#03 Was ist ein guter Mensch?

Zusammenfassung

Bist du ein guter Mensch? Was für eine Frage, nicht wahr? Aber bleiben wir kurz dabei: Was ist denn eigentlich ein guter Mensch? Bei allen Gesetzen, gesellschaftlichen Regeln und Wertvorstellungen, was genau ist da die Anleitung zum moralischen Menschen? Bei Platon ist das ganz einfach. Er sagt: Man ist ein guter Mensch, wenn man nichts und niemandem schadet. Ja, noch nicht einmal den schlechten Menschen. Wie kann man sich das vorstellen? Und gibt es überhaupt „gute“ und „schlechte“ Menschen? Oder sind wir alle einfach nur… Menschen?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Hallo zusammen und herzlich willkommen zurück zu einer weiteren Folge von Philosophie für zwischendurch! 


Einleitung

Es freut mich, dass ihr wieder den Weg hierher zurückgefunden habt. Wenn ihr das lest, dann seid ihr wohl genauso neugierig wie ich, was es mit dem Guten auf sich hat. Vielleicht seid ihr euch auch manchmal unsicher, ob ihr euch gut verhaltet oder nicht. Ich denke, dass jeder Mensch sich irgendwann in seinem Leben einmal gefragt hat, ob er eigentlich gut ist. Und das ist auch ganz normal. Schließlich gibt es leider keinen einheitlichen Katalog an Aufgaben, die man absolvieren soll, damit man gut ist. Aber man will offenbar immer möglichst auf der Seite der Guten stehen, was ja schonmal ein Anfang ist. Habt ihr euch denn schon einmal wegen etwas schlecht gefühlt? Sogar vielleicht daran gezweifelt, ein guter Mensch zu sein? Ich habe mir diese Frage schon ein paarmal gestellt. Ist das, was ich gerade mache, ok so? Mache ich meinen Job als Mensch auf der Erde überhaupt gut? Denn es gibt niemanden, der euch das sagen kann, nicht wahr?
Heute werden wir uns diese Frage also etwas näher anschauen. Sie ist sogar noch ein bisschen grösser als die zum Sinn des Lebens und auch noch immer nicht geklärt. Sie wird wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit diskutiert werden. Das Gute scheint der absolute Wert zu sein, der über allem schwebt und Unterkategorien wie Sinnhaftigkeit oder Nutzen hat. Die Frage nach dem Guten ist auch die Frage, die in der Philosophie schon ganz am Anfang auftaucht und von Philosophen wie Platon und Aristoteles ausführlich besprochen wird. Dagegen kam zum Sinn des Lebens nach den Griechen lange nicht viel Nennenswertes, bis im 19. und 20. Jahrhundert die Existenzphilosophie mit Sartre, Heidegger und Nietzsche populärer wurde. Daher ist die Frage nach dem Guten ein riesiges Gebiet und als ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, habe ich mich einem wahren Berg aus Fragen und Positionen gegenübergesehen. Keine Sorge, ich werde ich nicht stundenlang davon erzählen, sondern habe mir ein paar Sachen herausgesucht, die hilfreich sein könnten. Es verrät übrigens viel über den Menschen, dass das eine so häufige Frage in der Philosophie ist. Wir sind uns bei allem, was wir tun, so unsicher. Also, lasst mich einmal schauen, ob ich euch eure Bedenken nehmen kann.


Eine Annäherung an das Gute

Diese Frage habe ich mit einer ähnlichen Taktik begonnen wie die nach dem Sinn des Lebens. „Was ist ein guter Mensch?“ lädt einen förmlich zu der Frage ein, was „gut“ ist. Und das ist echt ein großer Brocken. Nun, wie wir bereits beim Sinn des Lebens festgestellt haben, hängt das Gute sehr stark mit dem Nutzen zusammen. Keine Sorge, ich werde das später noch etwas genauer betrachten, doch für jetzt soll das genügen. Gut zu sein heißt, für jemanden nützlich zu sein. Und auch hier dieselbe Frage wie bei der letzten Folge: Für wen? Für wen sollte man nützlich sein? Für alle? Dann wäre man wohl Altruist. Die scheinen moralisch sehr gut bewertet zu sein. Oder ist man vielleicht doch nur nützlich für sich selbst? Dann wäre man Egoist. Die stehen dagegen eher schlecht da. Ob das überhaupt gerechtfertigt ist, werde ich auch noch untersuchen. Was ist aber, wenn man nur für die gut und nützlich ist, die selbst gut sind? Wäre das nicht eher eine gute Idee? Denn wenn man nur für die gut ist, die schlecht sind, wäre man auch schlecht, oder?
Vielleicht drehen wir das Ganze einmal um: Was ist denn ein schlechter Mensch? Das wäre wohl nach unserer Definition jemand, der schädlich ist. Ist er für jeden schädlich, klingt das wahrscheinlich wie das Paradebeispiel eines schlechten Menschen. Ist dann also sein Gegenteil, der für alle gut ist, ein komplett guter Mensch? Doch sehen wir weiter. Wie sieht es aus mit Menschen, die nur schädlich für sich selbst sind? Das ist ein interessanter Fall, denn das scheint überhaupt nicht moralisch bewertet zu sein. Vielmehr erweckt es nur einfach Mitleid. Auch dazu werde ich später kommen. Und jetzt kommts: Was ist mit jemandem, der nur schlecht zu denen ist, die auch schlecht sind, ist der nicht gut? Es scheint also eine gewisse Mischung zu brauchen. Man kann offenbar nur ein guter Mensch sein, wenn man auch gewissen Menschen schadet.


Ein Beispiel

So ich denke, es wird höchste Zeit für ein Beispiel. Warum rede ich hier die ganze Zeit von nützlichen und schädlichen Menschen? Nehmen uns den einfacheren Fall eines Schreiners. Was ist ein guter Schreiner? Jemand, der gute Tisch baut, nicht wahr? Das wären also stabile Tische, nützliche eben. Mir fällt übrigens gerade auf, dass ich, ganz ohne es zu merken, schon wieder bei den Tischen gelandet bin, wie beim Sinn des Lebens. Fragt mich nicht, warum ich offenbar so eine Obsession mit denen habe! Also, er baut gute Tische und nützt damit vielen Menschen, die ihn dann natürlich auch dafür bezahlen. Diese Menschen tun jetzt also Gutes für einen guten Schreiner. Doch jetzt stellt euch den schlechtesten Schreiner der Welt vor. Er baut Tische, die am Ende fünf Beine haben oder beim ersten Gebrauch zusammenbrechen. Will man von dem wirklich noch weiterhin kaufen? Wäre es eine gute Idee, ihm noch mehr Geld zu geben und weiter in ihn zu investieren? Nicht so wirklich, oder? Was ist, wenn ein Tisch unter jemandem zusammenbricht, der sich daran aufstützt? Selbst, wenn jemand nur sein Zeug später vom Boden aufheben muss, weil der Tisch es nicht halten konnte, wurde Schaden verursacht. Daher ist es besser, nicht nützlich für diesen Schreiner zu sein und nicht mehr von ihm zu kaufen, würde ich sagen. Als guter Mensch sollte man es nicht verantworten, weitere Menschen in Gefahr zu bringen.
Ihr könntet euch jetzt vielleicht fragen, warum ich den guten Menschen nicht direkt mit guten Tischen verglichen habe. Warum der Schreiner? Nun, auch hier können wir auf die letzte Folge zurückgreifen. Ein Tisch existiert nicht auf dieselbe Weise wie ein Mensch. Und auch bei dieser ontologischen Bestimmung sind wir schon weiter: Der Grund, weshalb ich gleich das Gute definieren wollte und nicht den Menschen, ist, dass wir unsere anthropologische Antwort schon haben. Der Mensch ist ein Für-Sich, das sich immer wieder durch die Zeit verändert, durch seinen Willen gesteuert wird und anhand von diesem seinen Sinnentwurf strukturiert. Das heißt, dass wir es hier mit einem Wesen zu tun haben, das selbst denken kann und seinen eigenen Kopf hat. Also passiert hier gar nichts, wenn es das nicht will. Daher wird der Schreiner auch nur dann gute Tisch bauen, wenn er das auch will, nicht wahr? Und dabei ist es nicht wichtig, woher der Wunsch genau kommt. Der Wille, gute Tische zu bauen, muss nicht sein innigster Wunsch sein, sondern könnte ihm auch aufgezwungen werden. Auch wenn seine finanzielle Lage ihn zwingen würde, gute Tische zu bauen und er seine Arbeit eigentlich hasst, würde er immernoch gute Tische bauen wollen. Ein guter Schreiner muss also ein guter Schreiner sein wollen und genau so muss auch ein guter Mensch ein guter Mensch sein wollen.


Wille oder Tat?

Ihr habt doch sicher alle schon Sprüche gehört wie: „Der Wille zählt“ oder „Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint““. Sie beziehen sich alle auf ein Missverhältnis zwischen Willen und Tat. Was meine ich damit? Gehen wir nochmal zum Schreiner: Stellen wir uns vor, er will einem Kunden einmal wirklich eine Freude machen. Dieser hat einen Tisch bestellt, aber besitzt nicht sonderlich viel Geld. Dieser Kunde will nichts Spezielles, sondern einfach nur irgendetwas aus Holz mit vier Beinen, was er in sein Haus stellen kann. Und der Schreiner denkt sich, er gibt sich mit diesem Tisch extra viel Mühe und fertigt ihn aus besonders teuren Materialien an. Am Ende hat er dem armen Mann einen hochwertigen, eleganten und dünnen Tisch geschnitzt, den er ihm gibt. Nun stellt euch die Überraschung des Kunden vor, als er den Tisch zu sich nach Hause stellt! Doch der Schreiner hatte nicht damit gerechnet, dass der Kunde eher weniger vorhat, auf dem Tisch zu essen oder zu arbeiten. Er will darauf tanzen! Doch dazu ist das teure elegante Material nicht geeignet. Und so tanzt der Kunde bei einem Fest mit seinem neuen Tisch darauf herum, bis er einkracht. Nun, was sagen wir jetzt? Der Schreiner hatte definitiv einen guten Willen, doch davon hat der Kunde jetzt nicht viel. Schlimmer noch, er hat jetzt weniger als vorher, hat er doch Geld für einen kaputten Tisch gezahlt. Macht das den Schreiner jetzt doch schlecht oder weniger gut? Ist die Tat nicht wichtiger als der Gedanke?
Dann habe ich eine Gegenfrage für euch: Warum stellen wir uns in der Situation nicht die Frage, ob der Tisch gut ist? Eben haben wir doch die ganze Zeit von „guten“ und „schlechten“ Tischen geredet. Und wenn der Schreiner einen guten Willen hatte und der Kunde nichts dafürkonnte, war es dann nicht der Tisch, der zusammengebrochen ist?
Vielleicht ist das ein schlechtes Beispiel, weil der Tisch selbst nichts dafürkonnte, wie er geschaffen war, also wenden wir uns Tieren zu. Ist ein Tier gut oder schlecht? Wenn ein Hund einen beißt, ist es dann ein „böser“ Hund? Immerhin ist das auch eine Tat, genau wie beim Schreiner. Und es war die Tat, den instabilen Tisch gebaut zu haben, die den Schaden angerichtet hat. Aber wir nennen den Hund nicht böse. Denn das, was den Menschen vom Tier unterscheidet ist, dass er vor einer Tat überlegen kann. Stellt es euch vor wie die Sinnstiftungen der letzten Folge. Man hat für jede Handlung einen kleinen Entwurf, bei dem man mit sich berät, was man machen will. Und da entscheidet sich, ob die Handlung gut oder schlecht werden soll. Die Tat an sich ist dagegen moralisch unbewertet, denn die kann das Tier auch. Und beim Menschen erhält sie ihre Güte vom Gedanken davor. Der Schreiner wird also nicht zum schlechteren Menschen, weil der Tisch eingekracht ist. Das, was man vorhat zu tun, ist das Entscheidende, die Tat nur ein Medium, der Außenwelt ein Gut zukommen zu lassen. Aber sie ist natürlich ebenso nötig. Die Beiden gehören untrennbar zusammen, denn zu denken, dass man etwas tun will, heißt, etwas nach Möglichkeit zu tun. Der Schreiner würde nicht denken, dass er unbedingt einen schönen Tisch bauen will, wenn er das nicht vorhätte zu tun. Die Handlung ist auch wichtig dafür, dass wir Einblicke in den Gedanken dahinter bekommen. Denn niemand kann Gedanken lesen und so ist eine Äußerung in die Umwelt der einzige Weg, das eigene Gut kenntlich zu machen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn einem nicht die Möglichkeit dazu gegeben ist und es bei einem Versuch bleibt. Aber was ich euch sagen will, ist, dass ein guter Mensch vor allem vorhat gut zu handeln, also gut denkt.
Also, eine ganz einfache Formel: Ein guter Mensch denkt gut, will gut sein und ist gut gegenüber denen, die ebenfalls gut sind und schlecht zu den schlechten Menschen. Das würde dann auch heißen, dass der Altruist eigentlich kein perfekter Mensch ist, weil er auch zu schlechten Menschen gut ist und der Mensch, der zu allen schlecht ist, wenigstens von sich sagen kann, dass er auch den Bösen schadet. Der Egoist und der, der sich selbst schadet, sind Fälle, bei denen es drauf ankommt, ob sie gute oder schlechte Menschen sind, wie ihr Verhalten zu bewerten ist. Wenn man dann noch die Begriffe des „Guten“ und „Schlechten“ klärt, ist alles perfekt. Oder auch nicht:


Wer ist gut oder wer schlecht?

Ich habe euch  gesagt, dass nur der Mensch gut oder schlecht sein kann, doch habt ihr jemals jemanden getroffen, der komplett gut oder schlecht ist? Hatten wir nicht in der letzten Folge gesagt, dass der Mensch sich immer nach seinem Willen ändert? Vielleicht gibt es Ausnahmen, doch jeder, der hier zuhört, hat doch sicher einmal etwas Schlechtes gemacht, nicht wahr? Meldet euch, wenn ihr schon einmal etwas von einem Laden geklaut habt! Der Ladenbesitzer war sicher kein schlechter Mensch, oder die Firma. Aber seid ihr jetzt böse Menschen? Nein, ihr habt doch sicher einmal etwas Gutes getan! Jemandem etwas geschenkt, oder ein Kompliment gemacht! Mit dem menschlichen Für-Sich scheint es so, dass der Mensch nie etwas Konkretes sein ganzes Leben lang ist, am wenigsten gut oder schlecht.
Nun es gibt zwei Möglichkeiten, wie man dieses Problem angehen kann. Man könnte die Definition eingrenzen, wann etwas derselbe Mensch ist. Wenn ich jetzt etwas anderes will als eben noch, bin ich dann wirklich noch derselbe? Wenn man ganz genau sein will, hat man mit jedem Handlungsplan vor, etwas anderes zu tun. Also würde man sich bei jedem Gedanken mit Handlung verändern, oder? Und je nachdem, ob diese Handlung gut oder schlecht ist, ist man dann nicht selbst gut oder schlecht? Dann hätte man mit jedem Moment die Möglichkeit, ein guter Mensch zu sein. Böse Menschen sind dann also diejenigen, die gerade Böses denken und tun und als guter Mensch hat man dann entweder vor, ihnen zu schaden oder zumindest nicht nützen, mit der nächsten Handlung, die man wählt. Erscheint euch alles etwas weit hergeholt? Na dann habe ich hier die zweite Option, die etwas simpler ist: Man zieht die ganzen Handlungen wieder zu einem Menschen zusammen und sagt, dass man ein besserer Mensch ist, je mehr man gut handelt und ein schlechterer, je öfter man schlecht handelt. Komplett gut wird man so wohl nie werden, aber man wird immer besser, je öfter man gut handelt. Wie immer man es drehen will, es kommt mehr oder weniger auf dasselbe hinaus. Doch hier stellt sich das Problem, dass man nicht weiß, wer überwiegend schlecht oder gut ist. Es ist ja nicht so, als könnte man den Gütegrad ausrechnen.


Nietzsche: Das Gute ist subjektiv

„Doch was ist denn jetzt das Gute?“ „Und wie lösen wir dieses Problem mit dem Gütegrad?“ „Wie können wir sicher wissen, wem wir schaden und wem wir nützen sollen?“ Das höre ich euch förmlich rufen. Und es tut mir echt leid: an der Stelle bin ich tatsächlich am Ende meiner Weisheit. Aber keine Sorge, ich habe einige Leute organisiert, die schlauer sind als ich und mehr Zeit hatten, über diese Sachen nachzudenken. Ich möchte also einmal anfangen, euch die Sicht des Philosophen Friedrich Nietzsche vorzustellen. Er hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt, also nicht sonderlich weit weg von Sartre. Das wird euch sicher bei seiner Philosophie auch gleich auffallen. Meine Infos stammen aus seinen Werken „Jenseits von Gut und Böse“ und „Zur Genealogie der Moral“. Man kann wahrscheinlich schon von den Titeln ablesen, in welche Richtung sein Ansatz gehen wird. 
Nietzsche ist nicht der Meinung, dass das Gute und das Schlechte als natürliche Werte in der Welt existieren. Er sagt, dass der Mensch an sich von Natur aus weder gut noch schlecht ist - woher sollte also so etwas kommen? Deshalb sind es für ihn künstliche Werte, die der Mensch selbst geschaffen hat, sobald er die Fähigkeit zu Denken entwickelte. Und da es kein objektives Gut in der Welt gibt und jeder sich selbst seine Gedanken dazu machen kann, ist das ein subjektiver Wert. Und als solcher geht er nicht nur strikt gegen die menschliche Natur, sondern schränkt auch dessen Freiheit ein. Das muss aber keine schlechte Sache sein, schließlich haben wir ja schon bei Sartre gesehen, wie gefährlich unbegrenzte Freiheit sein kann. Aber es führt dazu, dass sich die Starken und Mächtigen einer Gesellschaft das Gute zu ihrem Vorteil zurechtlegen. Nietzsches belegt seine Argumentation am Verlauf der Geschichte: Könige und Adelige haben sich über Jahrhunderte das Gute zu Eigen gemacht. Es ist lange Zeit so gewesen, dass gesagt wurde, die Oberschicht eines Landes wäre gut und die Unterschicht schlecht. Bis heute ist „nobel“ ein Synonym für „aufrichtig" und ,,ehrlich“, genauso wie „vornehm", ,,reich" und edel“. Es ist natürlich sehr praktisch für die Rechtfertigung der eigenen Taten, wenn man sie direkt als gut bezeichnen kann, da sie von guten Menschen kommen.


Der Kampf um das Gute

Aber so ist es nicht geblieben. Vielmehr gab es schon immer einen Kampf um die Oberhand in der Moral. Es gab immer eine bestimmte Gruppe, die gewissermaßen darum gerungen hat, gut zu sein. Und wie Nietzsche es schildert, hat er in einer Zeit gelebt, in der sich diese Machtverhältnisse langsam verschoben haben und Leute aus unteren Schichten auch an der Moral teilhatten. Es war die Zeit, in der die industrielle Revolution im vollen Gange war und einen Hochpunkt nach dem anderen zu erreichen schien. Was aber auch hieß, dass die Arbeiter immer schlechter behandelt wurden. Es war die Zeit von Leuten wie Karl Marx, die für mehr Rechte für diese Schicht plädiert haben. Und genau deshalb meint der Philosoph, die moralische Oberhand käme immer mehr diesen Leuten zu. Es wurde nicht mehr als moralisch gut angesehen, wenn ein Herrscher sein Volk ausbeutete. Mehr und mehr wurden Handlungen populärer, die Nietzsche als „unegoistische“ Handlungen bezeichnete. Wir kennen das selbst heute noch. Es scheint moralisch besonders gut auszusehen, wenn man etwas moralisches tut, ohne selbst zu profitieren. Und je mehr man profitiert, desto mehr denken die Leute, man hätte die Handlung nur wegen des Profits begangen, was sie automatisch schlecht machen würde. Nietzsche sagt, dass das zeigt, dass das Gute heutzutage noch nicht einmal mehr mit dem Nützlichen verbunden wäre. Für ihn ergibt Entwicklung wenig Sinn. Es sei so im Grunde für die meisten Menschen eher lukrativ, Dinge zu tun, die in ihrer Gesellschaft als schlecht angesehen werden: das wäre deutlich einträglicher! Generell ist Nietzsche nicht davon überzeugt, dass es einen natürlichen Trieb zum Guten für den Menschen gibt, sondern nur zu dessen Vorteil.


Konklusion: Nietzsche
Nach Nietzsche wäre der Schreiner also gar nicht erst auf die Idee gekommen, den instabilen wertvollen Tisch für den Mann zu bauen und auch würde er überhaupt nicht zwingend gute Tische bauen wollen. Zumindest nicht, um ein guter Schreiner zu sein, sondern um damit gutes Geld zu verdienen. Doch er würde ohne Zweifel halb kaputte Tische bauen und den Leuten verkaufen, wenn das für ihn einträglicher wäre.
So viel erstmal dazu. Was für eine Ausbeute, nicht wahr? Es gibt kein „gut“ und „böse“, sondern das ist alles menschliche Fiktion und Schöpfung. Und wie das bei Menschen immer so ist, haben sie schnell erkannt, wie sie das Label des Guten für ihren Vorteil gebrauchen können. Dabei liegt niemandem wirklich etwas daran, gut zu sein, sondern man sucht nur seinen eigenen Vorteil. Wenn wir das so annehmen, dann kann es auch nach meiner Theorie keine guten Menschen geben, denn der Wille ist essentiell für alles, was der Mensch macht.


Relativismus oder Universalismus?

Doch wir lassen das noch nicht bei sich beruhen, so einfach kann es nicht sein. Nietzsches Argumentation erinnert hier sehr stark an die eines Relativisten. Der Relativismus in Bezug auf die Moral besagt, dass relativ nach der Kultur, in der Menschen aufgewachsen sind, verschiedene Dinge moralisch gut oder schlecht sind. Deshalb kann man gar nicht generalisieren und das Eine herausfinden, was auf der ganzen Welt gut ist. Und zu einem gewissen Grad ergibt das auch Sinn. In einigen Ländern ist es unvorstellbar, Schweinfleisch oder gewisse Kühe zu essen, in anderen völlig normal. Wer von den Beiden ist jetzt gut? Kann man die Menschen, die alles essen, als schlechte bezeichnen? Nicht so wirklich, sie sind ja damit aufgewachsen und haben nie vermittelt bekommen, dass das moralisch verwerflich sein soll. Und das ist der Relativismus.
Dem gegenüber steht der Universalismus, nach dem es doch einige Werte gibt, die alle Menschen teilen. Und das ist auch wahr: Denkt doch einmal an Mord. Kennt ihr irgendeine Kultur auf der Welt, in der ein kaltblütiger Mord aus dem Hinterhalt etwas moralisch Gutes ist? Nein, denn alle Menschen scheinen sich darüber einig zu sein, dass das unmoralisch ist. Und daher muss es doch irgendein Gut auf der Welt geben, das überall gleich ist! Es kann ja nicht alles einfach erfunden sein, warum machen wir uns sonst so viele Gedanken darum?


Platon: Das Gute ist objektiv

Lasst uns doch einem Philosophen Gehör schenken, den Nietzsche in seinem Werk mehrmals kritisiert, da er genau dessen Gegenteil sagt. Es ist ein sehr viel älterer Philosoph, der wohl auch sehr andere Erfahrungen gemacht hat. Die Rede ist von Platon und seiner Beschreibung des Gerechten in der Politeia.
Ich weiß, was ihr sagen wollt. Gerechtigkeit ist nicht gleich das Gute. Jetzt bin ich darum herumgekommen euch zu erzählen, was das Gute ist, habe Nietzsche präsentiert, der erklärt, dass es keins gibt und jetzt komme ich euch mit Gerechtigkeit? Aber keine Sorge, bei Platon sind das sehr verwandte Begriffe und daher ist es zu einem gewissen Grad sicher, sie als Synonym zu nehmen. Sogar im Buch selbst werden sie oft gleichgestellt oder auch abwechselnd für dieselbe Sache genannt.
Wir befinden uns bei der Politeia in einem Dialog zwischen Sokrates seiner Gefolgschaft, die sich um ihn geschart hat, um ihm zuzuhören. Sokrates ist in Platons Dialogen eigentlich immer die Hauptperson, die dessen Meinung wiedergibt. Man muss daher immer etwas vorsichtig sein, was man davon wirklich Sokrates zuschreiben will, denn diese Dialoge sind alle fiktional und wenn sie an der Wahrheit angelehnt sind, sind sie zumindest nicht Wort für Wort wiedergegeben. Wie auch? Sokrates ist viele Jahrzehnte gestorben, bevor Platon „Der Staat“ geschrieben hat. Tatsächlich ist sein Tod einer der Gründe, weshalb das Werk überhaupt geschrieben wurde. Denn Sokrates ist nicht einfach so gestorben, sondern wurde hingerichtet, indem er gezwungen wurde, den Schierlingsbecher, einen Becher mit Gift, zu trinken. Und warum? Weil er Leute auf der Strasse mit ihrer Unwissenheit konfrontiert hat, sie mit seiner Philosophie genervt hat. Es ist ein schlechtes Zeichen für einen Staat, wenn das schon für eine Hinrichtung reicht, besonders bei einem zu der Zeit schon so alten Mann wie Sokrates (Mehr dazu auch in der Sokratesfolge: ,,#14 Wer war Sokrates?"). Jedenfalls war es für Platon ein einfacher Zug, ihn mit der eigenen Meinung in Dialoge einbauen, denn er wurde ohnehin stark von ihm beeinflusst. Von daher ist es zumindest nicht so, als hätte Sokrates etwas ganz anderes gedacht und gesagt. Der Einfachheit halber werde ich jetzt aber trotzdem die Namen aus dem Dialog verwenden.


Die Ungerechtigkeit des Schadens

Also, zurück zum Buch. Sokrates wird hier mit seinem Gefolge ausarbeiten, wie ein perfekter Staat aussehen sollte. Das Kapitel, das uns interessiert, ist direkt das Erste, in dem es um die Gerechtigkeit geht. Denn natürlich möchte Sokrates nur gute Leute in seinem perfekten Staat haben. Hier gerät auch meine Theorie neben der von Nietzsche stark ins Kreuzfeuer, als Sokrates am Anfang mit Polemarchos redet. Sie reden nämlich über einen antiken Lyriker namens Simonides, der gesagt haben soll, man solle seinen Freunden nützen und den Feinden schaden. Sokrates entwickelt den Gedanken weiter und sagt, dass man dann dem Freund nützen soll, wenn er gut ist und dem Feind schaden, wenn er schlecht ist. Man soll also den guten Menschen nützen und den schlechten Menschen schaden. So wie wir es am Anfang gesagt haben. Doch dann fragt Sokrates, ob man als gerechter und guter Mensch denn überhaupt irgendjemandem schaden sollte. Und Polemarchos ist sich dieser Sache komplett sicher, sagt sogar, dass man das muss, wenn die Person schlecht ist. Sokrates bringt aber ein Gegenbeispiel an: Was ist denn, wann man ein Pferd schädigt? Verliert es dann nicht an Tüchtigkeit als Pferd? Und genauso mit einem Hund. Da die Gerechtigkeit eine menschliche Tüchtigkeit ist, verliert doch auch der Mensch daran, wenn man ihm schadet. Das Gute dagegen kann nicht schaden, ebenso wenig, wie die Musik andere unmusikalisch machen kann oder die Reitkunst andere zu schlechten Reitern. Da der Gerechte gut ist, ist es nicht seine Aufgabe, zu schaden, sondern die des Ungerechten und schlechten Menschen. Nach Sokrates sollte ein guter Mensch möglichst viel können. Schließlich kann man Anderen am ehesten medizinische Hilfe leisten, wenn man selbst ein besonders guter Arzt ist. Und auf See ist man als guter Seefahrer eher hilfreich als als mittelmäßiger Matrose. Jedoch kann das auch gefährlich sein, denn der beste Arzt weiß auch am besten, wie er Menschen krank machen kann. Wer, wenn nicht er, könnte sagen, wie man den Körper sabotiert? Ein besonders guter Seefahrer würde auch die besten Stellen kennen, um sein Schiff auflaufen zu lassen. Für Sokrates reicht es also nicht aus, nur einfach gut zu sein, denn die Gerechtigkeit hilft einem weder beim Musizieren noch beim Kämpfen oder Reiten.
Da haben wir es also: Ein guter Mensch sollte überhaupt niemandem schaden, da das etwas ist, was schlechte Menschen machen und auch solche erzeugt. Auch soll er neben seiner Güte und Gerechtigkeit möglichst viel können, weil er damit allein niemandem helfen kann.
Ich weiß genau, welcher Einwand euch jetzt in Hinsicht auf das Schaden auf der Zunge liegt und ich werde noch dazu kommen. Doch lasst uns die Gesprächsrunde zu Ende anhören und dann sage ich etwas dazu.


Thrasymachos: Das Gute als Vorteil des Stärkeren

Interessanterweise gibt es im Dialog sogar eine Person, die eine ähnliche Position einnimmt wie Nietzsche. Es handelt sich um Thrasymachos, der das Gespräch zwischen Sokrates und Polemarchos plötzlich unterbricht und sagt, die Gerechtigkeit wäre der Vorteil des Stärkeren. Und es ist im Großen und Ganzen dieselbe Argumentation, wie ihr sie schon gehört habt: Der mächtige Herrscher bezeichnet sich und seine Taten als gut und das sind sie dann damit auch. Dann wäre es also auch gerecht und gut, wenn er seine Landsleute ausraubt, um seinen Reichtum zu vermehren.
Doch Sokrates ist davon nicht überzeugt. Nur weil ein Herrscher sagt, er wäre gerecht und ihm das alle glauben, muss es schließlich nicht wahr sein. Wir müssten ja dann davon ausgehen, dass jeder seiner Befehle ihm selbst nützt. Aber was ist denn, wenn er sich irrt und dadurch selbst schadet? Wenn er zum Beispiel einen Angriff befiehlt, den er gar nicht gewinnen kann? War das dann trotzdem ein guter Befehl von einem guten Herrscher?
Thrasymachos kann sich hier noch retten und sagt, dass sich jeder einmal irren kann. Der Arzt wird nicht plötzlich zum Laien, weil er sich bei einer Diagnose täuscht. Er kann schließlich noch immer ein guter Arzt sein.
Doch Sokrates lässt das nicht bei sich bewenden und attackiert an anderer Stelle. Herrscher zu sein, scheint ebenso eine Kunst zu sein wie Arzt zu sein oder Seefahrer. Jede dieser Künst hat nun scheinbar ihren eigenen Gegenstand. Die Bildkunst malt Bilder, der Arzt kümmert sich um Kranke und der Seefahrer um Matrosen. Was man hier sieht, ist, dass diese Tätigkeiten weder sich selbst noch den, der sie ausführt, als Gegenstand haben. Und das ist auch logisch, ein Arzt wird sich bei einer OP kaum selbst heilen wollen, im besten Fall ist er schon gesund! Das ist auch der Grund, weshalb Berufe bezahlt werden, denn einen inneren Nutzen bringen sie der Person selbst meistens nicht. Der Gegenstand jeder Kunst liegt also außerhalb von ihr und genau so ist es beim Herrscher: Dessen Gegenstand sind die Untergebenen. Das heißt, dass jeder Herrscher, der nur nach dem eigenen Vorteil trachtet, seinen Beruf falsch ausführt und daher erneut nicht gut sein kann.


Güte und Nutzen

Und jetzt bringt Thrasymachos sogar den zweiten Punkt hervor, den Nietzsche so betont hat: Dass das Gute nicht ich ist und deswegen viele Menschen eher die Ungerechtigkeit wählen, um mehr zu profitieren. Dieser Herrscher macht jetzt vielleicht seinen Job schlecht und gehört nicht zu den Guten, aber er schleppt immernoch massenhaft Reichtümer an, die er als guter Herrscher sicher nicht hätte bekommen können. Es ist deutlich profitabler, ungerecht zu sein.
Doch auch das kann er nicht durchbringen. Sokrates verweist hier wieder auf seine Beispiele: Ein guter Arzt versucht nicht, andere Ärzte zu übertreffen, wenn er jemandem Medikamente verschreibt, sondern den Laien. Logisch, denn andere gute Ärzte würden dieselben Medikamente verschreiben, die muss er nicht übertreffen. Doch seinen Kunden natürlich schon, sonst müsste der ja gar nicht kommen. Und das tut er auch, er ist schließlich der Arzt. Derjenige, der jedoch kein sonderlich guter Arzt ist, versucht alle zu übertreffen. Die Laien natürlich auch, um sich abzuheben, doch er muss auch nach oben zu den besseren Ärzten schauen. Nur dass er eben nicht so gut ist wie sie. So versucht also der Ungerechte, alle anderen Ungerechten und Schlechten zu übertreffen genauso wie die Guten und Gerechten. Sie dagegen haben so etwas nicht möglich. Das heißt aber, dass die Schlechten nicht besonders weise sind oder gut in ihrer Kunst. Und hier ist der Punkt: Wer bezahlt schon einen schlechten Arzt? Wer besucht den schon? Der Lohn wurde hier bereits angesprochen und genau der ist es, der das Gute nützlich macht. Dadurch, dass man anderen Menschen durch seine Güte nützlich ist und mit seiner Kunst seinen Gegenstand bedient, bekommt man einen entsprechenden Lohn. Deshalb gibt es für den Guten und Weisen gar keinen Grund, etwas Schlechtes zu tun.
Und diese Theorie lässt sich auf viele andere Bereiche als die Berufswelt übertragen. Ihr müsst bedenken, dass es Platon hier um sein Bild des Staates ging, also waren da Dinge wie ein Herrscher und Ärzte natürlich ganz elementar. Aber allein gut zu anderen Menschen zu sein, hat diesen Belohnungseffekt. Denn diese Menschen sind dann auch gut zu euch. Ihr kennt sicher den Spruch „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“? Das ist hier im Grunde die Idee. Wozu sollte man zu irgendjemandem schlecht sein, nur um es dann zurückzubekommen? Ich habe nicht nur den Vorteil verloren, dass jemand gut zu mir ist, sondern mir wird auch noch potenziell geschadet? Man müsste schon sehr wenig weise sein, um wirklich schlecht sein zu wollen.


Konklusion: Platon

Nun, was halten wir von Platon? Er hat gesagt, dass es das Gute tatsächlich gibt und man es nur richtig machen muss. Nur weil jemand sagt, er wäre gut, muss das noch lange nichts heißen. Ein guter Mensch sollte möglichst viel können, da Gutsein allein nicht hilfreich ist. Wenn er aber dann eine Kunst gut ausführt, wird diese belohnt, sodass sie sich auch rentiert. Ein guter Mensch ist weise, weil es immer ratsam ist, gut zu sein. Und er schadet niemandem, denn zu Schaden ist die Aufgabe der Ungerechten und produziert nur mehr davon. Platon würde wahrscheinlich den Altruisten aus meinem Beispiel für den guten Menschen erklären und den Egoisten ebenfalls als gut ansehen. Der, der nützt, ist gut, solange er nicht schadet. Es ist nicht elementar, wem genau er dabei guttut.


Nietzsche oder Platon?

Ich denke, was das Können des guten Menschen angeht, muss kein weiteres Argument gemacht werden, das kann man gut aufnehmen. Auch scheint es tatsächlich so zu sein, dass Gutsein sich lohnt, denn selbst attraktive moralisch fragwürdige Abkürzungen werden später entweder sanktioniert oder zumindest nicht belohnt, also lohnen die sich wohl nicht. Zumindest für die, die Weise und gut sind. Der Rest, der nach Platon wohl wenig weise zu sein scheint, weil er entweder diesen Weg für eine gute Idee hält oder sonst nicht viel kann, würde ihn wohl wählen. Es gibt ja überhaupt nur deshalb Diebe, weil sie nicht die Möglichkeiten oder die Motivation haben, auf dem gerechten Weg zu profitieren. Doch ihr Lohn ist dann entweder eine staatliche Strafe oder geringeres gesellschaftliches Ansehen.
Doch wie kriegen wir Platon und Nietzsche an einen Tisch? Einer behauptet, es gäbe kein eigentliches Gut und alles, was wir haben, sind einzelne Versionen von Machthabern und der andere sagt, dass es sehr wohl ein universelles Gut auf der Welt gibt.
Ich denke, dass beide in dem, was sie sagen, einen Punkt haben. Seht ihr, Nietzsche hat eine sehr realistische Sicht auf das Gute und beschreibt in seinem Werk die Welt, wie er sie sieht. Und sie scheint tatsächlich sehr diffus zu sein mit verschiedenen moralischen Vorstellungen, die auch immer wieder wechseln. Anders als Thrasymachos behauptet er aber nicht, dass ein Herrscher tatsächlich gut ist, ur weil er sich so bezeichnet. Für ihn
gibt es das Gute in der Form auf der Welt einfach nicht. Platon stellt sich dagegen einen imaginären Staat vor, in dem perfekte Bedingungen herrschen sollen. Und das heißt, dass es das perfekte Gute, wie er es beschreibt, auch nicht auf der Welt gibt.


Exkurs: Ideenlehre

Ein kurzer Exkurs zu Platon, weil das gerade ganz gut passt und seine Stellung erklärt. Sagt euch Platons Ideenlehre etwas? Es ist eine Art zu denken, die er ganz besonders geprägt hat. Wenn ihr euch einen Baum vorstellt, was seht ihr dann vor euch? ,,Einen" Baum oder „den“ Baum? Wahrscheinlich stellt ihr euch irgendeinen Baum vor, der recht normal aussieht. Einen Nadelbaum oder Laubbaum etwa. Doch das sind alles nur Abbilder der Idee eines Baumes, oder? Und alle Bäume, die auf der Welt existieren, sind auch irgendwelche Bäume, aber es gibt nicht „den“ Baum, der sie alle zusammenfasst oder die reinste Essenz eines Baumes wäre. Den perfekten Baum gibt es nicht auf der Erde, sondern sie sind alle nur Abbilder, die diesem Baum ähnlich sind, ihm aber nicht entsprechen können. Ok, warum erzähle ich euch das? Weil es mit dem Guten genauso ist. Das perfekte Gute gibt es nicht auf der Welt. Es ist ein Modell, ein Ideal, und jedes Gut auf der Welt versucht, dem nachzueifern. Doch egal wie gut ein Mensch ist, er kann nie zu „dem“ guten Menschen werden, zu dem perfekten Menschen gewissermaßen.


Das Gute als nicht-real

So, zurück zu Platon und Nietzsche. Platon sagt also gar nicht, dass es seinen Entwurf des Guten auf der Welt gibt, sondern nur als Idee. Und hier kann ich gleich meinen Einwand passend anbringen, von dem ich schon geredet habe. Wenn ein guter und gerechter Mensch niemandem schaden darf, was ist dann mit Strafen? Darf man jetzt keine Verbrecher mehr einsperren, weil man dann ein schlechter Mensch wäre? Dabei verhindert man ja, dass andere gute Menschen zu schaden kommen. Das Problem ist, dass nach Platon der Akt des Einsperrens kein guter wäre, sondern ein notwendiger. Wir leben in einer Welt, in der es schlechte Taten gibt und schlechte Menschen. Um denen zu begegnen, muss man sich manchmal auf ihr Niveau herablassen. Man muss diesen Menschen schaden, weil ein perfekter Mensch nur in einer Gesellschaft existieren könnte, in der jeder andere Mensch auch perfekt ist.

Wir haben jetzt also die drei Theorien etwas aneinander angenähert. In der echten Welt ist es so, dass man Menschen, die schlechte Dinge tun, schaden muss, damit sie einem selbst und Anderen nichts mehr antun können. Außerdem ist man leider nicht immer vollkommen weise, sodass manchmal schlechte Konsequenzen auf gute Intentionen folgen. Und es ist auch so, dass es keine perfekten Menschen auf der Welt gibt oder eine universelle Messlatte für das Gute. Daher legen es sich Viele so aus, dass es passt, um sich daraus einen Vorteil zu machen. Deshalb gibt es in vielen Kulturen unterschiedliche Vorstellungen davon, was gut und schlecht ist, die alle ihre Berechtigung haben. Aber trotzdem ist es so, dass sie sich alle in dem Punkt überschneiden, dass die Menschen einander nicht schaden, sondern nützen wollen. Daher ist es so, dass der perfekte Mensch niemandem schaden würde, viel können und seiner Umwelt nützen würde.
Nur weil es diesen Menschen aber nicht auf der Erde gibt, heißt das nicht, dass wir ihm nicht immer näher kommen können. Schaut euch doch die Welt an. Warum sperren wir Verbrecher ein? Warum bestrafen wir überhaupt Leute? Es sind alles Bemühungen, um Stück für Stück zu einer Welt zu gelangen, in der niemand mehr schlecht sein muss. In der niemand zu wenig weise ist, um gut zu sein und jeder seiner Umwelt nützen kann. In der jeder in seiner Tätigkeit wirklich nur dem Gegenstand seiner Kunst dient und seine Belohnung dafür bekommt. Und wenn ich ganz ehrlich zu euch sein soll: Wir sind auf einem guten Weg! Seht euch doch den wirtschaftlichen und politischen Fortschritt der Welt in den letzten 2400 Jahren seit Platon an! Es gibt mehr Bildung, mehr soziale Sicherungen, mehr Berufe und das in allen Ländern, zweifellos! Vielleicht schaffen wir es irgendwann, eine solche Gesellschaft wie in Platons Idealbild zu etablieren.


Konklusion

Nun dann lasst uns doch auf unsere Frage antworten. Was ist ein guter Mensch? Seid ihr ein guter Mensch? Ich habe euch zu Beginn dieses Podcasts gefragt, ob ihr daran schon einmal gezweifelt habt. Jetzt überlegt noch einmal: Wollt ihr denn ein guter Mensch sein? Na das ist schonmal gut, ansonsten würdet ihr euch wohl aber auch keine Sorgen darum machen. Dann überlegt euch doch einmal, was ihr so könnt. Es müssen gar keine großen Sachen sein, einfach nur irgendwelche Hobbies vielleicht oder etwas anderes, was ihr eben gern macht. Oder was ist mit einer Freundesgruppe, mit der ihr viel Austausch habt und die ihr erreichen könnt mit dem, was ihr macht? Und jetzt überlegt, wie ihr durch das, was ihr habt, Gutes tun könnt. Da fallen euch sicher ein paar Sachen ein, nicht wahr? Sehr schön. Allein dieser Gedanke und falls ihr vorhabt, etwas davon zu tun, macht euch schon wieder zu einem etwas besseren Menschen. Aber fällt euch auch etwas ein, womit ihr den Leuten um euch herum schaden könntet? Vielleicht etwas, bei dem ihr nicht sofort denkt, dass es solche Auswirkungen haben könnte? Versucht, dafür einen guten Blick zu entwickeln, denn in der heutigen Zeit wird es uns zunehmend leichter gemacht, immer weniger Menschen zu schaden. Ich bin mir sicher, dass es bei euch auch nicht direkt etwas geben wird. Ich denke, ich kann euch diese Frage für euch selbst überlassen, denn letzten Endes ist es eine, auf die nur man selbst für sich die Antwort kennen kann.

Lasst gern einen Kommentar da, was ihr denkt! Wenn ihr übrigens gerne die Blogbeiträge in Audioform hören, mich erreichen oder mir vielleicht sogar eine kleine Spende dalassen wollt, findet ihr alle Links dazu in meinem Linktree.

Und damit entlasse ich euch in den restlichen Tag und wünsche euch noch eine gute Zeit. Bis zur nächsten Folge!


Quellen

,,Zur Genealogie der Moral" - Friedrich Nietzsche

,,Jenseits von Gut und Böse" - Friedrich Nietzsche

,,Der Staat" - Platon

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