schaden soll? Tun wir doch einfach das! Aber so einfach ist es nicht, nicht wahr? Wir müssen ja manchmal auch Verbrecher wegsperren oder eine Notlüge erzählen. Können wir trotzdem gut sein? Gibt es da Kompromisse?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     
Herzlich willkommen zu der inzwischen 5. Folge von „Philosophie für zwischendurch“!


Einleitung

Ok. Bevor ihr irgendetwas sagt: Keine Sorge, ich werde nicht ewig auf dem guten Menschen und der Moral herumhacken. Immerhin ist dieses Thema so groß, dass man dazu einen eigenen Podcast machen könnte. Doch mich hat vor einiger Zeit nach der Folge zum guten Menschen die Frage erreicht, woher denn dann die Moral kommt. Und ich muss ganz ehrlich zugeben: In dem Moment ist mir eingefallen, dass ich euch quasi gar nichts an die Hand gegeben habe. Klar, jetzt wisst ihr, was der komplett gute Mensch macht, aber ihr wisst auch, dass es ihn nicht gibt. Ich hab euch gesagt, dass ihr niemandem schaden dürft, aber auch, dass das nicht funktioniert. Quasi war ich ein typischer Philosoph, der euch sagt, wie ihr euch in einer Welt theoretisch verhalten würdet, wenn diese Welt existieren würde. Was soll man damit anfangen, außer sich tendenziell vielleicht in diese Richtung zu orientieren? Wie ist man ein halbwegs guter Mensch? Wie stellt man es an, dem perfekten Menschen möglichst nahe zu kommen? Nicht zu schaden ist schön und gut, aber wenn das nicht geht, woher weiß ich dann, dass ich das darf? Oder darf ich nicht? Ich habe euch gesagt, dass ihr letzten Endes selbst beurteilen müsst, ob ihr ein guter Mensch seid, aber etwas mehr kann ich euch vielleicht doch dabei helfen. Diese Fragen, was man letztlich auf dieser unperfekten Welt, auf der wir leben, tun soll, werden durch die Moral beantwortet. Und das ist der Grund, weshalb wir eine haben: weil wir unsere Taten irgendwie rechtfertigen müssen. Irgendwo muss die Basis für Verhaltensregeln kommen. Dieser Bereich der Philosophie nennt sich nicht umsonst die „praktische“ Philosophie, was ironisch klingen mag. Doch diese Wissenschaft findet deutlich häufiger Anwendung auf die Realität, als man denken mag. Also, gehen wir einmal die Frage an, was wir denn nun tun sollen, gegeben, dass wir unperfekte Wesen sind.


Rückblick

Weil ich das in der letzten und der vorletzten Folge schon gemacht habe, hier diesmal nur eine sehr knappe Zusammenfassung zum idealen Menschen von Platon. Er sagt, dass man niemandem schaden darf. Und da ist es egal, wie gut oder schlecht dieser Mensch ist oder was er einem antut. Als perfekter Mensch darf man ihm nicht mit Schaden begegnen. Wie ich in der letzten Folge auch gesagt habe, gilt das genauso für Tiere. Zwar sagt Nietzsche, dass jede Gesellschaft ihre eigenen Vorstellungen von dem Guten habt, aber der Wert des Nicht-Schadens ist so allgemein, dass er in der einen oder anderen Form überall Anwendung findet. Man weiß irgendwie immer, was einem anderen Menschen schadet und was ihm nützt, auch wenn das von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein kann. 


Moralische Dilemmas

Das ist jetzt gut und schön, aber was ist mit moralischen Dilemmas? Das heißt, wenn man in einer Situation ist, in der keine Handlung so wirklich gut zu sein scheint. Was ist, wenn man jemandem schaden muss? Wir haben ja schon in der letzten Folge geklärt, dass es notwendig ist, Verbrecher wegzusperren, um sie von weiteren Verbrechen abzuhalten. Und das ist ganz klar ein Schaden an ihnen, denn man nimmt ihnen die Freiheit. Doch ist das deswegen schlecht? Oder ist es gut, weil man damit andere Menschen schützt? Und was ist mit Fällen, wo man mit jeder Handlung Menschen schadet und sich für eine entscheiden muss? Wir brauchen also ganz klar moralische Richtlinien für unser alltägliches Leben, um zu wissen, welche Handlung besser und welche schlechter ist.


Tat oder Konsequenz?

Nun da wir hier schon so viel über Handlungen reden, lasst sie uns doch einmal genauer anschauen. Wie ich beim guten Menschen schon gesagt habe, gilt, dass es der Gedanke ist, der die Handlung gut oder schlecht macht. Es geht also um das Vorhaben, etwas zu tun. Da aber das Vorhaben natürlich mit der entsprechenden Handlung verbunden ist, schauen wir uns direkt die Handlungen an. Das behalten wir aber im Hinterkopf.
Die große Frage scheint hier zu sein: „Muss eine gute Handlung an sich gut sein oder wird sie durch ihre Konsequenzen gerechtfertigt?“ Denn das ist ja das, was wir mit Schaden bezwecken. Wir wollen nicht einfach schlecht handeln und versuchen das als gut zu verkaufen, sondern wir wollen gute Konsequenzen hervorbringen und handeln deshalb manchmal schlecht. In der Philosophie entspricht das dem Streit zwischen dem Konsequentialismus und der Deontologie. Die Idee des Konsequentialismus ist dabei logischerweise, dass die Konsequenzen zählen. Egal, was getan wurde, die Tat ist automatisch gut, wenn ihre Folgen gut sind. Die Deontologie hat dagegen einige moralische Prinzipien, die bei Taten einfach eingehalten werden müssen. Werden sie dagegen gebrochen, ist die Tat schlecht, ganz egal, was passiert. Beide Ausrichtungen sind vielleicht etwas extrem, doch wir werden uns Beides einmal anschauen.


Der Konsequentialismus

Vielleicht zuerst etwas zum Konsequentialismus, da er wohl am simpelsten ist. Die Folge einer Tat zählt. Nun, um es etwas anschaulicher zu machen, lasst mich euch eine Unterart des Konsequentialismus vorstellen: Den Utilitarismus. Von dem habt ihr sicher schon gehört.
In dem Buch „Einführung in die utilitaristische Ethik“ stellt uns der Philosoph Jeremy Bentham aus dem 19. Jahrhundert diese Ausrichtung vor. Wie schon gesagt wurde, hängt das Gute offenbar sehr stark mit dem Schaden und Nutzen zusammen. Genauer gesagt, sind das die einzigen Indikatoren, an denen man überhaupt bewerten kann, ob etwas gut oder schlecht ist. Und ganz offenbar ist Schaden schlecht und Nutzen gut. Daraus ergibt sich eine ganz einfache Formel: Je mehr Nutzen und je weniger Schaden man in die Welt bringt, desto besser ist man. Wie ihr euch erinnert, haben wir ja auch schon der letzten Folge gesagt, dass Schaden schlecht ist, weil er wehtut und deshalb Trotz und Ungerechtigkeit erzeugt. Nutzen führt dagegen zu Gegennutzen und Gutem.
Das löst dann auch das Problem der moralischen Dilemmas, in denen alles falsch ist, was man tut. Es gibt nämlich immer eine Handlung, die die beste ist, der man nachgegen kann. Immer gibt es eine, die die größte Lust und das geringste Leid hervorbringt, oder auch gar keins. Klar ist auch hier einberechnet, dass wir nicht komplett gut sein können. Immerhin reden wir hier von der besten möglichen Handlung. Wenn man also so utilitaristisch gut handelt, wie man eben kann, ist mein ein guter Mensch.
Und hier schließt sich der Kreis mit dem Verbrecher: Klar muss man ihn wegsperren, denn besonders in unseren heutigen Gefängnissen ist der Schaden, der ihm geschieht, minimal im Gegensatz zu dem, was er noch anderen Menschen antun könnte. Außerdem ist ja die Idee, dass er nach seiner Zeit im Gefängnis ein besserer und glücklicherer Mensch ist, also ist auch ihm geholfen. Die Tierethik kann man hier auch ganz einfach einbinden, da auch Tiere natürlich Leid und Lust empfinden können, das sich maximieren und minimieren lässt. Genial, nicht wahr?


Das Trolley-Beispiel

Nun, das könnte man zuerst denken, und theoretisch ist es das auch. Aber es gibt ein paar Probleme mit dieser Denkart. Lasst mich euch ein berühmtes Beispiel für diesen Fall geben und wir schauen uns den Utilitarismus genauer an. Sagt euch das „Trolley-Beispiel“ etwas?
Stellt euch einen kleinen Zug vor, den ihr alleine fahrt. Ihr seid damit auf eurer kleinen Schiene und beeilt euch vielleicht sogar etwas, um bald neue Passagiere aufnehmen zu können. Doch da seht ihr auf einmal fünf Bauarbeiter auf eurer Strecke! Aus irgendeinem Grund hat euch wohl keiner gesagt, dass dort heute Bauarbeiten sein würden und jetzt ist es etwas zu spät. Seufzend wollt ihr die Bremsen betätigen, doch sie funktionieren nicht! Der Trolley fährt weiterhin ungebremst auf die Bauarbeiter zu! Jetzt bekommt ihr richtig Panik, denn ihr könnt ja nicht gerade auf die Straße ausweichen. Aussteigen und sie warnen könnt ihr logischerweise auch nicht, das bringt euch 1. wahrscheinlich um und dauert 2. zu lang, ihr seid nämlich echt schnell unterwegs. Kurz versucht ihr, die Bauarbeiter durch Rufe auf euch aufmerksam zu machen, doch sie hören nichts. Klar, sie haben diese fetten Ohrschützer auf, weil sie mit ihren lauten Maschinen arbeiten. Und ganz ehrlich, wenn sie schon nicht euren Zug hören, sollen sie dann eure Rufe hören? Ihr wollt euch schon in euer Schicksal fügen, diese Menschen überfahren zu müssen, doch da seht ihr ein zweites Gleis, auf das ihr ausweichen könnt! Die Lenkung scheint noch intakt zu sein, also könntet ihr die 5 Bauarbeiter von ihrem Schicksal bewahren! Doch gerade als ihr ausweichen wollt, seht ihr, dass ein einsamer Bauarbeiter auch auf der alternativen Schiene arbeitet. Gut, es ist nur einer, aber er ist ja immernoch ein Mensch! Also, was macht ihr? Ausweichen und den einen Menschen umbringen oder nichts machen und die fünf opfern? Was wäre hier das Richtige?


Einwände gegen den Konsequentialismus

Nun für den Utilitaristen ist die Antwort zunächst ganz einfach: Ihr weicht natürlich aus! Kommt schon, 5 Menschenleben gegen 1? Und ihr müsst schließlich etwas wählen. Die deontische Antwort, also die der entgegengesetzten Theorie, sieht dagegen anders aus: Ihr dürft nicht ausweichen. Das liegt daran, dass es das moralische Prinzip gibt, niemanden zu töten. Ihr dürft nicht aktiv das Leben eines Menschen nehmen. Klar, es sterben sonst fünf Menschen, aber das ist nicht eure Tat, sondern eben die Bremsen, die versagt haben. Deontisch gesehen ist es natürlich nicht gut oder egal, dass diese 5 Menschen sterben, denn man soll auch niemanden tatenlos sterben lassen. Doch das moralische Prinzip, niemanden zu töten, steht eben darüber. Auch wenn es da unterschiedliche Sichten gibt, aber der Punkt ist, dass es hier ein Dilemma gibt. Ihr müsst zwischen zwei moralisch schlechten Taten wählen und kommt nicht unbedingt als besserer Mensch heraus. Bei den Utilitarist:innen und auch Konsequentialist:innen ist das nicht so. Es gibt eine Antwort, die richtig ist und alle anderen sind falsch. Und hier ist die Frage: Welche Antwort ist denn richtig? Wahrscheinlich findet ihr die Deontologie ziemlich naiv, da sie einfach die Augen verschließt und es geschehen lässt, aber wissen wir sicher, dass das Töten des einen Mannes mehr Glück hervorbringt als das der 5? Haben die denn Familie? Und der eine Arbeiter nicht? Oder besonders viele Freunde? Und was ist, wenn der einzelne irgendwann Arzt wird und Krebs heilt? Aber wenn er dann ein Kind hat, das später ein gesuchter Verbrecher wird, ist das dann trotzdem gut? Aber gut, dessen Nachkommen könnten das ja ausgleichen… Ihr seht schon, was das Problem ist, oder? Wir können nicht in die Zukunft schauen, also wissen wir gar nicht so genau, welche Entscheidung letztlich das größte Glück hervorbringt.
Vielleicht bringt ein weiteres Beispiel das Problem des Utilitarismus besser zum Vorschein. Stellt euch dasselbe Szenario vor, doch diesmal sitzt ihr nicht im Zug. Ihr arbeitet nicht einmal bei der Bahn, sondern seid einfach nur eine unbekümmerte Person. Doch der Punkt ist, wo ihr seid: Es führt in diesem Beispiel nämlich eine kleine Brücke über die Schienen, auf der ihr steht und so seht ihr auf der einen Seite den herannahenden Zug und auf der anderen die fünf Bauarbeiter. Da der Trolley echt echt schnell herankommt, geht ihr auch ganz richtig davon aus, dass die Bremsen nicht funktionieren. Vielleicht bringt euch auch der Fahrer darauf, der sich aus dem Fenster lehnt und „Die Bremsen funktionieren nicht, aus der Bahn!“ ruft. Es gibt nur diesmal leider keinen alternativen Weg für den Trolley, also wird er wohl die fünf Menschen töten, da könnt ihr nicht viel machen. Doch da seht ihr, dass neben euch ein dicker Mann steht, der dieses Geschehen auch beobachtet. Und versteht mich nicht falsch, dieses Detail ist tatsächlich sehr wichtig: Er ist nicht nur dick, sondern so unglaublich übergewichtig, dass ihr euch denkt: „Wenn ich den runter auf die Gleise werfe, hält er vielleicht den Zug auf!“ Ja ich weiß, selbst wenn jemand so dick sein könnte, könntet ihr ihn unmöglich über die Brücke kriegen, aber denkt dran: philosophisches Beispiel. Ihr wisst also, dass es funktionieren würde, nehmen wir jetzt einfach mal an. Und alles, was ihr machen müsstet, wäre, ihm einen kleinen Schubs zu geben… Leider könnt ihr ihn nicht einweihen, denn sonst wehrt er sich vielleicht! Außerdem habt ihr keine Zeit, mit ihm über Konsequentialismus und Deontologie zu diskutieren, denn sonst hat es sich schnell aus-moralisiert. Der Zug ist fast bei der Brücke! Also, was tut ihr? Schubst ihr den Mann die Brücke hinunter und stoppt so den Zug und rettet die 5 Bauarbeiter oder lasst ihr es bleiben?
Das ist ein interessantes Beispiel, nicht wahr? Denn hier haben wir eigentlich nach den beiden Ausrichtungen dieselbe moralische Situation. Denn die Konsequenz ist immernoch, dass entweder einer oder fünf Menschen sterben und die Handlung ist, entweder den Einen zu töten oder die Fünf sterben zu lassen. Dementsprechend wäre die konsequentialistische Antwort, den Mann auf jeden Fall zu schubsen und die deontische, das nicht zu tun. Wobei man auch hier fragen kann: „Ist es wirklich von den Konsequenzen am besten, den Mann zu schubsen?“ Wobei natürlich bei der Deontologie der Fall klar ist, dass man niemanden einfach so schubsen darf, um ihn für andere Leute zu opfern. Man sieht also, dass diese Theorie von der Idee her zwar nicht immer so intuitiv klingt, aber wenn man genauer überlegt, ist sie es sehr viel mehr als es scheint. Außerdem liefert es uns eine einfache Lösung, wie wir moralisch handeln können, ohne allwissend zu sein. Auch hier möchte ich noch einmal hervorheben: Nichts davon macht uns zu einem perfekten Menschen: Egal wie wir handeln, wir müssen immer entweder unmoralisch sein oder eine gewisse Menge an Leid erzeugen, je nachdem, wem man Glauben schenkt. Nur gibt es beim Konsequentialismus die beste Handlung und beim Deontischen die am wenigsten Schlechte.


Deontologie

Aber die Einfachheit der Deontologie ist nicht der einzige Punkt, der für sie spricht. Eine sehr starke Kritik an der utilitaristischen Idee kommt von einem Philosophen namens Robert Nozick, der im 20. Jahrhundert gelebt hat. In seinem Buch „Anarchie Staat Utopia“ sagt er, dass der Utilitarismus anscheinend immer alle Menschen in einen Topf wirft. Dann rechnet er eine Art „Gesamtglück“ aus, was dann optimal sein soll. Aber ergibt das überhaupt Sinn und wird das den Leuten gerecht? Denn am Ende ist doch jeder Mensch ein eigenes Individuum! Und an sich profitiert der Eine doch nicht davon, wenn der Andere Glück hat. Was heißt das? Schauen wir uns nochmal unser Trolley-Beispiel an: Der Utilitarist würde ja sagen, dass es am Besten wäre, den Mann zu schubsen oder auch das Gleis zu wechseln, um möglichst wenig Leid hervorzubringen. Nehmen wir mal an, das würde stimmen und objektiv würde mehr Menschen durch diese Entscheidung Glück hervorgebracht werden und weniger Leid. Für wen genau ist das dann besser? Naja, die Fünf freuen sich, der Eine nicht. Einige leben, einige sterben, aber die Toten haben doch nichts davon. Ist der Mann, der überfahren wurde, jetzt zufrieden, weil fünf andere leben? Vielleicht kurz vor seinem Abgang, wenn er überhaupt etwas gemerkt hat, aber er ist tot. Er hat nichts vom Glück der Anderen. Das Glück der Menschen kann man also nicht einfach so zusammenzählen, denn jeder profitiert nur vom eigenen Glück. Es gibt kein großes Wesen, das alle Menschen in sich vereint und mehr Glück empfindet, wenn weniger Menschen sterben. Und deswegen braucht jeder Mensch gewisse Rechte, die nicht gebrochen werden dürfen. Das Wichtigste ist dabei auf jeden Fall das Recht auf Leben. Nozick entwirft in seinem Buch ja auch ein Bild eines perfekten Staates wie Platon, daher redet er hier von Rechten. Er verwirft den Utilitarismus nicht komplett, aber sagt, dass dieser nur unter Einhaltung dieser Regeln stattfinden kann. Aber im Grunde ist das Deontologie, denn unter ihr kann man alles machen, solange man mit gewissen moralischen Prinzipien nicht bricht. Und die sind in jeder Gesellschaft etwas anders, aber als sehr generelle Beispiele lassen sich Lügen, Töten und Verletzen nennen als schlechte Handlungen. Demnach hat jeder Mensch das Recht, dass ihm das nicht angetan wird. Also ist jede Handlung, unter der das passiert, schlecht. Denn jeder Mensch leidet für sich selbst, ganz egal, welche Konsequenz folgt.


Zwischenstand

Hier machen wir einmal kurz einen Zwischenstand: Wir brauchen also die Moral, um auch in der praktischen Welt sagen zu können, wer gut ist und wer nicht. Durch Platon wissen wir zwar, was ein perfekter Mensch ist, und zwar einer, der nicht schadet, aber das kann man nicht gut anwenden. Wir leben in einer Welt, in der jeder schadet und teilweise auch schaden muss, also brauchen wir eine Abstufung. Wir brauchen eine Moral, die uns die Frage beantwortet, wann wir schaden dürfen und wann nicht. Gibt es Fälle, in denen die Folgen unserer Handlung sie moralisch rechtfertigen? Wenn wir jemandem schaden, um Schlimmeres abzuwenden zum Beispiel?
Dann haben wir uns den Konsequentialismus und die Deontologie angeschaut. Und die Deontologie sagt in den meisten Fällen: „Nein.“ Wir dürfen niemandem schaden, weil das gegen moralische Prinzipien verstößt. Auch wenn es hier Ausnahmen gibt, zu denen ich noch kommen werde.
Der Konsequentialismus, hier vor allem mit dem Utilitarismus dargestellt sagt: „Ja“. In einigen Fällen müssen wir sogar schaden, um das beste Ergebnis herbeizuführen, bei dem die wenigsten Menschen leiden und den Meisten Glück hervorgebracht wird. Ist ja ganz logisch, denn Schaden ist ja nur schlecht, weil es Menschen Leid bringt und Nutzen ist Gut, weil es Glück hervorbringt. Also ist es wohl gut, so viel wie möglich davon zu produzieren. Klar, die 100% kann man nicht erreichen, weil wir in einer unperfekten Welt leben, aber man hat immer eine Handlung, die daran am nächsten herankommt. Aber bei den Beispielen stellt sich schnell heraus, dass der Utilitarismus nicht praktikabel ist. Wir wissen ganz einfach nicht, welche Handlung die besten Folgen haben wird, weil diese Folgen noch nicht passiert sind. Wir können also nur annehmen, dass der Tod der einen Person weniger Leid produzieren wird als der der fünf?
Doch selbst wenn wir das richtig ausrechnen könnten, (was wir nicht können,) stellt sich die Frage, ob das allgemeine Glück wirklich der richtige Maßstab ist. Was ist denn das allgemeine Glück? Das Glück des allgemeinen Weltwesens? Letzten Endes kann nur jeder Mensch für sich allein Glück empfinden und wird er geopfert, empfindet er keins mehr, ganz egal was passiert. Jedes Individuum ist in seinem Leid und seinem Glück von den anderen getrennt und daher ergibt es Sinn, sie getrennt zu behandeln. Daher sagt der/die Deontolog:in, dass man niemandem aktiv schaden darf, auch nicht, wenn die Zahlen günstig dafür zu stehen scheinen. Jeder Mensch soll gewisse Rechte haben, so Nozick, die über allem stehen. Darunter das Recht auf Leben, das Recht, nicht angelogen zu werden und das Recht, nicht verletzt zu werden. Damit sagt er nicht, dass es gut ist, die Menschen im Beispiel sterben zu lassen, aber das ist dann eben ein moralisches Dilemma. Normalerweise würde man sagen, dass es schlimmer ist, jemanden zu töten, als jemanden sterben zu lassen, deshalb tut man das nicht. Aber man hat damit noch immer eines der beiden getan.
Also, was machen wir? Ich habe euch gesagt, dass die Moral uns mit den moralischen Dilemmas hilft und sagt, was wir tun sollen. Jemanden sterben zu lassen, weil es etwas besser ist, als jemanden zu töten, ist nicht ganz, was ihr erwartet habt, oder? Immerhin wollen wir ja möglichst gute Menschen sein und nicht einfach verhindern, noch schlechtere Menschen zu werden, als wir ohnehin sind. Aber wie rechtfertigen wir unsere moralischen Prinzipien? Nicht lügen, nicht töten, nicht verletzen… Naja das ist wenig hilfreich, das sind gerade mal drei Sachen! Und einen Katalog kann ich euch leider auch nicht liefern. Also… ja, was jetzt? Und warum ist Lügen schlecht? Wie rechtfertigen sich alle anderen moralischen Regeln? Oder denken wir uns die einfach aus?


Kants Zweck-Mittel-Theorie

Ich denke, wir brauchen einen dritten Philosophen, um diese ganze Geschichte zu retten. Und an dieser Stelle möchte ich Immanuel Kant ins Boot holen, und zwar mit seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Er ist der Älteste der bisher genannten Philosophen und hat im 18. Jahrhundert gelebt. Wahrscheinlich hat kaum ein Philosoph einen solchen Einfluss und eine solche Bandbreite an Themen gehabt wie er. Wahrscheinlich hätte ich ihn auch zu meinen vergangenen Folgen gut zitieren können. Doch was sagt er zur Deontologie?
Nun zunächst möchte ich ein weiteres Argument gegen den Konsequentialismus und vor allem Utilitarismus nennen: Kant sagt, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen nie nur als Mittel, sondern immer auch als Zweck gesehen werden muss. Man darf also jemanden nicht einfach benutzen wie ein Objekt. Nun, dass das moralisch ist, leuchtet uns sicher ein, aber warum soll das erwiesenermaßen so sein? Nach Kant hat jedes Wesen einen gewissen Selbstzweck. Alle haben für sich selbst einen gewissen Plan und einen Willen. Der basalste Selbstzweck ist wohl der Überlebensdrang, den auch die Tiere haben, also müsste Kants Formel auch für sie gelten. Jedenfalls ist das ein ewiger Zweck, der auch dann bleibt, wenn ihn niemand anders sieht. Bei Gegenständen ist das anders, denn sie sind tatsächlich nur Mittel ohne Zweck. Zumindest haben sie keinen intrinsischen Zweck, der muss nämlich von außen kommen.
Um den auch in diese Folge zu stellen: Der Tisch als Gegenstand hat zum Beispiel an sich keinen Zweck. Alles, was er ist, ist ein bisschen Holz, das geformt wurde und das man als Mittel für irgendetwas gebrauchen kann. Kommt jetzt ein Mensch an und setzt sich drauf, ist der Tisch als Mittel gebraucht worden und hat einen Zweck bekommen, der dem des Menschen dient. Wenn er jetzt aufsteht und geht, nimmt er diesen Zweck mit. Aber wenn man einen Menschen als Mittel für den eigenen Zweck benutzt, behält dieser dennoch den eigenen Zweck und der geht nirgends hin. Deswegen kann man das nicht machen, sondern muss den Menschen immer auch als Zweck sehen.


Das Trolley-Beispiel nach Kant

Nun, das ist vielleicht etwas theoretisch, also lasst uns zum Trolley-Beispiel zurückkehren. Wenn wir den Mann von der Brücke stoßen, benutzen wir ihn als Mittel für unseren Zweck, denn wir retten mit ihm diese 5 Menschen. Was sein Zweck war, wissen wir nicht, aber es war wahrscheinlich nicht, zu sterben. Wir haben seinen Zweck also mit unserem überschrieben und so getan, als wäre er nur ein Mittel wie der Tisch. Deswegen ist diese Handlung unmoralisch, egal was dann passiert. Wenn wir jetzt einen riesigen Tisch auf die Gleise gestellt hätten, wäre das etwas Anderes gewesen, denn dieser hätte keinen Selbstzweck und da wir damit nur den Trolley aufhalten und Leben retten wollen, ist es kein Problem, dass wir ihn das machen lassen.


Schaden an sich selbst

Mit Kant will ich auch noch etwas zum Schaden an sich selbst sagen. Ich habe ja in der vorletzten Folge angedeutet, dass auch das nicht moralisch eiwandfrei ist. Zumindest stimmt das nicht mit dem perfekten Menschen überein, denn dieser schadet niemandem. Doch wir reden hier ja über eine Welt, in der man nicht perfekt ist. Das heißt, dass es Situationen gibt, in denen man nicht nur schaden muss, sondern sich, wie in diesem Beispiel, vielleicht dazu gezwungen fühlt oder einen das Gefühl überkommt. Und klar, das macht einen nicht gut. Aber es ist ein Sonderfall, denn deontisch gesehen würde man an dieser Stelle das moralische Register herausholen und schauen, wie schlimm dieser Schaden ist. Und es würde sich herausstellen, dass er nicht so hoch eingestuft wird, weil er nicht dem Selbstzweck schadet. Man verwendet sich als Mittel zu seinem eigenen Zweck: sich zu schaden. Und auch wenn das nicht das ist, was man tun sollte, ist es moralisch gesehen deshalb nicht als so schlecht eingestuft. Es macht einen in unserer Welt zwar nicht zum besseren Menschen, aber auch nicht unbedingt schlechter. Das nur als kleiner Einschub.


Kants Imperativ

Doch was ist jetzt Kants Vorschlag? Herumgehen und sagen „Das ist schlecht und das ist schlecht und das ist schlecht.“ ist ja irgendwann auch nicht mehr hilfreich. Woher holen wir unsere moralischen Werte? Und wie stellen wir sicher, dass wir mit ihnen nicht die Rechte und Zwecke unserer Mitmenschen missachten und trotzdem nicht zu viele Menschen leiden müssen? Denn letzten Endes will natürlich auch die deontische Seite, dass möglichst wenigen Menschen geschadet wird. Nun, ihr habt doch sicher schon einmal von Kants kategorischem Imperativ gehört, oder? Der genaue Wortlaut ist: „Handele nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Wie genau wollen wir das übersetzen? Ganz einfach: Ihr könnt erkennen, ob eure Handlung moralisch ist, wenn ihr euch vorstellt, dass das alle machen. Und zwar nicht einfach so, weil sie es wollen, sondern als Gesetz, stellt euch also vor, sie müssten es tun.
Ganz einfaches Beispiel der Lüge: Kann es allgemeines Gesetz sein, dass man sich anlügen muss? Nein, oder? Denn wo kämen wir denn da hin, es würde niemand mehr die Wahrheit sagen! Wir würden als Menschheit echt nicht sehr weit kommen, also können wir das nicht als allgemeines Gesetz wollen. Und daher ist Lügen moralisch falsch. Es hat ein bisschen Züge von „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern‘ zu“, nicht wahr? Dasselbe Prinzip. Kant sagt außerdem auch, dass es nicht als Gesetz existieren könnte, weil es analytisch nicht aufgeht. Eine Lüge hat zum Zweck, die Wahrheit zu kaschieren, um zu täuschen, aber wenn jeder lügen müsste, gäbe es irgendwann gar keine Wahrheit mehr.
Kommen wir zum Trolley-Beispiel. Können wir wirklich wollen, dass es ein allgemeines Gesetz wird, dass man jederzeit geopfert werden muss, wann immer dadurch fünf Leute gerettet werden könnten? Nein, können wir nicht, denn wem könnten wir dann noch trauen? Und warum sollten 5 Leute immer in jedem Fall besser sein als man selbst? Dagegen steht außerdem noch immer Kants Punkt, niemanden als bloßes Mittel zu gebrauchen. Kantianismus nennt sich diese Ausrichtung und ihr Fokus liegt ganz klar auf dem einzelnen Menschen. Niemandem darf so sehr geschadet werden, dass sein eigener Selbstzweck untergraben wird, um einem anderen Zweck zu dienen.


Einwände gegen den Kantianismus

Das Problem ist, dass auch der Kantianismus an seine Grenzen stößt, wenn man ihn zu konkret macht. Können wir als allgemeines Gesetz wollen, dass, wann immer die Bremsen bei einem Trolley versagen und er auf eine Gruppe von 5 Bauarbeitern zurast und es eine zweite Schiene mit nur einem Bauarbeiter gibt, der Fahrer die zweite Schiene nimmt? Naja, können wir das? Keine Ahnung, vielleicht? Das ist ja gerade die Frage, die wir stellen: sollen wir den einen Mann überfahren oder die fünf? Der Kategorische Imperativ funktioniert gut bei Richtlinien, aber bei konkreten Situationen stehen wir vor demselben Problem wie beim Utilitarismus: Wir sind nicht weise genug dafür.
Gut, hier kann man sagen: Doch, wir wollen das Gesetz nicht, weil es den Selbstzweck eines Menschen ignorieren würde. Doch stellt euch das praktische Leben noch einmal vor: Was ist, wenn ein Leben gegen mehrere Millionen steht? Stellt euch vor, ein Terrorist sagt, er wird mehrere tausend Bomben im Land zünden, wenn ihm nicht eine bestimmte Person ausgeliefert wird. Und nun stellt euch vor, diese Person will nicht die ganzen Menschen retten und weigert sich. Sollte man sie trotzdem opfern, obwohl das dem Selbstzweck widerspricht?


Konklusion

Damit kommen wir zurück zum Konsequentialismus, denn letzten Endes ist es die Folge einer Tat, auf die es hinausläuft und die aufzeigt, ob sie gut oder schlecht war. Nein, ich sage nicht, dass die Deontologie und der Kantianismus falsch, sondern dass sie nicht so radikal wie die Utilitaristen mit den Folgen sind. Seht ihr, die moralischen Prinzipien müssen doch auch irgendwo herkommen, nicht wahr? Warum sagt Kant, dass etwas ein allgemeines Gesetz werden muss, damit es gut ist? Etwas ist ja nicht gut, weil es gut ist, es muss einen Anlass geben. Naja, ganz einfach: Die moralisch schlechten Handlungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie als Gesetze schlechte Auswirkungen hätten. Und zwar nicht einfach auf das allgemeine Wesen, sondern auf den Einzelnen, das abgetrennte Individuum. Der Selbstzweck von Menschen würde ignoriert werden, was ihnen schadet oder bei Lügen wäre keine Wahrheitsfindung und Zusammenarbeit mehr möglich. Wieso sind Vorhaben, etwas Schlechtes zu tun, schlecht? Weil sie zu schlechten Taten führen. Letzten Endes konzentrieren wir uns alle auf die Folgen der Tat, denn auch Platon hatte im Sinn, dass Menschen niemandem schaden, damit in der Folge Gutes hervorgebracht wird. Warum ist Töten schlecht? Weil es Menschen schadet und zu Rache führen kann, was zu weiterem Schaden führt. Lügen ist schlecht, weil es dazu führt, dass jemand den Selbstzweck eines anderen Menschen, die Wahrheit herauszufinden, ignoriert und eine gezielte Falschinformation einpflanzt. Klar ist das nicht immer schlecht, aber wir sind nicht allwissend, nicht wahr? Genau das Problem des Utilitarismus, wir können nicht alles wissen. Nur ist vielleicht der Konsens, dass wir das Glück und Leid von möglichst jedem Menschen einzeln anschauen sollten und nicht allen zusammen, da es getrennte Individuen sind. Normalerweise ist es eben so, dass es schlecht ist, zu töten und zu lügen und deshalb haben wir unseren moralischen Katalog. Dinge, an die wir uns halten können, weil sie uns selten in die Irre leiten. Doch manchmal wissen wir auch, dass es unvernünftig ist, daran festzuhalten. Weil der Wunsch von einigen Personen, frei Verbrechen zu begehen nicht so wichtig ist wie die Gesundheit und das Wohl der Opfer. Wenn ein Leben gegen das einer ganzen Nation steht, ist es wohl schlauer, konsequentialistisch zu denken.
Wie seid ihr also möglichst gut? Seid ehrlich zueinander, respektiert die Wünsche und Zwecke der Anderen und geht miteinander so um, wie ihr wollen würdet, dass man mit euch umgeht. In den meisten Fällen reicht das schon aus und ihr seid auf der moralisch sicheren Seite. Klar, man hat nicht alle Tage die Wahl, fünf Menschen oder einen Menschen zu töten. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, in der moralische Dilemmas immer seltener werden. Manchmal ist das aber nicht so und ihr müsst selbst utilitaristisch denken. Und da kein Mensch allwissend ist, kann man euch da wohl einen Fehler nicht allzu übel nehmen. Denkt dran: Letzten Endes ist der gute Mensch einer, der gut sein will und vorhat, gut zu handeln. Die Moral ist nur dazu da, uns den Schubs in die richtige Richtung zu geben.

So, das war sie also, meine Folge zur Moral. Ich denke, ich habe jetzt mit dem perfekten Menschen, dem Verhalten gegenüber Tieren und dem bestmöglichen Menschen die wichtigsten Bereiche abgedeckt.

Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

 Dann macht es gut und bis zur nächsten Folge!


Quellen

,,Der Staat" - Platon

,,Zur Genealogie der Moral" - Friedrich Nietzsche

,,Jenseits von Gut und Böse" - Friedrich Nietzsche

,,Einführung in die utilitaristische Ethik" - Jeremy Bentham

,,Anarchie, Staat, Utopia" - Robert Nozick

,,Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" - Immanuel Kant

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